Julia Extra Band 584

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NEUANFANG FÜR UNSER GLÜCK? von CARA COLTER

Gabrielas Herz schlägt wild, als Prinz Enrique vor ihr steht – ihre verbotene Jugendliebe! Die Funken zwischen ihnen sprühen wie einst. Als Tochter des Schlossgärtners ist sie aber nicht standesgemäß! Sie fürchtet, der verwitwete Enrique braucht nur eine Nanny für seinen kleinen Sohn …

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  • Erscheinungstag 31.03.2026
  • Bandnummer 584
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541442
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cara Colter, Rachael Stewart, Lily Green, Kate Hardy

JULIA EXTRA BAND 584

Cara Colter

1. KAPITEL

Gabriela Olivera setzte sich auf eine Steinbank im Garten, die warm vom Sonnenschein war. Sie genoss die Stille, die idyllische Umgebung und den würzig-aromatischen Duft des blühenden Olivenbaums, der angeblich der älteste Olivenbaum auf der Insel war. Inmitten der üppigen, cremeweißen Blüten flatterten Schmetterlinge.

Alles hier stand in völligem Kontrast zu New York City, wo sie die letzten beiden Jahre verbracht hatte. Endlich bin ich zu Hause, dachte sie und empfand eine tiefe Vertrautheit, Zufriedenheit und Sicherheit.

Endlich war sie zurück auf Isla Hermosa Mariposa, die vor allem für ihre Oliven bekannt war. Die kleine, aber sehr wohlhabende Insel im westlichen Mittelmeer war eine Monarchie und nach den einheimischen Schmetterlingen benannt, die einen leuchtend blauen herzförmigen Punkt auf den Hinterflügeln hatten.

Gabrielas Vater war wie sein Vater vor ihm Wärter der Olivenhaine des Königshauses Falcon. Ihre Mutter war für die Schlossküche zuständig und damit beruflich in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Daher war Gabriela in dem weiß getünchten, kleinen Haus aufgewachsen, das am Rand der Mauer des Schlosses stand. Unzählige Hektar alter Olivenhaine erstreckten sich von der Mauer über Felder und Hänge bis hinunter zur privaten und geschützten Schmetterlingsbucht, die mit türkisfarbenem Wasser zum Baden einlud.

Gabrielas geliebter Vater war seit Wochen krank, obwohl er immer so robust und vital gewesen war. Vor allem wegen der Sorge um seinen Gesundheitszustand hatte sie sich auf unbestimmte Zeit von ihrer Arbeit in New York City beurlauben lassen. Dabei hatte aber auch eine Rolle gespielt, dass sie in ihrem Leben an einem Wendepunkt angekommen war.

Ihre Entscheidung, nach Hause zurückzukehren, hatte ihren langjährigen Verlobten Timothy Hardy veranlasst, sich von ihr zu trennen. Timothy hatte geglaubt, dass sie ihn bitten würde, sie in ihre Heimat zu begleiten. Ihm war nicht entgangen, dass sie eine Mauer um ihr Herz errichtet und ihn immer ein wenig auf Anstand gehalten hatte.

Natürlich hatte er völlig recht, als er gesagt hatte, dass in ihrer Beziehung etwas fehlte. Die Wahrheit war, dass sie sich nicht vorstellen konnte, Timothy auf dieser Insel zu sehen, auf der sie einen anderen Mann geliebt hatte. Einen Mann, den sie vielleicht noch immer liebte.

Nein, das tue ich nicht!

Sie hatte ihre kindlichen Fantasien und die Vernarrtheit in Prinz Enrique hinter sich gelassen. Vor langer Zeit hatte sie akzeptiert, dass sie diese Liebe nicht leben durfte. Aber warum hatte sie dann so etwas wie Panik empfunden, als Timothy vorgeschlagen hatte, mit ihr auf Isla Hermosa Mariposa zurückzukehren? Insbesondere bei dem Gedanken daran, dass er dem Mann begegnen könnte, der ihre verbotene Jugendliebe gewesen war?

Entschlossen schob sie die Gedanken beiseite, die sie aufwühlten. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Hier hatte sie die innere Stärke und die Fähigkeit entwickelt, den Herausforderungen des Lebens standzuhalten und sie meistern zu können.

Plötzlich öffnete ein kleiner Junge das hohe Holztor zwischen dem Garten ihres Elternhauses und dem Weg, der zum Schloss führte. Einen Augenblick lang schien ihr Herz einen Schlag lang auszusetzen. Sie wusste sofort, wer der Junge war, der in den Garten kam. Denn er sah dem Kind so ähnlich, mit dem sie hier früher unzählige Tage im Sonnenschein verbracht hatte.

Sie kannte den Namen des Jungen und wusste natürlich, dass er fünf Jahre alt war. Die ganze Welt kannte seinen Namen, obwohl er so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit abgeschirmt wurde.

Wie sein Vater Prinz Enrique in diesem Alter war Marcello ein kräftiger Junge. Er hatte dunkle, schwer zu bändigende Locken, große braune Augen, eine golden getönte Haut und einen entschlossenen Zug um den Mund, der nicht zu einem Fünfjährigen passte.

Sie rührte sich nicht. Ohne sie zu bemerken, beugte sich Marcello nach unten und spähte unter die Sträucher, die ihre Eltern vor den Schlossmauern angepflanzt hatten. Sie folgte seinem Blick und unterdrückte ein leises Lachen, als sie sah, wonach er Ausschau hielt.

Der alte schwarze Kater Geraldo bemerkte den Jungen, wich zurück und versuchte vergeblich, im Schatten der Mauer aus dessen Blickfeld zu geraten. Marcellos Augen leuchteten auf. „Aha!“, rief er, ließ sich auf alle viere fallen, robbte blitzschnell unter den Strauch und packte den notorisch schlecht gelaunten Kater.

Gabriela beobachtete ihn, damit sie ihm notfalls zu Hilfe eilen konnte. Als sie Geraldo heute Morgen gestreichelt hatte, war ihr aufgefallen, dass er nicht mehr in der Lage war, die Krallen seiner Vorderpfoten einzuziehen. Für einen Moment hatten sich seine Krallen im Stoff ihrer Bluse verfangen. Außerdem verfilzte mit zunehmendem Alter sein Fell. Sie hatte sich vorgenommen, deswegen einen Termin beim Tierarzt zu vereinbaren. Das gehörte zu den kleinen Dingen, mit denen sie ihre Eltern entlasten konnte. Auch deshalb war sie froh, dass sie nach Hause gekommen war.

Der Junge tauchte mit seiner Beute wieder auf. Er hielt den Kater mit beiden Händen fest und bedeckte das pelzige Gesicht mit Küssen. Dabei bemerkte er nicht, dass Geraldo versuchte, sich aus seinem Griff zu winden. „Du bist mein bester Freund auf der ganzen Welt.“

Was für eine traurige Aussage für den kleinen Jungen, dachte Gabriela.

Sie warf einen Blick auf das Gartentor. Wo war das Kindermädchen, das auf den Jungen aufpassen sollte? War der kleine Prinz vielleicht genau wie sein Vater früher sehr geschickt darin, sich den Zwängen eines Thronfolgers zu entziehen?

Allerdings war es ihm nicht gelungen, als es darauf ankam, erinnerte sie sich. Tief im Innern hatte sie sich danach gesehnt, dass Marcellos Vater sich dagegen auflehnen würde, Prinzessin Amelia, die Mutter des kleinen Jungen, zu heiraten.

Doch diesen Gedanken musste sie sich verbieten. Umso mehr angesichts der Tragödie, die Enrique und Amelia widerfahren war. Die Prinzessin – und ihr Baby – waren vor knapp einem Jahr bei der Geburt des Kindes gestorben. Das offizielle Trauerjahr des Königshauses Falcon würde bald zu Ende gehen. Schon jetzt kursierten im Schloss, auf der Insel und weit darüber hinaus Gerüchte, wen Enrique heiraten würde, wenn – nicht falls – er erneut heiratete. Einige der berühmtesten Frauen auf der Welt waren im Gespräch. Am häufigsten fiel der Name von Prinzessin Bettina.

Auf einmal bemerkte Marcello, dass er nicht allein im Garten war. Er setzte Geraldo auf den Boden und ging langsam auf Gabriela zu, blieb vor ihr stehen und nahm sie in Augenschein. Gabriela konnte sehen, dass er auch die dichten, langen Wimpern von seinem Vater geerbt hatte, „Hallo“, sagte sie auf Englisch. Die offizielle Sprache der Insel war eine archaische Mischung – eine Art Dialekt – aus Spanisch und Portugiesisch. Aber die meisten Insulaner sprachen seit Jahrzehnten bevorzugt Englisch.

„Hallo“, erwiderte er in perfektem, akzentfreiem Englisch. „Ich bin Marcello. Du kannst mich Cello nennen.“

„Ich bin Gabriela.“

Er nickte. „Ich weiß“, sagte er und fügte hinzu: „Ich kenne dich. Du bist Guidos kleines Mädchen.“

Auch Gabriela hatte das Gefühl, ihn zu kennen, obwohl sie sich noch nie begegnet waren. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Tatsächlich war sie immer noch – und würde es für alle Zeit bleiben – das kleine Mädchen ihres Vaters, und die Tatsache, dass er so krank war, tat unerträglich weh.

„Ich bin hier, um Guido zu besuchen.“

„Aber sollte sich nicht jemand um dich kümmern? Wo ist dein Kindermädchen?“

Er überlegte einen Moment lang. Dann lehnte er sich zu ihr und flüsterte ziemlich laut: „Ich mag Miss Penny nicht.“

„Auch wenn du sie nicht magst, macht sie sich wahrscheinlich Sorgen um dich. Wir müssen ihr sagen, wo du bist.“

Gabriela wollte ihr Handy zücken, um jemanden über den Aufenthaltsort des eigensinnigen Prinzen zu informieren. Aber sie erinnerte sich daran, dass ihr Handy aus New York nicht zu dem veralteten Mobilfunksystem der Insel passte.

Der Junge machte eine wegwerfende Handbewegung. Offenbar glaubte er, dass die Regeln der Normalsterblichen nicht für ihn galten. Gabriela wusste nicht, ob sie amüsiert oder verärgert darüber sein sollte.

Enrique hatte immer gewusst, dass er einen hohen Preis bezahlen würde, wenn er gegen die Vorschriften und Regeln des Königshauses verstieß. Als er aufgewachsen war, hatte er sich Königin Katalinas eisernem Willen fügen müssen.

Sie stand auf und reichte dem Jungen die Hand. „Wir fragen meine Mutter, ob es Guido heute gut genug geht, um einen Besucher zu empfangen.“

Als Marcello seine Hand vertrauensvoll in ihre legte, war sie verblüfft, wie viel Sehnsucht – und Traurigkeit – diese Berührung in ihr auslöste.

Kurz nachdem sie achtzehn Jahre alt geworden war, hatte die Respekt einflößende Königin Katalina sie mit einem Stipendium nach Amerika verbannt – angeblich um dort im Dienst ihrer Heimat ein Marketingstudium erfolgreich abzuschließen. Aber in Wirklichkeit hatte die Königin sie und Prinz Enrique, ihren Freund aus Kindertagen, voneinander fernhalten wollen. Denn die beiden hatten sich zuvor gerade erst auf eine völlig neue und aufregende Art kennengelernt: Enrique war der Mann, der sie zum ersten Mal geküsst hatte.

Königin Katalina hatte gesagt, dass sie es nicht einmal wagen durfte, von einer gemeinsamen Zukunft mit Enrique zu träumen, und Gabriela hatte keine andere Wahl gehabt, als sich der jahrhundertealten royalen Etikette zu beugen und den Traditionen zu gehorchen, die auf der Isla Hermosa Mariposa galten. Also hatte sie ihre Heimat verlassen, hart gearbeitet und das Studium mit Auszeichnung abgeschlossen.

Anschließend war sie gebeten worden, eine Marketingabteilung in New York City für die Olivenöle des Königshauses Falcon zu leiten – die begehrtesten Olivenöle weltweit. Währenddessen hatte sie aus der Ferne beobachtet, wie Prinz Enrique sich mit einer Frau verlobt hatte, die ebenfalls aus einem Königshaus stammte: Prinzessin Amelias mächtige Familie herrschte auf der benachbarten Mittelmeerinsel Xavier.

Die Hochzeit war natürlich ein Medienereignis gewesen, das weltweit mit größtem Interesse verfolgt worden war. Alle Fernsehsender, Social-Media-Kanäle und jede Zeitung hatten ausführlich darüber berichtet. Und Gabriela hatte die royale Märchenhochzeit endgültig das Herz gebrochen. Zusammen mit dem Rest der Welt hatte sie zusehen müssen, wie ihr Prinz sein Leben einer wunderschönen Prinzessin widmete.

Ein Jahr später hatte das Königshaus verkündet, dass Amelia ein Kind erwartete.

Nach Marcellos Geburt hatte Gabriela sich gesagt, dass sie all das hinter sich lassen musste. Sie hatte Barrieren um ihr gebrochenes Herz gebaut, um nie mehr verletzt werden zu können. Ihr war inzwischen klar, wie naiv und töricht ihre Träume gewesen waren, also hatte sie sich neu orientiert und Timothy kennengelernt. Und da sie gut zusammenpassten, hatte sie seinen Heiratsantrag angenommen – zugegebenermaßen widerstrebend, wie er ihr bei der Trennung zu Recht vorgehalten hatte.

Jetzt war sie wieder zu Hause, weil ihr Vater sehr krank geworden war. Aber sie würde auf keinen Fall irgendwelche längst vergangenen und überdies verbotenen Träume wiederaufleben lassen. Sondern sie sich ein für alle Mal aus dem Kopf schlagen.

2. KAPITEL

Die kleine Hand von Marcello in ihrer, ging Gabriela mit ihm durch den Garten zum Haus.

Die Haustür, deren obere Hälfte offen stand, führte direkt in die Küche. Ihre Mutter stand dort am Herd und kochte Guidos Lieblingssuppe.

„Maria!“

Der kleine Prinz ließ Gabrielas Hand los und rannte auf Maria zu.

„Eure Hoheit.“ Sie beugte sich zu ihm hinunter, schloss ihn in die Arme und küsste seine Wangen. „Wo, um alles in der Welt, ist Miss Penny?“

Er zuckte die Achseln. „Ich bin hergekommen, um Guido zu besuchen.“

Mutter und Tochter wechselten einen Blick über Marcellos Kopf hinweg. Guido sah sehr krank aus – sollten sie dem Jungen den Anblick nicht besser ersparen, um ihn nicht zu beunruhigen? War Guido überhaupt in der Lage, einen Besucher zu empfangen? Doch Marcello kannte sich in dem Haus genauso gut aus wie früher sein Vater. Bevor Maria ihn davon abhalten konnte, löste er sich aus ihren Armen, rannte den Flur hinunter und öffnete die Tür des Schlafzimmers. „Guido!“

„Wo ist sein Kindermädchen?“, fragte Gabriela. Maria zuckte die Schultern und griff nach dem Hörer des alten Wandtelefons, um das Schloss darüber zu informieren, wo sich der Prinz aufhielt. Bestimmt wurde er bereits vermisst. Dann wandte sie sich wieder dem Suppentopf zu, der auf der Herdplatte stand.

Gabriela folgte Marcello ins Schlafzimmer und sah, dass Guidos Gesicht aufleuchtete, als sich der Junge in seine Arme warf.

„Wirst du sterben? So wie meine Mama? Stirb nicht, Guido!“, schluchzte Marcello.

Damit sprach er aus, was auch Gabriela durch den Sinn ging. Tränen, die sie seit ihrer Ankunft zurückgehalten hatte, liefen ihr über die Wangen. Eilig wischte sie sie mit dem Handrücken weg. Doch ihr Vater, der Marcello den Rücken tätschelte, bemerkte, wie traurig sie war. Lächelnd klopfte er mit der anderen Hand neben sich auf die Matratze.

„Hört mir zu, ihr beiden.“

Gabriela setzte sich auf der anderen Seite neben ihn, lehnte den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen, während sie ihm lauschte. Marcello kuschelte sich an seine Brust und nuckelte genüsslich am Daumen. Ihr Vater erzählte ihnen die Geschichte von einem Olivenbaum, der wie jeder Baum geboren wurde und zu einem Bestandteil des Bodens wurde, wenn er starb. Da er jedoch die Bäume nährte, die aus seinen Samen geboren wurden, lebte er nicht nur auf diese Weise weiter, sondern vermehrte sich sogar.

Einen Moment hielt Guido inne, bevor er hinzufügte: „So ergeht es allem, was lebt. Der Kreislauf des Lebens hat etwas Trauriges an sich, aber wenn etwas vergeht, entsteht daraus etwas Neues – und letztendlich bleibt das Schönste bestehen.“

Plötzlich hatte Gabriela das Gefühl, beobachtet zu werden, und schlug die Augen auf. Prinz Enrique stand in der Tür. Sie betrachtete ihn begierig. Natürlich hatte sie Fotos von ihm gesehen, seitdem sie die Insel verlassen hatte, aber die Fotos wurden der Realität nicht gerecht.

Enrique strahlte wie immer eine ungeheure körperliche Präsenz aus, obwohl er heute leger gekleidet war. Zu Kakihosen trug er ein blaues Poloshirt mit dem königlichen Wappen auf der rechten Brust. Er war groß, hatte breite Schultern, eine schmale Taille und lange, muskulöse Beine. Seine rabenschwarzen, glänzenden Locken waren mittlerweile sehr kurz geschnitten – offenbar in dem Versuch, sie zu bändigen. Die Kurzhaarfrisur lenkte die Aufmerksamkeit auf sein markantes, perfekt geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer geraden Nase und vollen Lippen. Am kantigen Kinn hatte er ein Grübchen.

Die von Natur aus golden getönte Haut setzte seine schokoladenbraunen Augen mit den langen Wimpern und den dichten Augenbrauen in Szene. Er sah aus wie ein Filmstar oder ein Männermodel. Natürlich herrschte ein weltweiter Medienrummel um diesen Prinzen mit seinem umwerfenden Aussehen und dem mediterranen Flair. Fotos und bewegte Bilder, die ihn zeigten, garantierten hohe Auflagen, Einschaltquoten und unzählige Klicks. Bei jeder Nachricht über ihn gerieten Nutzerinnen der Social-Media-Plattformen ins Schwärmen, junge Frauen säumten in der Hoffnung die Straßen, einen Blick auf den schönen Prinzen zu erhaschen.

Er war einer der bekanntesten und begehrtesten Prominenten der Welt. Doch er hatte es bereits als junger Mann nicht gemocht, im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Auf dieser Insel war er weitgehend geschützt, aber sobald er seine Heimat verließ, wurde er belagert.

Die königliche Familie versuchte, seine Popularität für Hermosa Mariposa und ihre Produkte zu nutzen, gleichzeitig war sie darauf bedacht, sich die Paparazzi vom Hals zu halten und ein gewisses Maß an Privatsphäre zu wahren. Daher waren Fotos von Enrique, Amelia und später von Marcello vom Schloss vor der Veröffentlichung sehr sorgsam ausgewählt worden. Gabriela war dennoch der unnahbare Ausdruck in Enriques Augen aufgefallen, wenn er lächelnd auf seine Frau und sein Baby geblickt hatte.

Auch Amelias Körpersprache hatte Bände gesprochen. Meistens stand sie leicht von ihrem Mann abgewandt, statt ihm entgegenzukommen. Trotzdem war es dem Schloss gelungen, die Illusion des Märchens aufrechtzuerhalten, das sich die Welt wünschte.

Bereits bei der perfekt in Szene gesetzten Traumhochzeit hatten die Braut und der Bräutigam zwar gute Miene zum bösen Spiel gemacht, aber nicht wirklich glücklich ausgesehen. Gabriela wusste natürlich, dass in der Welt, aus der Enrique und Amelia kamen, nur die Einhaltung von königlichen Pflichten und royaler Etikette wirklich eine Rolle spielte. Ihr war von Anfang an auch klar gewesen, dass Enrique unabhängig von den Umständen, die zu seiner Ehe geführt hatten, unerschütterlich loyal gegenüber seiner Frau war. Das entsprach seinem Charakter. Seine Trauer um Amelia und das verlorene Kind war echt.

Während des Trauerjahres hatte er die Insel nur selten verlassen, auch wenn das öffentliche Interesse an dem alleinerziehenden Prinzen größer war denn je. Fotos von ihm und seinem Sohn waren seit dem Trauerfall Mangelware. Daher hatte Gabriela ihn schon lange nicht mehr gesehen – nicht einmal auf einem Foto. Als er jetzt vor ihr stand, sah sie nicht das Bild des Prinzen, das die Öffentlichkeit sich von ihm machte, sondern den echten Enrique. Einen blendend aussehenden, aber auch vielschichtigen und von tiefer Trauer erfüllten Mann, der offenbar nicht wusste, wie er am besten mit seinem geliebten Sohn umgehen sollte.

Bei seinem Anblick schlug ihr Herz höher. Doch sie war nicht mehr der Teenager, der die Insel verlassen hatte. Sie war eine erwachsene Frau, die inzwischen Abstand gewonnen und gelernt hatte, wie sie der magnetischen Anziehungskraft widerstehen konnte, die von ihm ausging.

Enrique war das kleine, weiß getünchte Landhaus seit Kindertagen vertraut. Bei den Oliveras hatte er sich viel mehr zu Hause gefühlt als bei seiner Familie, die nur aus seiner Mutter, der Königin, bestand. Sein Vater war bei einem Reitunfall ums Leben gekommen, als er noch ein Baby gewesen war.

Vielleicht war Guido, dem er als kleiner Junge immer wieder durch die Olivenhaine gefolgt war, deshalb zu einer Art Vaterfigur für ihn geworden. Aber vor allem hatte ihn die Wärme magisch angezogen, die er in diesem Haus gespürt hatte. Hier, wo es immer verführerisch nach köstlichem Essen duftete, war ihm bewusst geworden, was Familienbande bedeuteten. Zum ersten Mal hatte er das Lachen, die Vertrautheit und Nähe von Menschen erlebt, die einander tief und bedingungslos liebten, statt einander nach ihrer gesellschaftlichen Stellung, Pflicht und Abstammung zu beurteilen – oder danach, wie nützlich sie waren.

Seit dem Tod seiner Frau erlebte er, dass sein Sohn aus den gleichen Gründen immer wieder in dieses Haus kam, wie er selbst es früher getan hatte. Marcello schien bei Guido und Maria die Nestwärme zu finden, nach der er sich offensichtlich sehnte.

Nach der Liebe, die ihm seine Mutter geschenkt hatte.

Als Enrique im Türrahmen des Schlafzimmers stand und seinen Sohn betrachtete, kam er sich wie ein Versager vor. Er hatte sich geschworen, dass Marcello sich geliebt fühlen und nicht so streng erzogen werden würde wie er. Aber nach Amelias Tod musste er sich die bittere Wahrheit eingestehen: Sein Sohn hatte in ihm wohl nie einen Vater gesehen, der ihn liebte – ja, Marcello hielt ihn für unfähig, ihm das zu geben, wonach er sich jetzt offenbar mehr denn je sehnte.

Es entbehrte nicht der Ironie, dass die ganze Welt Enrique als einen Mann betrachtete, der alles hatte. Doch all seine Macht, all sein Reichtum und Einfluss hatten nicht verhindern können, dass er seine Frau und seine ungeborene Tochter so tragisch verloren hatte. Seine soziale Stellung, die ihn auf persönlicher Ebene so viel gekostet hatte, schien überhaupt keinen Wert zu haben, wenn es darum ging, die Bindung zu seinem Sohn zu entwickeln, die er sich wünschte.

Schließlich erlaubte er sich, seine Aufmerksamkeit Gabriela zuzuwenden. Er hatte sich auf diesen Moment gefasst gemacht. Aber wieder einmal musste er sich eingestehen, wie machtlos er war. Denn sein Herz schien bei ihrem Anblick einen Moment lang stehen zu bleiben.

3. KAPITEL

Gabriela war achtzehn Jahre alt und Enrique ein Jahr älter als sie gewesen, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte. In ihrem jugendlichen Überschwang hatten sie sich sehr erwachsen gefühlt, obwohl sie noch Teenager gewesen waren.

Seitdem waren acht Jahre vergangen. Natürlich hatte sie sich in dieser langen Zeit verändert. Dennoch war Enrique überrascht, dass sich das schlaksige Mädchen von früher in eine unbeschreiblich weibliche Frau verwandelt hatte.

Guido erzählte eine schöne Geschichte über das Leben und den Tod, um diejenigen zu trösten, die ihn liebten. Während Gabriela der Stimme ihres Vaters lauschte, lehnte sie den Kopf an seine Schulter und hielt die Augen geschlossen.

Offenbar hat sie mich nicht bemerkt. Enrique nutzte die Gelegenheit, um sie in Augenschein zu nehmen. Sie trug eine sommerliche, fliederfarbene Bluse und einen Rock, dessen Saum ein Stück nach oben gerutscht war, was er sehr verlockend fand.

Die dunkelbraunen taillenlangen Haare, auf die sie früher stolz gewesen war, hatte sie inzwischen abschneiden lassen. Aber auch die schicke Bob-Frisur brachte ihre glänzenden wunderschönen Haare zur Geltung und war vermutlich modischer und praktischer.

Früher hatte sie nie Make-up aufgelegt. Seiner Meinung nach hatten ihre perfekten Gesichtszüge auch keine Schminke nötig. Doch jetzt sah er, dass ein Hauch Lidschatten und Mascara, eine Spur Rouge auf den hohen Wangenknochen sowie ein wenig Lipgloss auf den sinnlichen Lippen ihre natürliche Schönheit betonten.

Ihm wurde glühend heiß, als er sich daran erinnerte, wie diese Lippen geschmeckt hatten. Dann schlug sie die großen, haselnussbraunen Augen auf – ein erstaunliches Kaleidoskop von Gold-, Grün- und Brauntönen – und blickte ihn an, als wäre sie nie fort gewesen.

Der Ausdruck in ihren Augen sagte ihm, dass sie in ihm immer weniger den Prinzen des Königshauses Falcon gesehen hatte als einen Mann, der sich nach all den Dingen sehnte, nach denen sich jeder Mensch sehnte – möglicherweise mit Ausnahme seiner Mutter.

Als sich ihre Blicke trafen, hatte er plötzlich das Gefühl, nach Hause zu finden, nachdem er sich für lange Zeit verirrt und die Hoffnung bereits aufgegeben hatte.

Dieses Gefühl muss ich sofort unter Kontrolle bringen, bevor es stärker wird und ich es nicht mehr in Schach halten kann.

Natürlich hatte er damals geglaubt, Gabriela zu lieben und mit ihr glücklich bis ans Lebensende werden zu können. Immerhin war er ein Prinz. Warum konnte er nicht sein persönliches Märchen erleben?

Er war zusammen mit ihr aufgewachsen. Sie hatten ihre Kindheit miteinander verbracht, viele Geheimnisse geteilt und waren die besten Freunde geworden. In seiner jugendlichen Naivität hatte er einfach ausgeblendet, dass es für sie beide kein Happy End geben konnte. Als künftiger Thronfolger war sein Schicksal schon vor seiner Geburt vorgezeichnet gewesen. Er hatte die bittere Wahrheit gekannt, die daraus folgte: Eine Heirat mit der Tochter des Wärters der Olivenhaine und der Küchenleiterin des Schlosses war nicht standesgemäß.

Dennoch hatte es ihn wie ein Schlag getroffen, dass Gabriela ohne ein Wort des Abschieds verschwunden war, als er nach dem Abschluss auf einer Schweizer Privatschule nach Hause zurückgekehrt war.

Sie hatte gerade ihren Abschluss an der einzigen Highschool der Insel gemacht. Er hatte sie angerufen, in flehentlichem Ton Nachrichten hinterlassen und Briefe geschrieben. Bei der Erinnerung daran glaubte er immer noch, ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter hören zu können.

„Hallo, hier ist Gabriela. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. Ich melde mich bei Ihnen.“

Aber sie hatte nie auf seine Anrufe, Nachrichten und Briefe reagiert und seine Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, einfach ignoriert. Sie hatte ihn hinter sich gelassen, als wenn er nie eine Rolle in ihrem Leben gespielt hätte.

Jetzt, fast ein Jahrzehnt später, war ihm natürlich klar, dass sie eine sehr vernünftige Entscheidung getroffen hatte.

Vielleicht hätten sie Freunde bleiben können, wenn sie sich nie geküsst hätten. Aber nachdem sie diesen magischen ersten Kuss miteinander geteilt hatten? Sie war trotz ihrer Jugend klug genug gewesen, die Reißleine zu ziehen. Sie hatte gewusst, dass diese überwältigende gegenseitige Anziehungskraft nirgendwohin führen könnte.

Von ihm war erwartet worden, Prinzessin Amelia aus dem benachbarten Inselstaat zu heiraten. Er hatte sich dazu verpflichtet gefühlt und sich mit seiner Bestimmung abgefunden. Doch als er ihr jetzt tief in die vertrauten haselnussbraunen Augen blickte, spürte er, wie seine Verpflichtung gegenüber dem Königshaus auf absurde Weise ins Wanken geriet.

„Eure Hoheit.“ Sie stand auf und zog den Rock über die Knie.

„Gabriela“, sagte er kühl, um zu verbergen, wie schnell sein Herz schlug. „Du siehst gut aus.“

„Danke. Genau wie du“, erwiderte sie förmlich.

Er wandte sich absichtlich von ihr ab.

„Guido, wie geht es dir?“

Der Mann lächelte nur müde und zuckte mit den Achseln. Er akzeptierte sein Schicksal, war von Liebe umgeben und hatte einen Frieden gefunden, um den ihn Enrique fast beneidete.

„Marcello“, ermahnte Enrique seinen Sohn in schärferem Ton, als er beabsichtigt hatte. „Bitte, lutsch nicht am Daumen.“

Der Junge starrte ihn trotzig an, bevor er schließlich den Daumen aus dem Mund nahm. Das Daumenlutschen war ein Rückfall in kindliche Verhaltensmuster, der nach Amelias Tod zum ersten Mal aufgetreten war.

Wie meistens war er als alleinerziehender Vater nicht ganz sicher, wie er damit umgehen sollte. Einerseits empfand er Mitgefühl. Andererseits lastete die Verantwortung für die Erziehung seines Sohnes auf seinen Schultern. Das war eine gewaltige Aufgabe, zumal Marcello eines Tages ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen würde. Auch wenn erfahrene und bewanderte Kindermädchen sowie externe Berater ihm ständig kluge Ratschläge in Sachen Kindererziehung gaben, fühlte er sich letztendlich damit allein gelassen.

Er warf seinem Sohn einen strengen Blick zu. „Dein Kindermädchen ist vor lauter Sorge fast verrückt geworden!“

Warum habe ich nicht gesagt, dass ich vor Sorge fast den Verstand verloren habe?

„Ich mag sie nicht“, entgegnete Marcello und warf ihm einen finsteren Blick zu.

Das ablehnende und rebellische Verhalten, das sein Sohn seit dem Tod seiner Mutter ihm gegenüber an den Tag legte, versetzte Enrique jedes Mal einen Stich. Er konnte die Gründe dafür nicht wirklich nachvollziehen. Aber noch schlimmer war, dass er Marcello anscheinend nicht dazu bringen konnte, folgsam zu sein – geschweige denn, seinen Vater zu mögen.

„Komm.“ Er streckte ihm die Hand hin. „Wir werden Miss Penny finden.“ Aber Marcello verschränkte die Arme vor der Brust und schmiegte sich noch enger an Guidos Brust, was alle im Zimmer in eine peinliche Lage brachte. Entweder würde Guido jetzt Marcello von sich wegschieben müssen, was Enrique nicht wollte. Oder er würde seinen Sohn zurechtweisen und ihn notfalls aus dem Bett zerren müssen, wenn Marcello weiterhin ungehorsam war.

Auf keinen Fall wollte er riskieren, dass sein widerspenstiger Sprössling einen Wutanfall bekam oder in Tränen ausbrach, Guidos schwere Krankheit machte den Oliveras schon genug zu schaffen.

Gabriela nahm den beiden Männern die Entscheidung ab. Sie neigte den Kopf zum geöffneten Fenster. „Cello, hörst du das?“

„Was?“, fragte der Junge. „Das Zwitschern der Vögel?“

„Ich bin sicher, Geraldo im Garten zu hören. Manchmal klettert er auf den Olivenbaum – wahrscheinlich, um einen der Vögel zu fangen. Aber er ist so schwach geworden, dass er nicht mehr herunterkommt. Er kann seine Krallen nicht mehr richtig einziehen. Sollen wir ihn retten, bevor du mit deinem Papa nach Hause gehst?“

Der Junge ergriff vertrauensvoll ihre ausgestreckte Hand.

Papa. Enrique wünschte sich, dass sein Sohn ihn Papa nennen würde. Aber Marcello sprach ihn immer förmlich mit Vater an. Als Gabriela und Marcello das Zimmer verlassen hatten, fragte er Guido: „Kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Du weißt, was ich von dir will. Kümmere dich um die Menschen, die mir am wichtigsten sind.“

„Das werde ich.“ Er würde für die Oliveras da sein – auch wenn der Gefühlsrausch, den das Wiedersehen mit Gabriela in ihm ausgelöst hatte, das Versprechen noch heikler machte.

Er nahm die Hand des älteren Mannes in seine und erinnerte sich daran, wie er als kleiner Junge Guido zum ersten Mal begegnet war. Ihre Beziehung hatte sich im Lauf der Zeit gefestigt. Als eine Art Mentor gab Guido sein enormes Wissen über die Olivenbäume auf der Insel an den Thronfolger weiter.

„Es tut mir leid“, sagte er traurig.

„Was?“

Plötzlich war er sich nicht mehr sicher. Das ungehörige Betragen seines Sohnes? Nein, es ging tiefer. Wenn Guido nicht wieder gesund würde, wäre es für die ganze Insel ein großer Verlust. Ihm würde dieser Verlust sogar für den Rest seines Lebens zu schaffen machen. Und auch Marcello würde darunter leiden.

„Es gibt nichts zu bedauern“, sagte Guido. „Mein schöner Engel Gabriela ist nach Hause gekommen. Cello hat mich besucht. Die Vögel singen. Geraldo der Schreckliche sitzt auf einem Baum fest. Also habe ich bald das Vergnügen zu hören, wie der Kronprinz den Baum hinaufklettert.“ Er lachte leise.

Enrique musste schmunzeln. „Ich dachte, Gabriela hätte die Geschichte nur erfunden, um Marcello dazu zu bringen, gehorsam zu sein.“

Empört zog Guido die Augenbrauen hoch. „Hörst du den Kater nicht? Er macht einen ziemlichen Lärm. Mein Prinz, du musst mit dem Herzen hören lernen. Ich fürchte, ich habe darin versagt, es dir beizubringen.“

Der Prinz starrte den geliebten älteren Mann an. Nein, nicht Guido, sondern er selbst hatte versagt. Denn es war sehr lange her, dass er mit dem Herzen gehört hatte.

Er lauschte und konnte jetzt tatsächlich das Maunzen des Katers hören.

Enrique verabschiedete sich von Guido und gab Maria einen kurzen Klaps auf die Schulter, als er durch die Küche ging. Sie legte einen Moment lang ihre Hand auf seine Hand und ließ ihn wie immer spüren, dass er im Hause Olivera willkommen und ein Mitglied der Familie war.

Im Garten standen Gabriela und Marcello unter dem Baum und blickten hilflos zu dem Kater hinauf. „Wir sind nicht groß genug, Vater“, sagte der Junge betrübt.

Ein Problem für seinen Sohn lösen zu können, fühlte sich gut an. „Wenn du dich auf meine Schultern setzt, bist du groß genug.“ Als Marcellos Augen aufleuchteten, hockte er sich hin und ließ den Jungen auf seine Schultern klettern. „Pass auf, dass er dich nicht kratzt“, warnte er.

„Er wird mich nicht kratzen. Wir sind Freunde.“

Enrique stand auf und spürte die Wärme der Beine seines Sohnes in seinem Nacken. Er genoss den Moment, in dem er mit seinem Sohn so verbunden war wie seit Amelias Tod nicht mehr.

Marcello reckte die Arme in die Höhe „Beinahe bekomme ich ihn zu fassen.“ Er streckte und wand sich, als der Kater nur noch einen Zentimeter von seinen Händen entfernt war. „Geraldo, komm.“

„Er hört nicht Hundekommandos.“ Gabriela schnalzte mit der Zunge, um Geraldo zu ermutigen. Aber der Kater saß wie erstarrt auf dem Ast und rührte sich nicht von der Stelle.

„Verdammt! Er will nicht näher kommen. Lass mich herunter“, meinte Marcello schließlich frustriert.

Enrique hob ihn von seinen Schultern. „Wenn er hungrig genug ist, wird er vermutlich herausfinden, wie er vom Baum herunterkommt.“

Marcello warf ihm einen geringschätzigen Blick zu. „Ich weiß, was zu tun ist.“ Er sah zwischen seinem Vater und Gabriela hin und her. „Setz Guidos ‚kleines Mädchen‘ auf deine Schultern. Das funktioniert garantiert.“

4. KAPITEL

Gabriela erstarrte. Natürlich war Marcellos Vorschlag völlig abwegig! Doch Prinz Enrique sah sie fragend an. War sie bereit, es zu versuchen? Befangen strich sie ihren Rock glatt. Als er ihr einen übermütigen Blick zuwarf, wirkte er plötzlich überhaupt nicht mehr so unnahbar wie vorher.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass er sich wieder jung fühlte – genau wie sie! Er ging in die Hocke und klopfte auf seine Schultern. Marcello nickte zustimmend.

Trotz aller Bedenken konnte sie den beiden Prinzen einfach nicht widerstehen. Sie streifte die Schuhe ab und hielt ihren Rock fest, während sie sich auf Enriques Schultern setzte. Als sie durch den dünnen Stoff des Rocks die Hitze seines Halses an den Innenseiten ihrer Oberschenkel spürte, musste sie an sich halten, um nicht nach Luft zu schnappen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

Nein! Seinen Kopf zwischen ihren Oberschenkeln zu spüren, raubte ihr den Atem. Aber das würde sie ihm bestimmt nicht sagen. „Ja“, log sie und biss die Zähne zusammen.

Mühelos richtete er sich auf. Sie schwankte und nahm wahr, dass er die Schultermuskeln anspannte.

In Wahrheit geriet sie gerade in jeder Hinsicht aus dem Gleichgewicht, in der eine Frau aus dem Gleichgewicht geraten konnte.

Um sich zu stabilisieren, faltete sie die Hände über seiner Stirn. Seine Haut und seidigen Haare unter ihren Fingerspitzen zu spüren, löste einen Hormonrausch in ihr aus. Erneut kam sie ins Schwanken.

Er packte ihre Schienbeine und zog sie fest an seine Brust. Seine Hände fühlten sich warm auf ihrer Haut an. Sie stand völlig unter Strom und hatte die größte Mühe, nicht die Balance zu verlieren.

Während sie sich mit aller Kraft an ihm festhielt, umklammerte er ihre Schienbeine. Sie zwang sich, sich zu konzentrieren, und war froh, dass Enrique sie nicht sehen konnte, denn sie spürte, dass ihr die Röte in die Wangen stieg.

Der alte Kater spähte von den Ästen des Baumes zu ihr herüber und miaute kläglich. Sie streckte die Arme nach ihm aus. Um ihre Bewegung auszugleichen, richtete sich Enrique zu seiner vollen Größe auf. Jetzt spürte sie ihn von ihrem Schoß bis zu den Füßen. Eine Woge des Verlangens breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

„Geraldo!“, rief sie streng und hoffte, so all die Empfindungen verbergen zu können, denen sie machtlos ausgeliefert war. „Komm her.“ Sie lehnte sich näher zu dem Ast. Doch der Kater maunzte nur jämmerlich. Sie sah, dass er feststeckte, weil er die Krallen nicht einziehen konnte, um seine Vorderpfoten vom Ast lösen zu können.

Als sie sich nach vorne beugte, um jeweils einen Finger unter eine Kralle zu legen und sie dann nacheinander vom Ast zu lösen, spürte sie Enriques Hals noch intensiver an ihrem Schoß.

Schließlich gelang es ihr, den Kater hochzuheben. „Ich habe ihn!“

Enrique ging langsam in die Hocke und stützte sich mit einer Hand auf dem Boden ab. Sie hielt inne. Von hinten auf seine Schultern zu steigen, war einfach gewesen. Aber auf dieselbe Weise abzusteigen, kam ihr erheblich schwieriger vor.

Einen Moment lang verfing sich ihr Rock. Sie spürte, wie sein heißer Atem über ihren Oberschenkel strich. Für den Bruchteil einer Sekunde steckte der Kopf des Prinzen unter ihrem Rock, bevor sie einen Schritt Abstand zu ihm einlegen konnte.

Wie peinlich! Sie wusste, dass sie rot wurde. Zum Glück sorgte Marcello für Ablenkung, der aufgeregt die Arme nach dem geliebten Kater ausstreckte.

„Geraldo“, rief er sehnsüchtig.

Doch als sie dem Jungen den Kater geben wollte, steckten die Krallen des Katers in ihrer Bluse fest. Sie zog vergeblich am Stoff. Dann zerrte sie energisch daran. Geraldo geriet in Panik und versuchte immer hektischer, seine Vorderpfoten zu befreien.

„Seine Krallen haben sich im Stoff verfangen“, sagte sie möglichst ruhig zu Enrique, hörte aber den Anflug von Verzweiflung in ihrer Stimme. „Wenn du jeweils einen Finger unter jede Kralle seiner Vorderpfoten …“

Aber bei der Vorstellung, dass der Prinz die Finger unter die Katzenpfoten auf ihren Brüsten legen würde, erstarrten sie beide. „Ich hebe Geraldo ein Stückchen hoch. Dann kannst du die Krallen lösen“, schlug er schließlich vor. Aber als er den Kater packen wollte, fauchte Geraldo und versuchte, mit den Hinterpfoten auf ihrer Bluse nach oben zu klettern, um zu entkommen. Dabei hinterließ er einen Kratzer auf Gabrielas Haut.

„Aua!“, rief sie. Auch sie geriet jetzt in Panik.

Instinktiv öffnete Enrique schnell die Knöpfe ihrer Bluse, streifte sie ihr ab und ließ sie auf den Boden fallen. Der Kater, der immer noch mit den Krallen im Stoff feststeckte, miaute empört auf.

Marcello wollte Geraldo zu Hilfe eilen. „Bleib stehen!“, befahl der Prinz seinem Sohn, ohne den Blick von Gabriela zu wenden. Der Junge hielt inne.

Das Schicksal hat sich augenscheinlich gegen mich verschworen, dachte Gabriela, als sie halb nackt im BH vor dem Prinzen stand. Plötzlich schien eine seltsame Stille zu herrschen. Selbst das Maunzen des Katers nahm sie kaum noch wahr.

Enrique betrachtete sie fasziniert. Glühendes Verlangen schien in seinen Augen auf. Sein Heißhunger setzte sie in Flammen. Einen Moment lang empfand sie Genugtuung darüber, dass sie heute Morgen den raffinierten, sexy BH aus rosafarbener Seide und Spitze angezogen hatte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du blutest“, sagte er rau.

Sie blickte an sich herunter und bemerkte die winzige, dünne rote Linie zwischen ihren Brüsten. „Es ist nichts.“ Sie erwiderte seinen Blick. Hörte sich ihre Stimme heiser an? „Nur ein oberflächlicher Kratzer.“

Einen Augenblick lang schien er näher zu ihr treten zu wollen, um sich einen genaueren Eindruck verschaffen zu können. Oder vielleicht, um den blutigen Kratzer zu berühren? Sie erschauerte vor Erwartung und wich einen kleinen Schritt zurück.

Im Handumdrehen knöpfte er sein Hemd auf, zog es aus, kam zu ihr und blieb nur einige Zentimeter entfernt vor ihr stehen. Sie ließ den Blick über seine nackte Brust gleiten und zwang sich, ihm ins Gesicht zu schauen, bevor sie sich noch hungrig die Lippen leckte.

Aber sein Gesicht zu betrachten, war fast die größere Tortur. Sie konnte den feinen Schatten der Barthaare auf seinen Wangen und dem Kinn sehen. Die volle Unterlippe. Die dichten, langen Wimpern. Den Schmelz in seinen schokoladenfarbenen Augen. Sein verführerisch männlicher Duft hüllte sie ein, als er sein Hemd sanft und schützend um ihre nackten Schultern schlang.

Aus dem Jungen von früher war ein atemberaubender Mann geworden. Ein Adonis. Er war so perfekt gebaut, dass er an die Marmorstatue erinnerte, die den Vorhof seines Schlosses zierte.

Einen Moment lang starrten sie sich gebannt an und fühlten sich unwiderstehlich zueinander hingezogen.

Als eine junge Frau aufgeregt durch das Gartentor stürmte, wich er schnell einen Schritt zurück. Die Frau entdeckte Marcello und öffnete den Mund, um den Jungen zu sich zu rufen. Aber sie erstarrte, als sie den halb nackten Prinzen und eine fremde Frau bemerkte, die ein Männerhemd um sich geschlungen hatte. Verlegen machte sie einen Knicks. „Eure Hoheit.“

„Miss Penny.“ Ohne den geringsten Anflug von Befangenheit griff er nach Gabrielas Bluse, packte die Vorderpfoten des Katers und löste mit einem Ruck die Krallen aus dem Stoff.

Geraldo maunzte noch einmal auf, inspizierte seine beiden Vorderpfoten und warf dann Enrique, Gabriela, Marcello und Miss Penny einen majestätischen Blick zu, bevor er sich in sein Refugium unter den Sträuchern zurückzog.

„Eure Hoheit“, sagte Fräulein Penny niedergeschlagen zu Enrique, „ich habe Euch enttäuscht. Euch und Euren Sohn.“

„Marcello ist schon öfter ausgerissen. Sie sind nicht die Erste, die das Nachsehen hatte“, erwiderte er.

Sie warf dem Jungen einen Blick zu, bevor sie wieder Enrique ansah. „Eure Hoheit, ich kann das nicht tun. Marcello mag mich nicht und hört nicht auf mich. Er ist weggelaufen. Es wäre meine Schuld gewesen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre.“

„Miss Penny, es ihm nichts passiert. Also können wir es als eine Erfahrung betrachten, durch die wir viel gelernt ha…“

„Ihr müsst jemanden finden, der besser geeignet ist, Eure Hoheit“, unterbrach ihn das Kindermädchen. „Ihm und Euch zuliebe kündige ich mit sofortiger Wirkung.“

Enrique war perplex. „Miss Penny, ich glaube wirklich …“

Doch die junge Frau war völlig außer sich. Bestürzt über ihr Versagen wirbelte sie herum und rannte zum Gartentor hinaus.

„Ich fürchte, dafür wird sie sich einen Kopf kürzer machen“, meinte Gabriela augenzwinkernd.

„Wirklich?“, fragte Marcello gespannt.

„Das ist nur eine Redewendung, die entstanden ist, weil Menschen in früheren Zeiten für schwere Vergehen mit dem Schwert gerichtet wurden“, erklärte Enrique.

„Ich wusste nicht, dass Miss Penny ein Schwert hat.“

„Sie hat kein Schwert!“

„Guidos kleines Mädchen hat aber eben gesagt, dass sie sich einen Kopf kürzer machen wird“, beharrte der Junge.

„Entschuldige, dass ich dich verwirrt habe“, schaltete sich Gabriela ein. „Die sehr alte Redewendung bedeutet, dass jemand etwas zutiefst bereut. Miss Penny hat es wirklich leidgetan, dass sie dich aus den Augen verloren hat.“

„Sie hat mich nicht aus den Augen verloren. Ich habe sie abgeschüttelt.“ Marcello betrachtete den nackten Oberkörper seines Vaters. Dann sah er Gabriela an, die das Hemd seines Vaters um sich geschlungen hatte, und gluckste vor lauter Freude über all die unerwarteten Wendungen an diesem Morgen.

Enrique freute sich darüber, dass sein Sohn plötzlich so fröhlich war. Dennoch sagte er streng: „Du warst sehr ungezogen, Marcello.“

„Ich werde mich dafür einen Kopf kürzer machen“, verkündete Marcello.

Gabriela unterdrückte mühsam ein Lachen. Enrique hob ihre Bluse vom Boden auf und reichte sie ihr. Sie sah, dass auch er sich ein Lachen verkneifen musste. Während sie mit einer Hand sein Hemd am Hals zusammenhielt, griff sie schnell mit der anderen Hand nach der Bluse, die sie keinesfalls vor ihm anziehen würde.

„Du solltest dich um den Kratzer kümmern“, sagte der Prinz ernst. „Die Wunde muss desinfiziert werden.“

Sie bemerkte, dass er innerlich wieder auf Distanz ging, und wandte sich dem Jungen zu. „Cello, es hat mich sehr gefreut, dich kennenzulernen.“

Marcello tat so, als ob er ein imaginäres Schwert aus einer Scheide an seiner Taille ziehen würde. Feierlich legte er das Schwert vor sich auf den Boden, ließ sich dramatisch darauf fallen und blieb regungslos liegen.

Dann öffnete er ein Auge, um die Reaktion des Publikums abzuschätzen. Zufrieden mit seiner Darbietung brach er in Gelächter aus.

Gabriela wandte den Blick wieder dem Prinzen zu. Offensichtlich war er nicht auf die Rolle als alleinziehender Vater vorbereitet. Es ist lächerlich, Mitleid mit ihm zu haben. Aber einer der wohl mächtigsten Männer der Welt schien einem Fünfjährigen nicht gewachsen zu sein. „Er ist sehr frühreif“, sagte sie, „und sehr, sehr aufgeweckt.“

„Ich bin völlig überfordert“, gab er zu.

Sie sehnte sich danach, ihm zu helfen und alles in Ordnung zu bringen. Aber allein die kurze Begegnung hatte ihr gezeigt, wie gefährlich ihr Enrique werden konnte. Sie konnte seine Probleme nicht zu ihren Problemen machen.

Wie förmlich sollte sie sich jetzt eigentlich angesichts der alles andere als formellen Umstände vom Prinzen abschieden? Auf keinen Fall wollte sie, dass er bemerkte, wie sehr es sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, ihn zu treffen.

Plötzlich ritt sie die Teufel. Sie lehnte sich zu ihm und flüsterte: „Wie gut, dass ich heute Morgen Unterwäsche angezogen habe.“ Mit Genugtuung beobachtete sie, dass ihm die Kinnlade herunterfiel.

Mission erfüllt: Jetzt wirkte er nicht mehr im Geringsten unnahbar. Sie straffte die Schultern, ging zum Haus und überließ es ihm, sich um seinen Sohn zu kümmern. Der Triumph, das letzte Wort zu haben, wurde jedoch durch die Tatsache getrübt, dass sie sein Hemd hüten würde wie einen Schatz.

5. KAPITEL

Sobald Enrique das Gartentor hinter sich und Marcello geschlossen hatte, hielt er seinem Sohn eine Standpauke. Zum Glück gab es keinen sichereren Ort als diese Insel. Er war im gleichen Alter gewesen, als er begonnen hatte, sich in die Wärme des Hauses der Oliveras zu flüchten.

Während sie den gepflasterten Weg entlanggingen, der vom Gartentor zum hinteren Garten des Schlosses führte, lief Marcello vor ihm her und schwang ein imaginäres Schwert. Doch er ließ es immer wieder fallen, um stehen zu bleiben und einen interessanten Stein oder Grashalm zu betrachten.

Enrique wünschte, sein Sohn würde ihm von seinen Entdeckungen erzählen. Doch jedes Mal, wenn er ihn einholte, hob der Junge sein imaginäres Schwert wieder auf und rannte voraus. Enrique war erleichtert darüber, dass Marcello heute einen fröhlichen Eindruck machte. Seit dem Tod seiner Mutter war sein Sohn meistens betrübt und düsterer Stimmung.

Er dachte über Gabriela und ihre letzte, gewagte Bemerkung nach, die ihn noch stärker unter Strom gesetzt hatte. In den Jahren im Ausland war sie weltgewandter und kühner geworden. Dadurch kam sie ihm ein wenig wie eine Fremde vor – als hätte sie eine exotische, geheime Seite, die sie ihm nie gezeigt hatte.

Natürlich war es der reine Wahnsinn gewesen, sie auf seine Schultern zu nehmen. Warum war er überhaupt auf den Vorschlag eines Fünfjährigen eingegangen?

Er hatte schlichtweg seinen Sohn glücklich machen wollen.

Gabriela war nicht mehr das unbedarfte Mädchen, das er fast sein ganzes Leben lang gekannt hatte, sondern eine reife, sehr weibliche und verlockende Frau. Er lief Gefahr, sich die Finger zu verbrennen, wenn er mit dem Feuer spielte.

Sein Puls schlug schneller, als er sich daran erinnerte, wie seidig sich die Haut ihrer Beine und wie heiß sich ihr Schoß an seinem Nacken angefühlt hatte. Wie sehr es ihn angetörnt hatte, mit dem Kopf unter ihrem Rock zu stecken. Dann hatte er ihr auch noch die Bluse abgestreift und sie bis auf diesen verführerischen BH entblößt.

Er bekam den Anblick nicht aus dem Kopf. Sie ist wunderschön. Er konnte nicht verdrängen, wie gut sie sich angefühlt hatte. Zudem ging ihm ihre letzte aufreizende Bemerkung nicht mehr aus dem Kopf.

Hör sofort damit auf! Dennoch schweiften seine Gedanken immer wieder zu der Begegnung zurück. Ihn hatte es verblüfft, wie sehr sie sich verändert hatte. Auch sie hatte ihn genau in Augenschein genommen. Offenbar hatte ihr ebenfalls sehr gefallen, was sie gesehen – gespürt und empfunden – hatte.

Wir leben in getrennten Welten, ermahnte er sich streng. Ihm behagte nicht, dass er gedanklich auf Abwege geriet. Seine Stellung im Leben erforderte große Gelassenheit und Kontrolle. Auf Gabriela in einer solchen Art und Weise zu reagieren, war unwürdig für seinen Stand – wie seine Mutter es ausdrücken würde.

Ich muss meiner Freundin aus der Kindheit ganz einfach aus dem Weg gehen, dachte er, während er mit Marcello den opulenten Garten hinter dem Schloss mit den riesigen Palmen, Sträuchern und Blumenbeeten durchquerte. Der plätschernde Springbrunnen bildete den Mittelpunkt der kreisförmig angelegten, parkähnlichen Gartenanlage.

Doch dann erinnerte er sich an das Versprechen, das er Guido vorhin gegeben hatte. Es einzulösen, würde die Angelegenheit noch heikler machen. Hoffentlich würde Guido sich noch sehr lange um seine Frau und Gabriela kümmern können.

Das Schloss Casa del Falcon mit der geschwungenen Fassade war vor mehr als fünfhundert Jahren aus einem einheimischen Marmor gebaut worden. Der strahlend weiße Marmor mit den rosafarbenen Adern war eine Rarität. Jahrhundertealte, blühende, wunderbar duftende Weinreben rankten sich an den Wänden empor und umrahmten die Fensteröffnungen, die mit Ausnahme der Fenster zu den Räumen im Hauptgeschoss nicht verglast waren, um die frische Meeresbrise hereinzulassen.

Die dicken Wände und hohen Decken, die von dunklen Balken getragen wurden, sorgten zudem dafür, dass es im Schloss auch bei großer Hitze angenehm kühl war. Fensterläden aus massivem Holz boten Schutz bei Stürmen.

Sie betraten einen der Korridore, die sich unter freiem Himmel befanden. Rechts ging es zur Küche und den Wirtschaftsräumen, links zu den Bereichen des Schlosses, die öffentlich zugänglich waren. Vom riesigen, lichtdurchfluteten Foyer aus gelangte man in den großen Salon, den offiziellen Bankettsaal und den Ballsaal. Über zwei ausladende Marmortreppen auf der gegenüberliegenden Seite erreichte man die Räumlichkeiten im ersten Stock. Die rechte Marmortreppe führte zum offiziellen Arbeitszimmer der Königin sowie zu seinem Arbeitszimmer, zu einer Bibliothek und zu den Büros für das Personal. Die linke Marmortreppe endete bei den Gästesuiten.

Verborgen hinter einer großen, geschnitzten Holztafel befand sich der Eingang zu einem Aufzug, mit dem man zur kleineren der beiden persönlichen Suiten gelangte, in der Königin Katalina residierte. Als er und Amelia geheiratet hatten, hatte sie ihm die größere Wohnung mit dem Kinderzimmer im Erdgeschoss überlassen.

Auf dem Weg zu Enriques persönlichen Räumen hielt Marcello inne und spähte zu einem gerahmten Schwert mit einem juwelenbesetzten Griff in einer Scheide hinauf, das an der Wand des Korridors hing. „Kann ich ein Schwert haben?“

„Nein.“

„Ich meinte ein Spielzeugschwert“, stellte der Junge klar.

Enrique zögerte. Er wollte auf Nummer sicher gehen. Heute hatte er schon genug riskante Dinge getan, um seinen Sohn glücklich zu machen. Immerhin galten Spielzeugwaffen bereits seit Langem als politisch unkorrekt.

„Nein.“

Marcello sah ihn herausfordernd an. „Du hast ein Schwert!“

Leider hatte sein Sohn ihn nur ein einziges Mal in voller Galauniform gesehen. Bei der Beerdigung seiner Mutter.

„Ja, ich trage es bei Zeremonien. Das Schwert ist kein Spielzeug.“

„Aber es könnte ein Spielzeug sein“, beharrte Marcello.

Enrique öffnete die Tür zu seiner Suite. Amelia hatte eine Weile versucht, sich mit der aufwendigen Renovierung der Räume von der großen Unzufriedenheit über die arrangierte Ehe abzulenken.

Jetzt sorgten klare Linien sowie neutrale Farbtöne für zeitlose Eleganz und abstrakte Gemälde für ein paar bunte Farbtupfer. Die geschmackvoll eingerichtete Suite erinnerte ihn an eine Penthouse-Wohnung in Los Angeles. Doch die Wohnung wirkte nicht im Geringsten einladend, warm oder gemütlich. Warum fiel es ihm erst jetzt auf?

Gabriela. Ihm behagte es nicht, dass er die Dinge anders wahrnahm, seitdem sie zurück auf der Insel war.

„Weißt du was? Wir fragen einfach Miss …“ In diesem Moment erinnerte er sich daran, dass Miss Penny gerade gekündigt hatte. Doch er verfügte über einen ganzen Stab an Kindermädchen. „Miss Caravanno“, fiel ihm der Name des Kindermädchens ein, das jetzt auf ihn zukam.

„Eure Hoheiten“, begrüßte die junge Frau die beiden Prinzen.

„Ja, Miss Caravanno wird es wissen.“ Insgeheim ärgerte er sich darüber, dass er die Verantwortung für die Entscheidung nicht übernehmen wollte. Doch seine Beziehung zu Marcello ließ ohnehin schon zu wünschen übrig. Er wandte sich an das Kindermädchen. „Halten Sie ein Schwert für ein geeignetes Spielzeug für einen Jungen?“

„Oh.“ Sie wand sich. „Das halte ich nicht für eine so gute Idee.“

Als Marcello ihm – und nicht Miss Caravanno – einen vernichtenden Blick zuwarf, erinnerte Enrique sich an Gabrielas erfolgreiches Ablenkungsmanöver und wechselte das Thema. „Ist es nicht Zeit für den Tee?“

„Stimmt. Im Kinderzimmer ist alles vorbereitet.“ Sie hielt Marcello die Hand hin, der sie ignorierte, das Kinn reckte und an ihr vorbeimarschierte.

Abends ging Enrique ins Kinderzimmer, um Marcello Gute Nacht zu sagen. Den Tag über hatte er viele Geschäftstermine wahrnehmen müssen, und abends hatte noch eine Wohltätigkeitsveranstaltung auf dem Programm gestanden. Er trug immer noch den Smoking, als er sich auf die Bettkante seines Sohnes setzte.

Das Personal hatte er bereits weggeschickt.

„Wie war der Rest deines Tages mit Miss Caravanno?“

„Ich mag sie nicht. Ich mag all diese Kindermädchen nicht.“ Marcello machte ein düsteres Gesicht. Doch dann kam ihm eine Idee. Er strahlte seinen Vater an. „Ich will Guidos ‚kleines Mädchen‘ als Kindermädchen haben!“

Enrique war nicht sicher, ob er sich Gabriela jemals wieder als kleines Mädchen vorstellen konnte, nachdem er sie halb nackt gesehen hatte. Außerdem hatte er wegen der Begegnung heute Morgen beschlossen, Gabriela zu meiden.

„Das geht nicht.“

Marcello brach in Tränen aus. „Ich will sie aber“, schluchzte er.

„Wir können nicht alles haben, was wir wollen.“

Wortlos drehte Marcello seinem Vater den Rücken zu und steckte sich trotzig den Daumen in den Mund.

Enrique brachte es nicht übers Herz, ihn wegen des Daumenlutschens erneut zu ermahnen. „Gute Nacht, Marcello.“ Als sein Sohn trotzig schwieg, verließ er das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Er zog die Smokingjacke aus, schenkte sich einen Drink ein, ging zum Fenster und blickte über die Gartenmauer.

Im Haus der Oliveras Licht brannte noch Licht.

Zu Gabriela hatte sein Sohn offenbar sofort Vertra...

Autor

Rachael Stewart
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