Küss mich zum Fest der Liebe

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Unter ihr splittert das Eis, Casey versinkt im kalten See! Da hört sie die Stimme des Mannes, der sie einst so schmählich verließ: Turner rettet sie. Beschützend zieht er sie in seine starken Arme, doch können seine zärtlichen Küsse den Eispanzer um ihr Herz zum Schmelzen bringen?


  • Erscheinungstag 15.12.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733745257
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Weihnachten

Turner Kennedy war stolz auf seine Fähigkeit, Angst nicht nur meistern, sondern in Kraft umwandeln zu können.

Er war aus 8.200 Metern Höhe ins kohlrabenschwarze Unbekannte gesprungen.

Er hatte draußen in der Wildnis auf feindlichem Territorium Chaos und Verwüstung angerichtet.

Er hatte sich ohne Behausung dem launenhaften, blutrünstigen Wesen der Natur ausgesetzt, sengender Hitze ebenso wie klirrender Kälte, manchmal beidem binnen vierundzwanzig Stunden.

Er hatte Hunger erfahren. War verschollen gewesen. Hatte die Grenzen seiner physischen Leistungsfähigkeit immer wieder ausgetestet und überschritten.

Er war gejagt worden, hatte im Zwielicht zutiefst unwirtlicher Gegenden festgesessen, auf Schritte lauschend, witternd, ins undurchdringliche Dunkel starrend.

Es war nicht so, dass er keine Angst verspürte, aber er hatte gelernt, dass er die seltene Gabe besaß, sie in Adrenalin, Stärke, Energie umzusetzen.

Daher war ihm die Ironie seiner gegenwärtigen Lage bewusst. Nach langer Abwesenheit war er zurück in den Vereinigten Staaten, einem Land, in dem Sicherheit eine Selbstverständlichkeit war.

Und er hatte Angst.

Er hatte Angst vor drei Dingen.

Zum einen vor dem Schlafen. In seinen Träumen suchten ihn all die Dinge heim, von denen er sich nicht hatte in die Knie zwingen lassen. Vor allem eine Situation, in der er versagt hatte und deren verheerender Ausgang durch mehr Angst seinerseits womöglich hätte verhindert werden können.

Womöglich hatte diese erste Angst ihn so sehr ausgelaugt, dass sie die zweite nach sich gezogen hatte.

Turner Kennedy fürchtete sich vor Weihnachten.

Vielleicht weniger vor den kommenden Feiertagen als vielmehr vor den Erinnerungen an vergangene. Diese Erinnerungen lauerten stets in den Winkeln seines Geistes, jede Gelegenheit nutzend, sich in den Vordergrund zu drängen. Heute waren sie aus dem Schatten gekrochen, als er in einem Schaufenster eine Christbaumspitze in Engelsform gesehen hatte.

Ohne Vorwarnung war er gut zwei Jahrzehnte in die Vergangenheit katapultiert worden.

Als er und seine Brüder damals die Treppe hinuntergegangen waren, war gerade das erste Licht des frühen Morgens ins geschmückte Wohnzimmer gesickert. Der Weihnachtsbaum ragte knapp zwei Meter fünfzig hoch auf. Turners Mutter hatte ihn dieses Jahr ganz in Weiß gehalten. Weiße Kerzen, weiße Kugeln und Anhänger, ein weißer Engel auf der Spitze. Im Haus duftete es nach den Keksen, die sie für Santa Claus gebacken hatte, während Turner und dessen Brüder den Heiligabend auf der Eisbahn hinter dem Haus verbracht hatten. Ihr Dad hatte die Bahn für sie angelegt.

Es war schon nach zehn gewesen, als ihre Mutter sie schließlich hereingerufen hatte. Selbst da hatte Turner noch nicht genug gehabt von der Eisbahn – davon, im Dahinsausen das Eis unter den Kufen, die Kälte auf den Wangen, den Wind im Haar, die Kraft in seinen Beinen zu spüren. Die ganze Welt schien in diesen Augenblicken von Magie erfüllt zu sein …

Nun allerdings war die Weihnachtsmagie bedroht. Obwohl von den Keksen nur noch Krümel übrig waren, war Santa Claus nicht da gewesen. Sonst hatten stets Geschenkpakete auf dem Kaminsims gewartet. An diesem Morgen jedoch war der Sims gähnend leer.

Turner und seine jüngeren Brüder Mitchell und David sahen einander besorgt an.

Waren sie nicht artig gewesen? Was hatten sie verbrochen, dass sie bei Santa in Ungnade gefallen waren?

Ihre Eltern kamen die Treppe herunter. Sie wirkten müde, merkten aber offenbar nicht, dass etwas nicht stimmte.

„Lasst uns die Geschenke auspacken“, meinte sein Vater. „Ich brenne darauf zu erfahren, was in diesem hier ist.“

Er freute sich sichtlich über den neuen Fotoapparat, für den Turner und die anderen zusammengelegt hatten. Seine Mutter bekam von Mitchell Parfüm und von David eine Deko-Figur. Turners weit nützlicheres Geschenk in Form eines Baseballhandschuhs hingegen betrachtete sie verwirrt, ehe sie laut auflachte.

Als ihr Lachen verebbte, hörte Turner etwas anderes.

Ein leises Winseln, gefolgt von einem spitzen, durchdringenden Jaulen.

Es kam aus dem Hauswirtschaftsraum. Turner stürmte los, noch bevor seine jüngeren Brüder etwas gehört hatten. In einem Weidenkorb, der von einer riesigen roten Schleife geziert wurde, saß ein Welpe mit schwarzem, krausem Fell. Seine Augen waren von einem solch satten Dunkelbraun, dass Turner sich darin hätte verlieren mögen. Turner hob ihn hoch, und der Welpe legte ihm seine bereits großen Pfoten auf die Schultern und leckte ihm, ganz aus dem Häuschen vor Zuneigung, quer übers Gesicht. Chaos, wie sie ihn nannten, hatte Turner immer am meisten geliebt, sehr zum Verdruss von Mitchell und David …

Turner riss sich aus seinen Erinnerungen und fuhr sich über die Wangen. Die nämlich fühlten sich plötzlich feucht an, so als wäre der Hund, der ihn treu durch die Tage seiner Kindheit und Jugend begleitet hatte, ihm gerade noch einmal mit der Zunge übers Gesicht gefahren. Chaos’ letzter Hundekuss lag mehr als ein Dutzend Jahre zurück, und in seinem Abschied hatte dieselbe bedingungslose Liebe gelegen wie in seiner ersten Begrüßung …

Erleichtert stellte Turner fest, dass seine Wangen trocken waren.

Denn die dritte Sache, vor der er womöglich gar mehr Angst hatte als vor Schlaf und Weihnachten, waren Tränen.

Ruhelos kam er auf die Beine, wütend auf sich selbst. Genau darin bestand seine Angst. Darin, dass die Weihnachtsatmosphäre sich in ihn hineinstahl und eine Lawine der Schwäche lostrat.

Er ging zum Kasernenfenster. Es war eine vorübergehende Unterkunft, zwischen zwei Missionen. Ob es eine nächste Mission geben würde? Er war nicht sicher, ob er noch das Zeug dazu hatte. Vielleicht war es an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Aber was dann? Es war lange her, seit er so etwas wie ein Zuhause gehabt hatte.

Über Weihnachten konnte er schlecht auf der Militärbasis bleiben. Er hasste es, wenn Gefühle seine inneren Mauern bedrohten, denn dahinter herrschte Leere. Zu viel Raum für eigene Gedanken.

Zu viel Raum für das, was er am meisten fürchtete.

Die Sehnsucht nach Vergangenem.

David und Mitchell hatten ihm nicht verboten, über die Feiertage zu kommen. Eingeladen hatten sie ihn jedoch auch nicht. Wobei sie vermutlich annahmen, dass er im Ausland war, eine Annahme, die er nicht widerlegt hatte.

Es war besser so. Er hatte ihnen nichts zu geben. Weder ihnen noch sonst jemandem.

Es gab durchaus Orte, an denen ein Einzelgänger den Festlichkeiten entgehen konnte. Palmen ließen kaum weihnachtliche Gefühle aufkommen. Ein tropisches Resort hätte zugleich den Vorteil, alle möglichen Ablenkungen zu bieten. Ablenkungen, die einen Bikini trugen.

Turner wusste, dass er zu wenig schlief. Nicht einmal der Gedanke an Frauen im Bikini konnte das öde Gefühl vertreiben, unter das sich die rastlose, brodelnde Energie mischte, die ihn am Schlafen hinderte.

In dem Moment klingelte sein Handy.

Ein wenig Abenteuergeist musste doch noch in ihm stecken, denn er ertappte sich bei der Hoffnung, es wäre der befehlshabende Offizier seiner streng geheimen Spezialeinheit, der Tango Force Unit. Damit würde zumindest diese Weihnacht für ihn durch eine globale Krise verdrängt werden.

Doch die Nummer auf dem Display war nicht die seines Offiziers. Turner nahm den Anruf entgegen. Lauschte. Und war bestürzt, als er sich sagen hörte: „Gut, ich komme.“

Es war eine Stimme aus jener Sphäre gewesen, die er am liebsten verdrängt hätte: aus der Vergangenheit. An diese erinnerte er sich mit dem hilflosen Verlangen eines Menschen, dem es nicht gegeben war, zu simpleren Dingen, simpleren Zeiten, seinem alten simpleren Selbst zurückzukehren.

Aber Cole Watson war sein bester Freund gewesen. Cole hatte seit Wochen versucht, ihn aufzuspüren. Hatte gesagt, er brauche ihn.

Und Turner stammte aus einer Welt, wo eine Regel sich über alle anderen erhob: Wenn ein Freund dich braucht, bist du für ihn da.

Okay. Also doch keine brandgefährliche Mission. Niemandes Leben stand auf dem Spiel.

Cole brachte gerade sein Leben in Ordnung. Er habe so gut wie alles verloren, was ihm teuer gewesen sei, hatte er gesagt. Er habe eine zweite Chance erhalten und wolle sie nutzen.

Turner fragte sich, ob es das war, was ihn unwiderstehlich anzog – die Sache mit der zweiten Chance. Die Absteige namens Gingerbread Inn in der hintersten Ecke von New England lockte ihn jedenfalls nicht. Wenngleich der Umstand, dass Turner nie da gewesen war, von Vorteil war, da der Ort keinerlei Erinnerungen barg.

Aber nein, Cole hatte nebenbei erwähnt, dass das Inn am Ufer eines Sees liege, am Barrow’s Lake, auf dem man schier endlos auf Schlittschuhen seine Bahnen ziehen könne. Das klang so gut wie jede andere Möglichkeit, die Feiertage totzuschlagen.

Und um die Energie loszuwerden, die Turners Nervenenden förmlich vibrieren ließ und ein Ventil suchte. Es klang tatsächlich nahezu unwiderstehlich.

1. KAPITEL

Casey Caravetta seufzte zufrieden. „Mit euch beiden fühlt sich das Gingerbread Inn wie ein Zuhause an“, meinte sie. So wie sich mein richtiges Zuhause nie angefühlt hat, fügte sie im Stillen hinzu.

„Trotz des desolaten Zustands?“, fragte Emily und ließ den Blick missbilligend über die Wohnstube gleiten, die nach vorn hinausging. Es stimmte, die Möbel waren schäbig, die Farbe blätterte ab, die Teppiche hatten bessere Tage gesehen.

„Keine Sorge“, warf Andrea ein. „Ihr werdet das Haus nicht wiedererkennen, wenn ich erst einmal damit fertig bin. Wenn du Heiligabend dein Ehegelübde erneuerst, Emily, wird das Gingerbread Inn das reinste Winterwunderland sein.“

„Ich bin wirklich dankbar dafür, dass alle Menschen, die Cole und mir etwas bedeuten, ihre Weihnachtspläne fallen gelassen haben und herkommen“, sagte Emily.

„Niemand lässt hier irgendwelche Pläne fallen“, schaltete Andrea sich ein. „Wir werden gemeinsam einen zauberhaften Heiligabend verbringen und uns anschließend über die Feiertage in alle vier Winde zerstreuen.“

Bis auf Casey, die nirgendwo erwartet wurde. Das Inn war trotz seines leicht abgehalfterten Erscheinungsbildes der perfekte Ort, um ein paar ruhige Tage allein zuzubringen.

Der Gedanke hätte etwas Betrübliches gehabt, wäre da nicht das Geschenk gewesen, das Casey sich selbst zugedacht hatte …

Draußen hatte es zu schneien begonnen, aber im steinernen Kamin prasselte ein munteres Feuer, das unablässig glühend rote Funken hinauf in den Schornstein sandte.

Casey hatte Weihnachten ungefähr so sehr entgegengefiebert wie einer Wurzelbehandlung, bis Andrea sie angefleht hatte, sich eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen und zum Gingerbread Inn zu kommen. Der Auftrag lautete, hier ein Wunder zu wirken, damit Emily und Cole ihr Ehegelübde in passender Atmosphäre erneuern konnten.

Ansonsten wäre Weihnachten wie immer verlaufen.

Hier nun, in Gesellschaft ihrer Freundinnen und mit ihrem Geheimnis im Herzen, war ihr fast danach, ein Weihnachtslied zu summen. „Dass ich mich hier so heimisch fühle, hat rein gar nichts mit Äußerlichkeiten zu tun“, erklärte sie, weil sie teilen wollte, was sie empfand.

Zugehörigkeit.

In ihrer eigenen Familie war ihr das Gefühl versagt geblieben. In der Schule war sie die Außenseiterin gewesen, die neunmalkluge Streberin. Ihre Arbeit war erfüllend, aber zumeist eine einsame Angelegenheit.

Wieder mit den Gingerbread Girls vereint zu sein, stimmte sie zuversichtlich.

Auch wenn Melissa leider nicht mehr unter ihnen war. Wieso begriff man erst, wenn es zu spät war, dass Freundschaft ein großes Geschenk und keineswegs selbstverständlich war?

Zusammen mit Andrea hatte sie bereits Anfang Dezember zwei Tage hier zugebracht. Casey hatte den Zuspruch einer Freundin gebraucht, um ihr jüngstes Familienfiasko zu bewältigen. Im Grunde hätte sie alljährlich den Dezember aus ihrem Kalender streichen und stattdessen „Notstand“ eintragen können.

Alles in allem war viel zu viel Zeit verstrichen seit dem letzten Treffen der „Gingerbread Girls“, wie die Freundinnen sich nannten.

Nun schwelgte sie in dem Umstand, dass es zwischen ihnen war, als hätten sie erst gestern zusammengehockt. Die Sätze begannen mit: „Wisst ihr noch, wie …?“, gefolgt von schallendem Gelächter. Die Unterhaltung plätscherte unbeschwert dahin, und im Nu hatten sie einander über persönliche Neuigkeiten ins Bild gesetzt.

„Wo wir es gerade von Äußerlichkeiten hatten – ich kann nicht fassen, wie gut du aussiehst“, meinte Emily zum etwa hundertsten Mal zu Casey.

„Du solltest modeln“, pflichtete Andrea ihr bei.

„Modeln?“ Casey lachte. „Models sind gemeinhin größer als eins fünfundsechzig.“

„Welch Verlust für die Welt“, erwiderte Andrea leise lachend und nahm einen Schluck Wein.

Auch Casey nippte an ihrem Wein. Die schwangere Emily, deren Babybauch unter dem Pullover kaum sichtbar war, trank moussierenden Saft statt Wein. Sie strahlte regelrecht vor Glück.

Nächstes Jahr um diese Zeit geht es mir vielleicht genauso, sinnierte Casey, und bei dem Gedanken wurde ihr schwindelig.

„Wie hast du dein Haar so glatt bekommen?“, fragte Andrea. „Anfang des Monats sah es ganz anders aus. Du hast deine Locken immer als Fluch deines Lebens bezeichnet. Weißt du noch, wie wir versucht haben, dein Haar mit einem Bügeleisen zu glätten?“

Ob ihr Baby auch solche widerspenstigen Locken haben würde? Hoffentlich nicht.

„Ich fand die Locken toll“, wandte Emily ein. „Ich habe dich immer darum beneidet.“

„Um mein Haar?“, fragte Casey ungläubig und berührte es verlegen. Sie hatte sich eines der besten Glätteisen auf dem Markt zugelegt.

Doch auch der höchsten Stufe des Gerätes beugten sich ihre renitenten Locken nur widerstrebend und mussten mit einer Menge an Gel in Schach gehalten werden, die genügt hätte, eine Boeing 747 von der Rollbahn rutschen zu lassen. Trotzdem fühlte sich ihr Haar kraus an, bereit, sich jederzeit erneut zu kringeln.

„Ich finde dich exotisch, verglichen mit Andrea und mir.“

„Wirklich?“

„Weshalb überrascht dich das?“

Vielleicht lag es am zweiten Glas Wein, dass sie es zugab. „Ich hatte immer das Gefühl, nicht recht hineinzupassen in dieses wundervolle Inn, das dem amerikanischen Traum hätte entsprungen sein können. Überall mustergültige Familien wie deine und Andreas. Und im Gegensatz dazu der Caravetta-Clan, eine lärmende italienische Familie, in der immerzu geschrien, gestritten, gesungen, geweint und gelacht wurde. Was immer wir taten, taten wir lautstark. Neben dir und Andrea kam ich mir vor, als wäre alles an mir ein wenig zu ausgeprägt.“

„Aber so warst du doch gar nicht“, entgegnete Emily. „Du warst still und in dich gekehrt. Du bist allenfalls etwas zu clever, Doc. Immerzu grübelst du nach.“

Carey tat den Kommentar mit einem Wink ab. „Das meinte ich nicht. Ihr beide seid groß, gertenschlank und blond, ich hingegen bin klein und kurvenreich mit einem Teint, der direkt dem Olivenhain entsprungen ist. Ihr beide hattet einen braven blonden Pferdeschwanz, während ich mich mit meinem dunklen Lockenwirrwarr herumschlagen musste. Ihr seht durch und durch amerikanisch aus, Emily – du mit deinen jadegrünen Augen, Andrea mit ihren saphirblauen.“

„An deinen Augen gibt es nicht das Geringste auszusetzen!“, rief Andrea.

„Ha! Wann immer meine Großmutter mir in die Augen sah, sagte sie, sie seien so dunkel, dass sie den Teufel darin sehen könne. Und dann hat sie sich bekreuzigt.“

Würde ihr Baby auch solche Augen haben? Ob sie sich die Augenfarbe des Vaters würde aussuchen können? Sie musste noch so vieles in Erfahrung bringen!

„Den Teufel? Lächerlich, vor allem, wenn man bedenkt, wie lernbegierig du warst. Ich jedenfalls fand dich immer bestechend schön und einen Hauch geheimnisvoll“, beharrte Emily.

„Wie ein Model“, wiederholte Andrea. „Ich denke, du solltest modeln.“

„Ein Model.“ Casey schnaubte. „Glaub mir, ich bin durchaus glücklich mit meiner Forschungsarbeit im Labor.“

„So ehrenhaft medizinische Forschung auch ist, Casey, ist sie nicht eine Spur langweilig?“, wollte Emily wissen.

„Ich liebe meine Arbeit“, erwiderte Casey nachdrücklich. „Sie gibt mir das Gefühl, dass mein Leben einen Sinn hat, dass ich die Welt verbessern kann.“

„Ist es nicht ein wenig, hm, deprimierend? Krebserkrankungen bei Kindern?“, hakte Andrea nach.

„Mein Zwillingsbruder ist mit sechs an Nasenrachenkrebs gestorben“, erklärte Casey. Dadurch war das Familiengerüst aus den Fugen geraten.

„Das hatte ich vergessen“, meinte Andrea. „Tut mir leid.“

Casey war klar, dass sie ihre Laufbahn womöglich eingeschlagen hatte, um zu richten, was in ihrer Familie schiefgelaufen war. Aber unabhängig von dieser Motivation tat ihr die wohlgeordnete Wissenschaft nach ihrem chaotischen Familienleben gut. Glücklicherweise hatte ihr der Wein die Zunge nicht so sehr gelockert, dass sie preisgab, warum sie hier war, statt Weihnachten bei ihrer verwitweten Mutter zu verbringen.

„Vielleicht könntest du nebenher modeln“, regte Andrea hoffnungsvoll an.

„Warum sollte ich? Und mein Job soll langweiliger sein als modeln? Du liebe Güte. Stundenlang dasitzen, um sich frisieren …“, nun gut, für ihre Haare brauchte sie auch so schon Stunden, „… und schminken zu lassen? Ich würde eingehen vor Stumpfsinn.“

„Männer“, gab Andrea vielsagend zu bedenken. „Du würdest haufenweise Typen kennenlernen. Auf wie viele triffst du in deinem staubigen alten Labor?“

Es wäre wohl sinnlos anzumerken, dass sich in ihrem Labor nicht ein Staubkorn fand.

„Du könntest“, fuhr Andrea verträumt fort, „dem Richtigen begegnen. Schau dir nur an, wie sehr Emily das Eheleben genießt. Sie erneuert ihr Ehegelübde! Und Rick und ich werden vermutlich im Frühling heiraten. Wenn du den perfekten Mann für dich fändest, könnten unsere Kinder die Sommer hier zusammen verbringen, so wie wir damals.“

Wie schnell sich die Dinge ändern konnten! Noch vor wenigen Wochen war Andrea ebenso entschlossen gewesen, sich nicht zu verlieben, wie Casey es heute war. Dabei besaß Andrea gemeinhin durchaus Rückgrat. Casey erschauerte unwillkürlich.

Emily warf Andrea einen warnenden Blick zu, der eindeutig besagte: Vorsicht, denk an Caseys gebrochenes Herz – an die Weihnachtskrise letztes Jahr. „Das Inn steht doch zum Verkauf“, lenkte sie das Gespräch taktvoll in eine andere Richtung.

Andrea verzog schmerzvoll das Gesicht, ehe sie mit den Schultern zuckte. „Ich weiß nicht recht. Ich habe gesehen, wie Martin Johnson, der Handwerker, Carol anschmachtet. Er könnte das Gingerbread Inn wieder in Schuss bringen, und ich denke, dass es ein Liebesdienst wäre.“

„Carol macht es ihm aber nicht leicht“, wandte Emily ein.

„Nun, ich werde der Sache auf die Sprünge helfen. Ich habe ihn schon gefragt, ob er uns mit der Beleuchtung für die Erneuerung des Gelübdes helfen könne, und er scheint alles andere als abgeneigt zu sein!“

„Gut gemacht“, meinte Emily, wenn auch leicht skeptisch. „Während Cole und ich uns zusammengerauft haben, haben wir hier und da ein paar Schönheitsreparaturen durchgeführt. Aber das hat ehrlich gesagt nur umso deutlicher gemacht, wie viel hier getan werden müsste. Die arme Carol hat es allein einfach nicht gepackt. Vielleicht ist alles längst zu marode, um noch gerettet werden zu können.“

Sie verfielen in trauriges Schweigen.

Das Gingerbread Inn war etwas Besonderes. Es hatte einen festen Platz in Caseys Herz und würde durch nichts ersetzt werden können. Die Wände bargen Erinnerungen: Lachen, Liebe und Familientreffen. Dort draußen am See tollten die Geister ihrer jüngeren Ausgaben umher und schwammen, fuhren Kanu, sonnten sich auf dem Steg und spielten Volleyball am Strand.

Einen Ort wie das Gingerbread Inn gab es kein zweites Mal. Es war ein Refugium der Schlichtheit inmitten einer komplizierten Welt.

„Wir könnten den Sommer irgendwo anders gemeinsam verbringen“, schlug Andrea zaghaft vor. „Wo auch immer das wäre, wir drei hätten einander und unsere Seelengefährten.“

Das altvertraute Gefühl, die Außenseiterin zu sein, kroch aus seinem Schlupfloch, aber Casey hielt sich vor Augen, dass sie das nicht mehr lange sein würde. Wobei sie die Dinge allerdings auf ihre Weise in die Hand nehmen würde.

Emily und Andrea waren glücklich, zugegeben, und Casey war auf beiden Hochzeiten Brautjungfer gewesen. Wie sehr diese wundervollen Tage ihre Sehnsucht nach Liebe genährt hatten! Doch Andreas Träume waren schon während der Flitterwochen zerschellt. Und die Risse in Emilys Beziehung hatte Casey lange vor Emily erkannt.

Oh, sicher, inzwischen waren Emily und Cole wieder wie zwei Frischverliebte, und Andrea schwebte gemeinsam mit ihrer neuen Flamme Rick im siebten Himmel. Aber Casey glaubte nicht länger an die Liebe.

Der Schmerz, der mit der Liebe in den Beziehungen ihrer Freundinnen verknüpft war, hatte Casey in ihrem Entschluss bestärkt, ihren schwächsten Punkt gnadenlos zu bekämpfen. Und ihr schwächster Punkt war gewiss nicht ihr Haar! „Tja, glaubt ihr Mädels ruhig an Märchen. Ich jedenfalls bin fertig damit“, verkündete sie.

„So habe ich auch mal gedacht“, erwiderte Emily mitfühlend.

„Ich auch“, fiel Andrea mit ein. „Aber das alte Sprichwort trifft zu – wenn man es am wenigsten vermutet, zeigt sich ein Silberstreif am Horizont.“ Nach einem weiteren ermahnenden Blick von Emily fügte sie an: „Okay, Casey muss ja mit niemandem zusammen sein, sondern kann doch auch allein kommen.“

„Um ehrlich zu sein“, sagte Casey bedächtig und mit wild klopfendem Herzen, „werde ich vielleicht nicht allein kommen.“

Es den anderen zu sagen, wäre wie eine Beichte, so als stünde es von da an in Stein gemeißelt. Aber mit wem hätte sie ihr Glück teilen sollen, wenn nicht mit ihren besten Freundinnen?

„Raus damit“, rief Andrea. „Hast du jemanden kennengelernt? Ich freu mich ja so für dich! Ein Jahr ist wirklich lang genug, um einem Mistkerl wie Sebastian nachzutrauern. Habe ich dir nicht schon Anfang des Monats gesagt, dass sich die Trennung als Segen erweisen würde?“

Es war fast genau ein Jahr her, seit Caseys Beziehung auf demütigende Weise in die Brüche gegangen war. Nur Andrea und Emily kannten die Einzelheiten: Ein Kollege von Casey hatte ihr den Hinweis gegeben, dass ihr Verlobter Sebastian sich mit anderen Frauen traf – und das wenige Tage, bevor sie zu Weihnachten ihre Verlobung hatten bekannt geben wollen!

„Kennengelernt habe ich eigentlich niemanden“, entgegnete Casey vorsichtig. Mit einem Mal fühlte sie sich verletzlich bei der Vorstellung, ihren Plan auszuplaudern.

„Was ist los, Casey?“, bohrte Andrea nach. „Anfang Dezember hast du mich gebeten herzukommen, weil du dich grauenvoll gefühlt hast. Und jetzt strahlst du förmlich? Also, wer ist der Mann?“

„Es geht nicht um einen Mann. Ich habe mich entschieden, mir selbst ein ungewöhnliches Geschenk zu machen.“

„Was für eins?“, fragten ihre Freundinnen wie im Chor.

„Ich werde ein Baby bekommen. Gleich nach den Feiertagen informiere ich mich über künstliche Befruchtung und Kryobanken.“

Die anderen starrten sie entgeistert an. „Kryo… was?“, fragte Emily schwach.

„Willst du etwa sagen, dass du vorhast, allein ein Kind großzuziehen?“, hakte Andrea behutsam nach.

„Wieso nicht? Ich stehe finanziell gut da und kann mir die Prozedur leisten. Ich glaube, dass ich es durchaus allein schaffe, eine intakte Familie aufzubauen.“

„Das klingt sehr wissenschaftlich“, merkte Emily an. „Meinst du mit ‚Prozedur‘ die künstliche Befruchtung?“

„Ich bin ja auch Wissenschaftlerin!“ Und die Wissenschaft hatte ihr weit mehr gegeben, als ihre Familie es je getan hatte. „Mit der romantischen Liebe bin ich fertig. Meine Liebe spare ich mir für das Baby auf.“

Die beiden anderen schwiegen.

„Hey“, meinte Casey, um Fröhlichkeit bemüht, obwohl sie enttäuscht war, weil ihre Freundinnen keinerlei Begeisterung für das Vorhaben zeigten. „Ihr seid so ernst. Ich sagte, dass ich mit der romantischen Liebe fertig sei, nicht dass ich vorhätte, das Gingerbread Inn niederzubrennen!“

„Könntest du gar nicht“, erwiderte Andrea mit verträumter Genugtuung. „Rick würde es retten.“

Rick, ihr Freund, war Feuerwehrmann.

„Ich bin dabei, mir alle romantischen Flausen aus dem Kopf zu schlagen und damit meine verhängnisvollste Schwachstelle zu beheben“, hörte Casey sich zu ihrer Überraschung sagen.

„Deine verhängnisvollste Schwachstelle?“, echote Andrea stirnrunzelnd.

„Ich habe an die romantische Liebe geglaubt“, erklärte Casey. „Schlimmer noch, ich habe an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Das hat mir nichts als Kummer eingebracht, und damit ist jetzt Schluss.“

„Liebe auf den ersten Blick?“, fragte Emily verwirrt. „Ich dachte, du und Sebastian hättet schon eine Weile zusammen gearbeitet, ehe du dich bereiterklärt hast, mit ihm auszugehen.“

Nicht einmal Emily und Andrea wussten, dass Sebastian nicht ihre erste Liebe gewesen war. Ihre erste Liebe war Liebe auf den ersten Blick gewesen. „Ich bin fertig mit der Liebe“, wiederholte sie entschiedener als zuvor.

„Bist du nicht!“, hielt Emily bestürzt dagegen. „Wie könnte irgendwer nichts mehr von der Liebe wissen wollen?“

„Wir haben Melissa beerdigt“, erwiderte Casey. „Das allein reicht mir als Grund.“

„Ich verstehe, wie du dich fühlst“, sagte Andrea sanft. „Nach Gunters Tod wollte ich mit der Liebe auch nichts mehr zu tun haben. Aber ich bin froh, dass ich es mir anders überlegt habe.“

Autor

Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel.
Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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