Schwester Marni und der Wüstenprinz

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Wie soll Marni sich bloß konzentrieren, wenn Dr. Gaz sie mit seinen samtbraunen Augen im OP anschaut? Und als er sie küsst, weiß sie, dass sie ihr Herz verloren hat! Wovon sie allerdings nichts weiß, ist sein Doppelleben. Er ist nicht nur Chirurg - sondern auch ein Kronprinz …


  • Erscheinungstag 13.06.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733717223
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

„Hast du den Verstand verloren?“

Es kam nicht oft vor, dass Marni ihren Großvater anfuhr. Eigentlich nie. Aber das schlug dem Fass den Boden aus! „Hier steht, der Mann ist ein Prinz. Dass er nicht verheiratet ist, bedeutet noch lange nicht, dass es ihn auch nur im Geringsten interessiert, ob er mit mir verlobt wurde, als er drei Jahre alt war. Was für eine lächerliche Story!“, tobte sie und fuchtelte dabei mit der Zeitung vor seinem Gesicht herum.

Natürlich hätte sie einen alten kranken Mann normalerweise niemals damit attackiert, zumal sie ihn über alles liebte und der Gedanke an ein Leben ohne ihn unerträglich war. Dennoch musste sie anfangen, sich mit dieser Vorstellung zu befassen. Er war vierundachtzig, hatte eine verengte Herzklappe und verstopfte Stents in den Arterien, die das Herz mit Blut versorgten.

Der Herzspezialist würde ihm bei einer Operation am offenen Herzen die Klappe austauschen und gleichzeitig einen Bypass um die Stents legen. Aber Pop konnte sich nicht so recht entschließen, und darüber ärgerte Marni sich, denn als Krankenschwester war sie der Meinung, dass er sich auf jeden Fall operieren lassen sollte. Schließlich genoss er das Leben, und sie wollte nicht – sicher auch aus Eigennutz –, dass er frühzeitig an einem Herzinfarkt starb.

„Bist du fertig?“ Pop nahm ihr die flatternde Zeitung einfach ab und schlug eine weitere Seite auf. „Zu deiner Information, du warst damals drei und er sechs. Und nun sieh dir bitte die vorletzte Seite an.“

Kurz bedauerte sie es, das Foto mit dem markanten Gesicht unter der traditionellen weißen Kopfbedeckung nicht länger betrachten zu können, warf dann aber einen Blick über Pops Schulter auf die Zeitung. In Gedanken war sie jedoch immer noch bei der kleinen Bombe, die ihr Großvater vorhin hatte platzen lassen, als er auf das Foto deutete und sagte: „Das ist Ghazi. Sein Vater und ich haben einander versprochen, dass ihr beide später einmal heiratet. Hier steht, dass er immer noch Single ist. Du solltest Kontakt zu ihm aufnehmen.“

Sie verdrängte die Worte und riss sich zusammen. Hatte Pop ihr nicht eindeutig klargemacht, dass er nicht wollte, dass sie ihn nach der OP umsorgte? Auch wenn sie noch so gern bei ihm wäre?

Vielleicht sollte ich mir woanders einen zeitlich begrenzten Job suchen?

„Sieh mal hier“, sagte Pop, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Für ein Kinderkrankenhaus in Ablezia werden OP-Schwestern gesucht. Möglicherweise ist Ghazi deswegen hier – um Personal zu finden.“

Na klar, dachte sie. Ganz normal, dass der Thronfolger eines Landes höchstpersönlich das Krankenpflegepersonal aussucht! Trotzdem tat sie ihrem Großvater den Gefallen und las die Anzeige für einen Ort, von dem sie noch nie gehört hatte. Allerdings befand er sich anscheinend weit genug von Gold Coast im australischen Queensland entfernt, sodass sie nicht in Versuchung geriet, Pops Bitte zu ignorieren, und mal eben wieder nach Hause kam.

Nun ja, falls er sich überhaupt operieren ließ!

Angeboten wurde ein Vertrag über sechs Monate mit der Option auf Verlängerung. Reisekosten und Unterkunft übernahm der zukünftige Arbeitgeber. Sie wäre um Weihnachten zurück und Pop auf dem Weg zur Genesung, wenn er sich operieren ließ. In dieser Zeit könnte sie vielleicht auch ein anderes Problem lösen, das ihr keine Ruhe ließ … ihre Jungfräulichkeit! Weit weg von zu Hause, sollte es ihr in einem halben Jahr möglich sein, irgendjemand kennenzulernen, oder?

Sie seufzte stumm und starrte blind auf die Zeitung. Es war ja nicht so, dass sie sich ihre Unschuld absichtlich bewahrt hatte. Es hatte sich einfach nicht ergeben … wegen Pop und Nelson und dem Verhalten ihrer Mutter. Erst die verletzenden Worte des Mannes, mit dem sie sich zuletzt eingelassen hatte, machten ihr bewusst, dass es peinlich und auch belastend sein konnte, immer noch Jungfrau zu sein. Marni zwang sich, die Anzeige zu Ende zu lesen.

Das Gehalt war mehr als üppig, doch vor allem die Beschreibung des Landes ließ ihr Herz schneller schlagen. Es lag am Meer, war über seine Grenzen hinaus nicht nur bekannt für fantastische Unterwasserwelten mit Korallenriffen, in denen sich exotische Fische und anderes Getier tummelten, sondern auch als natürliche Brutplätze behäbiger Schildkröten, die nachts ihre Eier im feinen warmen Sand ablegten.

Bekam sie den Job, würde sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie machte Pop glücklich, indem sie während seiner OP und der Reha den gewünschten Abstand einhielt, und würde ihm dazu noch den Wunsch erfüllen, diesen Prinzen kennenzulernen. Und vielleicht sprang als Bonus für sie eine nette Romanze heraus, um auch die andere Sache zu erledigen …

„Ich hole das Foto“, sagte Pop.

Marni verlor sich in Tagträumen von tropischem türkisblauem Wasser, von bunten Fischen und Schildkröten. Sie bekam kaum mit, wie Pop die Zeitung auf den Frühstückstisch legte, aufstand und in seinem Arbeitszimmer verschwand. Nelson, der ihrem Großvater schon so lange sie sich erinnern konnte als Butler, Koch und Sekretär diente, erschien am Tisch, lautlos wie immer.

„Ich weiß nicht, Nelson. Es scheint mir nicht richtig wegzugehen. Pop hat sich so lange um mich gekümmert und war immer für mich da, muss ich da jetzt nicht auch für ihn da sein?“

Nelson schüttelte den Kopf. „Er wird sich nicht operieren lassen, solange du hier bist, denn er will nicht, dass du ihn schwach und krank erlebst.“ Er schwieg einen Moment, und als er dann weitersprach, zitterte seine Stimme leicht. „Du weißt, dass ich mich gut um ihn kümmern werde.“

Marni stiegen die Tränen in die Augen, doch sie zwinkerte sie rasch fort und umarmte dann den Mann, den sie kannte, seit sie zwei Jahre alt war. Damals hatte man sie einfach bei ihrem Großvater abgeliefert, weil der dritte Ehemann ihrer Mutter kein Kind im Haus haben wollte.

„Natürlich wirst du das, Nelson, und mir ist auch klar, dass er sich schneller erholt, wenn ich nicht in der Nähe bin. Deswegen werde ich den Job annehmen und mir diesen Prinzen einmal ansehen, ihn von Pop grüßen lassen und dann Bericht erstatten. Kannst du dir vorstellen, dass ich einfach in einem Wüstenpalast auftauche und dem Herrscher erzähle, dass er mit mir verlobt wurde? Ich vermute, man wirft mich in den tiefsten Kerker, steckt mich in eine Zwangsjacke oder schickt mich mit dem nächsten Flugzeug nach Hause zurück!“

Nelson musterte sie lange. „Es wird deinen Großvater sehr, sehr glücklich machen, wenn du den Prinzen persönlich kennenlernst, Marni“, sagte er dann so ernst, dass sie aufstöhnte.

„Nein, nicht du auch noch!“, protestierte sie.

„Nun ja, damals war er ein netter kleiner Junge, der dich gut behandelt hat, obwohl du ein echter Teufelsbraten warst.“

„Ich kenne ihn? Wann war das denn?“ Marni runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern, wann sie vielleicht mit dem Prinzen gespielt hatte.

So etwas vergaß man doch nicht!

„Ein Jahr, nachdem du zu uns kamst. Dein Großvater war damals gerade in dieses Apartment gezogen, und Ghazis Vater hatte das gesamte Hotel für sich und seine Familie samt Personal gebucht.“

„Das ganze Hotel?“

„Er hatte viele Frauen und Töchter“, erwiderte Nelson, als würde das alles erklären.

Der Palazzo Versace war das erste Sechs-Sterne-Hotel in Gold Coast gewesen und das Apartment ihres Großvaters eins der wenigen in Privatbesitz. Die Eigentümer durften alle Einrichtungen des Hotels benutzen, die wunderschönen Pools, die Restaurants und das Day Spa. Marni hatte oft mit den Kindern der Gäste gespielt.

Aber mit jemand, der Ghazi hieß?

Daran konnte sie sich nicht erinnern, selbst als Pop mit einem Pappkarton voller Fotos zurückkehrte, auf denen sie als ganz kleines Mädchen mit einem sehr viel größeren Jungen zu sehen war. Offensichtlich hatten sie viel Spaß miteinander. Im Hintergrund waren schlanke, in lange schwarze Gewänder gekleidete Gestalten zu sehen, die im Schatten am Pool saßen.

„Das ist er“, erklärte Pop, zog ein Foto aus dem Stapel in seiner Hand und gab es ihr.

Sie war darauf zu sehen, ein hübsch gekleidetes kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und hellblauen Augen, das zu einem größeren Jungen aufblickte, der auf der Armlehne eines breiten Sofas in der Hotelhalle saß. Er hielt ihr die Hand und lächelte Marni an.

Schon damals war zu erkennen, dass er einmal gut aussehen würde, auch wenn die weiße Kopfbedeckung nur sein Profil sehen ließ. Eine ausgeprägte Nase, hohe Stirn und volle Lippen.

„He, nicht so schnell“, protestierte Marni, als Pop ihr das Foto aus der Hand nahm und es umdrehte.

Aber er deutete nur auf das, was dort zu lesen war. Die erste Zeile hatte er geschrieben, und es stand tatsächlich da, dass sie mit Ghazi verlobt worden war. Es folgte seine Unterschrift. Darunter waren wunderschöne schwungvolle Schriftzeichen.

„Ehrlich, Pop, du kannst doch gar nicht Arabisch lesen, er kann also auch geschrieben haben: Soll dieser Unsinn doch den Mann glücklich machen!“ Kaum waren die Worte heraus, bedauerte Marni sie schon, denn sie sah Pops Augen an, dass sie ihn damit verletzt hatte. Rasch umarmte sie ihn und versprach spontan, sich gleich um diesen Job in Ablezia zu bewerben.

„Und ich verspreche auch, mir diesen Mann anzusehen, aber nur, wenn du dich operieren lässt!“, fügte sie hinzu. „Abgemacht?“

„Abgemacht!“ Als sie es mit einem Handschlag besiegelten, wurde Marni bewusst, wie schwach ihr Großvater geworden war.

1. KAPITEL

Marni war wie verzaubert. Lag es am schwachen Duft – nach Salz, Gewürzen und süßen Früchten – oder an der warmen Luft selbst, die sie einhüllte wie eine leichte weiche Kaschmirdecke? An der berauschenden Schönheit der roten Sanddünen, die sich am kobaltblauen Meer entlangzogen, dem dichten Grün eines Palmenhains in der Oase am Rand der Wüste oder an den imposanten Wolkenkratzern, die aus dem Sand in den Himmel wuchsen wie fremdartige, unbekannte Lebensformen?

Vielleicht an den Menschen selbst, dem scheuen, aber herzlichen Lächeln einer Frau mit Kopftuch, dem kecken Grinsen eines lockenköpfigen Jungen, der ungeniert auf ihr blondes Haar und die helle Haut zeigte?

Marni hatte keine Ahnung. Warum sie sich in dieses märchenhafte exotische Land wenige Stunden nach dem Verlassen des Flugzeugs verliebt hatte, wusste sie nicht zu sagen. Aber so war es. Aufgeregt erkundete sie die schmalen Gassen des Marktes abseits der Schnellstraßen, und es war einfach köstlich, zum ersten Mal in das warme, kristallklare Golfwasser zu tauchen. Und erwartungsvoll und glücklich zugleich nahm sie die Einladung ihrer Kolleginnen an, mit ihnen in der Kantine zu essen.

Vor ihrem ersten Tag am Krankenhaus hatte sie vier freie Tage gehabt, um sich mit ihrer neuen Heimat vertraut zu machen. Dann hatte sie das Krankenhaus kennengelernt, damit sie sich zurechtfand in den Korridoren, auf den Stationen und mit allem, was neu und unbekannt war. Ihre Kolleginnen erklärten ihr, wo die einzelnen OPs lagen, welcher Chirurg sich schnell aufregte, welcher gern und viel redete, welcher Musik beim Operieren bevorzugte und welcher gern flirtete.

Es gab also wirklich welche, die flirteten!

Vielleicht auch mit ihr?

Wollte sie das wirklich?

Die jungen Schwestern kicherten und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen, und Marni hätte gern gefragt, ob sie auf die Flirts eingingen, aber das traute sie sich nicht. Hier herrschten sicher andere Sitten und Gebräuche. Also hörte sie einfach zu und fühlte sich mehr und mehr zu Hause, während ihr klar wurde, dass die Gespräche unter jungen Krankenschwestern sich auch in diesem Teil der Welt meistens um dieselben Themen drehten. Was die Familie oder Beziehungen anging, waren die Kolleginnen jedoch sehr verschwiegen.

Und nun brach heute Morgen ihr erster echter Arbeitstag an!

„Herzlich willkommen“, wurde sie von Jawa, einer ihrer Kolleginnen, begrüßt, als Marni den OP-Umkleideraum betrat. „Du kannst dich freuen, weil Gaz heute die erste OP übernimmt. Er ist nicht nur ein hervorragender Chirurg, sondern erklärt auch die ganze Zeit über, was und weswegen er etwas tut, sodass wir alle davon lernen können.“

Marni war schon aufgefallen, dass viele Ausländer im Krankenhaus arbeiteten, und fragte sich, ob Gaz vielleicht Australier war, sein Name eine Kurzform von Gary oder Gareth. Aber ihr blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn Jawa drückte ihr die lavendelblaue OP-Kleidung in die Hand.

„Wir müssen uns beeilen, denn er liebt es nicht, wenn Patienten oder Mitarbeiter warten müssen. Er ist immer superpünktlich.“

Im OP entspannte Marni sich, als sie sah, dass die Instrumente sich nicht von denen in Australien unterschieden. Sie hatte nur dafür zu sorgen, dass sie Jawas Tablett auffüllte, die dem Chirurgen alles Nötige anreichte. Mit ihrer inneren Ruhe war es allerdings vorbei, als der Chirurg hereinkam.

Die feinen Härchen auf ihren Armen richteten sich auf, ein Prickeln überlief sie beim Anblick der hochgewachsenen, athletischen Gestalt in OP-Kittel, Kappe, Handschuhen und Mundschutz.

Er ist nur irgendein Mann! sagte sie sich rasch, aber das half nichts. Als sich seine dunklen Augen auf sie richteten, ein, zwei Sekunden lang, und er knapp und anerkennend nickte, wurde ihr heiß.

„Wie ich sehe, haben wir eine Neue in unserer Mitte!“, sagte er mit einer Stimme, die ihr gleich wieder einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. „Und wie heißen Sie?“

„Marni Graham, Sir“, sagte sie und hoffte, dass sie ruhiger klang, als ihr zumute war.

„Hier im OP heiße ich Gaz, einfach Gaz, Marni Graham“, erwiderte er. „Willkommen im Team.“

Marni wusste, sie sollte etwas sagen, aber sie brachte einfach keinen Ton heraus, wurde völlig überrollt von unglaublich heftigen, ungekannten Gefühlen.

Lust auf den ersten Blick?

Das kann nicht sein, sagte sie sich stumm. Und doch war es so.

Der Mann, um den es ging, wandte sich ab, lächelte sie aber dabei an. Natürlich konnte sie sein Lächeln nicht sehen, aber sie erkannte es an dem warmen Schimmern in seinen tiefgründigen Augen. Marni bekam weiche Knie.

Niemand durfte bemerken, welche Wirkung dieser Mann auf sie hatte. Es lag wohl an der Anspannung, daran, dass hier alles neu für sie war. Dennoch hatte sie noch nie so heftig auf einen Mann reagiert.

War es das, was in ihren bisherigen Beziehungen gefehlt hatte? Allerdings musste sie sich eingestehen, dass sie immer einen Rückzieher gemacht hatte, bevor es körperlich ernst werden konnte.

Sie vertrieb die Gedanken und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Auf dem OP-Tisch lag ein achtjähriges Kind, das zum zweiten Mal wegen einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte operiert werden musste.

„Beim ersten Eingriff war Safi sechs Monate alt“, erklärte Gaz. „Es ging darum, ihm die Nahrungsaufnahme zu ermöglichen und dafür zu sorgen, dass sich Zähne und die Gesichtsknochen richtig entwickeln.“

Während er erklärte, arbeitete er weiter, seine schlanken Finger bewegten sich geschickt und behutsam.

„Jetzt werden wir ein Stück Knochen in den Oberkiefer implantieren, dort, wo die Spalte ist, im Alveolarfortsatz“, fuhr er fort.

Marni fielen die Namen der Knochenfortsätze der Maxilla, also des Oberkiefers, wieder ein, obwohl sie sie schon vor langer Zeit gelernt hatte: Processus zygomaticus, Processus frontalis, Processus alveolaris und palatinus. Erstaunlich, was das Gehirn auch nach vielen Jahren noch parat hatte.

„Hätten wir diese Operation früher ausgeführt“, erläuterte Gaz weiter, „hätte es das Wachstum der Maxilla gehemmt, deswegen mussten wir mit der Implantation warten, bis sich die bleibenden Eckzähne gebildet hatten und vor dem Durchbruch standen.“

Als er sich nun mit dem Anästhesisten unterhielt, fiel ihr sein kaum wahrnehmbarer Akzent auf, er war also wahrscheinlich doch kein Australier. Es wäre schön gewesen, hier einen Mann kennenzulernen, mit dem sie über die Heimat reden könnte.

Reden?

Ha!

Ihre Gedanken hatten sich längst in eine andere Richtung auf und davon gemacht. Träumerisch stellte sie sich vor, dass er genau der Richtige wäre, um eine kleine Romanze zu haben.

Du sollst dich auf deine Arbeit konzentrieren und nicht an Sex denken!

Sie kannte diesen Mann doch überhaupt nicht. Er war ein völlig Fremder für sie.

Ein Fremder mit dunklen Augen, in denen man versinken wollte, und einer Stimme, warm und schmelzend wie Schokoladensirup!

Bald war die Operation beendet. An der Tür drehte Gaz sich noch einmal um, runzelte leicht die Stirn, während er den Mundschutz abzog. Marni konnte den Blick nicht von dem markanten Gesicht mit dem leichten schwarzen Bartschatten lösen.

Gaz nickte der Gruppe Schwestern, in der auch sie stand, zu und verschwand dann nach draußen.

Zu Hause hätten die Schwestern nun munter über den Chirurgen oder seine Fähigkeiten geschwatzt. Hier arbeiteten die Schwestern schweigend, während sie den OP gründlich reinigten.

„Wir haben Zeit zum Mittagessen“, meinte Jawa hinterher. „Und am Nachmittag sind wir wieder zusammen für eine OP eingeteilt.“

„Das freut mich“, meinte Marni. „Ich kann gut Hilfe gebrauchen von jemand, der sich hier auskennt.“

Sie wollte schon fragen, ob Gaz wieder operieren würde, unterließ es aber, denn Jawa musste nicht unbedingt wissen, welchen Eindruck dieser Mann auf sie gemacht hatte.

Bei der Operation am Nachmittag wurde am Fußgelenk eines kleinen Mädchens eine gutartige Geschwulst entfernt. Der Chirurg war Franzose und schien dem Ruf französischer Männer alle Ehre machen zu wollen, indem er mit jeder Schwester flirtete. Doch er operierte hervorragend. Marni freute sich auf die Arbeit hier, wenn alle Chirurgen so waren wie die beiden, die sie bereits kannte.

Danach wurde ein Kind operiert, das mit einer Verletzung in die Notaufnahme gekommen war, und mit dieser Versorgung einer klaffenden Gesichtswunde endete Marnis Schicht. Als sie sich schließlich umzog, musste sie an den kleinen Jungen mit der Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte vom Vormittag denken, einer angeborenen Deformation, die unbehandelt sein ganzes Leben beeinträchtigt hätte. Kein Kind mochte es, wenn es sich auffällig von anderen unterschied.

Sie erkundigte sich bei Jawa, ob sie ihn besuchen könne. „Nur kurz, um zu sehen, wie es ihm geht.“

Jawa blickte auf ihre Armbanduhr. „Aber natürlich. Er müsste jetzt auf der postoperativen Überwachungsstation sein. Ich würde mitkommen, aber ich habe eine Verabredung“, erwiderte sie errötend.

Der Post-OP-Bereich war leicht zu finden. Das Krankenhaus war in Form eines Oktopusses‘ gebaut, dessen Tentakeln flach auf dem Boden lagen. OP-Säle, Aufwachräume, Intensivstationen und der Verwaltungsapparat befanden sich im hoch aufragenden Körper des Tintenfischs, während die Stationen in den langen Armen untergebracht waren. Man hatte die Räume in hellen, freundlichen Farben streichen lassen, die Wände mit bunten Waldszenen und wilden Tieren bemalt. In den Zimmern, an denen sie vorbeikam, standen und saßen schwarz gekleidete Frauen und Männer in weißen, langen Gewändern, die ihre Lieben besuchten.

„Kann ich helfen?“, erkundigte sich eine Schwester.

„Ich suche einen kleinen Jungen, der heute Morgen an einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte operiert wurde. Ich war im OP-Team und möchte wissen, wie es ihm geht.“

„Ach, du meinst Safi. Wolltest du ihn besuchen?“

„Wenn es seine Familie nicht stört …“

„Keine Sorge“, meinte ihre Kollegin. „Er stammt nicht von hier und ist nur wegen der Operation bei uns. Unser Krankenhaus nimmt viele Kinder aus den umliegenden Ländern auf, weil wir Ärzte mit den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten haben, die ihnen helfen können. Oft können die Eltern es sich nicht leisten, ihre Kinder zu begleiten. Die Schwestern kümmern sich so gut es geht um die Kleinen, damit sie nicht einsam sind, aber meistens …“

„Habt ihr zu viel zu tun“, beendete Marni ihren Satz. „Das ist verständlich, aber ich bin auch weit weg von zu Hause und werde Safi besuchen, wann immer ich kann.“

Die Schwester wies ihr den Weg, und schnell hatte Marni sein Zimmer gefunden, klopfte an und trat ein. Der kleine Junge blickte sie mit großen, traurigen Augen an.

„Hallo“, sagte sie auf Englisch, obwohl sie nicht wusste, ob er sie verstand. „Ich bin hier, um dich zu besuchen.“

Sie setzte sich neben ihn, nahm seine Hand und bereute es, kein Spielzeug oder ein Buch mitgebracht zu haben. Da fiel ihr ein, was Pop damals getan hatte, als sie als ganz kleines Mädchen zu ihm kam. Er hatte mit ihr gesungen und ihr damit geholfen, sich bei ihm einzugewöhnen.

Sie durchforstete ihre Erinnerung nach den alten Kinderliedern und fing an zu singen. Dabei benutzte sie Finger und Hände wie damals, formte einen Stern, der am Himmel blinkte, oder eine winzige Spinne, die am Wasserrohr hochkrabbelte.

Safi beobachtete sie die ganze Zeit, aber als sie dann „Twinkle, Twinkle, Little Star“ zum vierten Mal sang, ahmte er ihre Bewegungen nach und lächelte sie dabei zaghaft an.

Es war ein trauriges Lächeln, das sie zu Tränen rührte, doch das Singen half ihm anscheinend ein wenig, und schließlich schlief er ein.

Marni blieb still am Bett sitzen, um ihn nicht aufzuwecken, hielt seine Hand und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Sie verlor sich in der Erinnerung an die letzten turbulenten Wochen, bevor sie die Entscheidung getroffen hatte hierherzukommen. Doch dann fiel ihr wieder ein, welches Ziel sie sich gesetzt hatte, und sie kehrte unsanft in die Gegenwart zurück.

Konnte sie es wirklich wagen? Kaltblütig eine Beziehung zu einem Mann suchen, nur um nicht mehr Jungfrau zu sein?

Heißblütig passte allerdings besser, wenn sie an Gaz dachte! Ihre Wangen brannten auf einmal. Schluss mit den dummen Gedanken, rief sie sich zur Ordnung.

Aber es war ja nicht so, dass sie die Jungfräulichkeit für etwas besonders Kostbares hielt, nein, es hatte sich einfach nicht ergeben. Zum einen, weil sie eine Mutter hatte, die wie ein Schmetterling von einem Mann zum anderen flatterte. Aber größtenteils, weil sie mit zwei älteren Männern aufgewachsen war, die große Stücke auf sie hielten, und Marni nichts tun wollte, das sie in ihren Augen herabsetzte.

So hatte sie sich zurückgehalten, als ihre Freundinnen sich glücklich oder auch manchmal unglücklich verliebten und ihre ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machten. Abgesehen davon hatte es nie einen Jungen gegeben, mit dem sie gern ins Bett gegangen wäre.

An der Uni war es ihr peinlich gewesen zuzugeben, dass sie noch nie mit einem Mann geschlafen hatte, und sie war deshalb selten ausgegangen. Bis sie dann Jack kennenlernte …

Hör auf zu grübeln! Marni seufzte, als sie die kleine Hand hob und einen Kuss darauf hauchte.

Sie stahl sich leise aus dem Raum und wandte ihre Gedanken wieder dem Kind zu. Wenn sie ihn das nächste Mal besuchte, wollte sie ihm Spielzeug und Bücher mitbringen.

Als sie an der Stationszentrale vorbeikam, spürte sie ein merkwürdiges Kribbeln, und als sie über die Schulter blickte, sah sie einen großen, dunkelhaarigen Mann, der leicht vorgebeugt der Schwester hinter dem Tresen zuhörte.

Bestimmt ist er es nicht, sagte sie sich. Aber warum reagierte sie so?

Hoffentlich würde sie dieses aufregende Kribbeln nicht jedes Mal spüren, wenn sie einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Fremden sah!

2. KAPITEL

Auf dem Weg zu Safi versuchte sich Marni einzureden, dass es nur gut war, dass sie Gaz in den nächsten beiden Tagen nicht im OP sehen würde. Aber der traurige Ausdruck in den Augen des kleinen Jungen, als sie sein Zimmer betrat, vertrieb alle anderen Gedanken. Sie setzte sich neben ihn, ergriff seine Hand und sagte „Hallo“, danach „Salam“, eins der wenigen Wörter, an die sie sich aus Jawas Arabischstunden erinnerte.

Safi lächelte und wiederholte ihr erstes Wort, dann sprudelte es nur so aus ihm heraus, wahrscheinlich Fragen, wie Marni vermutete. Allerdings verstand sie nichts davon. Sie holte aus ihrer Umhängetasche eine Mappe mit Bildern, die sie im Internet gefunden und ausgedruckt hatte. Als Erstes zeigte sie Safi eine Karte von Australien und deutete auf sich selbst, dann auf die Karte von Ablezia. Mit einem ausgeschnittenen Flugzeug demonstrierte sie, dass sie von Australien nach Ablezia geflogen war.

Der kleine Junge nahm das Flugzeug und zeigte zuerst darauf, dann auf sie. „Flugzeug“, sagte Marni. „Ein großes Flugzeug, von hier …“ Wieder deutete sie auf die Karten. „… nach hier.“

Safi nickte, behielt aber das Flugzeug und fuhr damit durch die Luft.

Marni holte die Abbildung eines Koalas aus ihrer Mappe, eines Wombats und eines Kängurus. Sie legte alle auf die Karte von Australien, und als Safi das Känguru nahm, stand sie auf, hüpfte im Raum umher und freute sich, dass der Kleine vor Vergnügen lachte.

„Känguru“, sagte sie und hoffte, dass die Bücher und Spielzeuge, die sie bestellt hatte, schnell geliefert wurden.

Autor

Meredith Webber
Bevor Meredith Webber sich entschloss, Arztromane zu schreiben, war sie als Lehrerin tätig, besaß ein eigenes Geschäft, jobbte im Reisebüro und in einem Schweinezuchtbetrieb, arbeitete auf Baustellen, war Sozialarbeiterin für Behinderte und half beim medizinischen Notdienst.
Aber all das genügte ihr nicht, und sie suchte nach einer neuen Herausforderung, die sie...
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