Julia Exklusiv Band 325

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HEISSE KÜSSE IN NEW ORLEANS von AIMÉE CARSON

Manche mögen’s heiß! Callie Labeau ist Weddingplanner mit Leib und Seele. Ehrensache, dass sie auch dem smarten Matt bei den Hochzeitsvorbereitungen für seinen Bruder hilft. Wenn diese Gluthitze ihr nicht nur so zu schaffen machen würde, oder rast ihr Puls einzig und allein wegen Matt?

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IM GARTEN MEINER LIEBE von CATHY WILLIAMS

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  • Erscheinungstag 19.06.2020
  • Bandnummer 325
  • ISBN / Artikelnummer 9783733715205
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Aimee Carson, Kathryn Ross, Cathy Williams

JULIA EXKLUSIV BAND 325

PROLOG

Lieber Ex-Factor,

ich brauche ganz dringend einen guten Rat. Meine beste Freundin heiratet meinen Exfreund, und sie hat ausgerechnet mich gebeten, ihre Trauzeugin zu werden. Mein Ex und ich waren mehr als drei Jahre zusammen, und jeder hatte erwartet, dass wir irgendwann heiraten würden. Die Trennung war ziemlich hässlich, doch als er sich in meine beste Freundin verliebt hat, haben wir einen Weg gefunden, miteinander auszukommen. Ich freue mich für meine Freundin, und natürlich möchte ich an ihrem großen Tag an ihrer Seite sein, aber mir graut vor all den Kommentaren der anderen Gäste. Was soll ich tun?

Callie:

Erst einmal herzlichen Glückwunsch, dass ihr drei es geschafft habt, trotz der Umstände Freunde zu bleiben. Und nun zu deiner Frage: Ich weiß genau, wovon du sprichst, denn ich bin in einer ähnlichen Situation gewesen. Schließlich habe ich die Hochzeit meines Exfreundes organisiert, auch wenn er meine wunderbare Planung letztendlich mit einer Invasion von Zombies ruiniert hat. Wenn du dich für die Braut und den Bräutigam freust, werden die meisten Gäste das spüren. Ärgerlicherweise gibt es immer ein paar Menschen, die taktlose Bemerkungen machen. Darauf solltest du vorbereitet sein. Ich empfehle dir, ein paar allgemeine Formulierungen parat zu haben, damit du auf peinliche Fragen souverän reagieren kannst.

Ein Ex, der weiß, wovon er spricht:

Meiner Meinung nach brauchst du nur eine einzige Formulierung: „Ich bin eigentlich nur hier, weil es gutes Essen und Freibier gibt.“ Und falls du vorhast, die Feier mit einer Zombie-Invasion etwas lustiger zu gestalten, solltest du der Hochzeitsplanerin auf gar keinen Fall vorher davon erzählen.

1. KAPITEL

Was für ein Aufwand, nur um in den Hafen der Ehe einzulaufen!

Matt bahnte sich den Weg durch die Besucher, die gerade den prachtvollen Ballsaal des historischen Riverway-Herrenhauses bewunderten. Einst hatte die Plantage zu den wichtigsten Baumwollproduzenten der Welt gehört, heute aber wurde das hochherrschaftliche Gebäude nur noch am Wochenende für Veranstaltungen und Führungen genutzt. Schon auf dem Weg in den weitläufigen Garten, wo die offizielle Begrüßung der Hochzeitsgäste stattfand, entdeckte Matt zwei Südstaaten-Schönheiten in historischen Kleidern.

Er fand es geschmacklos, den amerikanischen Bürgerkrieg zum Thema einer Hochzeit zu machen. Aber vielleicht gefiel dem Brautpaar gerade diese Anspielung? Unabhängig davon hätten das Herrenhaus und die prachtvollen Kostüme der Gäste Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht zur Ehre gereicht. Die Hochzeitsplanerin war entweder genial oder komplett verrückt. Matt vermutete eher das Letztere, wenn er die Szenerie so überblickte. Schließlich hätte sie seinen Vorschlag rundheraus abgelehnt, wenn sie eine vernünftige, berechenbare Frau wäre. Dann wäre sein Plan, hierher zu fliegen, das Problem zu lösen und das nächste Flugzeug zurück zu nehmen, gescheitert. Und er wäre keinen Schritt weiter gewesen.

Es war nicht schwierig, die beiden Damen in ihren ausladenden Kleidern aus dem 19. Jahrhundert einzuholen. Ihre Reifröcke erwiesen sich als äußerst hinderlich bei dem Versuch, die Türen zur Terrasse zu öffnen. Und danach scheiterten sie daran, dass sie gemeinsam durch die Tür gehen wollten.

Matt verkniff sich ein Grinsen und versuchte, die Müdigkeit zu bekämpfen. Er war seit sechsunddreißig Stunden auf den Beinen und hatte im Flugzeug nur zwei Stunden geschlafen. Galant öffnete er den zweiten Flügel der Tür, um den beiden Frauen hinauszuhelfen.

Die eine, in einem hässlichen gelben Kleid, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Vielen Dank.“

„Es ist bestimmt eine Qual, in diesem Aufzug auf die Toilette zu müssen“, sagte Matt.

Die andere – sie trug ein lavendelfarbenes Kleid – lachte. „Sie ahnen nicht, wie sehr!“

„Wissen Sie zufällig, wo ich Callie LaBeau finde?“, erkundigte er sich.

Die Lavendel-Lady deutete auf den Empfangstresen, der im Garten aufgebaut war. „Vorhin war sie dort an der Bar.“

Eine gute Nachricht, befand Matt. Alkohol würde die Hochzeitsplanerin vielleicht ein bisschen milder stimmen.

„Sie ist die Einzige in einem blauen Kleid“, ergänzte die Gelbe, und Matt meinte, einen Anflug von Neid in ihrer Stimme zu hören.

Matt trat hinter den beiden Damen durch die Flügeltüren hinaus in den parkähnlichen weiten Garten. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Auf den mit weißem Leinen gedeckten Tischen standen stilechte Gaslampen, in den mächtigen alten Eichen baumelten kleine Laternen. Die Kronen der Bäume bildeten einen schützenden Baldachin über der Szenerie.

Er hoffte nur, die Flammen der Lampen waren nicht echt, denn sonst würde das malerische Ambiente wahrscheinlich in kürzester Zeit vom leuchtenden Orange unzähliger Feuerwehruniformen überlagert.

Zum Glück war es trotz der Beleuchtung so dämmerig, dass Matt in seinen dunklen Hosen und dem weißen Hemd leicht für einen der Ober gehalten werden konnte, denn die männlichen Gäste waren als Soldaten verkleidet. Matt musterte die farbenfrohen Ballroben der Damen und hielt Ausschau nach einem blauen Kleid. Endlich entdeckte er es an einem historischen Leiterwagen, der zu einer Bar umfunktioniert worden war.

Erleichtert entspannte er sich. Der Vier-Stunden-Flug nach New Orleans war turbulent und heiß gewesen, er hatte kein Auge zugetan, und ein Bier würde seine Lebensgeister jetzt wecken.

Er steuerte auf die improvisierte Bar zu und lehnte sich gegen das Holz. „Callie LaBeau?“

Die Frau in Blau drehte sich um, und ihr Anblick raubte Matt den Atem. Sie hatte honiggolden schimmerndes Haar, große braune Augen und einen schlanken Körper, dessen Rundungen ihr Kleid dennoch perfekt ausfüllten. Ein plötzliches Verlangen übermannte ihn, doch er ignorierte es.

„Matt Paulson“, stellte er sich vor.

„Colin hat mich schon angerufen und mir mitgeteilt, dass Sie kommen werden.“

Kurz und fest drückte sie seine Hand. Ihr für den Süden typischer schleppender Tonfall ließ Matt an schwüle Nächte denken, an heiße Haut und verlockend zarte Schenkel.

Halt dich an deinen Plan, Paulson. Konzentriere dich auf dein Problem und sieh zu, dass du wieder verschwindest.

Sie ließ seine Hand los und verzog leicht die Lippen. „Er hat jedoch nicht erwähnt, dass Sie so schnell kommen.“

Es war keineswegs ein erstaunter Tonfall, sondern der eines Menschen, der wusste, dass das Leben Überraschungen bereithielt, und damit würdevoll umgehen konnte. Matt fand sie auf Anhieb sympathisch.

„Colin sagte mir, dass ich Sie hier finden würde.“ Er ließ den Blick über die Gästeschar schweifen. „Allerdings habe ich gedacht, Sie sehen sich das Herrenhaus für eine geplante Veranstaltung an. Ich hatte keine Ahnung, dass ich hier mitten in eine Hochzeitsgesellschaft platze.“

„Colin ist ein sehr guter Freund, und ich verdanke ihm viel. Aber er ist ein Spieler“, gab sie mit einem vielsagenden Schulterzucken zurück.

Matt wusste, was sie meinte. In den vergangenen zwei Jahren hatte er gelernt, dass die Computerwelt auf den Schultern derer aufgebaut worden war, deren Leben sich ausschließlich um Spiele drehte. Sie hatten oft gar keine sozialen Kontakte außerhalb dieser Szene mehr. Sein eigener Bruder arbeitete für Colin und hatte unendlich viel Zeit damit verbracht, das Computerspiel Das Verlies des Zhorg zu entwickeln. Mit dieser Leidenschaft war es Tommy gelungen, sich von einer anderen Sucht zu befreien, und Matt hoffte nur, dass das auch so bleiben würde. Dass die Drachen und Trolle den Konsum von Crystal Meth langfristig besiegen konnten.

Unweigerlich machte sich wieder der alte Schmerz breit, als Matt sich an die Zeit erinnerte, in der sein Bruder ausgemergelt und verwirrt gewesen war. Er hatte förmlich zusehen können, wie Tommy sein Leben wegwarf.

Er riss sich zusammen. „Wollen wir uns lieber morgen treffen, oder haben Sie eine Minute Zeit?“

„Samstag bin ich den ganzen Tag unterwegs. Wie lange bleiben Sie in New Orleans?“

„Bis Sonntagmorgen.“

Amüsiert lachte sie auf. „Tja, dann haben wir wohl keine Wahl.“

Als Callie in ihr Mieder griff und er sah, wie sie mit ihren schlanken Fingern ihr Dekolleté berührte, war seine Kehle wie zugeschnürt. Eine absolute Überreaktion, die nur daher rührt, dass ich vollkommen übermüdet bin, sagte er sich voller Selbstironie.

Mit einem leichten Lächeln zog sie eine winzige Taschenuhr hervor.

„Ich versuche, meine Verkleidung so authentisch wie möglich zu gestalten, aber gleichzeitig muss ich aufpassen, dass alles perfekt nach Zeitplan läuft.“ Sie schaute auf die Uhr und blies sich eine vorwitzige Strähne ihres honigblonden Haares aus dem Gesicht. „Meine Assistentin kann hier kurzfristig übernehmen. Sie haben genau zwanzig Minuten, dann muss ich mich darum kümmern, dass die Hochzeitstorte angeschnitten wird.“

Zwanzig Minuten waren nicht wirklich viel Zeit, um jemanden zu überzeugen, das Unmögliche zu wagen.

Er bestellte ein Bier, Callie nahm ein Wasser. Dann gab sie ihrer Assistentin einige Anweisungen. Sie trug das gleiche Kleid wie ihre Chefin, bemerkte Matt, allerdings in Rot, und sie wirkte weitaus nervöser als die Hochzeitsplanerin. Nachdem Callie alles geregelt hatte, steuerte sie eine Sitzecke auf der Rückseite des Hauses an, wo sie ungestört waren.

„Ich würde alles darum geben, mich jetzt entspannt zurücklehnen zu können“, stöhnte Callie und warf einen sehnsüchtigen Blick auf einen Sessel. „Aber es ist leider unmöglich, sich in diesem Kleid irgendwo gemütlich hinzusetzen.“

„Ihre Aufmachung sieht nicht wirklich bequem aus“, stimmte Matt zu.

„Die Unterröcke sind steif, und das Korsett erlaubt es kaum, Luft zu holen.“ Aufseufzend lehnte sie sich an die leere Theke. „Also, erzählen Sie mir von Ihren Hochzeits-Fantasien, Mr. Paulson.“

Unwillkürlich lachte er auf. Himmel, bevor er so weit gehen würde, musste er erst mal lange genug an einem Ort bleiben, um jemanden näher kennenzulernen. Und das würde ganz sicher nicht so bald geschehen. Wenn überhaupt.

Wie oft hatte er schon versucht, eine Wochenendbeziehung zu führen? Es war jedes Mal schiefgegangen. Er schaffte es ja nicht mal, überhaupt eine Beziehung zu führen. Guter Sex war das Eine, aber damit hielt man eine Frau nicht. Er hatte Verpflichtungen Tommy gegenüber, und die Frauen fühlten sich schnell als fünftes Rad am Wagen. Früher oder später war noch jede seiner Freundinnen gegangen.

Matt räusperte sich. „Eigentlich bin ich nicht hier, um über meine Fantasien zu sprechen.“

Fantasien.

Seine zweideutige Wortwahl traf ihn selbst unvorbereitet und ließ ihn zusammenzucken. Im Moment hatten seine Fantasien ausschließlich mit einer dunkeläugigen Schönheit zu tun, die ein historisches Kleid mit einem unfassbar breiten Reifrock trug. Die Vorstellung, das Korsett aufzuschnüren, war erstaunlich … heiß.

Er lehnte sich neben ihr an die Theke. „Es geht um die Hochzeit meines Bruders.“

Hatte er da gerade eine Spur von Interesse in ihren Augen aufflackern sehen?

Ehe er sich vergewissern konnte, hatte sie den Blick gesenkt. Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem Drink und stellte dann ihr Glas langsam wieder ab. „Und warum ist er dann nicht selbst gekommen?“

„Er hat sich nicht freinehmen können.“

Um genau zu sein, konnte Tommy es sich nicht leisten, schon wieder einen Job zu verlieren.

„Und die zukünftige Braut?“, hakte sie nach.

Eine ähnlich unangenehme Geschichte wie beim Bräutigam. Vielleicht sogar noch schlimmer.

„Sie hat anderweitige Verpflichtungen“, wich Matt aus und schenkte Callie ein bitteres Lächeln, das nicht gerade zu weiteren Fragen ermutigte. „Ich habe gerade ein paar Tage frei, und deshalb habe ich angeboten, die Vorbereitungen ins Rollen zu bringen.“

Prüfend musterte die Hochzeitsplanerin ihn. „Wie freundlich von Ihnen.“

Matt verzog den Mund. Sie hatte ja keine Ahnung.

„In Wirklichkeit bin ich ein Albtraum von einem Bruder“, sagte er schulterzuckend und sah sie an. Sie war gut einen Kopf kleiner als er, und seine Perspektive eröffnete einen wunderbaren Blick auf ihr reizvolles Dekolleté. Die Korsage brachte ihre Brüste perfekt zur Geltung.

Mann! Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Die Müdigkeit machte ihn fertig. Er hatte zwei Zwölf-Stunden-Schichten hinter sich, die Notaufnahme war voller Patienten gewesen – genauso, wie er es eigentlich liebte. Er genoss es, wenn das Adrenalin durch seine Adern rauschte, und er wusste, dass er ein guter Arzt war.

Nach seinem zweiwöchigen Dienst in einer der gefragtesten Notaufnahmen von Los Angeles hatte er eigentlich nach Michigan fliegen und sich um Tommy kümmern wollen. Doch dann hatte sein Bruder ihn angerufen und ihm von seinen Hochzeitsplänen erzählt. Also hatte Matt stattdessen einen Flug nach New Orleans gebucht, um die Hochzeitsvorbereitungen für Tommy und Penny in die Hand zu nehmen.

„Lassen Sie sich nicht zu sehr ablenken, Mr. Paulson.“

Matt riss seinen Blick von dem beeindruckenden Ausschnitt los.

„Alles nur gemogelt. Sie sind nicht so üppig, wie die Korsage vorgibt.“

Amüsiert über das Eingeständnis hob er eine Augenbraue. „Wer sagt, dass ich abgelenkt war?“

Selbst ihre Art zu lachen entlarvte sie als Südstaatlerin. „Das muss niemand erwähnen, Mr. Paulson. Ich sehe doch, wohin Ihr Blick geht.“

Matt fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Entschuldigen Sie. In den vergangenen sechsunddreißig Stunden habe ich nicht besonders viel geschlafen, und ich bin ein bisschen neben der Spur. Außerdem finde ich, Sie sollten mich Matt nennen.“ Er grinste. „Nachdem Sie mich dabei ertappt haben, dass ich Ihr Dekolleté bewundere, können wir auf Förmlichkeiten verzichten, oder? Wie viel Zeit habe ich noch?“

Wieder griff sie in ihre Korsage. „Es ist Viertel vor acht. Sie haben noch zehn Minuten.“ Fragend sah sie ihn an. „Haben Sie keine Uhr?“

„Doch, schon. Aber ich genieße es, wenn Sie auf Ihre schauen“, gab er unumwunden zu.

Ihr warmes, ehrliches Lachen ließ ihn entspannen. Lässig lehnte er sich an den Tresen.

„Also, dann erzählen Sie mir von den Hochzeitsfantasien Ihres Bruders.“

Sie wandte sich zu ihm um und stützte sich mit den Ellbogen auf die Theke. Matt fragte sich, ob ihr bewusst war, dass sie ihren Busen dadurch noch besser in Position brachte. Doch ihre Miene sagte ihm, dass sie nicht mit ihren weiblichen Reizen spielte, sondern sich voll und ganz auf ihre Rolle als professionelle Hochzeitsplanerin konzentrierte. Er zwang sich, den Blick von der nackten Haut ihrer Schultern und der zarten Linie zwischen ihren Brüsten abzuwenden.

„Das ist ganz einfach“, begann er. „Die Fantasien meines Bruders betreffen ausschließlich die Welt der Computerspiele.“

Callie stöhnte auf. „Deshalb also hat Colin Sie zu mir geschickt.“

„Tommy und Penny träumen von einer Hochzeit in der Welt von Das Verlies von Zhorg hier in New Orleans“, erklärte Matt. „Allerdings fand ich es wichtig, erst einmal abzuklären, ob es rechtliche Probleme geben kann, Elemente aus dem Spiel zu übernehmen. Deshalb hatte ich Kontakt zu Colin aufgenommen.“

„Solange Sie keine Karten verkaufen, dürfte das kein Thema sein. Ich gehe davon aus, dass es sich um eine rein private Feier handelt?“

„Mehr oder weniger.“

Sie runzelte die Stirn. „Was genau bedeutet das?“

Genau hier fing die Geschichte an, kompliziert zu werden.

Unruhig suchte Matt nach einer bequemeren Position. „Sie möchten ihre Hochzeit mit einer LARP-Feier verbinden, zu der die Zhorg-Fans eingeladen werden sollen. Sie wissen schon, ein …“

„Live-action role-playing, ein Rollenspiel, in dem die Spieler ihre Lieblingsfigur verkörpern. Ja, natürlich kenne ich das. Schließlich bin ich lange genug mit Colin zusammen gewesen, um die Sprache der Computerfreaks zu beherrschen.“

Überrascht sah Matt sie an.

Colin war also ihr Ex. Matt hatte sein Urteil über den Spieleentwickler ziemlich schnell gefällt, als er den Erfinder von Das Verlies von Zhorg am späten Freitagabend in seinem Büro angetroffen hatte. Zum Glück hatte der Mann kein Problem mit Tommys und Pennys Plänen. Und ihm gefiel der Gedanke, dass die Zeitungen darüber berichten würden, denn das war gute Werbung für seine Firma. Matt sah die Schlagzeile schon vor sich.

„Durch die Liebe gerettet – Das Verlies von Zhorg bringt ehemaligen Drogenabhängigen das große Glück.“

Jeden würde diese Geschichte zu Tränen rühren. Matt liebte sie jetzt schon.

Er wünschte nur, er könnte glauben, dass Tommys jetziger Zustand sich als stabil erweisen würde.

Die Sorge um seinen kleinen Bruder belastete ihn so plötzlich und real, als wenn ein Container mit schweren Kisten direkt auf ihm entladen worden wäre. Verdammt. Wenn er irgendwas über Tommys Abhängigkeit gelernt hatte, dann dass es am besten war, nicht weiter als bis zum nächsten Tag zu denken. Manchmal war sogar das schon zu weit.

Und nicht immer reichte es, wenn er sein Bestes gab.

Matt schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf ein weitaus attraktiveres Thema – Callie. „Anscheinend haben Sie und Ihr Ex es geschafft, wirklich gute Freunde zu bleiben. Sonst hätte er mir Ihre Agentur wohl kaum empfohlen.“

Sie lächelte amüsiert, und in ihren Augenwinkeln bildeten sich winzige Lachfältchen. „Er hat mir ziemlich viel zu verdanken. Aber das würde er niemals zugeben. Da würde es Ihnen sogar eher gelingen, seinen eisigen Händen den Controller für seine Computerspiele zu entwinden, wenn gerade die Totenstarre eingesetzt hat.“ Callie kicherte. „Ich habe ihm geholfen, seine große Liebe Jamie ausfindig zu machen, nachdem sie wie vom Erdboden verschluckt war. Mittlerweile sind sie verheiratet.“

Sie sah Matt offen an. „Außerdem ist es ihm wichtig, dass bei dieser Hochzeit jedes Detail aus dem Zhorg-Spiel stimmt.“ Ihr Tonfall verriet ihm, dass sie am liebsten die Augen verdreht hätte. „Aber so schwierig wird das schon nicht sein.“

„Na ja, immerhin muss das komplette Wochenende geplant werden“, wandte er ein.

„Moment.“ Sie straffte sich. „Ich dachte, Sie brauchen mich nur für die Hochzeit selbst. Sie wollen, dass ich dieses ganze Liverollenspiel organisiere?“

Aus seiner jahrelangen Erfahrung als Arzt in der Notaufnahme kannte Matt das Geheimnis der Autorität: Man durfte sein Gegenüber niemals spüren lassen, dass man selbst unsicher war.

Er hielt ihren Blick und legte all seinen Charme in seine Stimme. „Genau. Aber das ist keine große Sache. Wir bauen ein paar Zelte auf und bieten kleine Snacks an. Die Gäste haben ihre eigenen Kostüme dabei, darum muss sich niemand kümmern. Der Aufwand hält sich in Grenzen.“

Ihm war bewusst, dass er Tommys und Pennys Erwartungen für dieses Wochenende gerade total herunterspielte, aber Matt fand sowieso, dass die beiden ziemlich übertriebene Vorstellungen hatten.

Sie hob die Augenbrauen und sah ihn wortlos an, während die Sekunden verrannen. „Wie viel Zeit habe ich?“, erkundigte sie sich schließlich.

„Zwei Monate.“

„Sie machen Witze.“

„Keineswegs.“

„Das ist unmöglich. Tut mir leid, Mr. Paulson, dann müssen Sie sich jemand anders suchen.“ Völlig unvermittelt griff sie nach seinem Handgelenk, drehte es um, schaute auf seine Uhr und schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Unsere Besprechung ist zu Ende.“

Wie versteinert stand er da und sah ihr nach, während sie in der Menge verschwand. Dann erst reagierte er und folgte ihr, bis er sie eingeholt hatte. „Die Hochzeit zum Zauberer von Oz, die Sie ausgerichtet haben, war wundervoll“, sagte er und blieb an ihrer Seite. „Und die Idee, den Standesbeamten auf der Alice im Wunderland-Hochzeit im Kostüm des verrückten Hutmachers auftreten zu lassen, war einfach grandios.“

Hörte er sich genauso einfältig an, wie er sich fühlte?

„Woher wissen Sie das alles?“

„Colin hat mir eine Ihrer Broschüren gegeben. Er behauptet, Sie seien die Beste in der Branche.“

Callie lächelte ihn von der Seite an, doch sie verlangsamte ihren Schritt nicht. „Versuchen Sie, mir zu schmeicheln, um Ihr Ziel zu erreichen?“

„Darauf können Sie wetten“, gab er unumwunden zu. „Und, habe ich Erfolg?“

„Bisher nicht. Aber versuchen Sie es ruhig weiter.“

Die drei Musketiere waren spektakulär“, fuhr er fort, während er zwei Südstaatenschönheiten und einem Soldaten der Konföderation auswich.

Ihr Blick war vernichtend. „Piraten“, berichtigte sie ihn. „Es war eine Piratenhochzeit.“

„Wie auch immer. Wer könnte eine Hochzeit zum Verlies von Zhorg ausrichten, wenn nicht Sie?“

Callie betrachtete die Gäste, die in dem weitläufigen Park flanierten, sich hier und da zu kleinen Grüppchen zusammensetzten und die Appetithäppchen genossen, die gereicht wurden. Auf ihrer Stirn hatte sich eine steile Falte gebildet – ein Zeichen dafür, dass sie ernsthaft über den Auftrag nachdachte, hoffte Matt. Sie biss sich auf die Lippen, die danach dunkelrot schimmerten, was ihn gleich wieder auf ganz andere Gedanken brachte.

Oh Mann, wenn er so einfach aus dem Gleichgewicht zu bringen war, wurde es anscheinend Zeit, dass er sich mal wieder mit einer Frau verabredete. Oder vielleicht brauchte er auch einfach nur ein bisschen Schlaf.

„Okay, vielleicht geht es ja wirklich. Es ist verrückt, aber möglich“, ergänzte sie und ließ den Blick über die Szenerie schweifen. „Und Verrücktheiten sind nun einmal meine Spezialität.“

Zum ersten Mal, seit Tommy ihn in seine Hochzeitspläne eingeweiht hatte, lächelte Matt wirklich entspannt. Diese Feier konnte im kompletten Chaos versinken. Aber vielleicht wurde sie auch großartig.

Callie erwiderte sein Lächeln, und er bemerkte, dass in ihren Augen ein kurzes Glitzern aufleuchtete. Wieder durchzog ihn ein unbestimmtes Gefühl von Begehren.

Zu dumm, dass er schon Sonntag zurückflog. Er war schon seit zwei Wochen nicht mehr zu Hause gewesen, in seinem Elternhaus, in dem er gemeinsam mit Tommy lebte, seit dessen erster Entzug vor vielen Jahren gescheitert war.

Matt räusperte sich. „Fantastisch“, sagte er.

Mission erfüllt. Problem erkannt, Lösung gefunden und genügend Zeit, um alles in die Wege zu leiten. Alles lief besser, als er gehofft hatte. Und nun wartete eine Nacht auf ihn, in der er erstmals wieder durchschlafen konnte.

„Lassen Sie mich wissen, wenn Sie einen Vorschuss brauchen. Ich gebe Ihnen meine E-Mail-Adresse, dann können Sie mir alle Rechnungen direkt schicken.“ Er zog sein Portemonnaie aus der Jacketttasche und nahm eine Visitenkarte heraus. Dann schrieb er noch etwas auf die Rückseite. „Das sind Tommys und meine Handynummern, falls Sie noch Fragen haben …“

„Stopp.“ Mit großen Augen sah sie ihn an. „Sie wollen jetzt aber nicht etwa gehen, oder?“

Bedauern machte sich in ihm breit. „Ich habe ein heißes Date mit dem Kingsize-Bett in meinem Hotelzimmer – eine Verabredung, auf die ich mich wirklich freue. Und am Sonntag muss ich zurück.“

Callie beugte sich vor, sodass er wieder diese sagenhafte Aussicht auf ihr Dekolleté hatte. „Hören Sie zu, Mr. Paulson.“

Wie sollte er zuhören, geschweige denn, sich konzentrieren können, bei diesem Anblick? Außerdem sprach sie ihn wieder mit Nachnamen an. Er hatte gehofft, sie wären schon weiter.

„Sie haben großes Glück, dass ich diesen Auftrag noch dazwischenschiebe. Das funktioniert nur, weil ich eine hervorragende Assistentin habe. Aber“, fügte sie hinzu, „Sie können das nicht alles mir überlassen. Es gibt eine Menge Entscheidungen zu treffen, und zwar zügig. Ich übernehme nicht die Verantwortung dafür, wenn etwas schiefläuft. Irgendjemand muss vor Ort sein.“

„Mein Bruder und ich sind jederzeit erreichbar.“

„Das genügt nicht. Wir können nicht ständig am Telefon hängen. Nicht, wenn wir nur so wenig Zeit haben und viele wichtige Entscheidungen zu treffen sind.“

„Welche Entscheidungen?“

„Nun, wo die Hochzeit stattfinden soll, zum Beispiel. Das geht nicht überall. Wir brauchen ein großes Außengelände und genügend Parkplätze. Und nach allem, was ich über LARP weiß, brauchen wir auch Videoleinwände.“

„Ach, solche Details sind Tommy und Penny nicht so wichtig“, wiegelte er ab.

Und ob sie das waren. Extrem wichtig sogar. Nur eingefleischte Fans kamen überhaupt auf die Idee, ein Computerspiel zum Thema ihrer Hochzeit zu machen, und dann musste alles passen, minutiös.

„Ich hatte schon mal eine Kundin, die behauptete, ihr sei alles egal. Später stellte sich heraus, dass das ganz und gar nicht stimmte“, erklärte Callie. „Das Brautpaar war total begeistert, meine Kundin aber überhaupt nicht. Und sie war es, die die Rechnung bezahlen sollte.“ Fragend sah sie Matt an. „Wer zahlt in Ihrem Fall?“

„Ich.“

In ihren Augen lag ein Ausdruck, den er nicht deuten konnte. Eine Mischung aus Fragen und einer Meinung darüber, was sie davon hielt, wenn der Bruder des Bräutigams die Rechnung für die Hochzeit beglich. Üblich war das nicht. Aber es gab niemanden sonst, der dieses Fest hätte finanzieren können.

Schon lange nicht mehr.

Doch Callie stellte keine Fragen, und das rechnete er ihr hoch an. „Dann sind Sie offiziell mein Chef. Wenn ich die Planungen tatsächlich übernehmen soll, dann muss gewährleistet sein, dass Sie zumindest so lange vor Ort sind, bis die wichtigsten Entscheidungen getroffen sind.“

„Wie lange wird das dauern?“

„Das hängt davon ab, wie lange wir nach einem passenden Gelände suchen müssen. Genau kann ich es nicht sagen. Eine Woche vielleicht.“

Verdammt. Das bedeutete, er würde Tommy fast einen Monat lang nicht sehen und sich nicht überzeugen können, dass er clean war. Das letzte Mal, als er ihn über einen solch langen Zeitraum nicht gesehen hatte, waren ihm erste Anzeichen dafür entgangen, dass Tommy wieder Drogen nahm.

Welche Alternativen hatte er? Angestrengt dachte Matt nach. Keine, soweit er es beurteilen konnte. Bisher hatte er Callie nur überzeugt, das Projekt zu übernehmen. Wenn er jetzt wieder abreiste, würde sie einen Rückzieher machen. Und es war völlig ausgeschlossen, dass jemand anders diesen haarsträubenden Plan umsetzen würde.

„Na gut“, seufzte er und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich bleibe erst einmal bis Dienstag, und dann sehen wir weiter.“

„Gut. Dann sollten wir am besten sofort anfangen. Morgen bin ich den ganzen Tag unterwegs, aber ich werde schon mal alle Parks auflisten, die in Frage kommen. Sonntag könnten wir uns treffen und sie besichtigen. Und die Fahrzeit nutzen wir, um zu überlegen, was alles wichtig ist für die Hochzeit.“

Er sollte tatsächlich hierbleiben, um sich mit den Details für die Hochzeit zu beschäftigen? So hatte er sich das eigentlich nicht vorgestellt. Aber Callies strahlendes Lächeln überzeugte ihn. Nun gut, dann blieb er eben noch zwei Tage länger in New Orleans.

„Dann sehen wir uns Sonntagmorgen“, beschloss er.

„Es soll ziemlich warm werden in den nächsten Tagen.“ Callies Lächeln wurde breiter. „Ich hoffe, Sie mögen es heiß, Mr. Paulson.“

In seinem Hotelzimmer angekommen, zog Matt sofort die Schuhe aus und knöpfte auf dem Weg ins Bad sein Hemd auf. Die Müdigkeit machte seine Bewegungen fahrig, und er sehnte sich nach einer erfrischenden Dusche. Als das heiße Wasser über seinen Körper rann, stöhnte er genussvoll auf.

Seine völlig verspannten Muskeln lockerten sich, und Matt lehnte sich an die Kacheln der Duschkabine und ließ den Wasserstrahl einfach auf seine Haut prasseln. Langsam erholte er sich von den Anstrengungen der vergangenen sechsunddreißig Stunden.

Sein Plan, mal eben kurz nach New Orleans zu fliegen und dann bei Tommy nach dem Rechten zu sehen, hatte sich leider in Luft aufgelöst. Aber dafür hatte er ein bisschen Zeit mit Callie LaBeau gewonnen. Und wenn sie sich das nächste Mal sahen, würde er ausgeschlafen sein.

Es hätte schlimmer kommen können.

Aber es war höchste Zeit, noch einmal darüber nachzudenken, was er überhaupt vorhatte.

Zuallererst würde er Tommy anrufen. Ein Telefonat war zwar nicht das Gleiche wie ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht, aber besser als nichts. Dummerweise konnte er am Telefon nicht sehen, ob Tommy Gewicht verloren hatte, ob er blass war oder gesund wirkte. Der beste Hinweis darauf, wie es ihm ging, war immer, ob er Matt in die Augen schauen konnte oder nicht.

Und dann würde er sich die Parks ansehen. Wenn er daran dachte, den ganzen Tag gemeinsam mit Callie im Auto zu sitzen, wurde ihm ganz anders. Aber er versuchte, das beklemmende Gefühl zu ignorieren. Zwischen ihnen lag etwas in der Luft, es war fast greifbar, auch wenn Matt spürte, dass Callie versuchte, ihn auf Abstand zu halten.

Vielleicht deshalb, weil er ihr Auftraggeber war.

Oder weil sie einen Freund hatte. Aber den Gedanken verwarf Matt gleich wieder.

Möglicherweise empfand sie auch immer noch etwas für Colin …

Während er sich einseifte, ließ Matt ihr Gesicht noch einmal vor seinem inneren Auge erscheinen. Die bronzene Haut, das honigfarbene Haar, die großen braunen Augen. Die Art, wie sie an der Innenseite ihrer Wange kaute, wenn sie nachdachte. Die hellrosa Zungenspitze, mit der sie sich über die vollen Lippen fuhr.

Er stellte sich vor, wie sie mit diesen Lippen seine Haut berührte. Wie sie mit ihren strahlend weißen Zähnen sanft über seinen Hals fuhr. Mit der Zunge eine Spur bis zu seinem Brustkorb zog, weiter über seinen Bauch, und dann die Lippen schloss um seinen …

Er schloss die Augen.

Erfrischt und viel entspannter ging Matt eine Viertelstunde später zurück ins Schlafzimmer. Er rubbelte sein Haar trocken und schlang das Handtuch um die Hüften. Dann öffnete er den Vorhang des großen Fensters und sah die Stadt vor sich liegen. New Orleans in den funkelnden Lichtern der Nacht.

Gern hätte er das Telefonat mit Tommy noch hinausgezögert, doch kurzentschlossen griff er zum Hörer und wählte die Nummer.

Er hasste es, dass sich sein Magen vor jedem Kontakt mit Tommy schmerzhaft zusammenzog. Seit zwei Jahren nahm sein Bruder jetzt keine Drogen mehr, er sollte nicht jedes Mal wieder mit dem Schlimmsten rechnen. Allerdings hatte Tommy es auch vorher schon mal längere Zeit geschafft, nichts mehr zu nehmen. Sechsmal, um genau zu sein. Jeder Rückfall war schlimmer gewesen als der vorige. Und Matts Herz war jedes Mal ein bisschen mehr zerbrochen.

„Hallo?“

Trotz allem zauberte Tommys Stimme immer ein Lächeln auf Matts Lippen.

„Tommy! Na, irgendwelche Drachen erlegt?“

Das Lachen am anderen Ende klang sorglos, und Matt wurde etwas ruhiger.

„Hey, du hättest den Troll sehen sollen, den Penny gestern besiegt hat.“

„War er groß?“

„Riesig.“

„Ist dein Kettenhemd noch unbeschädigt?“

Wieder erntete er ein Lachen von seinem Bruder. „Der Headhunter hat sich wieder gemeldet“, sagte Tommy dann ernster.

Matts Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Als der Personalvermittler von Jaris Hawking Healthcare sich zum ersten Mal gemeldet und ihm ein Jobangebot gemacht hatte, war er noch viel zu sehr mit Tommy beschäftigt gewesen, um sich Gedanken über einen neuen Job zu machen. Doch nachdem es seinem Bruder immer besser gegangen war, hatte Matt sich wieder um seine eigene Karriere kümmern können. Gerade als er den Vertrag in Miami unterschreiben wollte für eine Stelle, die genau die Herausforderungen bot, die er sich immer erträumt hatte, war Tommy rückfällig geworden. Und Matt hatte erkannt, dass er in Tommys Nähe bleiben musste.

Auf seinen Traumjob zu verzichten, war für ihn die Hölle gewesen. Aber es nützte nichts zurückzublicken.

„Sie suchen händeringend jemanden mit deinen Fähigkeiten“, fuhr Tommy fort.

„Hoffentlich hast du ihm gesagt, dass ich nach wie vor nicht interessiert bin.“ Wenn er diese Lüge oft genug wiederholte, würde er sie vielleicht irgendwann selbst glauben. Und außerdem gab es jetzt Wichtigeres zu besprechen. „Wie geht’s bei der Arbeit voran?“ Er bemühte sich, die Frage beiläufig klingen zu lassen, doch Tommy verstand sofort.

„Du brauchst nicht auf mich aufzupassen, Matt.“ Er klang nicht verärgert, sondern eher resigniert. „Die Arbeit läuft. Penny geht es gut. Mir geht es gut.“

„Und ihr seid immer noch sicher, dass ihr auf eurer Hochzeit ein langweiliges Computerspiel nachahmen wollt? Noch ist es nicht zu spät für ein Elvis-Spektakel in Las Vegas. Oder ein Piratenabenteuer auf Hawaii. Denk drüber nach. Flitterwochen in Maui, mit den besten Grüßen von deinem Bruder. Ein besseres Hochzeitsgeschenk kann ich euch doch wohl kaum machen, oder? Ich selbst könnte auch ein bisschen Urlaubsbräune gebrauchen.“

„Die Hochzeit muss unbedingt in New Orleans stattfinden. Wir wollen Trolle. Und Drachen. Ach, Matt …?“

Matt warf sich aufs Bett und lehnte sich an das Kopfende. „Ja, Kumpel?“

„Ich zahle dir alles bei Gelegenheit zurück.“

Matt biss sich auf die Lippen, als eine Welle der Zuneigung ihn überflutete. Immer wieder, verdammt. Seit fünfundzwanzig Jahren schaffte der Junge es problemlos, Matts Herz zu erobern. Egal, wie er sich auch benahm. Mit geschlossenen Augen hätte Matt jeden Millimeter seines widerspenstigen braunen Haars und seines ernsten Gesichts mit dem klugen, verständnisvollen Ausdruck nachzeichnen können. Tommy hatte ein Herz aus Gold.

Verrückt, was für ein Chaos Liebe erzeugen konnte.

„Darauf kannst du wetten“, erwiderte Matt scherzhaft. „Mit zwanzig Prozent Zinsen. Ach so, und die Inflationsrate kommt natürlich auch noch drauf. Also ungefähr dreißig Prozent. Das ist meine Altersabsicherung, habe ich das nie erwähnt?“

„Du musst betrunken sein, Bruderherz.“

„Die Rendite ist besser als an der Wall Street, das musst du zugeben“, spottete Matt. Er hörte seinen Bruder lachen, dann fuhr er fort: „Nein, im Ernst, mach dir keine Sorgen um das Geld. Dafür sind Geschwister da. Nur …“

Verprass es nicht.

Lass die Finger von den Drogen.

Brich mir nicht noch einmal das Herz.

„Pass auf, dass deine künftige Frau nicht ständig besser ist beim Spielen als du, sonst muss ich dich enterben.“

Matt konnte das Grinsen in Tommys Stimme hören, als er antwortete: „Verlass dich auf mich.“

2. KAPITEL

Zwei Tage später waren Callie und Matt gemeinsam unterwegs, um sich einige Parks anzusehen. Während Matt den Wagen steuerte, hatte Callie genügend Zeit, ihn zu mustern. Seit Langem hatte kein Mann sie so sehr interessiert wie dieser. Matt war freundlich, charmant und so sexy, dass sie ihn am liebsten sofort vernascht hätte. Es hatte ihr gefallen, dass er keine Spur von Zerknirschung gezeigt hatte, als sie ihn ertappte, wie er ungeniert in ihr Dekolleté starrte.

Sobald sie daran dachte, lief ein Schauer durch ihren Körper.

Doch sie spürte eine gewisse Zurückhaltung bei ihm, und das spornte sie umso mehr an. Sie wollte mehr wissen über Matt Paulson.

Seit einer Stunde saßen sie nun gemeinsam im Auto, aber sie hatten noch nicht viel miteinander gesprochen. Zielsicher hatte Callie ihm den Weg durch die Stadt erklärt und ihm einige Gelände gezeigt, die für Das Verlies von Zhorg in Frage kommen könnten. Die ersten beiden waren eine Pleite gewesen. Jetzt setzte sie große Hoffnungen in ihr nächstes Ziel.

Sie hatte Matt gebeten zu fahren, um sich unterwegs Notizen machen zu können. Doch die Erklärung klang fadenscheinig, selbst in ihren eigenen Ohren. Außerdem hatte sie gar keine Zeit, sich etwas aufzuschreiben, weil sie ihm ständig den Weg erklären musste. Aber das machte nichts. Er war abgelenkt, weil er sich auf die Straßen konzentrieren musste, und so konnte sie den Ausblick ganz ungehindert genießen.

Und sie sprach keineswegs über die Aussicht auf die Stadt.

Matts großer, durchtrainierter Körper füllte den Fahrersitz komplett aus. Unter dem kakifarbenen T-Shirt zeichneten sich die breiten Schultern ab, und sie sah das Spiel seiner Muskeln, wenn er das Lenkrad drehte. Angesichts der Hitzewelle, die über die Stadt hereingebrochen war, trug er Shorts. Shorts, die den Blick freigaben auf harte Schenkel und muskulöse Waden.

Er hatte den Sitz ganz nach hinten gestellt, um Platz genug für seine langen Beine zu haben. Alles an ihm wirkte … verführerisch. Callie gefiel seine lässige Kleidung besser als der Businessanzug, den er am Freitag getragen hatte. Er sah sehr viel entspannter aus heute. Und sehr viel ausgeschlafener.

Ein Lastzug scherte auf ihrer Spur ein, und Matt reagierte blitzschnell, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Kein Schlenker zu viel. Kein entsetzter Blick. Nicht einmal ein kurzes Nach-Luft-Schnappen, weil der Fahrer vor ihm so rücksichtslos war.

Genauso wie am Freitag wirkte er auch heute wieder zielstrebig und schien absolut Herr der Lage zu sein. Er zögerte nicht, wusste genau, was er wollte und wie er es bekommen konnte. Und er hatte eine bemerkenswerte Reaktionszeit.

Wenig später bog er auf den Parkplatz ihres nächsten Ziels ein, einer Grünanlage etwas außerhalb der Stadt.

Er stellte den Motor ab, sah Callie erwartungsvoll an, und ihr wurde klar, dass er durchaus bemerkt hatte, wie sie ihn während der Fahrt beobachtet hatte. Unverhohlen und gründlich.

„War das die Retourkutsche dafür, dass ich in Ihren Ausschnitt gestarrt habe?“, fragte er unumwunden.

Ihr wurde heiß, und sie wünschte, die Klimaanlage im Wagen liefe noch. Fieberhaft suchte sie nach einer Antwort. „Ich habe nur Ihre schnelle Reaktionszeit bewundert“, sagte sie schließlich.

Er verzog den Mund zu einem leichten Lächeln. „Sie haben sich also sozusagen von meinen … Fähigkeiten überzeugt?“

Sie zwang sich, ernst zu bleiben. „Immerhin haben wir viel zu erledigen, Mr. Paulson.“

„Matt.“

„Matt“, wiederholte sie hastig. „Ich versuche, mir ein Bild von Ihnen zu machen und zu entscheiden, ob Sie mir die Arbeit erleichtern werden oder erschweren.“

Tatsächlich teilte Callie ihre Kunden in diese beiden Kategorien ein. Normalerweise meinte sie damit, ob sie einen schwierigen Kunden vor sich hatte, den man nur mühsam zufriedenstellen konnte oder dessen Wünsche für sie schwer zu erkennen waren.

Mit Matt allerdings, das wusste sie, lag sie auf einer Wellenlänge und würde schnell zu einem guten Ergebnis kommen. Aber sie hatte keine Ahnung, ob sie in der Lage war, seine unglaubliche Attraktivität ausblenden zu können.

„Und, zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?“, erkundigte er sich.

„Ich bin noch nicht sicher“, gab sie mit einem winzigen Lächeln zurück. „Ich lasse es Sie bei Gelegenheit wissen.“

Ein paar Sekunden verstrichen schweigend, und wieder wurde sich Callie bewusst, wie heiß es in diesen Tagen in New Orleans war. Dann nickte Matt kurz und stieg aus.

Uralte Eichen warfen einen kühlenden Schatten auf den Weg. Linkerhand lag ein Spielplatz, von dem die fröhlichen Stimmen der Kinder herüberschallten. Ein Stückchen weiter wurde ein Eiswagen von Kunden belagert, Rasensprenger sorgten hier und da für Abkühlung.

Doch Matts Gegenwart war eine viel heißere Herausforderung als das Wetter.

„Es gibt hier ein Privatgelände, das man mieten kann. Es wäre hervorragend geeignet für Ihre Zwecke“, erklärte Callie, während sie neben ihm ging. Sie spürte seinen Blick auf ihrem Körper und zwang sich, geradeaus zu sehen. Vor einer weitläufigen Wiese hielt sie an und zeigte auf ein Gebäude in der Mitte des Geländes.

„Der Pavillon bietet sich an als Zentrum des Festes. Hier könnte auch das Essen serviert werden. Und auch wenn es nicht zu einem mittelalterlichen Fest passt – die Sanitäranlagen sind direkt nebenan.“

„Mir ist es lieber, nicht in allen Punkten stilecht zu sein, als eine Cholera-Epidemie auszulösen.“

Callie lächelte. „Wir hätten hier mehr als genug Platz für Zelte und Ausstattung für verschiedene Spielstätten“, fuhr sie fort. Wieder ließ sie den Blick über das Gelände schweifen. Wuchtige Eichen bildeten eine natürliche Grenze des Areals. „Dort hinten könnte das Hauptzelt stehen.“

Anerkennend sah er sie an.

„Was ist?“, fragte sie.

„Sie haben sich schon ziemlich viele Gedanken gemacht“, stellte er fest.

„Immerhin haben wir nicht viel Zeit.“

Matt lehnte sich an einen Baumstamm. „Warum haben Sie überhaupt zugestimmt, die Planungen zu übernehmen?“

„Das ist mein Job. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt.“

Er verschränkte die Arme, als wollte er deutlich machen, dass er auf ein besseres Argument wartete. Callie sehnte sich nach einer kühlen Brise, einem winzigen Lufthauch, irgendwas, das für Abkühlung sorgte. Die Südstaatenhitze brachte sie fast um, und Matts Anwesenheit tat ein Übriges.

„Ich bin Colin noch einen Gefallen schuldig“, erklärte sie. „Unsere Trennung war … ein bisschen kompliziert.“

Mit anderen Worten: Sie hatte ziemlichen Mist gebaut.

„Aber wir haben es geschafft, Freunde zu bleiben“, fügte sie hinzu. „Und er arbeitet regelmäßig als Gastkommentator für meinen Blog Der Ex-Faktor.“

Als sie seinen fragenden Gesichtsausdruck sah, lachte sie. „Es ist eine dieser ‚Sie sagt-Er sagt‘-Kolumnen. Die Leser stellen Fragen, und wir antworten aus unserer ganz persönlichen Perspektive.“

„Haben Sie nur aus diesem Grund zugestimmt, für mich zu arbeiten? Weil Sie Ihrem Ex einen Gefallen schulden?“

„Reicht das nicht?“

Er ließ den Blick über das Gelände schweifen. „Vermutlich haben Sie Besseres zu tun, als ein LARP-Wochenende zu organisieren.“

Meinte er eigentlich sie oder sich selbst?

Callie biss sich auf die Unterlippe. Wie sollte sie es erklären? Sollte sie sagen, dass sie hoffte, erfolgreich zu sein, damit sich niemand mehr an ihren Misserfolg am College erinnerte? Dass sie auf eine öffentlichkeitswirksame Veranstaltung wartete, um ihren Eltern endlich zu beweisen, dass sie etwas konnte?

Sie mochte ihr Leben. Natürlich war nicht vorhersehbar gewesen, dass sie ihr Stipendium verlor und das College verlassen musste, aber sie liebte ihren Job, und sie war stolz auf das, was sie sich aufgebaut hatte.

Und sie wünschte sich nichts mehr, als dass ihre Familie ebenfalls stolz auf sie war.

Schnell schob sie den Gedanken beiseite und zuckte die Achseln. „Jedes Fest, das von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist gut für die Agentur.“

Matt musterte sie mit diesen tiefgründigen braunen Augen, denen nichts zu entgegen schien und die sie an den Rand der Selbstbeherrschung brachten. Sobald er sie ansah, wurde ihr sofort bewusst, welche Kleidung sie trug. Was sie sagte. Normalerweise konzentrierte sie sich ausschließlich auf das Geschäftliche. Allerdings bestand ihre Kundschaft auch überwiegend aus verliebten Paaren oder Eltern mittleren Alters. Attraktive alleinstehende Männer gehörten nicht gerade zu ihren Stammkunden. Und diese Situation brachte sie völlig aus dem Konzept.

Wenn er fand, dass ihre Antwort völliger Unsinn war, sagte er es zumindest nicht.

Sie ertrug es nicht länger, seinem Blick standzuhalten. Deshalb wandte sie sich ab und konzentrierte sich wieder auf die Freifläche. „Wir haben mehr Platz als nötig, aber ich denke, der Ort hier ist perfekt. Was meinen Sie?“

„Sie sind die Expertin.“

„Daran werde ich Sie bei Gelegenheit noch erinnern.“ Sie griff in ihr Haar und hob es an, um etwas frische Luft in ihren Nacken zu lassen. „Lassen Sie uns zurückgehen, bevor ich noch einen Hitzschlag bekomme.“

Der Rückweg zum Parkplatz war noch quälender, denn mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmel. Matts Schweigen und sein prüfender Blick von Zeit zu Zeit ließen Callie befürchten, dass er noch weitere unangenehme Fragen stellen würde. Die Hitze, sein noch heißerer Blick – nicht zu sprechen von den Millionen Fragen, die in seinen Augen standen – machten den Termin zu einer wahren Tortur. Vielleicht sollte sie den Spieß einfach umdrehen und ihm Fragen stellen.

„Warum sind eigentlich ausgerechnet Sie auserwählt worden, nach New Orleans zu fliegen und diese Hochzeit zu organisieren?“, begann sie.

Er verzog den Mund, antwortete aber nicht.

„In all den Jahren habe ich mit Müttern und Vätern gearbeitet, mit Schwestern und Brautjungfern“, fuhr sie ungerührt fort. „Aber noch nie mit dem Bruder des Bräutigams.“

Ein amüsiertes Funkeln blitzte in seinen Augen auf. „Welch eine Ehre, Ihr Erster zu sein.“

Doch sie ließ sich nicht einschüchtern. „Das beantwortet nicht meine Frage.“

„Ich habe doch schon erwähnt, dass Tommy und Penny in Michigan leben. Sie können nicht einfach ein paar Tage frei nehmen. Ich hatte Zeit herzukommen.“

„Was ist mit Ihren Eltern?“

„Sie sind tot.“

Callie forschte in seinen Gesichtszügen, ob sie irgendeine Gefühlsregung erkennen konnte. Nichts.

„Das tut mir leid“, sagte sie. „Wie alt waren Sie, als sie gestorben sind?“

„Einundzwanzig. Und Tommy wurde sechzehn.“

Und plötzlich hatten Sie die Verantwortung für einen kleinen Bruder, fügte sie in Gedanken hinzu.

Während sie noch darüber nachdachte, entdeckte Callie einen Rasensprenger, der nicht von Kindern bevölkert war. Spontan ging sie darauf zu und genoss es, wie die Feuchtigkeit ihr Gesicht benetzte. Fast hätte sie aufgestöhnt vor Wonne. Ein feiner Film von Wassertropfen legte sich auf ihre Haut, das T-Shirt, die Shorts. Sie achtete nicht darauf.

„Und was ist mit Pennys Eltern?“, erkundigte sie sich.

„Sie haben sie schon vor Jahren enterbt.“

Enterbt? Callie zog die Augenbrauen hoch, doch sie hielt den Mund. Aus welchem Grund verhielt man sich so gegenüber seinem eigenen Kind?

„Sie war drogenabhängig“, erklärte Matt ungefragt.

Alles klar. Jetzt ahnte sie, warum Mr. Matt Paulson eine unsichtbare Grenze gezogen hatte, die sie seit dem ersten Kontakt spürte.

„Das muss hart sein für Ihren Bruder.“

Matt wandte sich um, schloss die Augen und ließ das Wasser aus dem Rasensprenger ebenfalls auf sein Gesicht rieseln. „Er hat die gleiche Karriere hinter sich.“

Wieder blieb seine Miene ungerührt, doch seine Haltung verriet die Anspannung, unter der er stand. Er hielt sich extrem gerade, hatte die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Sein kurzes Haar begann sich wegen der Feuchtigkeit zu wellen. Die Wassertropfen glänzten in seinem Gesicht und auf diesen kräftigen, wundervollen Armen.

Er war so unglaublich sexy.

„Anscheinend haben Pennys Eltern ihr nicht verziehen“, sagte sie.

„Sie haben ihre Gründe.“ Matt hielt die Lider geschlossen und genoss augenscheinlich die Abkühlung. „Sie mussten ziemlich viel aushalten. Penny hat sie belogen, bestohlen. Manchmal ist sie wochenlang verschwunden, und ihre Eltern wussten nicht, ob sie vielleicht längst an einer Überdosis gestorben ist. Ich denke, sie konnten es einfach nicht mehr ertragen. Vermutlich müssen sie sich irgendwie selbst schützen.“

Anscheinend wusste er, wovon er sprach.

„Trotzdem …“, wandte sie ein. Sie wusste, was es hieß, Mist zu machen. Und sie hatte Erfahrung darin, wie es sich anfühlte, wenn niemand vergaß, dass man Fehler gemacht hatte.

„Aber jetzt ist sie clean“, sagte sie.

„Das war sie schon ein paarmal.“

Callie lachte voller Sarkasmus auf. „Nach dem Motto ‚Hast du einmal mein Vertrauen missbraucht, hast du es für immer verloren‘, oder wie?“

Er öffnete die Augen und musterte sie. Auch ohne Worte konnte sie die überraschte Frage in seinem Blick lesen. Ihr war nicht bewusst gewesen, wie dicht unter der Oberfläche ihre eigenen Erfahrungen noch saßen.

Sie zuckte die Schultern und versuchte, ihre Bemerkung abzutun. „Nur ein Zitat aus Stolz und Vorurteil.“ Noch immer sagte er nichts. „Mein Lieblingsbuch“, fügte sie hastig hinzu.

An ihrem dreizehnten Geburtstag hatte sie es in der Bücherei entdeckt und innerhalb von zwei Tagen verschlungen. Callie wusste, was es bedeutete, in armen Verhältnissen aufzuwachsen. Und sie bewunderte die Heldin des Buches, Elizabeth, für ihren Mut, nur aus Liebe heiraten zu wollen, auch mit dem Risiko, in Armut leben zu müssen. Seither war Liebe für Callie mit einer äußerst romantischen Vorstellung verbunden, und sie hatte angefangen, Hochzeitsmagazine durchzublättern und sich die perfekte Zeremonie für Elizabeth und Mr. Darcy auszumalen.

Und jetzt hatte sie diese Fantasien zu ihrem Beruf gemacht.

„Ich habe Stolz und Vorurteil nie gelesen“, gab Matt zu.

„Das wundert mich nicht.“

Das Gespräch erstarb, und so gern Callie auch noch mehr erfahren hätte über das Verhältnis zwischen Matt und seinem Bruder, hielt sie es für klüger, zu schweigen. Sie spürte, dass sie damit zu weit ginge.

„Wie haben Tommy und Penny sich eigentlich kennengelernt?“, erkundigte sie sich stattdessen.

„Sie sind absolute Computerfreaks, und so sind sie ausgewählt worden, um Das Verlies von Zhorg vor dem offiziellen Start auszuprobieren. Erst hatten sie nur online Kontakt, und irgendwann stellten sie fest, dass sie beide das gleiche Drogenproblem gehabt hatten. Tja, und dann haben sie sich verliebt. Ich schätze …“ Er überlegte kurz. „Ich schätze, das Spielen hat beiden geholfen, nicht noch weiter abzustürzen. Sie hatten etwas, an dem sie sich festhalten konnten.“

Das erklärte auch, warum Matt sich auf diese verrückte Idee eingelassen hatte.

„Ich muss zugeben, dass ich ein Faible für romantische Liebesgeschichten habe“, erwiderte Callie sanft. Und diese Geschichte war etwas Besonderes. Zwei Menschen, die die dunklen Abgründe kennengelernt hatten und sich gegenseitig Halt gaben. Die im Internet gegen Drachen kämpften und damit ihre persönlichen Dämonen besiegten.

Der Gedanke zauberte ein Lächeln auf Callies Gesicht. Kein Wunder, dass Colin bei dieser Geschichte zugestimmt hatte, die Gestalten und die Szenerie vom Verlies von Zhorg für eine Hochzeit freizugeben.

„Wer wird Penny zum Altar führen?“, fragte Callie, nachdem Matt immer noch schwieg.

„Ursprünglich hatte sie mich gebeten, aber ich finde es besser, wenn es einer ihrer Computerfreunde macht. Außerdem bin ich Tommys Trauzeuge.“

„Es ist ja nicht gerade eine traditionelle Hochzeit. Eigentlich gibt es also keinen Grund, warum Sie nicht beide Rollen übernehmen könnten.“

„Aber ich gehöre nicht zu ihrer Familie.“

„Bald schon.“

Mehrere Sekunden verstrichen, ehe er langsam eine Augenbraue hob. Die kleinen Wassertröpfchen an seinem Hals bildeten eine winzige Spur, die in seinem Hemdkragen versickerte. Plötzlich verspürte Callie den Wunsch, sie aufzulecken. Allein die Vorstellung versetzte ihren Körper in Aufruhr.

Schluss. Diesen Mann attraktiv zu finden, war eine Sache. Ihn vernaschen zu wollen wie ein schmelzendes Eis in der Sonne eine ganz andere.

Während er noch, sichtlich getroffen, über ihre Worte nachdachte, schlich sich wieder dieses amüsierte Funkeln in seine Augen. „Ist die Lebensberatung der Familie schon in Ihrer Kostenaufstellung inklusive oder berechnen Sie die extra?“

Callie grinste. „Wir könnten das eventuell mit einem kleinen Abstecher zu dem Eiswagen da vorne verrechnen.“

Wenn sie schon nicht das Original haben konnte, wollte sie wenigstens an etwas anderem lecken. Und das Lächeln, das er ihr schenkte, dämpfte ihr Begehren auch nicht gerade.

„Sie meinen, ich zahle?“, erkundigte er sich.

„Sie zahlen“, bestätigte sie.

Mit dem Eis in der Hand schlenderten sie im Schatten der Eichen zurück zum Wagen. Noch immer nass von Kopf bis Fuß von der Dusche unter den Rasensprengern, setzte ihnen die Hitze jetzt nicht mehr so zu. Matt fühlte sich, als sei ein immenser Druck von ihm gewichen. Plötzlich hatte er es gar nicht mehr eilig abzureisen, und das lag nicht nur daran, dass sie sich auf einen Ort für die Hochzeit geeinigt hatten.

Callie sah aus, als hätte sie gerade den Miss-Wet-T-Shirt-Contest gewonnen. Es war lange her, dass Matt mit seinen Kommilitonen zu solchen ausgelassenen Partys gegangen war. Zu Beginn seines Studiums hatte er noch ein völlig sorgloses Leben geführt, in dem es schon Stress bedeutete, morgens überhaupt zur Vorlesung zu gehen. Doch dann waren seine Eltern gestorben, und er hatte plötzlich die Verantwortung für Tommy übernehmen müssen.

Der Anblick von Callies Brüsten, die sich unter dem tropfnassen Stoff abzeichneten, brachte nicht nur wundervolle Erinnerungen an vergangene Zeiten zurück, sondern setzte ihm in der Gegenwart auch ganz schön zu. Wenn er genau hinsah, konnte er sogar die dunkleren Monde sehen. Selbst die Knospen waren zu erkennen.

„Ich habe Sie gewarnt, dass nur das Scarlett O’Hara-Kleid sie so groß wirken ließ.“

Erwischt.

Doch als er den ungerührten Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte, entspannte er sich. Obwohl sie allen Grund gehabt hätte, schien sie nicht übermäßig verärgert zu sein, dass er ständig auf ihre Brüste starrte. Es schien sie eher zu amüsieren. Als wenn er ein dummer Junge wäre, der einfach nicht anders konnte.

Zugegeben, das traf es auch ziemlich genau. Dumm auf jeden Fall. Junge nicht so ganz.

„Ich schwöre Ihnen, ich bin kein total perverser Lüstling“, beteuerte er peinlich berührt.

„Wollen Sie damit sagen, Sie seien zumindest ein bisschen pervers?“

Er lachte, dann schenkte er ihr ein vieldeutiges Lächeln. „Finden Sie’s heraus.“

Als sie den Wagen erreicht hatten, öffnete Matt zuerst die Beifahrertür für Callie, ehe er auf der Fahrerseite einstieg. Er ließ sich in den Sitz fallen und sah Callie an, die noch immer an ihrem Eis schleckte.

Warum war ihm eigentlich bisher nicht aufgefallen, wie heiß das aussah? Ihre Zungenspitze, die an der Kugel entlangglitt. Die Art, wie sie mit den Zähnen an der Waffel knabberte. Ihr Anblick kam den Fantasien sehr nahe, denen er sich gestern in der Dusche hingegeben hatte. Vermutlich hatte er sich bisher viel zu sehr auf ihre Brüste unter der nassen Bluse konzentriert.

Wahrscheinlich war er wirklich pervers.

Entschlossen legte er die Hände ans Lenkrad. „Und jetzt?“

„Fahren wir nach Hause“, schlug sie vor.

Völlig unerwartet schoss ein Adrenalinstoß durch seinen Körper, der jedoch jäh von ihrem nächsten Satz gestoppt wurde.

„Ich muss noch einiges für eine Veranstaltung organisieren, die in zwei Wochen stattfindet. Und vorher will ich unbedingt noch unter die Dusche springen. Wo wollen wir uns heute Abend treffen, um die restlichen Dinge zu besprechen?“

Sie drehte sich in ihrem Sitz zu ihm um und schlug ein Bein über das andere, sodass er ihren schlanken – nackten – Oberschenkel sehen konnte. Ihre gebräunte Haut wirkte seidig. Sie wurde direkt von der Sonne angestrahlt und somit quasi ins rechte Licht gerückt – keine Chance, sie zu ignorieren. Matt spürte, wie ihm heiß wurde.

Er räusperte sich. „Gern irgendwo, wo es kühler ist.“

Ein verschmitztes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und ihre Augen funkelten. „Ich weiß schon wo.“

3. KAPITEL

Zugegeben, ganz so hatte er es sich nicht vorgestellt.

Die Luft war bitterkalt in The Frozen South, einer Eisbar im obersten Stockwerk des River’s Edge Resort. Von hier aus bot sich ein atemberaubender Blick über New Orleans. Die Bar war gut besucht, der Geräuschpegel ziemlich heftig. Es schien fast so, als hätte jeder in der Stadt die Idee gehabt, der Hitzewelle zu entfliehen. Und diese Bar war dafür eindeutig die perfekte Wahl.

Die Theke bestand aus Eisblöcken, in die kleine Lichter integriert waren. Es gab Eisskulpturen, und selbst die Sitzmöbel und Accessoires waren aus Eis. Warme Felldecken lagen bereit, um sich darin einzukuscheln.

Doch Matt gefiel es trotzdem nicht hier. Und das lag nicht an der Kälte, die er als große Erleichterung nach einem Tag in der Gluthitze empfand. Und auch nicht an Callies Frozen Margarita oder seinem gekühlten Bier. Nein, Matt gefiel es hier nicht, weil Callie seiner Meinung nach viel zu viel ihres wundervollen Körpers in Decken gehüllt hatte.

Er beugte sich zu ihr hinüber. „Sollen wir nicht vielleicht irgendwo hingehen, wo es ruhiger ist?“

Sie lehnte sich ebenfalls vor. Ihr Gesicht lag dicht vor seinem, ihre Lippen nahe an seinem Mund.

Wow. Nur schwer konnte er dem Impuls widerstehen, sie einfach zu küssen. Wie sollte er diese Hochzeit planen und sich um Tommy kümmern, wenn seine Gedanken ausschließlich um die Frage kreisten, wie Callies Lippen schmecken mochten? Waren ihre Küsse so honigsüß, wie ihre Haut und ihr Haar aussahen?

Ein dummer, kindischer Gedanke, der ihn nun wirklich nicht weiterbrachte.

Er räusperte sich. „Vielleicht könnten wir in einer weniger lauten Umgebung effektiver arbeiten.“

Sie sah ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den er nicht zu deuten vermochte.

„Ich finde es gut hier“, widersprach sie schließlich. „Außerdem ist der Blick unvergleichlich.“

Ganz automatisch wandte Matt den Kopf zu den riesigen, bodentiefen Fensterfronten. Tief unten schimmerten die Lichter der nächtlichen Stadt, und die Aussicht war wirklich überwältigend. Allerdings war er nicht nach New Orleans gefahren, um die Aussicht zu genießen. Und Callies Brüste waren jetzt unter einer dicken Jacke verborgen und kein Vergleich mehr zu dem Dekolleté in einem Scarlett O’Hara-Kleid. Oder in einem nassen T-Shirt.

Allerdings machte der Anblick ihrer wohlgeformten Hüften und der schlanken Beine in engen Jeans diesen Mangel beinahe wett.

Beinahe.

„Also …“ Callie sah konzentriert auf den Bildschirm ihres Laptops. Offensichtlich nahm sie überhaupt nicht wahr, dass Matt mit seinen Gedanken ganz woanders war. „Die Spiele, die wir bisher gesammelt haben, sind Hammerwerfen, Bogenschießen und Fechten. Das ist vielleicht ein bisschen zu viel. Ich habe heute übrigens noch mit einem Zauberer gesprochen, der an dem Wochenende Zeit hätte.“

Ein Zauberer. Sehr gut. Doch Matt konzentrierte sich viel zu sehr auf die Bewegung ihrer Lippen, die strahlend weißen Zähne, die kleine Zungenspitze, die beim Sprechen immer wieder kurz aufblitzte, um wirklich zuzuhören.

„Außerdem habe ich ein paar Leute an der Hand, die wir als Minnesänger einsetzen könnten“, fuhr Callie fort. „Auch wenn sie vielleicht nicht ganz authentisch sind. Mit dem Parkbetreiber habe ich auch schon gesprochen, wir dürfen Pferde mitbringen. Das ist toll, denn vielleicht möchte Penny ein paar Turnierkämpfer haben. Deshalb habe ich Kontakt aufgenommen zur Gesellschaft für lebendige Geschichte und …“

„Moment. Mit wem?“

Das waren zu viele Informationen auf einmal.

Callie sah ihn über den Rand ihres Laptops hinweg an. „Die Gesellschaft ist darauf spezialisiert, mittelalterliche Feste möglichst originalgetreu zu gestalten. Sie haben eine Außenstelle in …“

„Haben Sie schon mit Penny darüber gesprochen?“

Sie musterte ihn verwundert. „Sie selbst haben mir die Telefonnummern gegeben, erinnern Sie sich? Ich habe sowohl Penny als auch Tommy angerufen. Schließlich organisiere ich ihre Hochzeit“, fügte sie mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu.

Matt sagte nichts, und so fuhr Callie ungehindert fort. „Egal. Auf jeden Fall hat Tommy schon ein paar freiwillige Helfer verpflichtet, die sich um die Wettkämpfe kümmern. Und Penny versucht gerade, ein paar Mitglieder der Gesellschaft für lebendige Geschichte zu finden, die kurzfristig Zeit haben.“

„Verdammt.“ Matt fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich habe das Gefühl, mir wächst die Sache gerade über den Kopf.“

Er würde es nicht schaffen, Tommy noch zu besuchen. Sein Magen zog sich zusammen. Seit wie vielen Tagen hatte er seinen kleinen Bruder jetzt nicht mehr gesehen?

Wenn sich die Planungen für die Hochzeit weiter so verselbstständigten, würde er noch ewig in New Orleans festhängen und herausfinden, wie man einen Park von Pferdedung säuberte und wo man mittelalterliche Schwerter beziehen konnte und … Wenn nur Callie nicht so ausgesprochen verführerisch duften würde!

„Ich befürchte, es ist gerade kein guter Zeitpunkt, um den Drachen zu erwähnen, den Colin für die Hochzeit zur Verfügung stellt?“

Matt rieb sich die Stirn. „Ein Drache?“

Callie verzog die Mundwinkel. „Kein echter natürlich. Sie haben ihn auf der Eröffnungsparty für Das Verlies von Zhorg eingesetzt.“ Prüfend sah sie ihn an, als erwartete sie, sein Kopf würde jeden Moment explodieren.

Und Matt befürchtete, das könnte tatsächlich passieren.

„Zumindest werden alle Freunde von Tommy und Penny ihre eigenen Kostüme mitbringen. Sieht so aus, als wären wir beide die Einzigen, die sich was ausleihen müssen.“

Matt musste sich extrem zurückhalten, um nicht die ganze Hochzeit spontan abzublasen. „Ich werde mich ganz sicher nicht als Troll verkleiden.“

Callie lachte. „Eigentlich kann ich mir Sie auch besser als Kreuzritter vorstellen. Sie wissen schon, mit Kettenhemd und dem ganzen Drumherum. Auf jeden Fall gibt es in New Orleans großartige Kostümverleihe. Wir können uns morgen mal ein paar ansehen.“

Kettenhemd?

Kreuzritter?

Er sollte doch besser als Troll gehen. Und jetzt blieb ihm nur noch die Hoffnung, dass Callie ein freizügiges mittelalterliches Kleid tragen würde.

„Passt das Kostüm?“, erkundigte sich Matt durch den Vorhang.

„Geben Sie mir noch eine Minute. Ich stecke im Stoff fest und habe noch nicht herausgefunden, wo vorne und hinten ist. Wenn Sie in den nächsten zehn Minuten nichts von mir hören, brauche ich Hilfe.“ Verzweifelt starrte Callie auf den Stoffberg, der riesig genug war, um ein Krokodil darunter zu verstecken. „Sagen wir, fünfzehn Minuten.“

In Wirklichkeit brauchte sie Zeit, um sich wieder zu sammeln.

In der vergangenen Nacht hatte sie einen ziemlich realistischen Traum gehabt, in dem Matt die Hauptrolle gespielt hatte. Danach war es nicht gerade einfach, ihm heute Morgen wieder in die Augen zu sehen. Außerdem hatte Colin mittlerweile ziemlich klare Vorstellungen, wie er die Hochzeit in der Öffentlichkeit vermarkten wollte. Und je konkreter seine Pläne wurden, umso perfekter musste das Fest werden. Sogar der regionale Fernsehsender wollte das Spektakel übertragen, und das Letzte, was Callie jetzt brauchte, war der Bruder des Bräutigams, der sie ablenkte.

Energisch konzentrierte sie sich auf das Kleid. Der Rock war aus schimmerndem Satin mit einem goldenen Brokatmuster, das Oberteil wurde geschnürt und ging v-förmig in den schwingenden Rock über.

Während sie das Kostüm überstreifte, fragte sie sich, wie wohl Matt mit dem Ladenbesitzer klarkam. Mr. Croft war ein älterer, exzentrischer Mann, den Callie vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen hatte.

In diesem Kostümverleih war sie noch nie zuvor gewesen, doch sobald sie den Laden betreten hatte, wusste sie, dass sie ein Juwel gefunden hatte. Hier gab es nicht nur einen unendlichen Fundus an Kostümen, sondern noch dazu unzählige Requisiten. Außerdem waren die Kostüme von hervorragender Qualität.

Das Kruzifix auf dem Regal würde sie gut für die Hochzeit zum Thema „Interview mit einem Vampir“ nutzen können, die sie gerade organisierte. Sie konnte es kaum erwarten, noch einmal herzukommen und sich einen Überblick zu verschaffen, was es hier alles zu entdecken gab.

Matts Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Brauchen Sie Hilfe?“

Sie biss sich auf die Lippen und starrte ihr Spiegelbild an. Die komplizierte Schnürung im Rücken selbst hinzubekommen war schier unmöglich. Und es Matt machen zu lassen, war keine gute Idee …

„Unbedingt“, sagte sie und zog den Vorhang zurück.

In einem mittelalterlichen Kostüm, das jeden Ritter jener Zeit vor Neid hätte erblassen lassen, trat Matt ein. Zufrieden stellte sie fest, dass er seinen Blick über ihre Figur schweifen ließ und anerkennend die Augenbrauen hob.

Er pfiff leise. „Das Kleid hat was. Sie sehen großartig aus.“

Dummerweise wurde sie rot.

Komm schon, Callie. Reiß dich zusammen.

„Vielen Dank“, erwiderte sich hoheitsvoll. „Ihr Kostüm ist aber auch nicht übel.“

Matts Hosen schienen aus einem groben Stoff zu bestehen. Darüber trug er ein simples, langes Hemd und einen Kettenpanzer. An seinem Gürtel baumelte ein riesiges Schwert.

„Mag sein. Aber es ist unglaublich schwer“, stöhnte er.

„Hier gibt es die originalgetreusten Kostüme von ganz New Orleans.“

„Weniger authentisch und dafür nicht tausend Pfund schwer wäre mir lieber.“ Er bewegte seine breiten Schultern. „Mann, wie haben die Kerle früher nur darin kämpfen können?“

„Keine Ahnung. Aber zumindest müssen Sie kein Kostüm tragen, dass Ihre Hüften einzwängt und Ihre Brüste zu einem Nichts zusammenquetscht“, sagte sie trocken.

Ganz offensichtlich musste Matt sich ein Grinsen verkneifen. „Mir gefällt das Scarlett O’Hara-Kleid auch weitaus besser als dieses züchtige mittelalterliche Kostüm. Darf ich?“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf die Bänder an der Rückseite des Kleides.

Sie zögerte kurz. Während sie die Zähne zusammenbiss, betrachtete sie sich im Spiegel. Matt trat näher, und sie nahm seinen würzigen Duft wahr. Ganz kurz nur begegneten sich ihre Blicke im Spiegel, doch das genügte, um ihr Blut schneller durch ihre Adern zu pumpen.

Die Intimität des winzigen Raumes, das gedämpfte Licht, die ungewohnten Kostüme ließen die Situation unwirklich erscheinen. Unwirklich und ziemlich romantisch, musste sie zugeben.

In seinem Kettenhemd und mit dem Schwert an der Seite wirkte Matt unglaublich sexy. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, als er nach den Bändern in ihrem Rücken griff.

Komm bloß nicht auf die Idee, dir vorzustellen, wie er dir dieses Kleid auszieht. Denk nicht mal dran!

Krampfhaft versuchte sie, die Fassung wiederzuerlangen. „Sie machen sich gut als meine Kammerzofe“, scherzte sie.

Sie sah, wie er den Mund zu einem Lächeln verzog. „Vergessen Sie’s“, erwiderte er. „Und bevor Sie noch auf andere Ideen kommen – ich bin auch nicht der edle Ritter, der auf einem Schimmel angeritten kommt.“

Sie spürte seine Fingerspitzen an ihrer nackten Haut, als er die Bänder festzog. Bemüht, sich nicht zu bewegen, genoss sie die elektrisierende Berührung.

Matt hatte den Blick gesenkt und die Lippen konzentriert zusammengepresst. „Sie müssen das alles nicht machen.“ Er suchte ihren Blick im Spiegel. „Ich meine, immerhin ist Tommy mein Bruder.“

Callie schloss kurz die Augen und stellte sich vor, wie sie ihre Lust fest in einem kleinen Kästchen verschloss. Sie konnte ihm schlecht die Wahrheit sagen, warum sie so viel Einsatz zeigte.

„Ich finde, sie sollen die Hochzeit ihrer Träume bekommen“, erwiderte sie und hielt seinem Blick stand.

Die Hochzeit Ihrer Träume – das war der Werbespruch ihrer Agentur, und noch nie hatte sie ihn so ernst gemeint wie jetzt. Doch ihr war klar, dass beruflicher Ehrgeiz nicht der einzige Grund war, so viel Energie in diese Hochzeit zu stecken.

Gestern noch hatte sie mit Tommy und Penny telefoniert – sie hatten so bezaubernd und sicher geklungen, dass Callies Herz dahingeschmolzen war.

Ein einziger großer Fehler hatte auf gewisse Weise zu ihrer Trennung von Colin geführt. Das war Jahre her, und sie war immer noch Single. Tommys und Pennys Drogensucht dagegen hatte sie zusammengebracht, und jetzt standen sie direkt vor ihrer Hochzeit. Diese herzerwärmende Geschichte war eine der rührendsten Geschichten, die Callie jemals gehört hatte. Und sie hatte wahrlich viele gehört. Geschichten von Paaren, die sich getrennt und wieder zueinander gefunden hatten, von zweiten Chancen und Schicksalsschlägen.

Aber es hatte eine besondere Saite in Callie zum Klingen gebracht zu erfahren, dass zwei Menschen, die kurz vor dem Abgrund standen, den Kampf gegen die Drogenabhängigkeit durch ihre Liebe gewonnen hatten. Nach dem ersten Gespräch mit den beiden hatte Callie plötzlich unendlich viele Ideen für die Hochzeit entwickelt. Und jetzt gab es alle Hände voll zu tun. Aber Callie war längst daran gewöhnt, viel zu arbeiten.

Aber natürlich konnte Matt nicht verstehen, warum sie sich so in diese Organisation stürzte.

„Wissen Sie, ich habe selbst erlebt, wie es ist, wenn man sein Leben ruiniert“, erklärte sie. „Am College habe ich einige wirklich dumme Entscheidungen getroffen.“

Matt hörte auf, an den Bändern zu ziehen, und suchte erneut ihren Blick im Spiegel. Seine Miene war ausdruckslos, und er sagte kein Wort, sondern wartete, dass sie fortfuhr. Callies Kehle war wie zugeschnürt.

„Ich habe eine Menge Leute enttäuscht“, sagte sie. „Auch meine Eltern. Und Colin.“

„Mögen Sie darüber sprechen?“

Das Nein lag ihr schon auf der Zunge, denn die Geschichte war eigentlich viel zu persönlich. Aber vielleicht würde Matt sie besser verstehen, wenn sie ihm von ihrer wenig ruhmreichen Vergangenheit erzählte. Sie hatte gespürt, dass es Spannungen zwischen ihm und seinem Bruder gab. Möglicherweise konnte sie auch ihm helfen mit ihrer Geschichte. Dieser Gedanke war verlockend.

Es wird Zeit, zu deinen Fehlern zu stehen, Callie.

Matt konzentrierte sich wieder auf ihr Mieder und schnürte weiter. Vielleicht hatte er erkannt, dass es ihr leichter fallen würde zu erzählen, wenn er sie nicht ansah. Doch auch wenn er den Eindruck vermitteln wollte, abgelenkt zu sein, erkannte sie an seiner Haltung und dem strengen Zug um seinen Mund, dass er durchaus aufmerksam zuhörte.

Sie räusperte sich. „Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Ort nördlich von New Orleans. Meine Eltern waren ziemlich arm. Sie haben vieles geopfert, um uns Kindern die Möglichkeit zu geben, eine gute Schulbildung in der Stadt zu bekommen. Ich sollte die erste LaBeau sein, die einen Universitätsabschluss macht.“

„Haben Sie Schwierigkeiten an der High-School gehabt?“

„Nein, da lief alles bestens“, erwiderte sie. „Ich hatte ein Einserzeugnis und konnte mir das College aussuchen. Meine Eltern wollten gern, dass ich ein Stipendium von einem kleinen College in der Nähe annahm, aber ich …“

Callie starrte ihr Spiegelbild an. Sie hatte hochfliegende Pläne gehabt, wollte an einer der besten Universitäten studieren.

„Ich wollte was von der Welt sehen“, fuhr sie fort. „Also habe ich mich für Wimbly entschieden.“

Wieder trafen sich ihre Blicke im Spiegel. „Mit Stipendium?“

„Das ganze Programm“, bestätigte sie mit einem Nicken. „Schulgeld, Unterbringung, Bücher. Ich habe sogar ein Taschengeld bekommen, damit ich nicht nebenbei arbeiten musste, sondern mich ganz aufs Studium konzentrieren konnte. Es war großartig.“

Er beugte sich vor und hielt in der Bewegung seiner Hände inne. „Lassen Sie mich raten. Sie sind rausgeflogen und haben Ihr Stipendium verloren.“

Callie zögerte. Sie konnte Ja sagen und es dabei belassen. Aber wenn sie jetzt nicht alles erzählte, würde sie sich wie ein Feigling fühlen. Und außerdem wüsste er dann immer noch nicht, warum die Geschichte von Tommy und Penny sie so sehr berührte.

„Stimmt, aber die Geschichte ist ein bisschen länger“, erklärte sie.

„Wie viel länger?“

„Meine Noten verschlechterten sich rapide, weil ich mich in den falschen Kreisen bewegte. Meine neuen Freunde machten jeden Abend Party, und ich war froh dazuzugehören.“

Im Rückblick erkannte sie, wie glücklich sie damals gewesen war. Sie war eine der Jüngsten, und es hätte leicht passieren können, dass sie keinen Anschluss gefunden hätte. Doch stattdessen hatte sie viele Leute kennengelernt und war ziemlich beliebt gewesen. Und dann hatte Colin, der Star der Uni, angefangen, sich für sie zu interessieren. Es hatte sich damals alles einfach so ergeben, und ehrlich gesagt hätte sie keinen Moment jener Zeit missen wollen.

Wieder räusperte sie sich. „Ich bin viel zu oft ausgegangen, schließlich wollte ich kein Spielverderber sein. Das allein hätte schon gereicht, aber eines Abends war ich auf einer privaten Feier bei jemandem zu Hause.“

Matt ahnte, dass er lieber nicht hören würde, was jetzt kam.

Sie griff in den seidigen Stoff und knetete ihn zwischen den Fingern. Um weiterzuerzählen, musste sie allen Mut zusammennehmen. „Ich geriet mitten in eine Razzia, denn der Typ war ein Drogendealer.“

Matt holte hörbar Luft und presste die Lippen aufeinander. Langsam drehte sie sich zu ihm um und legte eine Hand auf seinen Arm. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

Nachdem sie einmal begonnen hatte, sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. „Ich hatte keine Ahnung, womit er sein Geld verdiente, Matt.“ Beschwörend sah sie ihn an. Es war ihr wichtig, dass er ihr glaubte. „Ich kannte ihn nur über ein paar Freunde, und ich wusste wirklich nichts über ihn. Aber …“

Sie biss sich auf die Lippen und sah ihn an. Dann strich sie mit zitternden Fingern ihr Haar zurück. „Wir sind alle mitgenommen worden, und auf dem Polizeipräsidium fanden sie Marihuana in meiner Tasche.“

„Himmel, Callie.“

Je schneller sie weitererzählte, umso eher war sie fertig. „Ich weiß, ich weiß“, sagte sie hastig. „Ich war dumm und niedergeschlagen wegen meiner schlechten Noten. Ich wollte einfach abschalten an diesem Abend. Es war das erste und einzige Mal, das schwöre ich.“

Diese dumme Geschichte würde sie für den Rest ihres Lebens verfolgen. Sie schloss die Augen. Die Verhaftung war schwer für sie gewesen, für ihre Eltern aber war es ein echter Schock. Sie hatten in ihr die perfekte Tochter gesehen, die erfolgreiche Studentin – entsprechend tief war der Absturz.

„Ich habe meine Eltern angerufen, doch sie konnten mich nicht abholen und haben stattdessen Colin gebeten.“ Sie wand sich innerlich vor Scham, als sie an den Moment dachte, als Colin völlig aufgebracht bei der Polizei aufgetaucht war. „Er ist den ganzen Weg bis nach Wimbly gefahren, um mich da rauszuholen, aber von da an ging es mit unserer Beziehung bergab.“

Matts Miene blieb verschlossen. Sie hatte keine Ahnung, was er dachte. Ihr Magen krampfte sich noch ein bisschen mehr zusammen. Es war wohl am besten, schnell auch noch den Rest zu erzählen.

„Und gerade deshalb denke ich, dass Tommy und Penny die Hochzeit des Jahrhunderts verdient haben nach all dem, was sie zusammen durchgemacht haben.“

Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, verschränkte die Arme vor dem Kettenhemd und spürte, wie sich seine Anspannung löste.

Einen völlig unwirklichen Moment lang vermisste sie die leichte Berührung seiner Fingerspitzen auf ihrer Haut. Langsam ließ sie die Hand über den weichen Stoff gleiten.

„Und wenn ich Colin damit auch noch zu einer öffentlichkeitswirksamen Party verhelfen und gleichzeitig meinen Eltern beweisen kann, dass ich erfolgreich bin, umso besser.“

Matt rührte sich nicht. Er sah sie einfach nur an.

Zu gern hätte sie gewusst, was in seinem Kopf vorging, doch seine Miene ließ keine Rückschlüsse zu. Fand er ihre Entscheidung idiotisch, ausgerechnet nach New Orleans zurückzukehren, wo jeder von ihrem Versagen wusste? Sicherlich.

Aber immerhin lag die Geschichte zehn Jahre zurück.

„Wollen Sie nicht irgendwas dazu sagen?“, forderte sie ihn auf.

Atemlos wartete sie auf seine Reaktion. Endlich öffnete er den Mund. „Sie haben recht“, begann er. „Das Kleid bringt Ihr Dekolleté viel zu wenig zur Geltung.“

Überrascht und überaus erleichtert lachte Callie auf. „Meine Güte, Sie sind wirklich ein Lüstling.“

Als er lächelte, bildeten sich um seine Augen kleine Fältchen. Mit seinen Worten hatte er die Spannung des Augenblicks gelöst.

„War’s das jetzt mit der Beichte?“, erkundigte er sich.

Sie bemerkte, dass sie noch immer den Stoff ihres Kleides umklammert hielt, und lockerte den Griff. „Auf jeden Fall.“

Autor

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