Romana Extra Band 175

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WEIT WIE DER HIMMEL ÜBER DER CAMARGUE von LILY GREEN

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  • Erscheinungstag 01.08.2026
  • Bandnummer 175
  • ISBN / Artikelnummer 0801260175
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Lily Green, Tara Pammi, Juliette Hyland

ROMANA EXTRA BAND 175

Lily Green

PROLOG

Sommer 2013

„Wusstest du, dass Sterne Freunde haben?“, fragte Anouk und schaute verträumt in den Himmel hinauf. „Sie reisen meistens zu zweit oder in Gruppen.“

„Beneidenswert.“ Emmanuel seufzte und strich sich das wie immer zerzauste dunkle Haar aus der Stirn.

Anouks Magen flatterte, und sie wandte ihren Blick schnell wieder dem funkelnden Himmel über der Camargue zu. Mit Sternen kannte die Sechzehnjährige sich aus, im Gegensatz zu Gefühlen. Astronomie war erklärbar, ihr eigenes sonderbares Verhalten in Emmanuels Gegenwart nicht.

Es verunsicherte sie zutiefst, dass ihr Herz wie wild zu klopfen begann, wenn sie den äußerst attraktiven Jungen, der den Sommer mit seinen Eltern an der Küste verbrachte, sah. Am meisten gefiel ihr an ihm, dass es ihn tatsächlich zu interessieren schien, wenn sie wie so oft nicht aufhören konnte, über Astronomie zu reden.

Anouk liebte es, hinauf in das fast tiefschwarz wirkende Blau zu schauen. Meistens erinnerte der funkelnde Sternenhimmel sie an ihre verstorbenen Eltern. Kaum, dass sie laufen konnte, hatte ihr Vater sie mit zu der kleinen Sternwarte genommen, in der er arbeitete.

„Man nennt sie manchmal auch Doppelsterne“, platzte es aus ihr heraus. Es war nicht gerade eine ihrer besten Eigenschaften, dass sie ungefiltert Wissen von sich gab, wenn sie nervös war. In der Schule wurde sie deswegen oft von den anderen ausgelacht oder sogar verspottet. „Es passiert, wenn zwei oder drei Sterne denselben Schwerpunkt …“ Sie brach ab und schob ihre Hände in den selbst am späten Abend noch warmen Sand am Strand.

„Könnte ich doch auch ein Stern sein.“ Emmanuel legte den Kopf in den Nacken und schaute zum glitzernden Firmament hinauf.

Hier am Strand vor dem Städtchen Saintes-Maries-de-la-Mer war der Anblick der von der Erde aus gesehen geradezu winzig erscheinenden Himmelskörper umwerfend. Ganz anders als in Paris, wo es wegen all der Straßenlampen und Werbetafeln nie vollkommen dunkel wurde.

„Es wäre wundervoll, nicht immer allein zu sein“, flüsterte er rau.

Seine Stimme klang warm, und in derselben Sekunde spürte Anouk eine Fingerspitze, die zwischen den winzigen vom Meer polierten Körnchen zart ihre berührte.

Schlagartig fühlte sie sich wie elektrisiert. Ihr Mund wurde staubtrocken, als sie all ihren Mut zusammennahm und Emmanuel anblickte. Seine Augen, die normalerweise flüssigem Karamell glichen, wirkten im Dämmerlicht der hereinbrechenden Nacht fast so tief wie das Meer. Anouk spürte ihren Herzschlag bis in den Hals hinauf. Nie zuvor hatte ein Junge sie so sehr fasziniert wie der ein Jahr ältere Emmanuel.

„Ich könnte deine Freundin sein, wenn du magst“, murmelte sie beherzt und spürte, wie ihre Stimme heftig zitterte.

Ein Lächeln legte sich auf Emmanuels Lippen, und in ihr breitete sich dasselbe berauschende Gefühl aus, das sie sonst nur empfand, wenn sie auf eine besonders interessante Frage eine Antwort bekam.

„Nichts auf der Welt würde mir mehr bedeuten“, antwortete Emmanuel.

Anouk schluckte, als seine Finger durch den Sand hindurch zart über ihre strichen. Er hob ihre Hand an und drehte sie so, dass die Innenseite ihres Handgelenks nach oben zeigte. Mit dem Daumen strich er über die feinen Linien, die der Tätowierer für immer hineingestochen hatte.

Ihre Grand-mère Lorie hatte wie ein Rohrspatz geschimpft, als sie damit nach Hause gekommen war. Doch Anouk liebte das Tattoo, das sie stets an die Menschen erinnern würde, die ihr viel zu früh genommen worden waren.

„Was bedeutet es?“, murmelte Emmanuel mit rauer Stimme.

Anouk schluckte schwer. Es war gar nicht so leicht, einen vernünftigen Satz zustande zu bringen, da ihr der Kopf schwirrte und die Schmetterlinge in ihrem Magen so heftig flatterten.

„Das ist das Sternbild des Kranichs“, antwortete sie und lächelte den Jungen neben sich scheu an. In der Schule hielten die meisten Gleichaltrigen sie für einen Nerd und interessierten sich nicht für das schlaksige Mädchen mit den wilden blonden Locken und der riesigen Brille auf der Nase.

Unsicher riskierte sie einen Blick in sein bildschönes Gesicht mit dem dunklen Teint. Würde der attraktive Junge aus Paris sie auch links liegenlassen, sobald er herausfand, wie langweilig sie war?

„Wusstest du, dass man Kraniche auch Glücksvögel nennt?“ Emmanuel grinste sie an, wobei seine umwerfenden Grübchen zum Vorschein kamen.

Erleichterung breitete sich in Anouk aus. Lächelnd antwortete sie: „Nein, das wusste ich noch nicht.“ Glücklich ließ sie den Blick über den Strand bis hin zu den leise glucksenden Wellen gleiten.

„Mein Vater sagt immer, ich bin ein Klugscheißer.“ Verlegen biss Emmanuel sich auf die Lippen. „Was soll ich sagen, ich lese eben gern.“

Anouk drückte sanft seine Hand. Sie traute sich nicht, dem Jungen neben sich zu verraten, wie umwerfend sie diese Tatsache fand, denn auch sie liebte Bücher, doch ihr Inneres fühlte sich an, als wäre gerade eine Supernova an Gefühlen explodiert.

„Was wird dein Vater dazu sagen, dass du mit mir befreundet bist?“ Anouk wusste selbst nicht, warum sie mit aller Kraft die Stimmung zu zerstören versuchte. Vielleicht, weil es leichter war, als dieses allumfassende Glücksgefühl auszuhalten, das sich in ihr ausbreitete, als Emmanuels Finger zart ihre Hand umschlossen?

Was auch immer das hier werden könnte, es war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Schließlich hatte sie zufällig ein Gespräch zwischen dem Jungen, in den sie bis über beide Ohren verliebt war, und seinem Vater mitbekommen.

Jacques Guillemont hielt ganz und gar nichts davon, dass sein Sohn den ganzen Tag mit ihr umherstreifte. Der Modemogul hatte große Pläne für seinen Sohn, und darin kamen nur Geld und gewinnbringende Beziehungen vor.

Und selbst wenn Emmanuels Vater akzeptieren könnte, dass sein Sohn ein armes Mädchen aus der Provinz liebte, ihre Grand-mère würde niemals gutheißen, wenn sie mit einem Jungen zusammen war, der aus einer der wohlhabendsten Familien dieses Landes stammte.

„Ich werde den alten Griesgram ganz sicher nicht um Erlaubnis fragen.“

Emmanuels Mundwinkel kräuselten sich, und der Anblick seiner Grübchen ließ die vielen kleinen Schmetterlinge in Anouks Magen aufgeregt herumflattern.

Sie schluckte erneut gegen die Trockenheit in ihrer Kehle an, als seine Finger sich fest um ihre schlossen und er nun ganz offiziell ihre Hand hielt. Atemlos blickte sie ihn an.

Für einen Moment hatte sie das Gefühl, alles um sich herum viel intensiver wahrzunehmen. Das Rauschen der Wellen, die angenehme Meeresbrise auf ihren nackten Oberarmen und den frisch-herben Duft von Emmanuels Aftershave. Sein Gesicht näherte sich ihrem, und jeden Moment würden sie sich küssen.

Nie zuvor hatte Anouk sich etwas mehr gewünscht. Ihr Blick glitt glückselig zum Himmel hinauf.

„Eine Sternschnuppe!“, rief sie aufgeregt.

Emmanuel hob ebenfalls den Blick. „Wünsch dir was.“

Sein rauer Tonfall ließ einen wohligen Schauer ihren Rücken hinunterrinnen. Unverwandt schaute sie sein wunderschönes, ebenmäßiges Gesicht an. Am liebsten hätte sie mit den Fingern die Konturen nachgezeichnet. Emmanuel sah so schön aus, wie er da mit geschlossenen Augen im Sand saß.

Mit seinen teuren Klamotten passte der reiche Junge so ganz und gar nicht in ihre Welt, und dennoch fühlte es sich so an, als wäre er das letzte Puzzlestück, ihr zweites Ich, nach dem sie schon immer auf der Suche gewesen war.

Lächelnd öffnete er die Augen und ihre Blicke trafen sich.

„Was hast du dir gewünscht?“, fragte sie, wohl wissend, dass man dies nicht offenbaren durfte.

In seinen Augen blitzte es auf. Mit einer fließenden Bewegung beugte er sich vor, während er mit der freien Hand sanft über ihre Wange strich. Als wartete er auf ihre Erlaubnis, legte Emmanuel leicht den Kopf schief. Das Seufzen, das sie nicht unterdrücken konnte, schien ihm als Antwort zu reichen, denn nur eine Sekunde später berührten sich ihre Lippen zum ersten Mal.

Eine Kaskade an Sternen explodierte hinter Anouks Augen, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, vor lauter Glück zu verglühen. Nie zuvor hatte sie sich so stark und gleichzeitig so verletzlich gefühlt. Die Zeit blieb stehen, dehnte sich zu Stunden aus, während es ihr vorkam, als wäre nur ein Wimpernschlag vergangen, bis Emmanuels Mund sich von ihrem löste und er sie anschaute. Sein neckisches Grinsen raubte ihr erneut den Atem.

„Jetzt ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen.“ Verliebt sah er sie an.

Anouk war zu glücklich, um auch nur ein Wort herauszubringen. Stumm lächelte sie Emmanuel an. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken umher. Was, wenn sie wirklich zueinander gehörten, wenn sie wie zwei Sterne waren, die nicht gegen ihre Anziehungskraft ankamen?

Erneut beugte sich Emmanuel vor, um sie zu küssen, und in Anouk breitete sich ein allumfassendes Glücksgefühl aus. Hier und jetzt, in diesem Moment schien alles möglich zu sein.

1. KAPITEL

Elf Jahre später

„Unmöglich, das mache ich nicht!“ Mürrisch schaute Anouk ihre Grand-mère an. Sie war entsetzt. „Hast du nicht etwas anderes für mich?“, fragte sie, obwohl sie wusste, dass die Frau mit dem wie immer akkurat frisierten Dutt ihr niemals einen Job als Zimmermädchen vermitteln würde, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe. Schließlich war sie selbst es gewesen, die Lorie um einen weiteren Auftrag gebeten hatte, nachdem ihre Anstellung auf Zeit in der Eisdiele von Saintes-Maries-de-la-Mer beendet war.

„Leider nein, ma chérie, und wir wissen beide, dass du annehmen musst. Schließlich läuft es bei dir ja nicht gerade …“ Lorie Bernard brach den Satz ab und hob seufzend die Schultern.

Anouk zuckte zusammen. Die Wahrheit zu hören, tat weh. Auch wenn ihre Grand-mère recht hatte, mochte sie nicht daran erinnert werden, wie schlecht es um ihre Firma Cher Mariage stand. Vielleicht hätte sie doch Astronautin werden sollen, wie sie es als Kind vorgehabt hatte, denn damit hätte sie definitiv besser verdient als mit dem Planen von Hochzeiten.

Wenn sie nicht bald einen größeren Auftrag an Land zog, würde sie nicht länger als Hochzeitsplanerin arbeiten können. Um mit so einem Unterfangen Erfolg zu haben, hätte sie allerdings schon vor Jahren in eine größere Stadt ziehen müssen.

Trotzdem würde sie Lorie nicht verlassen. Schließlich war ihre Grand-mère die Einzige, die ihr bei der Erziehung ihrer Tochter Stella zur Seite stand. Also half Anouk die meiste Zeit in Lories Zeitarbeitsfirma aus, um Geld zu verdienen. Gleichzeitig träumte sie jede Nacht davon, dass eines Tages doch noch ein Wunder geschah und sie eine erfolgreiche und stets ausgebuchte Hochzeitsplanerin sein würde.

Lorie seufzte auf und schob sich die Lesebrille auf den Kopf, die an einem mit kleinen Perlen besetzten Band hing. Es war ihr deutlich anzusehen, wie sehr es sie bekümmerte, ihre Enkelin als Dienstmädchen in eines der schicksten Feriendomizile von Saintes-Maries-de-la-Mer schicken zu müssen.

„Marielle kann erst in ein paar Tagen … und Estelle ist diese Woche noch krankgeschrieben. Das wäre dann zu spät“, sagte Lorie grübelnd. „Wenn wir es nicht machen, wenden sie sich an jemand anderen und wir brauchen das Geld“, murmelte sie mehr zu sich selbst als an ihre Enkelin gewandt vor sich hin. Ihr Blick glitt zum Waschbecken aus Emaille, dessen Wasserhahn unablässig tropfte und dringend einen Handwerker benötigte.

Anouk wusste, dass es ihrer Grand-mère gegenüber nicht fair war, wenn sie noch länger Einwände erhob, denn letztendlich würde sie ja doch zustimmen.

„Maman!“

In diesem Moment wirbelte Stella, Anouks Tochter, in die Küche des kleinen Häuschens, in dem sie beide zusammen mit ihrer Grand-mère Lorie wohnten.

„Wie schön, du bist zurück!“ Stella beugte sich hinunter, um ihre Golden-Retriever-Hündin Sky zu streicheln, die sie wie immer schwanzwedelnd begrüßte.

„Du tust geradeso, als wäre ich tagelang weg gewesen, mon petit chou.“ Lächelnd zog Anouk die Kleine an sich. Und wieder einmal stellte sie erstaunt fest, dass sie sich mittlerweile gar nicht mehr bücken musste, um Stella einen Kuss auf den Scheitel ihrer dunklen Locken zu drücken.

Wie lange war es mittlerweile her, dass sie ihre Tochter auf den Armen in den Schlaf gewiegt hatte? Wenn sie darüber nachdachte, kam es ihr wesentlich länger als zehn Jahre vor.

Heute konnte sie sich gar nicht mehr vorstellen, wie viel Angst sie davor gehabt hatte, ein Kind zu bekommen. Allerdings war sie mittlerweile ja auch keine sechzehn mehr.

Ein Blick in den mit blauen und grünen Mosaiksteinen besetzten Spiegel, der über der Anrichte in der gemütlichen Wohn- und Essküche hing, sagte ihr, dass sie definitiv nicht mehr so jung war wie damals, als sie von ihrer ungeplanten Schwangerschaft erfuhr. Kritisch rümpfte sie bei ihrem Anblick die Nase und lockerte mit den Fingerspitzen ihre kurzen blonden Locken.

Aber immerhin war sie noch nicht so alt, dass sich die Suche nach einer grauen Strähne lohnte, wobei sie vielleicht sicherheitshalber am Ende des Sommers noch mal nachschauen sollte.

Niemand aus der kleinen Zeitarbeitsfirma Coup de main, die ihre Grand-mère Lorie gegründet hatte, arbeitete gerne für die Reichen oder les Snobs, wie sie hier in Saintes-Maries-de-la-Mer oft genannt wurden. Andererseits profitierten alle im Dorf von den Touristen, die bereits im Frühling die Ferienvillen rund um das kleine, malerisch gelegene Küstendörfchen bevölkerten. Dennoch genossen die Einheimischen die Ruhe sehr, die sich im Oktober, wenn die Saison sich dem Ende zuneigte, in den verwunschenen Gässchen und den kilometerlangen Sandstränden ausbreitete.

Gerade begann die Hochsaison für die zehn Mitarbeiterinnen von Coup de main. Auch wenn Lories Angestellte natürlich schon seit fünfzehn Jahren in den vielen Restaurants und Cafés rund um Saintes-Maries-de-la-Mer einsprangen, so fokussierte sich das Hauptgeschäft auf die unzähligen Ferienvillen rund um das romantische Küstenstädtchen.

Insgeheim wünschte Anouk sich oft, dass Hochzeitsplaner genauso dringend gebraucht würden wie Putzfrauen. Doch solange Dienstmädchen gefragter waren als jemand, der sich auf das Finden der perfekten Hochzeitslocation und das Kreieren einer passenden Tischdekoration spezialisiert hatte, würde sie wohl die Zähne zusammenbeißen müssen. Schließlich hatte sie eine Tochter, die sie ernähren musste.

Zum Glück blieben ihr immer noch das alte Teleskop ihres Vaters und die Sterne, die ihr Kraft und Mut gaben, jeden Tag aufs Neue weiterzumachen. Sosehr sie ihre Eltern auch vermisste, der Blick in den Nachthimmel sagte ihr, dass sie nicht allein war. Zu gerne stellte sie sich vor, dass die Verstorbenen von dort nach unten auf sie blickten.

„Morgen komme ich dich wieder nach der Schule auf der Arbeit besuchen“, erklärte Stella und grinste sie verschmitzt an.

Für einen Augenblick blieb Anouks Blick an den charmanten Grübchen ihrer Tochter hängen, die deren Gesicht so ausdrucksstark machten und denen ihres Vaters so sehr glichen, dann blinzelte sie heftig und griff nach Baguette und Käse, um sie zusammen mit dem Salat für das gemeinsame Abendessen auf den Tisch zu stellen.

„Das geht leider nicht, chouchou.“ Anouk ging zur alten Vitrine aus dunklem Holz, um Teller und Gläser herauszuholen. „Mein Job in der Eisdiele ist vorbei. Bernadette ist seit heute aus der Elternzeit zurück.“ Bedauernd hob Anouk die Schultern und begann, den Tisch zu decken. Wohl wissend, wie traurig ihre Tochter diese Nachricht machen würde.

„Das heißt, es ist jetzt Schluss mit Eis ohne Ende?“ Theatralisch seufzend ließ Stella sich auf das alte, mit dunkelgrünem Samt bezogene Sofa fallen.

Amüsiert grinsten sie und Lorie sich an, während Stella ihre Handflächen fest auf die Stelle presste, an der sie ihr Herz vermutete. Es war dem Mädchen deutlich anzusehen, wie sehr es sie schmerzte, dass ihre Mutter nicht länger den ganzen Tag in einer Eisdiele arbeitete.

„Ich bin mir sicher, Phillipe wird dich auch weiterhin ausreichend mit gefrorenem Zucker in Sahne und Schokolade versorgen.“ Anouk unterdrückte ein Kichern beim Anblick ihrer vollkommen am Boden zerstörten Tochter.

Zwischen ihnen gab es schon seit Jahren permanente Diskussionen, ob Eis nun zu den Grundnahrungsmitteln zählte oder nicht. Ginge es nach ihrem Sprössling, würde die sich von nichts anderem ernähren.

„Du hast den Mann ganz schön um den Finger gewickelt“, fügte sie hinzu und ließ sich auf einen der altersschwachen Stühle am großen Eichentisch fallen, der die eine Hälfte des kleinen Raumes fast vollständig ausfüllte. Früher, als ihre Eltern noch lebten, hatten hier viel mehr Menschen gemeinsam ihre Mahlzeiten eingenommen. Heute, da nur noch sie drei in dem weiß getünchten Strandhaus wohnten, hätte ein kleinerer Tisch durchaus genügt.

„Ich würde sagen, es ist nicht nur Stella, die Phillipe gerne ausreichend mit Eis versorgen würde“, meldete sich nun auch Lorie schmunzelnd zu Wort und warf ihrer Enkelin einen bedeutungsvollen Blick zu.

Es war kein Geheimnis, dass der Besitzer der besten Eisdiele Saintes-Maries-de-la-Mers bis über beide Ohren in sie, Anouk, verliebt war.

„Warum gehst du nicht mal mit Phillipe aus, jetzt, da du nicht mehr für ihn arbeitest?“, stellte Lorie die Frage, auf die sie brannte, seit ihre Enkelin vor einem Jahr angefangen hatte, in der Eisdiele zu arbeiten, wie Anouk wusste.

„Ich mag Phillipe, aber ich weiß nicht …“, druckste sie herum. Sie wusste selbst nicht, warum ihr der Gedanke an ein Date derart schwerfiel.

„Du sollst ja auch nicht wissen, sondern Spaß haben“, schimpfte Lorie mit gespielter Strenge in der Stimme.

„Kannst du Phillipe bitte heiraten, Maman?“, fragte Stella mit einem heißhungrigen Funkeln in den Augen. „Dann könnten wir zu ihm ziehen“, fügte sie begeistert hinzu. „Stell dir mal vor, wir würden über einer Eisdiele wohnen.“

Die Stimme ihrer Tochter klang derart sehnsüchtig, dass Anouk laut auflachte.

„Ich überlege es mir“, erklärte sie ausweichend, in der Hoffnung, das Thema so beenden zu können. Sie wusste selbst, dass es eine gute Idee wäre, Phillipes unaufdringliches Werben zu erhören. Er war der perfekte Mann. Freundlich, zuvorkommend und großherzig. Außerdem sah er gut aus, war nicht viel älter als sie selbst und, was viel schwerer wog, er vergötterte Stella.

Phillipe machte keinen Hehl daraus, dass er nur zu gern die Vaterstelle bei ihrer Tochter annehmen würde. Anouk hätte nicht sagen können, warum sie zögerte. Klar, es war durchaus in Ordnung, eine Weile einem Mann, den man geliebt hatte, hinterherzutrauern, sich aber niemals wieder zu verlieben, war einfach erbärmlich.

Dabei war es nicht so, dass sie es nicht versucht hatte. In den letzten zehn Jahren war sie durchaus mit Männern ausgegangen. Hatte sogar ein-, zweimal einen One-Night-Stand mit einem der Feriengäste gewagt. Doch es war niemals dasselbe gewesen. Es hatte sich falsch angefühlt, und irgendwann hatte sie beschlossen, dass sie allein einfach besser dran war.

Wobei sie ja gar nicht allein war. Dankbar glitt ihr Blick von ihrer Tochter zu ihrer Grand-mère. Sie war Lorie zu tiefstem Dank verpflichtet, denn die hatte sie nach dem Tod ihrer Eltern nicht nur großgezogen, sondern ihr außerdem sehr geholfen, als sie mit sechzehn Jahren ungeplant schwanger geworden war.

Entschlossen straffte Anouk die Schultern. Hier an diesem Tisch saßen alle Menschen, die sie in ihrem Leben haben wollte, und ein Mann gehörte definitiv nicht dazu!

Das Wichtigste war, dass sie genug Geld verdiente, damit sie alle über die Runden kamen, und dass sie ihre eigene kleine Firma Cher Mariage nicht aufgeben musste. Schließlich kannte ihre Grand-mère den wahren Grund, wieso sie sich so gegen den Job als Dienstmädchen sträubte, ja nicht. Das Beste war, wenn Lorie weiterhin davon ausging, dass Anouk keine Lust hatte, für andere Leute zu putzen.

„Wann soll ich denn anfangen?“, fragte sie in der Hoffnung, so unauffällig das Thema wechseln zu können, und schnappte sich noch eine Scheibe des leckeren Baguettes.

„Habe ich das nicht erwähnt?“ Mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck griff Lorie nach der Glaskaraffe und schenkte sich noch etwas Wasser nach. „Morgen.“

„Wie bitte?“, fragte Anouk überrascht. Zu gern hätte sie sich noch ein oder zwei Tage vor der neuen Aufgabe gedrückt. Auch wenn sie wusste, dass sie sich diesen Luxus eigentlich nicht leisten konnte.

Ma pouc …“, setzte Lorie mit bekümmertem Gesichtsausdruck an.

Anouk bemühte sich um ein Lächeln. Sie wusste, dass ihre Grand-mère als Dienstleisterin nicht in der Position war, sich die Konditionen aussuchen zu können.

„Ach, du weißt doch, ich bin nur traurig, dass ich nicht heute schon anfangen kann“, erklärte Anouk lächelnd und zwinkerte Stella zu. „Jetzt muss ich stattdessen diese kleine Nervensäge hier ins Bett bringen.“

„Hey!“, protestierte ihre Tochter lachend.

Anouk betrachtete ihre geliebte Grand-mère. Trotz der heiteren Stimmung nach ihrem Witz wirkte Lorie immer noch bekümmert. „Weißt du, ob die Familie Guillemont die Villa mittlerweile verkauft hat?“, versuchte sie, unauffällig nähere Informationen einzuholen.

„Mit Sicherheit“, antwortete Lorie und kräuselte die Nase. „Warum hätten sie ‚La vie est belle‘ sonst so aufwändig renovieren lassen sollen? Außerdem waren sie seit zehn Jahren nicht mehr hier. Ein Verkauf war längst überfällig.“

„Elf“, rutschte es Anouk heraus. „Es waren elf Jahre“, fügte sie erklärend hinzu, als ihre Grand-mère fragend die Augenbrauen runzelte. Am liebsten hätte sie diese Aussage zurückgenommen. Es war keine gute Idee, in Lories Gegenwart auf ihre Vergangenheit mit der Familie Guillemont anzuspielen.

Ihre Grand-mère hatte stets akzeptiert, dass sie nicht sagen wollte, wer Stellas Vater war, dennoch war sie nicht dumm. Sie durch unbedachte Bemerkungen schlussendlich doch noch auf die richtige Fährte zu führen war keine gute Idee.

„Wer hat denn die Anfrage gestellt?“ Einerseits war das ein Versuch, von ihrer fatalen Äußerung abzulenken, anderseits wollte sie unbedingt mehr über ihre neuen Arbeitgeber herausfinden.

„Die Mail kam von einer Nathalie Laurent.“ Lorie zuckte die Achseln und griff nach einem Stück Brot. „Ich habe den Namen noch nie gehört. Du vielleicht?“

Anouk schüttelte verneinend den Kopf und schob mit der Gabel ihren Salat auf dem Teller herum. Vor Sorge war ihr der Appetit vergangen.

„Ich frage mich ja, warum die Familie Guillemont niemals wieder in ihr Ferienhaus zurückgekehrt ist.“

Lorie sprach damit die Frage aus, die sich die kleine Gemeinde von Saintes-Maries-de-la-Mer schon lange stellte und auf die Anouk die Antwort zu kennen glaubte.

„Wahrscheinlich sind wir für die feinen Herrschaften aus Paris einfach nicht gut genug“, schimpfte Lorie weiter, ohne Luft zu holen. „Schließlich sind wir hier ja nicht in Saint-Tropez.“ Sie stieß ein abfälliges Schnauben aus.

Anouk konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Dafür, dass ihre Grand-mère ihr Geld hauptsächlich mit diesen reichen Snobs verdiente, wie sie diese Leute abfällig nannte, hielt sie wirklich nicht besonders viel von ihnen.

„Himmel, Grand-mère.“ Mit einem gespielten Lachen verdrehte Anouk die Augen, obwohl sich ihr Magen schmerzhaft zusammenzog.

Allein bei dem Gedanken, „La vie est belle“ wieder zu betreten, wurde ihr übel. Sie hatte Lorie niemals die Wahrheit darüber gestanden, was damals in dem Sommer vor elf Jahren tatsächlich passiert war. Die ersten Jahre hatte Anouk in permanenter Angst gelebt, die Familie könnte in ihr Ferienhaus zurückkehren und es würde herauskommen, was sie getan hatte. Doch die Guillemonts hatten nie wieder den Sommer in der prunkvollen Villa in den Dünen verbracht und irgendwann war ihre Panik abgeebbt.

„Was ist mit dir, Maman?“ Fürsorglich legte die feinfühlige Stella eine Hand auf ihre.

„Nichts, chouchou“, antwortete Anouk beschwichtigend und bemühte sich um einen heiteren Tonfall. Elf Jahre lang hatte die Villa leer gestanden. Jetzt war sie offenbar verkauft worden und schon morgen würde sie wissen, an wen.

2. KAPITEL

Emmanuel Guillemonts Füße versanken tief im Sand. Er liebte das Gefühl, am Strand zu sitzen und zu spüren, wie sich die kleinen Körnchen an seine Zehen schmiegten. Wenn es nach ihm ginge, hätte er ewig so verharren können.

Es war so lange her, dass er am Meer gewesen war. Obwohl er mehr Geld besaß, als ein einzelner Mensch jemals hätte ausgeben können, hatte er schon ewig keinen Urlaub mehr gemacht. Es gab immer etwas, das wichtiger war. Ein Meeting oder eine Fashion Week, bei der er anwesend sein musste, denn seine Familie besaß eine internationale Modekette mit unzähligen Filialen auf der ganzen Welt.

Er atmete tief ein und aus. Seine Zunge kostete den leicht salzigen Geschmack auf den Lippen, den er so sehr mit dem Gefühl von Freiheit verband. Es war lange her, dass er so empfunden hatte. Dafür blieb in einem erfolgreichen Leben keine Zeit.

Das Rauschen der Wellen glich den Klängen der Entspannungsapp, die er sich letztens heruntergeladen hatte und die ihm half, abends nach einem langen Arbeitstag in den Schlaf zu finden.

Eine warme Stimme drang an sein Ohr. Sie klang wie das Flüstern des Windes, sodass ein heißer Schauer seinen Rücken hinunterrann. Wie lange war es her, dass er ihre Stimme gehört hatte? Überrascht drehte Emmanuel sich um.

Ihr warmes Lächeln fühlte sich an, wie nach Hause zu kommen.

„Anouk“, murmelte er mit rauer Stimme. Wie hatte er vergessen können, dass sie so wunderschön war? Sanft strichen ihre Fingerspitzen über seine Wange und er schaute sie unverwandt an. Wie hatte seine Jugendliebe überhaupt für so lange Zeit aus seinen Gedanken verschwinden können?

„Darling …“, stöhnte sie, als sie mit den Fingern der anderen Hand an seinem nackten Oberkörper hinunterstrich bis hin zu …

Mit einem Ruck setzte Emmanuel sich im Bett auf. Verwirrt schaute er sich um. Wo zur Hölle war er?

„Alles in Ordnung, Honey?“

Die leicht nasal klingende Frauenstimme ließ ihn erneut zusammenzucken. Verwirrt schaute er die Brünette neben ihm im Bett an, deren lange glatte Haare ihre nackten Brüste bedeckten. Er kniff die Augen fest zusammen und schüttelte den Kopf, doch augenblicklich war die Erinnerung da und er riss sie schnell wieder auf und schaute sich in seinem eigenen Schlafzimmer um.

„Es war nur ein Traum“, flüsterte er vor sich hin, wie um sich zu beruhigen.

„Scheint aber kein schlechter gewesen zu sein.“

Lasziv lächelnd schmiegte die Frau sich an ihn. Emmanuel rückte unwillkürlich ein Stück von ihr ab und betrachtete sie interessiert, während er sich daran zu erinnern versuchte, wie die exotische Schönheit in sein Bett gekommen war.

Langsam fiel es ihm wieder ein. Sie war eins der Models, das für den aktuellen Herbstkatalog posiert hatte. Jetzt erinnerte er sich. Genauso wie daran, dass er wohl den ein oder anderen Whiskey zu viel getrunken hatte. Unwillig schnalzte er mit der Zunge. Es sah ihm so gar nicht ähnlich, sich hemmungslos zu betrinken.

Allerdings wusste er ganz genau, was der Grund für sein unvernünftiges Verhalten war. Hätte sein Vater sich nicht einen anderen Ort aussuchen können, um sich nach seinem Herzinfarkt eine Auszeit zu nehmen? Nein, natürlich musste es ausgerechnet die kleine Stadt am Meer sein, in die er selbst am liebsten nie mehr zurückkehren würde.

Vielleicht lag es daran, dass er sich dem Tod so nahe gefühlt hatte, dass sein Vater plötzlich sentimental wurde und die Villa „La vie est belle“ schlussendlich doch nicht verkauft hatte.

Egal, was es war, Emmanuel hatte absolut keine Lust, nach Saintes-Maries-de-la-Mer zu fahren, um dort den Sommer mit seiner Familie zu verbringen. Außerdem gab es hier in Paris im Firmenhauptsitz von French Chic genug zu tun. Doch seine Mutter bestand darauf, dass er zu ihnen in die Camargue reiste.

Der Infarkt hatte seinem Vater gezeigt, dass auch seine Zeit endlich war. Nun wollte der Modemogul plötzlich rund um die Uhr bei der Familie sein, für die er in den Jahren zuvor kaum Zeit gefunden hatte. Seufzend griff Emmanuel nach seinem Handy.

„Ich muss leider los.“ Mit Bedauern in der Stimme wandte er sich an die wunderschöne Frau in seinem Bett. „Es tut mir leid.“

Ihr zu sagen, dass er nach seinem Traum überhaupt nicht in der Lage wäre, das fortzuführen, wozu sie ihn gerade hatte verführen wollen, verkniff er sich. Dafür war er zu überrascht darüber.

Warum hatte sein Unterbewusstsein ihn ausgerechnet mit dieser Erinnerung quälen müssen? So intensiv hatte er schon lange nicht mehr an Anouk gedacht. Erneut kniff er die Augen zusammen und schüttelte sich, um die Gedanken an die Vergangenheit zu vertreiben.

Er war ein durch und durch pragmatisch denkender Mann und kein Teenager mehr. Anouk Bernard war seine große Liebe gewesen, und sie hatte ihn betrogen. Doch das war mittlerweile über zehn Jahre her. Also absolut kein Grund, sentimental zu werden.

Das Schrillen seines Handyweckers riss ihn aus seinen Gedanken. Es war zwar noch sehr früh am Morgen, dennoch höchste Zeit, seine Sachen zu packen und sich für die mehr als acht Stunden lange Autofahrt fertig zu machen.

Natürlich hätte er auch einfach einen Privatjet chartern können, doch er freute sich auf die Zeit allein im Auto. Vielleicht konnte er so endlich mal für eine Weile abschalten. Eventuell versuchte er auch seine Ankunft in Saintes-Maries-de-la-Mer auf diese Weise noch ein wenig länger hinauszuzögern, aber es klang definitiv besser, sich zu sagen, dass er sich Zeit für sich nahm.

„Vielen Dank für die wundervolle Nacht.“ Lächelnd beugte er sich vor, um sich von der attraktiven Brünetten zu verabschieden, die mittlerweile ebenfalls aufgestanden war und sich angezogen hatte.

„Ich danke dir.“

Sanft strich sie mit der Fingerspitze über die Bartstoppeln an seinem Kinn. Er musste sich noch dringend rasieren, bevor er losfuhr.

„Sie muss wirklich etwas Besonderes sein“, fügte sie mit wissendem Lächeln hinzu.

„Wie bitte?“ Emmanuel zuckte bei ihren Worten zusammen.

„Die Frau, von der du im Schlaf geredet hast. Die, die du liebst.“

„Es gibt keine Frau“, erwiderte er heftiger als beabsichtigt. In den vergangenen Jahren hatte er keine Beziehung geführt, die länger als ein paar Monate gehalten hatte.

Sein One-Night-Stand stieß ein perlendes Lachen aus. „Wie auch immer, ich hoffe, du wirst glücklich.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und ging zur Tür.

„Ich bin übrigens schon jetzt sehr glücklich“, rief er ihr hinterher und wandte sich dem Badezimmer zu, als die Tür zu seinem Appartement ins Schloss fiel. Seufzend drehte er den Wasserstrahl der Dusche auf und wünschte sich, seine Reise läge schon hinter ihm.

Wenigstens war er sich absolut sicher, dass sein Traum von vergangener Nacht niemals Wirklichkeit werden würde. Garantiert lebte Anouk längst nicht mehr in Saintes-Maries-de-la-Mer. Seine Jugendliebe hatte nie in dem verschlafenen Küstenstädtchen bleiben wollen.

Was auch immer ihn in den nächsten Wochen erwartete, Anouk würde er jedenfalls nicht über den Weg laufen.

3. KAPITEL

„Ich würde Sie bitten, ab morgen mit einer ordentlichen Frisur zu erscheinen.“ Die Stimme der Hausdame Nathalie Laurent hatte einen schneidenden Unterton.

Die spindeldürre Frau, deren gestärkte Schürze mehr Autorität ausstrahlte als ein General, wirkte nicht gerade so, als freue sie sich, sie zu sehen. Insgeheim war Anouk alles andere als verwundert darüber, dass ihre Vorgängerin gekündigt hatte und aus Paris nicht mit nach Südfrankreich gekommen war.

Verzweifelt betrachtete sie sich in dem bodentiefen Spiegel in der weitläufigen Eingangshalle der Villa „La vie est belle“. Wie sie neben Madame Laurent stand, hätten sie beide auch zum Cast von Downton Abbey gehören können.

Die Kleider aus dunklem, festem Stoff waren nicht nur unbequem, das Oberteil, das einer Korsage glich, schnitt ihr regelrecht die Luft ab. Dafür war der ausgestellte Rock recht kurz geraten und reichte gerade so bis knapp über die Knie. Abgerundet wurde dieses Outfit des Grauens von einer weißen Schürze, in der Anouk sich grässlich unwohl fühlte.

Sie hatte schon des Öfteren in den schicken Anwesen rund um Saintes-Maries-de-la-Mer gearbeitet, und noch nie war etwas an ihrem Äußeren beanstandet worden. Mit ihrer eleganten, schwarzen Stoffhose und der blütenrein weißen Bluse hatte sie bei ihrer Ankunft in der Villa absolut angemessen ausgesehen. Sie verstand einfach nicht, warum sie sich als Erstes in diese Uniform hatte zwängen müssen.

„Das könnte helfen.“

Nun hielt Nathalie Laurent ihr tatsächlich einen schmalen Haarreif hin, den eine Art kleines weißes Stoffkrönchen zierte. Zorn stieg in Anouk auf. Sie war doch keine Dreijährige! Nein, das ging zu weit, das musste sie sich nicht bieten lassen.

Ihre Wut drohte überzukochen, erlosch jedoch im nächsten Moment wieder. Sie konnte es sich nicht leisten, diesen Job abzulehnen, schließlich benötigte sie das Geld nicht allein für sich. Sie brauchte es, um Stella ein gutes Leben bieten zu können. Außerdem würde es dem Ruf von Coup de main extrem schaden, wenn sich herumspräche, dass sie bereits am ersten Tag schon wieder hinwarf. Das konnte sie ihrer Grand-mère nicht antun.

Viel mehr als ihr Outfit beunruhigte Anouk allerdings die Tatsache, dass sie praktisch noch nichts über ihre neuen Arbeitgeber herausgefunden hatte, außer, dass die Leute einen extrem altbackenen Geschmack hatten, was die Auswahl von Arbeitsuniformen betraf. Da Nathalie Laurent die Besitzer des Hauses konsequent als „die Herrschaften“ bezeichnete, war es ihr bislang unmöglich gewesen, in Erfahrung zu bringen, wer die Villa gekauft hatte.

Mit einem aufgesetzten Lächeln griff sie nach dem Haarreif und setzte ihn sich auf. Falls sie das Outfit behalten durfte, würde sie es definitiv zum nächsten Halloween-Fest tragen.

Aufmunternd lächelte Anouk sich im prunkvollen Spiegel zu und versuchte, die Erinnerungen zu verdrängen, die sie seit ihrer Ankunft in der Villa zu überfluten drohten. Am liebsten hätte sie schon in der Auffahrt wieder kehrtgemacht, doch sie würde diesen Job durchstehen. Koste es, was es wolle.

Augen zu und ans Geld denken. Dieses Motto hatte ihr bisher schon auf vielen Arbeitsstellen gute Dienste geleistet. Schließlich war es nur ein Job. Die paar Wochen oder besser gesagt Monate, bis der Sommer vorbei war, würde sie durchhalten.

Verträumt strich sie später die lavendelfarbenen Bettbezüge in einem der Schlafzimmer glatt. Sie liebte den rustikalen und dennoch eleganten Stil der Villa mehr, als sie zugeben wollte.

La vie est belle“ war erst vor Kurzem komplett renoviert und auf den modernsten Hightech-Standard gebracht worden. Wahrscheinlich, um beim Verkauf einen höheren Preis zu erzielen, und sie wollte gar nicht wissen, für wie viele Millionen das Anwesen über den Tisch gegangen war. Die cremefarbenen Wände in dem Zimmer, in dem sie gerade alles für die bald eintreffenden Gäste herrichtete, harmonierten perfekt mit dem eleganten Grau der Möbel.

Natürlich hatte jeder Raum sein eigenes Thema, und nachdem sie in den Schlafzimmern mit den Bezeichnungen Champagne und Bretagne schon alles zurechtgemacht hatte, war nun Provence an der Reihe.

„Hier sollte niemand schlafen, der keinen Lavendel mag“, murmelte sie leise kichernd vor sich hin, als sie ein weiteres dekoratives Sträußchen von den getrockneten lila Blumen auf das Kopfkissen legte.

Keck steckte sie sich ein Sträußchen ihrer Lieblingsblumen ins Haar, richtete sich auf und zog dabei automatisch ihren Rock nach unten. In den letzten Stunden hatte sie diese Bewegung wohl mehr als tausendmal ausgeführt. Noch immer fühlte sie sich in dieser Uniform absolut verkleidet. Schon als Kind hatte sie lieber Jeans angehabt, und man konnte die Gelegenheiten an einer Hand abzählen, an denen ihre Grand-mère es geschafft hatte, sie dazu zu überreden, ein Kleid zu tragen.

Mit einem letzten Blick überprüfte sie ihre Arbeit und schloss dann zufrieden nickend die Tür hinter sich. Mit diesem Bereich des Hauses war sie endlich fertig. Jetzt war es Zeit, sich den nächsten Gebäudeteil vorzunehmen.

Je näher Emmanuel dem Städtchen Saintes-Maries-de-la-Mer kam, desto lieber hätte er das Steuer herumgerissen und kehrtgemacht. Obwohl es elf Jahre her war, seit er sich das letzte Mal hier aufgehalten hatte, kam ihm jeder Stein und jeder Busch am Straßenrand bekannt vor.

Als er ein Kind gewesen war und seine Grand-mère noch lebte, hatten sie die meisten Ferien hier verbracht, doch dann war sie gestorben und seine Eltern schienen erleichtert zu sein, nicht länger in die Camargue fahren zu müssen. Er selbst hatte nach jenem schicksalhaften Sommer ohnehin niemals wieder hierherkommen wollen.

Fast war er versucht zu glauben, sein Vater wolle ihn damit foltern, dass er die Villa „La vie est belle“ schlussendlich doch nicht verkauft hatte, doch er kannte Jacques Guillemont besser. Der Mann dachte gerade mal über zwei Dinge im Leben nach: seine Firma und das Geld, das er damit machen konnte. Alles andere war ihm egal.

Wahrscheinlich erinnerte sich Jacques Guillemont nicht mal mehr daran, dass sein Sohn sich vor zehn Jahren an genau diesem Ort Hals über Kopf verliebt hatte und die ganze Sache ziemlich unglücklich ausgegangen war.

Unwillkürlich dachte er wieder an Anouk, und er fragte sich, ob sie wohl auch manchmal noch an ihn dachte.

Ausgeschlossen, sagte er sich. Schließlich waren die Fotos von ihr mit einem anderen, die sein Vater ihm gezeigt hatte, Beweis genug. Für sie war er nicht mehr gewesen als eine nette kleine Abwechslung zu ihrem sonst recht eintönigen Alltag in der verschlafenen Kleinstadt.

Etwas kam in sein Blickfeld und Emmanuel schreckte aus seinen Gedanken und trat hektisch auf die Bremse, sodass der Wagen mit quietschenden Reifen zu stehen kam. Sein Herz raste und er erblickte ein weißes Camarguepferd, das seelenruhig die Straße vor ihm überquerte.

Ein leichtes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. In Paris wäre so etwas niemals passiert.

Langsam fuhr er wieder an. Trotz der Hightech-Klimaanlage seines Luxusautos schwitzte er. Bei seiner Ankunft in der Villa würde er erst mal eine Runde in den Pool springen, um sich und sein in Aufruhr geratenes Gemüt abzukühlen.

Als er endlich ankam und auf der mit Muschelkies bestreuten Auffahrt der Villa aus dem Wagen stieg, legte die Hitze sich wie ein Mantel um ihn. Obwohl es erst Anfang Juni war, brannte die Sonne am späten Nachmittag immer noch heftig. In Paris war ihm die Hitzewelle gar nicht aufgefallen, denn meist arbeitete er so viel, dass er nicht mal dazu kam, aus dem Fenster zu schauen.

Emmanuel blinzelte heftig, da ihn die weiß getünchte Fassade des eleganten Gebäudes blendete. Andererseits versuchte er damit vielleicht auch nur, die vielen Erinnerungen zu vertreiben, die ihm bei dem Anblick durch den Kopf schossen, doch darüber wollte er lieber nicht allzu genau nachdenken. Das Beste war, wenn er sich erst mal Abkühlung verschaffte.

Schnell griff er nach seinem Hartschalenkoffer und den dunklen Kleidersäcken, die er am frühen Morgen achtlos in den Kofferraum geworfen hatte, und ging hinein.

Die fast schon eisige Kühle des Hauses stand im angenehmen Gegensatz zur Hitze draußen. Da seine Eltern auf dem Weg in die Camargue noch bei einem Freund vorbeischauen wollten, würden sie erst in der Nacht eintreffen. So hatte er genug Zeit, erst mal in Ruhe anzukommen.

Ohne groß darüber nachzudenken, lenkte er seine Schritte zu dem Zimmer, in dem er schon als Siebzehnjähriger untergebracht gewesen war.

Als er an der großräumigen Küche vorbeikam, fiel ihm auf, dass ein benutztes Glas auf der Theke stand. Sicher taten die Bediensteten seiner Eltern bereits ihr Bestes und bereiteten alles für die Ankunft ihrer Arbeitgeber vor. Er würde sie später begrüßen, jetzt sehnte er sich erst mal nach der dringend benötigten Abkühlung.

Erschöpft ging Anouk in Richtung des letzten Raumes, den sie für die Ankunft der Gäste am späten Abend herrichten musste. Sie war froh, dass sie bald Feierabend hatte. Wenigstens war Stella heute bei einer Freundin, so fiel es ihrer Tochter nicht auf, dass sie bereits am ersten Tag Überstunden machte.

Wahrscheinlich würde dies in nächster Zeit sogar häufiger vorkommen. Es blieb in ihrem Job nicht aus, dass die Arbeitszeiten variabel waren. Anouk war froh, dass es für solche Situationen ihre Grand-mère gab. Es war alles andere als leicht, ein Kind ohne Vater großzuziehen. Ohne die Hilfe von Lorie hätte sie nicht gewusst, wie sie das sonst schaffen sollte.

Müde rieb sie sich die Stirn. Obwohl sie im Gegensatz zu ihrer Tochter herzhafte Speisen bevorzugte, hätte sie jetzt alles für eine erfrischende Kugel Eis gegeben.

Es war wesentlich angenehmer gewesen, für Phillipe zu arbeiten als in dieser Nobelvilla. Vielleicht sollte sie es sich doch noch mal überlegen und auf sein Werben eingehen. Sie könnten heiraten und zusammen die Eisdiele führen. Dann würde sie sich jedenfalls nicht länger mit irgendwelchen Knochenjobs über Wasser halten müssen. Außerdem wäre ihre Grand-mère überglücklich, wenn sie endlich einen Mann fände.

Ihre Gedanken wanderten zu Phillipe. Er war alles andere als hässlich, dennoch verspürte sie nicht mal den Hauch von Herzklopfen, wenn sie an ihren ehemaligen Chef dachte. Die einzigen Gefühle, die sie mit ihm verband, waren Freundschaft und tiefe Dankbarkeit dafür, dass er ihre Tochter so sehr schätzte. Andererseits hatte es in der Geschichte schon wesentlich schlechtere Grundlagen für eine Beziehung gegeben als diese.

Mit einem Ruck öffnete Anouk die nächste Tür und zuckte heftig zusammen, als sie den großen, eleganten Hartschalenkoffer in der Mitte des Raumes erblickte. Ganz offensichtlich hatte sie nicht mitbekommen, dass die Gäste bereits angekommen waren.

Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen. Hoffentlich gab es keinen Ärger, weil sie noch nicht ganz fertig war.

Im selben Moment hörte sie im angrenzenden Badezimmer etwas hinunterfallen. Unwillkürlich stieß sie einen spitzen Schrei aus und schlug sich die Hände vor den Mund, wobei die diversen Putzutensilien und Bettlaken, die sie an ihre Brust gedrückt gehalten hatte, zu Boden glitten.

Panisch bückte sie sich. Auf keinen Fall wollte sie jetzt jemandem begegnen, denn sie war müde und erschöpft. Wahrscheinlich standen ihr auch alle Haare zu Berge und das Stoffkrönchen hing vermutlich mittlerweile auf halb acht. Dazu noch das nervige Kleid, das gerade mal so ihre Oberschenkel bedeckte.

Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte sie tatsächlich, ob sie die Sachen einfach auf dem Boden verstreut liegen lassen und fliehen sollte. Allerdings war es dafür zu spät, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür zum Badezimmer und im Rahmen stand der letzte Mensch auf der Welt, dem sie jemals wieder hatte begegnen wollen.

Wie es aussah, hatte die Familie Guillemont die Villa doch nicht verkauft.

4. KAPITEL

Panisch schnappte Anouk nach Luft. Sie konnte den Blick jedoch nicht von der Gestalt lösen, die hochgewachsen und breitschultrig im Türrahmen stand. Viel größer und muskulöser, als sie ihn in Erinnerung hatte. An seiner nackten, leicht gebräunten Haut waren noch vereinzelte Wassertropfen zu sehen, die er beim Abtrocknen wohl vergessen hatte.

„Emmanuel“, wisperte sie fast lautlos. Er sah so anders aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, und doch war er es. Sie erkannte ihre Jugendliebe sofort, da sie ihn mehr als einmal in den letzten Jahren in Magazinen und Klatschblättern gesehen hatte.

Ihre große Liebe war in Paris zu einem richtigen Womanizer geworden, der so gut wie keine Party ausließ. Niemals hätte sie damit gerechnet, ihn eines Tages hier im idyllischen Örtchen Saintes-Maries-de-la-Mer, in dem es keine Laufstege, kein Blitzlichtgewitter und keine Topmodels gab, wiederzusehen.

Schockiert starrte sie ihn an. Auch wenn sein Gesicht nicht länger das eines Jungen war, so war der jugendliche Übermut, der sie so sehr in seinen Bann gezogen hatte, in seinen Zügen noch immer gut erkennbar.

Ihr Blick glitt an seinem nackten Oberkörper hinunter. Hatte Emmanuel die vergangenen elf Jahre in einem Fitnessstudio verbracht? Jedenfalls machte sein durchtrainierter Körper den Anschein. Am Saum des dunklen Handtuchs, das er sich lässig um die Hüften geschlungen hatte, verharrte ihr Blick. Sie wusste, wohin die feinen Härchen führten, die sich von seinem Nabel abwärts hinunterzogen.

Augenblicklich wurde ihr der Mund trocken und sie schluckte hart. Als wäre nur ein Wimpernschlag vergangen und nicht Jahre, seit sie ihn das letzte Mal dort berührt hatte, erinnerte sich ihr Körper schlagartig und nur allzu gut daran, wie es gewesen war, ihm so nahe zu sein.

Emmanuels Räuspern riss sie aus ihrer Starre. Augenblicklich wurde ihr wieder bewusst, wo sie sich befand und vor allem warum. Ihrem ersten Impuls folgend zog sie ihr Kleid nach unten, dann stammelte sie: „Entschuldigung, ich, äh … wollte nicht stören.“

Eilig ließ sie sich auf die Knie sinken und sammelte ihre Putzutensilien ein. Ohne noch einen weiteren Blick in Richtung ihrer Jugendliebe zu werfen, warf sie die Sachen in den Eimer, der noch immer in der Tür stand.

„Hier, das hast du vergessen.“

Anouk schluckte. Emmanuels früher schon dunkle Stimme hatte einen leicht rauchigen Unterton bekommen, der ihr einen angenehmen Schauer den Rücken hinunterjagte.

Augenblicklich schossen ihr Bilder durch den Kopf, wie sie stundenlang am Strand gesessen, in den Sternenhimmel hinaufgeschaut und einfach nur geredet hatten. Wie seine Lippen sacht ihre berührten und seine unerfahrenen Finger sich vortasteten in Richtung …

Schamesröte kroch auf ihre Wangen. Wie oft hatte sie nachts wach gelegen und an Emmanuel Guillemont, den Mann mit den verführerischen Grübchen, gedacht. So viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, und nun stand er hier halb nackt vor ihr und sah aus wie ein junger Gott, wohingegen sie in einer unmöglichen Zimmermädchenuniform steckte.

Herrje, was für ein Desaster. Sie musste so schnell wie möglich von hier verschwinden! Hektisch griff sie nach der Flasche mit Glasreiniger, die Emmanuel ihr entgegenstreckte. Dabei berührten sich ihre Finger. Augenblicklich fühlte sie sich wie elektrisiert und schaute auf.

Ihre Blicke trafen sich.

Anouk hatte sich in all den Jahren stark verändert, und dennoch erkannte er sie sofort. Hatten ihn damals vor allem ihre zauberhafte Art und ihr wissbegieriger Geist angezogen, so musste er zugeben, dass sie nun unfassbar attraktiv war.

Das unsichere Mädchen mit den wirren Haaren und der markanten Brille war verschwunden. Zurückgeblieben war eine wunderschöne Frau, deren Reize sich selbst durch ein so altmodisches Outfit nicht verbergen ließen.

Er schluckte schwer. Natürlich hatte er insgeheim in all den Jahren immer mal wieder darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde, seine Jugendliebe wiederzutreffen. Dass er dabei allerdings halb nackt und sie der Traum eines jeden Mannes sein würde, so weit waren seine Fantasien nicht gegangen.

Anouk sah in der dunklen Uniform so verboten sexy aus, dass er sich wünschte, etwas mehr als lediglich ein Badehandtuch zu tragen. Er war nicht besonders scharf darauf, ihr unverblümt zu präsentieren, wie anziehend er sie immer noch fand.

„Ich, ähm …“, stammelte sie, wobei sie ihn weiterhin unverwandt anschaute.

Obwohl sie müde wirkte, glitzerte immer noch dieselbe Lebensfreude in ihren blauen Augen, die ihn vom ersten Augenblick an fasziniert hatte. Emmanuel spürte die Stelle, an der ihre Finger sich immer noch berührten, so präsent, dass sich sein ganzer Körper darauf zu konzentrieren schien.

Als wäre sie ein Akkuladegerät, das er all die Zeit gesucht und nun endlich gefunden hatte, fühlte er sich allein durch diese winzige Berührung plötzlich viel lebendiger als noch vor einer Sekunde. Ihre bloße Anwesenheit schaffte, was das Schwimmen im Pool und die kurze Dusche danach nicht erreicht hatten. Vergessen war alles, was ihn beschäftigte. Das Einzige, worauf er sich konzentrieren konnte, war die Frau vor ihm.

Was machte sie hier in seinem Schlafzimmer? Und vor allem, warum trug sie diese dämliche Uniform?

„Ich gehe dann wohl mal besser“, brachte Anouk schließlich heraus. Sie wusste einfach nicht, wie sie mit dieser vollkommen unerwarteten Situation umgehen sollte.

All die Jahre war sie fest davon ausgegangen, dass sie Emmanuel niemals wiedersehen würde. Und jetzt, da sie vor ihm stand, wurde sie von ihren Gefühlen geradezu überwältigt. Gefühle, die sie nicht haben durfte …

Obwohl sie wusste, dass es naiv war, wollte sie aber nicht gehen. So viele Jahre waren sie getrennt gewesen, da konnte sie nicht direkt auf dem Absatz kehrtmachen und verschwinden. Tief in ihrem Innern war ihr allerdings klar, dass es das einzig Richtige wäre. Schließlich durfte Emmanuel niemals erfahren, was sie getan hatte!

Sie holte tief Luft und schloss die Augen, um den Blickkontakt zu unterbrechen. Dabei geriet sie ins Schwanken. Schnell riss sie die Augen wieder auf und sah, dass nur noch wenige Zentimeter sie von Emmanuels muskulösem Oberkörper trennten.

Sein betörender Duft nach Duschgel, Aftershave und Mann stieg ihr in die Nase und löste ein heftiges Kribbeln in ihrer Magengegend aus, mit dem sie absolut nicht gerechnet hatte. Erschrocken schnappte sie nach Luft und sprang zurück.

Ihr Puls schoss in die Höhe und entfachte ein Feuer in ihr, dessen Intensität sie überwältigte.

Bebend rang sie nach Luft. Wenn sie nicht gleich die Flucht ergriffe, würde sie sich noch lächerlich machen. Schließlich war Emmanuel Guillemont heute nicht mehr der, in den sie sich vor über einem Jahrzehnt verliebt hatte. Mittlerweile war er alles andere als ein einsamer Junge, der sich von allen verlassen fühlte. Im Gegenteil, er war ein erfolgreicher, heiß begehrter Geschäftsmann.

Und dann war da ja auch noch Stella …

„Wenn Sie noch etwas brauchen …“ Anouk geriet ins Stocken, und das unausgesprochene Ende des Satzes hing in der Luft. Hilflos stand sie mit dem Eimer in der Hand da, dabei musste sie so schnell wie möglich fort von hier. Weg von Emmanuel, wegen seines betörenden männlichen Dufts, der lange vergessene Erinnerungen in ihr weckte. Eilig wandte sie sich zur Tür, doch seine Worte hielten sie zurück.

„Das Bett ist noch nicht bezogen.“

Sein rauer Tonfall ließ sie in der Bewegung innehalten. Langsam drehte sie sich um, wobei sie nicht verhindern konnte, dass eine ihrer Augenbrauen in die Höhe schnellte.

Emmanuel wusste selbst nicht, wieso er Anouk aufgehalten hatte. Schließlich hätte er sich, schon allein wegen seiner eigenen Würde, wünschen sollen, dass sie so schnell wie möglich den Raum verließ. Er hatte nicht vergessen, was damals vorgefallen war, und dennoch …

Die Freude darüber, sie wiederzusehen, wog schwerer als alles, was zwischen ihnen stand. Am liebsten hätte er nach ihrer Hand gegriffen, sie nach draußen gezogen und wie früher stundenlang mit ihr am Strand gesessen und in den Sternenhimmel hinaufgeschaut.

Nach Anouk hatte es niemals wieder eine andere Frau gegeben, bei der er sich derart verstanden gefühlt hatte. Sie war der einzige Mensch auf der Welt, dem er je erzählt hatte, wie sehr es ihn belastete, dass seine leibliche Mutter ihn nicht hatte haben wollen. Doch natürlich lagen diese Zeiten lange hinter ihnen. Sie waren beide erwachsen geworden. Vielleicht war sie inzwischen längst verheiratet.

Unwillkürlich glitt sein Blick zu ihren Händen und er atmete innerlich auf, als dort kein Ring zu sehen war. Mit verschlossenem Gesichtsausdruck stellte sie den Eimer ab, den sie noch immer festgehalten hatte. Auf dem Weg zum Bett griff sie nach den Laken und ließ sie dann mit mehr Nachdruck als nötig auf die Matratze fallen.

Ob er sie mit seiner Aussage beleidigt hatte? Zu keiner Sekunde war es sein Wunsch gewesen, ihr das Gefühl zu geben, seine Angestellte zu sein. Ihm war lediglich auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen, sie vom Gehen abzuhalten. Hastig griff er ebenfalls nach einem Kissen und gab sich Mühe, den seidigen Bezug darüberzuziehen.

„Hast du das schon mal gemacht?“ Anouk versuchte nicht mal anstandshalber, ihr amüsiertes Lächeln zu verbergen.

„Nicht oft“, gab er kleinlaut zu und grinste sie charmant an.

„Das ist ja nicht mit anzusehen.“

Sie gab ein mädchenhaftes Kichern von sich, und sein Magen zog sich zusammen.

„Warte, ich helfe dir.“

Mit wenigen Schritten kam Anouk um das ausladende Himmelbett herum. Erneut berührten sich ihre Finger, als sie nach dem Kissen griff, und augenblicklich durchströmte ihn ein lange vergessenes Gefühl von Leichtigkeit. Sein Blick fiel auf ihr zartes Handgelenk und wurde von einigen schwarzen Punkten, die durch Linien verbunden waren, magisch angezogen. Ohne nachzudenken, griff er nach ihrer Hand und drehte ...

Autor

Tara Pammi

Tara schreibt sexy Romanzen mit anbetungswürdigen Helden und sexy Heldinnen. Ihre Heldinnen sind manchmal laut und rebellisch und manchmal schüchtern und nerdig, aber jede von ihnen findet ihren perfekten Helden. Denn jede Frau verdient eine Liebesgeschichte! Tara lebt in Texas mit ihrem ganz persönlichen Helden und zwei Heldinnen in der...

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Juliette Hyland
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