Mehr als eine wilde Affäre?

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Zwei Monate soll Sutton Marchant in einem Hotel in Maine wohnen, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Nichts leichter als das! Schließlich kann der gefeierte Bestsellerautor überall arbeiten. Womit er allerdings nicht gerechnet hat, ist die verführerische Ablenkung, die die hübsche Hotelmanagerin Lowrie für ihn darstellt. Schon bald nach seiner Ankunft kann er ihren sinnlichen Küssen nicht länger widerstehen. Aber mehr als eine wilde Affäre will er ihr nicht versprechen. Wird Lowrie sich darauf einlassen?


  • Erscheinungstag 14.02.2023
  • Bandnummer 2276
  • ISBN / Artikelnummer 0803232276
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

PROLOG

Knightsbridge, London

Sutton Marchant schüttelte dem älteren der beiden Anwälte die Hand. Beide waren elegant gekleidet, er spürte den herablassenden Blick des jüngeren. Wahrscheinlich war dies seinem alten Sweatshirt, der abgewetzten Jeans und seinem mit Papieren und Kaffeetassen übersäten Schreibtisch zuzuschreiben. Er hatte die ganze Nacht an Korrekturfahnen gearbeitet, und am liebsten wäre er jetzt ins Bett gegangen. Aber offenbar duldete dieses überaus wichtige Treffen keinen Aufschub.

Gereizt führte Sutton die beiden Männer zur Sitzgruppe und bat sie, Platz zu nehmen. Er stellte einen Karton mit Belegexemplaren seines letzten Romans auf den Boden und setzte sich auf den frei gewordenen Stuhl. Müde fuhr er sich mit einer Hand über das Gesicht.

Was zum Teufel konnte derart wichtig sein? Es hatte sicher nichts mit seiner Schriftstellerei zu tun, da sein Agent und der Verlag sich um alle juristischen Belange kümmerten – Gott sei Dank. Und Sam, sein Geschäftspartner, bester Freund und Schwager, war CEO von MarchBent, ihrem gemeinsamen Unternehmen, das mit Aktien und Kryptowährung handelte. Hätte das Treffen etwas mit MarchBent zu tun, wäre Sam der erste Ansprechpartner. Also?

Am schnellsten ließ sich die Frage wohl klären, indem er einfach fragte. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Der jüngere Anwalt zog eine Akte aus der Tasche und legte sie auf den Tisch vor Sutton. Er warf einen Blick darauf und zog fragend eine Braue in die Höhe. Der ältere lehnte sich zurück, öffnete den Knopf seiner Anzugjacke und schlug die Beine übereinander.

„Wie gesagt, ich bin Tom Gerard, Seniorpartner von Gerard and Pinkler. Dies ist mein Kollege Albert Cummings. Wir repräsentieren die Tate-Handler-Adoptionsagentur.“

Sutton richtete sich unwillkürlich auf. Sein Puls ging schneller. Das letzte Mal hatte er vor siebzehn Jahren Kontakt zu dieser Agentur gehabt. Damals hatten seine Adoptiveltern und er sich mit einem Vertreter der Agentur getroffen. Er erinnerte sich, dass er einen braunen Umschlag erhalten hatte mit der Information, es sei ein Brief seiner leiblichen Mutter darin. Er hatte dem Mann kühl mitgeteilt, er habe keinerlei Interesse an ihr oder an dem, was sie zu sagen hatte.

Damals war er der Meinung gewesen: Wenn sie ihn vor achtzehn Jahren nicht gewollt hatte, dann wollte er sie jetzt auch nicht. Daran hatte sich nichts geändert.

„Ich bin nicht an dem Kontakt mit meiner leiblichen Mutter interessiert“, erklärte er.

„Sie wissen also, wer sie ist?“, erkundigte sich Gerard.

Sutton dachte an den ungeöffneten braunen Umschlag in seinem Safe. „Ich wollte es nie wissen. Die Umstände meiner Geburt interessieren mich auch heute nicht.“

Die beiden Männer tauschten einen besorgten Blick. „Das könnte ein kleines Problem sein, denn wir haben Ihnen mitzuteilen, dass Sie der Begünstigte eines Fonds sind, den Ihr biologischer Vater für Sie eingerichtet hat. Ihnen gehört ein Anteil an einem großen Unternehmen. Mit Ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag geht die Verfügungsgewalt über den Fonds an Sie über. Das dürfte morgen oder übermorgen sein?“

Sutton nickte. Er versuchte, klar zu denken.

„Ich bin sein Erbe? Es gibt irgendwelche Vermögenswerte?“ Sein Blick fiel auf das Regal über seinem Schreibtisch. Dort standen die Bücher, die er geschrieben hatte. Er war Bestseller-Autor und zudem Mitinhaber eines absurd erfolgreichen Unternehmens. Zusammen mit seiner Schwester hatte er mehrere Millionen von seinen vermögenden Eltern geerbt – sein Vater war ein international anerkannter Wirtschaftswissenschaftler, seine Mutter eine Gartenarchitektin gewesen. Beide entstammten Nebenlinien des englischen Königshauses. Marchant House in Sussex – ein großes Anwesen, das seit über dreihundert Jahren im Besitz der Familie war – gehörte zu gleichen Teilen seiner Schwester Thea und ihm. Sie hatten es in ein Hotel umgebaut.

Weder Thea noch er brauchten Geld. Er wollte nichts von seinem biologischen Vater.

„Ich bin nicht interessiert.“ Sutton lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie können ihm sagen, dass er jemand anderen zu seinem Erben machen kann.“

Cummings verzog das Gesicht. „Das ist nicht so einfach, Mr. Marchant. Er ist kurz nach Ihrer Geburt gestorben. In den vergangenen fünfunddreißig Jahren haben wir uns um den Fonds gekümmert.“

Sutton zuckte die Schultern. Er hatte viele Jahre um seine Eltern getrauert. Da blieb keine Trauer übrig für einen Mann, den er nie kennengelernt hatte.

„Das ist nicht mein Problem“, erklärte er. „Ich habe nie um dieses Erbe gebeten. Ich will es nicht. Geben Sie es anderen Verwandten von ihm.“

„Er hat Anweisungen hinterlassen, dass der Fonds nicht an seine Familie gehen darf.“

„Dann geben Sie es seiner Frau, seiner Geliebten oder seinen Freunden.“

Gerard schüttelte den Kopf. „Das geht auch nicht. Der Mann, mit dem er zusammengelebt hat, ist vor einigen Jahren gestorben.“

„Ich. Will. Es. Nicht.“ Sutton war mit seiner Geduld fast am Ende.

Gerard seufzte. „Sie können das Erbe nur loswerden, indem Sie es annehmen. Sobald Sie die Verfügungsgewalt darüber haben, können Sie damit machen, was Sie wollen. Sie könnten es zum Beispiel für wohltätige Zwecke spenden.“

Hm, ja, das war natürlich eine Möglichkeit. „Gut. Machen Sie die Papiere fertig. Ich unterschreibe, was auch immer nötig ist.“

Sutton warf einen Blick auf die Uhr. Mrs. K., seine Haushälterin – die viele Jahre für seine Eltern das Haus geführt hatte –, hatte sicher schon frischen Kaffee gemacht, und wenn er sie nett darum bat, würde sie ihm bestimmt auch ein gutes englisches Frühstück machen. Dann wollte er erst einmal acht Stunden schlafen. Am Nachmittag stand eine Runde Laufen auf dem Plan und danach ein Abendessen mit Adriana, einer alten Flamme, mit der er sich gelegentlich traf.

Nach dem frühen Tod der Eltern fürchtete er nichts mehr, als jemanden zu verlieren, den er liebte. Daher war so eine unverbindliche Beziehung genau nach seinen Wünschen. Sie hatten Spaß miteinander, wenn ihnen danach war, und ansonsten ging jeder seiner Wege.

„Ihr Vater …“

„Mein Vater und meine Mutter sind bei einem Autounfall vor fünf Jahren umgekommen“, unterbrach Sutton Gerard kalt.

„Ihr leiblicher Vater wollte Sie wissen lassen, dass er von der Adoption erst erfahren hat, als es schon zu spät war, um daran noch etwas zu ändern. Durch die Absprachen, die Ihre Mutter mit der Agentur getroffen hatte, konnte er nichts über Sie herausfinden. Er hat alle juristischen Register gezogen, aber offensichtlich ohne Erfolg.“

Ja, offensichtlich. Sutton fühlte sich unwohl bei diesem Gespräch. Es gab ihm das Gefühl, seinen Adoptiveltern gegenüber illoyal zu sein.

Gerard fuhr fort: „Sobald Sie die Verfügungsgewalt über den Fonds haben, können Sie damit machen, was Sie wollen, aber …“

Jetzt kam der Haken. Sutton wappnete sich innerlich.

„Voraussetzung dafür ist, dass Sie durchgehend zwei Monate in Portland, Maine, in einem bestimmten Hotel verbringen und an der Wohltätigkeitsgala von Ryder International am Valentinstag teilnehmen.“

Was? War das ernst gemeint?

„Wenn Sie diese Bedingungen erfüllen, können Sie mit den Firmenanteilen machen, was Sie wollen – außer sie dem Bruder des Erblassers verkaufen. Sollten Sie nicht bereit sein, diese Bedingungen zu erfüllen, erhalten Sie keinen Zugriff, und der Fonds bleibt für weitere fünfzehn Jahre in unserer treuhänderischen Verwaltung.“

„Nur damit ich es recht verstehe – ich muss zwei Monate lang in Portland leben und an einer Gala teilnehmen? Danach kann ich tun und lassen mit dem Erbe, was ich will? Das ist doch … verrückt.“

„Sie müssen während dieser zwei Monate im Hotel Rossi wohnen. Ja, das sind die einzigen Bedingungen.“

Beide Anwälte nickten feierlich. Sutton grübelte. „Und er verlangt nicht, dass ich ihn als meinen leiblichen Vater anerkenne?“

„Nein“, bestätigte Gerard. „Davon steht nichts im Testament. Sie müssen nicht publik machen, dass er Ihr Vater ist. Aber Sie sollten wissen, dass es Menschen gibt, die sich sehr dafür interessieren, wem die Firmenanteile gehören.“

„Wieso?“

„Der Fonds enthält ein Aktienpaket, das fünfundzwanzig Prozent der Anteile an einem multinationalen Familienunternehmen ausmacht. Der Bruder Ihres leiblichen Vaters besitzt siebenundzwanzig Prozent. Der Rest verteilt sich auf Kleinaktionäre. Seit fünfunddreißig Jahren versucht Ihr Onkel, uns unter Druck zu setzen, ihm den Besitzer der Aktien zu nennen, aber da es ein treuhänderischer Fonds ist, dürfen und werden wir Ihre Identität nicht preisgeben.“

„Und ich dürfte nicht an ihn verkaufen, auch wenn ich es wollte?“

Gerard schüttelte den Kopf. „Die Brüder waren zerstritten. Das Testament Ihres Vaters besagt eindeutig, dass Sie weder an Ihren Onkel noch an seine Familie verkaufen dürfen.“

Familiendramen! Davon hatte er mehr als genug gehabt, als er um die zwanzig gewesen war. Er brauchte nicht die von Menschen, die er gar nicht kannte.

„Hören Sie, ob heute oder in fünfzehn Jahren – Sie werden herausfinden, wer er ist. Sollten Sie Stillschweigen über Ihre Herkunft wahren, ist das Ihr gutes Recht“, setzte Gerard hinzu.

Immerhin etwas. Um welche Summe ging es überhaupt? Mit etwas Glück waren es ein oder zwei Millionen. Die Stiftung seiner Eltern könnte eine Finanzspritze gebrauchen. Die Fürsorge für Waisenkinder war verdammt teuer.

„Von welcher Summe reden wir?“

„Knapp hundertfünfzig Millionen.“

Großer Gott!

Er sah das triumphierende Leuchten in den Augen der Anwälte. Sie schienen sicher, dass diese Summe ihn zum Umdenken bewegen würde. Damit hatten sie recht, aber anders, als sie vermuteten. Seine Eltern waren große Philanthropen gewesen und ihre Stiftung durchlief momentan eine finanzielle Durststrecke. Er, Thea und Sam, sein bester Freund, ließen ihr, so oft es nur ging, etwas zukommen, aber durch die COVID-19-Pandemie waren zurzeit auch ihre liquiden Mittel erschöpft. Wenn er diesen Fonds auflöste, hatte die Stiftung für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Sinnvoller konnte das Vermögen nicht angelegt sein als für das Projekt, das seinen Eltern so wichtig gewesen war.

Er konnte arbeiten, wo auch immer er wollte, und es gab niemanden, der ihn in London hielt – es wäre also kein Problem, zwei Monate auf der anderen Seite des großen Teichs zu leben und an dieser Gala teilzunehmen. Blieb nur zu hoffen, dass das Hotel halbwegs annehmbar war. Aber für hundertfünfzig Millionen hätte er auch in einem Zelt geschlafen.

Sutton warf einen Blick auf die schmale Akte. „Ich nehme an, das sind alle relevanten Unterlagen?“ Die Anwälte nickten. „Wenn ich den Umschlag öffne, werde ich herausfinden, wer mein leiblicher Vater war. Bin ich auch gezwungen, mich mit meiner leiblichen Mutter zu befassen?“

Gerard schüttelte den Kopf. „Nein, es sind keinerlei Unterlagen über Ihre Mutter dabei.“

Gut. Er hatte nach wie vor kein Interesse an ihr. Wozu sich damit befassen, wer diese Frau war, oder wieso sie getan hatte, was sie getan hatte?

Sutton atmete einmal tief durch. Er zog die Akte an sich und schlug sie auf.

Ich, Benjamin James Ryder-White, wohnhaft im Staate Maine, Cumberland County, erkläre, dass dies mein letzter Wille ist …

1. KAPITEL

Portland, Maine

Er war schon da …

Lowrie Lewis parkte ihren betagten Wagen neben einem teuren SUV und stellte den Motor ab. Sie wusste nicht, womit sie es verdient hatte, sich während der kommenden zwei Monate nur um einen einzigen Gast kümmern zu müssen, aber es lag ihr fern, sich zu beschweren. Nur ein Frühstück zu machen, nur in einem Zimmer die Bettwäsche wechseln, Wäsche für nur eine Person – herrlich! Die Tatsache, dass der Engländer eine fantastische Summe gezahlt hatte, damit er das kleine Hotel für sich allein hatte, löste fast einen Freudentanz bei ihr aus. Im Winter war das Geschäft immer ausgesprochen ruhig, aber er hatte bezahlt, als müsse er eine volle Ausbuchung kompensieren.

Da er den kompletten Betrag im Voraus überwiesen hatte, konnte sie einige der Bäder renovieren, neue Bettwäsche anschaffen und ein paar Gästezimmer neu streichen.

Lowrie warf einen Blick nach hinten und sah, dass Rhan, ihr einjähriger Sohn, auf der kurzen Rückfahrt vom Einkaufen eingeschlafen war. Mr. Marchant war früher eingetroffen als erwartet. Sie seufzte stumm. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihn zu begrüßen und ihm das Rossi zu zeigen. Paddy hatte ihm sicher nur den Schlüssel in die Hand gedrückt und ihm dem Weg zur Treppe gewiesen.

Ihr Großonkel Carlo, der ursprüngliche Besitzer des Hotels, war ein wesentlich besserer Gastgeber gewesen als der mürrische Paddy, dem er ein lebenslanges Wohnrecht in dem Haus eingeräumt hatte. Carlo hätte gleich Kaffee und Kuchen angeboten und eine kleine Vase mit einer Rose mit auf das Tablett gestellt. Innerhalb einer halben Stunde hätte er Sutton Marchant dessen ganze Lebensgeschichte entlockt.

Sie war nicht übermäßig gesprächig, aber nachdem sie als Jugendliche hier gearbeitet hatte und wieder, seit sie aus New York zurückgekommen war, wusste sie, wie man einem Gast das Gefühl gab, willkommen zu sein.

Lowrie ließ den Blick über das dreistöckige Haus am Rande der Klippen gleiten. Unten lag die Casco Bay. Eisige Wellen rollten jetzt über den Strand, an dem sie im Sommer in der Sonne lagen. Das Haus war im Erdgeschoss von einer Veranda umgeben. Drei Zimmer im ersten Stock, darunter auch dasjenige, welches jetzt ihr Gast bewohnte, hatten große Balkone. Schwarze Fensterläden boten den perfekten Kontrast zum zarten Fliederton der Mauern. Im Sommer war der Garten eine wahre Farbenpracht.

Das Innere des Hauses hielt, was das Äußere versprach: bequeme Möbel, beeindruckende Bilder an den Wänden und überall zur Dekoration ungewöhnliche Sammlerstücke. Ein Ort, wie geschaffen zum Entspannen und um den Ausblick auf die See und den umliegenden Wald zu genießen.

Lowrie liebte es hier. Es war ihr Zuhause und gleichzeitig ihr Arbeitsplatz.

Sie stieg aus dem Wagen, blickte auf und sah einen Mann in dunkelblauer Jeans und einem dicken Kapuzenshirt unter einer gefütterten Weste auf die Veranda hinaus und an das schneebedeckte Geländer treten. Während sie sein Profil musterte, versuchte sie, ihren plötzlich holpernden Puls zu ignorieren. Ihr Mund war wie ausgedörrt.

Männlich. Das war das erste Wort, das ihr zu ihm einfiel. Dicht gefolgt von sexy. Er mochte Mitte dreißig sein, groß gewachsen, verwuscheltes braunes Haar und breite Schultern. Im Profil erkannte sie eine markante Nase. Der Dreitagebart gab ihm etwas Verwegenes.

Muskulös. Gut gebaut. Scharf …

Er wirkte … intelligent, befand Lowrie bei sich. Und ein wenig verloren. Wenn nicht gar traurig. Sie hätte gern gewusst, wieso.

Sie konnte nur über sich selbst den Kopf schütteln, als sie die hintere Tür des Wagens öffnete. Behutsam löste sie den Gurt, der Rhan in seinem Kindersitz hielt, und hob das schlafende Baby aus dem Wagen. Sutton Marchant war ein Gast, und sie war nicht auf der Suche nach einem Mann.

Sie hatte ihren Sohn. Einen Job, den sie liebte. Großmutter und Tante ganz in der Nähe. Und den mürrischen, aber liebenswerten Paddy. Es war jetzt ein Jahr her, seit Rex sie verlassen hatte und sechs, seit sie aus New York zurückgekehrt war, wo sie ihre Mutter und ihren ehemaligen Verlobten zurückgelassen hatte. Ihr Herz war noch dabei, von all dem Schmerz zu heilen.

Sie wusste nicht, ob sie es je wieder wagen würde, ihr Herz jemandem zu öffnen. Zu viele Menschen hatten darauf herumgetrampelt.

Marchant war nur ein Gast, und als solchen würde sie ihn behandeln.

Er sollte Maribeth umbringen. Ja, er mochte sie, sie war sexy und hübsch, aber sie hatte ihre Dienste getan, und es war Zeit für sie zu gehen …

Sutton Marchant zuckte zusammen, als Finger direkt vor seinem Gesicht schnippten. Erst jetzt nahm er seine Schwester bewusst wahr, die gleichzeitig als seine persönliche Assistentin arbeitete. Die fiktive Maribeth hatte viel Ähnlichkeit mit Thea: langes blondes Haar, grüne Augen, zierlich und schlank. Aber im Gegensatz zu Thea war Maribeth ein Freigeist. Vielleicht würde er sie doch noch für ein oder zwe. KAPITEL behalten. Sie könnte …

Thea kniff ihn. Sutton sah sie empört an. „Ich hasse es, wenn du das tust“, murrte er und rieb sich den Handrücken.

„Und ich hasse es, wenn du mit deinen Gedanken sonst wo bist, wenn ich mit dir rede“, kam es von Thea zurück. Sutton lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Füße auf die Ecke seines neuen Schreibtisches. Thea saß ihm gegenüber und überflog die Einträge in ihrem iPad.

Sutton ließ den Blick durch sein neues Arbeitszimmer gleiten, das gleich neben dem Schlafzimmer lag. Mit einem stummen Seufzer registrierte er die nicht ausgepackten großen Kisten, die alles enthielten, worauf er nicht verzichten konnte: Bücher, Papierblöcke, mehrere Wörterbücher und andere Nachschlagewerke. Er wünschte, er könnte einfach mit den Fingern schnippen und alles flöge an seinen Platz auf dem kleinen noch leeren Bücherregal hinter dem Tisch.

Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, dass Thea noch ein paar Tage blieb und es für ihn erledigte. Aber sie musste zurück zu ihrer Familie nach London. Er hatte ihr angeboten, allein in die Staaten zu fliegen, aber sie hatte darauf bestanden, ihn zu begleiten. Sie hatten den vergangenen Abend in New York verbracht und in ihrem Lieblingsrestaurant gegessen, ehe sie am Morgen weiter nach Portland in Maine geflogen waren. Er hatte sich einen Porsche gemietet und das Rossi leicht gefunden. Erleichtert stellte er fest, dass sein vorübergehendes Domizil ein sehr hübsches kleines Hotel direkt an der Küste war, unweit des Zentrums von Portland.

Er hatte, wie das Testament verlangte, ein Zimmer für zwei Monate buchen wollen, aber Thea hatte mit dem Hotel vereinbart, dass in der Zeit, in der er hier wohnte, keine anderen Gäste aufgenommen wurden. Sie hatte den Ausfall übernommen und gleich das ganze Hotel gebucht.

Damit war gewährleistet, dass er ungestört arbeiten konnte. Natürlich war er kein Promi wie George Clooney, aber er wurde doch ziemlich häufig erkannt, was ihm jedes Mal Unbehagen verursachte.

„Ich habe dir gerade erzählt, dass das Frühstück im Preis inbegriffen ist. Falls du Mittag- oder Abendessen möchtest, musst du es nur vorher anmelden. Vorher, Sutt – nicht erst, wenn du Hunger hast!“

„Für den Fall hat Gott ja Takeout erfunden.“

Thea schüttelte sich. „Du kannst nicht nur von Takeout leben. Du brauchst auch Gemüse. Und Obst.“

„Wein wird aus Trauben gemacht, und das ist Obst“, erklärte er ungerührt – nur, um seine Schwester hochzubringen.

„Ach, hör auf.“ Sie sah sich in der Suite um und nickte. „Dein Laptop funktioniert, dein Drucker auch, und du hast WLAN. Das ist das Wichtigste.“

Super. Sobald sie weg war, wollte er sich an den Schreibtisch vor dieses Riesenfenster setzen und anfangen zu arbeiten. Vielleicht musste er den Tisch auch umdrehen, falls ihn die Aussicht auf die Klippen, den Strand und die See zu sehr ablenkte.

Er freute sich schon darauf, am Wasser entlang zu joggen.

„Morgen um drei hast du einen Video-Chat mit dem Verleger“, erinnerte Thea ihn mit einem Blick auf ihr Tablet. Sie war eine ausgesprochen effektive Assistentin. Natürlich nervte sie ihn, aber sie sorgte dafür, dass er alle Termine einhielt. Sie kümmerte sich um seine Website, um die Fanpost und um Einträge in den sozialen Medien. Organisierte seine Auftritte in Buchhandlungen und bei Messen. Eigentlich organisierte sie sein ganzes Leben. Sie war die Barriere zwischen ihm und dem Rest der Welt.

Sie musterte ihn besorgt. „Noch ist es nicht zu spät, deine Meinung zu ändern und wieder mit nach London zu kommen, Sutt. Dies hier ist nicht New York oder LA. Dort kennst du dich aus, hier nicht.“

Himmel! Wenn er sich in Millionenstädten zurechtfand, wo war dann das Problem im überschaubaren, kleinen Portland? Er liebte sie, aber manchmal ging ihre Fürsorge ihm etwas zu weit.

Er hatte erwogen, in London zu bleiben und den Fonds zu ignorieren. Er konnte ihn einfach an die Anwälte zurückgehen lassen, damit sie ihn weitere fünfzehn Jahre verwalteten. Aber …

„Die Stiftung braucht das Geld, Thea.“

„Und ich brauche dich in London, Sutton.“

Er sah an ihrem Blick, dass sie nicht glücklich war. Plötzlich wurde ihm klar, wieso sie von seinem Ortswechsel nicht so angetan war wie er. Er erhob sich und legte die Arme um sie, um sie leicht hin und her zu wiegen. „Hast du Angst vor meinem Kontakt mit den Ryder-Whites, Thea?“

„Nein, natürlich nicht!“

Ihr Protest klang nicht sehr überzeugend. Er hob ihr Kinn leicht an. „Kleine Schwester, du bist meine Familie. Du und die Kinder, und wenn es sein muss auch der große Klotz, den du deinen Mann nennst.“

„Auch bekannt als dein bester Freund“, bemerkte Thea spitz.

Er grinste breit. „Ich habe nie ein Interesse an meiner biologischen Familie gehabt, das weißt du. Mom und Dad sind meine Eltern, und du bist meine Schwester. Die Ryder-Whites sind mir egal.“

Gott, er war als junger Mann ein solcher Idiot gewesen. Könnte er sein Verhalten von damals rückgängig machen, würde er nichts lieber tun. Viele Jahre vor dem Tod seiner Eltern hatte er sich von seiner Familie zurückgezogen und war auf Distanz gegangen. Seine Schwester hatte an seiner Liebe und Loyalität zweifeln müssen. Thea lehnte den Kopf an seine Brust.

„Ich werde mir sein Geld holen, Thea. Ich will es nicht für mich, aber die Stiftung kann es gebrauchen. Wenn ich für zwei Monate in Portland leben und an irgend so einer blöden Gala teilnehmen muss, dann werde ich das tun – das ist kein hoher Preis für hundertfünfzig Millionen. Du weißt, dass das Geld bei der Stiftung gut angelegt ist.“

„Wir könnten endlich ein weiteres Kinderheim bauen oder vielleicht sogar zwei.“ Thea klang ganz aufgeregt. „Und wir könnten mehr Stipendien vergeben.“

„Ich muss das hier machen – für Mom und Dad. Für ihre Stiftung. Das hätten sie von mir erwartet.“ Sutton lehnte sein Kinn an ihren Kopf.

„Unsinn! Sie wären stolz auf dich, aber sie würden es nicht erwarten. Du weißt, sie hätten dich unterstützt, ganz gleich, was du mit dem Geld gemacht hättest.“ Sie seufzte. „Sie fanden immer, es sei dein Recht, deine leiblichen Eltern kennenzulernen.“

Seine Adoptiveltern waren schockiert, als er ihnen sagte, er sei nicht an seinen biologischen Eltern interessiert. Sie hatten protestiert und ihm so oft versichert, dass er ihre Unterstützung bei der Suche nach seinen leiblichen Eltern habe, dass er anfing zu glauben, sie wollten ihn los sein. Er war so verdammt unsicher gewesen, was ihre Liebe betraf.

Manchmal fragte er sich, ob sie es bedauerten, ihn adoptiert zu haben, da sie ja einige Jahre später mit Thea doch ein eigenes Kind bekommen hatten. Sutton wünschte sich, wie manche Menschen seine Gefühle einfach in einer Art Schublade ablegen und verschließen zu können. Er versuchte es, aber es gelang ihm nicht gut.

Glücklicherweise hatte er ein paar Jahre vor dem Tod seiner Adoptiveltern seinen Frieden mit ihnen geschlossen. Es wäre kein Problem für ihn gewesen, auch für den Rest seines Lebens nicht zu wissen, wer seine leiblichen Eltern waren, und wieso sie ihn zur Adoption freigegeben hatten.

Die Identität seines biologischen Vaters hatte er nun gegen seinen Willen erfahren. Er hatte nicht die Absicht, es an die große Glocke zu hängen, dass er der Sohn von Benjamin Ryder-White und der Neffe von Callum Ryder-White war, und es lag ihm nichts daran, das jüngste Mitglied dieser Familie zu werden, die offenbar zum Ostküstenadel der USA gehörte. Allein der Gedanke ließ ihn erschauern. Er wollte nur Bens Geld. Für all die Kinder, die nicht das Glück hatten, Eltern zu haben.

Das hieß allerdings, zwei Monate getrennt von Thea zu sein. Er verpasste den Geburtstag ihrer Zwillinge und musste die Leitung von MarchBent allein Sams fähigen Händen überlassen.

„Ich muss mir ein Taxi rufen.“ Thea löste sich von ihm.

„Nein, nein, ich bringe dich zum Flughafen.“ Sutton sah sich suchend nach den Schlüsseln für seinen Leihwagen um.

„Also gut. Ich erledige noch schnell ein paar Anrufe. Das mache ich im Schlafzimmer nebenan“, sagte sie. „Treffen wir uns in zehn Minuten?“

„Abgemacht.“

Sutton sah ihr nach. Als sie die Tür öffnete, stieß sie einen Schrei aus und fuhr zurück. Mit zwei langen Sätzen war Sutton bei ihr. Eine zierliche Frau mit erhobener Faust stand vor Thea. Offenbar hatte sie gerade anklopfen wollen.

Mit einem Blick registrierte er ihr herzförmiges Gesicht, ihre cremige Haut, ihre Lippen, die wie zum Küssen gemacht schienen. Das dunkelbraune Haar hatte sie sich hinter die Ohren geschoben. Ihre Augen … Himmel, ihre Augen konnten einen auf die Knie gehen lassen.

Sie hatten die Farbe der Karibik bei hellem Sonnenschein. Lange, dichte schwarze Wimpern und perfekt gezogene dunkle Brauen unterstrichen das ungewöhnliche Blaugrün.

Dazu lange Beine. Eine schmale Taille. Sehr hübsche …

„Hi!“ Thea hatte die Sprache wiedergefunden. „Entschuldigen Sie den Schrei, ich habe mich erschreckt.“

Die Frau lächelte. „Das war meine Schuld.“ Ihr Blick glitt zwischen ihm und Thea hin und her. „Es tut mir leid, ich dachte, nur Mr. Marchant sei unser Gast, aber Sie sind natürlich auch willkommen, Mrs. Marchant. Richten Sie sich schon ein?“

„Nur mein Bruder bleibt. Ich bin Thea Marchant-Bentley. Das ist mein Bruder, Sutton Marchant.“ 

„Es freut mich, Sie beide kennenzulernen. Ich bin Lowrie Lewis, ich manage das Hotel.“

Lowrie. Was für ein ungewöhnlicher Name. Sutton verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Ich dachte, Paddy ist der Manager.“

„Er ist der Besitzer, ich bin die Managerin.“ Lowrie ließ den Blick umherschweifen. Ihre Augen wurden groß, als sie das Chaos im Wohnbereich der Suite sah. „Brauchen Sie Hilfe beim Einräumen?“

Autor

Joss Wood
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