Romana Extra Band 134

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BLOß EIN TRAUM VON LEIDENSCHAFT? von RONA WICKSTEAD
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  • Erscheinungstag 06.06.2023
  • Bandnummer 134
  • ISBN / Artikelnummer 0801230134
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Rona Wickstead, Michelle Douglas, Louisa George

ROMANA EXTRA BAND 134

1. KAPITEL

Die Nachmittagshitze lag wolkenlos über der Landschaft, und Lisa war dankbar dafür, dass ihr kleiner Mietwagen über eine Klimaanlage verfügte. Sonst wäre die Fahrt vom Flughafen Montpellier noch anstrengender geworden; schon jetzt spürte sie, wie sehr sie sich auf den ungewohnten Rechtsverkehr konzentrieren musste. Sie hatte die Autobahn hinter Nîmes in Richtung Uzes verlassen und war nun auf der Landstraße unterwegs in das Dörfchen, in dem sich ihr Ziel befand: das Ferienhaus in Courcy, in dem Fußballstar Tony Davies seine Verletzung auskurierte.

Auf einer engen, von Platanen eingefassten Allee kam ihr ein riesiger Sattelschlepper entgegen, und erschrocken wich sie auf den schmalen Randstreifen zwischen zwei Bäumen aus. Noch fünf Kilometer, behauptete die Navigations-App auf ihrem Handy. Automatisch versuchte sie das in Meilen umzurechnen, während ein Straßenschild den nächsten Kreisverkehr ankündigte.

Was sie von der Landschaft um sich herum wahrnehmen konnte, war spektakulär: Von knalligem Mohn gesäumte Weizenfelder wechselten sich mit leuchtenden Sonnenblumen ab, und auch Wein wurde hier angebaut. Die Orte, die sie durchquert hatte, wirkten verschlafen; die Schlagläden an den Häusern aus hellem Naturstein waren geschlossen, die Straßen menschenleer.

Seufzend umrundete sie den Kreisverkehr und bog wie angezeigt ab. Nun war es nicht mehr weit – doch ein Plakat an einer Hauswand erregte ihre Aufmerksamkeit. Konnte es sein, dass Le Caporal, ein Künstler, den sie schon lange verehrte, hier in der Gegend eine Ausstellung hatte? Sie beschloss, das später noch mal zu recherchieren.

Vielleicht hatte das Schicksal es ja doch gut mit ihr gemeint, als es sie hierherschickte, dachte sie und nahm die letzten Kilometer bis zu ihrem Ziel in Angriff.

Lisa hatte eine hochmoderne Villa erwartet, aber als sie durch die Toreinfahrt fuhr, sah sie ein zweistöckiges, mit wildem Wein bewachsenes traditionelles Gebäude aus dem klassischen hellen Sandstein, mit dem in Südfrankreich seit Jahrhunderten gebaut wurde. Erst auf den zweiten Blick wurde deutlich, dass das Haus aufwändig saniert worden war: mit einem neuen Dach und neuen Fenstern, einem großzügigen Anbau, in dem sich Garagen und Carports für mehrere Autos befanden, und einem kleinen, sonnigen Sitzplatz, der mit teuer aussehenden Gartensesseln bestückt war. Auf einem davon saß eine getigerte Katze und putzte sich. In großen Steinkübeln blühten bunte Pflanzen. Alles sah sehr gepflegt aus.

Bevor sie die Klingel betätigen konnte, öffnete sich die Tür und ein kräftiger Mann um die vierzig erschien. „Sie sind Miss Forrester? Herzlich willkommen in unserem bescheidenen Heim.“ Er machte eine allumfassenden Handbewegung.

Lisa lächelte. „Mister McMahon?“

„Nennen Sie mich Gary“, erwiderte er. „Tonys Manager und Mädchen für alles. Kommen Sie doch herein.“

Die Eingangshalle des Hauses war angenehm kühl im Kontrast zu der Wärme draußen. Auch hier wurde deutlich, dass das Gebäude von Grund auf renoviert worden war: Die weiß gekalkten Wände waren makellos, genau wie die Holzbohlen, mit denen die Halle ausgelegt war.

„Ich denke, es ist am besten, wenn Sie Tony direkt kennenlernen“, sagte Gary. „Folgen Sie mir bitte, er ist gerade draußen.“

Er führte sie durch ein geschmackvoll, wenn auch ein wenig unpersönlich eingerichtetes Wohnzimmer mit einer riesigen Couchlandschaft und öffnete eine Tür zum Garten. Sie betraten eine schattige Terrasse mit einem von Glyzinien bewachsenen Gitterdach. Dahinter erkannte Lisa ein weitläufiges Grundstück mit einem gepflegten Rasen und altem Baumbestand. Das zentrale Objekt war aber der riesige Swimmingpool, dessen kräftiges Blau gegen die grüne Landschaft abstach und in dem jemand in hohem Tempo von einer Seite zur anderen kraulte.

„Mach mal eine Pause, Tony“, rief Gary ihm zu. „Dein Gast ist da.“

Der Mann im Pool hielt inne und schwamm an den Beckenrand, um sich dort hochzuziehen. Lisas erster Eindruck von ihm waren ein muskulöser Rücken und breite Schultern, von denen das Wasser abperlte. Seine Haut hatte einen dunklen, leicht rötlichen Braunton. Als er sich umdrehte, um sie anzuschauen, erkannte sie Ungeduld und Skepsis in seinen dunklen Augen. Eindeutig ein Mann, der nicht gerne in seiner Privatsphäre gestört wurde.

„Mein Gast?“, wiederholte er ein wenig unwillig. „Soweit ich weiß, hast du diese Frau eingeladen, Gary.“

„Was bleibt mir anderes übrig, Tony?“, gab Gary ungerührt zurück. „Ich muss schließlich dafür sorgen, dass du deine Verträge einhältst. Deswegen ist jetzt Lisa Forrester hier und wird mit dir zusammen das Manuskript für dein Buch in Angriff nehmen.“

Die Worte ließen Lisa zusammenzucken. In Angriff nehmen? Das klang, als hätte dieser Mann überhaupt noch nicht damit begonnen, etwas zu schreiben. Und seine abweisende Miene ließ darauf schließen, dass er auch keine besonders große Lust dazu hatte.

„Ich habe keine Zeit für solche Sachen“, knurrte Tony. „Im Moment ist in erster Linie wichtig, dass ich rechtzeitig wieder fit werde. Ich will wieder auf dem Platz stehen und spielen, damit wir in der kommenden Saison endlich die Meisterschaft gewinnen. Und das weißt du auch, Gary. Denn das bedeutet eine anständige Provision für dich.“

„Schon klar“, erwiderte Gary. „Aber ich will auch verhindern, dass dich dieser Verleger wegen Vertragsbruch verklagt und du dann eine hohe Konventionalstrafe zahlen musst. Also wirst du in der kommenden Woche mit Miss Forrester an diesem Buch arbeiten. Du machst ja durchaus auch Pausen zwischen deinen Trainingseinheiten.“

„Ich bin sicher, wir werden uns über die Zeiten einig werden“, sagte Lisa rasch. „Wann wäre denn der ideale Zeitpunkt, zu dem ich hier täglich vorbeikommen soll?“

Gary verzog das Gesicht. „Nun, wir haben da ein kleines Problem. Es ist gerade Hochsaison und alles voll mit Touristen, deswegen habe ich für Sie so kurzfristig kein Hotelzimmer gefunden. Aber weil wir hier so viel Platz haben, halte ich es sowieso für das Beste, wenn Sie eins unserer Gästezimmer beziehen.“

„Sie wollen, dass ich hier wohne?“, fragte Lisa überrascht.

„Es wäre die einfachste Lösung“, antwortete Gary. „Es gibt hier im Haus mehrere sehr komfortable Zimmer mit eigenem Bad, und auch die Verpflegung von Madame Odile ist nicht zu verachten. Aber das Beste ist, dass wir damit dieses Projekt sehr flexibel vorantreiben können.“

„Nun ja“, sagte Lisa zögernd. „Wenn es Mr. Davies recht ist?“

Das Gesicht des Mannes am Pool verfinsterte sich weiter. „Als ob es hier irgendjemanden interessiert, was mir recht ist.“ Sein Ton war schroff. „Recht wäre mir, wenn ich mich jetzt mit der Nationalmannschaft bei der EM befände und nicht täglich stundenlang daran arbeiten müsste, wieder einsatzfähig zu werden. Aber wenn Sie mögen, dann können Sie hier meinetwegen einziehen. Sonst ist ja keiner da, der hier wohnen könnte. Alle meine Kumpel sind im Trainingslager.“

Er ließ sich wieder ins Wasser gleiten, um seine Bahnen zu schwimmen. Fasziniert beobachtete Lisa, wie seine muskulösen Arme durch das Wasser pflügten. Sie hatte ein komplett anderes Bild von Fußballern – dünner und sehniger. Aber dieser Mann war ein einziges Muskelpaket, und sie konnte den Blick kaum von ihm abwenden.

„Kommen Sie mit“, riss Gary sie aus ihren Gedanken. „Gehen wir zuerst in die Küche, damit Sie Madame Odile kennenlernen können. Sie ist ein Traum von einer Köchin.“

Gehorsam folgte Lisa ihm zurück ins Haus, durchs Wohnzimmer und ein anschließendes Esszimmer bis in eine Küche, die traditionelles provenzalisches Flair mit moderner Technik vereinte. An der Arbeitsfläche stand eine große schlanke Frau mit grauen Haaren, die gerade Gemüse wusch.

„Madame, wir haben einen neuen Gast“, sagte Gary zu ihr. „Das ist Lisa Forrester, für die Sie das große Gästezimmer vorbereitet haben.“

Die Haushälterin nickte höflich. „Ich werde Ihnen sofort Ihr Zimmer zeigen, Mademoiselle“, sagte sie in erstaunlich gutem Englisch.

„Das ist eine gute Idee, Madame Odile“, erwiderte Gary. „Ich muss noch einige Videokonferenzen abhalten, bevor ich morgen früh abreise. Aber Sie können Lisa bestimmt alles erklären, was sie wissen muss.“

„Sie reisen ab?“, fragte Lisa erschrocken. Es fühlte sich an, als ob ihr einziger Vertrauter sie im Stich ließ, in einem Haus mit einem schlecht gelaunten Leistungssportler und seiner französischen Köchin.

„Ich habe nur gewartet, bis Sie da sind. Sie wissen doch sicher, dass wir uns mitten in der Europameisterschaft befinden? Das ist eine Gelegenheit, viele Leute an einem Ort anzutreffen, und Netzwerken gehört nun mal mit zu meinen Aufgaben. Aber machen Sie sich keine Sorgen, Sie werden schon miteinander klarkommen.“

„Am besten holen Sie schon mal ihren Koffer aus dem Auto“, schlug Odile vor. „Ich hoffe, Sie haben einen Badeanzug mitgebracht.“

„An Schwimmen hatte ich leider nicht gedacht“, gestand Lisa. „Ich bin ja schließlich zum Arbeiten hier.“

„Das heißt aber nicht, dass man es sich nicht zwischendurch auch mal gut gehen lassen kann“, warf Gary ein. Er blickte Odile an. „Vielleicht findet sich ja hier noch der ein oder andere Bikini. Ich bin sicher, dass Shawn längst nicht alles mitgenommen hat, als sie abgereist ist.“

„Könnte sein“, stimmte Odile ihm zu, „wir haben hier inzwischen eine Menge Sachen, die irgendwann einmal liegengeblieben sind. Aber was die Größe angeht – da habe ich Bedenken. Die Dame war eindeutig kurviger als Miss Forrester.“

„Das ist doch jetzt nicht so wichtig“, sagte Lisa hastig. „Ich werde kaum Zeit finden, um mich im Pool zu vergnügen. Und falls doch, finde ich in der Nähe sicher einen Laden, wo ich einen Badeanzug kaufen kann.“

„Auf jeden Fall“, versicherte Gary. „Aber jetzt muss ich wirklich los. Die Arbeit ruft. Tut mir sehr leid, dass ich augenblicklich so wenig Zeit für Sie habe, Miss Forrester.“

„Meine Arbeit ruft auch.“ Lisa seufzte. „Ich weiß nur noch nicht genau, wie ich sie angehen soll.“

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Odile lächelte aufmunternd. „Mister Davies ist momentan aus gutem Grund ein wenig unzufrieden. Gestern Abend hat die englische Nationalmannschaft nur unentschieden gespielt und mit Ach und Krach das Achtelfinale erreicht. Natürlich wäre er gerne dabei gewesen und hätte eventuell sogar das Siegtor geschossen.“

Lisa zog die Schultern hoch. „Ich muss gestehen, dass ich mich bis jetzt nicht besonders für Fußball interessiert habe. Mein Chef hat mir diesen Auftrag sehr kurzfristig erteilt.“

„Mister Davies hat großes Pech gehabt. Leider hat ihn ausgerechnet im letzten Spiel der Meisterschaft ein Gegner so unglücklich von den Füßen geholt, dass er einen mehrfachen Bänderriss davontrug, und er arbeitet jetzt schon seit Wochen daran, möglichst schnell wieder einsatzfähig zu sein.“

„Verstehe.“ Lisa nickte. „Und jetzt ärgert er sich, dass er nicht für die Nationalmannschaft spielen kann.“

Odile nickte. „Es war hart für ihn. Und dann kam noch dazu, dass direkt danach seine Freundin abgereist ist.“

„War das diese Shawn mit den Badeanzügen?“

„Allerdings“, antwortete Odile naserümpfend. „Ich vermute, es war ihr zu langweilig hier, nachdem die andern alle abgereist waren und er den ganzen Tag nur mit seinen Rehamaßnahmen beschäftigt war. Aber jetzt sollte ich Ihnen besser das Haus zeigen, statt über andere Leute zu tratschen.“

Lisa holte ihren Koffer aus dem Auto und ließ sich von der Französin in das obere Stockwerk führen. Es verschlug ihr fast die Sprache, als sie ihr Zimmer sah. „Du meine Güte, das ist ja größer als mein Apartment in London!“, rief sie aus. Es gab nicht nur ein großes Doppelbett, sondern auch eine gemütliche Sitzecke und einen großen Fernseher, einen riesigen geschnitzten Kleiderschrank und ein fabelhaftes Badezimmer. Große Flügeltüren öffneten sich zu einem Balkon, von dem man einen wundervollen Blick auf den Garten und die hügelige Landschaft im Hintergrund hatte.

„Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie mir Bescheid“, sagte Odile. „Ich bin jeden Tag bis siebzehn Uhr hier und bereite für Mister Davies nur ein leichtes Abendessen vor. Wenn es Ihnen recht ist, richte ich Ihnen auch eine Portion. Bedienen Sie sich einfach, wenn Sie Appetit haben. Es steht auf der Anrichte. Und noch etwas: Schließen Sie bitte immer die Küchentür, denn es gibt hier Katzen, die gerne naschen.“

„Ich versuche, daran zu denken“, versprach Lisa.

Sobald die Haushälterin die Tür hinter sich geschlossen hatte, wechselte Lisa ihr Kostüm gegen etwas bequemere Kleidung und goss sich ein Glas von dem bereitgestellten Wasser ein. Sie setzte sich auf einen der Gartenstühle auf dem Balkon und ließ den Blick über das Grundstück schweifen.

Aber trotz des schönen Ambientes konnte sie nicht recht zur Ruhe kommen. Es wurmte sie, dass sie bisher keine Zeit gehabt hatte, sich mit den Fakten für diesen Auftrag zu beschäftigen. Seufzend griff Lisa nach ihrer Tasche und holte ihren Laptop hervor. Es wurde höchste Zeit, weiter zu recherchieren. Zum einen für diesen Job, den sie so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Es war unprofessionell und geradezu peinlich, wie wenig sie über Fußball im Allgemeinen und Tony Davies im Besonderen wusste. Das musste schnellstens nachgeholt werden.

Zum anderen hatte sie immer wieder an das Plakat für die Ausstellungseröffnung denken müssen. Le Caporal … das war der Name eines Künstlers, dessen Arbeit nicht nur ihre Mutter sehr bewunderte. Sie meinte sich plötzlich zu erinnern, dass er irgendwo hier in der Region lebte. Unbedingt musste sie mehr darüber erfahren. Vielleicht ergab sich daraus die Chance, endlich ihr eigenes Projekt voranzutreiben? Dann müsste sie nur noch ihren Boss Henry Farnham davon überzeugen und könnte endlich mit ihrem Herzensprojekt starten …

Ungeduldig holte sie den Stecker-Adapter hervor, um ihren Rechner anzuschließen. Nur um festzustellen, dass sie keinen Internet-Zugang hatte. Madame Odile hatte ihr vieles erklärt – aber diese entscheidende Kleinigkeit leider ausgelassen.

2. KAPITEL

Tony hatte seinem Physiotherapeuten ein gutes Angebot gemacht, um ihn dazu zu bewegen, mit nach Südfrankreich zu fahren und die Bänderriss-Behandlung im Ferienhaus fortzusetzen. Kevin Lee war nicht nur äußerst kompetent und zuverlässig, sondern auch schweigsam und zurückhaltend, lauter Eigenschaften, die Tony immer mehr an ihm schätzen gelernt hatte. Daher war er umso überraschter, als er feststellte, dass ausgerechnet Kevin innerhalb kürzester Zeit in Courcy eine Freundin gefunden hatte. Seitdem tauchte er nur auf, wenn es Zeit war für die täglichen Therapieeinheiten. Auch heute erschien er wieder gerade noch rechtzeitig zum Nachmittagstermin.

Seine täglichen Bahnen im Pool hatte Tony für heute hinter sich gebracht und saß nun auf der Liege im Fitnessraum. Er hatte schlechte Laune, weil Gary die Frau vom Verlag bei ihm einquartiert hatte und er nun offensichtlich nicht umhin konnte, sich mit diesem Buch zu beschäftigen. Er hatte absolut keine Lust dazu, sich der Öffentlichkeit schon wieder mit seiner Lebensgeschichte zu präsentieren. Warum hatte er bloß diesen Vertrag unterschrieben?

„Was steht da für ein Kleinwagen auf dem Hof?“, fragte Kevin, während er sich die Hände wusch. „Ein vorwitziger Fan auf dem Grundstück?“

„Die Frau, die Gary mir auf den Hals gehetzt hat“, antwortete Tony missmutig. „Er hat mich doch gedrängt, den verdammten Buchvertrag abzuschließen, weil ich angeblich meinen Fans etwas bieten muss. Und sie soll jetzt dafür sorgen, dass ich endlich etwas schreibe. Hätte ich mich doch bloß nicht auf diese Sache eingelassen!“

„Verträge muss man einhalten“, sagte Kevin nüchtern. „Ist sie nett?“

„Weiß ich nicht“, blaffte Tony. „Ich habe sie nur kurz gesehen. Aber sie wohnt jetzt hier und wird mich vermutlich bald auf Schritt und Tritt verfolgen, um mir alle meine Jugendsünden zu entlocken.“

„Oh je.“ Kevin begann, das Tape an Tonys linkem Fuß zu entfernen. Fachmännisch tastete er den gesamten Unterschenkel ab. „Wie war es heute? Weniger Schmerzen?“

Tony nickte. „Kommt mir jedenfalls so vor. Es ging ganz gut bisher, aber sehr viel bin ich auch nicht gelaufen.“

„Okay“, erwiderte Kevin. „Dann bitte hinlegen.“ Ganz ruhig begann er mit den gezielten Griffen, die Tony inzwischen schon kannte. Er versuchte, die Behandlung durch gleichmäßige Atmung zu unterstützen, wie Kevin es ihm erklärt hatte, und sich so gut wie möglich zu entspannen.

Aber das gelang ihm nicht, weil kurz darauf die Tür aufgerissen wurde und die Engländerin ihren Kopf in den Raum steckte. „Ich möchte nicht stören“, sagte sie. „Ich kann Gary nicht finden, aber ich brauche das WLAN-Passwort für den Gastzugang, damit ich schon mal anfangen kann zu arbeiten.“

„Warum brauchen Sie zum Schreiben einen Internetzugang?“, fragte Tony ungehalten. Wenn er eins hasste, dann waren es Leute, die ungefragt in seinen privaten Bereich eindrangen.

„Ich kann noch gar nichts schreiben“, entgegnete sie. Ihr Tonfall klang fast kriegerisch. „Sie müssen mir ja erst mal etwas erzählen. Aber ich würde gerne ein wenig recherchieren, damit ich Ihnen die richtigen Fragen stellen kann, wenn Sie irgendwann mal Zeit haben.“

„Heißt das, Sie sind hierhergekommen, ohne überhaupt etwas zu meiner Person zu wissen?“, erkundigte er sich bissig. Von seiner Liege aus konnte er nur ihren Kopf mit dem kinnlangen blonden Haar erkennen und ihren Gesichtsausdruck, der nicht besonders freundlich schien.

„Ja, stellen Sie sich das mal vor“, gab sie zurück. „Ich bin sozusagen das letzte Aufgebot meines Verlegers, der höchst beunruhigt ist, weil er bisher von Ihnen noch keine Zeile erhalten hat. Ich habe mir diesen Job nicht ausgesucht.“

„Warum denn nicht?“, konterte er. „Ist es so eine Qual, nach Südfrankreich zu fahren und einen Sportler zu interviewen?“

Lisa verzog das Gesicht. „Ich hatte eigentlich andere Pläne“, erklärte sie. „Aber da ich im Gegensatz zu Ihnen nicht im Geld schwimme, muss ich halt auch Jobs annehmen, die mir nicht so liegen.“

„Na so was“, sagte Tony spöttisch. „Während ich ja den ganzen Tag nur Dinge tue, die mir Spaß machen. Möchten Sie vielleicht mit mir tauschen?“

„Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen, ich möchte einfach nur ein WLAN-Passwort“, fauchte sie. „Ist das vielleicht irgendwo aufgeschrieben, wo ich es finden kann?“

„Ich denke, das können Sie sich merken, wenn ich es Ihnen sage“, antwortete Tony. „Es lautet ganz einfach Josemourinho. Großes J, der Rest klein und in einem Wort. Mein erster Trainer in der Premier League.“

„Na also, geht doch“, sagte sie in einem Ton, der ihn absolut provozierte. „Dann noch viel Vergnügen.“ Sie schloss die Tür.

„Das ist sie?“, fragte Kevin Lee grinsend.

„Das ist sie“, bestätigte Tony seufzend.

„Aha. Dann wünsche ich Ihnen auch viel Vergnügen, Boss.“

Vielleicht habe ich es heute ein wenig übertrieben mit den Übungen, dachte Tony. Er fühlte sich erschöpft und – es fiel ihm schwer zuzugeben – auch ein wenig niedergeschlagen. Sein Mannschaftskollege und Freund Steven, an dessen Seite er unter anderen Umständen im Mittelfeld auflaufen würde, hatte ihm eine Mail geschrieben. Er lud ihn ein, zum EM-Achtelfinale der englischen Nationalmannschaft in der nächsten Woche nach Paris zu kommen und sich das Spiel anzuschauen. Er gehörte doch schließlich dazu.

Aber das stimmte nicht. Er gehörte nicht wirklich dazu, denn er konnte seine Mannschaft nicht unterstützen. Er war unbrauchbar geworden, ein Totalausfall. Seit Wochen humpelte er mit oder ohne Orthese durch die Gegend. Auch wenn er alles tat, um so schnell wie möglich wieder einsatzfähig zu sein, konnte er den Heilungsprozess nicht beschleunigen.

Sein ganzes Leben hatte er hart gearbeitet, um dorthin zu kommen, wo er jetzt war. Die Ölscheichs, denen sein Klub ‚Oldham Rangers‘ gehörte, zahlten ihm ein Millionengehalt dafür, dass er immer sein Bestes gab. Aber nun war er in einer Situation, in der es einfach nur hieß, Geduld zu haben. Und das fiel ihm schwerer als alles andere.

Er würde nicht nach Paris fahren. Es wäre einfach zu bitter, allein auf der Tribüne zu sitzen und zuschauen zu müssen, während die anderen auf dem Spielfeld dafür kämpften, dass ihre Mannschaft weiterkam. Er würde die mitleidigen Blicke nicht ertragen können, wenn er in die Kabine gehumpelt käme, um ihnen Glück zu wünschen. Und er konnte sich sehr gut ausmalen, wie das sein würde, weil er selbst oft genug Mannschaftskameraden bemitleidet hatte, die sich in einer ähnlichen Situation befanden.

Jahrelang hatte er Glück gehabt und war nie lange verletzt gewesen. Aber dann hatte es ihn doch erwischt, gerade jetzt, vor der so wichtigen Europameisterschaft und vor allem kurz vor seiner Vertragsverlängerung. Er hatte nicht vor, mit Anfang dreißig schon in den Ruhestand zu gehen, um entweder den Rest seiner Laufbahn als Sportkommentator zu verbringen oder den Trainerschein zu machen. Diese Entscheidung wollte er noch einige Jahre vor sich herschieben. Und dafür war es wichtig, wieder gesund zu werden.

Aber es brachte ja nichts, immer nur darüber nachzugrübeln. Er würde erst mal etwas essen und dann vielleicht einen Film schauen oder eins dieser Videospiele ausprobieren, die ihm Steven neulich empfohlen hatte. Langsam bewegte er sich Richtung Küche, wobei er ganz vorsichtig seinen linken Fuß belastete, um auszutesten, wie weit er inzwischen damit gehen konnte.

Sobald er sah, dass die Tür ein Stückchen offenstand, beschlich ihn ein übles Gefühl. Ein paar Sekunden später stellte sich heraus, dass dieses Gefühl ihn nicht getrogen hatte: Zwar stand der übliche Teller auf dem Tisch, aber auf dem Baguette fehlte eindeutig die Wurst. Eine glänzende Spur auf dem Fliesenboden war ein weiteres Indiz dafür, dass wieder einmal die Katze der Nachbarn zugeschlagen hatte.

Aber was ihn wirklich wütend machte, waren zwei Zettel, die Madame Odile auf den Tisch gelegt hatte. Auf dem vor seinem Teller stand ‚Mister Tony‘, auf dem daneben ‚Mademoiselle Lisa‘. Ganz klar, Lisa hatte sich ihr Abendessen bereits geholt und dann die Küchentür nicht wieder richtig geschlossen.

„Verdammt noch mal!“, rief er wütend aus. „Kann diese Frau noch nicht mal die einfachsten Dinge beherzigen?“

So schnell es seine Verletzung erlaubte, stürmte er aus der Küche und ging auf die Suche nach seiner neuen Mitbewohnerin. Er fand sie auf der Terrasse, wo sie stirnrunzelnd über ihren Laptop gebeugt saß. Auf dem Tisch neben ihr stand ein leerer Teller. Sie hatte jedenfalls ihr Abendessen gehabt.

Als sie ihn sah, wurde ihre Miene regelrecht vorwurfsvoll. „Sagen Sie mal“, stieß sie hervor, „konnten Sie sich nicht ein Passwort aussuchen, das weniger als hundert mögliche Schreibweisen hat? Mein Handy muss erst mal aufladen, und ohne Internetzugang habe ich keine Möglichkeit nachzusehen, wie genau sich Ihr ehemaliger Trainer schreibt. Ich bin leider keine Expertin für solche Spezialfragen.“

„Wofür sind Sie denn Expertin?“, fragte er wütend zurück. „Vielleicht haben Sie ja auch Probleme mit Ihrem Kurzzeitgedächtnis, denn ich bin mir sicher, dass Odile Ihnen gesagt hat, Sie sollen die Küchentür immer hinter sich zu machen. Jetzt ist wieder die blöde Nachbarskatze eingedrungen und hat sich die gute Wildschweinsalami geholt. Das war es dann wohl mit meinem Abendessen.“

Jetzt schaute sie ihn erschrocken an. „Oh, das tut mir leid! Soll ich Ihnen ein neues Sandwich machen?“

„Nein, das kann ich schon selbst“, sagte er verärgert. „Ich möchte nur, dass Sie sich an die Regeln halten, wenn Sie in diesem Haus leben.“

„Welche Regeln gibt es denn noch?“, wollte sie wissen. „Bisher habe ich nicht viel davon mitbekommen, da Sie es ja noch einrichten können, sich Zeit für mich zu nehmen. Und das Internet funktioniert auch nicht. Ich sitze hier jetzt schon seit Stunden herum und kann nicht arbeiten, während mich mein Chef spätestens morgen fragen wird, ob wir gut vorangekommen sind.“

„Hören Sie“, erwiderte Tony mit mühsam erzwungener Geduld. „Für mich hat oberste Priorität, alles für meine schnelle Genesung zu tun. Ich muss wieder Fußball spielen können. Und das kann ich nicht einfach vernachlässigen für so ein blödes Buch.“

„Aber Sie haben den Vertrag für das blöde Buch unterschrieben“, fauchte Lisa ihn an. „Die Buchhändler rechnen damit, dass es im Herbst erscheint und dass ganz viele Leute es spätestens vor Weihnachten kaufen werden. Vielleicht können Sie sich das ja nicht vorstellen, aber es gibt Leute, denen Bücher wichtig sind.“

„Wieso kommen Sie darauf, dass ich mir das nicht vorstellen kann?“ Inzwischen war Tony richtig aufgebracht. Was bildete sich diese arrogante Person überhaupt ein?

„Ich habe mich umgesehen. Und bisher ist mir in diesem Haus nicht mal ein Comicheft begegnet.“

„Ich bin nun mal eher ein Mensch der Tat“, behauptete er. „Bücher kann ich noch lesen, wenn ich alt und tatterig bin.“

„Was für ein Unfug!“, rief sie empört. „Gerade aktive, innovativ denkende Menschen lesen Bücher, weil sie daraus neue Impulse beziehen und wichtige Dinge für ihr Leben erfahren.“

„Das mag ja sein“, entgegnete er etwas lauter als beabsichtigt, „aber bisher habe ich noch kein Buch gefunden, das mir geholfen hätte, einen idealen Querpass zu spielen oder einen Freistoß exakt ins Tor zu setzen.“

Es macht ihm beinahe Vergnügen zu beobachten, wie sie die Lippen aufeinander presste und ihn mit blitzenden Augen anfunkelte, während sie nach einer passenden Retourkutsche suchte. „Wenn das alles ist“, schleuderte sie ihm schließlich entgegen, „nun gut, dann brauchen Sie keine Bücher. Dann gehen Sie einfach und machen sich ein Salamibrot, und Ihr Leben ist perfekt.“ Sie stellte ihren Laptop beiseite. „Also rufe ich morgen meinen Chef an und sage ihm, dass Sie nicht bereit sind, den Vertrag zu erfüllen. Um den Rest können sich dann unsere Anwälte kümmern.“

Inzwischen war Tony so wütend, dass er sich nicht länger beherrschen konnte. „Ich habe niemals gesagt, dass ich nicht bereit bin, den Vertrag zu erfüllen!“, schrie er sie an. „Aber es nervt mich, dass Sie einfach so hier aufkreuzen und erwarten, dass ich Ihnen auf der Stelle zur Verfügung stehe.“

„Das erwarte ich doch gar nicht!“, gab sie ebenso heftig zurück. „Wann habe ich das gesagt? Aber ich bin jetzt einen halben Tag hier und habe nichts anderes getan, als erfolglos die unterschiedlichsten Schreibweisen des Namens Mutinio auszuprobieren!“

„Verflixt noch mal, er heißt Mourinho!“, brüllte Tony entnervt. „M-O-U-R-I-N-H-O!“

„Mourinho“, wiederholte sie, griff nach ihrem Laptop und tippte das Wort ein. „Tatsächlich, jetzt bin ich eingeloggt. Konnten wir das nicht einfacher haben?“

In diesem Moment trat Gary auf die Terrasse. „Was ist denn hier los?“, fragte er. „Warum brüllt ihr euch so an?“

Tony rollte mit den Augen. „Musstest du mir ausgerechnet eine Frau auf den Hals hetzen, die noch nicht einmal José Mourinho kennt?“

„Es tut mir schrecklich leid“, sagte Lisa zu Gary. „Aber ich wusste nicht, was Ihr Schützling für eine Mimose ist. Ich bin nämlich schuld daran, dass er heute kein Abendbrot bekommt.“

Verständnislos schaute Gary von einem zur anderen. „Ich weiß zwar nicht genau, was passiert ist“, sagte er. „Aber ich habe den Eindruck, hier müssten ein paar Dinge geklärt werden.“ Er sah Lisa an. „Trinken Sie gerne Rosé?“

„Ich habe nichts gegen ein Glas“, erwiderte sie. „Vor allem, wenn er kalt ist.“

„Na schön“, sagte Gary. „Ich schlage vor, Tony holt sich etwas zu essen, ich habe eine Flasche Tavel kalt gestellt, die ich jetzt öffnen werde, und dann reden wir miteinander wie vernünftige Menschen.“

„An mir soll es nicht scheitern“, betonte Lisa. „Ich möchte auf jeden Fall, dass wir zu einer Einigung kommen, was dieses Buch angeht. Tut mir leid, wenn ich ein wenig zu emotional war.“

„Und ich kann unausstehlich sein, wenn ich länger nichts gegessen habe“, räumte Tony ein und machte sich auf den Weg in die Küche.

Während er ein neues Baguette aufschnitt und im Kühlschrank nach seinem Lieblingskäse suchte, erinnerte er sich wieder an Lisas blitzende Augen. Er musste zugeben, dass ihm ihre Auseinandersetzung Spaß gemacht hatte. Mit den Frauen, mit denen er bis jetzt zu tun hatte, war das nicht möglich gewesen. Shawn zum Beispiel war schnell eingeschnappt und schon bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit in Tränen ausgebrochen. Es war nicht möglich gewesen, mit ihr in irgendeiner Form zu diskutieren, schon gar nicht so heftig wie eben mit Lisa.

Unwillkürlich musste Tony grinsen, als er jetzt noch einmal darüber nachdachte. Lisa war definitiv klar gewesen, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte gar nicht versucht, das zu leugnen, ihm aber trotzdem die Stirn geboten und sich von ihm nicht einschüchtern lassen. Im Nachhinein musste er zugeben, dass ihm das imponierte.

„Also“, sagte Gary, nachdem er drei Gläser mit kaltem Rosé auf den Verandatisch gestellt hatte. „Tony hat einen Vertrag für ein Buch über seinen Weg zum internationalen Fußballprofi unterschrieben, das spätestens im Oktober vorgestellt werden soll, wenn die Buchmesse in Frankfurt stattfindet. Der Verlag hat dafür bereits Fotos vorliegen und braucht dazu ein Manuskript über …“, er zögerte kurz, um das in seinen Unterlagen nachzuprüfen, „etwa einhundertvierzigtausend Zeichen.“

„Ist das viel?“, fragte Tony stirnrunzelnd.

„Nein, das ist verhältnismäßig wenig“, erklärte Lisa. „Mein Boss möchte damit in erster Linie jüngere Fans ansprechen, die auch von so einer Karriere träumen. Wir sollen in dem Buch Ihre Entwicklungsschritte nachzeichnen, die dann jeweils durch viele Fotos ergänzt werden.“

„Aber es gibt nicht viele Fotos von mir als Kind“, wandte Tony ein. „Meine Mutter hatte andere Probleme als Schnappschüsse von mir zu machen.“ Vielleicht war das auch gut so. Er mochte sich gar nicht vorstellen, was diese Fotos zeigen würden. Einen dünnen schwarzen Jungen, dem seine Sachen immer ein wenig zu klein zu sein schienen. Eine heruntergekommene Wohnung mit schäbigen Möbeln, die nicht zusammenpassten. Solche Erinnerungen brauchte er wirklich nicht. Es reichte schon, dass jeder Journalist und jeder Sportkommentator seinen erstaunlichen Werdegang vom Sozialfall zur Fußball-Weltspitze regelmäßig erwähnte.

Lisa war jetzt ganz sachlich. „Ich weiß“, sagte sie. „Deswegen haben wir bereits eine Menge anderes Material gesammelt – Fotos von Fußballplätzen, die Straße in Brixton, in der Sie aufgewachsen sind, Ihre Schule, solche Sachen. Was mir jetzt noch fehlt, ist Ihre persönliche Sicht der Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie erzählen eines Tages Ihrem Sohn oder Ihrem Enkel von Ihrer Laufbahn als Fußballer.“

Tony nahm einen Schluck Wein, um zu überspielen, wie unwohl er sich bei dem Gedanken fühlte. Er hatte überhaupt keine Lust, sich an seine Kindheit zu erinnern, und die Vorstellung, er könnte einen Sohn haben, war einfach absurd. Bei all seinen Beziehungen hatte er immer peinlichst auf Verhütung geachtet. Er wollte nicht so sein wie sein eigener Vater, der sich einfach aus dem Staub gemacht hatte. Aber er konnte sich andererseits auch nicht vorstellen, ein Kind großzuziehen. Was für ein lausiger Vater wäre er wohl?

„Ich habe keinen Sohn“, sagte er.

„Das wissen wir doch.“ Gary lachte und schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. „Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“

„Es war auch nur ein Beispiel“, ergänzte Lisa. „Ich weiß nicht, ob Ihr Verein auch solche Projekte anbietet, bei denen Kindern die Chance geboten wird, an einem Trainingslager teilzunehmen. Ich habe als Studentin mal bei einem Ferienkurs mitgearbeitet, in dem Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen Malkurse angeboten wurden, und es war großartig mitzuerleben, wie begeistert sie davon waren. Es war für manche, als hätte man ihnen ein Fenster zu einem ganz neuen Leben geöffnet. Es kommt nicht unbedingt ein neuer Picasso dabei heraus …“

„Oder der nächste Wayne Rooney“, ergänzte Gary, um das Ganze wieder in Richtung Fußball zu steuern.

„… aber es bietet eine veränderte Perspektive, und das ist toll“, versicherte Lisa. „Und das Buch könnte auch einen Beitrag dazu leisten. So würde ich es jedenfalls gern anlegen.“

„Hm“, machte Tony nachdenklich. Diese Frau konnte sehr überzeugend sein, wenn sie ihn nicht gerade auf die Palme brachte.

„Ich finde, das hört sich doch schon ganz gut an.“ Zufrieden leerte Gary sein Glas. „Ich denke, ich lasse euch mal alleine weiterplanen, denn ich muss morgen früh raus. Ihr schafft das auch ohne mich, da bin ich mir sicher.“ Er stand auf und machte Anstalten, ins Haus zurückzugehen.

„Gute Reise“, sagte Lisa. Offensichtlich hatte sie kein Problem damit, dass er nun nicht mehr als Vermittler zwischen ihnen saß.

„Sag allen, dass ich bald wieder fit bin“, rief Tony ihm nach.

„Davon gehe ich aus“, erwiderte Gary und verschwand hinter der Terrassentür.

Tony war sehr gespannt, ob Lisa sich daraufhin auch zurückziehen würde, weil sie nicht gerne mit ihm alleine sein wollte. Aber sie signalisierte eher das Gegenteil, streckte die Beine aus und blickte verträumt hinaus in den Garten.

„Es ist wunderschön hier“, bemerkte sie. „Hier könnte ich es auch aushalten, wenn ich mich von einer Verletzung erholen müsste.“

Tony nahm überrascht zur Kenntnis, dass sie offensichtlich ihre Auseinandersetzung von vorhin zu den Akten gelegt hatte. So ein Verhalten war ihm neu. Shawn hatte auf jeden Fall immer lange geschmollt.

Er schenkte ihnen beiden Rosé nach und hob dann sein Glas.

„Cheers“, sagte er. „Und auf gute Zusammenarbeit. Ist es okay, wenn ich dich Lisa nenne?“

„Darauf trinke ich, Tony“, erwiderte sie lächelnd.

Wie anders sie jetzt wirkt, dachte Tony. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen hatte er sie für unscheinbar gehalten. Vielleicht hatte sie ein wenig streng gewirkt in ihrem Business-Kostüm, mit den exakt geschnittenen blonden Haaren und der entschlossenen Miene. Inzwischen trug sie Shorts und eine lockere Bluse, in der ihre zierliche Figur besser zur Geltung kam. Aber es war vor allen Dingen ihre entspannte Haltung, die sie sympathischer wirken ließ.

„Erzähl mir mehr von dir“, forderte er sie auf. „Warum willst du ausgerechnet an einem Buch über einen Fußballspieler arbeiten, wenn du dich überhaupt nicht für den Sport interessierst?“

Sie atmete tief aus. „Schließlich muss ich von irgendwas leben, und du weißt selbst, London ist ein teures Pflaster.“

„Du machst das also regelmäßig? Du hilfst anderen Leuten, Bücher zu schreiben?“

„Genau“, antwortete sie, und ihm entging nicht, dass ihr Gesichtsausdruck dabei bedrückter wurde. „Mein letztes Projekt war zum Beispiel die Autobiografie einer Popsängerin. Ich vermute, dir sagt der Name Jenny Fletcher etwas?“

„Natürlich. Die habe ich sogar schon getroffen bei einer Benefizveranstaltung in Covent Garden. Die hat ja ein bewegtes Leben hinter sich. Ich schätze, es war nicht langweilig, das alles aufzuschreiben.“

„Nein, langweilig war das nicht. Aber es ist halt nicht meine Geschichte.“

„Und was für eine Geschichte würdest du lieber schreiben?“

Sie zögerte nicht mit einer Antwort. „Mein eigenes Buch. Mit meinem eigenen Namen auf dem Cover. Und mit Inhalten, für die ich wirklich brenne.“

„Verstehe“, sagte er. „Man nennt das aus gutem Grund Ghostwriter, nicht wahr? Und du möchtest nicht nur im Hintergrund als Geist herumspuken, sondern als eigene Person in Erscheinung treten.“

Sie nickte. „Und eines Tages werde ich das auch schaffen. Es könnte sogar sein, dass ich hier endlich eine Möglichkeit dazu gefunden habe … Vielleicht hat mich das Schicksal deshalb hierhergeführt.“

„Was meinst du damit? Ich dachte, du willst meine Geschichte eigentlich gar nicht schreiben.“

„Ich gestehe, ich mache mir nichts aus Fußball und den dazugehörigen Sportlern“, gab sie zu. „Aber als ich hergefahren bin, kam ich an einem Plakat vorbei, das eine Ausstellung in Uzes ankündigt. Sagt dir der Name Le Caporal etwas?“

Tony schüttelte den Kopf. „Noch nie gehört. Muss man den kennen?“ Wenn dem so sein sollte, hätte er gerade wieder eine peinliche Wissenslücke offenbart. Kunst, Literatur oder Opern, das war nicht seine Welt. Leider gab es genug Leute, die das unvorstellbar fanden, was sie ihn auch deutlich spüren ließen. Gehörte Lisa etwa dazu? „Nicht unbedingt, er ist eher ein Insider-Tipp“, antwortete sie lächelnd. „Aber es könnte sein, dass sich das bald ändert. Und ich kann eventuell dazu beitragen! Ich muss irgendwie an ihn herankommen und ihn davon überzeugen, dass ich ein Buch über ihn schreiben kann. Das wäre genauso ein Projekt, wie ich es immer wollte.“

„Tatsächlich?“, rief Tony überrascht aus. „Wo kann man denn seine Bilder sehen?“

„Es sind nicht unbedingt Bilder im klassischen Sinn. Sein augenblickliches Thema ist die Beziehung des Menschen zu seiner Kleidung. Deswegen verarbeitet er Textilien zu dreidimensionalen Werken, mit denen er zeigen will, wie das Äußere des Menschen mit seinem Inneren zusammenhängt.“

Tony runzelte die Stirn. „Klingt irgendwie sehr kompliziert. Warum malt er nicht einfach die Menschen mit dem, was sie tragen?“

„Weil er der Meinung ist, das würde zu wenig darüber aussagen, was dem Menschen seine Kleidung bedeutet“, erwiderte sie ohne zu zögern. „Er hat dazu ein Interview gegeben, das ich sehr spannend fand. Es ist im Guardian erschienen.“

„Ich habe auch schon Interviews gegeben“, sagte er. „Aber das kann man doch nicht so ernst nehmen. Die Leute fragen was, und man antwortet das Erste, was einem durch den Kopf schießt. Vor allem direkt nach dem Spiel sagt man dann Sachen, die man sich gar nicht so genau überlegt hat.“

„Ich glaube nicht, dass sich das miteinander vergleichen lässt“, erwiderte Lisa. „Wenn jemand wie Le Caporal, der sich sonst von der Außenwelt abschirmt, ein solches Interview gibt, dann möchte er sehr bewusst etwas über seine Kunst mitteilen. Und mich hat das so fasziniert, dass ich mehr darüber wissen will. Ich glaube, ich habe irgendwann einmal gelesen, dass er hier ganz in der Nähe wohnt. Ich würde gerne sein Atelier besuchen und zuschauen, wie er arbeitet. Wenn ich ihn überzeugen kann, mich dieses Buch über ihn zu schreiben zu lassen, dann hätte ich endlich die Möglichkeit, mir in einem Bereich, der mir wichtig ist, einen Namen zu machen.“

Jetzt blitzten ihre Augen wieder wie vorhin, stellte er fest. Nur dass sie dieses Mal nicht empört war, sondern total begeistert von ihren Plänen. Es war eine Begeisterung, die er in gewisser Weise nachvollziehen konnte, er musste nur das Ziel ‚Buch schreiben‘ durch ‚Meisterschaft gewinnen‘ ersetzen.

„Woher kommt dieses Interesse an moderner Kunst?“, fragte er. „Ich meine, ich habe immer Fußball gespielt, das taten alle Kinder dort, wo ich herkomme. Aber moderne Kunst – das macht ja nun nicht jeder. Kannst du gut malen?“

Jetzt lachte sie laut. „Nein, ich kann weder gut malen noch schön singen, ich kann nur Dinge in Worte fassen. Aber bei uns zu Hause gehören Kunst und Kultur einfach mit zum Leben, weißt du. Mein Vater ist Universitätsprofessor für klassisches Englisch in Cambridge, und meine Mutter ist Feuilleton-Chefin beim Guardian. Deswegen wurde ich auch auf dieses Interview aufmerksam.“

„Also hast du dieses ganze kulturelle Gedöns quasi mit der Muttermilch aufgesogen“, folgerte er. „Das ist natürlich was anderes. Das gab’s bei uns nicht.“

„Es kann aber auch ganz viel Druck produzieren“, sagte sie leise. „Genau genommen ist mein Leben irgendwie das genaue Gegenteil von deinem. Ich weiß, dass du dich aus einfachen Verhältnissen hochgekämpft hast und jetzt in deinem Bereich richtig erfolgreich bist. Und ich bin in eine wohlhabende, intellektuell anspruchsvolle Familie hineingeboren worden und habe es bisher nicht geschafft, ihren Ansprüchen gerecht zu werden.“

Eine Sekunde lang schwieg Tony betroffen. Die Offenheit, mit der sie ihre Situation beschrieb, berührte ihn. Und die Tatsache, dass eine scheinbar so privilegierte Person mit sich so unzufrieden war, ließ ihn ebenfalls nicht kalt.

Erneut ergriff er sein Glas. „Ein neuer Trinkspruch“, schlug er vor. „Darauf, dass wir beide unsere Ziele erreichen!“

Ganz leicht stieß sie ihr Glas gegen seins, sodass ein heller Ton erklang. „Wann fangen wir an?“

Tony dachte kurz über seinen täglichen Trainingsplan nach. „Sagen wir morgen früh um halb elf? Dann bin ich mit der ersten Runde im Kraftraum durch.“

„Perfekt. Das gibt mir genug Zeit, um vorher noch in den großen Carrefour zu fahren, den ich auf dem Hinweg gesehen habe.“

„Du musst nicht selbst einkaufen“, versicherte er. „Dafür ist Madame Odile zuständig.“

„Ich brauche keine Lebensmittel, sondern einen Badeanzug“, stellte sie klar. „Dein großer Pool lockt mich total.“

„Und dafür fährst du in einen Supermarkt? Solltest du den nicht lieber in einer Boutique kaufen?“

„Viel zu umständlich.“ Sie lachte. „Und vermutlich zu teuer. Ich will ja nicht auf einer Strandpromenade flanieren, sondern nur ein bisschen schwimmen. Da tut es auch ein praktischer Einteiler aus dem Supermarkt.“

Übermütig zwinkerte er ihr zu. „Warten wir es ab! Wenn er sich im Wasser auflöst, bin ich schließlich der Erste, der es mitbekommt!“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, auch in dem Fall gibt es nicht viel zu sehen.“

Das wäre Ansichtssache, dachte Tony. Inzwischen hatte er den Eindruck, dass die kommenden Tage nicht nur negative Überraschungen bereithalten könnten …

3. KAPITEL

Lisa hatte ihren Wecker zeitig gestellt, um vor dem großen Andrang zum Supermarkt zu fahren, den sie bei der Herfahrt gesehen hatte. Es war noch ganz still, als sie das Haus verließ, und erfrischend kühl. Aber der Himmel, wolkenlos und von einem so intensiven Blau, wie man es in London selten sah, verriet bereits, dass der Tag wieder heiß werden würde.

Es gelang ihr, in dem gut sortierten Markt einen dunkelblauen Badeanzug zu erwerben, und sie kehrte gut gelaunt zu Tonys Anwesen zurück. Jetzt wäre ein Kaffee das Richtige.

In der Küche traf sie Madame Odile, die gerade dabei war, einige dunkel glänzende Auberginen für ein Ratatouille vorzubereiten. „Kaffee?“, fragte sie und schwenkte einladend eine Kanne. „Und natürlich ein frisches Croissant dazu.“

„Ich glaube, Sie können Gedanken lesen.“ Dankbar setzte Lisa sich an den Küchentisch. Im Nu stand eine dampfende Steinguttasse vor ihr. Das Croissant dazu schien noch warm zu sein.

„Wissen Sie, ich bin seit Jahrzehnten Haushälterin“, erwiderte Odile. „Und da lernt man, dass die meisten Leute morgens nichts gegen Kaffee einzuwenden haben.“

„Stammen Sie hier aus der Gegend?“, fragte Lisa interessiert.

„Ich bin hier geboren und aufgewachsen.“

„Dann wissen Sie vielleicht, ob hier ein Künstler lebt, der sich Le Caporal nennt?“

Schlagartig trat ein abschätziger Ausdruck auf Odiles Gesicht. „Der Spinner, der die vielen Klamotten sammelt? Ja, der wohnt gar nicht weit weg von hier. Hat eine leer stehende Seidenfabrik gekauft, die La Magnanerie. Liegt an der Straße nach Uzes. Man kann es nicht verfehlen, es ist das ungepflegteste Stück Land in der ganzen Gegend.“

Lisa hob überrascht den Kopf. Es war eindeutig, dass Odile nicht viel von dem Mann hielt. „Kennen Sie ihn persönlich?“

„Nicht wirklich.“ Odile schüttelte vehement den Kopf. „Aber darauf lege ich auch keinen Wert. Der ist nicht sehr beliebt bei den Leuten hier. Alle sagen, er ist egoistisch, überheblich und unhöflich. Zum Glück lebt er ziemlich zurückgezogen.“

Vielleicht hat das eine ja mit dem anderen zu tun, dachte Lisa. Künstler waren nun mal oft sehr ungewöhnliche Menschen. Für sie waren Odiles Informationen jedenfalls Gold wert. Jetzt wusste sie, wo Le Caporal wohnte! Und jetzt müsste sie nur noch von ihrem Boss grünes Licht bekommen – und sie könnte ihr eigenes Projekt neben dem Abschluss von Tonys Buch vorantreiben.

Beschwingt verließ sie die Küche. Weil der Pool leer und verlassen dalag, beschloss sie, vor ihrer ersten Arbeitssitzung mit Tony ein paar Bahnen zu schwimmen.

Sie hatte den Badeanzug im Laden nicht anprobieren können und war deshalb froh, dass er einigermaßen passte. In ihrem großen Spiegel erkannte sie, dass er ihr nicht besonders gut stand – ihre spärliche Oberweite wurde regelrecht flachgedrückt –, aber er würde seinen Zweck erfüllen, und wenn sie erst mal wieder in London war, brauchte sie ihn sowieso nicht mehr.

Das Wasser war sehr angenehm; es kam ihr wie der reine Luxus vor, dass sie ganz allein in diesem riesigen Schwimmbecken ihre Bahnen ziehen konnte. Die öffentlichen Schwimmbäder daheim waren immer voller Menschen gewesen, genau wie der Strand von Brighton, an den sie während ihrer Studienzeit gelegentlich mit einer Freundin gefahren war und wo sie sich regelmäßig einen Sonnenbrand geholt hatte. Das hier jedoch war etwas völlig anderes.

Der Pool war so lang, dass sie nach zehn Bahnen bereits völlig erschöpft war. Mir fehlt die Kondition, dachte sie, als sie aus dem Wasser stieg. Sofort schoss ihr das Bild von gestern durch den Kopf: Tonys Körper, der mit der Eleganz eines Delfins durch das Wasser glitt. Es hatte so leicht ausgesehen, aber ihr wurde klar, dass er nicht zufällig so muskulös war. Sie nahm sich vor, ab sofort diesen Pool regelmäßig zu nutzen, um auch für ihre eigene Fitness etwas zu tun.

Aber erst mal hieß es, an die Arbeit zu gehen. Sie duschte kurz, zog sich um, holte ihren Laptop und setzte sich auf die Terrasse, wo auch Tony kurze Zeit später erschien, gefolgt von Odile, die ihnen einen Glaskrug mit einem eisgekühlten Getränk servierte – selbst gemachte Limonade mit Grapefruit und Minze, sehr erfrischend und nicht zu süß.

„Wo möchtest du anfangen?“, erkundigte er sich. „Willst du chronologisch vorgehen und dir erst mal die zu Tränen rührende Geschichte meiner Kindheit anhören?“

„Ich frage mich, warum du das in einem so sarkastischen Ton sagst“, erwiderte sie. „Bei allem, was ich inzwischen darüber weiß, war deine Kindheit ja wirklich nicht so lustig, oder? Aber du hast geschafft, das hinter dir zu lassen.“

Er setzte sich ihr gegenüber und starrte erst einmal eine Weile schweigend auf die Bäume im Garten. „Nein“, sagte er schließlich, „lustig ist was anderes. Ich weiß nicht, was sich mein Vater dabei gedacht hat, ein siebzehnjähriges Mädchen zu schwängern und dann im Stich zu lassen.“

„Weißt du mehr über ihn?“, fragte Lisa vorsichtig. „Wir müssen ja nicht alles schreiben, aber es würde mich schon interessieren.“

„Er kam aus Nigeria und hieß Anthony, genau wie ich. Ich nehme mal an, dass meine Mutter total verliebt in ihn war, sonst hätte sie mir vermutlich nicht seinen Namen gegeben. Aber ich habe ihn nie kennengelernt.“

„Hast du ihn gesucht?“

Er zögerte kurz mit der Antwort. „Ich habe immer wieder darüber nachgedacht“, sagte er schließlich. „Aber als ich ihn gebraucht hätte, war er nicht da. Und später brauchte ich ihn nicht mehr. Es gibt Leute, denen ich definitiv mehr verdanke.“

„Wem zum Beispiel?“

„Ich glaube nicht, dass dir der Name Graham Norton was sagt“, antwortete er. „Ein fabelhafter Spieler und ein noch viel fabelhafterer Mensch, der leider total in Vergessenheit geraten ist.“

„Erzähl mir mehr von ihm“, forderte sie ihn auf. „Das könnte ja auch ein interessanter Aspekt sein. Was hast du mit ihm zu tun?“

„Ohne ihn gäbe es meine Karriere nicht.“

Lisa lächelte. „Das ist mir immer noch ein wenig zu ungenau. Fangen wir mit der Person an. Graham Norton. Was müsste ich über ihn wissen? Kann ich ihn bei Wikipedia finden?“

„Das hoffe ich doch! Er war lange Zeit Außenstürmer bei Arsenal. Weil er selbst aus sehr einfachen Verhältnissen kam, war ihm immer wichtig, etwas für die Nachwuchsförderung zu tun. Heutzutage würde er vielleicht das Ganze über eine große Organisation abwickeln. Aber damals steckte er einfach immer wieder Geld in örtliche Sportvereine, damit Kinder wie ich wenigstens ein paar vernünftige Fußballschuhe bekamen, vielleicht ein Trikot oder einen Satz Bälle für die Mannschaft.“

„Hast du ihn jemals getroffen?“

Tony schaute nachdenklich in die Ferne. „Ein einziges Mal“, erwiderte er. „Er kam damals in das Jugendzentrum, in dem ich mich manchmal herumtrieb, und hat einen Vortrag gehalten darüber, wie man ein guter Fußballer werden kann. Sein Credo war, dass man hart arbeiten muss und sehr viel Disziplin braucht, um es zu etwas zu bringen.“

„Mir scheint, das hast du übernommen“, bemerkte Lisa.

„Könnte sein.“ Er lachte, aber es klang ein wenig bitter. „Harte Arbeit und Disziplin waren damals neu für mich. Etwas, dass es bei uns nicht unbedingt gab. Die meisten Leute in unserer Siedlung waren arbeitslos und ließen sich durch den Tag treiben. Und dann kam plötzlich dieser Mann daher und erklärte uns, dass wir es schaffen können, wenn wir es wirklich wollen. Das ist bei mir hängen geblieben.“

„Lebt Graham Norton noch?“

Tony schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht. Das ist das Tragische an der Geschichte. Er hat so viel bewegt. Aber für sich selbst hat er nicht genug getan. Als Spieler verdiente man damals längst nicht so viel wie heute. Vermutlich wurde er zudem betrogen, was weiß ich. Jedenfalls starb er vor ein paar Jahren in sehr ärmlichen Verhältnissen.“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Hätte ich das rechtzeitig mitbekommen, ich hätte ihn da rausgeholt. Aber leider habe ich es erst erfahren, als er schon tot war.“

„Das tut mir leid“, sagte sie leise. „Es hört sich an, als wäre dieser Mann dein großes Vorbild.“

„In gewisser Weise ja“, antwortete er. „Harte Arbeit und Disziplin, das habe ich mir gemerkt. Und ich habe mir vorgenommen, dass ich nicht so enden will. Es war schlimm genug dort, wo ich herkomme, da will ich nie wieder hin zurück, verstehst du das?“

„Ich denke schon“, sagte Lisa. „Arbeitest du deswegen so hart an deiner Fitness?“

„Was soll ich denn sonst tun?“, gab er zurück. „Ich bin noch zu jung, um mich zur Ruhe zu setzen. Ich will wieder spielen. Es gibt noch so viel, was ich erreichen möchte.“

Lisa nickte entschlossen. „Da bin ich voll bei dir, Tony. Das geht mir ganz genauso. Also lass uns etwas richtig Gutes aus diesem Buch machen, denn das hilft uns schließlich beiden.“

Tony nickte und schaute auf seine Uhr. „Machen wir heute Nachmittag weiter? Gleich kommt Kevin für eine Physio-Einheit.“

„Kein Problem.“ Sie klappte ihren Laptop zu. „Sag mal, wie weit ist es bis Uzes?“

„Bis ins Zentrum fährst du ungefähr zwanzig Minuten. Aber das wird heute vielleicht etwas knapp. Samstags ist nämlich Markt in der Stadt, da ist es schwierig mit dem Parken.“

„Es geht mir nicht um den Markt“, erklärte Lisa. „Morgen ist die Eröffnung der Ausstellung, von der ich dir erzählt habe. Und die will ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.“

„Tatsächlich? Den Künstler wolltest du gern kennenlernen, nicht wahr?“

„Mir scheint, das ist ein Wink des Schicksals. Ich wäre bescheuert, wenn ich da nicht hinfahren würde.“

Tony räusperte sich. „Äh … Hättest du etwas dagegen, wenn ich mitkomme?“

Ruckartig hob sie den Kopf. „Du willst mit mir zu einer Kunstausstellung gehen?“

„Na ja“, sagte er ein wenig verlegen. „Ich könnte es mir zumindest mal ansehen. Es muss mir ja nicht gefallen. Außerdem kannst du mich auf der Fahrt dahin weiter interviewen. Dann schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.“

Sie lachte. „Okay.“ Einverstanden. Aber vorher sehen wir uns heute Nachmittag um vier.

Tony stand auf und wandte sich zum Gehen.

„Eine Frage hätte ich direkt noch“, rief Lisa ihm hinterher. „Du hast doch ein Tattoo auf deiner Schulter … Ich konnte es nicht gut erkennen, aber es sieht aus wie ein Diamant.“

„Stimmt genau. Ein Diamant.“ In einer für ihn typischen fließenden Bewegung zog er sich das T-Shirt über den Kopf und ließ sie einen genaueren Blick auf seine Schulter werfen. Die Tätowierung schimmerte auf seiner Haut.

„Hat das Motiv eine besondere Bedeutung für dich?“

„Allerdings.“ Er zog sich das Shirt wieder an. „Weißt du, wie ein Diamant entsteht? Er wird mit ungeheurem Druck zusammengepresst. So wird er zu einem Edelstein. Sonst wäre er nur ein Häufchen wertloser Kohlestoff. Und das möchte ich nie vergessen.“

„Du glaubst, dass das auch auf dich zutrifft?“

„Ich weiß es“, erwiderte er und ging ins Haus.

Lisa schaute ihm hinterher, während sie über seine Erklärung nachdachte. Der Gedankengang hatte sie überrascht. Besaß dieser Sportler doch mehr Tiefgang, als sie anfangs gedacht hatte?

4. KAPITEL

Tony hatte sich gerade die Schuhe angezogen und testete, ob er seinen linken Fuß schon wieder ohne Schmerzen belasten konnte, als Gary anrief.

„Guten Morgen, mein Lieber, ich bin in Amsterdam angekommen und habe bereits mit verschiedenen Leuten gesprochen“, sagte sein Manager, „aber das erzähle ich dir später. Ich wollte mal hören, wie die Lage ist. Ich hoffe, ihr habt euch nicht inzwischen die Köpfe eingeschlagen?“

„Im Gegenteil“, erwiderte Tony. „Eigentlich läuft es ganz gut. Wir haben uns darauf geeignet, uns immer zwischen meinen Einheiten zu treffen, und sie stellt mir Fragen und schreibt sich Stichworte auf. Hoffentlich kann sie damit genug anfangen, denn je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Lust habe ich, diesen ganzen Kram selbst aufzuschreiben.“

„Nein, dafür ist sie ja da“, beruhigte Gary ihn. „Gib ihr genug Stoff zum Bearbeiten, dann ist sie bald wieder weg und nervt dich nicht länger. Und wie geht es mit deinem Fuß voran?“

„Langsam“, gestand Tony mürrisch. „Ich merke leider immer noch was, aber ich hoffe mal, das wird sich bald bessern.“

„Es sind ja noch einige Wochen hin, bevor das Training für die neue Saison anfängt“, tröstete Gary ihn. „Wenn die EM überstanden ist, wollen alle erst mal Urlaub machen. Und ich schätze, das gibt dir ausreichend Zeit, um wieder richtig auf dem Damm zu sein. Ich habe jedenfalls alle erst mal beruhigt und gesagt, dass du Ende August wieder auf dem Platz stehen kannst.“

„Das hoffe ich auch“, sagte Tony. „Kevin ist recht zuversichtlich, und er kennt sich gut mit solchen Verletzungen aus.“

„Schön, schön“, rief Gary. „Dann sei schön brav und mach keine Dummheiten.“

„Werde ich nicht“, versicherte Tony. Aber insgeheim fragte er sich schon, ob es nicht eine Dummheit war, Lisa zu einer Kunstgalerie zu begleiten. Schließlich hatte er ja keine Ahnung von so etwas. Und mehr Zeit als notwendig sollte er mit der hübschen Engländerin lieber nicht verbringen.

Aber nun kam er aus der Nummer nicht mehr raus. Zügig beendete er das Gespräch und machte sich auf den Weg nach unten.

Lisa stand schon in der Eingangshalle und wartete auf ihn. Sie trug ein dunkelrotes Kleid mit einem schwingenden Rock, das ihr gut stand. Sie schien sogar schon etwas Farbe bekommen zu haben, auch wenn sie erst zwei Tage hier war.

„Können wir fahren?“, fragte sie und schwenkte ihren Mietwagenschlüssel. „Ich glaube, ich muss noch tanken.“

Seine Laune besserte sich wieder. „Heute nicht“, sagte er und holte seinen eigenen Autoschlüssel aus der Tasche. „Heute lassen wir das Kätzchen endlich mal wieder auf die Straße.“

Lisa war noch nie in einem offenen Sportwagen mitgefahren, und schon gar nicht in einem Jaguar. Zuerst war sie ein wenig skeptisch gewesen, ob Tony mit seinem verletzten Fuß schon wieder Auto fahren sollte, aber er hatte sie beruhigt. „Es ist ein Automatikgetriebe, und da brauche ich den linken Fuß nicht.“

Als sie jetzt durch die links und rechts mit Platanen bestandenen Alleen fuhren und der Fahrtwind durch ihr Haar wehte, bedauerte sie die Entscheidung überhaupt nicht mehr. „Irgendwie hat es ja was Dekadentes“, sagte sie. „Man fühlt sich wie ein Filmstar in diesem Auto.“

„Das Cabrio habe ich mir von meinem ersten Premier-League-Gehalt gekauft“, erzählte Tony stolz. „Das war schon als Kind mein Traum. Damals kam irgend so ein Politiker in unser Viertel und hat große Reden geschwungen, was er alles besser machen würde, wenn er unsere Stimmen bekäme. Keine Ahnung, ob er je ins Parlament gewählt wurde. Für meine Mutter und unsere Nachbarn hat sich jedenfalls nichts gebessert. Aber das Auto ist mir in Erinnerung geblieben. So einen Wagen wollte ich auch mal haben – dabei war der Gedanke absolut utopisch.“

„Und dann war der Jaguar der Beweis dafür, dass du es doch geschafft hast?“

Er schwieg einen Moment, bevor er antwortete. „Ja, vermutlich. Weißt du, inzwischen kann ich mir ja eine Menge leisten, aber ich glaube, ich hatte nie wieder so ein Gefühl wie damals, als ich die Autoschlüssel ausgehändigt bekam.“

„So wie ein Traum, der endlich wahr wird?“ Sie stellte sich vor, wie ihr Traum aussah: ein Buchcover, auf dem der Name ‚Lisa Forrester‘ als Autorin stand.

„Irgendwie schon.“ Lächelnd nickte er. Dann wurden seine Züge plötzlich wieder härter. „Allerdings bin ich niemals damit auch nur in die Nähe von Brixton gefahren.“

„Warum nicht?“, fragte sie erstaunt. „Hättest du das für Angeberei gehalten?“

„Na ja“, erwiderte er, „als der Politiker wieder in sein Auto stieg, hatte es dank meiner Kumpel Jem und Darren ein paar üble Kratzer im Lack. Für die war so ein Jaguar kein Traum, sondern eine Provokation. Ich konnte sie nicht davon abhalten.“

Lisa schluckte. „Für mich hört es sich so an, als ob du das schon damals anders gesehen hast.“

Tony zuckte mit den Schultern. „Nun interpretier bloß nicht zu viel in die Tatsache, dass ich nicht bei jedem Vandalismus mitgemacht habe.“

Sie schwieg nachdenklich. Im Grunde hatte sie keine Vorstellung davon, wie seine Kindheit ausgesehen hatte – deutlich anders jedenfalls als ihre in einer intakten Mittelstandsfamilie. Sie beschloss, dieser Geschichte jetzt nicht weiter nachzugehen. Schließlich war das hier kein offizielles Interview.

Außerdem war sie selbst ein bisschen nervös. Immerhin hing für sie einiges davon ab, wie die Veranstaltung heute verlief. Sie hatten jetzt den Stadtkern von Uzes erreicht, der ihr für einen Sonntag recht belebt erschien. Die Cafés, die die von Bäumen beschattete Ringstraße rund um das Zentrum flankierten, waren gut besucht, und auf der Straße selbst war auch viel Betrieb.

„Das ist ja fast wie ein Autokorso“, stellte Lisa fest, nachdem sie immer wieder die bewundernden Blicke wahrgenommen hatte, die hauptsächlich dem Jaguar galten.

Tony lachte. „Ja, ich glaube, manche Leute betrachten es so. Wenn man hier sitzt und einen Kaffee trinkt, kommen die interessantesten Fahrzeuge vorbei.“

„Dabei finde ich die Stadt selbst viel interessanter! Jeder Blick in eine der Gassen verspricht etwas Neues.“

„Deswegen musst du unbedingt noch mal herkommen“, schlug er vor. „Uzes hat nicht nur eine tolle Atmosphäre, sondern wohl auch eine lange Geschichte. Jemand hat mir erzählt, es wäre das älteste Herzogtum von Frankreich.“

„Zum Glück bin ich ja noch bis nächsten Sonntag hier“, erwiderte sie. „Da wird sich hoffentlich eine Gelegenheit ergeben.“

Tony verließ den Altstadt-Ring und bog kurze Zeit später auf einen Parkplatz in der Nähe eines großen fabrikartigen Gebäudes ab.

„Immerhin muss ich mir hier keine großen Sorgen machen, dass sie mir den Jaguar klauen“, bemerkte er heiter, während er zwischen einer eleganten Limousine und einem ebenso teuer aussehenden Geländewagen parkte. „Hier gibt es deutlich Besseres zu holen.“

Lisa sah sich um. „Diese Veranstaltung ist größer, als ich dachte“, musste sie zugeben. „Vermutlich wird es schwierig, überhaupt an den Künstler heranzukommen.“

„Du meinst, weil sich hier das gesamte Bildungsbürgertum der Region trifft?“ Zweifelnd schaute er an sich herunter. „Bin ich vielleicht ein wenig underdressed für so einen Event?“

Lisa musterte seinen athletischen Körper, der in einem schlichten schwarzen T-Shirt und schwarzen Jeans steckte. Dieser Mann könnte anziehen, was er wollte, er würde immer gut aussehen. Seine selbstbewusste Haltung, seine geschmeidigen Bewegungen … er brauchte keine Designerklamotten, um attraktiv zu wirken. Intuitiv stellte sie sich vor, er würde seinen Arm um sie legen und …

Hör auf, an so was zu denken, schalt sie sich selbst. Du bist wegen deines Jobs hier und wegen nichts anderem.

„Da habe ich keinerlei Bedenken“, beantwortete sie seine Frage.

Er grinste. „Na dann los!“

Was Tony in der zum Kulturzentrum umgebauten Fabrikhalle sah, erinnerte ihn sehr an ähnliche Veranstaltungen, zu denen sein Fußballklub gelegentlich einlud und bei denen die Spieler zur Teilnahme verpflichtet waren. Gepflegt aussehende ältere Männer in dunklen Sakkos begleiteten aufwendig gestylte Damen aller Altersgruppen. Viele davon kannten sich bereits und begrüßten einander überschwänglich im Eingangsbereich, ohne Rücksicht darauf, ob sie anderen den Weg versperrten oder nicht.

Immerhin verschafften ihm seine Größe und seine antrainierte Präsenz einen Vorteil, denn die Menschen machten ihm bereitwillig Platz, sodass er Lisa problemlos in das Innere des Gebäudes führen konnte. Er hatte damit gerechnet, dass ähnlich wie in einem Museum großformatige ...

Autor

Rona Wickstead
Geschichten über menschliche Beziehungen gehören zu Rona Wicksteads Leben wie die Luft zum Atmen, vor allem wenn sie zu einem Happy End führen. Deshalb war es geradezu unausweichlich, dass sie irgendwann selbst begann, Romances zu schreiben – die natürlich an den traumhaften Orten spielen, zu denen sie mit ihrem Mann...
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Das Erfinden von Geschichten war schon immer eine Leidenschaft von Michelle Douglas. Obwohl sie in ihrer Heimat Australien bereits mit acht Jahren das erste Mal die Enttäuschung eines abgelehnten Manuskripts verkraften musste, hörte sie nie auf, daran zu arbeiten, Schriftstellerin zu werden.

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