Julia präsentiert Weiße Weihnachten Band 5

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Willkommen im Royal York Hospital, wo kleinen Patienten geholfen wird! Wenn andere Weihnachten feiern, kämpfen hier die Engel in Weiß um das Leben kranker Kinder. Denn Heilung ist das größte Geschenk – und Liebe macht alles möglich.

KÜSS MICH, WEIHNACHTSENGEL! von ALISON ROBERTS

Sein kleiner Sohn muss notoperiert werden – Single-Dad Noa hofft auf ein Wunder! Zum Glück ist die schöne Krankenschwester Eva immer für sie beide da, und bald fragt sich der Witwer: Ist sie ein Weihnachtsengel, vom Himmel gesandt, um ihm den Glauben an die Liebe zurückzugeben?

WAS SICH EIN KLEINES MÄDCHEN WÜNSCHT von ANNIE CLAYDON

Mit Weihnachten verbindet Chirurg Max Russo nur dunkle Erinnerungen. Bis er gemeinsam mit seiner lebensfrohen Kollegin Eliza die kleine Daisy rettet! Es ist ein Geschenk, das etwas in ihm ändert. Denn unterm Mistelzweig wagt Max es, Eliza sein Herz zu öffnen …

DIE ZEIT DER KLEINEN UND GROSSEN WUNDER von KRISTINE LYNN

Eine pikante Abmachung: Ares begleitet Ruby zur Hochzeit ihres Ex, sie spielt sein Date beim Weihnachtsfest seiner Familie! Romantik? Keine Spur. Sie sind schließlich beide mit ihrem Job in der Notaufnahme des Royal York verheiratet. Aber sie haben nicht mit der Magie der Festtage gerechnet …

UM MITTERNACHT BEGINNT DAS GLÜCK von LOUISA HEATON

Die sinnlichen Stunden nach der Silvesterparty mit der hübschen Serena sind nur ein flüchtiges Glück. Denn seit einem schweren Verlust hat Chirurg Ash mit der Liebe abgeschlossen. Bis Serena ihm die süßen Folgen gesteht! Neues Jahr, neues Glück – oder neues Chaos?


Leseprobe

Alison Roberts, Annie Claydon, Kristine Lynn, Louisa Heaton

JULIA präsentiert Weiße Weihnachten BAND 5

Alison Roberts

1. KAPITEL

„Fast geschafft.“ Eva Mason trat zurück, stemmte die Hände in die Hüften und nickte zufrieden. „Perfekt.“

Die Krankenschwester hinter der Anmeldung der Kinderstation des Royal York Hospital beugte sich vor, um den Weihnachtsbaum zu bewundern, den Eva gerade fertig geschmückt hatte. An jedem Zweig hingen bunte Kugeln, Girlanden und Lichterketten.

„Fabelhaft“, sagte Bella. „Und was kommt auf die Spitze?“

Eva sagte nichts.

„Wie wäre es dieses Jahr mit ein bisschen Abwechslung? Ein Engel … oder eine Schleife?“

„Nein.“ Eva schüttelte fest den Kopf. Sie versuchte, ihr Lächeln zu verbergen. Bella wollte sie nur necken – alle wussten genau, dass Eva an den Weihnachtstraditionen festhielt. Am ersten Dezember wurde geschmückt. Und auf die Spitze des Weihnachtsbaums gehörte … „Der Stern von Bethlehem. Und den habe ich hier.“

„Natürlich.“

Bella lachte, während Eva sich bückte und einen großen, glitzernden Stern hervorholte. Aber selbst auf Zehenspitzen war sie nicht groß genug, um ihn zu befestigen.

„Ich brauche einen Stuhl.“ Sie holte einen von hinter dem Schreibtisch hervor.

In diesem Moment gab einer der Monitore ein Alarmsignal von sich.

„Das ist George.“ Bella seufzte. „Schon wieder! Er zieht sich gern die Elektroden ab.“ Sie stellte den Alarm aus. „Ich bin gut darin, ein böses Gesicht zu machen, wenn Sechsjährige es eigentlich besser wissen müssten.“

Eva schob den Stuhl neben den Baum.

„Pass bloß auf!“ Das war Nicole, die Schichtleiterin, die gerade mit einem Stapel Patientenakten in der Hand an die Anmeldung kam.

Eva schlüpfte aus ihren bequemen Clogs, die sie auf der Arbeit trug, nahm den silbernen Stern und kletterte auf den Stuhl. „Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue!“

„Das hat Kyle bestimmt auch geglaubt.“ Nicole sah Eva dabei zu, wie sie den Stern vorsichtig auf die Spitze des Baums gleiten ließ.

„Wer ist Kyle?“

„Kyle Woodgate. Ein Sänger, der vor ein paar Jahren bei einer Talentshow gewonnen hat. Er sollte heute Nachmittag eigentlich unten im Foyer auftreten, um den großen Baum einzuweihen.“

„Oh.“ Eva kletterte von ihrem Stuhl. „Ich habe gestern gesehen, wie sie ihn aufgestellt haben. Er ist riesig! Eigentlich wollte ich dabei sein, wenn sie die Beleuchtung anstellen, aber dann war hier alles so hektisch, dass ich darüber hinweggekommen bin … Und dann habe ich gedacht, ich fange besser mit unserem Baum hier oben an.“ Sie schaute Bella hinterher, die auf dem Weg zu Georges Zimmer war. „Und auf diesen Baum gehört ein Stern!“, rief sie ihr gespielt streng hinterher. „Und sonst nichts!“

„Jedenfalls sollte Kyle den Stern befestigen, unmittelbar vor seinem Auftritt. Aber anscheinend hat er die Balance verloren. Er hat noch versucht, sich festzuhalten – mit der Folge, dass er und der Baum beide umgefallen sind. Es wundert mich, dass ihr den Knall hier oben nicht gehört habt.“

Eva sank der Unterkiefer herunter. „Ich hoffe, er hat sich nicht verletzt!“

„Hat er, leider. Er hat mehr Schaden genommen als der Baum, heißt es. Glücklicherweise war genügend medizinisches Personal in der Nähe …“

„Oh nein. Ich hoffe, er erholt sich gut.“ Eva biss sich auf die Lippen. „Was ist mit dem Baum?“

„Sie haben ihn wieder aufgestellt, mit einer Absperrung drumherum. Aber das Management hat jetzt erst mal einen bürokratischen Albtraum am Hals.“ Nicole hob die oberste Akte von ihrem Stapel. „Da wir gerade von Papierkram sprechen, hat jemand Dr. Jones gesehen? Er wollte Isla Reddings Akte haben.“

„Er ist bei ihr in Zimmer eins und bereitet alles für die Infusion vor“, sagte Eva. „Sie muss Antibiotika bekommen wegen einer üblen Bronchitis, die Ärmste.“

„Das sind keine guten Nachrichten. Bei einer Patientin mit Mukoviszidose sind alle Infekte schwierig.“ Durch die angeborene Stoffwechselerkrankung waren Sekrete und Schleim zu zähflüssig und konnten nicht effektiv abgehustet werden. Damit konnte jede Erkältung zu einem medizinischen Notfall werden. „Sie kann von Glück reden, wenn sie Weihnachten nach Hause kommt.“

„Ich bringe ihm die Akte“, bot Eva an. „Ich wollte noch schnell die Runde drehen und alle Kinder ein Spielzeug für ihr Bett auswählen lassen. Isla steht ganz oben auf der Liste.“ Sie senkte die Stimme. „Sag es keinem, aber sie ist mein Liebling.“

Nicole lachte. „Sie sind alle deine Lieblinge, Eva.“ Sie legte Islas Akte oben auf die Box, die Eva in den Armen hielt. „Ist deine Schicht nicht längst vorbei?“

„Heute ist der erste Dezember.“ Eva lächelte. „Die Weihnachtszeit hat offiziell begonnen! Da kann ich nicht auf die Uhr schauen.“

Isla sah viel jünger aus als zwölf. Und es ging ihr gar nicht gut. Leise betrat Eva das Einzelzimmer, eins von zweien, das ein eigenes Bad hatte. Es war auch das Zimmer mit dem besten Ausblick – auf den Fluss Ouse und die Museumsgärten. Zu dieser Jahreszeit würde Isla im Dunkeln all die magischen Lichter sehen können, entlang der Straßen und auf den Booten, die im Fluss vor Anker lagen. Alles Dinge, die Eva vermisst hatte, als sie für ihre erste Stelle als Krankenschwester nach London gezogen war.

Das Leben in London war aufregend gewesen, besonders als sie sich auf eine Romanze mit Aaron eingelassen hatte, einem angehenden Anästhesisten. Aber letztlich hatte es mehr versprochen als gehalten.

So wie ihre Ehe.

Die Rückkehr in ihre Heimatstadt, zu ihrer Familie, war das Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels gewesen. Und von der Notaufnahme auf die Kinderstation zu wechseln, hatte sich definitiv als die richtige Entscheidung herausgestellt. Sie konnte ihre Patienten richtig kennenlernen und ihnen den Alltag im Krankenhaus ein bisschen erleichtern. Das galt besonders für chronisch kranke Kinder wie Isla mit häufigen Krankenhausaufenthalten.

„Hallo, Schätzchen.“

„Eva …“ Durch die Sauerstoffmaske klang Islas Stimme gedämpft, aber ihr Lächeln war dennoch gut zu erkennen.

Islas Mutter Kay hängte gerade Kleider in einen Schrank neben der Badezimmertür. „Eva! Wir haben so gehofft, dass Sie heute Schicht hätten.“

„Tatsächlich bin ich für heute schon durch“, sagte Eva entschuldigend. „Aber ich bin morgen früh wieder da. Ich bin nur kurz hier, um Dr. Jones die Akte zu bringen.“ Sie hob die schwere Patientenakte von ihrer Box. „Sie haben über dich schon ein ganzes Buch geschrieben, Isla, oder?“

Noa Jones stand auf der anderen Seite des Bettes. Er hatte bemerkt, dass Eva ins Zimmer gekommen war, blieb aber auf die Infusion konzentriert, die er anscheinend gerade zum Laufen gebracht hatte. Aufmerksam beobachtete er, wie die Tropfen in die kleine, längliche Kammer zwischen Beutel und Infusionsschlauch fielen, und justierte die Rollklemme, um die Menge der Flüssigkeit, die intravenös verabreicht wurde, genau zu dosieren. Zufrieden mit dem Resultat drehte er sich um und nahm Eva die Akte ab.

„Danke.“ Er schlug sie auf und blätterte direkt zu den jüngsten Laborergebnissen. Wahrscheinlich kontrollierte er die Leber- und Nierenwerte. Er runzelte die Stirn, aber das tat er oft. Dabei sah er immer ein bisschen finster aus. Obwohl er ausgesprochen attraktiv war, wirkte er manchmal recht einschüchternd.

Auf den ersten Blick hielten ihn viele Menschen für grimmig. Er war ein Bär von einem Mann. Groß und breitschultrig, mit dunkelbrauner Haut und schwarzem Haar, Zeugnis seiner Abstammung von den Pazifikinseln. Unter dem Halsausschnitt seines Kittels konnte man manchmal den Ansatz interessanter Tätowierungen im polynesischen Stil sehen.

Die Patienten auf der Kinderstation liebten ihn. Ausnahmslos. Vom Baby bis zum Teenager.

Vielleicht, weil er ihnen allen seine volle Aufmerksamkeit widmete und ihnen das Gefühl gab, nur für sie da zu sein. Vielleicht war es auch sein Lächeln – ein Lächeln, das den ganzen Raum erhellen konnte. Er lächelte oft, und jedes Mal verwandelte es sein grimmiges Gesicht und verlieh ihm ein außergewöhnliches Charisma.

Aber so attraktiv er auch war, er hatte etwas an sich, das ihn unnahbar wirken ließ. Distanziert.

Nein, das war nicht das richtige Wort. „Distanziert“ klang nach Kälte oder Desinteresse, und beides konnte man Noa nicht vorwerfen. Aber er achtete auf einen gewissen Abstand, eine professionelle Distanz. Er war umgeben von einer unsichtbaren Barriere, die klar besagte: Sein Privatleben war seine Sache. Manchmal erinnerte er Eva an die Poster ihrer Lieblingsstars, die sie als Kind in ihrem Zimmer aufgehängt hatte. Popidole, die mit ihrem normalen Leben so wenig gemeinsam hatten, dass sie genauso gut von einem anderen Planeten stammen könnten.

Seit mehr als einem Jahr arbeitete Eva regelmäßig mit Noa zusammen, aber sie hatte nicht das Gefühl, dass sie ihn wirklich gut kannte. Das tat niemand. Auf der Arbeit konzentrierte er sich komplett auf seine Patienten. Und wenn er nicht auf der Arbeit war, konzentrierte er sich wahrscheinlich genauso intensiv auf seinen bezaubernden Sohn.

Noa war alleinerziehend. Eva hatte schon mehr als einmal auf den dreijährigen Robin aufgepasst, wenn Noa ihn an einem Samstagvormittag mit zur Arbeit hatte bringen müssen.

Der Rest seines Privatlebens war und blieb ein großes Geheimnis.

Eva wusste es besser, als festgesetzte Grenzen zu überschreiten. Auch in ihrem Leben gab es Dinge, die sie lieber für sich behielt. Entsprechend war es ihr wichtig, die Privatsphäre ihrer Kollegen zu respektieren.

Isla runzelte die Stirn und wirkte beinahe so grimmig wie ihr Arzt.

„Ich gehe noch nicht sofort nach Hause“, sagte Eva. „Erst muss ich noch eine wichtige Aufgabe erledigen. Du bist Nummer eins auf der Liste.“

Auf dem Monitor konnte sie sehen, dass Isla zu schnell atmete und ihre Herzfrequenz zu hoch war. Der Sauerstoffgehalt im Blut war zu niedrig. Es war schwer genug, mit einer chronischen Erkrankung zu leben, auch wenn sie nicht durch zusätzliche Infekte verkompliziert wurde. Jetzt vor Weihnachten war das umso schlimmer.

„Siehst du die Kiste?“ Eva stellte sie auf Islas Bett. „Es ist eine Kiste mit Weihnachtsdekoration. Du darfst dir etwas Besonderes für dein Bett aussuchen.“

„Was für eine wunderbare Idee.“ Kay kam zu ihr und spähte in die Kiste. „Ich kann auch ein bisschen Schmuck von zu Hause mitbringen … Schau, Isla, hier ist Santa mit einem Hut voller roter Pailletten. Der würde auf den Infusionsständer passen.“

Noa schaute auf. „Vielleicht lieber irgendwo anders? Nicht, dass er den Infusionsbeutel verdeckt.“

Isla schüttelte den Kopf. „Ich will keinen Santa.“

Eva schob ihr die Kiste hin, sodass sie selbst hineinschauen konnte. „Dann such du dir etwas aus.“

Nach einem Moment zog Isla ein Rentier aus der Kiste. „Oh, das hier ist niedlich.“ Sie suchte weiter.

Währenddessen führte Noa eine leise Unterhaltung mit Kay und besprach das weitere Vorgehen und die Behandlungsmethoden, um den Infekt in den Griff zu bekommen. Das Mitgefühl in seiner ruhigen, tiefen Stimme ließ Evas Blick zu ihm wandern. Sie sah, wie Kay nickte und sich gleichzeitig mit einem Taschentuch die Augen wischte, mit dem Rücken zu ihrer Tochter.

Und dann zog Isla ein weiteres Spielzeug aus der Kiste. „Ein Engel!“, sagte sie begeistert. „Oh, wie schön!“

Der Engel trug ein goldenes Kleid und hatte einen Heiligenschein. Und Flügel, die golden glitzerten. Wenn man ihn richtig aufhängte, würde es aussehen, als ob er flöge.

„Ich könnte einen zweiten Infusionsständer holen“, sagte Eva. „Wir haben genug davon. Wir können ihn auf die andere Seite des Bettes stellen. Dann kann der Engel nachts über dich wachen …“

Islas Maske war inzwischen von innen beschlagen, sodass man ihr Lächeln nicht mehr sah, aber Eva las es in ihren Augen. „Oh, ja bitte.“

„Vielleicht habe ich auch noch eine Girlande für den Infusionsständer, dann sieht er nicht so nackt aus. Ich bin gleich zurück.“

Eva fand einen nicht benötigten Infusionsständer im Lagerraum und schmückte ihn mit einer übrig gebliebenen Girlande. Als sie ihn durch den Flur schob, kollidierte sie beinahe unerwartet mit Noa Jones, der auf die doppelflügelige Stationstür zueilte.

„Sorry!“ Sie musste ausweichen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.

Aber Noa schien sie nicht zu hören.

Oder zu sehen.

Und bei seinem Gesichtsausdruck lief es Eva kalt den Rücken hinunter.

Sie hatte diesen respektierten, fähigen und höchst professionellen Arzt niemals so panisch gesehen. Als ob …

Eva starrte auf seinen Rücken, bis die Tür hinter ihm zuschwang.

Als ob er etwas gesehen hatte, das ihn in äußersten Schrecken versetzte.

Sie blinzelte, wandte sich um und sah sich auf einmal einer Ärztin gegenüber, die sie aus der Notaufnahme kannte. „Ruby! Was machst du denn hier oben?“

„Ich bin nur hochgekommen, um Noa Bescheid zu sagen. Meine Neuigkeiten sollte er besser persönlich hören, nicht übers Telefon.“

„Was ist passiert?“, fragte Eva alarmiert.

„Sein Sohn, Robin. Er hatte im Kindergarten einen Krampfanfall, entweder bevor oder nachdem er von einem Klettergerüst gefallen ist. Ich muss wieder nach unten …“ Über ihre Schulter schaute sie zu Eva. „Ich ruf dich bald mal wieder an!“

Einen Moment lang konnte sich Eva nicht rühren. Einen Krampfanfall? Wie alt war Robin? Fast vier. Eine Kopfverletzung konnte einen Krampf hervorrufen, aber ein Spielplatz in der Schule hatte in der Regel einen weichen Boden. Hatte Robin Epilepsie? Oder war es das erste Anzeichen einer ernsten Erkrankung?

Kein Wunder, dass Noa so erschrocken ausgesehen hatte. Als ob der Weltuntergang bevorstand. Eva hatte selbst keine Kinder, aber sie konnte sehr gut nachempfinden, wie es ihm ging. Und wenn er alleinerziehend war …

Eva schaute auf den dekorierten Ständer und schob ihn weiter.

Sie musste Islas Engel aufhängen und dann noch die anderen Kinder auf der Station besuchen. Das brauchte ein bisschen Zeit. Aber das war okay.

Sicher würde es eine Weile dauern, bis die Notaufnahme alles Nötige veranlasst hatte, aber Eva wollte hier sein, wenn Robin auf die Station gebracht wurde. Sie kannte ihn, und er würde sich bestimmt auch an sie erinnern. Ein vertrautes Gesicht konnte für ein ängstliches, krankes Kind an einem fremden Ort einen großen Unterschied bedeuten.

Falls sie noch nichts gehört hatte, wenn sie mit ihrer Aufgabe fertig war, würde sie unten in der Notaufnahme vorbeischauen. Vielleicht würde Robin auch direkt nach Hause entlassen werden, aber Evas Instinkt sagte ihr, dass das Wunschdenken war. So oder so, nachdem sie Noas Gesicht gesehen hatte, konnte sie auf keinen Fall heimgehen, bevor sie wusste, was mit seinem Sohn war.

Die Notaufnahme des Royal York Hospitals war der letzte Ort, an dem Noa Jones gern sein wollte. Besonders zu dieser Jahreszeit. Besonders heute. Der neu aufgestellte, unübersehbare Weihnachtsbaum im Foyer rief unwillkommene Erinnerungen daran wach, was vor beinahe vier Jahren in diesem Krankenhaus geschehen war.

Hier heruntergerufen zu werden, weil der wichtigste Mensch in seinem Leben als Patient eingeliefert worden war … das war unerträglich.

Es war ein Albtraum, der schlimmer wurde, als er sah, wie sein Sohn auf einer Trage durch die Tür gerollt und direkt in eines der voll ausgestatteten Abteile für die Wiederbelebung gebracht wurde.

Als er begriff, dass es genau derselbe Raum war, in dem Robin beinahe vier Jahre zuvor geboren worden war, erstarrte er einen Moment.

Aber daran durfte er jetzt nicht denken.

Er musste stark sein.

Seinem Sohn zuliebe, dem Menschen, den er mehr liebte als sein eigenes Leben.

Er stand direkt neben Robin, als die Notfallsanitäter ihn vorsichtig auf das Bett legten und sich seine Augen öffneten. Sein Gesicht war so blass, dass seine dunklen Augen noch dunkler wirkten, so schwarz wie sein Haar. „Daddy …“ Seine Stimme klang ängstlich. „Mein Kopf tut weh.“

„Ich weiß, Äffchen, ich weiß.“ Noa streichelte Robins zarte Wange. „Die Ärzte und Schwestern kümmern sich um dich, und ich bin hier bei dir.“

„Ich möchte nach Hause.“ Eine einzelne Träne rollte ihm über die Wange.

„Ich weiß.“ Noa brach das Herz, aber er konnte seinem Sohn keine falschen Versprechungen machen. „Im Moment müssen wir erst einmal hierbleiben.“

Mitglieder des Notfallteams überprüften Herz und Kreislauf. Robin klammerte sich an Noas Hand, während Elektroden an seiner Haut befestigt wurden und ein Clip zur Sauerstoffmessung an seinem Finger. Auf seinen Handrücken wurde ein betäubendes Pflaster angebracht, in Vorbereitung auf den intravenösen Zugang, über den sie Blut abnehmen oder Medikamente verabreichen konnten, falls es nötig war. Der Monitor begann, Herzströme aufzuzeichnen.

„Er wurde auf dem Boden unter dem Klettergerüst gefunden, mit einem tonisch-klonischen Anfall“, berichtete ein Sanitäter.

„Wie war die Oberfläche beschaffen?“, fragte Ares Petrides, einer der Fachärzte der Notaufnahme. „Und wie hoch war das Gerüst?“

„Es war ein Aluminiumgerüst mit einem Netz und einer horizontalen Leiter. Maximale Höhe etwa ein Meter. Darunter waren Gummifliesen. Keine offensichtlichen Kopfverletzungen.“

„Wie lange hat der Anfall gedauert?“

„Mehrere Minuten. Als wir angekommen sind, war er wieder bei Bewusstsein, sehr verwirrt und hat nach seinem Dad gefragt.“

Noas Herz verkrampfte sich.

Ares begann seine Untersuchung, während er mit den Sanitätern sprach und eine Schwester Notizen machte. „Atemwege frei, normale Atmung.“ Sie horchten Robin ab und leuchteten ihm in die Augen.

Robin ließ es sich gefallen, aber er weinte dabei. „Mein Kopf tut wirklich weh, Daddy.“

Ares runzelte die Stirn. „Ich kann nicht sagen, ob es von Bedeutung ist, aber seine Pupillen sind etwas ungleichmäßig groß.“ Er hielt einen Finger hoch. „Kannst du mir sagen, wie viele Finger du siehst, Robin?“

Robin sah aus, als bereitete es ihm Schmerzen, sich zu konzentrieren. „Einen …“, sagte er erst, änderte dann aber seine Meinung. „Zwei?“

Noa sank das Herz. Das war ernst.

„Möglicherweise eine leichte einseitige Schwäche“, sagte Ares. „Das müssen wir auch überwachen.“

„Daddy?“

„Ich bin hier, Äffchen.“

„Mir ist schlecht.“

Eine Schwester brachte ihnen eine Schale, gerade rechtzeitig, sodass Robin sich übergeben konnte.

„Wir brauchen den intravenösen Zugang“, sagte Ares. „Sofort. Blutwerte. Schmerzmittel. Und eine Rückenmarkspunktion.“

Noa musste einen Moment lang die Augen schließen. Das Frösteln, das ihn erfasste, verbreitete sich in seinem gesamten Körper.

Eine Rückenmarkspunktion war ein invasiver Eingriff, der nur vorgenommen wurde, wenn die Ärzte eine potenziell tödliche Meningitis befürchteten.

Robin sah die Nadel auf sich zukommen und schrie auf. „Nein! Daddy! Daddy! Ich will nicht!“

Aber Noa war wie erstarrt. Eine Erinnerung stieg in ihm auf, die alle Mauern sprengte, die er darum errichtet hatte.

Auf einmal konnte er den Daueralarm des Monitors hören, die flache Linie der Herzströme sehen. Die Gesichter der Umstehenden, während einer von ihnen hoch zur Uhr schaute und mit nüchterner Stimme den Zeitpunkt des Todes feststellte.

Er hörte den ersten hilflosen Schrei seines neugeborenen Sohns im Arm der Ärztin für Neonatologie, die sofort bei Saras Einlieferung gerufen worden war.

Und er sah Sara auf dem Tisch liegen, leblos. Sie hatte einen Herzstillstand erlitten. Ein Notkaiserschnitt hatte das Leben ihres Kindes gerettet.

Und erneut spürte Noa den Schmerz des Moments, in dem seine Welt zerbrach.

2. KAPITEL

„Nein!“

Das Weinen des verzweifelten Kindes durchbohrte Eva wie eine Messerklinge. Ruby war die erste Person, die sie sah, als sie den Kopf in das Zimmer in der Notaufnahme steckte.

Robin Jones schluchzte und versuchte, seinen Arm der Ärztin zu entziehen.

„Robin kennt mich“, sagte sie leise zu Ruby. „Soll ich es mal versuchen?“

Sie hatte nicht erwartet, eine so dramatische Szene in der Notaufnahme zu sehen. Eigentlich sollte sie gar nicht hier sein, aber sie hatte nicht nach Hause gehen können, ohne herauszufinden, wie es Robin ging.

Noa wandte den Kopf, als sie den Raum betrat. „Eva?“

„Eva …“ Robin streckte die Hände nach ihr aus. Oder vielleicht nach dem Spielzeug, das sie ihm brachte, eine Mischung aus Santa Claus und einem seiner Weihnachtselfen, mit rotem Hut und flauschigem weißem Bart, grünen Handschuhen und langen, rot-weiß gestreiften Beinen. Es spielte keine Rolle: Er war abgelenkt, und sein Schluchzen wurde schon leiser.

„Hallo, süße Maus … Schau mal, ich habe diesen Weihnachtsmann gefunden, und ich glaube, er fürchtet sich ein bisschen. Denkst du, du kannst ihm helfen?“

Jemand trat zurück, damit Eva Platz hatte, ans Bett zu treten. Sie konnte sehen, dass Noa sie beobachtete. Und sie konnte seine Sorge und sein hilfloses Entsetzen spüren. Eindeutig verstärkte er damit unbewusst Robins Ängste. Für sie war es leichter, ruhig zu bleiben, zu lächeln und Trost zu bieten. Robin presste das Spielzeug an seine Brust und drehte den Kopf zu ihr, als sie ihm über das Haar strich.

Ein Teil der Anspannung im Raum verflog. Eva setzte sich auf die Bettkante, und Robin rückte an sie heran. Sie legte den Arm um ihn.

Unwillkürlich schaute sie zu Noa auf und bekämpfte den Drang, sich dafür zu entschuldigen, dass sie seinen Platz einnahm. Aber vielleicht begriff er, dass seine eigene Angst die Dinge im Moment für Robin schlimmer machen würde. Jedenfalls sah sie Dankbarkeit in seinen Augen. Und eine stumme Bitte.

Bitte, bleiben Sie. Robin braucht Sie …

Es war beinahe eine Einladung, die Barriere zu durchbrechen, die ihn umgab. Eine unerwartete Verwundbarkeit lag in seinem Blick. Eva konnte nicht ablehnen. Sie schaute ihn an und nickte, ein stillschweigendes Versprechen, zu bleiben.

Ares nickte ebenfalls, ganz, als hätte er den stummen Austausch verstanden. „Können Sie einen Moment bleiben, Eva? Wir müssen eine Rückenmarkspunktion vornehmen.“

„Natürlich.“ Eva schmiegte die Wange in Robins Haar. „Hast du eine Hand für uns übrig? Der Doktor braucht sie, um mit einer Nadel hineinzustechen, aber es wird nicht wehtun, weil schon eine besondere Creme darauf ist. Zeig Santa Claus, wie tapfer du bist, ja?“

Robin barg den Kopf an ihrer Schulter, aber einen Moment später streckte er zögernd eine Hand aus. Eva strich ihm über das Haar. Er war wirklich tapfer.

Der Zugang wurde gelegt und ordentlich fixiert. Jemand nahm Blut, und dann bekam Robin eine Infusion und Schmerzmittel. Eva konnte spüren, wie er sich in ihren Armen entspannte. Er war beinahe eingeschlafen, als sie ihn in die richtige Position brachte, sodass die Ärzte eine Probe seiner Rückenmarksflüssigkeit nehmen konnten, die ihnen verraten würde, ob es eine Meningitis war. Eva blieb, wo sie war, und hielt Robin fest, damit er sich nicht bewegte. Beruhigend redete sie auf ihn ein, lenkte ihn ab, wenn es so aussah, als wollte er richtig wach werden.

„Hast du schon einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben, Robin? Um ihm zu sagen, was du dir wünschst?“

„Nein.“ Die Antwort war nicht mehr als ein Murmeln.

„Und weißt du schon, was du dir wünschst?“

„Mhm.“

„Was denn?“

„Einen Hund …“

Upps. Eva schaute auf und sah, dass Noa gequält die Augen schloss – als hätte er die Bitte schon zu oft gehört und abgeschlagen. Weil ein Haustier für einen alleinerziehenden Vater mit Vollzeitjob zu viel wäre?

Sobald die Probe entnommen war, erhielt Robin ein Antibiotikum, obwohl die Diagnose noch nicht bestätigt war. Sie weckten ihn noch einmal, um ihn erneut zu untersuchen. Diesmal war Ares’ Gesicht sehr ernst, nachdem er Robins Augen untersucht hatte. „Seine Pupillen reagieren jetzt deutlich unterschiedlich“, sagte er. „Und die Schwäche auf der rechten Seite ist stärker ausgeprägt. Wir müssen eine Gehirnblutung ausschließen.“

„Röntgen?“ Noas Stimme klang leer. „Oder CT?“

„MRT wäre besser“, sagte Ares. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Für einen MRT-Scan würden sie Robin in Narkose legen müssen. Es gab keinen Grund für Eva, zu bleiben. Aber sie konnte nicht gehen. Sie musste wissen, was passierte. Und Noa brauchte jemanden an seiner Seite. Jemanden, der für ihn da war.

Sie wollte dieser Mensch sein.

Sie würde nicht heimgehen, bevor klar war, was mit Robin war.

Weil sie wusste, wie es war, wenn die Welt um einen herum zusammenbrach. Wie allein man sich fühlte, wenn sonst wirklich niemand da war.

Sie hatte die Angst in Noas Augen gesehen.

Es fühlte sich an, als ob sie zum ersten Mal durch diese Barriere geschaut hatte, die er um sein Privatleben errichtet hatte – und um sich selbst.

Der Blick auf die Uhr half nicht.

Alles schien ewig zu dauern, obwohl ringsherum alle effizient und eilig arbeiteten. Noa wartete auf die Diagnose, die zeigen würde, welche Behandlung Robin brauchte, aber als es dann so weit war, wollte er die Uhr zurückdrehen.

Die besten Ärzte des Royal York Hospitals waren um ihn versammelt, um ihn zu unterstützen. Wie sie es damals schon getan hatten, in den schrecklichen Momenten nach dem Unfall. Und in den Monaten danach. Alle hatten so viel Verständnis für ihn gehabt. Man hatte seine Stelle für ihn offengehalten und ihn mit offenen Armen willkommen geheißen, als er schließlich hatte zurückkehren können. Seine Kollegen waren so etwas wie eine Familie für ihn. Robin war in der ans Krankenhaus angegliederten Krippe gewesen, anschließend im Kindergarten. York und das Krankenhaus waren Noas Zuhause geworden.

Aber im Moment wäre er überall lieber als hier.

Der Chefarzt der Radiologie stand an seiner Seite, als die Bilder der MRT-Untersuchung auf den Bildschirmen aufflackerten. An seinem Gesichtsausdruck konnte Noa sehen, dass er keine guten Neuigkeiten zu verkünden hatte.

„Sehen Sie das da? Ein Abszess. War Robin die letzten zwei oder drei Wochen krank?“

„Ja. Er hat Antibiotika gegen eine Mittelohrentzündung bekommen. Aber das war vor zwei Wochen. Ich dachte, er hätte es überstanden …“

In die Unterhaltung platzte der diensthabende Kinderarzt der Intensivstation, der meldete, dass Robins Zustand sich verschlechterte. Die Verwirrung und die Übelkeit nahmen zu.

Um Noa wurde es dunkel. Wenn der Druck innerhalb des Gehirns wuchs, bestand das Risiko einer Herniation – einer Einklemmung des Gehirns, die sehr wahrscheinlich tödlich wäre. Nicht, dass jemand das laut sagte, aber die Geschwindigkeit, mit der der Neurochirurg sein OP-Team zusammenstellte, war beeindruckend.

„Wir machen eine einfache Aspiration“, sagte er zu Noa. „Eine Trepanation, die uns Zugang gibt, sodass wir den Abszess entfernen können. Danach bleibt Robin auf der Intensivstation und bekommt Antibiotika. Wir machen regelmäßige CT-Scans, um sicherzugehen, dass er darauf anspricht. Die Operation dauert etwa eine Stunde. Haben Sie jemanden, der bei Ihnen bleiben kann, während Sie warten?“

Noa schüttelte den Kopf. „Mir geht es gut.“

Ihm wurde erst klar, dass er damit falsch lag, als Robins Bett im Gang vor dem OP-Saal anhielt. Neben dem Raum, wo die Angehörigen warteten. Vor der Doppeltür, die klar besagte, dass nur befugtes Personal Zugang hatte.

Robin lag immer noch in Narkose, also gab es keinen Grund für Noa, dabei zu sein, während er auf die Operation vorbereitet wurde. Kein Grund, weshalb Eva ihm folgen sollte, den seltsamen Santa Claus mit den gestreiften Beinen in der Hand. Sie hätte sich nicht die Mühe machen müssen, Robin das Spielzeug zu bringen.

Er strich Robin das Haar aus dem Gesicht und küsste ihn sanft auf die Stirn. „Bis nachher, Äffchen“, flüsterte er. „Ich habe dich so lieb …“

Aber als er sah, wie das Bett durch die Tür verschwand, konnte er nicht mehr. Er musste gegen die Tränen kämpfen, als er in den Warteraum wankte.

Er stand völlig neben sich.

Aber er war nicht ganz allein.

Eva saß schon auf einem der kleinen Sofas, das rote und weiße Spielzeug im Schoß.

„Sie müssen nicht bleiben“, sagte Noa mühsam. „Ich kann Robin den Santa geben, sobald er aufwacht.“

„Ich möchte bleiben“, sagte sie leise. „Es geht nicht um das Spielzeug. Ich kann nicht einfach nach Hause gehen, solange Sie hier ganz allein warten müssen.“

Noa öffnete den Mund, um zu sagen, dass er seit Jahren allein zurechtkam. Dass es ihm so lieber war. Aber wie konnte er eine so liebenswürdige, einfühlsame Geste zurückweisen? Von einer Frau, mit der er zwar privat nichts zu tun hatte, von der er aber sehr gut wusste, was für eine wunderbare Krankenschwester sie abgab – und wie teilnahmsvoll und engagiert sie war?

Eva hatte geholfen, Robin zu beruhigen. Allein dafür war Noa enorm dankbar. Er konnte ihr nicht einfach sagen, sie solle nach Hause gehen. Also sagte er nichts, nickte nur, setzte sich auf das andere Ende der Couch und bettete das Gesicht in seine Hände.

Andere Leute hätten vielleicht das Schweigen gebrochen, leeren Trost gespendet oder versucht, ihm falsche Hoffnungen zu machen. Aber Eva schien es zu reichen, einfach da zu sein, sodass er nicht ganz allein war. Und es war tatsächlich ein überraschend starker Trost, der ihm half, nicht völlig in der Dunkelheit zu versinken.

Es war so still im Wartezimmer, dass man das Ticken der Uhr hören konnte.

Eva war versucht, das Schweigen zu brechen. Aber irgendein Instinkt verriet ihr, dass es im Moment nicht das Richtige wäre. Immer wieder wanderte ihr Blick zu Noa, und auch wenn sie ihn nicht ansah, dachte sie über ihn nach.

Über das, was sie gemeinsam hatten.

Sie arbeiteten beide auf der gleichen Station des Krankenhauses, wahrscheinlich, weil sie beide gern mit Kindern umgingen. Er war ungefähr in ihrem Alter, vermutete sie, in den Dreißigern. Sie waren beide verheiratet gewesen. Eva wusste nicht genau, wie Noa seine Frau verloren hatte, nur, dass er auf tragische Weise verwitwet war und seinen Sohn allein großziehen musste. Ihr eigener Hintergrund war ganz anders. Ihr Ehemann war äußerst lebendig gewesen, als er ihr gebeichtet hatte, dass er die Trennung wollte, um mit seiner Geliebten zusammen zu sein.

Das Ende ihrer Ehe war nicht mit einer großen Tragödie einhergegangen. Eva war ihm einfach nicht gut genug gewesen.

Also waren sie und Noa beide Single – und möglicherweise gleichermaßen entschlossen, es zu bleiben. Obwohl Eva nicht gern tratschte, wusste sie, dass schon viele Frauen im Krankenhaus versucht hatten, mit Noa zu flirten. Verständlicherweise. Er war ein ausgezeichneter Arzt und sehr attraktiv. Als alleinerziehender Vater brachte er Frauenherzen auch noch besonders effektiv zum Schmelzen. Ein echter Ernährer und Beschützer …

Eva wiederum hatte halbherzig versucht, die Lücke in ihrem Leben zu füllen, aber ihre zögerlichen Versuche beim Online-Dating hatten bestätigt, dass ihre Narben einfach zu tief gingen.

Sie begriff langsam, wie viel glücklicher sie als Single war.

Die Uhr tickte weiter, aber Eva sagte noch immer nichts.

Es gab auch große Unterschiede zwischen ihr und Noa.

Eva stammte aus York und war stolz darauf, in einer der schönsten historischen Städte Englands zu leben. Noa hatte seine Wurzeln auf einer sonnigen Pazifikinsel.

Und, was wichtiger war, Noa war Vater.

Eva hatte jahrelang versucht, ein Kind zu bekommen. Inzwischen hatte sie sich mit dem Gedanken abgefunden, dass sie niemals eigene Kinder haben würde. Das hieß nicht, dass sie nicht nachvollziehen konnte, was Noa gerade eben durchlitt. Es musste sich anfühlen, als läge sein eigenes Herz dort auf dem Operationstisch.

Sie begriff nicht, dass sie ein leises Seufzen von sich gegeben hatte, bis Noa den Kopf hob und sie ansah.

Auch Eva wandte den Kopf. Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke. Sie sollte vielleicht doch etwas sagen …

Aber es war Noa, der das Schweigen brach.

„Warum hat Santa so seltsame Strümpfe an? Und sollte er nicht eine rote Hose tragen, passend zur Jacke?“

„Ich weiß!“ Sie hielt das Spielzeug hoch. „Und er hat spitze Schuhe statt Stiefel.“

„Es sind die Beine von einem Elfen.“

„Und die grünen Handschuhe passen auch nicht. Er sieht so aus, als hätte jemand übrig gebliebene Teile aneinandergenäht. Vielleicht haben die anderen Kinder ihn deshalb nicht haben wollen …“

Noas einer Mundwinkel hob sich zu einem schwachen Lächeln. „Robbie hat er gefallen.“ Jetzt war er es, der seufzte, als er zur Uhr schaute. „Es ist fast eine Stunde. Es sollte nicht mehr lange dauern.“

„Kommt er auf unsere Station?“

„Zuerst muss er auf der Kinderintensivstation liegen. Wir werden den Gehirninnendruck genaustens überwachen. Wenn es nicht reicht, den Abszess zu entleeren, muss er noch einmal operiert werden.“ Seine Stimme war jetzt leiser. „Dann müssten sie den Schädel weiter öffnen, um den Abszess komplett zu entfernen.“ Sichtlich mitgenommen von dem Gedanken, räusperte er sich. „Irgendwann kommt er dann sicher auf unsere Station. Ich bin froh, dass er sich dort schon auskennt und einen Teil des Personals kennt.“

Meinte er damit Eva?

In Noas Augen lag ein Hauch von Wärme. Und unter seinem Blick fühlte sie sich auf einmal schüchtern.

Weil Noa sie sah. Und es sich nicht so anfühlte, als sei sie lediglich irgendeine Kollegin.

Aus irgendeinem Grund schlug ihr Herz schneller.

Wollte sie, dass er in ihr mehr als eine Kollegin sah?

Nein, sagte ihr Kopf.

Aber ein leises Kribbeln in ihrem Körper behauptete das Gegenteil.

Sie versuchte, Worte zu finden, mit denen sie nicht riskierte, diesen Moment bedeutsamer zu machen, als er sein sollte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür des OP-Trakts, und Noas Blick schwenkte augenblicklich hinüber.

„Es ist gut gelaufen“, sagte der Chirurg. „Der intrakranielle Druck sinkt. Wir haben eine Probe entnommen, um genau zu bestimmen, mit was für einem Erreger wir es zu tun haben. Robin ist im Aufwachzimmer. Wenn Sie dort warten wollen?“

Noa war schon auf den Füßen und auf halbem Weg aus dem Raum. Eva erhob sich hastig und hielt ihm das Spielzeug hin. Er nahm es und nickte ihr zu.

Sie musste nichts sagen.

Es war an der Zeit, heimzugehen.

Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb sie stehen, während Noa durch eine Doppeltür verschwand. Der große, kräftige Mann hielt Santa an einem grünen Handschuh, während die gestreiften Beine durch die Luft baumelten.

Eva stiegen die Tränen in die Augen. Sie lächelte zittrig.

Und das Kribbeln in ihrer Mitte hielt an.

3. KAPITEL

Noas normales Leben war jäh unterbrochen worden, als er gehört hatte, dass sein Sohn im Krankenwagen auf dem Weg in die Notaufnahme war.

Die Stunden zwischen Robins Einlieferung und der Aufnahme auf die Intensivstation waren eine chaotische Abfolge von Maßnahmen, Diagnoseverfahren und Eingriffen, zu vielen Leuten und zu vielen lebenswichtigen Entscheidungen.

Nach der OP und dem Aufwachen, als Robin in seiner privaten Glaskabine auf der Intensivstation untergebracht war, schrumpfte seine Welt auf diesen Raum zusammen. Während die Nacht in den neuen Tag überging, verließ Noa seinen Platz an Robins Bett nur für ein oder zwei kurze Toilettenpausen. In der Ecke des Raums stand ein Liegesessel, aber in dieser ersten Nacht versuchte er nicht einmal, zu schlafen. Er überwachte die Monitore und alle Lebenszeichen und hatte das dumpfe Gefühl, etwas Schreckliches würde passieren, wenn er auch nur einen Augenblick in seiner Wachsamkeit nachließe.

Robin lag im künstlichen Koma und wurde beatmet. Der Hirninnendruck wurde dauernd überwacht. Durch den Tropf bekam er hoch dosierte Antibiotika.

Die Ärzte und Schwestern kamen und gingen. Noa klammerte sich daran, dass sie alle zwar besorgt, aber nicht alarmiert wirkten. Er versuchte, nicht an die möglichen Komplikationen oder Folgen zu denken. Im Moment war er einfach nur ein Vater. Der einzige Mensch, der an der Seite dieses kleinen Jungen sitzen konnte, voller hilfloser Liebe.

Noa war es gewohnt, allein für Robin verantwortlich zu sein. Ein kleiner Trost war, dass er seine Eltern anrufen konnte. Und seltsamerweise tröstete ihn auch der aus der Art gefallene Santa, der am Ende des Bettes saß. Er erinnerte ihn daran, dass das Leben weiterging. Weihnachten stand vor der Tür. Noa musste darauf hoffen, dass Robin sich gut genug erholt haben würde, um die Feiertage mit seiner Familie genießen zu können. Seine Großeltern würden aus Neuseeland herkommen.

Was ihm eine erstaunliche Zuversicht verlieh, war die Erinnerung an Eva Mason, die für ihn da gewesen war, sodass er nicht allein den Ausgang der Operation hatte abwarten müssen.

Aus irgendeinem Grund war Eva, diese sanfte, engagierte und bei allen beliebte Kollegin, an seiner Seite gewesen. Hatte neben ihm gesessen und Anteil genommen an Robins Schicksal. Hatte er ihr überhaupt dafür gedankt? Es war nun wirklich keine Selbstverständlichkeit. Ganz im Gegenteil. Sie waren weder verwandt noch gut befreundet. Gerade dadurch gewährte es ihm einen Einblick darin, was für ein Mensch Eva war.

Sie besaß ein Herz so groß wie ein Kontinent. Freundlichkeit und tiefes Mitgefühl sowie eine aufrichtige Liebe zu Kindern.

Sie war ein durch und durch guter Mensch.

Normalerweise ließ Noa andere Menschen nicht dicht an sich heran, aber es fühlte sich so an, als ob Eva ganz leise einen Platz eingenommen hatte, der mehr war als der einer Kollegin. Nicht, dass er versuchen würde, diesem Platz einen Namen zu geben. Selbst zu seinen Freunden hielt er Abstand. Und niemand konnte mehr sein als ein Freund.

Aber bei Eva fühlte es sich verdächtig so an, als könnte es mehr werden.

Was ein guter Grund war, auf keinen Fall weiter darüber nachzudenken.

Er hatte viel wichtigere Dinge im Kopf. Das machte es leicht, den Gedanken zu vertreiben. Aber welchen Platz Eva auch einnahm, es fühlte sich so an, als ob sie dorthin gehörte. Und Noa verspürte nicht den Drang, etwas zu unternehmen, um sie auszusperren.

Normalerweise legte Eva keinen Zwischenstopp bei dem kleinen Café in der Nähe des Krankenhauses ein, aber an diesem Morgen schaute sie kurz dort vorbei und nahm einen Kaffee und ein Bacon-Sandwich mit.

Der Kaffee war noch heiß, als sie die Kinderintensivstation betrat. Die Nachtschicht bereitete sich gerade auf den Schichtwechsel vor.

„Kann ich das hier für Dr. Jones abgeben?“, fragte sie die diensthabende Pflegerin. „Ich habe das Gefühl, er möchte vielleicht nicht so weit laufen, um sich Frühstück zu beschaffen.“

Die Schwester blickte von ihren Unterlagen auf und lächelte. „Bringen Sie es ihm ruhig selbst. Er ist in Zimmer zwei, direkt hinter Ihnen.“

Eva wandte sich um. Die einzelnen Abteile mit ihren Glaswänden waren in einem Quadrat um die zentrale Büroeinheit angeordnet, und … ja, dort sah sie Noa in sich zusammengesunken neben einem Bett sitzen. Seine Hand ruhte auf dem Kissen; seine Finger berührten Robins Wange.

„Wie geht es ihm?“, fragte Eva. „Hat er überhaupt geschlafen?“

Die andere Schwester schüttelte den Kopf. „Kein bisschen. Für den Kaffee ist er sicher dankbar.“

Eva holte tief Atem, versuchte, sich nicht schüchtern zu fühlen, und ging hinüber zur Tür. Sie hielt den Kaffeebecher und die Tüte mit dem Sandwich hoch, als sie leise an den Türrahmen klopfte und den Kopf ins Zimmer steckte. „Guten Morgen. Ich habe an Sie gedacht, als ich am Café vorbeigekommen bin. Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen nicht nach Essen zumute ist, aber es ist wichtig.“

Oh, du lieber Himmel.

Noa sah fürchterlich aus. Sein Haar war zerzaust. Über Nacht hatten sich tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wirkte er attraktiver denn je. So sehr, dass Evas Herz sich einen Moment lang schmerzlich zusammenzog.

Noa holte Atem. „Ist das Kaffee, den ich da rieche? Und … Bacon?“

„Ich weiß nicht, was Sie gern mögen. Es ist ein schlichter schwarzer Kaffee, kein Zucker. Und ich dachte, mit Bacon kann man nichts falsch machen.“

„Perfekt. Danke.“ Es kostete Noa dennoch sichtlich Mühe, Robin auch nur so lange loszulassen, dass er den Kaffee entgegennehmen konnte.

Eva schaute auf die Bildschirme und betrachtete Robins Gesicht. Es war ein herzzerreißendes Bild – der kleine Junge und die vielen Schläuche und medizinischen Geräte. Sie bemühte sich, sich ihre Betroffenheit nicht anmerken zu lassen.

„Es geht ihm gut“, sagte Noa. „Sie wollen ihn für weitere vierundzwanzig Stunden oder sogar noch etwas länger sedieren, aber sein Zustand ist stabil.“

Eva atmete erleichtert aus. „Wenn es irgendetwas gibt, was ich tun kann, sagen Sie Bescheid.“

„Es wird schon.“

„Wissen Sie, ich gebe Ihnen am besten meine Telefonnummer, nur für den Fall.“ Eva biss sich auf die Lippen. Sie zog einen Notizblock und einen Stift aus ihrer Tasche. „Falls Sie nach Hause gehen und irgendetwas holen möchten, kann ich gern eine Weile bei Robin bleiben.“ Sie schaute zu dem einsamen Santa am Bettende. „Wie ein Spielzeug oder eine Kuscheldecke für wenn er aufwacht.“

Noa nickte, aber er schaute schon wieder zu Robin, und Eva war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt gehört hatte. Sie legte den Zettel aufs Bett neben ihn und verließ leise die Intensivstation. Es war Zeit für ihre Schicht. In der Station über ihr wartete ein kleines Mädchen auf sie, neben dessen Bett ein Engel schwebte …

Es war beinahe eine Überraschung, die Lichter am Weihnachtsbaum funkeln zu sehen, als sie die Kinderstation betrat.

Hatte sie den Baum wirklich erst gestern geschmückt? Und die Girlanden über dem Schreibtisch aufgehängt, ein bunter Schmuck, der Personal, Besucher und Patienten willkommen hieß?

Eine der Patientinnen, für die sie an diesem Tag zuständig war, war Isla. Eva verbrachte viel Zeit in ihrem Zimmer, überwachte ihren Zustand, ermutigte sie, zu essen und zu trinken, und half bei den notwendigen Behandlungen.

Immer wieder kam ihr Robin in den Sinn, besonders während sie half, den fünfjährigen Oscar auf seine Blinddarmoperation vorzubereiten. Seine Mutter war sehr ängstlich, das steckte ihn an. Er klammerte sich an seine Mum und weinte.

„Du hast viel Glück“, sagte Eva zu ihm.

„Warum das?“

„Weil Dezember ist. Du bist der erste Patient, der in unserem Weihnachtsbett fahren darf. Das ist nur für die Jungs und Mädchen, die eine Operation haben.“

Obwohl die Tränen immer noch seine Wangen herabliefen, erweckte das sein Interesse. „Was für ein Bett?“

„Es ist ein Schlitten“, sagte Eva. „So einer wie der, mit dem Santa Claus vom Nordpol kommt. Er ist rot und golden und glitzert.“

Das Jahr über durften die Kinder sich zwischen einem Rennauto und einer Pferdekutsche entscheiden, aber vor ein paar Jahren hatte ein Hausmeister einen Aufsatz gebaut, der wie Schlittenkufen aussah.

„Rentiere sind im Krankenhaus leider nicht erlaubt“, sagte Eva. „Aber das Bett hat rote Laken und Glöckchen, die klingeln. Hör mal … da ist es schon, glaube ich. Bist du so weit?“

Oscar hatte aufgehört zu weinen. „Kann Mummy mitkommen?“

„Natürlich. Vielleicht darf sie sogar bei dir auf dem Bett sitzen.“

Selbst Oscars Mutter wirkte jetzt ein bisschen beruhigt. Eva begleitete sie und ihren Sohn bis zum OP und lächelte noch, als sie auf die Station zurückkehrte. „Das Weihnachtsbett ist fantastisch.“ Sie blieb einen Moment neben dem Weihnachtsbaum stehen. „Alle lächeln und winken, wenn sie es sehen.“

Bella druckte gerade ein EKG aus. Gleich würde die Visite starten, und ein Kinderkardiologe würde kommen, um Georges Herz unter Belastung zu untersuchen. Das würde hoffentlich einen Hinweis darauf geben, warum er so oft ohnmächtig wurde – der Grund für seine Aufnahme.

Die Stunden vergingen, und Eva rechnete nicht länger damit, dass Noa sie um Unterstützung bitten würde. Warum auch? Sie war nur eine Kollegin unter vielen.

Aber als am späten Nachmittag kurz vor Schichtende ihr Telefon vibrierte, sah sie eine unbekannte Nummer. Zu ihrer Überraschung war die Nachricht wirklich von Noa.

Wenn das Angebot noch steht, wäre ich dankbar, wenn Sie einen Moment bei Robin bleiben würden. Ich muss nach Hause, um zu duschen und mich umzuziehen. Er ist noch nicht wieder bei Bewusstsein, aber ich würde mich besser fühlen, wenn jemand da wäre, den er kennt.

Eva tippte fix eine Antwort.

Perfektes Timing. Meine Schicht ist gleich zu Ende. Ich komme, sobald es geht.

Sie setzte einen lächelnden Smiley dazu, den sie wieder löschte. Er kam ihr unpassend vor.

Nicole, die Schichtleiterin, entließ sie gern etwas früher, als Eva ihr erklärte, wozu.

„Sag ihm, wir denken alle an ihn“, sagte Nicole. „Er soll sich keine Sorgen machen, all seinen Patienten geht es gut, und wir haben genügend Ärzte, die ihn vertreten. Er kann so lange bei Robin bleiben, wie es nötig ist.“

Eva setzte sich in den Stuhl direkt neben Robins Bett, als sie Noa ablöste. „Sie müssen sich nicht hetzen“, sagte sie. „Ich habe Ihre Telefonnummer: Wenn irgendeine Änderung eintritt, lasse ich es Sie sofort wissen. Sie können sich gern auch ein bisschen hinlegen – ich habe heute nichts mehr vor. Es kann nicht einfach sein, hier zu schlafen.“

„Der Stuhl reicht schon.“ Noa schüttelte den Kopf. „Es sollte nicht mehr als eine Stunde dauern. Danke schön, Eva.“ Das müde Lächeln, das er ihr schenkte, sagte ihr, dass er normalerweise nicht gern Hilfe annahm.

Während sie an Robins Bett wartete, kamen und gingen andere Schwestern und Ärzte, die Robins Zustand überprüften. Sie sprachen nicht mit Eva über seine Prognose, aber an ihrer Körpersprache und den Blicken, die sie untereinander wechselten, konnte sie ablesen, dass sie vorsichtig zuversichtlich waren.

Das half Eva, sich zu entspannen. Sie rollte sich im Stuhl zusammen, nahm Robins Hand und streichelte sie sanft. Die Polster waren weich. Wenn man den Stuhl ausklappte, war er sicher sogar als Bett halbwegs geeignet.

Sie konnte sich vorstellen, wie Noa in diesem Stuhl gesessen hatte, so müde, dass er kaum noch die Augen aufhalten konnte. Sie konnte seine Liebe zu seinem Sohn selbst in seiner Abwesenheit spüren. Und es erweckte etwas in ihr, das lange geschlafen hatte.

Oder vielleicht war es die kleine, weiche Hand, die sie in ihrer eigenen hielt.

Lange war es ihr Traum gewesen, eine kleine Hand in ihrer zu halten, die winzigen Finger eines Neugeborenen zu streicheln und darüber zu staunen, wie perfekt sie waren. Ein Baby an der Hand zu halten, das seine ersten Schritte machte. Da zu sein und Trost zu spenden, wenn ein älteres Kind krank war oder Angst hatte.

So wie sie es jetzt tat. Sie hielt Robins Hand und redete leise mit ihm. Sprach tröstende Worte. Es spielte keine Rolle, welche das waren. Es war etwas, von dem Eva instinktiv wusste, wie es funktionierte, obwohl sie selbst niemals Mutter sein würde.

Mittlerweile war der unerfüllte, sehnsüchtige Wunsch nach einem eigenen Kind meistens weniger schmerzlich. Die Zeit heilte zwar nicht unbedingt alle Wunden, aber sie milderte das Leid. Und doch … Während sie so dasaß, reiste Eva zurück in eine Vergangenheit, in der ein eigenes Baby alles gewesen war, was sie gewollt hatte. Als die Monate vergangen waren, ohne dass sie schwanger geworden war. Das Schlimmste war die vergebliche Hoffnung gewesen, wann immer ihre Blutung sich einen Tag oder zwei verspätet hatte, und die Enttäuschung, wenn sie dann doch eingesetzt hatte. Aaron hatte das alles viel weniger ausgemacht. Sie hätten Zeit, hatte er gesagt. Sie wären ohnehin noch sehr jung. Und es zu probieren wäre doch allein schon ein Vergnügen, oder?

Aus einem Jahr wurden zwei. Sie begann, Tagebuch zu führen. Alle erdenklichen Tests zu machen. Die Entscheidung, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen, weckte neue Hoffnung … die sich noch vor ihrer ersten Behandlung dort auf grausame Weise zerschlug.

Eva war es, die anrufen musste, um den Termin abzusagen. Der schlimmste Anruf, den sie je hatte tätigen müssen. Was sollte sie sagen?

Es tut mir leid, aber ich habe gerade herausgefunden, dass mein Mann eine Affäre mit einer gemeinsamen Kollegin hat. Anscheinend ist unsere Ehe „nicht mehr das, was sie mal war“. Er dachte, ich sollte die Wahrheit wissen, bevor wir uns weiter um ein Baby bemühen. Sie vergeben den Termin besser anderweitig, schätze ich.

Das sagte sie so natürlich nicht.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie noch nicht auf der Kinderstation. Es dauerte lange, den Verlust halbwegs zu verkraften. Nicht nur das schreckliche Ende ihrer Ehe, auch das Sterben all ihrer Hoffnungen, Mutter zu werden, mit einem Partner an ihrer Seite, der sie und das Kind liebte.

Die Entscheidung, zurück nach York zu ziehen, um dichter bei ihrer Familie zu sein – auch bei ihrer Schwester und deren Kindern –, erwies sich als erstaunlich heilsam. Und schließlich ließ sie sich zur Kinderkrankenschwester weiterbilden. Ein neuer Anfang, der ihr wohltat.

Und hier war sie nun, eine erfahrene Kraft, der Eltern ihre Kinder mit gutem Gefühl anvertrauen konnten. Eva war stolz auf ihre Leistung. Und wenn das bedeutete, dass sie immer wieder einmal einen Moment lang Trauer oder Wehmut verspürte, weil sie niemals die Hand ihres eigenen Kindes halten würde, war das vielleicht eine gute Sache. So würde sie jedenfalls niemals vergessen, was ein Kinderleben bedeutete.

Und diesmal fühlte es sich anders an. Es war ihr wichtig, Anteil an Robins Schicksal zu haben, vielleicht, weil sie begriff, dass in seinem Leben – und in Noas – eine Leere herrschte, die sie vielleicht zeitweise helfen konnte zu füllen.

Sie würde es nicht an die Oberfläche dringen lassen, aber sie konnte nicht leugnen, dass sie das Gefühl hatte, es ginge auch um sie selbst, nicht nur um ihren Patienten.

Wegen der Leere in ihrem eigenen Leben?

Eva hielt immer noch Robins Hand, als Noa zurückkam. Er trug Jeans und ein frisches Hemd mit aufgerollten Ärmeln. Ihr stieg ein Hauch seiner Seife in die Nase, als er sich neben ihr vorbeugte, um seinem Sohn das Haar aus dem Gesicht zu streichen.

Was war das für ein Geruch? Rauchig. Oder holzig …

War es überhaupt ein künstlicher Duft? So wie er Evas ganzen Körper erwachen ließ, machte es fast den Eindruck, als ob sie Noas ganz persönlichen, männlichen Geruch einatmete.

Nachdem sie so lange keinem Mann mehr nahe gewesen war, hatte sie vielleicht nur vergessen, wie das war.

Eindeutig sollte sie besser nicht darüber nachdenken.

Rasch glitt sie vom Stuhl. „Ich mache Ihnen Platz“, flüsterte sie. „Es geht ihm gut – er schläft ganz friedlich.“

Noa nickte. „Ich habe mit den Ärzten gesprochen. Morgen wird noch eine MRT-Untersuchung gemacht. Wenn alles gut aussieht, wecken sie ihn auf. Vielleicht kann er dann schon von der Intensivstation verlegt werden.“ Er griff in die Tasche, die er mitgebracht hatte, und zog einen etwas mitgenommen wirkenden Teddybären heraus, den er neben Robin ins Bett legte. „Sein Lieblingskuscheltier konnte ich nicht finden. Sheepy, ein kleines, ganz flaches Schaf, das mehr wie ein Kuscheltuch aussieht. Damit schläft er schon, seit er ein Baby war. Aber den Bären mag er auch. Ich habe mir nicht so viel Zeit zum Suchen genommen, weil ich zurück zu ihm wollte.“ Er schaute Eva an. „Danke. Ich hätte niemand anderen darum gebeten. Robin mag Sie, und er vertraut Ihnen.“

Eva lächelte. „Ich mag ihn auch. Und ich kann morgen wiederkommen, wenn Sie eine kurze Pause brauchen und vielleicht nach Sheepy suchen wollen.“

Noa nickte. „Dann ist er vielleicht schon wach“, sagte er. „Und ja, das ist eine gute Idee. Vielen Dank für das Angebot.“

„Dann sehen wir uns morgen.“ Eva lächelte und ging zur Tür.

Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob er ihr hinterherschaute. Ob er sie anziehend fand.

Warum fragte sie sich das?

Noa Jones hatte gerade unter Garantie ganz andere Dinge im Kopf …

4. KAPITEL

Robin blieb nach dem Aufwachen noch vierundzwanzig Stunden auf der Intensivstation, damit die Ärzte sicher sein konnten, dass der intrakranielle Druck nicht wieder stieg. Danach wurde er auf die Kinderstation verlegt, in das Zimmer neben Islas. Zu Noas Erleichterung betreute ihn ...

Autor

Annie Claydon

Annie Claydon wurde mit einer großen Leidenschaft für das Lesen gesegnet, in ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit hinter Buchdeckeln. Später machte sie ihren Abschluss in Englischer Literatur und gab sich danach vorerst vollständig ihrer Liebe zu romantischen Geschichten hin. Sie las nicht länger bloß, sondern verbrachte einen langen und...

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