Julia Extra Band 588

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  • Erscheinungstag 21.07.2026
  • Bandnummer 588
  • ISBN / Artikelnummer 0820260588
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Kim Lawrence, Caitlin Crews, Mariah Ankenman, Jenni Fletcher

JULIA EXTRA BAND 588

Kim Lawrence

PROLOG

Als der Wagen in die lange, von Bäumen gesäumte Einfahrt der Villa bog, waren die Zimmer im Haus noch immer so hell erleuchtet wie zum Zeitpunkt ihres gehetzten Aufbruchs. Während der gesamten Rückfahrt vom Krankenhaus durch das Dunkel der Nacht hatte Amys Vater kein einziges Wort gesagt.

Sein Schweigen war weder entspannt noch angenehm, sondern eine spannungsgeladene, nervenaufreibende Abwesenheit von Geräuschen. Die ganze Fahrt über hatte er Amys Gegenwart nur in dem Moment zur Kenntnis genommen, als er ihren verstohlenen Blick auf ihr Handy bemerkt hatte, dessen Bildschirm zahlreiche verpasste Anrufe angezeigt hatte. Sein Blick war fast tödlich gewesen.

Amy hatte ihr Handy immer noch in der Hand, doch das furchterregend aussehende Profil ihres Vaters – sogar sein Doppelkinn strahlte Wut aus – hielt sie davon ab, das Gerät wieder aus ihrer Hosentasche zu ziehen. Voller Selbstverachtung verzog sie die Lippen.

Jetzt bist du auf einmal nicht mehr so mutig!, höhnte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf.

Vorhin war das noch anders gewesen.

Da hatte sich Amy völlig unbeirrt von der Reaktion ihrer Eltern gezeigt, obwohl ausnahmsweise nicht nur Amys Vater ausgeflippt war. Ihre Mutter war genauso entsetzt gewesen wie er.

Amy schüttelte abwehrend den Kopf, als sich die Szene wieder in Endlosschleife in ihrem Kopf abspulte. Als könne sie sie damit abschütteln.

Keine Chance! Wieder und wieder durchlebte Amy in ihrer Erinnerung die schreckliche Szene.

„Wie weit ist das Ganze gegangen?“, donnerte erneut die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf, kurz bevor die Endlosschleife zum Cliffhanger kam.

„Wie weit es gegangen ist?“, hatte sie zurückgefragt. „So weit wie ich wollte.“

Ihre Mutter hatte einen hohen Klagelaut ausgestoßen. „Mein Baby!“

Die Erinnerung machte Amys Schuldgefühle fast unerträglich.

„Mum, das hier ist kein viktorianisches Drama, und ich bin kein Kind mehr! Ich werde nächste Woche neunzehn!“

Amy war so gefangen in ihren schrecklichen Erinnerungen, dass sie zuerst gar nicht bemerkte, dass der Wagen angehalten hatte. Aber als ihr Vater seine Hand nach dem Türgriff ausstreckte, hielt sie ihn instinktiv am Ärmel fest. Wütend wirbelte er zu ihr herum und richtete den Blick demonstrativ auf ihre Hand, die sich im Tweed seines Jacketts festkrallte.

Schnell ließ sie ihn los. Er betrachtete den Stoff so angewidert, als hätte Amy ihn mit ihrer Berührung verunreinigt.

„Mum wird doch wieder gesund, oder, Dad?“

Trotz der zuversichtlichen Prognosen der Ärzte fiel es Amy immer noch schwer, daran zu glauben. Sie hatte dem Universum in jenem traumatischen Moment alles versprochen, wenn ihre Mutter nur wieder gesund wurde.

Und dann hatte sie das Bewusstsein tatsächlich wiedererlangt.

Amy verzog das Gesicht, als ihr Vater nur wortlos aus dem Wagen stieg und die Tür hinter sich zuschlug, statt zu antworten.

Die Außenbeleuchtung schaltete sich ein, als er auf die offene Eingangstür zuging. In dem Chaos, bevor sie dem Krankenwagen gefolgt waren, hatten sie sie anscheinend offen stehen lassen.

Amy biss sich auf die ohnehin schon wunde Unterlippe, als sie nun auch aus dem Wagen stieg. Die Nachtluft schlug ihr entgegen und kühlte ihre Haut, vermochte jedoch nicht ihr quälendes Gefühlschaos und ihre rasenden Gedanken zu beruhigen.

Aus reiner Gewohnheit warf sie einen Blick auf die Turmuhr über dem Bogengang zum Stallgebäude. Ihre Augen weiteten sich erschrocken, als sie sah, dass es schon halb zwei Uhr war. War es wirklich erst sechs Stunden her, als sie mit einem gepackten Koffer vor ihre Eltern getreten war und ihnen mitgeteilt hatte, dass sie ausziehen würde? Sie hatte sich ruhig und selbstsicher gegeben, obwohl ihr die Knie gezittert hatten und ihr schlecht vor Angst gewesen war.

Kein Wunder, ihr Ausbruchversuch war für sie ein Riesenschritt ins Ungewisse gewesen, nachdem sie ihr ganzes Leben lang in Watte gepackt worden war. Wobei sich die Watte in den letzten Jahren immer mehr nach einer Zwangsjacke angefühlt hatte …

Sechs Stunden! Das hieß, dass Leo schon seit fünf Stunden auf sie wartete. Dabei hatte sie schon eine Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt aufbrechen wollen, weil sie schreckliche Angst gehabt hatte, sich zu verspäten und Leo womöglich zu verpassen.

Ob er wohl immer noch auf sie wartete?

Was hatte er gedacht, als sie nicht aufgetaucht war?

Amys klamme Finger krallten sich um das Handy in ihrer Hosentasche. Sie wünschte, sie hätte zumindest noch einen Bruchteil ihres Muts von vorhin – die absolute Selbstsicherheit, die sie da noch beflügelt hatte.

Aber diese Sicherheit hatte sich in Luft aufgelöst, als sie ihre Mutter wie eine kaputte Puppe unter den Wiederbelebungsversuchen der Sanitäter hatte zucken sehen. Und da hatte ihr Vater ihr noch nicht mal sein schreckliches „Das ist nur deine Schuld!“ zugeknurrt.

Amy hatte inzwischen keinerlei Illusionen mehr. Die Liebe brachte keineswegs alles wieder in Ordnung, sie war nur ein naiver Irrglaube. Ja, unter dem Eindruck dieses Irrglaubens waren die Drohungen ihres Vaters einfach an ihr abgeprallt, sogar die Worte: „Wenn du jetzt durch diese Tür gehst, war‘s das – dann habe ich keine Tochter mehr!“

Sein Ultimatum hatte sie tief verletzt, aber sie war standhaft geblieben. „Schade, dass du nicht akzeptieren kannst, dass ich mit Leo zusammen bin. Ich liebe ihn und weiß genau, dass wir zusammengehören. Mir bleibt keine andere Wahl.“

Inzwischen wusste sie es jedoch besser; sie hatte sehr wohl eine Wahl. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen, als ihre Mutter das Bewusstsein wiedererlangt und kurz ihre Sauerstoffmaske weggezogen hatte, um Amy anzuflehen.

„Mach das nicht, Amy! Geh nicht mit ihm weg … Versprich es mir, versprich es mir!“

„Ich verspreche es dir, Mum.“

Amy folgte ihrem Vater nur langsam, der schon im Haus verschwunden war. Der prachtvolle Kronleuchter in der Eingangshalle erhellte die anmutig geschwungene Treppe, die Amy sechs Stunden zuvor schon halb runtergegangen war, als ihre Mutter plötzlich hinter ihr laut aufgeschrien hatte. Als Amy sich erschrocken zu ihr umgedreht hatte, hatte ihre Mum sich an die Brust gefasst und war zusammengebrochen.

Amy erinnerte sich nur noch vage daran, wie sie die Treppe wieder hochgerannt und neben dem leblosen Körper ihrer Mutter auf die Knie gefallen war.

Ihr Vater war ebenfalls dort gewesen, das Gesicht so rot wie das ihrer Mutter blass. „Bist du jetzt froh, nachdem du sie fast umgebracht hast?“

Amy verdrängte die Tränen, die bei der Erinnerung an diese Szene wieder in ihr aufstiegen. Sie senkte den Blick zu dem Handy in ihrer Hand und erinnerte sich daran, wie laut sie vorhin hatte sprechen müssen, um die auf sie einprasselnden Vorwürfe und Flüche ihres Vaters zu übertönen, während sie dem Notruf die verlangten Informationen gegeben hatte.

„Atmet sie noch?“, war die erste Frage gewesen.

„Ich weiß es nicht!“, hatte Amy verzweifelt ausgerufen. Sie war so panisch gewesen, dass es ihr schwergefallen war, den Anweisungen des Menschen am anderen Ende der Leitung zu folgen.

„Ja, ich glaube, sie kriegt Luft … Aber ihre Lippen sind blau. Herzdruckmassage? Ich … ja, okay …“

Bei der Ankunft des Krankenwagens hatte sie vor Erleichterung geschluchzt. Die Tränen waren ihr geradezu sturzbachartig über die Wangen geströmt, als sie aufgestanden war, um dem Notarzt Platz zu machen.

Die Fahrt zum Krankenhaus hatte sie nur noch verschwommen in Erinnerung. Es war alles so surreal gewesen. Nur an ein paar Details konnte sie sich noch genau erinnern. An den Anblick des Herz-Emojis auf ihrem Handybildschirm zum Beispiel, als man Amys Vater und sie auf dem Weg durch ein einziges Labyrinth aus piepsenden Geräten zum Bett ihrer Mutter gebeten hatte, ihre Handys auszuschalten …

Als Amy die erste Stufe der Treppe zur Eingangstür betrat, hörte sie die Schritte ihres Vaters im Haus und straffte die Schultern, um sich gegen den Moment zu wappnen, an dem sie dort allein mit ihm sein würde.

Noch während sie ihren Mut zusammennahm, hörte sie ein Rascheln und sah eine groß gewachsene, schmale Gestalt aus dem Schatten im Unterholz hervortreten.

„Leo!“, keuchte sie halb erschrocken und halb sehnsüchtig auf. „Ich … Du darfst nicht hier sein!“ Nervös warf sie einen Blick zur Haustür. Die Situation war auch ohne Leos Auftauchen schon schrecklich genug. Er hatte keine Ahnung, wie furchterregend der Zorn ihres Vaters sein konnte.

Als er einen Schritt näher kam, erhellte die Außenbeleuchtung seine Gesichtszüge. Das Licht betonte seine markanten Wangenknochen, seine perfekten, symmetrischen Gesichtszüge, seine schmale, gebogene Nase und seine sinnlich geschwungenen Lippen.

Seine maskuline Ausstrahlung war trotz der Dunkelheit deutlich spürbar. Genau wie die Gefahr, die von ihm ausging. Beides hatte sie von Anfang an zu ihm hingezogen, aber erst seine Leidenschaft und seine Empfindsamkeit hatten ihr Bedürfnis geweckt, mit ihm zusammen zu sein, und hatten ihre Lust in Liebe verwandelt.

Seine hyperdynamische Männlichkeit verschlug ihr auch jetzt wieder den Atem und löste ein heftiges Prickeln und eine mächtige Sehnsucht in ihr aus. Die Erkenntnis, dass sie ihn trotzdem wegschicken musste, war fast unerträglich.

„Wo warst du vorhin, Amy?“ Als er einen Schritt näher kam, wurde sein Gesicht wieder zur Hälfte in Dunkelheit getaucht. Die Emotionen in seinem Blick versetzten Amy einen schmerzhaften Stich. Er wirkte nicht verärgert, eher verwirrt. Er zog die dunklen Augenbrauen zusammen. „Ich habe auf dich gewartet …“

Sie wusste, wie verrückt das war, aber sie konnte seine Stimme buchstäblich spüren. Seine samtweiche Stimme mit dem faszinierend rauen Unterton ging ihr immer durch und durch.

„Was haben sie dir angetan?“

Ihr Körper neigte sich instinktiv nach vorn. Alles in ihr sehnte sich danach, sich in die Arme zu werfen, die er ihr entgegenstreckte. Nur zu gern wäre sie seiner stummen Aufforderung gefolgt, sich an seinen schlanken, sehnigen Körper zu schmiegen, Zuflucht in seiner Umarmung zu finden und den warmen, männlichen Duft seiner Haut einzuatmen. Wie gern würde sie jetzt den Kopf an seine Brust lehnen und seinem gleichmäßigen, kräftigen Herzschlag lauschen, um sich davon trösten zu lassen.

Den Rest der Welt vergessen und nur noch mit ihm zusammen sein.

In Leos Gegenwart fühlte sie sich immer viel mutiger und stärker als sonst. Es war, als bringe er ihr wahres Ich zum Vorschein. Mit ihm zusammen war Amy mehr sie selbst, als sie es vor ihm je gewesen war! Und seine Liebeskünste vertieften dieses Gefühl sogar noch. Sie machten ihr ihre ureigene Identität auf eine Art bewusst, die sie nicht in Worte fassen konnte.

„Ist Sex immer so?“, hatte sie ihn nach dem ersten Mal gefragt, weil sie keine Vergleichsmöglichkeiten gehabt hatte.

„Für mich nicht“, hatte er geantwortet und sie dabei genauso verwundert angesehen, wie sie sich gefühlt hatte …

Wie eine Schlafwandlerin ging Amy jetzt in der Dunkelheit einen halben Schritt auf ihn zu. Das war ihr schon passiert, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Ihr vegetatives Nervensystem hatte so verrücktgespielt, dass sie kaum noch hatte klar denken können. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so stark auf jemanden reagiert.

Anfangs hatte ihr das fast Angst gemacht. Nicht, dass sein Verhalten etwas Bedrohliches gehabt hatte, im Gegenteil sogar. Die Art, wie Leo bei ihrer ersten Begegnung die schlanken, gebräunten Finger über die Flanken eines nervösen Pferdes hatte gleiten lassen, war unglaublich sanft gewesen.

Der Anblick hatte einen solch schockierenden Ansturm von Empfindungen in ihr ausgelöst, dass sie kaum mitbekommen hatte, wie aufmerksam das scheue Tier den geflüsterten Worten des schönsten Mannes gelauscht hatte, den Amy je gesehen hatte. Als habe er ihre Gegenwart gespürt, hatte er den Kopf in ihre Richtung gedreht und sich die Hände an seiner abgewetzten Jeans abgewischt.

Als er ihren Blick erwidert hatte, hatte es Amy so heftig durchzuckt wie ein Stromschlag, und sie war von Kopf bis Fuß erschauert. Seine Augen hatten für einen Moment hungrig aufgeblitzt, bevor er ihr zugelächelt hatte. Und in diesem Moment war es endgültig um sie geschehen gewesen.

„Es tut mir so leid, Leo“, stieß sie hervor. Tränen brannten in ihren Augen, und ihre Brust fühlte sich an wie zugeschnürt.

Der Regen kam wie aus dem Nichts. Da Amy unter dem Vordach stand, blieb sie trocken, aber Leo war nach nur wenigen Sekunden komplett durchnässt. Er schien jedoch nicht zu merken, dass ihm das Wasser über das Gesicht strömte. Sein geliebtes Gesicht, das sie immer so gern berührt hatte.

Als sie ihren Vater hinter sich auftauchen spürte und sich halb zu ihm umdrehte, sah sie ein Handy in seiner Hand. Er streckte es aus wie eine Waffe, den Blick dabei warnend auf Leo gerichtet.

„Ich habe gerade die Polizei informiert, dass wir einen Einbrecher haben. Ich filme gerade alles, also halten Sie sich gefälligst von uns fern!“, fügte er hinzu, obwohl Leo sich nicht vom Fleck rührte. Er schien sogar zu wachsen und wirkte auf Amy in diesem Augenblick noch beeindruckender als sonst.

Er erwiderte den Blick von Amys Vater ein paar Sekunden, bevor er wieder zu Amy sah und forschend ihr Gesicht betrachtete. Sie sah keinen Zweifel an ihr in seinem Gesicht, nur Ermunterung. Die Tatsache, dass er nach wie vor komplettes Vertrauen zu ihr hatte und davon ausging, dass sie die Hand nehmen würde, die er ihr hinhielt, zerriss ihr fast das Herz.

Ein Ausdruck der Verwirrung huschte über seine markanten Gesichtszüge, bevor er den Blick wieder auf ihren Vater richtete.

„Ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen zu streiten. Ich bin wegen Amy gekommen.“

Verzweifelt starrte Amy seine Hand an. Ihr innerer Konflikt entlud sich in einem gequälten Aufkeuchen. „Du verstehst nicht, Leo …“

Mehrere Sekunden lang sahen sie einander stumm an, bevor er den Blick von Amy abwendete und die Hand sinken ließ. „Ich glaube schon. Du willst das hier.“ Mit seiner Hand machte er eine ausladende Geste, die die hell erleuchtete Villa miteinschloss. „Du willst nicht auf die Designerklamotten und … die Tennisclubs und die Skiurlaube verzichten. Im Grunde wolltest du das nie, oder?“ Er hob eine dunkle Augenbraue und zuckte die Achseln. „Ich glaube, ich verstehe dich sehr wohl“, stieß er hervor. Seine schöne Stimme klang dabei so rau wie gesplittertes Glas.

„So ist das gar nicht! Ich kann nur nicht …“

„Amy!“

Die scharfe, warnende Stimme ihres Vaters ließ sie erstarren.

„Es tut mir so leid, Leo, aber …“

Leo machte eine wegwerfende Geste. „Spar dir deine Erklärungen. Leb wohl, Amy. Es war … eine Erfahrung.“

Verzweifelt sah sie hinter ihm her, als er sich umdrehte und davonging. Es fühlte sich an, als würde Leo einen Teil von ihr mit sich nehmen.

1. KAPITEL

Neun Jahre später …

Blicklos blieb Leo Romano vor der verglasten Wand mit der aufregenden Aussicht auf die City stehen, während er mit einem knappen „Ciao!“ sein Telefonat beendete.

Er steckte sein Handy in eine Tasche seiner maßgeschneiderten dunklen Jeans und frottierte sich mit einem Handtuch das nasse Haar, bevor er das Tuch achtlos auf einen Designersessel warf. Sein dunkelblaues, noch nicht zugeknöpftes Seidenhemd enthüllte einen Streifen leicht behaarter, goldener Haut, unter der sich kräftige Muskeln abzeichneten. Die mattgoldene Schnalle seines noch nicht geschlossenen Gürtels war nur eine Schattierung heller als seine Haut.

Während er sich mit einer Hand das Hemd zuknöpfte, blieb er vor dem Tisch mit seinem aufgeklappten Laptop stehen. Auf dem Bildschirm war ein pausiertes Video von einer Frau zu sehen, die ein von zahlreichen Reportern mit Mikrofonen und Kameras belagertes Gebäude verließ. Das Chaos um sie herum musste höllisch sein, aber obwohl sie etwas blass aussah, wirkte sie ruhig und gefasst und hatte den Kopf hoch erhoben, wobei sie ihren schönen, schlanken Hals zeigte.

Ihr volles karamellbraunes Haar – Haar, durch das er früher so oft die Finger hatte gleiten lassen –, trug sie in einem dicken, fest um das ovale Gesicht gesteckten geflochtenen Zopf. Die puritanische Frisur verbarg nichts, aber es gab auch nichts zu verbergen.

Amy Sinclair war traumhaft schön – schöner sogar noch als vor neun Jahren.

Ihre zarten Gesichtszüge und ihre sanften, von dunklen Wimpern umrahmten braunen Augen harmonierten perfekt mit ihren vollen, sinnlichen Lippen – Lippen, die schon Tausende Männerfantasien beflügelt hatten. Vor allem meine!, dachte Leo grimmig.

Es war total frustrierend, wie schwer es ihm fiel, den Blick von Amys Gesicht abzuwenden. Am demütigendsten fand er ihre körperliche Wirkung auf ihn, die sich in einer nicht zu ignorierenden glühenden Hitze in seinen Lenden zeigte. Dabei war er sonst immer so stolz darauf, in allen Lebenslagen einen kühlen Kopf zu behalten und seine Emotionen perfekt im Griff zu haben. Das hatte er vor allem Amys Zurückweisung zu verdanken. Wenigstens etwas.

Leo holte ein paar Mal tief Luft, presste die Lippen zusammen und ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass die Knöchel seiner langen braunen Finger weiß hervortraten, bevor er seinem Laptop den Rücken zukehrte. Auch nach neun Jahren noch fiel es ihm schwer, bei Amys Anblick nichts zu empfinden.

Aber jetzt war endlich der Moment gekommen, sich zu dieser Schwäche zu bekennen, und sie ein für alle Mal zu überwinden.

Wird auch höchste Zeit, dachte er voller Ungeduld und Selbstverachtung.

Neun Jahre lang hatte er sich einzureden versucht, dass die Sinclair-Familie für ihn Geschichte war und nur noch in einer staubigen Ecke seiner Erinnerung existierte.

Dass er Amy längst überwunden hatte.

Aber diese Illusion war spätestens in dem Augenblick geplatzt, als der George-Sinclair-Skandal überall Schlagzeilen gemacht hatte: Reicher Finanzier mit der Hand in der Kasse erwischt.

Eigentlich wäre es damals das Vernünftigste gewesen, schadenfroh grinsend dem Karma zuzuprosten und wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Stattdessen war Leo seitdem geradezu besessen von der Story. Er gestand sich das nur äußerst widerstrebend ein, aber wie sonst sollte er sein schon fast enzyklopädisches Wissen über jeden Zeitungsartikel, Fernsehbeitrag und Podcast über Sinclairs Gerichtsverhandlung und seine anschließende Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe bezeichnen? Zusätzlich hatte er sämtliche aufzutreibenden Informationen, darunter auch Fotos, zu Sinclairs Tochter gesammelt, deren „Loyalität“ und „stille Würde“ ihr anscheinend eine große öffentliche Fangemeinde eingebracht hatten.

Wie sich leider herausgestellt hatte, gab es viele Fotos von ihr – und er hatte sich jedes einzelne davon angesehen.

Leo hatte auch sämtliche Spekulationen abgespeichert, sowohl die völlig durchgeknallten als auch die glaubhafteren, die im Umlauf gewesen waren. Viele Menschen bewunderten Amy Sinclair dafür, eine so treue, ergebene Tochter zu sein, aber es gab auch etliche Verschwörungstheoretiker, die fest davon überzeugt waren, dass sie in Wirklichkeit diejenige war, die im Hintergrund die Fäden gezogen hatte und ungeschoren davongekommen war. Ein paar richtig Durchgeknallte hatten sogar fantasiert, dass sie vom Mars kam.

Er hatte absolut alles gelesen, gesehen und gehört – und das nur, weil Amy Sinclair ihn vor neun Jahren zurückgewiesen hatte.

Eigentlich dachte ich, ich sei darüber hinweg.

Darauf gestoßen zu werden, dass das ein Irrtum war, hatte natürlich nicht gerade positive Gefühle gegenüber der Urheberin seiner Demütigung geweckt. Und auch sich selbst begegnete Leo keineswegs verständnisvoll. Warum kam er nicht über diese Frau hinweg?

Er war schließlich nicht der einzige Mensch auf der Welt, der von seiner ersten großen Liebe zurückgewiesen worden war! Und mit Zurückweisung hatte er ja schon vor Amy zu tun gehabt, angefangen bei seiner Mutter. Okay, streng genommen hatte ihn seine Mutter zwar nicht zurückgewiesen, sie war gestorben. Was sich für ihn als Kind jedoch sehr wohl wie eine Zurückweisung angefühlt hatte.

Nach ihrem Tod war Leo in Pflege gekommen, was ihm ein paar sehr unschöne Erfahrungen eingebracht hatte, obwohl die meisten Pflegeeltern es nur gut mit ihm gemeint und ihr Bestes gegeben hatten. Doch Leo hatte kein Vertrauen fassen können. Sogar die besten Pflegeeltern waren nie ganz warm mit ihm geworden, weil er so unnahbar gewesen war. Es war nun mal nicht leicht, sich für ein Kind zu erwärmen, das weder lächelte noch weinte.

Die Schule hatte seinem wachen Verstand nicht genug Stimulation gegeben. Auf seinem Abschlusszeugnis hatte mehr oder weniger gestanden, dass er ein Einzelgänger war, aber gut mit Tieren umgehen konnte.

Als er Amy Sinclair das erste Mal begegnet war, hatte er in einem Reitstall ausgeholfen, der auch alten oder misshandelten Pferden Unterschlupf geboten hatte. Sie hatte zu den reichen Mädchen gehört, die dort unentgeltlich arbeiteten – genau die Sorte Mädchen, von der er sich immer ferngehalten hatte.

Aber Amy war der erste Mensch in seinem Leben gewesen, der an ihn geglaubt hatte.

Leider hatte sich auch das als Illusion herausgestellt. Anscheinend hatte sie ihn immer nur hingehalten, wenn sie sich eine gemeinsame Zukunft ausgemalt hatten. Wahrscheinlich hatte der Reiz ihres Flirts mit einem jungen Mann aus ärmlichen Verhältnissen irgendwann nachgelassen. Denn als es ernst mit ihren Plänen geworden war, ihren märchenhaften Prinzessinnen-Lebensstil gegen ein Leben mit einem „hoffnungslosen Loser“ einzutauschen, wie ihr Vater es so charmant formuliert hatte, hatte sich ihr wahres Ich offenbart.

Leo blickte nicht gerade mit Stolz auf die Zeit unmittelbar danach zurück – jene Wochen und Monate, in denen er in Selbstmitleid versunken war und Zuflucht in Alkohol gesucht hatte. Nach dieser Phase hatte er sich dann eingeredet – und auch wirklich geglaubt –, dass er Amy überwunden und seine Lehren aus der Erfahrung mit ihr gezogen hatte. Wann immer er später auf seine frühere Leichtgläubigkeit zurückgesehen hatte, war er mit einer Mischung aus Scham, Verachtung und Fassungslosigkeit erfüllt gewesen.

Etwas Positives hatte die Erfahrung jedoch gehabt: Seit damals war er immun gegen Herzschmerz. Leo hatte keine Frau mehr in sein Herz gelassen und würde das auch nie wieder tun. Den Begriff Seelengefährtin hatte er ein für alle Mal aus seinem Vokabular entfernt. Außerdem hatte er herausgefunden, dass er die Fähigkeit hatte querzudenken und alles andere als ein Loser war.

Er hatte angefangen, mit Kryptowährungen zu spekulieren, und war damit sehr schnell sehr reich geworden. Das hatte ihm Gott sei Dank die nötige Selbstsicherheit gegeben, ganz cool und pragmatisch auf den nächsten unvorhergesehenen Schlag zu reagieren.

Wie sich nämlich herausgestellt hatte, hatte er doch noch Blutsverwandtschaft, und zwar in Form eines stinkreichen italienischen Großvaters, der davon ausgegangen war, dass Leo über diese Neuigkeit so außer sich vor Freude sein würde, dass er alles mit sich machen lassen würde.

Am liebsten hätte Leo diesen Fremden, der seine einzige Tochter rausgeworfen hatte, nur weil sie sich in einen Mann verliebt hatte, mit dem er nicht einverstanden gewesen war, zum Teufel geschickt. Er hatte absolut kein Interesse daran gehabt, in die Fußstapfen des alten Mannes zu treten, zumal er selbst genug Geld hatte und nicht auf irgendein Erbe angewiesen war.

„Glaubst du etwa, mich interessieren dein Geld oder die Romanos, ganz egal, wie alt und adlig die Familie ist? Du bist zu mir gekommen, weil du sonst keine Erben hast! Vielleicht hättest du mal rechtzeitig darüber nachdenken sollen, ob es wirklich eine so gute Idee ist, meine Mutter rauszuwerfen!“

Ein ironisches Lächeln umspielte Leos Lippen, als er an diese erste Begegnung mit seinem Großvater dachte, die, höflich ausgedrückt, ziemlich stürmisch verlaufen war. Im Laufe ihrer Zusammenarbeit hatte es noch viele weitere Stürme gegeben. Sogar jetzt noch, wo sich der alte Mann aus den Alltagsgeschäften des Romano-Imperiums zurückgezogen hatte, gerieten sie gelegentlich aneinander.

Aber Männer, die ihre Töchter den Wölfen zum Fraß vorwerfen, erfüllten Leo nun mal nicht mit Respekt und Hochachtung, auch wenn sein Großvater und er sich im Laufe der Jahre nähergekommen waren.

Sein Lächeln erlosch, als er den Blick wieder auf seinen Laptopbildschirm richtete.

Schwache, fügsame Töchter, die ihren verbrecherischen Vätern gegenüber loyal waren, erfüllten ihn auch nicht gerade mit Respekt!

Grimmig klappte er den Laptop zu. Aus irgendeinem ihm schleierhaften Grund hatte er zugelassen, dass sich die Geister der Vergangenheit wieder in seinem Kopf einnisteten. Aber schon bald würde er sie endgültig loswerden und dann sein normales Leben wiederaufnehmen, das er ehrlich gesagt ziemlich gut fand.

Vor neun Jahren war er noch nicht in der Lage gewesen, sich an der Familie zu rächen, die ihn so gedemütigt hatte. Jetzt schon.

Entschlossen die breiten Schultern straffend griff er nach seiner Lederjacke. Diesmal bestimmte Leo, wo es langging!

Als er sich hinters Steuer seines Wagens setzte, warf er einen Blick auf seine schmale, mit Platin eingefasste Armbanduhr. Die Fahrt zu dem Foodtruck, in dem Amy den im Internet veröffentlichten Kundenbewertungen zufolge wahre kulinarische Wunder verbrachte, würde nur eine halbe Stunde dauern.

Sie hatte sich von der renommierten Chefköchin eines schicken Sternerestaurants, das ihrem Vater gehört hatte, in eine schnöde Imbisswagenbetreiberin verwandelt. Amys gesellschaftlicher und beruflicher Absturz war ähnlich erstaunlich gewesen wie Leos Aufstieg.

Seinen Recherchen zufolge musste sie jetzt noch dort sein, obwohl die Verkaufszeit bereits beendet war. Anscheinend blieb sie täglich etwas länger, weil sie nur die Unterstützung einer ihr von der Agentur für Arbeit zugewiesenen Hilfskraft und eines einst berühmten Kochs hatte, der wieder dem Alkohol verfallen war.

Dabei hätte Amy eigentlich gnadenlos scheitern müssen, seit Daddy in ihrem Leben nicht mehr den Ton angab und ihr kein Restaurant mehr zum Spielen bereitstellte. Wahrscheinlich hatte er auch immer alle Männer abgesegnet, mit denen sie eine Beziehung beginnen wollte.

Schon seit Jahren wartete Leo darauf, dass sie scheiterte.

Aber bisher war es noch nicht dazu gekommen.

Es war allgemein bekannt, dass Amy die Angebote mehrerer Klatschmagazine und Verlage ausgeschlagen hatte, ihre Story zu veröffentlichen, was sogar zu lukrativen Verfilmungen hätte führen können. Leo hatte vermutet, dass sie nur versuchte, den Preis hochzutreiben, so riskant diese Strategie auch wäre. Aber es hatte nie eine tränenreiche Story gegeben. Stattdessen war Amy irgendwann als Miteigentümerin von Gourmet Gypsy aus der Versenkung wiederaufgetaucht. Im Grunde genommen war ihr Foodtruck nichts anderes als ein besserer Imbisswagen. Sie hätte sich ihr Leben erheblich leichter machen können.

Aber obwohl die High Society sie ausgestoßen hatte, hatte Amy anscheinend immer noch gute Beziehungen zur Restaurantszene, denn die Kritiken waren gar nicht so übel. Mehrere Restaurantkritiker hatten sich lobend über sie geäußert, und finanziell schien sie auch irgendwie über die Runden zu kommen.

Man bezeichnete sie als resilient. Als kreativ und als echtes Arbeitstier.

Für so einen guten Ruf brauchte man allerdings eine starke Persönlichkeit, und wenn Leo eins wusste, dann, dass Amy nicht stark war. Die Lobhudeleien über sie waren für ihn daher unerträglich gewesen.

Als ihr Vater dann vorzeitig aus der Haft entlassen worden war und geheime Informationen zu einem plötzlichen Cashflow durchgesickert waren, hatte Leo endgültig Bescheid gewusst. Amy hatte Daddys Anweisungen wie immer brav befolgt, und ihr Foodtruck gehörte offensichtlich zu seinem Plan. Er bot eine ideale Fassade, um Daddy und seinen neuen Kumpels Geldwäsche zu ermöglichen.

Leo wusste nur nicht, ob Amy bei dieser Masche bewusst mitmachte oder ob sie nur eine unwissende, leichtgläubige Schachfigur war. Es wurde endlich Zeit, das herauszufinden.

Eine halbe Stunde später stellte Leo den Motor seines Wagens aus. Von seinem Standort aus hatte er den Foodtruck mit dem seitlichen Logo „Gourmet Gypsy“ gut im Blick. Im Inneren brannte noch Licht. Er konnte eine schmale, weibliche Gestalt darin hin- und hergehen sehen.

Schließlich ging das Licht aus, die Tür wurde geöffnet, und Amy kam heraus, in eine hässliche dicke Jacke gehüllt. Sie schloss erst das Servierfenster und dann die Tür ab.

Die männlichen Jugendlichen in Hoodies ein paar Meter weiter weg, die eine Flasche Alkohol herumreichten und so wirkten, als seien sie nicht nur vom Alkohol high, schienen ihr gar nicht aufzufallen.

Wie in so vielen Londoner Stadtvierteln waren extreme Armut und Reichtum auch hier enge Nachbarn. Der Gourmet-Imbisswagen schien sich in einer Art Niemandsland zwischen schäbigen Häusern und schicken, exklusiven Läden zu befinden.

Als Leo aus seinem Wagen stieg, wurde ihm plötzlich die Ironie der Situation bewusst: Er war gekommen, um Amy zu bestrafen. Und jetzt würde er sie vielleicht stattdessen retten.

Amy kippte vor Müdigkeit fast um, war aber gleichzeitig fast dankbar für ihre Erschöpfung, weil sie sie wenigstens von ihren Sorgen ablenkte. Sie machte sich nämlich gerade eine Menge Sorgen. Vor allem, seit sie sich dazu bereit erklärt hatte, die neue Firma ihres Vaters auf ihren Namen laufen zu lassen.

Aber natürlich war sie froh, dass er eine neue Aufgabe hatte, und stolz auf ihn, weil er beschlossen hatte, seine früheren Investoren für die Verluste zu entschädigen, die er mit seinen „Fehlentscheidungen“ verursacht hatte, wie er es so gern formulierte. Anscheinend wurden ehemaligen Häftlingen wie ihm von den Behörden jede Menge Steine in den Weg gelegt, sodass es sehr schwer war, ohne Unterstützung wieder auf die Beine zu kommen.

Sie musste an den traumatischen Abend unmittelbar vor seiner Gerichtsverhandlung denken, als sie ihn inmitten leerer Tablettenfläschchen auf dem Sofa gefunden hatte. Sie war vorher so sauer auf ihn gewesen, dass sie ihm ständig aus dem Weg gegangen war. Mit dem Resultat, dass er fast gestorben wäre. Gott sei Dank war alles noch mal gut ausgegangen!

Nur zu gern hatte Amy ihm nach seiner Entlassung aus der Haft helfen wollen, wieder auf die Beine zu kommen. Deshalb hatte sie auch diese Geschäftspapiere für ihn unterschrieben, die ihr jetzt solche Sorgen machten. Aber da ihre Mutter kurz vor seinem Gefängnisaufenthalt gestorben war, war ihr Vater ihre einzige noch verbliebene Familie …

Amy zog ihr Handy aus ihrer Jackentasche und warf einen Blick auf die Zeitanzeige, um die Dauer ihres Heimwegs abschätzen zu können. Sie war kürzlich in eine Wohnung gezogen, die sie sich eigentlich kaum leisten konnte, aber nach der Entlassung ihres Vaters hatte sie unbedingt ein weiteres Schlafzimmer gebraucht. Na ja, wenigstens war die Wohnung ruhig und lag nur fünf Minuten von der nächsten U-Bahn-Station entfernt.

Seufzend wollte sie gerade ihr Handy wieder wegstecken, da wurde es ihr grob aus der Hand gerissen. Erschrocken wirbelte sie herum und sah sich mehreren männlichen Jugendlichen gegenüber, die sie lachend und johlend einzukreisen begannen. Amy stieß einen Protestlaut aus und ignorierte die warnende Stimme in ihrem Hinterkopf, die ihr riet, die Flucht zu ergreifen. Sie konnte sich nämlich beim besten Willen kein neues Handy leisten, und außerdem wäre es viel zu mühsam, alles neu einzurichten.

„Mein Handy ist ein ganz altes Modell. Ihr könnt damit nichts anfangen, aber ich brauche es.“ Sie versuchte, möglichst ruhig und sachlich zu klingen, verstand aber kaum ihre eigene Stimme, so laut dröhnte ihr eigener Herzschlag in ihren Ohren.

Der Typ, der ihr das Handy weggenommen hatte, lachte nur höhnisch und machte eine abfällige Bemerkung zu seinen Begleitern, die jedoch plötzlich verschwunden waren. Amy nutzte seine offensichtliche Verblüffung dazu, ihm das Handy schnell wieder wegzunehmen.

„Bitch!“, knurrte er und griff nach ihr.

Amy hatte sich schon öfter gefragt, wie sie sich wohl in so einer Situation verhalten würde, auch wenn sie nie ernsthaft damit gerechnet hatte, dass es je dazu kommen würde. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass sie dann weglaufen würde, weil sie ziemlich schnell war. Und sollte das aus irgendeinem Grund nicht möglich sein, würde sie eben versuchen, sich irgendwie aus der Situation herauszureden.

Mit Gewalt zu reagieren, wäre ihr im Traum nicht eingefallen.

Wie sich jedoch herausstellte, sah in der Realität alles ganz anders aus als in der Fantasie! Ihr mit Panik vermischter Instinkt schaltete sich nämlich ein, sodass sie begann, sich heftig zur Wehr zu setzen. Sie verspürte einen Anflug von Genugtuung, als sie absichtlich mit voller Kraft auf etwas trat, dass sich wie ein Fuß anfühlte. Hoffentlich war es auch einer!

Das Fluchen des Typen legte nahe, dass ihre Hoffnung sich erfüllt hatte. Doch als er ihr plötzlich von hinten mit einem Arm den Hals zudrückte, schaltete ihre nackte Panik alle anderen Emotionen aus.

Ihr wurde schwarz vor Augen, und das Handy rutschte ihr aus den taub werdenden Fingern. Doch dann bekam sie plötzlich wieder Luft. Als ihr Gehirn wieder halbwegs funktionierte, sah sie eine groß gewachsene Gestalt aus einem Augenwinkel. Wie eine losgelassene Marionette sank sie in die Knie und blieb schwer atmend in dieser Position, während sie gegen einen Würgereiz ankämpfte. Was sich außerhalb ihres Gesichtsfelds abspielte, bekam sie nur halb mit. Und dann herrschte plötzlich Stille.

Die Augen immer noch geschlossen, fragte sie den Menschen, dessen Gegenwart sie hinter sich spüren konnte, heiser: „Sind sie weg?“

„Ja, sind sie.“ Darauf folgten ein paar heftige Flüche in einer Sprache, die sie zwar als Italienisch identifizieren, aber nicht verstehen konnte.

Diese Stimme hingegen würde sie in jeder Sprache wiedererkennen.

Amy brauchte sich nicht nach ihm umzudrehen, um zu sehen, dass Leo wirklich da war, auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie er hierhergekommen war.

Hatte sie vielleicht den Verstand verloren?

Oder einen Schlag auf den Kopf bekommen?

Beides käme ihr zumindest erheblich wahrscheinlicher vor als Leos Gegenwart an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt. Ihr Herz hämmerte laut in ihrer Brust, als sie die feuchten Hände von ihren Oberschenkeln löste und sich langsam aufrichtete. Rasch glättete sie mit einer Hand ihr zerzaustes Haar, weil sich ihr Zopf während des kurzen Zweikampfs gelöst hatte, und schlug die Augen auf.

Er lehnte mit einer Schulter gegen eine Häuserwand und strahlte Nonchalance und Eleganz aus. Jedes Haar saß an seinem Platz.

„Leo …“ Sie brachte nicht mehr als ein heiseres Flüstern zustande, als sie ihn ungläubig anstarrte. Seine klassischen, edlen Gesichtszüge waren noch genauso faszinierend symmetrisch wie früher. Ihr Gehirn schien eine Art Kurzschluss zu haben, denn Vergangenheit und Gegenwart verschwammen für einen Moment miteinander.

Sie hatte nie vergessen, wie verletzt und enttäuscht er ausgesehen hatte, bevor sie auseinandergegangen waren.

In diesem Augenblick wirkte Leo jedoch nicht verletzt, sondern eher abweisend. Und trotz seiner lässigen Körperhaltung strahlte er eine gewisse Anspannung aus, auch wenn man das leicht übersehen könnte. Amy kannte Leos Gesicht – oder zumindest eine jüngere Version davon – jedoch so gut, dass ihr nichts entging. Weder die kleine Narbe neben seinem Mund – sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie sie berührt hatte – noch seine sündhaft magnetische, männliche Ausstrahlung.

Amy fühlte sich plötzlich so schwach und so überwältigt von längst verdrängten Emotionen, dass sie schützend die Arme um sich selbst schlang. Sie begann, von Kopf bis Fuß zu zittern, obwohl ihr gleichzeitig total heiß wurde.

Leo war hier. Das war Fakt, so surreal es auch war. Er war noch derselbe Mann wie früher und zugleich irgendwie anders. In den letzten neun Jahren war er kräftiger und muskulöser geworden, und sein faszinierendes Gesicht mit der breiten Stirn, der gebogenen Nase und den sündhaften Lippen hatte einen härteren Ausdruck. Und mit seinen dunklen Augen schien er ihr direkt in die Seele zu blicken …

Als ihr Verstand wieder zu funktionieren begann, sagte sie sich, dass ihre intensive emotionale und körperliche Reaktion auf ihn auf nichts weiter als sexuelle Anziehung zurückzuführen war. Und so abartig stark sie auch war – es steckten nur Hormone und Chemie dahinter.

Mehr nicht.

Sie könnte – sollte – jetzt unendlich viel sagen, aber das Einzige, das sie etwas vorwurfsvoll hervorbrachte, war: „Du sprichst ja Italienisch!“

Ihr verräterischer Unterleib verkrampfte sich lustvoll, als er die Lippen zu einem charmanten Lächeln verzog. „Es kam mir irgendwie angebracht vor, die Sprache meiner Mutter zu lernen.“

„Selbstverständlich. Herzlichen Glückwunsch übrigens. Es muss schön sein, endlich eine Familie zu haben.“

„Das hat dich bestimmt tief getroffen, oder?“

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht ganz, was du meinst …“

„Meine Familie könnte jetzt auch deine sein – das meine ich damit.“

Sie verdrängte einen Anflug von Ärger. „Ob du es glaubst oder nicht – ich habe mich für dich gefreut.“

„Die meisten Menschen würden dir das wahrscheinlich abnehmen, aber ich nicht.“

Tief Luft holend beschloss Amy, das Thema zu wechseln. Sie musste sich dringend von ihren Erinnerungen ablenken – und von Leos unübersehbarer Verachtung für sie. „Hast du sie vertrieben, diese Jugendlichen?“

Er zuckte die Achseln. „Wir haben ein paar höfliche Worte miteinander gewechselt, und dann sind sie gegangen. Keine Ursache übrigens.“ Sein Lächeln spiegelte sich nicht in seinen von dunklen, vollen, gebogenen Wimpern umrahmten Augen wider.

„Ich hatte auch nicht vor, mich bei dir zu bedanken. Ich hatte die Situation voll im Griff.“ Als seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde überrascht aufblitzten, reckte sie das Kinn noch etwas höher.

„Na klar doch.“

Sie ignorierte seinen Sarkasmus. „Also, ich weiß ja nicht, warum du hier bist, aber ich glaube nicht an Zufälle, also …?“

„Dann hast du dich anscheinend verändert, denn früher hast du sogar an den Osterhasen geglaubt“, sagte er verächtlich.

„Das ist neun Jahre her. Ich habe mich verändert, Leo.“

In all diesen Jahren hatte sie es so gut es ging vermieden, seinen Namen auszusprechen oder auch nur zu denken. Leo war lediglich in ihren Träumen aufgetaucht. Gegen ihr Unterbewusstsein war sie leider machtlos.

Und trotzdem hätte sie ihn und seine Stimme sogar im Stockdunkeln sofort wiedererkannt.

Auch er hatte sich verändert, wie ihr erneut auffiel, als sie ihn etwas gründlicher betrachtete und seine breiten Schultern sah. Seine gepflegte Erscheinung und seine teuer aussehende Lederjacke verringerten nicht die schiere Macht seiner Ausstrahlung, die sie schon bei ihrer ersten Begegnung so in den Bann gezogen hatte.

Inzwischen war jedoch noch ein weiterer Aspekt hinzugekommen – eine gewisse Härte. Amy sah sie nicht nur in seinen schönen, strengen Gesichtszügen, sondern auch in seiner Körperhaltung. Er strahlte eine Arroganz aus, die er vor neun Jahren noch nicht besessen hatte. Er verströmte die absolute Selbstsicherheit eines Mannes in den besten Jahren, der genau wusste, dass er sich in der Nahrungskette ganz oben befand.

Der primitive Schauer, der ihr bei seinem Anblick über den Rücken rieselte, und das heiße Pochen zwischen ihren Oberschenkeln waren ihr total peinlich. Irgendwie ekelte sie sich vor sich selbst, aber wenigstens würde sie sich nicht mehr voller Leichtsinn in die Aufregung werfen, die Leo zu verheißen schien. Denn auch wenn sie noch genauso intensiv auf ihn reagierte wie früher – sie selbst hatte sich ebenfalls verändert.

Inzwischen wusste sie, dass gewisse Entscheidungen Konsequenzen hatten.

Leo wegschicken zu müssen, war das Schmerzhafteste und Härteste gewesen, wozu sie je gezwungen gewesen war. Und dass er zu allem Überfluss auch noch gedacht hatte, dass sie ihn einfach fallen ließ, hatte ihren Schmerz nur noch verschlimmert.

Wenn sie nur wüsste, was gerade in ihm vorging! Sein Gesicht war nämlich beunruhigend ausdruckslos. Er war ihr total fremd geworden.

Er war zwar noch genauso schön wie damals – der schönste Mensch, den sie je gesehen hatte –, aber seine etwas ungelenke, jungenhafte Schlacksigkeit war verschwunden.

Aufregend.

Das Wort schoss ihr ungebeten durch den Kopf. Sie senkte die Lider, um zu verbergen, wie sehr seine Gegenwart sie aus der Fassung brachte. Er hatte eine ähnlich verstörende Wirkung auf sie wie die jungen Rowdys, die er gerade verscheucht hatte. Wenn auch auf ganz andere Art.

Leo fiel auf, dass Amy entschlossen die Schultern straffte und den Kopf hob. Sie wollte offensichtlich versuchen, sich cool zu geben, aber ihm konnte sie nichts vormachen. Es amüsierte ihn irgendwie, dass sie zu glauben schien, dass er sie nicht durchschaute.

Amy reagierte nämlich noch genauso stark auf ihn wie früher, das wusste er genau. Neun Jahre waren zwar eine lange Zeit, aber sie hatte immer noch nicht gelernt, ihm nicht zu zeigen, wie sehr sie ihn begehrte.

„Du hättest ihnen dein Handy geben sollen!“, hörte er sich mit einem solchen Ärger herausplatzen, dass Amy unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

Mit der Zungenspitze befeuchtete sie sich die trockenen Lippen, womit sie prompt seinen Blick auf sich zog und ihm einen unartikulierten rauen Laut entlockte.

Das Geräusch riss sie ruckartig aus ihrer Trance. Blinzelnd richtete sie den Blick von seinem Gesicht auf das Handy, das er vom Boden aufgehoben hatte und ihr nun hinhielt.

„Hier. Du warst bereit, dafür zu kämpfen, also nimm es.“

Seinen spöttischen Tonfall ignorierend, griff sie nach ihrem Handy. Als sie dabei Leos Finger streifte, rieselte ihr wieder ein heftiger Schauer über den Rücken. Sie presste das Handy an die Brust. Es fiel ihr sehr schwer, den Mann anzusehen, den sie früher mal so geliebt hatte.

Geliebt und verlassen …

Nach jener schicksalhaften Nacht hatte sie Monate gebraucht, um mit Leos Verlust klarzukommen.

Manchen Menschen ist es eben einfach nicht bestimmt, zusammen zu sein.

Sie nickte langsam, als ihr diese Erkenntnis durch den Kopf schoss, bevor sie wieder den Blick zu Leo hob und sich zu einem Lächeln zwang. Ihr Gesicht schmerzte zwar geradezu davon, aber immerhin gelang es ihr. Was besser war als die Alternative – zusammenhangloses Geschwafel.

„Mein ganzes Leben befindet sich auf diesem Handy …“ Sie versuchte zu lachen, aber auch das schien ihr nicht besonders überzeugend zu gelingen, denn sein Gesicht verfinsterte sich plötzlich.

„Dein Leben?“, stieß er durch zusammengebissene Zähne hervor. „Dass du dich allein zu dieser Uhrzeit in einer solchen Gegend aufhältst, spricht nicht gerade dafür, dass dir dein Leben besonders lieb ist!“

„Diese Gegend ist doch total harml…!“ Sie verstummte abrupt und holte tief Luft, als ihr bewusst wurde, dass sie diese Situation eher entschärfen sollte, statt sich mit Leo zu streiten. „Hör zu, ich bin dir sehr dankbar für dein Eingreifen, aber ich hätte die Situation auch allein bewältigt.“

„Ach ja? Bist du dir da so sicher?“

Amy errötete vor Ärger. „Ja!“ Sie versuchte, ihren zerzausten Pferdeschwanz wieder hochzustecken, aber er rutschte sofort aus den Nadeln. So viel zu ihrem Versuch, ihre Würde zu retten.

Wie konnte Leo es wagen, ihre geschäftlichen Entscheidungen zu hinterfragen? Er hatte inzwischen eine neue Familie und ein völlig neues Leben! Was wusste er schon über ihres?

Sie warf ihren zerzausten Pferdeschwanz über eine Schulter und räusperte sich. „Sorry. Wie schon gesagt, ich bin dir sehr dankbar für deine Hilfe, aber ich will einfach nur …“ Sie schluckte, als sie plötzlich einen Kloß im Hals bekam, der ihre Stimmbänder belegte und ihr, schlimmer noch, die Tränen in die Augen trieb. „Ich will einfach nur nach Hause“, fügte sie mit kläglicher Stimme hinzu.

Sie holte tief Luft, um sich wieder zu beruhigen, was ihr jedoch nicht gelang. Wieder räusperte sie sich. „Das hier ist alles ein bisschen schräg, findest du nicht? Dass du hier bist, meine ich. Und dann auch noch so …“ Wieder verstummte sie, um ihm nicht die banale Frage zu stellen, ob er trainierte. Lieber sagte sie gar nichts mehr.

„Hast du denn keine Leibwächter?“

Amy musste lachen. Die Frage bewies, wie weit sich dieser Mann hier von dem Leo entfernt hatte, den sie früher gekannt hatte.

„Klar habe ich welche. Ich habe ihnen heute nur freigegeben.“ Sie betrachtete ihn irritiert, als er keine Miene verzog. Früher hatte er mal Sinn für Humor gehabt. „Mal ehrlich, normalerweise ist hier abends nie etwas los, und außerdem habe ich Selbstverteidigungskurse belegt.“ Das stimmte zwar nicht, aber das brauchte er nicht zu wissen.

„Echt?“ Herausfordernd hob er eine Augenbraue. Er schien ihr ihre Lüge nicht abzunehmen.

Manchmal nervte es wirklich, dass sie sich so schlecht verstellen konnte!

„Nein, aber das hol ich nach, sobald ich die Zeit dafür finde. Ich habe aber eine Menge Selbsthilfebücher gelesen.“

„Und was hast du dadurch gelernt? Womit du den kleinen Dreckskerlen am besten den Schädel einschlägst?“

Wieder musste sie lachen, auch wenn sie selbst nicht verstand, warum, weil diese Situation eigentlich nicht zum Lachen war. Aber für den Bruchteil einer Sekunde hatte er sich fast so angehört wie der Leo von früher.

Sie seufzte wehmütig, verdrängte diese Anwandlung jedoch entschlossen. Der Mann hier war genauso wenig der Leo von früher wie sie die damalige Amy. Was vorbei war, war vorbei. Es wurde Zeit, wieder auseinanderzugehen, und zwar endgültig.

2. KAPITEL

„Also, danke noch mal für deine Hilfe, aber ich werde jetzt …“

„Steig ein!“

„Was?“ Amy fiel erst auf, dass sie schon seit einer Weile neben Leo ging, als sein großer, schnittiger Designerwagen piepte. „Man hat mich immer davor gewarnt, zu Fremden ins Auto zu steigen“, sagte sie betont lässig, um ihre Nervosität zu überspielen.

„Ich bin kein Fremder für dich, Amy.“

Sie legte den Kopf schief und sah ihm direkt ins Gesicht.

Doch, bist du.

Es war, als hätte man ihn komplett entkernt, um aus ihm eine neue, härtere und furchterregendere Version seiner selbst zu machen.

„Die U-Bahn … Bring mich zur U-Bahn! Das reicht.“

„Ich fahre dich entweder nach Hause oder zur nächsten Polizeistation. Du kannst es dir aussuchen“, sagte Leo in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. Allmählich bekam sie das Gefühl, dass er sich inzwischen immer so dominant verhielt.

„Zur Polizeistation?“

Er nickte. „Um den Überfall anzuzeigen.“

„Ich habe mein Handy doch wieder, und die Polizei würde das Ganze nie als Überfall einstufen, also wäre das völlig überflüssig.“

„Du scheinst dich ja bestens auszukennen.“

„So etwas weiß doch jeder!“

Wieder stieß er etwas auf Italienisch hervor, das wie ein Fluch klang, und sah Amy dabei ganz seltsam an. „Wenn du nicht die ganze Nacht hier rumstehen und mit mir diskutieren willst, steigst du jetzt besser ein!“

Tief Luft holend fragte sie sich, wie sie jetzt reagieren sollte. Besonders viele Optionen hatte sie nicht. „Na gut“, gab sie widerstrebend nach. Sie stieg in seinen Wagen und ließ sich in das Lederpolster des Beifahrersitzes sinken. Es war ein herrlich luxuriöses Gefühl.

Vielleicht war sie ja total oberflächlich, aber manchmal vermisste sie es, viel Geld zu haben. Ihr fehlten der Komfort, der Platz, die Sicherheit und schon allein der Duft von Luxus. Als sie tief einatmete, stieg ihr prompt Leos Eau de Toilette in die Nase. Würzig, sauber, maskulin. Und zweifellos sehr teuer.

Als sein Wagen sich lautlos in Bewegung setzte, keuchte sie erschrocken auf. „Willst du mich denn gar nicht fragen, wo ich wohne?“

Leo streifte sie mit einem flüchtigen Blick, bevor er sich in den Verkehr einfädelte. „Ich weiß schon, wo du wohnst, Amy.“

Das hätte jetzt ganz schön unheilvoll klingen können … Wenn sie es recht bedachte, klang es sogar unheilvoll.

„Na?“ Er schenkte ihr ein künstliches Lächeln. „Ist es hier nicht viel bequemer als in der U-Bahn?“

Amy spielte mit dem Gedanken zu lügen, und steif und fest zu behaupten, dass sie sich in einem überfüllten U-Bahn-Waggon viel wohler fühlen würde. Im Grunde stimmte das sogar halbwegs, denn hier auf engstem Raum mit dieser neuen und Furcht einflößenden Version von Leo zusammengepfercht zu sein, war mindestens genauso stressig!

Gott sei Dank schien Leo kein Bedürfnis zu haben, Konversation zu machen, denn dazu wäre sie gerade sowieso nicht fähig gewesen. Während Amy immer noch ziemlich verstört neben ihm saß, versuchte sie, sich innerlich gegen seine männliche Ausstrahlung zu schützen und ihr von seinem Sexappeal benebeltes Gehirn zu nutzen. Warum war Leo gerade in der Nähe ihres Foodtrucks gewesen?

Das konnte unmöglich ein Zufall sein, er musste ihre Begegnung geplant haben. Aber wozu? Was genau führte er im Schilde?

Als Leo vor Amys Wohngebäude parkte, war sie so nervös, dass sie förmlich aus seinem Wagen floh.

Leo stieg ebenfalls aus und folgte ihr zur Tür. „Ich bringe dich noch nach oben.“

Amy wusste, dass es zwecklos wäre zu protestieren. Sie konnte diesen Kampf nicht gewinnen – nicht gegen diesen Leo.

Um zumindest noch ein bisschen Kontrolle zu behalten, beschloss Amy, nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppe zu nehmen. Sie hatte keine Lust, schon wieder auf engstem Raum mit Leo eingesperrt zu sein. Die Autofahrt gerade eben hatte ihr mehr als gereicht.

Leo gab sich keine Mühe, seine Absichten zu verbergen, als er sich an ihr vorbei ins Wohnzimmer drängte, kaum dass sie die Tür aufgeschlossen hatte. Die Selbstverständlichkeit, mit der er in ihre Privatsphäre eindrang, ärgerte Amy.

Ich habe hier die Kontrolle, schärfte sie sich in dem verzweifelten Versuch ein, sich an dieser Illusion festzuklammern.

Interessiert sah er sich um. „Wohnst du hier allein?“

Amy lächelte humorlos, als sie ihren unverhofften Gast betrachtete. Ob er wohl auch gerade daran denken musste, wie sie ihn früher in die Villa ihrer Eltern geschmuggelt hatte? Zweifellos freute er sich diebisch, dass sie nun nicht mehr in solchem Luxus lebte.

„Ich glaube, das weißt du ganz genau, Leo.“ Wenn er wusste, wo sie wohnte, wusste er garantiert auch, dass sie zusammen mit ihrem Vater hier eingezogen war.

Leo zuckte die Achseln. „Ist dein Vater da?“

„Nein, er ist übers Wochenende weggefahren.“ Amy versuchte, ihre Bedenken deswegen mit einem Achselzucken und einem Lächeln zu überspielen.

Ihr Dad war ihr ausgewichen, als sie ihn gefragt hatte, wohin und mit wem er wegfuhr. „Vertraust du mir etwa nicht?“, hatte er zurückgefragt, so wie immer, wenn er ein für ihn unangenehmes Gespräch beenden wollte. Ehrlich gesagt vertraute Amy ihm tatsächlich nicht, auch wenn sie ihm das nie sagen würde. Ihr Vater war nicht besonders belastbar. Immerhin hatte er schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, als sie nicht für ihn da gewesen war.

Er braucht meine Unterstützung und es hilft ihm nicht, wenn ich ihm Schuldgefühle einrede, rief sie sich ins Gedächtnis.

„Was willst du hier, Leo? Unsere Begegnung vorhin war doch kein Zufall“, kam sie direkt zu Sache.

„Willst du mir etwa unterstellen, den Überfall arrangiert zu haben?“

„Natürlich nicht! Aber trotzdem bist du garantiert nicht zufällig vorbeigekommen.“

„Das stimmt.“ Er drehte sich um sich selbst. „Hübsche Wohnung.“

Amy konnte sich nicht länger beherrschen. „Spar dir die Heuchelei! Du freust dich doch bestimmt, dass wir so tief gefallen sind! Nur zu, ich habe kein Problem damit! Wahrscheinlich sollte ich es dir nicht verdenken.“ Sie breitete die Arme aus. „Wenn du es genau wissen willst – sogar diese Wohnung kann ich mir kaum leisten, aber Dad …“ Kopfschüttelnd biss sie sich auf die Unterlippe. Warum verriet sie Leo nur so viel?

„Dann macht es ihm also keinen Spaß, in ärmlichen Verhältnissen zu leben?“

Amy wich Leos Blick aus. Ihr Vater hatte seine Meinung zu dieser Wohnung sehr deutlich kundgetan, und er hatte sich alles andere als positiv geäußert.

„Wann kommt er zurück?“

Amy zog sich ihre unförmige Jacke aus und enthüllte dabei ein hellblaues Jeanshemd, das in der Taille zusammengeschnürt war. Ihre etwas dunklere Jeans schmiegte sich eng um ihre Oberschenkel. Als sie sich bückte, um die Reißverschlüsse ihrer Ancle Boots aufzuziehen, dehnte sich für einen Moment der Stoff über ihrem festen, runden Po. Ihr halb aufgelöster taillenlanger Zopf fiel ihr über eine Schulter, als sie sich wieder aufrichtete und Leo ansah, während sie aus ihren Boots schlüpfte.

Es fiel Leo ziemlich schwer, sich seinen Testosteronschub bei ihrem Anblick gerade eben nicht anmerken zu lassen!

...

Autor

Caitlin Crews

Caitlin Crews wuchs in der Nähe von New York auf. Seit sie mit 12 Jahren ihren ersten Liebesroman las, ist sie dem Genre mit Haut und Haaren verfallen und von den Helden absolut hingerissen. Ihren Lieblingsfilm „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightly hat sie sich mindestens achtmal im Kino angeschaut....

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