Sei meine Königin heut Nacht!

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„Tanzen Sie mit mir, Majestät.“ Es ist ein protokollarischer Bruch, den Javier Diamandi begeht. Schließlich wurde er der schönen Astrid Thyra, Königin von Norvenheim, noch nicht offiziell vorgestellt. Doch so kann der spanische Milliardär verhindern, dass sein intriganter Halbbruder ihr zu nahe kommt. Zudem fühlt er sich unwiderstehlich zu der Frau hingezogen, die ihre Gefühle hinter einer kühlen Maske verbirgt. Noch ahnt er nicht, welche Folgen dieser Tanz auf dem Winterball für ihn, die Königin und die Zukunft des Landes haben wird …


  • Erscheinungstag 27.10.2026
  • Bandnummer 2777
  • ISBN / Artikelnummer 0800262777
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Clare Connelly

Sei meine Königin heut Nacht!

1. KAPITEL

Als kleines Mädchen hatte Astrid den Starlight Ball, der jedes Jahr kurz vor Weihnachten stattfand, über alles geliebt. Sie durfte ein glitzerndes Kleid tragen, und ihr Haar wurde zu einem langen Zopf geflochten, ehe sie an der Hand ihrer Mutter die breite Treppe des Palastes hinunterschritt, um die Gäste des Hofes zu begrüßen. Damals war es ihr immer so erschienen, als liege ein Zauber in der Luft, und sie konnte nie genug davon bekommen.

Die Räume des Palastes waren zu diesem Fest immer üppig mit Efeu geschmückt. Im Saal prasselte ein Feuer im Kamin. Der große Tisch war überladen mit traditionellen Gerichten. Im ersten Stock, auf dem Balkon über ihnen, spielte das Königliche Orchester.

Und dann gab es da noch diese wundersame alte Legende: Wer in dieser Nacht zu den Sternen aufsah, durfte einen Wunsch äußern, der in der letzten der zwölf Weihnachtsnächte in Erfüllung gehen sollte.

Inzwischen war Königin Astrid Thyra von Norvenheim fünfundzwanzig und glaubte, diesen alten Traditionen entwachsen zu sein. Ihren bitteren Wunsch sprach sie dennoch heimlich aus: Lass mich jemanden finden, bei dessen Verlust mir nicht das Herz bricht.

Als Kind hatte sie an Wunder geglaubt.

Und jetzt? Wie sollte sie?

Bei einem tragischen Unfall vor elf Jahren war ihre ganze Familie ums Leben gekommen. Das bewies ihr, dass Märchen nicht wahr wurden. „Und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage!“ war reines Wunschdenken. Ihr blieb nur, ihren Lebenszweck zu erfüllen und ihrem Volk als die Art Königin zu dienen, auf die ihre Eltern und ihr älterer Bruder stolz gewesen wären.

Die Emotionen drohten sie zu überwältigen, aber Astrid unterdrückte sie mit der Professionalität vieler Jahre. Sie war vierzehn gewesen, als sie nach dem Unfall als einzige Überlebende ihrer Familie zur Kronprinzessin geworden war. Bis zu ihrer Krönung regierte an ihrer Stelle zwar der Regentschaftsrat, doch ihre Rolle war klar. Astrid war die künftige Königin. Sie musste ihre Trauer für sich verarbeiten, ohne sie je zu zeigen. Ihr Volk trauerte wie sie, und die Menschen suchten Trost bei ihr. Noch in ihrem tiefsten Schmerz wusste Astrid, was von ihr erwartet wurde. Was ihre Eltern von ihr erwartet hätten. Und hätte sie es je vergessen, hätte der Regentschaftsrat sie an ihre Pflicht erinnert.

Sechs Monate vor dem diesjährigen Starlight Ball hatte ihre Krönung stattgefunden. An einem warmen Nachmittag hatte Astrid vorn in der Abtei gesessen. Der Platz zu ihrer Linken – der Platz ihres Gemahls – war frei geblieben. In den ersten Reihen saßen keine liebevollen Familienmitglieder, sondern Politiker und hohe Würdenträger. Selten hatte sie sich derart einsam gefühlt. Es war eine Einsamkeit, die tief in ihrem Innern verwurzelt war, aber wie immer hinter der Fassade eines geübten Lächelns verschwand.

Astrid wusste, was als Nächstes von ihr erwartet wurde. Sie musste heiraten. Musste dafür sorgen, dass die Thronfolge gesichert war. Eine Familie war für sie als Königin ein absolutes Muss, dabei war es das, was sie am meisten fürchtete. Die Zeit lief ihr davon, wie der Premierminister – als Hofmeister die Nummer Eins im Hofrat – ihr immer wieder diskret in Erinnerung rief. Das ganze Land verlangte eine Hochzeit, und Astrid wusste, dass sie die Geduld der Menschen auf eine harte Probe stellte. Innerhalb der nächsten Monate sollte es endlich zu einer königlichen Verlobung kommen und nicht lange danach zur Hochzeit und Gründung einer Familie.

Ihr wurde kalt bei dem Gedanken, mit wie viel Schmerz das Ganze verbunden war. Nicht die Schwangerschaft oder die Geburt an sich, aber die Liebe. Nicht die Liebe zu ihrem Ehemann, diese Gefühle würde sie unter Kontrolle halten können. Aber würde sie nicht ihre Kinder lieben? Wie konnte sie das, wenn sie wusste, wie viel Schmerz der Verlust eines geliebten Menschen bedeutete? Konnte sie überhaupt noch lieben, nachdem sie ihr Herz so viele Jahre vor allen verschlossen hatte? Vielleicht war es am besten, wenn sie von vornherein darauf verzichtete. Der Verlust ihrer Eltern und ihres Bruders hatte sie am Boden zerstört. Wie konnte sie es riskieren, so etwas noch einmal durchzumachen? Zumal mit einem eigenen Kind?

Das Orchester stimmte jetzt eine vertraute Melodie an, einen der ältesten Tänze Norvenheims. Während die Gäste fröhlich zur Tanzfläche strömten, sah Astrid vom Rande aus zu. Ihre gefasste Miene verriet nichts von dem Chaos der Gefühle, das in ihr tobte. Nichts von den Beklemmungen, die sie hatte, wenn sie an eine Ehe und Kinder dachte.

Ihr Blick glitt durch den Raum und landete wie so oft bei solchen Anlässen auf Otto Diamandi. Er tanzte mit seiner Mutter. Der Anblick brachte sie zum Lächeln. Die beiden hatten ein sehr enges Verhältnis, besonders seit dem Tod von Ottos Vater. Astrid wusste, sie könnte es schlechter treffen, als ihn zum Partner zu nehmen.

Sie hatten ein fast freundschaftliches Verhältnis zueinander. Er war ein geachteter Mann und kam aus einer Familie, die die Menschen sofort respektieren würden, denn sie war alt und angesehen.

Außerdem hatte Otto Diamandi noch einen weiteren Pluspunkt: Wenn sie daran dachte, ihn zu heiraten, verspürte sie … absolut gar nichts. Kein Verlangen, keine Leidenschaft, kein Risiko der Liebe. Er war vollkommen sicher.

Im Laufe der Jahre hatte Astrid hin und wieder das gehabt, was andere Menschen „Dates“ nennen mochten. Doch für sie waren es eher so etwas wie Bewerbungsgespräche gewesen. Ihr potenzieller Ehepartner musste ein Mann sein, den sie ihrem Volk als König präsentieren konnte. Als Mann an ihrer Seite, der aber keinen Anspruch auf ihre Gefühle oder ihr Herz hatte. Täglich schien die Notwendigkeit, einen Erben zu präsentieren, drängender zu werden. Sollte ihr jetzt etwas passieren, wäre die Blutlinie der königlichen Familie ausgestorben.

Es wurde Zeit, Bewegung in die Sache zu bringen. Warum nicht heute beim Starlight Ball? In der Nacht der Wünsche?

Javier Diamandi betrachtete die Gesellschaft mit distanziertem Spott. Hier waren die Reichen und Mächtigen eines Landes versammelt, das einmal seine Heimat gewesen war. In einem der ältesten Paläste Europas, der einem der reichsten Königshäuser gehörte, feierte die Crème de la Crème von Norvenheim. Alle lachten, tanzten und taten ihre Wünsche kund. Dabei bezweifelte Javier, dass Menschen, die so privilegiert lebten, noch Bedarf an Wünschen hatten!

Er ballte die Hand unwillkürlich zu einer Faust, als er an das dachte, was er tun wollte. Die Rache, die er seit Jahren plante, war ganz nah. Javier war nur aus einem einzigen Grund nach Norvenheim gekommen, er wollte seiner Stiefmutter und seinem Halbbruder seinen Triumph ins Gesicht schleudern. Heimlich hatte er Aktien des Unternehmens seines verstorbenen Vaters aufgekauft, sobald sie irgendwo auf den Markt kamen. Nun hatte er auch die letzten zehn Prozent erworben, die ihn zum Mehrheitseigner machten. Er konnte es gar nicht erwarten, ihnen diesen Dolch ins Herz zu stoßen. Das, was sie ihm vorenthalten hatten, würde nun doch ihm gehören. So wie es immer hätte sein sollen.

Mitten im Wirbel aus Tüll und Spitze, Diamanten und Smokings entdeckte er sie. Otto, der goldene Junge, tanzte mit seiner Mutter Carlotta, die für Javier längst zum Inbegriff der bösen Stiefmutter geworden war. Sie war so schön wie eh und je. Das silbrig blonde Haar war zu einem eleganten Knoten gebunden, dazu trug sie eine kleine Tiara.

Carlotta beugte sich vor und flüsterte Otto etwas zu. Der sah zum Ende des Saals, wo eine kleine Bühne einen optimalen Blick über das Geschehen gewährte. Javier folgte seinem Blick und entdeckte die Königin – erst vor wenigen Monaten gekrönt, wie er aus der Presse wusste.

Königin Astrid Thyra war noch ein Teenager gewesen, als ihre ganze Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Nur sie hatte überlebt. Es war wie ein Wunder! Während ihre Eltern und ihr Bruder fast auf der Stelle tot waren, trug sie nur ein gebrochenes Handgelenk davon.

Die ganze Welt trauerte mit ihr. Er erinnerte sich noch gut daran, weil auch in Spanien alle Medien voll von der Tragödie der königlichen Familie von Norvenheim gewesen waren. Er hatte es gehasst, weil er es hasste, an diesen Ort erinnert zu werden. An diesen Ort, an dem er so tief verletzt worden war. Dabei war Norvenheim einmal seine Heimat gewesen.

Die Königin war ausgesprochen schön. Das musste er zugeben, obwohl es nichts an seiner spöttischen Miene änderte. Natürlich war sie schön. Nichts war so beeindruckend wie eine Frau, die sich aus der Asche ihrer Trauer erhoben hatte, um eine makellose, beliebte Königin zu werden.

Sie trug ein dezent elegantes Kleid, das so weiß war wie die schneebedeckten Berge in der Ferne. Es war figurnah geschnitten, hatte lange, ausgestellte Ärmel und betonte ihre schlanke Gestalt. Ihr hellbraunes Haar fiel in glänzenden Wellen weich um das Gesicht. Die Augen waren tiefbraun, die Lippen voll und weich und zu einem leichten Lächeln verzogen. Er beobachtete, wie ihr Blick auf Otto fiel, der zu ihr aufsah. Widerwille regte sich in Javier. Ein Widerwille, den er sich nicht erklären konnte.

Carlotta sagte etwas und zwinkerte Otto zu mit einem Lächeln, das Javier nur zu gut kannte. Er ahnte, was sie im Sinn hatte.

Königin Astrid Thyra von Norvenheim mochte beliebt sein, aber sie war gleichzeitig auch das Opfer gnadenloser Klatschgeschichten über ihren Status als Single. Die Welt – vor allem ihr Land – forderte eine royale Romanze. Man wollte, dass sie heiratete und eine Familie gründete. Sie brauchte einen Mann nur anzusehen, schon stürzte sich die Presse darauf und suchte hysterisch nach Anzeichen für mehr.

Es war möglich, dass seine Stiefmutter nur die Publicity wollte, die sich aus dem anscheinend recht vertrauten Kontakt von Otto zur Königin ergab. Aber Javier bezweifelte es. Für Carlotta wäre es sicher das Höchste, wenn ihr Sohn in die Königsfamilie einheiratete!

Javier sah zu, wie seine Stiefmutter noch einmal etwas zu Otto sagte, bevor sie sich von ihm löste und ihm dabei ermunternd zunickte. Otto begab sich zur anderen Seite des Saals, wo die Königin stand und das Treiben beobachtete. Merkwürdig, wie einsam sie wirkte, obwohl sie doch die Gastgeberin des Balls war!

Javier spürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend, als Otto an die kleine Bühne trat und etwas sagte, was der Königin ein vorsichtiges Lächeln entlockte. Otto lachte und reichte ihr seine Hand.

Javier fühlte Wut in sich aufsteigen.

Im Moment seines Sieges, für den er so viele Jahre so hart gearbeitet hatte, wollte er nicht mit ansehen müssen, wie Otto ihm etwas von seinem Triumph nahm. Seine Stiefmutter würde sich nicht für seine Rache interessieren, wenn es seinem Halbbruder gelingen sollte, an diesem Abend eine der begehrtesten Frauen Europas für sich zu gewinnen!

Javier sah aus den Schatten zu, wie das Paar zu tanzen begann. Die Königin achtete sehr auf Distanz und behielt ihr höfliches Lächeln bei. Sie wusste, dass jede ihrer Regungen von den Medien beobachtet wurde. Bei dem Event selbst war keine Presse zugelassen, aber eine Reihe von Hoffotografen ging herum und machte Aufnahmen. Sie wurden sicher vom Hof genauestens analysiert, bevor man sie freigab. Aber Carlotta setzte sich souverän über die Bitte des Hofes hinweg, an diesem Abend die Handys ausgeschaltet zu lassen. Sie nahm offensichtlich einige Videosequenzen auf.

Er hätte einen beträchtlichen Teil seines Vermögens darauf verwettet, dass sie noch vor Ende des Abends diese Videos in den sozialen Medien hochladen würde.

Alles, um die Gerüchteküche zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Aber das war ein Spiel, das nicht nur sie spielen konnte …

Plötzlich ging es nicht mehr nur um Carlotta und Otto und den Schmerz, den sie ihm sein ganzes Leben lang zugefügt hatten. Es ging nicht um das ständige Gefühl, zurückgewiesen zu werden, um Hass und Grausamkeiten. Es ging jetzt auch um Juanita, die Frau, die er einmal geliebt hatte und mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Zwei Jahre waren sie heimlich zusammen gewesen, bis ihre Familie es herausfand und darauf bestand, dass sie mit ihm brach. Sie war gegangen, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Und damit hatte Juanita bestätigt, was seine Stiefmutter ihm immer eingeredet hatte: dass er nichts wert war und es nie sein würde. Schließlich war Javier nichts weiter als der unerwünschte, illegitime Sohn eines reichen Mannes.

Javier ballte die Faust noch fester, als er sich vorstellte, wie sie reagieren würden, wenn sie sähen, wie er selbst mit der Königin tanzte. Er stellte sich die Angst vor, die seine Stiefmutter ausstehen würde, wenn sie sich fragte, ob er ihren Sohn bei der Königin ausstechen könnte! Als ob ihm etwas an einer Königin gelegen wäre!

Für einen Moment überlegte er sogar, wie es wäre, mit Astrid nicht nur zu tanzen. Wie es wäre, wenn er sie verführte, nur um seiner Stiefmutter und seinem Halbbruder noch mehr zu nehmen. Er wollte die beiden in jeder Hinsicht vernichten, so wie sie es mit ihm versucht hatten. Allerdings stand das Thema Ehe für ihn nicht auf dem Lebensplan. Nicht einmal, um seiner verhassten Stiefmutter zu schaden.

Eigentlich war Javier davon ausgegangen, den Schmerz der Vergangenheit überwunden zu haben. Bei dem Racheplan gegen Carlotta und Otto war es eher darum gegangen, sich zu nehmen, was ihm von Rechts wegen ohnehin zugestanden hätte – das Unternehmen, das sie ihm entgegen den Wünschen seines Vaters verwehrt hatten. Vielleicht auch gerade deswegen. Er wollte sie verletzen, weil sie es nicht besser verdient hatten. Immer wieder hatten sie versucht, ihn zu demütigen. Damals, als er noch ein Junge war. Und schließlich, als sein Vater gestorben war und sie ihn mit dem größten Vergnügen aus dem Haus jagten.

Juanitas Abweisung hatte die Wunden nur noch vergrößert, die Stiefmutter und Halbbruder gerissen hatten. Der Gedanke daran erhöhte jetzt seine Entschlossenheit.

Dieses Land, diese Menschen hatten ihn verraten, aber dadurch war er zu dem Mann geworden, der er jetzt war. Jetzt mussten sie mit dem leben, was sie geschaffen hatten. Sie mussten mit Javier rechnen.

Es war ein Bruch des Protokolls, dass jemand sich der Königin näherte, der nicht offiziell vorgestellt worden war. Allerdings waren bei einem Event dieser Art natürlich alle eingeladenen Gäste überprüft worden und auf irgendeine Weise Astrid oder dem Premierminister bekannt.

Der Mann, der jetzt vor Astrid stand, kam ihr vage bekannt vor und war gleichzeitig ein Fremder. Verzweifelt versuchte sie, sich zu erinnern, wo sie ihm schon einmal begegnet sein mochte.

Wahrscheinlich gar nicht, denn hätte sie ihm schon einmal von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, wäre es ihr mit Sicherheit schwergefallen, ihn wieder zu vergessen. Nicht nur wegen seiner beeindruckenden Gestalt. Er war mit Sicherheit gut einen Meter achtzig groß, und seine breiten Schultern wurden durch den maßgeschneiderten Smoking perfekt betont. Sein Haar war hell und kurz geschnitten. Die blitzenden blauen Augen und das kantige Kinn erinnerten an die alten Wikinger, die dieses Königreich vor Jahrhunderten gegründet hatten. Ja, er strahlte echte Wikinger-Energie aus und erinnerte sie an die Bilder der alten Könige. Es war nicht nur sein Aussehen, es war seine ganze Haltung. Er sah ihr offen ins Gesicht, ohne die unterwürfige Haltung, die sie von vielen gewohnt war.

Das gefiel ihr.

Sie war es ihr ganzes Leben lang gewohnt gewesen, dass man vor ihr knickste und sich verbeugte. Sie durfte nur mit einer kleinen Gruppe handverlesener „passender“ Kinder spielen, denen man eingetrichtert hatte, dass sie etwas Besonderes war. Für eine solche Frau war es irgendwie faszinierend, einem Mann gegenüberzustehen, der sie ansah, als sei sie einfach nur eine Frau.

„Eure Majestät.“ Er verzog leicht die Lippen, als fände er den Titel lächerlich.

Sie hob eine Braue und hielt ihm ihre Hand entgegen.

„Es tut mir leid, falls ich mich irre, aber ich glaube, wir sind einander noch nicht vorgestellt worden.“

„Sie irren sich nicht.“

„Ah.“ Sie war sichtlich erleichtert. „Das dachte ich mir.“

Sein Blick glitt zu ihren Lippen und verweilte dort einen Moment. Sie meinte förmlich zu spüren, wie ihr Herz schneller schlug. Er legte seine Hand auf ihre, und Astrid war froh, dass sie ihre Handschuhe trug, sodass sie ihn nicht direkt berührte. Im Gegensatz zu vielen der anderen männlichen Gäste trug er selbst keine Handschuhe, und sie konnte verstohlen seine gebräunten, kräftigen Finger bewundern.

Sie bewunderte Finger?!

Astrid schloss rasch die Augen und rief sich in Erinnerung, dass sie nur ein wenig an ihrem Weinglas genippt hatte, also nicht beschwipst sein konnte.

„Javier Diamandi.“

Jetzt begriff sie, wieso der Mann ihr irgendwie bekannt vorgekommen war. Er war der Bruder von Otto Diamandi, mit dem sie zuvor getanzt hatte. Die Männer waren sich ähnlich und doch irgendwie anders.

„Ich kenne Ihren Bruder.“

„Davon ging ich aus.“

Etwas in seinem Ton weckte ihre Neugier. Eine sorgfältig kultivierte Distanziertheit ließ auf tiefere Gefühle schließen. Sie hatte ein feines Gespür für diese Dinge.

„Oh?“

„Sie haben gerade zusammen getanzt.“

„Das stimmt.“ Ihr Blick glitt durch den Saal und fand Otto am Buffet, in ein Gespräch mit zwei anderen Männern vertieft. „Ich kenne ihn schon sehr lange.“

„Das überrascht mich nicht.“

„Aber Sie sind auch nicht beeindruckt.“

Als sie ihn wieder ansah, meinte sie, so etwas wie Überraschung in seinem Blick zu sehen, aber er schwieg.

„Sie leben nicht hier im Land?“

„Nein.“

Sie hielt ihre Miene ausdruckslos. „Und Sie kommen nicht sehr oft hierher?“

„Wieso sagen Sie das?“

„Ich bin sicher, Otto hätte Sie sonst erwähnt.“

„Wie gut kennen Sie meinen Bruder?“

Wäre sie es gewohnt gewesen, ihre Regungen zu zeigen, hätte sie jetzt sicher die Stirn gerunzelt. Wieso die kleine Pause, bevor er seine Frage stellte? Wieso diese Frage überhaupt?

„Wir sehen uns bei Events wie diesem.“

Er nickte nachdenklich. „Er ist der einzige Mann, mit dem Sie heute Abend getanzt haben.“

Sie sah die Gefahr in dieser Bemerkung. Das Letzte, was sie wollte, war, dass die Gerüchteküche in Gang kam, bevor sie bereit war. Bevor sie entschieden hatte, welcher Mann ihr Ehemann werden sollte.

„Er war der Einzige, der mich um einen Tanz gebeten hat.“

Astrid hörte die Herausforderung in seinem Ton, doch sie redete sich schnell ein, dass es nur an dem unerwarteten Verlauf dieser Unterhaltung lag. Und nein, sie hielt jetzt auch nicht den Atem an und hoffte, wie sie noch nie zuvor gehofft hatte …

„Wie nachlässig von den anderen! Wie konnten Sie sie hier so lange allein lassen?“

Etwas Ungewohntes regte sich in ihr – ein Gefühl des Verlangens. Sie ignorierte es aus Gewohnheit, konnte es aber nicht völlig verdrängen.

„Ich nehme an, die meisten Menschen halten mich für unnahbar.“

„Wieso habe ich das Gefühl, dass Ihnen das gefällt?“

Sie musste sich davon abhalten, hörbar nach Luft zu schnappen. „Ich weiß es nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Wollen Sie damit andeuten, dass ich lüge? Ich muss Sie warnen. Ich bin ziemlich sicher, wir haben in unserem alten Gesetzeskodex noch einen Paragrafen, der Sie wegen Majestätsbeleidigung hinter Gitter bringen könnte …“

„Weil ich es wage anzudeuten, dass Eure Majestät nicht immer ganz frei von Tadel ist?“

Um ihre Mundwinkel zuckte ein belustigtes Lächeln. Es fühlte sich gut an, weil sie sich schon so lange nur auf ihre offizielle Fassade beschränkte.

„Allerdings. Was soll es sein? Nehmen Sie es zurück oder gehen Sie ins Gefängnis?“

„Vielleicht gibt es ja noch eine dritte Option.“

„Und was könnte das sein, Javier?“

Es versetzte ihr einen Kick, seinen Namen auszusprechen.

„Tanzen Sie mit mir, Majestät.“

Nach außen hin blieb sie reserviert wie immer, aber in ihrem Innern tobte ein Chaos. „Inwiefern macht das Ihr Vergehen ungeschehen?“

„Warten Sie es ab. Sie haben noch nie mit mir getanzt.“

„Wollen Sie behaupten, Sie wären so gut?“

„Genau das.“

Astrid musste sich gegen ihre Gepflogenheit räuspern, bevor die Stimme ihr gehorchte. „Ihnen ist schon klar, dass Sie für ein paar Tage im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen werden, wenn alle im Land sich Gedanken darüber machen, ob wir wild in Liebe entbrannt sind?“

Sein Blick glitt über ihr Gesicht, und sie spürte förmlich die vielen Fragen, die er nicht stellte. Die Bemerkungen, die er für sich behielt.

„Es ist lange her, dass ich mir Gedanken um das gemacht habe, was irgendjemand über mich sagt. Und glauben Sie mir, Liebe ist das Letzte, was ich im Moment im Sinn habe.“

„In dem Fall …“ Sie hielt ihm noch einmal ihre Hand hin, stolz darauf, dass sie nicht zitterte. „Lassen Sie uns tanzen.“

2. KAPITEL

Obwohl Astrid vor knapp einer halben Stunde mit Javiers Bruder getanzt hatte, spürte sie sofort die Veränderung. Es wurde still im Saal. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Die Gedanken der vornehmen Gäste begannen fast hörbar zu kreisen. Mit Otto Diamandi war Astrid freundschaftlich verbunden, und die Menschen hier kannten ihn. Sein Bruder Javier hingegen war … ein Rätsel. Sein Name fiel nur selten.

Sie wusste nur, dass er das Land vor vielen Jahren verlassen hatte. Natürlich wusste sie auch, dass er in der Zwischenzeit ein sehr erfolgreiches Firmenimperium aufgebaut hatte. Astrid hob den Blick und ließ ihn über sein Gesicht gleiten. Dabei stiegen Gefühle in ihr auf, auf die sie vollkommen unvorbereitet war. Eine ungewohnte Hitze erfasste sie. Eine Nervosität, die sich anfühlte wie Schmetterlinge im Bauch. Beides war neu für sie.

Ihr Leben war bisher in zwei völlig verschiedene Kapitel aufgeteilt gewesen. Das erste umfasste die Zeit vor dem Tod ihrer Familie, das zweite die Zeit danach. Im ersten Abschnitt war sie ein ganz anderer Mensch gewesen. Zuerst ein Kind, dann ein Mädchen an der Grenze zur Frau. Sie konnte lachen und albern sein. Konnte Emotionen haben. Im zweiten Lebensabschnitt musste Astrid lernen, ihre Gefühle so perfekt zu verbergen, dass sie sie irgendwann nicht mehr hatte.

Warum wurde Astrid ausgerechnet jetzt während des Starlight Balls von solch heftigen Gefühlen erschüttert? Auf einmal konnte sie es gar nicht mehr erwarten, dass der Tanz zu Ende war, damit sie wieder zurückkonnte auf ihre kleine Bühne, um sich Gedanken zu machen über einen potenziellen Ehemann. Einen Mann, der ihren Puls nicht mit einem einzigen Blick zum Rasen bringen konnte. 

Astrid wusste, sie musste so tun, als sei sie vollkommen distanziert, obwohl ihr Körper nur noch aus Reaktionen auf Javier zu bestehen schien. Ihre Hände lagen auf seinen Schultern – so wie sie auch mit dem Premierminister getanzt hätte –, aber unter ihren Fingerspitzen spürte sie seine Kraft und Wärme. Wie gern hätte sie sie über seine breite Brust gleiten lassen …

„Die Regel ist, dass man beim Tanzen spricht“, bemerkte sie mit betont gleichmütiger Stimme.

„Worüber würden Sie denn gern sprechen?“ Javiers Stimme verriet nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte.

„Erzählen Sie mir von sich.“

Ein Anflug von Zynismus huschte über sein Gesicht. „Ich heiße Javier, bin zweiunddreißig Jahre alt und lebe in Spanien. Mein Leibgericht ist Pincho Moruno.“

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