Men at Work - Diese Männer verstehen ihr Handwerk!

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Erotische Trilogie über drei sexy Handwerker aus Oregon, die sich an Halloween, Thanksgiving und Weihnachten ums Wesentliche kümmern…

RAUE HÄNDE AUF WEICHER HAUT

"Was du brauchst, ist guter Sex!" Da kann Joey ihrer Freundin nur zustimmen. Nach einer Enttäuschung hat sie den bitter nötig. Aber woher nehmen, jetzt, wo sie in einer einsamen Blockhütte urlauben will? Bloß ist die Hütte bereits besetzt. Von einem breitschultrigen Traummann …

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  • Erscheinungstag 25.02.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783955769925
  • Seitenanzahl 432
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Tiffany Reisz

Men at Work - Diese Männer verstehen ihr Handwerk!

1. KAPITEL

Sie gab ihren Eltern die Schuld daran. Die hatten sie schließlich Jolene genannt. Wer nannte seine Tochter nach der berüchtigtsten Frau der Countrymusic? Sobald sie erfahren hatte, nach wem sie benannt worden war, wurde aus Jolene Joey – für immer. Und trotzdem hatte Joey vor zwei Tagen die hässlichste Wahrheit ihres Lebens erfahren: Sie hatte mit einem verheirateten Mann geschlafen.

Zwei Jahre lang.

Joey seufzte.

„Jo?“

„Entschuldige“, sagte Joey.

„Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“ Kira drückte ihr Knie. „Wir sind gleich am Flughafen. Willst du irgendwo anhalten?“

Joey schüttelte den Kopf. „Fahr weiter. Je schneller ich aus L. A. wegkomme, desto besser. Danke, dass du mich abgeholt hast.“

„Ich kann Ben auch umbringen. Ich bringe Ben gerne für dich um. Ich würde es sogar tun, wenn du nicht willst, dass ich es tue.“

Als Joey lachte, fühlte es sich seltsam an, und sie begriff, dass sie zum ersten Mal seit über sechsunddreißig Stunden gelacht hatte.

„Wäre Mord nicht etwas übertrieben?“, fragte Joey.

„Übertrieben? Der Dreckskerl hat in Honolulu mit dir geschlafen und in L. A. mit seiner Frau und zwei Jahre lang weder dir von ihr noch ihr von dir erzählt. Das ist passiert, richtig?“

„Ja.“

„Dann ist es kein Mord. Es ist Notwehr. Und widersprich mir nicht, wenn ich recht habe.“

Joey widersprach nicht. Kira hatte ja auch recht. Zwei Jahre lang war Ben Joeys Freund gewesen. Sie hatten zusammengearbeitet. Miteinander geschlafen. Sie hatte ihm geglaubt, als er ihr erzählt hatte, wie sehr er es hasste, in L. A. zu leben. Dass er seine Zeit mit ihr auf Hawaii schätzte. Er würde ganz dorthin ziehen, wenn er könnte, aber die Arbeit ließ es nicht zu. Alles Lügen. Lügen, die sie geglaubt hatte. Darum war sie nach L. A. geflogen, um ihn zu überraschen. Und das war ihr auch gelungen. Sie hatte an seine Tür geklopft, und seine Frau hatte aufgemacht. Eine Überraschung für sie alle.

„Also … Mord?“, fragte Kira.

„Nein. Jedenfalls noch nicht.“ Sie musste erst über Ben hinwegkommen. Ihn zu hassen war leicht. Ihn nicht zu lieben war schwieriger.

„Darf ich wenigstens seine Eier abschneiden?“ Kira grinste teuflisch.

Joey schluckte schwer und nickte. „Okay“, erwiderte sie. „Aber nur die Eier.“

Kira setzte sie am Terminal ab und half ihr mit ihren Taschen. Joey lehnte ihren Kopf an Kiras Schulter.

„Ich wollte ihn heiraten“, erklärte Joey.

„Ich weiß.“ Kira tätschelte ihr den Rücken.

„Ich hätte es wissen müssen. Ich meine, zwei Jahre, ohne dass er mich nach L. A. eingeladen hat?“

„Es ist nicht deine Schuld.“

„Was soll ich nur tun?“ Joey sah zu Kira auf. Mit ihr zusammen hatte sie im Büro von Oahu Air in Honolulu gearbeitet, bevor Kira nach Kalifornien versetzt worden war. Sie waren gute Freundinnen geworden und waren es noch immer, auch wenn ein halber Ozean zwischen ihnen lag.

„Du machst Folgendes: Du fährst heim nach Oregon, hast Spaß auf der Hochzeit deines Bruders und schläfst mit dem ersten scharfen Kerl, den du siehst, nachdem das Flugzeug gelandet ist. Keine Schuldgefühle. Keine Reue. Es geht nicht um Liebe. Es geht darum, dass du dich um dich kümmerst. Sexuell. Das würde Ben wütend machen, richtig? Wenn du gleich mit einem anderen ins Bett steigst?“

„Genauso wütend, wie wenn ich sein Haus niederbrennen würde.“

„Dann tu es, und hab Spaß.“

„Ich will nicht. Das Letzte, woran ich momentan denken will, ist, mit jemandem auszugehen.“

„Schön langsam, Jo. Niemand hat etwas von miteinander ausgehen gesagt. Es geht um Sex. Als zweifach geschiedene Frau sage ich dir, dass du sechs Monate lang niemanden daten darfst. Sex ist okay. Mit jemandem ausgehen bringt Ärger. Und kauf auch kein Auto, kein Haus und keine Luxus-Handtaschen. Aber Sex, ja.“ Kira deutete mit ihrem manikürten Finger auf Joeys Nase. „Hab verrückten, heißen, total bedeutungslosen Sex, bis dir wieder einfällt, was für eine Göttin du bist, und bis du Bens Namen vergessen hast, weil du zu beschäftigt damit bist, den eines anderen zu schreien.“

„Du bist eine gute Freundin. Danke, dass du mich auf Abwege führst.“

„Dafür sind Freunde da.“

Joey wollte nicht allein sein, aber sie konnte den Abschied nicht länger herauszögern.

„Nochmal danke. Ich schreibe dir eine Nachricht, wenn ich gelandet bin.“

„Tu das. Und auch, wenn du einen Typen findest.“

Joey grinste. „Mach ich. Ich finde einen neuen Kerl.“

„Ich weiß. Aber vergiss nicht – es ist Oregon. Holzfäller- und Hipstergebiet.“ Kira deutete zwischen ihre Schenkel. „Also Vorsicht: Bartstoppel reizen die Haut. Ich spreche aus Erfahrung.“

Joey stieg in den Flieger – zum Glück war es ein Nonstop-Flug, also würde sie in weniger als zwei Stunden in Portland landen. Unangenehmerweise war sie während des Fluges ganz ihren Gedanken ausgeliefert. Ohne das Internet oder eine andere Ablenkung musste Joey über all die Anzeichen dafür nachdenken, die hätten erahnen lassen, dass sie zwei Jahre lang in einen verheirateten Mann verliebt gewesen war, die sie aber nicht bemerkt hatte.

Ben war ihr wie der ideale Partner vorgekommen. Er war immer aufmerksam gewesen. Wenn er an ihrem Geburtstag nicht in Honolulu hatte sein können, hatte er ihr in der darauffolgenden Woche dafür den Himmel auf Erden bereitet: zwei Nächte in einem Fünf-Sterne-Hotel. Zimmerservice. Und Sex, die ganze Nacht lang. Aber auch wenn Joey sich gerne revanchiert hätte, er hatte es nicht zugelassen. Sie hatte ihn besuchen, sich sogar nach Kalifornien versetzen lassen wollen. Er wollte nichts davon hören. Sie war seine „Zuflucht“. Er konnte sich Hawaii nicht ohne sie vorstellen, hatte er gesagt. Eines Tages würde er CEO seiner Firma werden und mit ihr in Honolulu leben. Sie müsste nur noch ein paar Jahre warten, dann könnten sie sich niederlassen.

Noch ein paar Jahre warten? Ja, sie musste noch ein paar Jahre warten, bis er das Geld oder den Mut hatte, um seine Frau zu verlassen. Falls er das überhaupt je vorgehabt hatte.

Sie würde niemals die Szenen des schicksalhaften Samstagmorgen vergessen: Sie war am Flughafen in ein Taxi gestiegen. Natürlich kannte sie seine Adresse, die auf seinem kalifornischen Führerschein vermerkt war. Sie hatte gehofft, dass er zuhause war. War er auch. So wie seine Frau Shannon. Die hatte Joey die Tür geöffnet, verwirrt gelächelt und gesagt: „Ja? Kann ich helfen?“ Joey – ähnlich verwirrt – hatte geantwortet: „Ich suche meinen Freund. Ist Ben da?“

In diesem Moment war Ben in den Flur getreten. Er war ein gutaussehender Mann, etwa eins achtzig groß, mit dunklem Haar und dunklen Augen.

Jede Hoffnung, es handle sich doch um ein Missverständnis, verschwand, als Ben den Mund aufmachte. „Was, zum Teufel, machst du hier?“ Unverhohlene Wut sprach aus ihm. Nie zuvor hatte er sie so angesehen oder so mit ihr gesprochen. Er hatte sich immer gefreut, sie zu sehen. Und dass er sich in diesem Moment nicht freute, sie zu sehen, lag daran, dass die Frau neben ihm keine gut angezogene Putzfrau war, sondern seine Ehefrau. Und die hatte einen ebenso schlechten Tag wie Bens Freundin.

„Überraschung“, war das Einzige, das Joey einfiel. Shannon sagte ganz andere Dinge, die Joey noch hörte, als sie zum Taxi zurückging, das auf sie gewartete hatte für den Fall, dass Ben nicht zuhause war. Als das Taxi losgefahren war, hatte Joey sich umgedreht und gesehen, dass Ben ihr nachlief. Sie konnte den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht deuten – es war keine Wut, aber auch kein Bedauern. Es war ihr egal, warum er ihr hinterherlief. Sie war wie betäubt vor Schock und Schmerz. Sie fühlte nichts und würde niemals wieder etwas fühlen. Wenn sie nie wieder liebte, würde sie nie wieder verletzt werden – und wäre das nicht schön?

Am Flughafen in Portland holte sie ihr Gepäck und den Mietwagen ab. Es war schön, normale Dinge zu tun. Das Leben ging weiter. Autos mussten gemietet werden. Brüder heirateten. Die Welt ging nicht unter, nur weil ein Mann gelogen hatte.

Die Fahrt vom Flughafen zu der alten Hütte ihrer Familie in der Nähe von Lost Lake bei Mount Hood dauerte ungefähr zwei Stunden. Im Umkreis von zwei Meilen gab es nichts außer dem Berg, Millionen von Bäumen und tiefhängenden Wolken. Joey hatte die Wälder Oregons sehr vermisst. Dieser Duft – es gab nichts Vergleichbares.

Schließlich bog sie in den gewundenen Kiesweg ein, der zum alten Blockhaus ihrer Eltern führte. Ihr Handy vibrierte in ihrer Hosentasche, und sie zog es vorsichtig hervor.

„Hast du schon jemanden gefunden, mit dem du vögeln kannst?“, wollte Kira wissen.

„Nein, in den vier Stunden, seitdem ich mich von dir verabschiedet habe, habe ich nicht auf magische Weise jemanden getroffen und am Flughafen mit ihm gevögelt. Und wahrscheinlich werde ich in den nächsten vier Stunden auch niemanden treffen. Oder in den nächsten vier Tagen oder den nächsten zwei Wochen. Du weißt, dass sich hauptsächlich Rentner in Lost Lake zur Ruhe setzen? Rentner und Sommergäste. Die einzigen Leute die hier leben, sind die, die am See arbeiten, und das sind etwa … zwanzig Leute.“

„Zwanzig? Etwa die Hälfte von ihnen müssen Kerle sein. Deine Chancen stehen gut!“

„Von wegen.“

„Warum übernachtest du überhaupt da draußen?“

„Das Blockhaus ist unbewohnt. Mom und Dad schenken es Dillon zur Hochzeit.“

„Nettes Geschenk. Und was bekommst du, wenn du heiratest?“, fragte Kira.

„Sie zahlen für meine Hochzeit und meine Flitterwochen. Das ist ein besserer Deal als die Blockhütte.“

„Warum?“

„Sie war ziemlich heruntergekommen, als ich klein war“, erklärte Joey. „Und jetzt ist sie ein einziges Dreckloch. Soweit ich weiß, war seit zehn Jahren niemand dort. Dillon hat geschworen, er hätte jemanden gefunden, der es in Ordnung gebracht hat, aber er steckt bis über beide Ohren in den Hochzeitsvorbereitungen. Aber egal. Solange ich nicht mit einem Waschbären das Bett teilen muss, ist es okay.“

„Sag mir Bescheid, wenn du mich brauchst, dann komme ich und bleibe ein paar Tage bei dir. Ich meine – in einem Hotel, aber in deiner Nähe. Ich habe noch ein paar Urlaubstage für Notfälle. Beste Freundin schläft unabsichtlich zwei Jahre lang mit einem verheirateten Mann – das fällt unter Notfall.“

„Danke, ich weiß es zu schätzen. Aber alles gut. Ich muss Schluss machen. Ich bin am Haus.“

„Wie schlimm ist es? Gibt es Schlangen? Sag’s mir nicht.“

Joey konnte direkt hören, wie Kira zusammenzuckte. Ihre Vorstellung von „einfachem Leben“ war ein Vier-Sterne-Hotel. Joey parkte das Auto und freute sich, dass das Äußere des Hauses in besserem Zustand war als in ihrer Erinnerung. Viel besser.

„Sieht gut aus. Sie haben es gestrichen. Sehr hübsch“, meinte Joey, als sie aus dem Auto ausstieg. „Und jemand hat es mit Kürbislaternen geschmückt? Warte …“, sagte sie.

„Was?“

„Da ist noch mehr.“ Joey hob die Fußmatte, zog den Schlüssel hervor und öffnete die Tür. Sie hatte eine minimalistische Blockhütte erwartet. „Wow“, flüsterte sie. „Dillon muss beschlossen haben, nach der Hochzeit hier mit Oscar zu leben. Obwohl er gesagt hat, dass Oscar die Natur hasst.“

„Vielleicht hat er seine Meinung geändert?“

„Vielleicht … aber trotzdem: Es ist umwerfend. Ich will gar nicht wissen, was das gekostet hat.“ Sie drehte sich langsam im Wohnzimmer im Kreis. All die alten Möbel waren weg, und stattdessen gab es einen antiken Couchtisch, ein großes Ledersofa und einen Schaukelstuhl mit einer dunkelroten Strickdecke. Jemand hatte die Böden auf Hochglanz poliert. Der kleine Holzofen war durch einen großen Steinkamin ersetzt worden. Und die Küche hatte einen neu gefliesten Boden und Teppiche, und vor der frisch in Rot gestrichenen Wand standen neue Haushaltsgeräte – nur die Grundausstattung, aber alles in guter Qualität. Unter der Spüle fand Joey einen Mülleimer mit der Verpackung des Toasters darin. So neu war alles.

„Ich frage mich, ob sie das Blockhaus renoviert haben, um es zu verkaufen. Aber es ist nett von ihnen, es herzurichten, bevor ich hier ein paar Tage wohne.“

„Sehr nett.“

„Vermutlich ihre Art, es wiedergutzumachen, dass mein Bruder seine Hochzeit auf meinen Geburtstag gelegt hat.“

„Deine Schuld, dass du an Halloween geboren bist. Der Tag ist perfekt für eine Hochzeit in Portland.“

„Dillon und Oscar lieben es, sich zu verkleiden. Filme der Achtziger sind das Motto. Ich muss mir noch ein Kostüm überlegen. Vielleicht gehe ich als Carrie.“

„Du gehst als Massenmörderin zur Hochzeit deines Bruders?“

„Passt zu meiner Stimmung.“

Allerdings verbesserte die sich gerade ein wenig. Wie auch nicht, in dieser wunderbaren Blockhütte im Wald? Alles, was fehlte, war ein Mann, mit dem sie sie teilen konnte. Sie und Ben hätten tollen Sex hier gehabt. Sie wären jetzt bereits im Bett. Aber so war es nicht. Nie wieder. Ben hatte etwas Unverzeihliches getan. Er hatte seine Frau belogen. Er hatte Joey angelogen. Er hatte ihr Vertrauen auf schlimmste Weise missbraucht. Joey würde ihn nicht zurücknehmen, ganz gleich, wie einsam sie sich ohne ihn fühlte.

„Dieses Blockhaus ist wie gemacht für Sex, Kira.“

„Klingt so.“

„Und ich kann keinen Sex haben. Das ist deprimierend.“

„Das ist nicht wahr – such dir jemanden, mit dem du Sex haben kannst! Sofort.“

„Ich bin mitten im Wald. Die nächste Blockhütte ist eine halbe Meile westlich von hier.“

„Dann lauf los.“

Die Decke über Joey knarrte, weil jemand darüberging.

An ihr selbst konnte es nicht liegen; Joey hatte sich nicht bewegt.

„Mist“, flüsterte sie ins Telefon.

„Was?“

Joey sah zur Decke.

„Jemand ist hier. Bleib dran.“

„Ja, natürlich. Bist du sicher?“

„Ich habe oben Schritte gehört.“

„Dann verschwinde aus dem Haus.“

Joey ging rückwärts zur Tür. Ihr Herz raste. Oben hörte sie weiterhin die Schritte. Sie waren schnell und zielgerichtet, nicht zögerlich, aber auch nicht bedrohlich.

„Hey? Bist du noch dran?“, flüsterte Kira erneut.

„Ja klar. – Hallo!?“

„Ja, ich bin auch doch da.“

„Nicht du … Ich habe mit dem geredet, der da oben ist. Ich glaube, er arbeitet hier.“

„Hallo“, ertönte eine Stimme vom Treppenabsatz. Eine männliche Stimme. Eine tiefe, aber freundliche Stimme. „Joey Silvia?“

„Das bin ich. Und Sie?“

„Ich bin’s, Chris. Ich bin gleich mit dem Deckenventilator hier fertig“, rief der Mann zu ihr hinunter.

„Hat er dich schon umgebracht?“, wollte Kira wissen.

„Noch nicht. Er sagt, er heißt Chris und macht etwas mit dem Deckenventilator.“

„Ist er sexy?“

„Soll ich schreiend davonlaufen oder Sex mit ihm haben?“, flüsterte Joey.

„Hängt davon ab, ob er sexy ist oder nicht. Sieh nach.“

„Okay … Ich gehe hoch. Wenn mein Handy ausgeht und/oder du mich schreien hörst, leg auf, und ruf die Cops.“

„Was ist, wenn er dich nicht umbringt, sondern du schreist, weil der Sex so gut ist? Rufe ich dann auch die Cops?“

„Ich schreie nicht im Bett.“

„Beim richtigen Kerl wirst du es tun.“

„Ich gehe rauf und schaue, was er macht.“ Aus dem Küchenfenster heraus sah sie einen grünen Pick-up mit der Aufschrift Lost Lake Bauunternehmen. Okay, also kein Axtmörder. Nur der Kerl, bei dem sie sich bedanken sollte, weil er so gute Arbeit geleistet hatte.

„Ich bleibe dran“, versprach Kira. „Wenn du glaubst, dass er dich umbringen will, sagst du … ähm … ‚Ich telefoniere mit meiner Freundin Kira. Sie ist Polizistin.‘ Und wenn er sexy ist und du ihn vögeln willst, sag einfach ‚Schönes Wetter heute, nicht wahr?‘“

„Wir haben neun Grad, und es regnet.“

„Sag es einfach! Und jetzt sieh ihn dir an. Und versuch, nicht umgebracht zu werden.“

Joey schlich die Treppe hinauf, die nicht mehr so knarrte wie früher. So wie es aussah, hatte jemand die alten Stufen durch welche aus Pinienholz ersetzt.

„Bist du noch dran?“, fragte Joey, als sie oben ankam.

„Ja“, erwiderte Kira. „Du lebst noch?“

„Noch.“

Oben befanden sich zwei Schlafzimmer, dazwischen ein Bad. Auch hier war alles neu: neue Armaturen aus gebürstetem Kupfer, eine neue Badewanne statt der alten schmuddeligen. Irgendwie hatte es dieser Bauunternehmer geschafft, das Blockhaus gleichzeitig alt und echt und trotzdem brandneu aussehen zu lassen.

„Hallo?“, rief sie.

„Ich bin hier, im großen Schlafzimmer“, antwortete die männliche Stimme.

Joey ging den Gang entlang zu einer halb geöffneten Tür.

„Ich gehe rein“, wisperte Joey, das Handy noch immer am Ohr.

Sie öffnete vorsichtig die Tür … trat ein … sah auf …

Auf einer Trittleiter stand ein Mann, der viel jünger war, als sie erwartet hatte. In ihrer Vorstellung waren alle Bauunternehmer über vierzig, aber dieser sah nicht älter aus als Ende zwanzig. Er hatte aschblondes, gut geschnittenes Haar und einen gepflegten Bart. Er sah nach oben und konzentrierte sich auf die elektrischen Leitungen über seinem Kopf. Er trug Jeans und ein Flanellhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, darunter ein enganliegendes weißes T-Shirt.

„Hey, Joey“, sagte er grinsend. „Schön, dich wiederzusehen. Hat Hawaii dir gutgetan?“

Er drehte den Kopf in ihre Richtung und grinste. Sie kannte dieses Grinsen.

„Chris?“ Dieser Chris war Chris?

„Wer ist Chris? Du kennst den Kerl?“, flüsterte Kira in ihr Ohr.

Sie kannte ihn.

Chris Steffensen. Dillons bester Freund auf der Highschool. Der dünne, langhaarige Junge, der für Nirvana geschwärmt hatte, als es bereits ein Jahrzehnt lang out gewesen war, Nirvana-Fan zu sein … Das hier war Chris? Der Chris, dem sie nicht zugetraut hätte, eine Glühbirne einzuschrauben – und nun installierte er einen Deckenventilator?

„Hast du das ganze Haus renoviert!?“, fragte sie, seine Frage unhöflicherweise ignorierend.

„Ja. Ich arbeite in letzter Zeit öfter für Dillon und Oscar. Lange Geschichte. Gefällt es dir?“ Er grinste wieder, ein jungenhaftes Grinsen.

Verdammt, er sah gut aus. Seit wann sah er so gut aus? Und er war größer als in ihrer Erinnerung. Größer und breiter.

Joey hoffte, dass Kira das Handy noch am Ohr hatte.

„Schönes Wetter heute, nicht wahr?“

2. KAPITEL

Chris sah sie stirnrunzelnd an.

„War ein Witz“, sagte sie. „Ich weiß, es ist schlechtes Wetter.“

„Es ist Oregon-Wetter. Sollen wir uns jetzt verlegen umarmen?“

„Oh Gott, ja.“

Im Handy, das Joey in der Hand hatte, meinte Kira lachend: „Ich lege auf.“ Joey steckte das Handy in ihre Jackentasche.

Chris sprang von der Leiter, und Joey nahm ihn in die Arme. Er hatte „verlegen“ gesagt, und das passte, aber irgendwie auch nicht. Zunächst fühlte er sich gut an – warm und fest und stark. Und zweitens roch er gut, nach Schweiß und Zedern. Und schließlich war es nur Chris, auch wenn sie ihn seit beinahe zehn Jahren nicht gesehen hatte.

„Schön, dich zu sehen“, sagte er leise. Es klang ehrlich und war das absolute Gegenteil von Bens „Was, zum Teufel, machst hier?“.

„Ja, auch schön, dich zu sehen.“ Sie trat eine Schritt zurück und löste sich von ihm, bevor sie eine Dummheit beging und in Tränen ausbrach.

„Du bist einen Tag zu früh. Dillon hat dich für morgen angekündigt.“

„Ich habe meinen Flug umgebucht. Ist das ein Problem?“

„Überhaupt nicht. Ich wollte dann nur schon weg sein. Aber ich bin beinahe fertig. Das große Schlafzimmer war das letzte. Jetzt noch den Deckenventilator, dann streichen.“

„Keine Eile. Bleib, solange du willst. Auch die ganze Nacht.“ Sie zuckte zusammen. Warum hatte sie das gesagt? „Also, wie geht es dir?“, lenkte sie ab.

„Gut.“ Er klang ein wenig misstrauisch. Sie nahm es ihm nicht übel. Sie benahm sich wirklich seltsam. Aber das war eindeutig den Enthüllungen der letzten Tage zu verdanken – da hatte man allen Grund, verrückt zu werden.

„Und dir? Wie ist Hawaii? Du siehst übrigens fantastisch aus“, meinte Chris.

„Ich bin ganz nass.“

Chris hob eine Braue.

„Nass vom Regen“, fügte sie hastig hinzu.

„Richtig. Regen. Hawaii ist dir gut bekommen.“

Es war lieb von ihm, das zu sagen, aber Joey wusste, dass sie schrecklich aussah. Ihr Haar klebte ihr an der Stirn. Vorhin im Auto hatte sie noch geweint, und so ähnelten ihre Augen denen eines Waschbären. Ihr brauner Teint, den sie von ihrem mexikanisch-amerikanischen Vater geerbt hatte, kaschierte ganz gut, wie kaputt sie sich fühlte. Aber wenn sie gewusst hätte, dass Chris hier war und sie so umhaute, hätte sie sich mehr Mühe gegeben.

„Aber du siehst auch fantastisch aus. Ich habe dich kaum wiedererkannt mit dem kurzen Haar und dem Bart. Wann ist das passiert?“

„Das kurze Haar? Ähm, vor acht Jahren. Da musste ich mich der realen Welt stellen. Der Bart? Letzten November. Üble Trennung. Sie hat mich für einen Trail Blazer verlassen. Ich habe aufgehört, mich zu rasieren. Alle meinten, der Bart stünde mir, also habe ich ihn behalten.“

„Für einen Trail Blazer? Die Basketballer oder das Auto? Wenn sie dich für ein Auto verlassen hat, wäre das echt schräg.“

„Nein, für einen Basketballer. Offensichtlich hatte sie etwas für große Männer übrig.“

„Du bist groß. Du bist riesig.“

Er zog die Braue noch ein Stück höher.

„Ich mache ständig sexuelle Anspielungen, ohne es zu wollen“, meinte sie. „Sorry … Ich hatte sehr wenig Schlaf. Ich bin nicht dafür verantwortlich, was mein Mund macht.“

Noch höher konnte er die Augenbraue nicht ziehen.

„Ich habe es schon wieder getan, oder?“, fragte sie.

„Schon gut, Jo.“ Er runzelte die Stirn. „Nennst du dich noch Jo? Joey? Oder bist du jetzt Jolene?“

„Ganz sicher nicht Jolene. Alle nennen mich noch Jo oder Joey. Das ist auch besser, denn auf etwas anderes höre ich nicht.“

„Also Joey. Ich bin beinahe fertig hier, und dann bist du mich los.“

„Ich will dich nicht los sein. Die Hütte sieht fantastisch aus. Ich kann nicht glauben, dass du das alles gemacht hast.“

„Nicht alles. Ich hatte einen Subunternehmer für die Arbeiten an der Fassade.“

„Aber der Rest? Die Böden, die Küche, die Malerarbeiten … die Kürbisse?“

„Ein paar Kinder haben Kürbisse an einem Straßenstand verkauft. Ich habe eine Schwäche dafür.“

„Konntest du schon immer so gut Malern und Fußbodenlegen und Kürbisschnitzen und hast es nur verheimlicht?“

Er zuckte die Schultern. „Ich habe viel von Dad gelernt. Außer dem Kürbisschnitzen. Das habe ich mir selbst beigebracht.“

„Hast du denn eine entsprechende Ausbildung gemacht?“

Er nickte. „Ja, erst Berufsschule, dann ein paar Jahre Lehre. Jeder kann das lernen. Es dauert nur eine Weile.“

„Du musst viel hier in Mount Hood zu tun haben. Die Hälfte der Blockhütten waren verfallen, als wir Kinder waren.“

„Ja, ich musste vier andere Aufträge ablehnen, um den hier für Dillon zu erledigen.“

„Du hättest Nein sagen können.“

„Nein.“ Er grinste wieder. „Er hat doch erzählt, du würdest zur Hochzeit hier wohnen. Ich kann doch meinen Highschool-Schwarm nicht auf einer Müllkippe wohnen lassen, oder? Wenn das Dach über dir zusammengebrochen wäre, hätte ich mir das nie verziehen.“

Lachend verdrehte Joey die Augen. „Also gibst du es endlich zu.“

„Ich habe nur zehn Jahre gebraucht. Aber keine Sorge. Ich bin vollkommen über dich hinweg.“ Sie hätte ihm geglaubt, wäre da nicht das heitere Funkeln in seinen Augen gewesen.

„Aber eines muss ich dich endlich fragen: Hast du an diesem einen Valentinstag die Rosen in mein Schließfach gelegt?“

„Vielleicht …“

„Hast du mein Schloss geknackt?“

„Nein. Das war Dillon.“

Joey schüttelte verärgert den Kopf. „Ich bin schier wahnsinnig geworden, weil ich wissen wollte, wer es war, und er hat sich trotz meiner Fragen dumm gestellt.“

„Er wollte mich nicht outen. Er hat das doch selbst erlebt.“

„Ja, das war eine schlimme Zeit“, antwortete Joey, die sich an das Jahr erinnerte, als die Gerüchte von Dillons Homosexualität in Umlauf kanem. Er hatte sein Geheimnis dem falschen Freund anvertraut, und binnen einer Woche wusste es die ganze Schule. Joey und Chris hatten Dillon abwechselnd auf dem Weg von einem Klassenzimmer zum anderen, zur Schule und wieder nach Hause begleitet. Sie waren sicher gewesen, dass niemand Dillon zusammenschlagen würde, solange es Zeugen gab. Aber ein paar Mal war es doch eng geworden. Chris hatte mehr als eine Nase blutig geschlagen, um Dillon zu beschützen, wofür Joey ihm noch immer dankbar war. „Ich bin so froh, dass er dich damals hatte.“

Zumindest hob er diesmal nicht die Augenbrauen, aber sie konnte sehen, dass er es wollte.

„Also ich meine nicht, dass er dich so hatte. Außer … er hatte dich so. Was okay wäre. Ich habe mich sowieso gewundert, was ihr immer in der Garage gemacht habt.“

„Gekifft.“

„Das ist gar nicht sexy.“

„Tut mir leid, dass ich dich mit meiner Heterosexualität enttäusche. Ich schwöre, ich wurde so geboren.“

„Sehr enttäuschend. Ich hatte deine und Dillons Hochzeit schon geplant.“

„Wie weitsichtig von dir. Bis letztes Jahr war die Homoehe hier illegal.“

„Ich war eine Träumerin. Und ich fand, ihr würdet beide so gut mit Fliege aussehen.“

„Ich war noch nie glücklicher, Dillon nicht zu heiraten.“

„Kein Respekt für die Fliege. Die ist ein Klassiker. James Bond trägt Fliege.“

„Pee-wee Herman hat Fliege getragen.“

„Ja, Pee-wee. Du solltest dich als Pee-wee verkleiden. Du kommst doch zur Hochzeit, oder?“

„Ja, aber ich hatte nicht vor, mich zu verkleiden.“

„Du musst. Es steht auf der Einladung.“

„Wie wäre es mit einem Kostüm ohne Fliege? Eher so wie Bruce Willis als John McClane. Stirb langsam. Das wäre ein einfaches Kostüm.“

„Also trägst du nur graue Hosen und ein dreckiges weißes Unterhemd zur Hochzeit?“ Sie tat angewidert, aber der Gedanke an Chris in einem Unterhemd war … schön.

„Und blutige Füße. Vergiss die nicht. Als wer gehst du?“

„Ich dachte an Carrie. Mit blutigem Abschlussballkleid, passend zu deinen blutigen Füßen.“

„Carrie ist aus den Siebzigern.“

„Hast du eine andere Idee?“

„Besitzt du zufällig einen Metallbikini? Du könntest dich als Prinzessin Leia aus Rückkehr der Jediritter verkleiden.“

„Ist ein bisschen kalt dafür, oder nicht?“

„Hmm, das war’s dann mit dieser Fantasie.“ Er lächelte. Sie wurde rot. Oh Gott, sie flirteten. Hatte Kira das möglich gemacht? Oder versuchte Dillon, sie und Chris alleine im Haus zusammenzubringen? Gut möglich. Dillon hatte Ben nie gemocht. Und sie erkannte einen Kuppelversuch, wenn sie einen sah.

„Also … Als was gehen eigentlich Dillon und Oscar?“

„Sie wollen es niemandem verraten. Es ist ein Geheimnis, hat Dillon gesagt. Hast du einen Verdacht?“, fragte Joey.

„Kirk und Spock aus einem der Star Trek – Filme. Sie sind beide Nerds.“

„Ich wette auf Bill und Ted mit ihrer verrückten Reise durch die Zeit“, meinte Joey.

„Weißt, du, da sie an deinem Geburtstag heiraten, solltest du als diese … Wie heißt sie, aus diesem Film …?“

„Wer denn?“

„Rothaarig. Geburtstagskuchen. Du weißt schon, Samantha Irgendwie.“

„Ja! Den kenne ich. Der Film heißt ‚Das darf man nur als Erwachsener‘.“

„Genau. Deren Schwester hat doch an ihrem Geburtstag geheiratet, oder?“, fragte Chris.

„Am Tag danach, aber nahe dran. Das ist eine tolle Idee. Dillon liebt den Film. Ich gehe als Sam. Ich brauche nur eine rote Perücke und ein bauschiges Brautjungfernkleid. Machst du mit? Du ziehst dir ein rosafarbenes Hemd an und kannst als Farmer Ted gehen. Du musst nur den Kragen aufstellen.“

„Darf ich mit deiner Unterwäsche in meiner Hosentasche herumlaufen, so wie er?“

„Du hast dich an meinen Geburtstag erinnert. Du kannst mit meiner Unterwäsche zwischen deinen Zähnen herumlaufen, wenn du willst.“

Chris’ Augen weiteten sich etwas.

„Dieses Gespräch ist irgendwie außer Kontrolle geraten“, murmelte sie. Verlegen balancierte sie kurz auf beiden Fersen. „Ich hol dann mal mein Zeug aus dem Auto. Oder vielleicht sollte ich warten? Das Schlafzimmer ist ja noch nicht fertig.“

„Aber das. Du kannst deine Sachen dort abstellen.“

„Unser altes Kinderzimmer? Du hast es renoviert?“

„Ja. Sieh es dir an. Ist ziemlich hübsch geworden.“

Er hatte einen Gesichtsausdruck, der sie ein wenig misstrauisch machte. Sie trat auf den Flur und ging zum kleineren Schlafzimmer. Sie hatte es immer lieber gemocht. Es bot eine schönere Aussicht auf den Wald, und an klaren Tagen konnte man sogar den schneebedeckten Gipfel des Mount Hood sehen.

Joey öffnete die Tür, und ihr fiel die Kinnlade herunter. Chris hatte sich selbst übertroffen. Der Putz, der die Wände bedeckt hatte, war entfernt worden. Man sah die blanken Holzstämme. Ein kostbarer blau-grauer Teppich bedeckte den größten Teil des Holzfußbodens. In der Mitte des Zimmers stand ein großes Bett. Kopf- und Fußteil waren aus dunklem Holz, grob geschreinert, aber glattpoliert. Auf dem Bett türmten sich Kissen und Decken. Das Zimmer strahlte gleichzeitig Luxus und rustikale Gemütlichkeit aus. Hier – und im ganzen Haus – würde Joey sehr glücklich sein. Oder zumindest nicht so unglücklich, wie sie gedacht hatte.

„Du bist wirklich gut“, sagte sie, als Chris hinter sie trat.

„Das höre ich öfter. Ich habe das Bett gemacht.“

„Du … hast das Bett angefertigt?“

„Beeindruckt?“

„Bin ich. War das deine Absicht?“

„Ich weiß nicht. Funktioniert es?“

„Irgendwie schon.“ Es funktionierte definitiv. „Also … wollen wir später auf einen Drink gehen? Ich lade dich ein.“

„Klar, aber ich muss zuerst das große Schlafzimmer fertigmachen.“

„Kann ich helfen? Was müssen wir tun?“

„Malern. Die Decke habe ich schon gestrichen, jetzt sind die Wände dran. Alles ist schon abgeklebt. Aber du musst diese Sachen ausziehen.“

„Chris, wir haben uns gerade erst …“

„Du bekommst sonst Farbe auf die Kleidung, Jo.“

„Richtig. Farbe. Ich … hole nur mein Zeug aus dem Auto und ziehe mich schnell um.“

„Lass dir Zeit. Ich schließe inzwischen den Ventilator an.“ Sie sah, dass Chris lächelte, als er sie in ihrem neuen Zimmer alleine ließ. Zumindest war es ihr Zimmer bis zur Hochzeit. Sie hatte ein paar Jahre lang keinen Urlaub genommen. Nach der Sache mit Ben hätte sie am liebsten alle Tage auf einmal freigenommen, bis Thanksgiving. Eigentlich war sie versucht, nie wieder arbeiten zu gehen. Jedenfalls nicht zu ihrer alten Arbeit. Wo sie Ben treffen würde.

Aber sie hatte Kira versprochen, sechs Monate lang keine großen Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen. Das war ein guter Rat. Sie sollte wirklich wieder zur Arbeit gehen. Sie war im Recht und Ben im Unrecht. Sie würde ihn nicht gewinnen lassen, indem sie kündigte und sich mit eingezogenem Schwanz davonschlich.

Als sie ihren Koffer nach oben schleppte, verdrängte sie alle Gedanken über ihren Ex oder die Arbeit. Komisch – sie hatte sich auf eine ruhige Nacht alleine gefreut, bevor sie ihrem Bruder und ihren Eltern die Neuigkeiten von Ben erzählte. Aber mit Chris abzuhängen und am Haus zu arbeiten schien ihr viel geeigneter, um sich zu sammeln, als alleine in einem Blockhaus zu sitzen und zu grübeln. Sie freute sich darauf, mit Chris das Schlafzimmer zu streichen.

Joey zog ein altes Langarmshirt an und band sich ein rotes Bandana um ihr Haar. Als sie ins große Schlafzimmer kam, war Chris mit dem Anschließen des Ventilators fertig und goss braune Farbe in einen großen Eimer.

Er reichte ihr eine kleine Abtropfwanne. Sie tauchte ihren Pinsel in den Eimer und bedeckte eine Wand mit einer geraden Linie.

„Halt, nicht die Wand“, rief Chris mit panischer Stimme.

Joey schnappte nach Luft und wirbelte herum. „Was?! Tut mir leid. Habe ich …“

Er grinste breit.

„Du Mistkerl“, rief sie. Sie schwang den Pinsel in seine Richtung, und er duckte sich. „Wenn du mich nochmal so erschreckst, male ich dein Flanellhemd an.“

„Aber das ist mein gutes Flanellhemd. Ich habe es zur Beerdigung meines Vaters getragen.“

„Bitte sag mir, dass du kein Flanellhemd zur Beerdigung deines Vaters getragen hasst.“

„Hab ich nicht. Aber nur, weil Dad noch am Leben ist.“

Joey seufzte und machte sich wieder ans Streichen. Chris war noch immer der Alte, auch wenn er kurze Haare und einen perfekten Bart hatte und Kleidung trug, die ihm tatsächlich passte.

„Hast du die Farbe ausgesucht?“

„Ja.“

„Sie gefällt mir. Ich hätte nicht gedacht, dass eine so dunkle Farbe hier drin gut aussieht, aber das tut sie.“

„Dunkle warme Farben wirken am besten in wenig beleuchteten Räumen.“

„Hast du das auf der Berufsschule gelernt?“

„Pinterest.“

Sie starrte ihn an.

„Was? Das ist mein Job.“

Sie malten weiter. Chris hatte einen Pinterest Account. Das war zum Anbeißen. Er war zum Anbeißen.

Joey wünschte sich, Kira hätte ihr nicht geraten, mit dem ersten Mann zu schlafen, den sie finden konnte, damit es ihr besser ging. Jetzt konnte sie nicht aufhören, sich Chris dabei vorzustellen.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und zog sein Flanellhemd aus. Das T-Shirt darunter zeigte seine sehnigen Unterarme und seinen muskulösen Bizeps.

„Weißt du, was in diesem Schlafzimmer hübsch aussehen würde? Weiße Bettwäsche“, erklärte Joey, als sie fast fertig waren. „Das würde sich schön von der dunkelbraunen Farbe abheben. Wie bei einem Hotelbett.“

„Gute Idee. Das würde sexy aussehen. Hübsch, meine ich.“

Es würde sexy aussehen. Sie freute sich, dass er dasselbe dachte wie sie.

„Ich kaufe morgen welche“, meinte sie.

„Nein, ich mach das schon. Ich habe immer noch Dillons Kreditkarte.“

„Wir könnten auch heute Abend gemeinsam fahren“, meinte sie. Es war noch früh am Abend. Sie könnten es bis Portland oder Hood River schaffen, wenn sie sich beeilten.

„Und danach etwas trinken“, schlug Chris vor. „Oder vielleicht auch essen gehen?“

Lud Chris sie zu einem Date ein? Sollte das ein richtiges Date werden? Oder eher ein „Wir kannten uns auf der Schule und sind moralisch dazu verpflichtet, uns unsere Lebensgeschichten zu erzählen“-Date? Joey nahm sich vor, es für Letzteres zu halten und sich Ersteres zu wünschen.

„Abendessen klingt gut“, meinte sie. „Das Streichen hat mich hungrig gemacht.“

„Mich auch. Aber wir haben es gut gemacht. Wir sind ein gutes Team.“ Das Zimmer sah richtig stylish aus.

„Hat auch Spaß gemacht. Ich musste etwas verdrängen. Das hat geholfen.“

„Was musstest du verdrängen?“

„Ich weiß es schon nicht mehr“, erwiderte sie. „So gut hat es funktioniert.“

„Schön, dass ich dir helfen konnte, indem ich dich habe arbeiten lassen. Wenn du noch mehr Ablenkung brauchst, könntest du die Regenrinne saubermachen.“

„Ach, weißt du, mir geht’s gut. Aber danke für das Angebot.“

„Abendessen?“, fragte er.

„Ja bitte.“

Chris stellte den Deckenvantilator an, damit die Farbe schneller trocknete. Joey ging in ihr Zimmer, um zu überlegen, was sie zu ihrem Date anziehen sollte. Nein, es war kein Date. Nicht wirklich. Na ja, irgendwie.

Kira hatte zwei Nachrichten geschickt. In der ersten stand: Warst du schon mit ihm im Bett? In der zweiten: Und jetzt?

Joey antwortete: Nein, wir waren nicht im Bett. Er ist ein alter Freund. Wir gehen essen, also hör auf, mir zu schreiben. Falls ich mit ihm schlafe, bist du die Erste, die es erfährt.

Dann schickte sie Dillon eine kurze Nachricht, dass sie einen Tag zu früh zum Blockhaus gekommen war und sie ihn morgen treffen wollte.

Sie machte sich, so schnell es ging, fürs Abendessen fertig. Chris hatte sich um jedes Detail im Haus gekümmert. Er hatte sogar neue, weiche Handtücher in den Badezimmerschrank gelegt. Es war, wie in einem Hotel zu übernachten, einem Hotel mit eigenem Bauunternehmer oder auch Concierge, was es zum besten Hotel machte, in dem Joey je abgestiegen war.

Sie ertappte sich beim Lächeln. Das war doch ein Fortschritt. Sie hatte die ganze Samstagnacht bei Kira auf der Couch geweint. Lächeln war eine deutliche Verbesserung gegenüber hemmungslosem Schluchzen. Hier in Oregon, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, fühlte sie sich wieder wie ein Mensch. Sie würde blind den Weg zum See finden, ebenso zur Hauptstraße und zu dem Platz, an dem sie und Chris und Dillon Lagerfeuer gemacht hatten, als sie noch auf der Schule gewesen waren.

Damals waren sie drei immer zusammen gewesen. Dillon hatte nichts gegen die Anwesenheit seiner Schwester einzuwenden gehabt. Er brauchte sie und wollte sie in seiner Nähe haben. Zum Teil, weil er Angst hatte. Als er vierzehn gewesen war, hatte er ihr gestanden, dass er sich zu neunundneunzig Prozent sicher war, dass er schwul war, und sie hatte das Geheimnis für sich behalten, bis er den Mut aufbrachte, es ihren Eltern zu erzählen. Kurz darauf hatte er es Chris erzählt. Joey und Chris hatten ihn unterstützt, als es bekannt wurde. Damals war es Joey nicht seltsam erschienen, dass Chris sich hinter Dillon gestellt hatte, als er an ihrer ländlichen Highschool geoutet wurde. Sie waren schon ewig Freunde gewesen. Natürlich passte Chris auf Dillon auf, weil Dillon dasselbe für Chris getan hätte. Aber erst jetzt, nach so vielen Berichten über Selbstmorde und Amokläufen in Schulen, begriff sie, dass Chris sein Leben riskiert hatte, um seinem Freund beizustehen.

Wenn sie daran zurückdachte, war sie dankbar, dass Dillon und Chris diese schrecklichen Jahre auf der Highschool geistig und körperlich unversehrt durchgestanden hatten.

Was sie jetzt aber mehr beschäftigte, war, ob die ständige Sorge um ihren großen Bruder ihr den Blick darauf genommen hatte, wie sexy sein bester Freund war …

Als sie ihre langen dunklen Haare geföhnt und saubere Jeans, ihre kniehohen Lederstiefel und einen roten Pulli angezogen hatte, war Chris auch fertig.

„Nehmen wir dein Auto oder meinen Truck?“, fragte er, als er seine Jacke anzog. „Oder sollen wir getrennt fahren?“

Sie überlegte, bevor sie antwortete. Wenn sie in einem Auto fuhren, hieß das, sie mussten beide heute Abend wieder zum Blockhaus zurückfahren. Wenn sie getrennt fuhren, könnte Joey alleine nach Hause kommen und Chris zu sich fahren. Getrennt zu fahren wäre sinnvoll. Gemeinsam zu fahren machte es zu einem Date. Chris hatte es ihr überlassen, wie ein Gentleman. Das gefiel ihr.

„Deinen Truck“, sagte sie.

„Er ist aber ein bisschen unordentlich, sei gewarnt.“

„Damit komme ich klar.“ Sie öffnete die Vordertür und bekam sofort einen eisigen Regenschauer ins Gesicht.

Sie trat zurück ins Haus und schloss die Tür.

Sie wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und sah Chris an.

„Schönes Wetter haben wir“, meinte er. „Nicht wahr?“

3. KAPITEL

Sie blieben doch in der Blockhütte und aßen da. Chris hatte auf Dillons Wunsch hin den Kühlschrank gefüllt.

Joey bereitete einen Salat zu, während Chris ein Hähnchen auf den Grill legte. Beim Essen zeigte Joey Chris auf ihrem Handy Bilder vom Strand und ihrem letzten Ausflug zur Walbeobachtung. Sie und Ben waren auf keinem der Fotos zusammen zu sehen. Er hatte ihr erzählt, er sei kamerascheu. Noch ein Warnsignal, das sie ignoriert hatte.

Dann zog Chris sein Handy hervor und zeigte ihr Fotos von den Blockhäusern, die er renoviert hatte.

„Wie viel hast du für all das hier berechnet, Dillon?“, wollte sie wissen. Jetzt, nachdem Chris die Hütte so schön hergerichtet hatte, war Joey beinahe versucht, sie Dillon abzukaufen. Obwohl sie sich das nach der Renovierung vermutlich nicht mehr leisten konnte.

„Ich habe ihm einen Freundschaftsrabatt gegeben. Es waren innen ungefähr fünftausend. Außen nochmal fünf.“

„Das ist nicht viel für so eine Rundumerneuerung.“

„Man kann erst gute Geschäfte machen, wenn man weiß, was man tut.“

„Und du weißt definitiv, was du tust.“

„Ja, jetzt schon.“ Er schien ein Lächeln zu verbergen. Warum? Stolz? Freude über ihr Kompliment? Das Gefühl, ein Date zu haben?

„Will Dillon die Hütte verkaufen?“

„Hat er das gesagt?“

„Nein. Nur eine Vermutung. Ich weiß, dass Oscar nicht der Typ fürs Leben in den Bergen ist. Er hasst die Natur. Er nimmt es sogar als Kompliment, wenn jemand sagt, Homosexualität sei unnatürlich, weil die Natur in seinen Augen so schrecklich ist.“ Chris lachte. „Schön, dass du Oscar endlich kennenlernst. Er ist toll. Du wirst ihn mögen.“

„Also verkaufen sie sie?“

„Nein. Sie wollen sie vermieten. Er hat mich gebeten, zu renovieren, und mir ein Limit von zehntausend Dollar gegeben. Ich habe jeden Penny verwendet.“

„Er kann es sich leisten“, meinte sie. Dillon verdiente mit seiner Anwaltskanzlei jährlich einen sechsstelligen Betrag, und Oscar war einige Jahre älter und dank seines Jobs bei einer Investmentbank wohlhabend. Joey gönnte Dillon seinen Erfolg, beneidete ihn aber nicht um die Arbeitsstunden. Sie zog ihre Vierzig-Stunden-Woche mit freien Abenden und Wochenenden vor, die sie genießen konnte. Und sie hatte sie genossen. Bis sie Bens Frau getroffen hatte. Aber den heutigen Abend … den genoss sie.

„Warum bist du zurückgekommen?“

„Mein Bruder heiratet? Ich finde, das ist ein ziemlich guter Grund.“

„Nein, du meintest doch, du hättest den Flug geändert und bist früher nach Hause geflogen. Du hattest einen seltsamen Gesichtsausdruck, als du es gesagt hast.“

„Oh, das.“ Sie lehnte sich zurück. „Für ein paar Tage war ich in L. A. Ich hatte dort Pläne einen Freund betreffend, aber es hat sich etwas geändert. Also bin ich einen Tag früher nach Hause gekommen.“

„Du hast ‚nach Hause‘ gesagt.“

„Bitte?“

„Du hast Oregon dein Zuhause genannt. Dass du einen Tag früher nach Hause gekommen bist. Siehst du Oregon immer noch als deine Heimat?“

„Ja, schließlich bin ich hier aufgewachsen.“

„Ist Hawaii auch dein Zuhause?“

„Ich denke nicht. Wenn ich irgendwo bin und die Leute mich fragen, woher ich komme, sage ich immer noch Oregon. Also würde ich Oregon schon noch als meine Heimat bezeichnen. Und ich bin froh, dass ich herkommen konnte, nachdem … du weißt schon, meine Pläne sich geändert haben. Ich fühle mich schon besser, weil ich wieder da bin.“

„Tut mir leid, dass das mit deinem Freund nicht geklappt hat.“

„Schon gut. Es ist besser so. Entschuldigst du mich?“

Joey legte ihre Serviette hin und ging zur Toilette. Sie musste ein paar tiefe Atemzüge nehmen, um sich zu beruhigen. Sich bei Kira auszuweinen und mit Chris ein Zimmer zu streichen konnte ihre Welt nicht sofort wieder in Ordnung bringen. Aber weinen wollte sie nicht. Ben verdiente ihre Tränen nicht.

In der Küche hörte sie den unverkennbaren Rufton ihres Handys: Jedes Mal, wenn sie eine SMS erhielt, erklang ein anerkennender Pfiff.

„Das ist Dillon“, rief sie durch die Tür. „Was will er?“

„Er will wissen, ob ich dich schon gevögelt habe.“

„Oh, Mist …“ Joey vergrub ihr Gesicht in den Händen, holte tief Luft und spähte zur Toilettentür hinaus.

„Die SMS war nicht von Dillon“, erklärte sie.

Chris sah sie belustigt an – Gott sei Dank.

„Höchstens wenn du ihn unter ‚Kira‘ gespeichert hast. Ich wusste nicht, dass ich dich vögeln soll.“

„Ähm, ich muss dir etwas erzählen.“

„Bevor oder nachdem ich mit dir geschlafen habe?“

Sie verzog das Gesicht. „Süß. Es ist so.“

„Was hältst du von Löffelchen? Ich bin sehr dafür, solange ich der große Löffel sein darf.“

„Jetzt weiß ich wieder, warum ich auf der Highschool nicht in dich verknallt war.“

Er lachte. Das war gut. Besser, als aufzustehen und zu gehen, bevor sie alles erklären konnte.

„Ich habe erwähnt, dass ich Pläne mit einem Freund in L. A. hatte? Nun … ich habe einen Freund. Hatte einen Freund. Zumindest dachte ich, er wäre mein Freund.“

„Aber? Was war er denn?“

„Ein Ehemann.“

„Er war dein Ehemann?“

„Nein. Er war nicht mein Ehemann. Das ist das Problem. Ben arbeitet bei Oahu Air. Er ist dort einer der Abteilungsleiter. Zum Glück nicht in meiner Abteilung. Er pendelt von L. A. aus. Immer ein paar Wochen in Honolulu, ein paar Wochen in L. A. Er behauptete, er hasst L. A., und ich habe es geglaubt, aber ich mag L. A., also wollte ich ihn dort besuchen. Als Überraschung. Eigentlich eine schöne Überraschung. Aber nein … Es war keine schöne Überraschung.“

„Was ist passiert?“

„Ich bin zu seinem Haus gefahren, habe geklingelt, und seine Frau hat die Tür geöffnet.“

„Mist.“

„Dachte ich auch. Zwei Jahre. Wir waren zwei Jahre lang zusammen. Niemand in Honolulu wusste, dass er verheiratet ist. Er hat es geheim gehalten. Vermutlich damit er auf Hawaii eine Affäre haben konnte. Was ja geklappt hat.“ Sie holte zitternd Luft. „Also kannst du dir vorstellen, dass ich mir ziemlich dumm vorkomme.“

„Du solltest dich nicht dumm fühlen. Klingt, als würde er das Spiel perfekt beherrschen.“

„Niemand ahnte etwas. Nicht mal meine Freundin Kira, die seit einiger Zeit mit ihm im Büro in L. A. arbeitet. Er erzählt in der Firma nichts von seiner Familie. Na ja, wie auch immer … Kira meint, der beste Weg, über einen Mann hinwegzukommen, ist, unter einem anderen zu liegen.“

„Das klingt nach einer guten Theorie.“

„Als ich herkam, habe ich mit ihr telefoniert. Und ich habe ihr gesagt, du wärst süß, und sie meinte, ich soll mit dir schlafen. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Aber darin ist sie nicht besonders gut. Wie du gesehen hast. Es tut mir leid. Das war peinlich.“

„Du hast eine schlimme Woche hinter dir. Ist schon gut.“

„Weißt du, Dillon hat Ben nie gemocht. Ich dachte, es liegt daran, dass Dillon ihn nie kennengelernt hat. Ben wollte nie mit mir nach Hause kommen. Er wollte mich immer nur in Honolulu sehen. Dillon muss gespürt haben, dass etwas nicht stimmt. Das hätte mir eine Warnung sein müssen. Ich hätte es auch ahnen müssen.“

„Erinnerst du dich, was du gesagt hast, als Cassie mich im letzten Schuljahr abserviert hat? Ich habe mich danach viel besser gefühlt.“

„Was habe ich gesagt?“

„Du hast gesagt: ‚Vergiss es. Willst du mit uns Batman Begins anschauen?‘“

„Das war es? Das waren die großen Worte, die ich gesagt habe?“

„Es waren keine großen Worte. Es waren kleine Worte. Ich habe mich wieder normal gefühlt, weil ich mit dir und Dillon einen Film angesehen habe. Es hat mir gezeigt, dass das Leben weitergeht, und das ist etwas Gutes.“

„Also meinst du, wir sollten einen Batman-Film ansehen?“

„Nein.“

„Was denn?“, fragte sie.

Er stellte sein Glas Wein ab und schob ihre Teller aus dem Weg.

Dann lehnte er sich vor und küsste sie sanft auf die Lippen.

Joeys Augen weiteten sich, als er sich zurückzog.

„Ich hätte vorher um Erlaubnis fragen sollen“, meinte er.

„Hiermit erteilt.“

„Aber ich habe es ja schon gemacht.“

„Du darfst auch nochmal.“

Chris lehnte sich wieder vor und küsste sie erneut. Als der Kuss vorbei war, konnte Joey wieder lächeln.

„Und nochmal.“

„Bist du sicher? Das ist ein bisschen seltsam.“

„Seltsam? Warum?“

„Weil ich das schon vor zehn Jahren tun wollte. Und dann habe ich etwa neun Jahre und sechs Monate nicht daran gedacht. Und jetzt … tue ich es. Mein Highschool-Ich flippt aus.“

„Was ist mit dem erwachsenen Du?“

„Das flippt auch aus. Aber ist dabei viel cooler. So cool, du merkst es nicht einmal.“

„Ich merke es.“

„Wie?“ Seine Augenwinkel bildeten kleine Fältchen, wenn er lächelte.

„Hmm, vielleicht habe ich nur von mir auf dich geschlossen. Ich flippe nämlich auch gerade aus.“

„Du bist noch schöner als auf der Highschool, und damals warst du perfekt.“

„Du bist auch schöner als auf der Highschool.“

„Und?“

„Und …“

„Ich sah auf der Highschool nicht perfekt aus?“

„Du hattest eine Geldbeutelkette.“

„Also gab es Potential für Verbesserungen.“

„Da hat sich einiges getan. Definitiv.“ Sie beugte sich vor und küsste ihn. Sanft, aber deutlich spürbar vertiefte Chris den Kuss.

Der erste Kuss war vorsichtig und süß gewesen, der zweite spielerisch, und dieser dritte … dieser dritte Kuss war etwas vollkommen anderes.

Ihr Ex hatte keinen Bart gehabt. Und wenn sie so nachdachte, hatte Joey eigentlich noch nie einen Mann mit einem echten Bart geküsst. Sie beschloss sehr schnell, dass es ihr gefiel. Chris’ Barthaar kitzelte ihre Oberlippe und ihr Kinn, während er sie sanft auf den Mund küsste. Und als das Kitzeln zu viel wurde, öffnete Joey ihren Mund, sodass Chris seine Zunge hineingleiten lassen konnte.

Nun war es offiziell ein richtiger Kuss. Sie umfasste sein Gesicht und streichelte sanft sein Kinn und seine Wange mit den Daumen, als sie den Kuss vertiefte. Chris gab einen kleinen Laut von sich, einen Laut voller Lust.

Sie wollte ihn immer wieder hören.

Joey konnte gar nicht glauben, dass sie Chris küsste. Nicht so sehr, weil es Chris war, sondern weil er nicht Ben war. Kira hatte ihr gesagt, die schnellste Art, über einen Kerl hinwegzukommen, war, unter einem anderen zu liegen, aber das war Kiras Lebensweise, nicht ihre. Joey war auf der Highschool mit niemandem gegangen und hatte auf dem College auch nur einen Freund gehabt. Sie hatte noch nie einen One-Night-Stand gehabt, ging nie Risiken wie dieses ein. Es war nicht ihre Art, Menschen zu küssen, die bis vor zwei Stunden praktisch noch Fremde gewesen waren. Ganz zu schweigen von mehr als küssen.

Aber Chris war kein Fremder. Chris Steffensen hatte mit ihr zusammen ihren Bruder von einem Klassenraum zum nächsten begleitet, als das Mobbing am schlimmsten gewesen war. Dillon hatte diese schreckliche Zeit hinter sich gelassen und war in New York aufs College gegangen. Währenddessen hatte Chris angefangen zu arbeiten, und Joey hatte seither nicht mehr oft an ihn gedacht.

„Ich wünschte, wir hätten uns nach der Schule nicht aus den Augen verloren“, sagte sie an seinen Lippen.

„Das hat den Vorteil, dass man ein Wiedersehen feiern kann, wenn man sich wieder etwas näherkommt.“

Sie lächelte an seinen Lippen und berührte wieder sein Gesicht. „Ich glaube, ich komme dir sehr nahe.“

Den Tisch zwischen sich, konnten sie nicht mehr tun, als sich zu küssen. Also hatten sie die Wahl: beim Küssen zu bleiben oder sich einen bequemeren Platz zu suchen.

„Willst du irgendwohin gehen, wo es bequemer ist?“, fragte Chris.

„Du kannst wohl Gedanken lesen. Wohin sollen wir gehen?“

„Ich dachte an die Couch.“

„Aber das neue Bett muss ja noch eingeweiht werden.“

Chris sah sie an. „Du meinst …“

„Wir schauen einfach mal, wohin es führt. Oder wir können Batman Begins ausleihen. Aber was wir auch tun, ich bin sicher, das Bett ist bequemer als die Couch.“

„Okay. Dann geh voraus.“

Joey zitterte vor Nervosität und Aufregung, als sie die Treppe hinaufging.

Oben drängte Chris sie sanft gegen die Wand und küsste sie wieder. Nicht zu leidenschaftlich, aber so leidenschaftlich, dass sie mehr wollte. Er war ein strategischer Küsser – er wusste, wie er sie dazu brachte, mehr zu wollen.

„Du warst der Erste, der mich geküsst hat“, sagte sie.

„Das weißt du noch?“

Atemlos nickte sie. „Ich hatte es beinahe vergessen. Es war hier.“

„Am Lagerfeuer draußen“, korrigierte er sie.

„Mom und Dad sind essen gegangen und haben uns drei alleine gelassen.“

„Wir haben die Hausbar geplündert“, erinnerte er sich. „Das war eine schlechte Idee.“

„Wie bitte? Es war genial: Im betrunkenen Zustand gegrillte Marshmallows mit Schokolade zwischen Kekse zu pappen war das Lustigste, was ich je gemacht habe.“

„Und wegen der S’mores hattest du dann Schokolade auf deinen Lippen“, meinte er. „Du wolltest, dass ich sie wegmache.“

„Wo war eigentlich Dillon?“

„Im Wald, pinkeln.“

„Richtig. Er hat sich verlaufen und kam erst nach einer Stunde zurück.“

Sie war vierzehn gewesen, Chris sechzehn und Dillon siebzehn. Der Jack Daniels, den sie getrunken hatten, ließ alles undeutlich werden und machte Chris zehn Mal redseliger als gewöhnlich. Er hatte ihr schlechte schmutzige Witze erzählt. An einen erinnerte Joey sich genau: Drei Kerle teilen sich ein Bett, und am nächsten Morgen erzählt der Typ rechts: „Ich habe geträumt, jemand hat mir einen runtergeholt“, und der ganz links meint: „Verrückt, ich habe auch geträumt, mir hätte jemand einen runtergeholt“, und der Kerl in der Mitte sagt: „Seltsam. Ich habe geträumt, ich bin beim Skifahren.“

Joey hatte sich vor Lachen gebogen und sich dabei aus Versehen Schokolade von ihrem Marshmallowsandwich auf die Lippen geschmiert. Und sie hatte Chris gesagt, er müsse ihr helfen, sie wieder zu entfernen, weil ihr Lachanfall seine Schuld gewesen war. Sie hatte eine Serviette, ein Handtuch oder Ähnliches erwartet – etwas, mit dem sie sich säubern konnte.

Stattdessen hatte er sie geküsst. Nicht geküsst, abgeleckt. Er hatte über ihre Lippen geleckt, und das war schnell zu einem Kuss, ihrem ersten richtigen Kuss, geworden. Doch bevor mehr passieren konnte, war Dillon zurückgekommen. In dem Moment hatte sie ihren Bruder gehasst, denn bis zu diesem Augenblick in ihrem jungen Leben hatte sie nicht gewusst, dass eine männliche Zunge in ihrem Mund das Wunderbarste war, das sie jemals gespürt hatte.

„Ich denke immer noch an dich, wenn ich S’mores esse“, meinte er. „Ist das seltsam?“

„Und ich denke jedes Mal an dich, wenn Nirvana im Radio läuft.“

„Das ist das Sexyste, das je eine Frau zu mir gesagt hat.“

Er küsste sie, bevor sie lachen konnte, und dann wollte sie nicht mehr lachen. Sie wollte ihn nur noch küssen, ewig küssen. Er küsste wunderbar, und sie gewöhnte sich rasch an das Kitzeln seines Barts auf ihren Lippen, ihrem Kinn und ihren Wangen.

Und ganz tief drinnen lachte sie sich ins Fäustchen bei der Vorstellung, dass Ben durchdrehen würde, wenn er wüsste, was sie gerade tat. Er war immer eifersüchtig gewesen, was sie anfangs schmeichelhaft gefunden hatte, was sie aber im Laufe der letzten paar Monate als zunehmend ärgerlich empfunden hatte. Sie hatte ihm nie einen Grund zur Eifersucht gegeben. Jetzt wusste sie, dass er seine eigene Untreue auf sie projiziert hatte, um seine Schuldgefühle zu verdrängen.

Sie ließ kurz von Chris ab, um die Schlafzimmertür zu öffnen. Er machte kurz Licht, um die Nachttischlampe einzuschalten, dann war die Deckenbeleuchtung wieder aus. Im Zimmer war es kühl, und während Chris ein paar Holzscheite in den Kaminofen legte und ein Feuer entfachte, wartete Joey auf dem Bett sitzend.

Bald durchflutete Wärme den Raum, die vielleicht vom Kamin kam oder auch davon, dass Chris sein Hemd auszog. Nicht das T-Shirt, noch nicht. Nur das Flanellhemd, das er darüber trug. Aber der Anblick seiner starken Arme genügte, um Joey die Hitze in die Wangen steigen zu lassen. Außerdem kam Chris aufs Bett zu.

„Du bist echt zu sexy“, meinte sie, als er vor ihr stand.

„Wie bitte?“

Sie legte die Hände auf seine Hüften, ließ sie unter sein weißes T-Shirt gleiten und spürte seinen festen, flachen Bauch.

„Willst du nicht deinen Pulli ausziehen?“

„Das ist nicht fair. Ich trage darunter nur einen BH, und du hattest drei Schichten an.“

Chris seufzte. Dann zog er sein T-Shirt aus. „Besser?“

Sie starrte auf seine Brust, seine nackten Schultern und seinen Bauch. Er war ein Mann, der hart arbeitete, und man sah es seinem Körper an.

„Viel besser.“

Chris ergriff ihren Pullover. Sie hob die Arme und ließ sich ausziehen, und er warf den Pulli zu seinem Flanellhemd und T-Shirt auf den Boden.

Dann beugte er sich über sie und küsste sie erneut. Zentimeter für Zentimeter brachte er sie dazu, sich hinzulegen, und kniete sich über sie. Während er ihre Lippen, ihren Hals und ihre Brust liebkoste, weigerte sich Joey, passiv zu sein: Mit der rechten Hand umfasste sie seinen Nacken, mit der linken streichelte sie ihn überall. Er war schlank, beinahe dünn, trotz seiner massiven Muskeln, und wenn sie mit der Hand über seinen Rücken strich, konnte sie die Ränder seine Schulterblätter ertasten. Es war ein Genuss, seine warme Haut zu spüren, seinen breiten, starken Rücken zu erforschen. Zu mehr war sie auch nicht mehr in der Lage. Chris küsste ihren Hals, und sein Bart kitzelte die zarte Haut unter ihrem Ohr. Es war ein so wahnwitzig gutes Gefühl, dass sie nicht mehr denken konnte.

„Du fühlst dich wunderbar an“, flüsterte er. „Und du duftest wunderbar.“

„Wonach denn?“

„Wie auf der Highschool. Wie Kekse.“

Sie lachte leise. „Das ist mein Parfum. Es duftet nach Vanille.“

„Du riechst so gut – ich könnte dich auf der Stelle vernaschen … Das war schon immer so. Ich will dich kosten.“

„Willst du das …? Hmm, so leicht kriegst du mich nicht! Ich werde jedenfalls nicht betteln.“

Seine Augenwinkel bildeten kleine Fältchen, als er grinste. „Doch, sag es. Du willst es doch. Ich weiß es genau.“

„Oh Mann … nein …“

„Hmm, dann nicht.“

„Okay. Vernasch mich“, erwiderte sie.

„Wenn du dich benimmst.“

Nun hob sie eine Braue. „Wenn ich mich benehme? Wie soll ich mich denn benehmen?“

Chris küsste sich einen Weg zu ihrem Ohr und flüsterte: „Schlecht.“

Joey erschauerte, als sie seinen heißen Atem auf ihrer Haut spürte.

Vorsichtig senkte er sich über sie, seine Hüften an ihren, seine nackte Brust an ihrer. So viel warme Haut, so viel Körperwärme, so viel männliches Gewicht auf ihr …

Als sie auf Kiras Couch geweint hatte, hatte sie sich darüber beklagt, wie sehr sie den Sex vermissen würde. Sie mochte Sex, brauchte ihn, wollte ihn, wenn sie ihn bekommen konnte, und wollte ihn noch mehr, wenn sie ihn nicht bekommen konnte. Sie hatte sich gefragt, wie lange es dauern würde, bis sie sich von dieser Trennung erholt hatte und sich wieder verabredete und anfing, Sex zu haben. Nun … offensichtlich brauchte sie nur ein paar Tage. Bei dem Gedanken hätte sie gelacht, aber sie hatte Chris’ Zunge in ihrem Mund, und sie wollte sie dort behalten.

Joey fuhr mit den Händen Chris’ Arme hinauf und rieb seine Schultern. Sie massierte seine Muskeln, während sie sich küssten, denn sie hatte schnell entdeckt, dass Chris dann ein wunderbares, leises Stöhnen von sich gab und seine Hüften so fest gegen ihre presste, dass sie seine Erregung spüren konnte.

Chris stützte sich auf, um ihr die Träger ihres BHs über die Schultern zu streifen. Dann küsste er ihren Hals und ihre Arme und ihre Brust, um sie zu reizen, und es funktionierte. Und wie es funktionierte. Joey hätte ihn am liebsten angebettelt, ihr den BH ganz auszuziehen. Doch er intensivierte das neckende Vorspiel, indem er ihre eine Brust umfasste und sie sanft streichelte. Sogar durch die Seide konnte sie seine Hitze spüren. Sie bäumte sich seiner Hand entgegen, wollte mehr. Er senkte seinen Mund auf ihre Brust und küsste ihre Nippel durch den BH. Sie wurden sofort hart, und das Geräusch, das Joey von sich gab, als er darüberleckte, hätte ihr peinlich sein müssen, so hungrig klang es. Aber sie hatte sich gestattet, heute Abend etwas zu tun, was sie für gewöhnlich nicht tat: sich auf einen One-Night-Stand mit einem alten Freund einzulassen, nur um sich besser zu fühlen und Ben für eine Weile zu vergessen. Chris wusste, dass es darum ging, also warum nicht? Es war doch gerechtfertigt, eine Nacht miteinander zu verbringen, wenn sich beide dadurch gut fühlten.

„Du bist gut darin, mich heiß zu machen“, sagte sie.

„Ja?“ Er liebkoste das Tal zwischen ihren Brüsten.

„Du machst das so schön langsam.“

„Ja, so mag ich es. Wenn ich mich beeile, ist es zu schnell vorbei.“

„Du könntest auch schnell machen – und dann eben zwei Mal.“

„Oh, du bist ein böses Mädchen …“

„Das wolltest du doch.“

„Ich weiß.“ Er hob den Kopf und grinste sie an. Es war ein verruchtes Grinsen, das Joeys Temperatur nach oben schießen ließ. „Das war ein Kompliment.“

Er belohnte sie für ihr schlechtes Betragen, indem er das eine Körbchen ihres BHs hinunterschob. Die kühle Luft auf ihrer nackten Brust brachte sie zum Erschauern. Chris leckte sanft über ihre harte Brustwarze. Sie vergrub die Hand in seinem Haar und drückte seinen Mund ganz an sich, sodass er sie mit seinen Lippen bedeckte. Chris ging auf ihren Wunsch ein, saugte sanft und dann fester – und dann so fest, dass sie aufkeuchte.

Er küsste sie auf den Mund und umschloss ihre Brust zuerst zärtlich mit seiner Hand. Dann trieb er sein Spiel weiter, zwickte sie und zog sanft an ihrem Nippel, rollte ihn zwischen seinen Fingern. Joey stöhnte, konnte kaum noch atmen konnte oder vergaß es schlicht.

„Du musst mich morgen Früh an etwas erinnern“, flüsterte sie.

„Woran?“

„Dass ich Kira anrufe und ihr bestätige, dass sie ein Genie ist.“

4. KAPITEL

Chris senkte erneut den Kopf und schenkte ihrer anderen Brust jetzt seine Aufmerksamkeit. Er küsste, saugte, leckte … Joey konnte sich kaum bremsen und hob ihm unwillkürlich die Hüften entgegen. Ihre Erregung war überwältigend und intensiv. Am ganzen Körper spürte sie, was er mit ihr machte.

Natürlich waren da auch Nervosität und Adrenalin, einfach weil sie nach zwei Jahren mit einem neuen Mann schlief. Es fühlte sich fast so an, als würde sie Ben betrügen, obwohl sie es nicht tat. Sie hatten nicht ausgesprochen, dass sie sich trennten, aber Joey hatte ihm nichts mehr zu sagen, seit sie von seiner Ehe erfahren hatte. In ihren Augen war durch seine Lügen ihre Beziehung null und nichtig. Aber wenn sie Ben so gut kannte, wie sie glaubte, dann würde er sich entschuldigen und versuchen, sie zurückzugewinnen. Er sah sie wahrscheinlich nach wie vor als seine Freundin, und wenn er wüsste, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war, würde er wahnsinnig werden. Joey reizte der Gedanke, ihn anzurufen und ihm zu erzählen, was sie gerade tat. Und böse zu lachen.

„Mehr“, flüsterte sie, als Chris sanft in ihre Brustwarze biss. Sie ließ ihre Hände von seinem Nacken zu seinem unteren Rücken gleiten. „Mehr hiervon.“ Vielsagend drückte sie ihm ihr Becken entgegen.

„Bettelst du um Sex?“

„Noch nicht.“

„Hmm, solltest du vielleicht. Es würde sich lohnen.“

„Mir scheint, du leidest an Selbstüberschätzung. Sieht dir eigentlich gar nicht ähnlich.“

„Selbstüberschätzung?“

Sie lächelte.

Er erhob sich von ihr, kniete über ihren Hüften und öffnete seine Jeans. Er schob sie und seine schwarzen Boxershorts über seine Schenkel hinunter.

„Okay“, gab sie atemlos zu. „Du bist einfach nur Realist.“ Als er seine Jeans wieder nach oben ziehen wollte – er wollte noch einige andere Dinge tun –, umfasste sie seine Handgelenke.

„Nicht“, sagte sie.

Er schwieg, grinste und sah sie an. „Bitte nicht? Bitte, bitte?“

„Du kannst ganz gut betteln.“

„Gut genug, damit du dich ausziehst?“

„Nicht ganz.“ Chris umfasste ihre Brüste, drückte sie sanft und massierte sie. „Oder doch?“

Sie konnte es kaum glauben. Das war Chris Steffensen? Wie war dieser schüchterne, ruhige Teenager zu diesem starken, selbstbewussten, gutaussehenden Mann geworden? Sie könnte sich daran gewöhnen, mit einem Mann wie ihm zusammen zu sein.

„Bitte zieh dich aus“, bat sie. „Ganz. Ich möchte dich sehen. Wenn der Rest von dir so umwerfend ist wie das, was ich schon gesehen habe, werde ich heute Nacht die glücklichste Frau der Welt sein. Und nach diesen letzten Tagen hab ich das auch verdient, finde ich. Und … dein Penis ist unglaublich sexy … Ich will ihn an mir und in mir spüren. Sag Bescheid, wenn ich mir das erst verdienen muss.“

„Bescheid.“

„Mann, bist du arrogant.“

„Ja, bin ich. Also: Warum ist mein Schwanz nicht in deinem Mund? Ich hätte schwören können, es ist Blowjobzeit.“

„Wie spät ist es?“, wollte sie wissen.

Er sah auf die Uhr über dem Kaminofen. „Viertel nach zehn.“

„Oh, ich hab die Blowjobzeit verpasst“, erwiderte sie. „Gestatte mir, das wiedergutzumachen.“

„Taten zählen mehr als Worte.“

„Willst du dich hinlegen?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein?“

„Deine Freundin hatte schon recht: Die beste Methode, um über einen Mann hinwegzukommen ist, unter einem anderen zu liegen.“

„Ich weiß nicht, ob sie das wörtlich gemeint hat.“

„Ich nehme es wörtlich. Bleib liegen. Ich komme zu dir.“

„Und in mir?“

„Noch nicht. Aber vielleicht später.“

„Wenn ich schön unanständig bin?“

„Du lernst schnell.“

Sie legte sich wieder auf den Rücken. Chris stand kurz auf, um sich auszuziehen. Dann kroch er lächelnd über sie, nahm ihre beiden Handgelenke und hielt sie über ihrem Kopf auf dem Bett fest. Joey lag da, keuchend, erregt und auf die beste Weise ängstlich – so wie bei Menschen, die sich absichtlich der Gefahr aussetzen, indem sie Fallschirmspringen oder Paragleiten. Aber es fühlte sich auch sicher an, wie auf einer stabilen Achterbahn. Es war der kontrollierte Kick. Chris war kein Fremder, auch wenn er sich so benahm. Sie kannte ihn, seit sie zwölf war, und es fiel kaum ins Gewicht, dass ihre Freundschaft Jahre zurücklag. Chris war einer der Guten. Dillon hatte dank ihm die Highschool überlebt.

Autor

Tiffany Reisz
Tiffany Reisz ist DIE Newcomerin der erotischen Literatur und begeistert mit ihrer Serie rund um die Erotikautorin Nora Sutherlin Leser auf der ganzen Welt. Reisz lebt zusammen mitihrem Lebensgefährten und zwei Katzen in Lexington, Kentucky. Ihr Studium der Anglistik absolvierte sie am Centre College Danville und veröffentlicht seitdem unter ihrem...
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