Nur du und ich für immer

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Drei Dates – mehr nicht! Die hübsche Hebamme Sophia ist spontan einverstanden, als Aiden ihr beim Candle-Light-Dinner seine Bedingung nennt. Denn wenn sie den sexy Sanitäter zu oft trifft, entdeckt er noch ihr Geheimnis. Und dann würde er sie sowieso verlassen, oder?


  • Erscheinungstag 15.05.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751506786
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Die Herztöne des Babys hatten sich stark verlangsamt, und Sophia wusste, dass ihre Entscheidung sicher nicht gut ankommen würde.

„Es tut mir leid“, sagte sie zu ihrer Patientin. „Aber ich bin nicht glücklich damit, wie die Dinge sich entwickeln. Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen.“

„Nein!“ Claire Robinson wollte bei ihrem ersten Kind unbedingt eine Hausgeburt erleben. „Du hast gesagt, der Muttermund ist fast vollständig geöffnet. Dann kann es doch nicht mehr lange dauern.“

„Du bist erschöpft. Jede Wehe wird schwerer für dich, und die Geburt gerät ins Stocken.“ Sophia hielt das kleine Doppler-Ultraschallgerät an Claires Unterleib. „Kannst du hören, wie langsam der Herzschlag des Babys geworden ist? Das bedeutet, dass es sich nicht wohlfühlt.“

„Was heißt das?“ Greg, Claires Mann, wirkte blass und besorgt. „Ist das Baby in Gefahr? Oder Claire?“

„Nein“, versicherte Sophia schnell. „Aber genau das möchte ich eben vermeiden. Die Wehen sind nicht ganz so verlaufen, wie es sein sollte.“ Ihr Gefühl sagte ihr, dass hier irgendetwas nicht stimmte. „Ich rufe mal an, um zu schauen, wie weit der nächste Krankenwagen entfernt ist.“

Die Notrufzentrale meldete sich sofort.

„Mein Name ist Sophia Toulson. Ich bin Hebamme bei der Geburtshilfe-Abteilung im Melbourne Victoria. Ich befinde mich gerade bei einer geplanten Hausgeburt.“ Um das junge Paar nicht zu beunruhigen, ging sie ein paar Schritte zur Seite, ehe sie mit gedämpfter Stimme die Adresse nannte und ihre Befürchtungen äußerte.

„Bis ein Krankenwagen bei Ihnen ist, dauert es etwa fünfzehn Minuten“, erklärte die Frau in der Zentrale. „Aber wir haben einen Motorrad-Notfallsanitäter ganz in Ihrer Nähe.“

„Ich denke, wir brauchen bloß einen Transport. Es ist kein Notfall.“ Dennoch zögerte Sophia. Eine erschöpfte Erstgebärende und eine stockende Geburt. Das konnte durchaus zu einem Notfall werden.

Als sie auflegte, meinte Claire verzweifelt: „Tu einfach das, was nötig ist.“ Sie begann zu weinen. „Das Baby soll nicht im Krankenhaus zur Welt kommen.“

„Ich weiß.“ Sophia strich ihr das feuchte Haar aus der Stirn.

Greg saß auf dem Bett, die Arme um seine Frau gelegt. Sophia sah erst ihn und dann Claire an. „Aber meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es dir und dem Baby gut geht. Das Wichtigste ist doch, dass du schließlich ein gesundes Baby im Arm hältst. Es wird deine Freude nicht verringern, egal, wo die Geburt stattfindet. Das verspreche ich dir.“

Eine Freude, die Sophia selbst niemals erfahren würde. Doch sie konnte sie mit anderen teilen. Genau deshalb hatte sie sich für diesen Beruf entschieden, den sie aus tiefstem Herzen liebte.

„Das ist alles, was ich will.“ Gregs Stimme klang brüchig. „Dass ihr beide gesund seid. Wir haben immer gesagt, wir gehen ins Krankenhaus, sobald es Probleme gibt und wir uns Sorgen machen.“

„Aber ich mach mir gar keine Sorgen. Ich bin bloß schrecklich müde. Ooohh.“ Claires Gesicht verzog sich vor Schmerz.

„Wieder eine Wehe?“ Sophia gab ihr das Mundstück für die Lachgas-Sauerstoff-Mischung. „Hier. Tief einatmen.“

An der Wohnungstür ertönte ein lautes Klopfen, und sie war verblüfft. So schnell konnte der Krankenwagen doch noch gar nicht da sein.

„Soll ich hingehen?“, fragte Greg.

Claire spuckte das Mundstück aus. „Nein, lass mich nicht allein! Ahhh …“

Auch Sophia blieb, wo sie war. Die Wehe brachte eine Menge Flüssigkeit mit sich. Die Fruchtblase war also endlich geplatzt, und der Geburtsvorgang ging weiter. Allerdings fühlte Sophia sich keineswegs erleichtert. Im Gegenteil.

Die Flüssigkeit enthielt Mekonium, ein Anzeichen dafür, dass es bei dem Kind Probleme gab. Sophia erschrak, denn ein Teil der Nabelschnur war zu sehen.

„Guten Tag“, hörte sie hinter sich eine tiefe, volle Männerstimme. „Ich bin einfach reingekommen. Ich hoffe, das ist okay.“

Sie schaute auf. Der Mann trug eine schwere Jacke mit einer Warnweste sowie einen Motorradhelm in den Farben Rot, Weiß und Blau des Melbourne-Rettungsdienstes mit der Aufschrift „Sanitäter“. Kinnbügel und Visier waren hochgeklappt, damit man sein Gesicht erkennen konnte. Aber Sophia merkte kaum, wie der Mann aussah. Sie war nur unendlich froh, professionelle Unterstützung zu bekommen, da diese Geburt tatsächlich gerade zu einem Notfall geworden war.

„Claire hatte gerade ihren Blasensprung“, sagte sie leise zu ihm. „Und wir haben einen Nabelschnurvorfall.“

„Was ist das?“ Greg beugte sich vor. „Was ist los? Und wer sind Sie?“

Der Sanitäter kam näher, wobei er den Helm abnahm. „Ich bin Aiden Harrison“, stellte er sich vor. „Und ich bin hier, um zu helfen.“ Er wandte sich an Sophia. „Andere Position?“

„Knie an die Brust“, antwortete sie. „Claire? Wie werden dich jetzt umdrehen. Ich möchte, dass du dich hinkniest, mit dem Po nach oben. Greg, können Sie ihr dabei helfen?“

„Was? Wieso?“, stieß Claire keuchend hervor. „Ich will mich nicht bewegen.“

„Wir haben hier ein kleines Problem, Leute.“ Der Sanitäter hatte seinen Helm und die Lederhandschuhe abgelegt, ebenso wie ein zusammengerolltes Ausrüstungspaket, das er mitgebracht hatte. Seine Stimme klang ruhig. „Ihr Baby hält sich leider nicht ganz an die Regeln, und ein Teil der Nabelschnur ist zuerst herausgekommen. Die müssen wir jetzt entlasten. Moment, ich helfe Ihnen.“

Sophia hielt das Ultraschall-Dopplergerät bereit, um erneut die Herztöne des Babys zu überprüfen.

Mit einem Blick auf seine Uhr hörte Aiden zu. „Achtundneunzig. Wie war der letzte Wert?“

„Hundertvierzig.“ Sophia streifte sich sterile Handschuhe über. Die Sauerstoffzufuhr des Kindes wurde abgeschnitten. „Ich werde versuchen, den Druck zu lockern.“

„Oh, mein Gott“, jammerte Claire. „Was ist denn los?“

„Du wirst meine Hand spüren, weil ich den Kopf des Babys zurückschiebe, um den Druck von der Nabelschnur zu nehmen“, antwortete Sophia.

Greg war weiß wie die Wand. „Wie soll sie ins Krankenhaus kommen, wenn sie in dieser Position bleiben muss?“ Er warf Aiden einen Blick zu. „Sie fahren ja nicht mal einen Krankenwagen, oder?“

„Nein, ich fahre Motorrad. So komme ich schneller dorthin, wo ich gebraucht werde.“ Aiden aktivierte das an seiner Schulter befestigte Funkgerät. „SPRINT eins an Basis. Wie weit entfernt ist der Krankenwagen?“

Alle konnten die Stimme der Frau am anderen Ende hören. „Müsste in weniger als zehn Minuten da sein.“

„Verstanden. Prioritätsstufe eins.“ Er nickte Greg zu. „Wir haben alles unter Kontrolle.“

„Es kommt wieder eine Wehe.“ Claire stöhnte. „Ooohhh. Ich möchte pressen.“

„Nein“, warnte Sophia. „Noch nicht.“

Als sie aufsah, begegnete sie Aidens Blick. „Die Nabelschnur pulsiert, und der Muttermund ist vollständig geöffnet.“

Er nickte verstehend. In einem Krankenhaus wäre eine Geburt mit einer Geburtszange der sicherste und schnellste Weg, das Baby herauszuholen. Indem Sophie mit zwei Fingern den Kopf des Babys zurückschob, schützte sie die Nabelschnur, sodass Sauerstoff- und Blutzufuhr gewährleistet blieben. Diese Hebamme wusste genau, wie gefährlich die Situation für das Kind war.

Vermutlich tat ihr bereits die Hand weh, obwohl man ihr nichts anmerkte. Ob sie das wirklich bis zum Krankenhaus durchhalten würde? Die andere Möglichkeit wäre, die Geburt zu beschleunigen.

Noch immer sah Sophia ihn an. „Sie ist erschöpft, weil sie schon lange in den Wehen liegt. Deshalb habe ich überhaupt nach einem Rettungswagen gerufen. Ich bin nicht sicher.“ Es war eine schwierige Entscheidung, aber es ging um das Leben des Babys.

Während sie den Sanitäter ansah, bemerkte sie seine hellbraunen Augen. Sie wirkten beruhigend und intelligent. Er wusste ebenso, was auf dem Spiel stand. Doch sein Blick hatte auch etwas Zuversichtliches. In den Augenwinkeln erschienen kleine Fältchen, fast als würde er lächeln.

Schließlich unterbrach er den Augenkontakt, hockte sich neben das Bett und sah Claire an, die den Kopf auf ihre zusammengeballten Fäuste gelegt hatte. „Wie müde sind Sie?“

„Sie ist total fertig“, antwortete Greg an ihrer Stelle. „Wir hätten nie gedacht, dass es so schwer sein würde.“

Aiden hielt Claires ängstlichen Blick fest. „Das Beste für Ihr Baby wäre es jetzt, so schnell wie möglich auf die Welt zu kommen“, erklärte er. „Wir können Sie dabei unterstützen, aber den größten Teil der Arbeit müssen Sie allein machen. Glauben Sie, dass Sie das schaffen?“

„Ich möchte pressen.“ Claires Stimme klang erstickt. „Aber ich habe Angst.“

„Wir sind bei Ihnen“, meinte Aiden beruhigend. „Sollen wir uns bei der nächsten Wehe noch einmal richtig anstrengen?“

„O…okay. Ich versuch’s.“

„Sehr gut.“ Er lächelte ihr zu, und die Mischung aus Anerkennung und Zuversicht in seinem Tonfall wirkte absolut motivierend.

Auch Sophia war genau wie Claire fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass es funktionierte. Es war die richtige Entscheidung.

Wer war dieser Ritter in glänzender Rüstung auf einem Motorrad, der genau in dem Moment auftauchte, als die Dinge plötzlich eine ungute Wendung nahmen? Dieser Sanitäter mit den freundlichen braunen Augen und dem sonnengebleichten, goldblonden Haar, wodurch er wie ein Surfer aussah.

Als sich kurz darauf die nächste Wehe ankündigte, drehten sie Claire gemeinsam wieder auf den Rücken, und Sophia löste ihre Finger vom Köpfchen des Babys. Jetzt musste es schnell gehen. Daher taten Sophia, Aiden und Greg ihr Bestes, um Claire zu ermutigen, all ihre Kräfte zu mobilisieren.

„Sie schaffen das“, ermunterte Aiden sie. „Pressen, pressen, pressen. Weiter so. Pressen.“

„Das Köpfchen ist zu sehen“, berichtete Sophia. „Immer weiter, Claire.“

„Sie machen das toll“, sagte Aiden. „Aber nicht aufhören. Wir können nicht auf noch eine weitere Wehe warten. Es geht jetzt um alles. Pressen.

„Ich kann nicht …“, stöhnte Claire gequält.

„Doch, Sie können. Sie machen das ganz hervorragend“, erklärte er. „Noch einmal pressen, mehr brauchen wir nicht.“

Dieser Mann hatte wirklich eine wunderbare Stimme. Sophia spürte sie bis in ihr Innerstes.

„Oh, mein Gott …“, brachte Greg mühsam hervor. „Ich kann es sehen, Claire. Unser Baby.“

Sophia konnte es auch sehen, berühren, ihm auf die Welt helfen. Doch sie wusste nicht, wie viele Minuten vergangen waren, seitdem die Blut- und Sauerstoffzufuhr der Nabelschnur abgeschnitten worden war. Das Kind erschien leblos und bläulich angelaufen.

Ihr sank der Mut. Doch der Sanitäter hatte bereits seine Ausrüstung ausgerollt und hielt die Reanimations-Utensilien bereit.

Eine winzige Maske für den Sauerstoff. Mit Fingern, die auf dem zerbrechlichen Brustkorb so groß wirkten, verabreichte Aiden dem Neugeborenen sanfte Kompressionsmassagen. „Komm schon, kleiner Mann. Du schaffst es. Alles wird gut.“

Sophia konnte die Entschlossenheit in seinen Augen erkennen, dieses kleine Leben zu retten.

Und dann gab es eine Bewegung, einen kläglichen Schrei. Die Farbe des Babys veränderte sich zu einem gesunden rosafarbenen Hautton. Ärmchen und Beinchen begannen sich zu regen.

„Hey, willkommen auf der Erde, mein Kleiner.“ Liebevoll hob Aiden den neugeborenen Jungen mit beiden Händen hoch, um ihn der Mutter auf den Bauch zu legen.

Claire und Greg liefen die Tränen übers Gesicht. Alle wurden von einer ungeheuren Erleichterung überflutet, aber noch war die Angst nicht ganz gebannt. Besorgt beobachtete Sophia das Baby.

In diesem Augenblick löste Aiden seinen Blick von dem Kleinen. „Apgarwert neun nach fünf Minuten“, murmelte er.

Sophia hätte schwören können, dass er ihr dabei kaum merklich zuzwinkerte. Da er wusste, wie besorgt sie war, wollte er ihr auf diese Weise zu verstehen geben, dass er das Baby noch immer sorgfältig überwachte. Sie sah, wie er mit einem Finger am Oberarm des Kleinen dessen Puls fühlte. Sophia konnte sich also guten Gewissens auf Claire konzentrieren. Sie musste noch die Nachgeburt abwarten und ihre Patientin auf mögliche Verletzungen hin untersuchen.

Der Notfall war fast so schnell vorbei, wie er eingetreten war.

Gleich würde der Krankenwagen kommen, um die kleine Familie auf die Entbindungsstation zu bringen. Dort konnten Claire und das Baby von den Ärzten untersucht werden, aber diese wenigen Minuten waren ein Geschenk.

Ein privater Moment in ihrem eigenen Zuhause. Dort, wo sie ihr erstes Kind willkommen heißen wollten.

Aiden zog sich zurück. Er streifte die Handschuhe ab, die er für das Baby benutzt hatte, und ging zur gegenüberliegenden Seite des Zimmers, wo er sich mit dem Ellbogen auf eine Kommode stützte. Seine Schicht war fast vorbei, und ihm stand noch der Besuch bevor, den er nach der Arbeit immer machte. Doch er wollte nicht gehen, bevor der Krankenwagen eintraf. Und er wollte auch die jungen Eltern während der ersten Minuten mit ihrem neugeborenen Söhnchen nicht stören.

Außerdem konnte er so in aller Ruhe die Hebamme bei ihrer Arbeit beobachten. Sie war klein, nur vielleicht knapp eins sechzig. Ihre tiefbraunen Augen passten gut zu ihrem dunklen Haar, das einen leicht rötlichen Schimmer besaß. Sie hatte es hochgesteckt, und er fragte sich, wie lang es wohl wäre, wenn sie es offen trug. Wie weich es sich anfühlen mochte.

Energisch rief Aiden sich zur Vernunft. Ja, sie war süß, aber deshalb musste er es nicht gleich übertreiben.

Da schaute sie auf und lächelte. Ein wunderbares Lächeln, das er geradezu körperlich spüren konnte.

Sophia hatte gar nicht mitbekommen, dass ihr Kollege sich zurückgezogen hatte. Aber es war genau das Richtige, daher folgte sie seinem Beispiel. Die weitere Säuberung von Mutter und Kind konnte warten, bis der Krankenwagen kam. Diese kostbaren Augenblicke würden die jungen Eltern nie wieder erleben. Aiden hatte sich einen Platz ausgesucht, wo er zwar weit genug entfernt war, aber dennoch jederzeit zur Verfügung stand.

Leise ging Sophia zu ihm, und er empfing sie mit einem Lächeln.

„Gut gemacht“, meinte er. „Danke, dass Sie mich dazu eingeladen haben.“

Sie musste lachen. Wie konnte jemand bei einem lebensbedrohlichen Notfall so klingen, als wäre es eine Party? Aber Sanitäter waren nun mal so. Sie lebten für den nächsten Adrenalinschub, und ein guter Job für sie war einer, den andere fürchteten. Sophia kannte Sanitäter, die sich wie Cowboys verhielten.

Dieser hier fuhr Motorrad, sozusagen ein mechanisches Pferd. Und er hatte nicht gezögert, gleich die Führung zu übernehmen.

Mit einem Kloß im Hals blickte Sophia zum Bett hinüber. Das Baby lag in Claires Armen und schaute mit großen Augen seine Eltern an. Greg, der seinen Kopf an Claires Kopf lehnte, berührte die winzige Hand des Babys. Beide hatten außer ihrem neugeborenen kleinen Sohn alles um sich herum vergessen. Auch sie sprachen leise miteinander, zählten Fingerchen und winzige Zehen und freuten sich gemeinsam über das Wunder dieses neuen Lebens.

Als Sophia den Blick abwandte, merkte sie, dass Aiden sie noch immer ansah.

„Babys sind meine Lieblinge“, sagte er. „Das war wirklich schön.“

Zum ersten Mal, seitdem er ins Haus gekommen war, wurde ihr bewusst, wie attraktiv er war. Natürlich hatte sie seine hellbraunen Augen mit den kleinen Fältchen wahrgenommen, ebenso wie das Haar mit den blonden Strähnen. Doch jetzt erst hatte sie die Gelegenheit, seine gesamte Erscheinung in Augenschein zu nehmen. Fühlte sie sich deshalb so überwältigt, weil er so groß war?

Nein, die meisten Leute waren größer als sie, und Aiden wirkte wahrscheinlich noch breiter wegen der Jacke, die er trug. Ein kraftvoller Mann. Aber sie hatte gesehen, wie vorsichtig er das Köpfchen des Babys gedreht und die Sauerstoffmaske auf das winzige Gesichtchen gelegt hatte. Wie kontrolliert und sanft seine Bewegungen gewesen waren.

Er machte seinen Job nicht nur sehr gut, sondern auch humorvoll. Und mit seinem Selbstvertrauen hatte er alle davon überzeugt, dass sie es schaffen würden.

Sophias Lächeln fühlte sich seltsam an. So als würde sie ihm etwas Privates von sich zeigen, was sie bei Fremden sonst nie tat.

„Ich sollte Ihnen danken“, erwiderte sie flüsternd. „Ich kann es nicht fassen, dass ich der Leitstelle gesagt habe, wir würden bloß einen Krankentransport brauchen und keinen SPRINT-Sanitäter.“

„Ich hatte per Funk mitgehört, weil ich hier in der Nähe gerade einen Kaffee trinken wollte.“ Er lachte leise. „Ich schätze, der wird wohl kalt sein, wenn ich zurückkomme.“

„Dann bin ich Ihnen jetzt einen Kaffee schuldig“, meinte Sophia.

Da erschienen erneut die kleinen Linien um seine Augen. „Könnte sein, dass ich auf das Angebot zurückkomme.“

Auf einmal bekam sie Schmetterlinge im Bauch. Wie lange war es her, dass sie einen so attraktiven Mann kennengelernt hatte? Im letzten halben Jahr jedenfalls nicht. Der Umzug in eine neue Stadt und der neue Job hatten ihr keine Zeit für Männer gelassen. Sie fing gerade erst an, hier neue Freundinnen zu finden.

Außerdem wäre dieser Mann bestimmt nicht an ihr interessiert. Sophia dachte an seine Worte von eben. Babys sind meine Lieblinge. Sie spürte ihre plötzliche Anspannung, die diese verdammten Schmetterlinge zu ersticken drohte.

Ein Schatten huschte über Aidens Gesicht. „Wird aber schwierig, meine Schulden einzufordern, wenn ich nicht mal Ihren Namen kenne.“

„Oh.“ Sie hatte sich gar nicht vorgestellt. Wie unhöflich. Denn sicher musste er Papierkram für seinen Einsatz erledigen. Dazu benötigte er auch noch weitere Informationen über Claire. „Ich heiße Sophia Toulson und bin Hebamme.“

Mit einem belustigten Grinsen zog er die Augenbrauen hoch. „Das hoffe ich doch sehr.“

Sophia lachte.

Die Linien um seine Augenwinkel vertieften sich, und seine Augen blitzten. „Gehen Sie mit mir aus, Sophia Toulson, Hebamme der Extraklasse. Heute Abend. Als Schuldenausgleich nehme ich dann ein Bier statt Kaffee.“

Sophias Lächeln schwand. Nur allzu gerne hätte sie Ja gesagt.

Trotzdem schüttelte sie ablehnend den Kopf. „Ich kann nicht.“

Achselzuckend antwortete er: „Kein Problem. Dann vielleicht ein andermal.“

In diesem Moment ertönte ein lautes Klopfen an der Haustür. „Rettungsdienst“, rief jemand. Dazu hörte man die klappernden Räder einer Trage.

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, schon mal mit den vielen Formularen anzufangen, die sie noch ausfüllen musste, um alle Einzelheiten dieser Notfallgeburt zu dokumentieren. Aiden schien jedoch durchaus zufrieden damit zu sein, wie sie die Zeit verbracht hatten. Und auf einmal fühlte Sophia sich total euphorisch.

Obwohl sie gerade darauf verzichtet hatte, noch mehr Zeit mit Aiden zu verbringen. Aber er hatte sie gefragt. Die Anziehung war also nicht nur einseitig, und das reichte schon, um sie glücklich zu machen.

2. KAPITEL

Sophias Glücksgefühl hielt sich noch bis zum Ende ihrer Schicht.

Tatsächlich wurde es sogar der beste Tag seit ihrem Umzug von Canberra nach Melbourne.

Auf der Entbindungsstation verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, wie erfolgreich sie den Notfall bei einer Hausgeburt gemeistert hatte. Mit ihrem international hervorragenden Ruf zog die Geburtsabteilung des Krankenhauses die Besten ihres Fachs an. Aber dieser Fall brachte Sophia von allen Seiten Glückwünsche ein.

Alessandro Manos, der Leiter der Neugeborenen-Intensivstation, hatte das Baby gründlich untersucht.

„Es gibt keinerlei Anzeichen von Komplikationen aufgrund von Sauerstoffmangel“, sagte er zu Sophia. „Der kleine Kerl hat wirklich großes Glück gehabt, dass du bei seiner Geburt dabei warst.“

Sie befestigte die Papierwindel wieder und zog dem Kleinen den weichen Strampler an, den Claire ihr mitgegeben hatte.

„Das lag nicht nur an mir“, erwiderte Sophia. „Ich hätte vermutlich versucht, die Geburt zu verzögern und die Mutter hierherzubringen, wenn ich nicht so hervorragende Unterstützung von einem Sanitäter bekommen hätte. Er war fantastisch.“

„Wer?“ Isla Delamere, Alessandros Verlobte, kam herein. Ihr Ausdruck besagte, dass ihr Verlobter der einzige fantastische Mann auf der Welt war.

„Der Sanitäter, der mir heute Nachmittag bei dem akuten Nabelschnurvorfall geholfen hat“, antwortete Sophia.

„Ah, davon habe ich schon gehört. Wie geht es dem Baby?“, erkundigte sich Isla.

„Alles perfekt.“ Liebevoll ruhte Alessandros Blick auf ihr.

Sophia lächelte wehmütig. Vielleicht hätten die beiden ihr Geheimnis gerne noch ein wenig für sich behalten, aber die Neuigkeit von Islas Schwangerschaft war doch herausgekommen. Außerdem konnten die beiden ihre Gefühle füreinander ohnehin nicht verheimlichen. Sie waren überglücklich. Sie hatten ihre große Liebe gefunden und würden bald eine Familie gründen.

Früher war das auch Sophias Traum gewesen. Wahrscheinlich nahmen die meisten Leute an, dass sie einfach nur auf den Richtigen wartete, damit dieser Traum in Erfüllung ging. Nur ihre beste Freundin Emily wusste, dass es auf der ganzen Welt keinen Mann gab, der die zerbrochenen Teile ihres Traums wieder zusammensetzen könnte. Denn er war für immer zerstört.

In diesem Moment verzog das Baby sein Gesichtchen und begann zu weinen.

„Ich bring den kleinen Kerl schnell wieder zu seiner Mutter“, meinte Sophia daher. „Sie vermisst ihn bestimmt schon, und er hat Hunger.“

„Ich komme mit“, erklärte Isla. „Ich will mehr über diesen tollen Sanitäter hören. Ist er ein heißer Typ? Single?“

Sophia wickelte das Baby in eine Decke und hob es hoch. „Ziemlich heiß“, sagte sie leichthin. „Aber ich bezweifle sehr, dass er Single ist.“ Blödsinn, sonst hätte er doch nicht nach einem Date gefragt, dachte sie. „Und selbst wenn, wäre ich nicht interessiert.“

„Warum nicht?“ Isla wünschte sich, dass jeder so glücklich wäre wie sie. „Die meisten Menschen finden ihre Partner bei der Arbeit.“

„Ich bin aber nicht auf der Suche nach einem Partner.“ Mit dem Baby auf dem Arm, das inzwischen aufgehört hatte zu weinen, ging Sophia voran aus der Intensivstation zu dem Raum, wo Claire gerade untersucht wurde. „Außerdem gehe ich ab und zu auch mal aus. Zum Beispiel morgen.“ Sie nutzte die Chance, das Thema zu wechseln. „Du kommst doch mit in den Botanischen Garten, oder?“

„Zur Erneuerung des Eheversprechens von Emily und Oliver?“, meinte Isla lächelnd. „Na klar. Das will ich auf keinen Fall verpassen. Ich glaube, alle Kollegen aus der MMU werden dabei sein. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, alles Vergangene hinter sich zu lassen.“ Schützend legte sie ihre Hand auf den Bauch und seufzte. „Emily ist sehr tapfer, stimmt’s?“

„Ja.“ Da der Kleine wieder anfing zu quengeln, wiegte Sophia ihn hin und her.

Sie hatten alle gewusst, dass Emilys Pflegetochter nur ein kurzes Leben haben würde. Aber ihr Tod war herzzerreißend gewesen. Erst letzte Woche hatten sie sich alle im Botanischen Garten von Melbourne zu dem Gedenkgottesdienst für die kleine Gretta versammelt. Viele Tränen waren geflossen, als Charles Delamere, der Direktor des Victoria Hospital, mit wunderbaren Worten darüber gesprochen hatte, wie Grettas kurzes Leben das Leben so vieler anderer Menschen berührt hatte.

Alle Anwesenden hatten am Ende der Trauerfeier pinkfarbene Ballons in die Luft fliegen lassen. Jeder Ballon trug ein Päckchen mit Samen von Känguru-Blumen in lauter bunten Farben. Sie waren Grettas Lieblingsblumen gewesen, und Emily hatte eine Vision, dass auf diese Weise über ganz Melbourne verstreut neue Pflanzen wachsen würden.

„Danach ist wohl noch ein Sektempfang auf der Dachterrasse der Bar geplant“, fuhr Sophia fort.

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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