Julia Extra Band 589

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

VERBOTENE LIEBE UNTER GRIECHISCHER SONNE von KATE HARDY

Sommer, Sonne – und ein verboten heißer Kuss dazu! Auf der malerischen griechischen Insel Amphithos begegnet Archäologin Gemma dem gut aussehenden Niko. Seiner faszinierenden Ausstrahlung kann sie sich nicht lange entziehen. Doch er ist ein Prinz und einer anderen versprochen …

NUR EINE NACHT MIT DEM MILLIARDÄR? von JOSS WOOD

Am Strand der Karibikinsel St. Croix gibt Architektin Calla sich dem sexy Barkeeper Judah für einen magischen One-Night-Stand hin. Später erfährt sie: Er ist der Milliardenerbe, dessen Villa sie renovieren soll. Was nun? Sie braucht diesen Job und darf sich keine Ablenkung erlauben!

ZWEITE CHANCE IN VENEDIG von MICHELLE DOUGLAS

Tech-Tycoon Lucas Quinn bietet seiner Ex-Verlobten Hallie ein Vermögen, damit sie mit ihm nach Venedig reist und so tut, als wären sie beide noch immer ein Paar. Natürlich nur, um seinen kranken Großvater glücklich zu machen! Nicht, weil er selbst einen Neuanfang erhofft …

SOLANGE DU MICH WILLST… von JULIA JAMES

Auf dem idyllischen Gut ihrer Familie in der Provence lebt Arielle wie im Paradies. Bis ein umwerfender Fremder auftaucht. Lycos Dimistrios sagt, ihr geliebtes Zuhause gehöre ihm. Arielles Stiefbruder hat es im Casino an ihn verspielt! Und das ist nicht alles, was Lycos von ihr will …


  • Erscheinungstag 21.07.2026
  • Bandnummer 589
  • ISBN / Artikelnummer 0820260589
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Kate Hardy, Joss Wood, Michelle Douglas, Julia James

JULIA EXTRA BAND 589

Kate Hardy

1. KAPITEL

In einem anderen Leben wäre ich Teil von all dem hier gewesen, dachte Niko, während er am Rand der Ausgrabungsstelle entlanglief. Die Sonne brannte vom Himmel.

Seite an Seite mit den Archäologen hätte er den Tempel der Amphitrite vor den Toren der Hauptstadt von Amphithos freigelegt. Das Erbe der Insel mit eigenen Händen erforscht. Und er hätte jede Sekunde davon geliebt.

Doch der Segelunfall im vergangenen Jahr, bei dem sein älterer Bruder Leo ums Leben gekommen war, hatte alles verändert. Jetzt war Niko nicht mehr der kleine Bruder, der seine Tage über Büchern verbrachte. Sicher, er las noch – aber keine historische Literatur mehr, sondern trockene Staatspapiere. Er war nicht länger derjenige, der einspringen sollte, falls Leo je etwas zustieß, sondern der Erbe des Inselkönigreichs. Und alles, was er sich bis zu jenem Tag von seinem Leben erträumt hatte, war zerstoben wie Sand an einem windigen Wintermorgen.

Er vermisste Leo. Sein sonniges Naturell, seine schrecklichen Witze, sein ansteckendes Grinsen und sein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Leo war der perfekte Prinz Charming gewesen – ein Mensch, der Zuversicht schenken konnte. Wenn der Tag kam, an dem ihr Vater den Thron übergab, wäre Leo fraglos ein brillanter König geworden. Und Niko wäre vollkommen zufrieden damit gewesen, ihn aus dem Hintergrund zu unterstützen, statt selbst das offizielle Gesicht der Monarchie zu sein.

Doch es war anders gekommen. Leo war nicht mehr da, und nun lag es an Niko, sich auf das vorzubereiten, was man von ihm erwartete. Er musste lernen, ein kleines Königreich zu regieren. Es mit Diplomatie und Weitsicht durch unruhige Zeiten zu steuern. Statt Trauzeuge bei Leos Hochzeit zu sein und eines Tages der etwas nerdige, intellektuelle Onkel seiner Kinder zu werden, würde er aus Gründen der Staatsraison eine passende Ehe eingehen müssen – und den nächsten Erben des Königreichs hervorbringen.

Es zeichnete sich bereits ab, dass dies eher früher als später auf ihn zukommen würde. Seit Leos Tod hatte sich der Gesundheitszustand von Leonides III. dramatisch verschlechtert. Sein Leibarzt drängte ihn inzwischen, baldmöglichst seinen Rücktritt zu erklären und den jüngeren Sohn an seine Stelle treten zu lassen.

Für einen Moment blieb Niko stehen und atmete tief durch, um den dumpfen Druck auf seiner Brust loszuwerden. Natürlich würde er seiner Pflicht nachkommen und sein Bestes geben. Doch der Gedanke an das, was vor ihm lag, erfüllte ihn keineswegs mit Vorfreude. Immerhin würde er von nun an ein Leben führen müssen, für das er sich niemals freiwillig entschieden hätte.

Während sein Blick auf den emsig arbeitenden Gestalten vor ihm ruhte, verspürte er ein sehnsüchtiges Ziehen im Herzen. Hör auf, befahl er sich. Du wirst König sein, daran gibt es nichts zu rütteln.

Stimmt, meldete sich eine trotzige Stimme in seinem Innern. Aber es wird sicher niemandem schaden, wenn du dir die Arbeiten einmal genauer ansiehst, bei denen du eigentlich hättest dabei sein sollen. Oder?

Etwas Besseres als das hier konnte es kaum geben. Gemma lächelte bei dem Gedanken, als sie das staubige Gelände der Ausgrabungsstätte durchquerte. Vor einer Woche war sie als Leiterin eines Archäologenteams hier eingetroffen, um einen bislang unentdeckten Tempel der Amphitrite freizulegen – Göttin des Meeres und Gemahlin Poseidons. Nach dem Zeitplan würden ihr noch weitere sechs Wochen in dem kleinen Königreich bleiben.

Die Insel selbst war der schönste Ort, den Gemma je gesehen hatte. Vor der Westküste Griechenlands gelegen, vereinte sie üppige Vegetation, silbrig schimmernde Olivenhaine und leuchtende Bougainvilleas. Die Hauptstadt Vrachos Delfinion – der „Delfinfelsen“ – verzauberte mit ihrem venezianischen Palast, den schmalen Gassen und den bunten Fischerhäuschen am Hafen. Dazu die weichen, goldfarbenen Sandstrände und das türkisfarbene ionische Meer, dessen Wellen träge ans Ufer rollten. Alles an diesem Ort fühlte sich wie eine Offenbarung an.

Wie schnell sich die Dinge doch ändern konnten. Zum Schlechten wie auch zum Guten …

Noch vor einem Jahr hatte Gemma vor dem Altar gestanden – und vergeblich gewartet. Ihr Verlobter war nicht erschienen. Nicht wegen einer anderen Frau, sondern weil er, wie sie später erfuhr, schlicht nicht mehr in sie verliebt gewesen war. Das Schlimmste daran: Er hatte nicht einmal den Mumm gehabt, es ihr selbst zu sagen. Stattdessen hatte er seinen Trauzeugen vorgeschickt, um ihr die Nachricht an der Kirchentür zu überbringen, während er bereits zu einem Selbstfindungstrip nach Indien aufgebrochen war.

Wochenlang war Gemma wie betäubt gewesen. Sie hatte Andy geliebt und geglaubt, dass er ebenso für sie empfand – zumal er es gewesen war, der unbedingt hatte heiraten wollen. Der auf einer großen Feier bestanden hatte, während ihr selbst ein kleiner Empfang im Gemeindesaal vollkommen genügt hätte. Ein selbst gemachtes Büffet, die Band eines alten Schulfreundes und die Menschen, die sie liebte – mehr hätte sie nicht gebraucht.

Am Tag nach dem Fiasko hatte sie mit der Unterstützung ihrer Eltern, ihres Bruders und ihrer Freunde die Hinterlassenschaften des überdimensionierten Festes beseitigt, das nie stattgefunden hatte, und sich langsam wieder aufgerappelt. Seitdem wusste sie die Vorzüge des Singledaseins zu schätzen, konzentrierte sich auf ihre Arbeit – und hatte am Ende diesen fantastischen Job bekommen.

Ihre Studierenden waren bereits zu Theos Taverne hinübergegangen. Gemma wollte gerade das kleine Gebäude abschließen, in dem die Artefakte gelagert wurden, als ihr Blick auf einen Mann fiel, der langsam über das Gelände schlenderte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, rief sie ihm zu.

Keine Antwort. Entweder hatte er sie nicht gehört, oder er war ganz in seine eigenen Gedanken versunken. So oder so: Sie konnte ihn hier nicht einfach herumlaufen lassen.

Innerlich seufzend schloss sie die Tür ab und ging zu ihm hinüber. „Kalispéra. Miláte angliká?“

Viel mehr als das und ein paar weitere Alltagsfloskeln brachte sie auf Griechisch nicht zustande. Falls er mit Ochi antwortete, musste sie wohl auf das Übersetzungsprogramm ihres Handys zurückgreifen.

„Ja, wir können gern Englisch sprechen.“

Zu Gemmas Überraschung war seine Aussprache beinah akzentfrei. Und er sah verdammt gut aus. Ausgewaschene Jeans, ein weißes T-Shirt. Schwarzes, welliges Haar, ein sorgfältig getrimmter Bart – und bernsteinfarbene Augen, die ihren Blick einen Moment zu lange festhielten. Kurz gesagt: einer der schönsten Männer, die sie je gesehen hatte. Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Reiß dich zusammen, befahl sie sich. Sie musste jetzt professionell bleiben.

„Es tut mir leid“, sagte sie höflich, „aber dieses Gelände ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.“

„Und wer sind Sie?“

Gemma richtete sich zu ihren vollen eins fünfundsechzig auf. „Ich bin Dr. Gemma Stone von der Universität London und die leitende Archäologin dieses Projekts. Und Sie sind …?“

Sie weiß nicht, wer ich bin.

Am liebsten hätte Niko triumphierend die Faust geballt. Das bedeutete, dass Dr. Gemma Stone keine vorgefasste Meinung von ihm haben würde. Sie würde keinen Knicks vor ihm machen, ihn nicht mit „Eure Hoheit“ ansprechen und auch nicht wortreich ihr Beileid zum Verlust seines Bruders bekunden. Sie würde ihn einfach als den sehen, der er in diesem Moment sein wollte: ein ganz gewöhnlicher Mann. Und da sie Archäologin war, konnte er mit ihr über all die Dinge sprechen, die er so sehr vermisst hatte. Es fühlte sich an wie eine seltene, unerwartete Freiheit.

„Niko“, antwortete er. „Nenn mich einfach Niko.“

Dann machte er den Fehler, ihr die Hand zu reichen. Sobald ihre Haut die seine berührte, jagte ein elektrisches Prickeln seinen Arm hinauf.

Verdammt. Das durfte nicht passieren. Er war nicht auf der Suche nach einer Beziehung – es sei denn, sie war eine verkappte Kronprinzessin, die auf der offiziellen Liste passender Bräute für ihn stand. Und das war mehr als unwahrscheinlich.

Das Problem war, dass diese Gemma Stone einfach unwiderstehlich war. Das erdbeerblonde Haar hatte sie im Nacken mit einem Haargummi zurückgebunden, zum Schutz gegen die Sonne trug sie einen abgewetzten Lederhut, der ihn an Indiana Jones erinnerte, einen der Helden seiner Kindheit. Ihre zierliche Nase war von frechen Sommersprossen gesprenkelt, und ihre durchdringend blauen Augen hielten offen und herausfordernd seinem Blick stand. Über ihren vollen, perfekt geformten Mund wollte er lieber gar nicht erst nachdenken.

„Und was tust du hier, Niko?“, fragte sie ihn.

Was sollte er darauf antworten? Zu sagen, dass das Gelände seiner Familie gehörte, kam ebenso wenig infrage wie zu erwähnen, dass er es war, der das gesamte Projekt ins Leben gerufen hatte.

„Ich interessiere mich einfach für die Ausgrabung“, sagte er daher nur.

„Bist du Journalist?“

„Mhm“, murmelte er undeutlich.

Sie hob bedauernd die Schultern. „Ich fürchte, wir sind noch nicht so weit, um etwas Offizielles mitzuteilen. Aber du kannst mir gern deine Visitenkarte geben, dann sorge ich dafür, dass du eine Einladung bekommst, sobald ein Termin für eine Pressekonferenz feststeht.“

Und nun?

Niko wollte diese kostbare Gelegenheit, einfach nur er selbst zu sein, so lange wie möglich auskosten. Sobald sie wusste, wer er war, wäre es damit vorbei.

„Tut mir leid, ich habe gerade keine zur Hand“, sagte er – was zum Glück tatsächlich der Fall war.

„Kein Problem.“ Sie zog ihr Handy hervor. „Dann gib mir einfach deine E-Mail-Adresse.“

Mist. Nun saß er endgültig in der Falle. Wenn er Glück hatte, würde sie nicht weiter nachfragen. Und wenn doch, musste er improvisieren.

„Niko@palace.amphi.com“, sagte er widerstrebend.

Ihre Augen verengten sich. „Du arbeitest für den Palast?“

„Ja, ich … habe einen Job in der Presseabteilung.“

„Das ist ja witzig“, sagte sie. „Ich habe dort schon einen Kontakt. Vielleicht kennst du ihn ja – er heißt Yiannis.“

Und ob Niko ihn kannte. Yiannis war sein Privatsekretär – und nebenbei auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

„Dann ist ja alles geregelt. Er wird mir alle relevanten Informationen weiterleiten.“

Verdammt. Hatte er das wirklich gesagt? Eigentlich hatte er den Eindruck erwecken wollen, Yiannis sei sein Vorgesetzter, nicht umgekehrt. Doch die Worte waren heraus, und er wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er sah es in ihren schönen blauen Augen, die sich noch ein wenig mehr verengt hatten.

„Alles klar, Niko.“ Gemmas Stimme blieb freundlich, aber es schwang auch eine kühle Note darin. „Danke für dein Interesse, aber jetzt muss ich los. Meine Studierenden erwarten mich in der Taverne gegenüber, und ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen, weil ich nicht auftauche.“

„Natürlich.“ Niko zwang sich zu einem lockeren Tonfall. „Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Danke für deine Zeit.“

„Gern geschehen.“ Ihr Lächeln wirkte ein wenig steif. „Tut mir leid, dass ich nicht weiterhelfen konnte.“

Dann drehte sie sich um und ging davon.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, ging Gemma wie gewohnt vor der Arbeit schwimmen. Die Luft war bereits angenehm warm, und es war herrlich, nichts zu hören als das Rauschen der Wellen und die Rufe der Seevögel über ihr – ein wohltuender Gegensatz zum überfüllten Schwimmbad der Londoner Universität.

Alles war friedlich, bis plötzlich ein scharfer Schmerz durch ihre rechte Wade schoss. Panik stieg in ihr auf, als ihr klar wurde, dass es sich um einen Krampf handelte. Zum Glück war sie nicht allzu weit hinausgeschwommen, sodass es ihr mit zusammengebissenen Zähnen gelang, das rettende Ufer zu erreichen.

Stöhnend sank sie auf den warmen Sand, umfasste den rechten Fuß und zog ihn so weit wie möglich an, um den Muskel zu dehnen. Währenddessen massierte sie die schmerzende Wade, bis der Krampf endlich nachließ.

Gerade als sie wieder aufstehen und sich orientieren wollte, bemerkte sie zwei Soldaten, die direkt auf sie zukamen. Als sie vor ihr stehen blieben, sprach einer von ihnen sie auf Griechisch an.

Noch immer aufgewühlt von dem Krampf und den fatalen Folgen, die er hätte haben können, suchte Gemma hektisch nach Worten, um ihre Situation zu erklären. Die Männer beäugten sie misstrauisch und trugen scharfe Waffen – nicht gerade das, was sie aus ihrem Alltag kannte.

Anglikà“, brachte sie schließlich hervor, und hoffte inständig, harmlos genug zu wirken, um nicht für eine Person mit finsteren Absichten gehalten zu werden.

„Wir sprechen Englisch“, entgegnete der Soldat schroff. „Was tun Sie hier, Madame?“

„Ich bin geschwommen“, erklärte sie und deutete überflüssigerweise auf ihren Badeanzug. „Dann bekam ich starke Schmerzen …“ Sie verzog das Gesicht und rieb sich die Wade. „Ich musste sofort an den Strand.“

„Der Strand ist für die Öffentlichkeit gesperrt“, schaltete sich der zweite Soldat ein. „Sie müssen sofort gehen.“

Trotz der Wärme der sommerlichen Morgensonne fröstelte Gemma. Sie erklärte den beiden, dass sie es sich nicht zutraute, zu dem Strandabschnitt zurückzuschwimmen, von dem sie gestartet war, doch sie ließen sich nicht erweichen.

„Dann müssen Sie laufen“, beharrte der erste Soldat. „Wir bringen Sie zum Tor.“

Erst jetzt bemerkte Gemma den Zaun, der das Areal absperrte. Erneut stieg Panik in ihr auf. Wie in aller Welt sollte sie halb nackt und ohne Schuhe den ganzen Weg bis zu ihrem Wohnheim bewältigen? In ihrer Aufregung begann sie konfus draufloszureden – dass sie Hilfe brauche, kein Handy und kein Geld bei sich habe und ihr alles schrecklich leidtue.

Die beiden Soldaten verzogen keine Miene – bis über den Sand hinweg ein dritter Mann auf sie zukam, bei dessen Anblick sie augenblicklich Haltung annahmen.

„Guten Morgen, Dr. Stone“, begrüßte er sie lächelnd.

Gemma schirmte die Augen gegen die Sonne ab und betrachtete den elegant gekleideten Fremden genauer. Als sie ihn erkannte, hätte sie vor Erleichterung beinahe geweint.

„Oh Niko, dich schickt wirklich der Himmel!“, stieß sie hervor und merkte, wie ihr tatsächlich Tränen in die Augen traten. „Diese Herren sind offenbar der Ansicht, ich hätte Hausfriedensbruch begangen.“

„Streng genommen hast du das auch“, erwiderte er, nachdem sie ihm ihre Notlage erklärt hatte. „Dieser Strand ist privat und gehört zum königlichen Anwesen.“ Dann wandte er sich an die beiden Soldaten und sagte ein paar Worte auf Griechisch.

Sie nickten und neigten respektvoll die Köpfe.

Wieder an Gemma gewandt, erklärte Niko: „Ich habe Géorgios und Petros gesagt, dass alles in Ordnung ist und ich ab hier übernehme.“

„Ich danke dir sehr. Aber bekommst du keinen Ärger mit Yiannis?“

Nikos Mundwinkel hoben sich leicht. „Ich bin sicher, dass er dafür Verständnis hat. Wir werden im Palast trockene Kleidung für dich finden, danach bringe ich dich zurück zu deinem Team.“

„Danke“, sagte sie erneut. „Ich …“

„Du solltest künftig nicht allein schwimmen gehen“, unterbrach er sie ruhig. „Die Strömung hier kann unberechenbar sein. Und jetzt komm – du musst dringend aus dem nassen Badeanzug heraus.“

Als Niko sein Jackett auszog, um es ihr um die Schultern zu legen, machte Gemma eine abwehrende Handbewegung. „Nein“, protestierte sie. „Du ruinierst deine Jacke.“

Doch plötzlich fühlte sie sich nackt und war verunsichert. Bei der Vorstellung, mit sandigen Füßen und nur mit ihrem knallroten Badeanzug bekleidet den Palast zu betreten, zog sich alles in ihr zusammen.

Niko, der offenbar ihre Gedanken erriet, zog sein Handy aus der Tasche. „Dann gib mir bitte einen Moment. Welche Schuhgröße hast du?“

Nachdem Gemma sie ihm genannt hatte, tätigte er einen kurzen Anruf, und wenige Minuten später erschien eine uniformierte Frau mit einem weißen Bademantel und einem Paar Strandschuhen. Beides offenbar unbenutzt.

Efcharistó“, bedankte Gemma sich. Als sie sich den Bademantel übergestreift hatte und in die Schuhe geschlüpft war, war die junge Palastangestellte bereits wieder verschwunden.

„Kannst du nach dem Krampf schon laufen?“, erkundigte Niko sich.

Gemma nickte.

„Gut. Dann bekommst du jetzt noch einen Kaffee zum Aufwärmen, bevor wir losfahren.“

Gemma fühlte sich schuldig. Am Vortag hatte sie ihn ziemlich abweisend behandelt, und nun war er so nett zu ihr.

„Ich will dir keine Umstände machen“, sagte sie leise. „Es genügt völlig, wenn du mir ein Taxi rufst.“

Niko hob leicht die Hand. „Kommt nicht infrage. Ich sagte, ich fahre dich, und dabei bleibt es.“

Zu erschöpft, um darüber zu diskutieren, nickte sie nur. „Ich weiß das zu schätzen, wirklich. Zumal ich dich gestern praktisch des Geländes verwiesen habe.“

Er lächelte. „Ich hatte keinen Termin mit dir, und du kanntest mich nicht. Du hast dich also völlig richtig verhalten.“

Als sie den Palast erreichten, führte er sie über einen Seiteneingang in einen kleinen, aber gemütlichen Empfangsraum, der, wie Gemma vermutete, zu den Räumlichkeiten der Presseabteilung gehörte.

„Hast du schon etwas gegessen?“, erkundigte er sich, nachdem sie seiner Geste folgend auf dem einladend gepolsterten Sofa Platz genommen hatte.

„Nein“, gab sie zu. „Aber das kann ich in meiner Unterkunft nachholen. Ein Kaffee wäre allerdings großartig.“

„Ich wollte ohnehin frühstücken. Du machst also niemandem Arbeit, wenn du dich mir anschließt“, versicherte Niko.

Dieses schlagende Argument ließ Gemma nachgeben, und ehe sie sichs versah, standen eine Kanne Kaffee und ein Teller mit köstlich duftendem Gebäck auf dem Couchtisch. Beides half enorm dabei, ihre Lebensgeister wiederzubeleben.

Sie wollte Niko gerade zum Dank für ihre Rettung eine Führung durch die Ausgrabungsanlage anbieten, als es an der Tür klopfte und Yiannis hereinkam.

Als er Gemma auf dem Sofa entdeckte, wirkte er sichtlich irritiert, dann wandte er sich Niko zu und verneigte sich leicht.

„Verzeihung, Hoheit“, sagte er. „Ich wusste nicht, dass Sie Besuch haben.“

An Gemma gerichtet fügte er hinzu: „Entschuldigen Sie bitte die Störung, Dr. Stone.“

Gemma blinzelte. Hoheit?

Und hatte Yiannis sich eben tatsächlich vor Niko verbeugt?

Bislang war Yiannis der einzige Vertreter des Palasts gewesen, dem sie begegnet war. Bei ihrer Ankunft hatte er ihr an der Universität einen Höflichkeitsbesuch abgestattet, sie um einen täglichen Bericht über die Ausgrabung gebeten und seine Unterstützung bei möglichen Problemen angeboten.

Gemma hatte gewusst, dass das Grabungsgelände der königlichen Familie gehörte, aber sie war selbstverständlich davon ausgegangen, dass der König selbst viel zu beschäftigt war, um sich mit archäologischen Projekten zu befassen. Dass sie womöglich gerade mit einem Mitglied seiner Familie beim Frühstück saß, wäre ihr nicht im Traum in den Sinn gekommen.

Nun sah es allerdings ganz danach aus, dass der Mann, der „einfach nur Niko“ genannt werden wollte, tatsächlich dessen Sohn war.

Er hatte sie belogen.

Und das war etwas, dass seit Andys Verrat zu den wenigen Dingen gehörte, die Gemma nicht verzeihen konnte.

„Kein Problem, Yiannis“, erklärte sie mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte. „Sie haben nicht gestört. Ich wollte ohnehin gerade gehen.“

Offenbar stand ihr ein Teil ihrer Gefühle ins Gesicht geschrieben, denn Niko hatte zumindest den Anstand zu erröten.

„Bitte warten Sie noch einen Moment, Dr. Stone“, sagte er, bevor er ins Griechische wechselte, um Yiannis was auch immer mitzuteilen.

Der hörte zu, nickte und verließ dann wortlos den Raum.

Sobald sie wieder allein waren, herrschte einen Moment lang Schweigen.

„Es tut mir leid“, sagte Niko schließlich. „Ich wollte nicht, dass du …“

„Du hast mich für dumm verkauft“, unterbrach sie ihn, bevor er ihr irgendeine fadenscheinige Ausrede auftischen konnte. „Yiannis hat dich mit Hoheit angesprochen. Jeder steht vor dir stramm und gehorcht deinen Befehlen. Offenbar hast du mich für naiv genug halten, um aus Langeweile oder was weiß ich warum ein Spielchen mit mir zu treiben. Aber nicht mal ich bin dumm genug, um dir noch länger die Story des kleinen Journalisten mit einem Job im Pressebüro abzukaufen.“

„Du hast recht.“ Niko fuhr sich seufzend mit der Hand durchs Haar. „Ich bin der Sohn des Königs, aber ich halte dich weder für dumm, noch wollte ich dich absichtlich an der Nase herumführen.“

Gemma verschränkte die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass er eine akzeptable Erklärung abgab.

„Bis zum letzten Jahr war ich Dozent an der Uni“, hob er nach einem kurzen Schweigen an. Mein älterer Bruder Leo sollte eigentlich die Thronfolge übernehmen, aber nachdem er bei einem Segelunfall ums Leben kam, ist diese Rolle auf mich übergegangen. Als ich gestern aus einem stundenlangen Meeting kam, hat mir von all den Themen, mit denen ich mich seit Monaten beschäftigen muss, der Kopf geraucht. Ich wollte einfach nur für ein paar Minuten dieser Tretmühle entkommen und etwas sehen, das mir wirklich am Herzen liegt. Also bin ich zur Ausgrabungsstätte gegangen und dann bist du mir über den Weg gelaufen …

Niko hielt inne und stieß langsam die Luft aus. „Hätte ich dir gesagt, wer ich wirklich bin, wäre ich sofort wieder der Sklave meiner offiziellen Rolle gewesen, und du hättest dich vermutlich unwohl gefühlt. Als du mich dann gefragt hast, ob ich Journalist sei, habe ich einfach Ja gesagt. Ich hätte nie damit gerechnet, dadurch irgendeinen Schaden anzurichten. Das Einzige, was mir in dem Moment durch den Kopf ging, war, dass ich noch ein wenig länger ich selbst sein wollte.“

Gemma brauchte einen Augenblick, um das zu verdauen. Zumindest klang es einigermaßen plausibel. Es musste schwierig sein, ein Leben zu führen, in dem man rund um die Uhr im Brennglas der öffentlichen Aufmerksamkeit stand. In dem jedes Wort, jede Geste analysiert und beurteilt wurde. Sie spürte eine mitfühlende Regung in sich – die sofort wieder ihren Argwohn auf den Plan rief.

„Du hast an der Uni gearbeitet?“, hakte sie nach.

Er nickte. „Solange mein Bruder noch lebte, war das kein Problem. Ich konnte studieren, meinen Master in Geschichte und Archäologie machen und meine Doktorarbeit schreiben. Danach wurde mir eine Dozentenstelle angeboten, die ich nach Leos Tod natürlich aufgeben musste.“

„Was war denn das Thema deiner Promotion?“

„Die Mythologie von Amphitos.“ In seinen Augen blitzte es kurz auf. „Falls du mir nicht glaubst, kannst du es auf der Website der Uni nachprüfen. Schau einfach unter Dr. Nikolaos Spiridon nach. Dort wirst du auch den Grund erfahren, warum ich das Ausgrabungsprojekt initiiert habe. Dieser Tempel ist möglicherweise der einzige, der ausschließlich der Amphitrite gewidmet wurde.“

„Es spricht vieles dafür“, stimmte Gemma ihm zu. „Es gibt Hinweise darauf, dass der Tempel auf Tinos auf den Poseidon-und-Amphitrite-Kult zurückgeht, aber das war’s auch schon.“

Niko lächelte. „Es wäre eine echte Sensation, wenn ihr meine These beweisen könntet. Zumal in der griechischen Mythologie nur wenig über Amphitrite zu finden ist. Im Grunde erwähnt sie nur, dass sie vor Poseidon floh, nachdem er sich in sie verliebt hatte. Und dass ein Delfin sie überredete, zu ihm zurückzukehren und ihn zu heiraten.“

„Woraufhin Poseidon ihn zur Belohnung als Sternbild an den Himmel setzte“, ergänzte Gemma.

Ein Teil von ihr nahm es ihm immer noch übel, dass er lieber zu einer Notlüge gegriffen hatte, als ihr die Wahrheit zu sagen. Doch dieses Gespräch war bei Weitem interessanter. Aufregender.

So wie der Mann, mit dem sie es führte.

In Jeans und T-Shirt hatte er bereits umwerfend ausgesehen. Aber heute – in diesem edlen, perfekt sitzenden Anzug, den er mit verführerischer Lässigkeit trug – hätte er jedem Filmstar den Rang abgelaufen. Das i-Tüpfelchen war jedoch die mit einem schmalen Metallrahmen gefasste Brille. Sie ließ ihn wie den Intellektuellen aussehen, der er war – und genau das fand sie unwiderstehlich.

Ein schöner, kluger Geist im Körper eines Adonis.

Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, um ihre trockene Kehle zu befeuchten. „Ich habe gestern einige Tesserae gefunden, die einen Mosaikboden vermuten lassen. Wenn du mir deine Handynummer gibst, kann ich dir eine Nachricht schicken, falls sich das bestätigt.“

An seiner Stelle hätte sie es unerträglich gefunden, einen vielversprechenden Fundort zu entdecken und die Freilegung dann jemand anderem zu überlassen.

„Sehr gern. Das wäre …“, setzte er an, bevor er mitten im Satz innehielt.

Gemma ahnte, was gerade in ihm vorging. Er hätte sich sicher liebend gern in dieses Projekt eingebracht, und sei es auch nur sporadisch. Doch seine Realität ließ ihm sicherlich keine Zeit dafür. Seit dem Tod seines Bruders war er der Erbe des Königreichs, und die damit verbundenen Pflichten mussten enorm sein.

Du liebe Güte, sein Bruder!

Über ihrer Begeisterung, dass Niko ebenfalls Archäologe war, hatte sie es völlig versäumt, ihm ihr Beileid auszusprechen. Das war mindestens so unverzeihlich wie seine kleine Lüge.

„Es tut mir so leid, dass du deinen Bruder verloren hast“, sagte sie leise. „Ich habe ebenfalls einen älteren Bruder, und wenn ihm etwas zustoßen würde, wäre ich am Boden zerstört. Für dich muss es noch schwerer sein, da du wahrscheinlich nicht einmal offen trauern darfst.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Zeigt ein Mann Gefühle, gilt er als schwach. Zeigt er keine, ist er ein gefühlloser Klotz.“

Was auch immer er tat, er konnte nicht gewinnen. Gemma empfand tiefes Mitgefühl für ihn.

„Es ist, wie es ist“, fügte er mit einem traurigen Lächeln hinzu. Aber danke, dass ich für eine Weile wieder Dr. Spiridon sein durfte.

Gemma konnte sich gerade noch davon abhalten, ihm mitfühlend die Hand zu drücken. Sie sollte ihn jetzt eigentlich Majestät oder Hoheit nennen, aber sie spürte, dass sie damit zerstören würde, woran ihm offenbar so viel lag – ein ganz normaler Mensch zu sein.

„Hätte ich gestern gewusst, wer du wirklich bist, hätte ich mir die Zeit genommen, dir in Ruhe alles zu zeigen“, sagte sie stattdessen. „Solltest du irgendwann einmal ein wenig Luft haben, hole ich das gern nach. Mein Zeitplan ist flexibel.“

Sie sah ihn als Akademiker, nicht als Prinzen. Als Kollegen. Als jemanden, der dieselben Dinge liebte wie sie.

Und mit einem Mal wurde Niko schmerzhaft bewusst, wie sehr er es genossen hätte, mit Gemma Stone zu arbeiten.

Nach einem langen Grabungstag hätten sie mit einem Glas Wein in der Hand am noch warmen Strand sitzen und über die Menschen sprechen können, die hier vor Tausenden von Jahren gelebt hatten. Vielleicht hätten sie dabei zugesehen, wie die Sonne im Meer versank und die ersten Sterne am Himmel erschienen. Und irgendwann wären sie unmerklich näher zusammengerückt – gerade nah genug, um die Grenze zwischen Nähe und Berührung verschwimmen zu lassen …

Niko stand auf und schüttelte die Fantasie ab.

Das war unmöglich.

Er konnte nicht zu seinem alten Leben zurückkehren. Selbst wenn Gemma dieselbe Anziehung verspürte wie er, wäre jede Art von Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt. Früher oder später würde er eine Vernunftehe eingehen müssen. Und damit war sie für ihn tabu.

„Ich lasse dich von jemandem zu deiner Unterkunft bringen“, sagte er. „Ich hätte dich gern selbst gefahren, aber inzwischen ist mir die Zeit davongelaufen. Mein nächster Termin beginnt in zwanzig Minuten.“ Er hielt kurz inne. „Danke für dein Angebot, mir die Ausgrabung zu zeigen. Ich werde darauf zurückkommen.“

Er formulierte es bewusst vage. Ein Versprechen wäre zu gefährlich gewesen.

Während er nach seinem Handy griff, um einen Chauffeur anzufordern, stand Gemma ebenfalls auf.

„Das würde mich freuen. Sobald ich wieder bei der Ausgrabung bin, schicke ich dir Fotos von den Tesserae. Ich habe ja deine E-Mail-Adresse.“

Mit Mühe widerstand Niko dem Impuls, ihr die Hand zu geben. Er wusste noch zu gut, wie sich das beim letzten Mal angefühlt hatte.

„Danke, Dr. Stone“, sagte er stattdessen. Er wollte Gemma sagen – doch das hätte die Distanz gefährdet, die er jetzt dringend brauchte. Beim Du blieb er dennoch. Sie plötzlich zu siezen wäre ihm albern erschienen.

„Ich wünsche dir viel Glück bei der Arbeit.“

„Ich lasse den Bademantel und die Schuhe reinigen und in den Palast zurückbringen.“

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Nicht nötig. Wir haben hier für Gäste einen ganzen Vorrat davon.“ Sein Blick wurde ernster. „Aber versprich mir bitte, dass du nicht wieder allein schwimmen gehst.“

Der Ausdruck in ihren Augen sagte ihm, dass sie verstand. Nach Leos Tod wollte er nicht noch einen Menschen ans Meer verlieren, den er im Stillen beweinen müsste.

„Ich verspreche es“, sagte sie leise. „Und ich halte meine Versprechen immer.“

„Natürlich.“ Er neigte leicht den Kopf. „Kaliméra, Dr. Stone.“

Kaliméra, Dr. Spiridon.“

3. KAPITEL

Den ganzen Vormittag über gelang es Niko, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Doch als er gegen Mittag seine E-Mails durchging und darunter eine von Gemma entdeckte, war es damit vorbei.

Sie hatte ihm sechs Fotos geschickt. Tesserae in Rot, Schwarz und Weiß. Darunter nur ein Satz:

Ich hoffe, die gehören zu einer Welle. GS

Genau das hoffte er auch. Wellen zählten zu den häufigsten Motiven griechischer Mosaikeinfassungen. Schwarz für Meer und Himmel, Weiß für die Gischt und als innere Begrenzung eine rote Linie.

Drücke die Daumen, dass die Nächsten grün sind. NS, antwortete er.

Gemma würde verstehen, was er meinte. Falls es sich tatsächlich um eine Darstellung der Amphitrite handelte, trügen ihre Hippokampen grüne Flossen statt Mähnen, und auch ihre Schwänze wären grün.

Den ganzen Nachmittag über dachte er zwischen seinen Sitzungen daran.

Nein – eigentlich dachte er an Gemma.

Seit Leos Tod war sie die erste Frau, zu der er sich hingezogen fühlte. Mehr noch: Sie war der erste Mensch seit Monaten, mit dem er über das sprechen konnte, was ihn innerlich wirklich erfüllte.

Wenn er noch halbwegs bei Verstand war, würde er ihr aus dem Weg gehen. Und genau das hatte er vor. Nach seinem letzten Termin heute würde er nicht zur Ausgrabungsstätte fahren.

Ganz bestimmt nicht.

„Ist alles in Ordnung, Hoheit?“, fragte Yiannis ihn am späten Nachmittag.

Niko blickte von seinen Notizen auf. „Selbstverständlich“, log er. „Warum fragst du?“

Yiannis zögerte. „Ich möchte Euch nicht zu nahe treten, aber Ihr wirkt heute ein wenig … abgelenkt.“

„Keineswegs.“ Niko zählte nacheinander die Punkte auf, die in der letzten Unterredung beschlossen wurden.

„Verzeiht, Hoheit. Natürlich wissen wir alle, dass Ihr mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten könnt.“

„Danke.“ Niko seufzte leise. „Aber würdest du bitte aufhören, mich außerhalb der offiziellen Termine Hoheit zu nennen? Sag einfach Niko. So wie früher.“

Yiannis kam seiner Bitte nach. „Ich kenne dich, seit du ein kleines Kind warst, Niko“, sagte er ruhig. „Und ich sehe, dass dich etwas bedrückt.“

Normalerweise sprach Niko nicht über solche Dinge. Doch die Freundlichkeit in den Augen seines treuen Sekretärs ließ seine Selbstkontrolle bröckeln.

„Manchmal vermisse ich mein altes Leben“, gestand er leise.

Yiannis nickte mitfühlend. „Natürlich. So würde es jedem an deiner Stelle gehen. Und deshalb braucht jeder gute König etwas, das ihn jenseits der Staatsgeschäfte trägt. Dein Vater hat seinen Weinberg.“

Bei dem Gedanken an König Leonidas’ private Leidenschaft huschte ein flüchtiges Lächeln über Nikos Gesicht. „Wie immer äußerst du dich in Rätseln, Yiannis. Sag mir einfach, was du denkst.“

Yiannis räusperte sich. „Ich sehe nichts, was dagegen spräche, dich – im angemessenen Rahmen – an der Ausgrabung zu beteiligen. Und ich denke, Dr. Stone wäre eine gute Gesellschaft für dich. Sie ist filiki.“

Ja. Gemma war freundlich.

Und genau das war ein Teil des Problems.

Früher hätte er mit jeder Frau ausgehen dürfen, die ihm gefiel. Nun lagen die Dinge anders. Als Thronfolger war nichts mehr unverbindlich.

„Und noch etwas“, fügte Yiannis hinzu. „Ich glaube nicht, dass es deinem Bruder gefallen hätte, wenn du alles, was du liebst, für den Thron aufgibst.“

Das stimmte.

Doch Nikos Eltern waren im vergangenen Jahr erschreckend gealtert. Sie brauchten seine Unterstützung. Mussten sich darauf verlassen können, dass er seiner Pflicht nachkam. Alles andere hätte sich wie Verrat angefühlt.

„Ich würde deinem Rat liebend gern folgen, Yiannis. Aber als Thronfolger muss ich mich zu hundert Prozent meiner Aufgabe widmen.“

„Sehr richtig. Und um das zu tun, brauchst du etwas, das dir Kraft gibt und dich entlastet. Wenn du einverstanden bist, werde ich dafür einige Zeitfenster in deinen Terminplan einbauen, ohne dass deine Verpflichtungen darunter leiden.“

Ein verlockender Gedanke.

Wären da nicht Gemmas erdbeerblondes Haar und ihre leuchtend blauen Augen gewesen.

„Danke, Yiannis. Ich denke darüber nach.“

Niko hatte bereits beschlossen, sich von Gemma fernzuhalten – doch in dem Moment erschien eine weitere Mail von ihr auf dem Bildschirm.

Hattest du diesen Grünton im Sinn? GS

Das beigefügte Foto ließ sein Herz schneller schlagen.

Wie hätte er da widerstehen sollen?

Bevor er es sich anders überlegen konnte, speicherte er die Nummer aus ihrer Signatur in seinem Handy und schrieb ihr eine SMS.

Bin schon unterwegs. NS

Gemma ärgerte sich über sich selbst. Sie wusste jetzt, dass Dr. Niko Spiridon zugleich auch Prinz Nikolaos von Amphithos war. Ein Mann, der außerhalb ihrer Liga spielte und dem sie daher mit angemessenem Abstand begegnen sollte.

Stattdessen hatte sie die Fotos direkt an ihn geschickt. Nicht an das Pressebüro, wie sie es sich vorgenommen hatte. Schuld daran war der Ausdruck in seinen Augen gewesen, als es um die Ausgrabung gegangen war. Diese Mischung aus Sehnsucht und Begeisterung. So sah jemand aus, der etwas verloren hatte, das ihm viel bedeutete.

Wären ihre Rollen vertauscht gewesen, hätte sie ebenfalls wissen wollen, wie es voranging.

Es ist reine Professionalität, sagte sie sich und versuchte, die leise Freude darüber zu ignorieren, dass er bereits auf dem Weg hierher war.

Als Niko über das verlassene Gelände auf sie zukam – wie beim letzten Mal waren die anderen schon zu Theos Taverne aufgebrochen –, begann ihr Herz schneller zu schlagen.

Flüchtig überlegte sie, ob sie ihn vielleicht doch besser mit Hoheit ansprechen sollte, dann verwarf sie den Gedanken wieder. Nachdem sie ihn bei den letzten beiden Begegnungen durchgehend Niko genannt hatte, hätte sich das aufgesetzt angefühlt.

Kalispera, Dr. Spiridon“, begrüßte sie ihn stattdessen. „Willkommen bei der Ausgrabung.“

„Danke, Dr. Stone.“ Das Aufleuchten in seinen bernsteinfarbenen Augen verriet ihr, dass sie mit der Anrede richtig gelegen hatte.

Als sie ihm die Hand gab, wurden Gemma für einen Moment die Knie weich. Dabei hatte es nur eine freundliche Geste sein sollen. Sein Lächeln machte es nicht besser. In der Hoffnung, dass er ihre plötzliche Nervosität nicht bemerkte, führte sie ihn zu dem Graben, in dem sie die grüne Tessera gefunden hatte.

„Hier drüben liegt der Sockel einer Säule“, erklärte Gemma. „Ich vermute einen Tuffkern mit einer Marmorverkleidung. Wenn ich richtig liege, haben wir eine Ecke des Tempels gefunden. Und wenn wir noch etwa dreißig Zentimeter tiefer gehen, müssten wir auf den Boden stoßen.“

„Und dann auf die Hippokampen“, ergänzte Niko.

Sie reichte ihm den Beutel mit der Tessera. „Sieh sie dir mal genauer an.“

Er nahm sie vorsichtig heraus und betrachtete sie im sommerlichen Licht der Nachmittagssonne. „Wunderschön. Und kaum zu glauben, wie intensiv die Farbe auch nach fast zweieinhalbtausend Jahren noch ist.“

„Genau solche Funde liebe ich“, sagte sie. „Gold und Schmuck interessieren mich weniger – es ist der Alltag, der mich fasziniert. Pinzetten, Salbentiegel, Kämme. Spindeln und Webgewichte. Der Schuh eines Kindes, ein Kochtopf. Dinge, die wir heute noch benutzen.“

„Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich“, sagte er leise. Es klang wie ein Zitat.

„Komm, ich zeige dir den Rest der Grabung. Ich nehme an, du hast Personenschutz dabei?“ Suchend schaute sie sich um.

Er lächelte. „Mein Leibwächter Stephanos ist hier, ja.“

Doch da sie immer noch niemanden entdeckte und er ihr ihre Irritation darüber offenbar anmerkte, fügte Niko hinzu: „Er ist sehr diskret. Streng genommen befinden wir uns auf dem Palastgelände und außerdem hat das Sicherheitsteam entschieden, dass du kein Risiko darstellst.“

Natürlich hatte man sie überprüft. Niko war der Thronfolger; niemand würde es dem Zufall überlassen, wer Zugang zu ihm hatte. Sie redete sich ein, dass das nichts anderes war als die üblichen Hintergrundchecks, wie sie auch für die Arbeit mit Kindern oder Schutzbedürftigen vorgeschrieben waren.

Und doch bedeutete es, dass sein Team vermutlich alles über sie wusste.

Der chaotische Hochzeitstag, der keiner gewesen war, hatte es zwar nicht gerade in die Presse geschafft – aber wer wusste schon, was irgendjemand irgendwann in den sozialen Medien gepostet hatte. Vielleicht war sie auch einfach überempfindlich. Andy hatte tiefe Spuren hinterlassen. Trotzdem fühlte sich der Gedanke unangenehm persönlich an.

Niko betrachtete sie aufmerksam. „Das ist Routine, Gemma“, sagte er sanft. „Mir wurden keine Details genannt. Nur, dass es aus Sicht der Security keine Bedenken gibt.“

„Okay.“ Erleichtert atmete sie auf. Er sollte sie nicht für naiv halten. Ja, mit Andy hatte sie einen Fehler gemacht, aber es hätte schlimmer kommen können.

Sie führte ihn über das Gelände, erklärte den Grabungsplan und zeigte ihm einige der bisherigen Funde.

„Das ist wirklich großartig“, sagte er schließlich. „Alles passt zu dem, was ich hier erwartet hatte.“

„Und es ist schön, dass der Tempel offenbar ausschließlich Amphitrite gewidmet war, nicht auch Poseidon“, fügte sie hinzu. „Das hier waren Frauen, die mit ihren Weihgaben die Königin des Meeres baten, ihre Männer auf See zu beschützen und sie sicher nach Hause zu bringen.“

Dann fiel ihr ein, dass Nikos Bruder nicht nach Hause zurückgekehrt war.

„Es tut mir leid.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Ich wollte nicht …“ Ihre Stimme verlor sich unbeholfen.

„Ich weiß“, sagte er leise. „Und du hast recht. Poseidon hatte ein jähzorniges Temperament, daher nannte man ihn ja auch den Erderschütterer. Mit seinem Dreizack entfesselte er Stürme und ließ die Erde beben. Amphitrite hingegen war sanft, die Mutter aller Robben und Fische. Natürlich setzten die Frauen ihr Vertrauen eher in sie als in einen unberechenbaren Gott, der das Chaos liebte. Und sie werden ihre Männer ermutigt haben, es ebenso zu tun.“

Gemeinsam sahen sie sich weitere Funde an. Niko stellte Fragen, ergänzte ihr Wissen mit Hinweisen auf vergleichbare Stücke im Museum der Hauptstadt – und im Nu waren eineinhalb Stunden vergangen.

Er hatte sicherlich Termine. Ein offizielles Essen, eine Sitzung. Irgendetwas, bei dem man auf ihn wartete.

„Es tut mir leid“, sagte Gemma. „Ich wollte dich nicht so lange aufhalten.“

Niko schüttelte den Kopf. „Ich glaube eher, dass ich derjenige bin, der dich aufgehalten hat.“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Aller guten Dinge sind drei – und diesmal hat es gepasst.“

Er hob fragend die Brauen. „Wie meinst du das?“

„Beim ersten Treffen habe ich dich weggeschickt. Beim zweiten habe ich selbst Hausfriedensbruch begangen.“ Sie machte eine kleine Pause. „Und heute ist es, wie es von Anfang an hätte sein sollen.“

„Beim ersten Mal war ich nicht ehrlich und habe die Abfuhr verdient“, korrigierte er sie. „Das zweite Mal war nicht deine Schuld – auch wenn es nicht sehr klug war, allein schwimmen zu gehen.“ Ein kaum merkliches Lächeln glitt über sein Gesicht. „Und ja, genau so sollte es sein. Zwei Fachleute, die sich angeregt miteinander austauschen. Ich glaube, wir könnten den ganzen Abend reden, ohne dass uns der Gesprächsstoff ausginge.“

Der vernünftige Teil in Gemma wusste, dass sie es nicht sagen sollte – und doch rutschten ihr die Worte heraus.

„Falls du heute Abend nichts vorhast, könntest du doch mitkommen in Theos Taverne. Ich lade dich zum Essen ein. Die Studierenden von der Universität kennst du ja bereits. Und meine aus London wären begeistert, den Mann kennenzulernen, der herausgefunden hat, wo wir graben müssen.“

Bei Theo zu Abend zu essen und dabei leidenschaftlich mit den Studierenden zu diskutieren … Das gehörte fraglos zu den Dingen, die Niko vermisste, seit er seine Dozentenstelle aufgeben musste.

Außerdem würde es ihm erlauben, noch ein wenig mehr Zeit mit Gemma zu verbringen. Bei einem Treffen zu zweit wäre die Versuchung zu groß gewesen, all die verrückten Dinge in die Tat umzusetzen, die ihm gerade durch den Kopf gingen.

Und zufällig hatte er an diesem Abend keine weiteren Termine.

„Ich nehme die Einladung gern an“, sagte er, ohne lange nachzudenken. „Allerdings unter der Bedingung, dass ich später in der Woche für dich kochen darf.“

Gemma blinzelte. „Du kannst kochen?“

„Glaubst du, Prinz zu sein bedeutet automatisch, dass ich keine häuslichen Fähigkeiten habe?“

Er versuchte, ein empörtes Gesicht zu machen, was ihr ein entzückendes Grinsen entlockte.

„Ist es nicht so?“, forderte sie ihn heraus.

„Nun ja, ich putze oder wasche nicht selbst“, gab er zu. „Und in der Regel wird mein Essen in der Palastküche zubereitet. Aber in meiner Zeit im Studierendenwohnheim habe ich durchaus gelernt, eine anständige Mahlzeit auf den Tisch zu bringen. Und ich habe auch immer meinen Anteil an der Hausarbeit übernommen.“

„Natürlich.“

Es war offensichtlich, dass sie ihm kein Wort glaubte.

„Ich freue mich darauf, dir dein Misstrauen auszutreiben, Dr. Stone.“ Niko genoss dieses kleine Wortgefecht ungemein. „Am besten, du überlegst dir jetzt schon mal eine Entschuldigung.“

In ihren blauen Augen tanzten übermütige Funken. „Wir werden sehen, Dr. Spiridon.“

Es wurde ein wunderbarer Abend. Nikos ehemalige Studierende waren begeistert, ihn wiederzusehen, während die Londoner Truppe zunächst etwas eingeschüchtert wirkte. Sie kannten seine Bücher, und die Tatsache, dass er ein Prinz war, tat ihr Übriges. Doch schon bald war das Eis gebrochen, und sie wetteiferten mit den anderen um seine Aufmerksamkeit, zeigten ihm Fotos ihrer Lieblingsfundstätten und berichteten von ihren spannendsten Entdeckungen.

Gemma bremste sie nicht ein – im Gegenteil. Sie ermutigte sie, Fragen zu stellen, und achtete nur darauf, dass diese auch Hand und Fuß hatten.

Für Niko fühlte es sich an, als wäre er nach Hause gekommen. Wie schon zu seiner Zeit als Dozent erinnerte der bunte Haufen ihn an einen Wurf übermütiger Welpen – anstrengend, aber voller Energie und ansteckender Begeisterung. Genau das hatte er an seiner Arbeit mit den Studierenden geliebt.

Nach dem Essen verabschiedete er sich.

„Die nächste Runde geht auf mich“, sagte er, was mit einem vielstimmigen „Jámas!“ quittiert wurde. „Ich lasse das Geld an der Bar – unter der strikten Bedingung, dass ihr es mit dem Trinken nicht übertreibt und morgen pünktlich bei der Ausgrabung erscheint.“

„Wird gemacht, Boss“, versprach einer seiner ehemaligen Studierenden.

„Es war toll, Sie wiederzusehen“, rief ein anderer. „Wir haben Sie vermisst.“

Niko legte kurz die Hand an sein Herz. „Ich euch auch. Ich schaue nächste Woche mal bei euch vorbei.“

Gemma erhob sich ebenfalls. „Für mich wird es auch Zeit“, erklärte sie. Ich habe noch einiges an Papierkram zu erledigen. „Wir sehen uns morgen früh.“

Begleitet von „Gute-Nacht“- und Kalinýchta-Rufen verließen sie die Taverne.

„Danke, dass du so geduldig mit ihnen warst“, sagte Gemma.

„Es war mir ein Vergnügen.“

Das war nicht nur bloß dahingesagt, sondern kam direkt aus Nikos Herzen. Schon lange hatte er nicht mehr eine so wohlige innere Wärme verspürt.

„Möchtest du noch ein Stück am Meer entlanggehen?“ Eigentlich hatte er vorgehabt, sich von ihr zu verabschieden, aber der Abend war zu schön gewesen, um ihn jetzt schon zu beenden.

Sie sah ihn mit einem Blick an, den er nicht recht deuten konnte. Vermutlich dachte sie auch gerade, dass dies keine besonders kluge Idee war.

Doch dann lächelte sie – und die innere Anspannung löste sich.

„Gern“, sagte sie leise.

Sie schlüpften aus ihren Schuhen und gingen barfuß über den noch warmen Sand, der jetzt nicht mehr golden, sondern silbern schimmerte. Der Mond stand tief und zog einen schmalen, glänzenden Pfad über das nachtschwarze Meer.

Niko hatte diesen Anblick schon unzählige Male gesehen. Und doch erschien er ihm in diesem Moment wie ein Wunder. Zeitlos und makellos schön. Es fühlte sich an, als wäre er aus seinem alten Leben hinausgetreten und würde zu unbekannten Ufern aufbrechen.

Sie mussten nicht reden. Es genügte, schweigend nebeneinanderher zu gehen.

Seine Hand streifte ihre, und wie von selbst verschränkten sich ihre Finger. Nach ein paar Schritten hörte er nur noch das leise Zischen der Wellen. Oder war es das Rauschen seines eigenen Blutes? Es spielte keine Rolle. Es gab nur noch ihre Nähe und die Wärme ihrer Haut.

Doch es war nicht genug.

Nicht annähernd.

Niko wusste, dass er es nicht tun sollte – und blieb dennoch stehen. Er ließ seine Schuhe fallen, drehte sich zu ihr und strich ihr langsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Handfläche lag an ihrer weichen Wange, während ihre Blicke ineinandertauchten. Ihre Augen waren dunkel, geheimnisvoll und so schön, dass es beinah wehtat.

Wie hätte er da widerstehen sollen?

Als sich ihre Lippen berührten, fielen auch ihre Schuhe in den Sand. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar, er legte seine Arme um ihre Taille – und dann hörte alles Denken auf.

Umhüllt vom Mondlicht und dem ewigen Lied des Meeres atmete Niko tief den zarten Vanilleduft ihres Haars ein und gab sich ganz dem berauschenden Gefühl ihrer Lippen auf seinen hin.

Als er sich schließlich von ihr löste, raste sein Herz. Sie sah genauso benommen aus, wie er sich fühlte.

„Tut mir leid“, murmelte er. „Das hätte ich nicht tun dürfen.“

„Nein“, widersprach sie ihm und zog ihre Hände zurück. „Wir hätten das nicht tun dürfen. Und es tut mir auch leid.“

Einen schrecklichen Augenblick lang befürchtete er, sie würde ihn nun Prinz Nikolaos oder Eure Hoheit nennen.

Stattdessen schenkte sie ihm ein Lächeln, das ihm durch und durch ging und sagte: „Geben wir einfach dem Mondlicht und der lauen Sommernacht die Schuld, Dr. Spiridon.“

Erst als er ausatmete, wurde Niko bewusst, dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Sie sah ihn noch immer als ihn selbst. Und das bedeutete ihm mehr, als er zugeben wollte.

„Oder wir machen die Vorfreude auf die Entdeckung des Mosaikbodens dafür verantwortlich“, schlug er vor. Dann fügte er hinzu, plötzlich ernst: „Auch wenn wir wissen, dass es weder an dem einen noch dem anderen lag.“

Sie nickte. „Aber du bist ein Prinz und ich eine ganz normale Frau.“

Ein kurzer, schnörkelloser Satz – und doch fasste er ihr ganzes Dilemma zusammen.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen fanden sie weitere grüne Tesserae. Gemma machte einige Fotos und schickte sie mit einem kurzen Gruß an Niko. Den ausführlichen Bericht dazu würde sie nachliefern, wenn sie ihn am Abend im Palast besuchte.

Sie hatten gestern am Strand noch ein langes Gespräch geführt. Er hatte ihr von seinem Leben erzählt, und sie ihm von ihrem. Vor allem war es jedoch darum gegangen, wie sie in Zukunft miteinander umgehen sollten. Angesichts der Situation waren sie sich schnell einig gewesen, dass es darauf nur eine Antwort geben konnte: Sie würden weiter einen freundschaftlichen Umgang pflegen und sich beruflich austauschen – aber privaten Kontakt durfte es nicht mehr geben. Auf eines hatte Niko jedoch bestanden: Er wollte sein Versprechen einhalten, für sie zu kochen – und zwar am kommenden Abend bei ihm im Palast.

Also heute.

Während sie mit Kelle und Spachtel behutsam Schicht um Schicht des trockenen Erdreichs abtrug, kam Gemma nicht umhin, das Gespräch der beiden Studentinnen mit anzuhören, die neben ihr arbeiteten.

„Dr. Spiridon ist wirklich unglaublich klug“, sagte die eine. „Und so locker und nett. Man würde nie auf die Idee kommen, dass er ein Prinz ist.“

„Finde ich auch“, stimmte die andere ihr zu. „Außerdem sieht er verboten gut aus. Schade, dass er gezwungen ist, irgendeine Adlige zu heiraten.“

„Ehrlich? Das klingt ja wie im Mittelalter. Woher weißt du das?“

„Kosta hat es mir erzählt. Er meinte, dass seine Mutter eine Liste mit geeigneten Kandidatinnen führt. Hoffentlich findet sie eine Frau für ihn, die seine Interessen teilt. Falls nicht, wird er todunglücklich werden.“

Entschlossen blendete Gemma das Geplauder der beiden aus und fokussierte sich ganz auf ihre Arbeit. Niko hatte ihr im Laufe des gestrigen Gesprächs davon erzählt, also hatte sie nichts Überraschendes erfahren.

Netterweise hatte sich ein Teamkollege bereit erklärt, das Gelände nach Feierabend abzuschließen. Sie konnte also etwas früher los als sonst, um sich die Haare zu waschen und sich umzuziehen, bevor sie zum Palast aufbrach.

Niko hatte ihr versichert, dass es keinen Dresscode gab – dennoch erschienen Gemma Jeans zu lässig für den Anlass. Also entschied sie sich für eine leichte Sommerhose und ein fließendes, zartgeblümtes Chiffonoberteil. Ihr Haar, das sie normalerweise zu einem festen Zopf flocht, ließ sie offen, sodass es ihr in weichen Wellen über den Rücken fiel.

Als das Taxi sie vor dem Palast absetzte, atmete sie tief durch, um das nervöse Flattern in ihrem Magen zu beruhigen. Während der Fahrt war ihr erneut aufgefallen, wie viel Atmosphäre die Hauptstadt ausstrahlte. Üppige, leuchtend pinke Bougainvilleen rankten sich über die weiß- und cremefarbenen Hauswände. Die schmalen Gassen mit ihren glatt gelaufenen Kopfsteinpflastern, den traditionellen Läden und Cafés schienen die lange Geschichte des Landes förmlich zu atmen. Der Palast selbst war atemberaubend. Ein ehrwürdiger Bau aus honigfarbenem Stein, mit hohen Fenstern und einer Kolonnade, die sich über die gesamte Front des Gebäudes erstreckte.

Am Tor bat sie den Wachposten, Yiannis zu verständigen. Wenige Minuten später kam er auf sie zu und begrüßte sie mit einem herzlichen Händedruck.

Kalispéra, Dr. Stone. Der Prinz erwartet Sie bereits.“

Plötzlich überkamen Gemma Zweifel an ihrem Erscheinungsbild. Eine schlichte weiße Bluse und Pumps wären sicher angemessener gewesen als das romantische Oberteil und die flachen Sandalen. Und ihre Haare hätte sie besser hochstecken sollen, statt mit wallender Mähne hier aufzutauchen.

Hör auf damit, befahl sie sich. Sie sah ordentlich und gepflegt aus, und in Yiannis’ Miene war keine Spur von Missbilligung zu entdecken. Also konnte sie mit ihrem Outfit nicht völlig danebenliegen.

Sie folgte ihm durch eine marmorgeflieste Galerie, vorbei an goldgerahmten Gemälden und überlebensgroßen Statuen, die mit stoischer Gelassenheit von ihren Sockeln auf sie herabblickten. Je tiefer sie in den Palast vordrangen, desto mehr wurde ihr die tiefe Kluft zwischen ihrem ...

Autor

Joss Wood

Joss liebt Bücher, Kaffee und das Reisen – vor allem in die wilden Gegenden des südlichen Afrikas und, nun ja, eigentlich überallhin. Sie ist Ehefrau und Mutter von zwei jungen Erwachsenen. Außerdem kümmert sie sich um zwei Katzen und einen Hund, der so groß ist wie eine kleine Kuh. Nach...

Mehr erfahren
Michelle Douglas

Das Erfinden von Geschichten war schon immer eine Leidenschaft von Michelle Douglas. Obwohl sie in ihrer Heimat Australien bereits mit acht Jahren das erste Mal die Enttäuschung eines abgelehnten Manuskripts verkraften musste, hörte sie nie auf, daran zu arbeiten, Schriftstellerin zu werden. Ihr Literaturstudium war der erste Schritt dahin, der...

Mehr erfahren
Julia James

Julia James lebt in England. Als Teenager las sie die Bücher von Mills & Boon und kam zum ersten Mal in Berührung mit Georgette Heyer und Daphne du Maurier. Seitdem ist sie ihnen verfallen. Sie liebt die englische Countryside mit ihren Cottages und altehrwürdigen Schlössern aus den unterschiedlichsten historischen Perioden...

Mehr erfahren