Silberner Mond über Venedig

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„Kein Ardizzone soll Glück in der Ehe finden!“ Der Fluch, den Serafinas Urahn einst wütend ausstieß, wirkt noch immer. Aber das Arrangement, das Serafina dem smarten CEO Gianni Leto vorschlägt, hat ja nichts mit Glück zu tun: Sie will nur eine Scheinehe. Gianni braucht eine Frau – und sie seine Hilfe, um den elterlichen Palazzo in Venedig zu sanieren. Doch darauf lässt Gianni sich nicht ein. Im silbernen Mondlicht tanzt er mit ihr auf dem Markusplatz, küsst sie heiß bei einer Gondelfahrt. Will er etwa beweisen, dass sie den jahrhundertealten Fluch brechen können?


  • Erscheinungstag 02.05.2023
  • Bandnummer 092023
  • ISBN / Artikelnummer 0800230009
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

„Wenn ich die Zeit um ein paar Jahrhunderte zurückdrehen könnte“, sagte Serafina mit einem Seufzen, „würde ich noch heute meine Vorfahren zur Rede stellen und sie fragen, warum sie gerade Champagner trinken und opulente Feste feiern, statt sich um den Palazzo zu kümmern. Wer weiß, vielleicht wäre er dann in einem akzeptablem Zustand.“

„Ist es wirklich so schlimm?“, fragte Alessia.

„Schlimmer.“

„Vielleicht sollte ich dir statt Kaffee einen Gin Tonic anbieten.“

„Um zehn Uhr morgens?“ Serafina schüttelte den Kopf. „Alkohol ist keine Lösung. Aber gegen einen doppelten Espresso hätte ich nichts einzuwenden.“

„Kommt sofort.“

Serafina nahm am Küchentisch Platz, während die Freundin sich an ihrer neuesten Errungenschaft, einer ultramodernen Espressomaschine, zu schaffen machte.

Seit dem Tod ihres Vaters vor sechs Monaten war Serafina kaum zur Ruhe gekommen. Erst die Organisation der Trauerfeier, dann endlose Behördengänge, es hatte kein Ende genommen. Dazu noch die schockierende Erkenntnis, dass der Treuhandfonds der Ardizzone leer war – und vor allem, weshalb er leer war.

Der Termin mit der Bank an diesem Morgen hatte auch nicht geholfen.

Während der Kaffee durch die Maschine lief, stellte Alessia einen Teller mit Gebäck auf den Tisch. „Erst isst du ein halbes Dutzend, dann reden wir weiter“, befahl sie.

Bussolai! Serafinas Lieblingsplätzchen. Ringförmig, butterweich und nach Zitrone duftend, zergingen sie auf der Zunge. „Danke, Lessi, du bist die Beste.“

„Frisch gebacken nach Nonnas Rezept. Ich nehme an, die Bank hat abgelehnt.“

Serafina zuckte die Schultern. „Es ist ganz einfach: kein Einkommen, kein Darlehen. Mein Businessplan für die Zukunft des Palazzo, komplett mit den voraussichtlichen Ausgaben und Einnahmen, hat sie nicht beeindruckt.“ Sie schob sich ein weiteres Plätzchen in den Mund. „Dazu schulde ich noch einen Teil der Erbschaftssteuer, und mein einziger Aktivposten ist der Palazzo.“

„Warum verkaufst du ihn dann nicht? Selbst im derzeitigen Zustand dürfte er einiges wert sein.“

„Der Palazzo ist Fideikommiss. Du weißt, was das bedeutet? Er gehört der Familie, nicht mir. Als Contessa Serafina Ardizzone bin ich zwar offiziell Oberhaupt und Treuhänderin, darf ihn aber nicht verkaufen. Verpachten oder vermieten ist ausgeschlossen, weil er die Sicherheitsbestimmungen und Auflagen der Baubehörden nicht erfüllt. Und zum Restaurieren fehlen mir die Mittel.“ Frustriert schüttelte sie den Kopf. „Hätte ich mit achtzehn gewusst, was ich heute weiß, hätte ich nicht Kunstgeschichte, sondern Jura studiert und wäre Anwältin geworden. Eine von denen, die genug verdienen, um sich so ein teures Hobby leisten zu können. Sogar eine Maurerlehre wäre mir jetzt nützlicher als ein Diplom in Kunstgeschichte.“ Sie lächelte schief. „Aber ich bin immer davon ausgegangen, dass Geld keine Rolle spielt und dass ich studieren kann, was mir Spaß macht. Womit ich keinen Deut besser bin als meine vergnügungssüchtigen Vorfahren.“

Gewiss, sie könnte wie jene die Verantwortung von sich schieben und es dem nächsten Erben überlassen, damit klarzukommen. Und niemand könnte ihr deswegen Vorhaltungen machen. Der Palazzo würde von Jahr zu Jahr mehr verfallen, bis er eines Tages nicht mehr zu retten war.

Aber so weit durfte es nicht kommen. Ca’ d’Ardizzone war ihr Zuhause, hier war sie aufgewachsen. Sie würde nicht zusehen, wie eine Ruine daraus wurde.

„Du bist zu streng mit dir selbst“, protestierte Alessia. „So wie du redest, könnte man meinen, du hast die letzten zehn Jahre auf der faulen Haut gelegen. Du warst drei Jahre an der Uni und arbeitest seither ehrenamtlich im Museum Frauen und Kunst. Du kennst dich im Marketing aus, hast Ideen und verstehst sie zu verkaufen. Kannst du nicht staatliche Unterstützung für die Restaurierung beantragen?“

„Dazu müsste der Palazzo berühmte Fresken oder architektonische Besonderheiten haben. Ca’ Ardizzone ist bloß einer von Venedigs zahlreichen verwitterten Palästen.“

„Was ist mit dem Gemälde von Canaletto im Speisesaal? Wenn du das versteigern lässt, bringt es bestimmt genug ein, um die Kosten zu decken.“

„Wäre es das Original, kein Zweifel. Aber leider ist es eine Kopie.“

„Eine Kopie?“ Alessia machte große Augen.

Serafina nickte. „Mein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater soll das Original verkauft haben. Ähnliches gilt für spätere Generationen. Was von Wert war, Gemälde, Juwelen und dergleichen, wurde nach und nach veräußert und durch Fälschungen ersetzt.“ Sie verzog die Stirn. „Vielleicht hatte Papá recht; vielleicht liegt auf unserer Familie wirklich ein Fluch. Hätte meine Ur-Ur-Ur-Urgroßtante Marianna vor dreihundert Jahren den Mann ihrer Wahl heiraten dürfen, wäre sie bei dem Versuch, mit ihm durchzubrennen, nicht die Treppe hinuntergestürzt und ums Leben gekommen. Und er – ihr Liebhaber – hätte die Familie nicht verflucht.“

Alessia schauderte unwillkürlich und schüttelte dann den Kopf. „Das ist doch bloß ein Schauermärchen. Niemand hat die Macht, jemanden zu verfluchen.“

Natürlich wusste Serafina, dass sie recht hatte. Dennoch überlegte sie manchmal, ob nicht doch etwas Wahres an der Geschichte sein konnte. Der Überlieferung zufolge hatte Mariannas Liebhaber ausgerufen, dass kein Ardizzone jemals Glück in der Ehe finden solle. Und soweit sich das nachvollziehen ließ, hatte es sich bewahrheitet. Ihre Großeltern waren sich ein Leben lang spinnefeind gewesen und nur bei offiziellen Anlässen als Ehepaar erschienen. Ihre Mutter betrachtete das Leben mittlerweile ausnahmslos von seiner schwärzesten Seite. Und ihr Vater war dem Glücksspiel verfallen gewesen, während frühere Generationen sich mit rauschenden Festen über eheliche Probleme hinweggetröstet hatten.

Und sie selbst war einem ähnlichen Schicksal nur durch Zufall entgangen. Hätte sie Tom nicht mit einer anderen im Bett überrascht, wäre sie jetzt die Frau eines Hollywoodstars, der, wie sie inzwischen wusste, eine Affäre nach der anderen hatte und sie nur ihres Titels wegen hatte heiraten wollen. Seitdem war Liebe, wie man so treffend sagte, für sie nur noch ein Wort. Sie hatte ihre Lektion gelernt.

Serafina holte tief Luft. „Du hast recht, Alessia, vergessen wir den Fluch. Aber ich wünschte, Papá hätte mir früher gestanden, dass wir pleite sind.“

„Wahrscheinlich wollte er dich nicht damit belasten.“

„Aber wem, wenn nicht mir, hätte er sich anvertrauen sollen? Mutter nicht, sie wäre ausgeflippt, und das wusste er auch. Aber dass er mir kein Wort gesagt hat, das tut weh. Schließlich war ich kein Kind mehr, ich war erwachsen. Hätte ich gewusst, dass er spielsüchtig war …“, ungläubig schüttelte sie den Kopf, „… hätte ich ihm helfen können, dagegen anzugehen. Und dann wäre er in seiner Verzweiflung nicht so weit gegangen, alles auf eine Karte zu setzen und sich und die Familie zu ruinieren. Denn nur das hat seinen Herzinfarkt verursacht. Dann würde er jetzt noch leben.“

„Serafina …“, Alessia nahm die Hand der Freundin in ihre, „… du bist nicht schuld an seinem Tod. Niemand ist schuld. Dein Vater war kein junger Mann mehr. Mangelnde Bewegung, zu reichhaltiges Essen, zu viele Brandys – das zusammen ist der klassische Mix für einen Herzinfarkt. Auch ohne die Spielsucht.“

„Mag sein.“ Allerdings änderte es nichts daran, dass sie sich schuldig fühlte. Gleichzeitig konnte sie ihrem Vater nicht verzeihen, dass er so leichtfertig ein Vermögen verspielt hatte, Geld, das nicht ihm, sondern der Familie gehörte. Auch wenn er versucht hatte, damit die erlittenen Verluste wettzumachen. Vergeblich. Die letzten sechs Monate hatten Francesca und sie von ihren Ersparnissen gelebt, aber auch die gingen rapide zu Ende.

Serafina straffte die Schultern. Ihrem Vater oder sich selbst Vorwürfe zu machen, brachte sie nicht weiter. „Wie dem auch sein mag, ich brauche einen Job, um Geld zu verdienen. Der Palazzo muss so weit restauriert werden, dass er den Sicherheitsbestimmungen entspricht. Dann kann ich die Zimmer, die in akzeptablem Zustand sind, vermieten, so wie es in einer Reihe alter Paläste bereits praktiziert wird. Offenbar gibt es viele Touristen, die während des Urlaubs in einem echten Palazzo wohnen möchten. Mit den Einnahmen kann ich die nächsten anstehenden Renovierungen finanzieren. Was bedeutet: mehr Gäste und mehr Gewinn. Und so weiter … Wie findest du die Idee?“

„Großartig.“

„Bleibt die Konkurrenz.“ Serafina kaute an der Unterlippe, „Was macht unseren Palazzo attraktiver als die anderen?“

„Du natürlich.“ Die Freundin grinste. „Wie viele können schon Frühstück mit einer waschechten contessa anbieten?“

„Ein guter Aufhänger. Ob gut genug, bleibt abzuwarten.“

„Dann gib Malunterricht. Deine Aquarelle sind wunderschön.“

„Ich habe nie jemanden im Malen unterrichtet. Davon ganz abgesehen …“ Serafina zögerte, aber dann sprach sie weiter. „Malen ist mein Hobby, Alessia, etwas zum Entspannen. Und dabei soll es auch bleiben.“

„Schön. Wie wäre es mit, sagen wir, Eine Woche Venedig, wie es in keinem Reiseführer steht? Du kennst die Stadt in- und auswendig, hast Kunstgeschichte studiert, bist mit sämtlichen Sehenswürdigkeiten vertraut, plus typischen Restaurants und Bars. Mit anderen Worten, für deine Gäste wärst du die ideale Fremdenführerin.“ Alessia zwinkerte. „Eine adlige Fremdenführerin.“

„Das wäre eine Möglichkeit, wenn auch erst für später.“ Serafina seufzte. „Problem Nummer eins bleibt. Bevor ich gut zahlende Gäste aufnehmen kann, müssen die Räumlichkeiten deren Ansprüchen entsprechen, das heißt, extra Badezimmer, neue Tapeten und so weiter. Und das kostet Geld, das ich nicht habe. Woher nehmen und nicht stehlen, wenn sogar unsere Bank mir ein Darlehen verweigert?“ Erneut griff sie nach einem Plätzchen. „Fast wünsche ich, ich hätte Tom geheiratet.“

„Serafina! Wie kannst du das auch nur denken?“, entgegnete Alessia schockiert. „Der Mann hat dich nach Strich und Faden betrogen.“

„Ich weiß. Aber Celebrity Life hatte uns damals ein kleines Vermögen für ein Exklusivinterview mit Hochzeitsfotos angeboten. Damit wollte ich die Restaurierung des Pala…“ Abrupt brach sie ab. „Ich hab’s! Das ist die Lösung.“ Sie sprang auf und lief nervös hin und her. „Tom als Hollywoodstar war die Hauptattraktion, aber auch die Hochzeit einer contessa des venezianischen Hochadels kommt bei der Leserschaft gut an. Wenn ich also jemand heirate, der eine Vorzeigebraut sucht, könnte ich dem Magazin die Hochzeitsbilder verkaufen und mit dem Geld die Restaurierung finanzieren.“

„Du willst einen Mann heiraten, den du nicht liebst?“

Kein Ardizzone soll Glück in der Ehe finden.

„Wir reden von einer Scheinehe auf Zeit, Alessia. Nach einem Jahr reichen wir die Scheidung ein, und jeder geht seiner Wege. Wir bekommen beide, was wir wollten, keiner muss leiden.“

Die Freundin schüttelte den Kopf. „Wäre es nicht einfacher, du suchst einen Bauunternehmer, der sich für die Restaurierung eines klassischen venezianischen Palazzos interessiert? Letzten Sommer habe ich einen Artikel geschrieben über einen gewissen Gianni Leto aus Rom. Er hat vor zwei Jahren die Firma seines Vaters übernommen und versucht seitdem, eigene Wege zu gehen – in seinem Fall: alte Gebäude restaurieren, statt neue Häuser zu bauen. Ich hatte den Eindruck, er weiß, wovon er redet. Ein Projekt wie dein Palazzo könnte ihn interessieren – und für dich, meine Liebe, wäre das eine gute Verhandlungsbasis. Du könntest mit ihm eine Ratenzahlung ausmachen. Wir könnten in einschlägigen Zeitschriften einen Artikel mit Fotos veröffentlichen, vielleicht auch eine Serie über die Bedeutung venezianischer Paläste.“

„Hm …“

Alessias Idee klang entschieden besser als ihre eigene, überlegte Serafina. Wer mit auch nur einem Funken Verstand würde, selbst wenn es nur für ein Jahr war, eine mittellose contessa mit einem Palazzo am Hals heiraten, dessen Instandhaltung ein Vermögen verschlang? Was hatte sie zu verlieren, wenn sie diesem Gianni Leto eine Bezahlung auf Raten vorschlug? Mehr als Nein sagen konnte er nicht. Und sollte er ihr Angebot ausschlagen, wäre sie auch nicht schlechter dran als jetzt.

In der Zwischenzeit musste sie einen gut bezahlten Job finden, um die laufenden Kosten zu decken. So schwer es ihr auch fiel – die unentgeltliche Arbeit im Museum konnte sie sich nicht länger erlauben. Es nahm all ihre Zeit in Anspruch und brachte nichts ein.

„In Ordnung. Kannst du mir seine Kontaktdaten geben?“

„Mach ich. Außerdem maile ich dir den Artikel mit meinen Notizen. Damit hast du genug Info über ihn und sein Bauunternehmen.“

Serafina lächelte. „Danke, Lessi. Fürs Zuhören, fürs Aufmuntern und den Espresso.“

„Jederzeit, Fina. Halt mich auf dem Laufenden.“

Noch am Nachmittag las Serafina Alessias Interview mit Gianni Leto. Sie kam zu dem Schluss, dass der Mann sein Metier verstand, Tradition schätzte, aber neuen Methoden durchaus zugänglich war. Vielleicht ließ sich mit ihm über Sonderkonditionen reden, im Gegenzug für gute Presse.

Sie betrachtete sein Foto am Ende des Artikels. Er hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar, ausdrucksvolle Augen und den schönsten Mund, den sie in einem männlichen Gesicht je gesehen hatte. Der Mann könnte ein Hollywoodstar sein.

Serafina schnitt eine Grimasse: Hatte ihr ein Hollywoodstar nicht gereicht?

Sie rief seine Website auf, um mehr über seinen beruflichen Werdegang herauszufinden. Nach dem Tod seines Vaters hatte er das Familienunternehmen ganz bewusst in eine andere Richtung gelenkt. Leto senior war auf Neubauten und Beton spezialisiert gewesen, während sein umweltbewusster Sohn betonte, dass er in absehbarer Zukunft vollkommen klimaneutral zu arbeiten gedachte.

Ferner erfuhr sie, dass Leto Constructions ein Jahr zuvor das Rathaus in Bardicello auf eigene Kosten renoviert hatte. Das Rathaus, ein Neubau aus Stahl und Beton, war das Werk seines Vaters gewesen und in den Achtzigerjahren errichtet worden. Der Einsturz eines Seitenflügels hatte einen Riesenskandal verursacht.

Die Firma hatte überlebt, offensichtlich aufgrund der Initiative des jungen Leto. Aber es war klar, dass der Ruf noch immer schwer beschädigt war.

Über sein Privatleben wurde kaum etwas erwähnt. Lediglich, dass er in Rom wohnte, eine Schwester hatte und ledig war.

Ledig

Vielleicht, überlegte Serafina, war die Idee einer Zweckehe doch gar nicht so abwegig. In der Welt, in der sie lebten, zählte Status, und die Heirat mit einer venezianischen contessa konnte dazu beitragen, den Ruf seiner Firma wiederherzustellen. Ihr wiederum ermöglichte es, mit der Restaurierung des Palazzo zu beginnen – vorausgesetzt, sie konnte ihn zu dem Deal mit Celebrity Life überreden. Einen Versuch war das allemal wert.

Aber dergleichen diskutierte man besser unter vier Augen.

Ein kleines Lächeln auf den Lippen, öffnete Serafina die E-Mail und begann zu tippen.

Gianni Leto zog die Brauen hoch. Eine gewisse Contessa Serafina Ardizzone aus Venedig bat ihn um einen Termin. Das war ungewöhnlich. Überließen Personen ihres Rangs Geschäftskorrespondenz für gewöhnlich nicht einem Sekretär?

Er scrollte weiter und stieß einen Pfiff aus, als er die angehängte Fotodatei öffnete.

Ein Palazzo, vier Stockwerke hoch, direkt am Canal Grande! Der Baustil wies eine Mischung gotischer und byzantinischer Elemente auf, demnach stammte er schätzungsweise aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Die Mauern waren dunkelrosa gestrichen, die weiß gerahmten Fenster von außergewöhnlichen Kielbögen gekrönt. Ein Balkon verlief entlang der Fassade im ersten und im zweiten Stockwerk. Im Geiste sah Gianni die Innenräume vor sich: Terrazzofußböden, dunkle Deckenbalken, Stuckverzierungen, vielleicht Fresken …

Die nächsten drei Fotos, Innenansichten verschiedener Säle, bestätigten seine Vermutungen: venezianischer Terrazzo, Deckenbalken, Stuckverzierungen. Dazu Wandbehänge aus Damast, Kronleuchter aus Kristall. Doch die Pracht konnte die Anzeichen von Verfall, verursacht durch jahrhundertelange Feuchtigkeit und offensichtliche Vernachlässigung, nicht verbergen. Der Stuck an Decken und Wänden bröckelte, an den Fensterrahmen waren undichte Stellen.

Ein Bauwerk wie diesen Palazzo zu restaurieren, war seit Jahren Giannis Traum, dafür würde er sein letztes Hemd hergeben. Aber warum wandte sich die contessa nicht an ein regionales Unternehmen? In Venedig dürfte es an Fachleuten auf diesem Gebiet nicht mangeln.

Die Antwort auf diese Frage stand in der kurzen Mail.

Vor einigen Monaten ging Ca’ d’Ardizzone in meinen Besitz über. Wie auf den Fotos zu sehen ist, muss der Palazzo dringend restauriert werden. Alessia da Campo ist eine enge Freundin von mir. Wie Sie sich sicher erinnern, hat sie Sie letztes Jahr für einen Magazinartikel interviewt. Sie ist der Meinung, dass Sie aufgrund Ihrer Expertise für diese Aufgabe geeignet wären. Sollten Sie Interesse daran haben, könnte ich nach Rom kommen, um Einzelheiten mit Ihnen zu besprechen.

Gianni erinnerte sich an das Interview und auch die Journalistin. Sie war gut vorbereitet gewesen, hatte intelligente Fragen gestellt und einen ausgewogenen und positiven Bericht veröffentlicht. Wenn Serafina Ardizzone mit ihr befreundet war, hatte er gegen einen Termin mit der contessa nichts einzuwenden. Allerdings konnte es nicht schaden, ein wenig mehr über sie herauszufinden. Er googelte ihren Namen.

Serafina war das einzige Kind von Conte Marco Ardizzone und seiner Gemahlin Francesca. Ein Foto zeigte das Paar in Abendkleidung auf einer Operngala – der Vater im Frack, die Mutter mit Diamanten an Hals, Ohren und Handgelenken. Da der Palazzo den Namen der Familie trug, war anzunehmen, dass sie seit Jahrhunderten dem venezianischen Hochadel angehörte. Gianni verzog den Mund. Der Unterschied zwischen seiner und ihrer Herkunft konnte kaum drastischer sein.

Weiter las er, dass ihr Vater vor sechs Monaten an einem Herzinfarkt gestorben war. Giannis Vater hatte das gleiche Schicksal ereilt. Ob Serafinas Verhältnis zum Vater ebenso ambivalent gewesen war wie seins?

Der Artikel enthielt eine Reihe Fotos von ihr, eines davon als Vorstandsmitglied des Museums Frauen und Kunst: im eleganten Designer-Outfit, mit einer unkonventionellen Brille auf der zierlichen Nase. Sie musste intelligent sein, denn ein hübsches Gesicht allein genügte nicht, um im Vorstand zu sitzen. Und Serafina Ardizzone war sehr hübsch – ihr Gesicht ein perfektes Oval, das braune Haar schulterlang und wellig, die großen Augen ebenfalls dunkel. Dazu ein atemberaubendes Lächeln … Die Männer mussten ihr dutzendweise zu Füßen liegen.

Er war nicht wirklich überrascht, als er das nächste Foto sah: die contessa Arm in Arm mit Tom Burford, dem blonden, blauäugigen Helden einer Serie von Actionfilmen und zurzeit Hollywoods Liebling. Der Bildunterschrift zufolge waren sie miteinander verlobt.

Gianni dachte an seine geplatzte Verlobung. Elenas hochnäsige Eltern hatten der Heirat ihrer Tochter mit einem Mann aus der Arbeiterklasse nur zugestimmt, weil er Besitzer eines florierenden Bauunternehmens war, nach dem Motto „Geld regiert die Welt“. Aber als die Katastrophe mit dem Rathaus Schlagzeilen machte, konnten sie sich nicht schnell genug von ihm distanzieren. Und Elena selbst, von der er geglaubt hatte, dass sie ihn ebenso liebte wie er sie, hatte ihm kurz darauf den Laufpass gegeben.

Etwas war danach in Stücke gebrochen – vielleicht sein Herz, vielleicht der Glaube an sich selbst. Jedenfalls war er seitdem allergisch gegen Frauen der Oberschicht.

Selbst wenn Serafina Ardizzone Single wäre, würde er einen großen Bogen um sie machen, mochte sie noch so hübsch sein.

Gianni rief sich zur Ordnung. Hübsch oder hässlich war nebensächlich, wichtiger war, ob sie die notwendigen Mittel besaß. Alter Adel war nicht unbedingt gleichbedeutend mit Vermögen, das wusste er. Andererseits gehörte ihr Zukünftiger als Hollywoodstar zu den Superreichen.

Blieb die Frage: Konnte man mit ihr zusammenarbeiten? Bei einem Projekt wie diesem spielte gute Zusammenarbeit eine große Rolle. Würde die contessa seinen beruflichen Qualifikationen vertrauen oder ihn mit Fragen traktieren und Unmögliches verlangen? Sie konnte ein Snob sein. Ein aristokratischer Snob.

Um das klären zu können, blieb nur ein Weg: ein Gespräch unter vier Augen, hier in seinem Büro.

Gianni rief ihre Mail wieder auf, drückte auf Antworten.

„Serafina!“ Maddalena, die Museumsdirektorin, begrüßte sie mit Wangenküsschen. „Gut, dass du kommst. Du bist heute mein einziger Lichtblick.“

Nicht für lange, dachte Serafina bedrückt. Doch bevor sie auch nur den Mund aufmachen konnte, fuhr ihre Chefin fort: „Ich habe mich immer für einen friedfertigen Mensch gehalten, aber in diesem Moment könnte ich Beppo Russo mit dem größten Vergnügen erwürgen.“ Beppo war Eigentümer des Gebäudes, in dem sich das Museum befand.

„Worum geht es denn diesmal?“

„Um die Erneuerung unseres Mietvertrags. Seit Tagen laufe ich ihm nach, damit er mir die Unterlagen bringt. Heute Morgen bekomme ich sie endlich …“ Zornig schlug sie mit der Faust auf den Schreibtisch. „Kein Wunder, dass er nicht damit herausrücken wollte. Er hat uns die Miete ums Vierfache erhöht.“

„Wie bitte?“ Schockiert starrte Serafina sie an.

„Eine solche Summe steht uns nicht einmal annähernd zur Verfügung. Und das weiß er auch.“

„Er kann die Miete doch nicht einfach so dermaßen erhöhen, Madi.“

„Oh doch, das kann er. Das Gebäude gehört ihm, und unser Vertrag endet in drei Monaten. Und da wir seinen Forderungen unmöglich nachkommen können, hat er einen Grund, uns vor die Tür zu setzen. Was von Anfang an seine Absicht war, davon bin ich überzeugt. Denn dann kann er das Haus entkernen und in ein Hotel umbauen lassen.“ Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Wie sollen wir, mit unserem Budget und in so kurzer Zeit, eine neue Bleibe finden? Hast du eine Idee? Du bist diejenige, der immer etwas einfällt.“

Serafina schwieg. Wäre der Palazzo in adäquatem Zustand, hätte sie die Antwort parat. Stattdessen …

„Nun? Sag was, carissima“, insistierte Maddalena.

Sie gab sich einen Ruck. „So leid es mir tut, Madi, aber ich komme auch mit schlechten Nachrichten. Ich … ich kann nicht länger für dich arbeiten.“

„Du kündigst? Ich dachte, dein Job im Museum gefällt dir!“

„Ich will das nicht, Madi, aber mir bleibt keine Wahl. Der Palazzo muss dringend restauriert werden. Deshalb muss ich mir einen lukrativen Job suchen.“

„Wäre Beppo nicht so unverschämt, hätten wir genug Geld, um dir ein Gehalt zu zahlen“, seufzte Maddalena. „Ein weiterer Grund, den Kerl zu erwürgen.“

„Schon gut, Madi. Tatsache ist, ich brauche Geld, damit ich die Restaurierung vorantreiben kann. Möglicherweise habe ich bereits jemand dafür gefunden, Alessia hat mir einen Tipp gegeben. Und sobald das Erdgeschoss wieder in Schuss ist, könnt ihr einziehen. Die Ausstellungsfläche ist kleiner als hier, aber später, wenn die Beletage restauriert ist, könnte der Ballsaal …“

„Sekunde!“ Maddalena hob eine Hand, schwieg einen Moment und sagte: „Ich glaube, das ist die Lösung, carissima, für dich und für mich. Das Museum könnte keine bessere Heimat finden als deinen Palazzo. Und die Miete, die wir jetzt zahlen, ginge in deine Tasche, nicht in Beppos.“

„Ich kann kein Geld akzeptieren von einer Institution, die mir am Herzen liegt, Madi.“

„Natürlich kannst du. Die Miete ist Teil der Betriebskosten und somit im Budget. Und dir würde es weiterhelfen.“

„Aber …“

„Kein Aber. Abgemacht?“

Die Miete würde die laufenden Kosten decken, überlegte Serafina. Und mit dem Museum im Erdgeschoss hätte der Palazzo wieder eine Funktion. Die Besucher würden ihn zu neuem Leben erwecken, und sie könnte den Job, den sie liebte, behalten. Alles unter der Bedingung, dass das Erdgeschoss in drei Monaten einzugsbereit war, und Gianni Leto drei Monate lang auf Kredit arbeitete.

Würde er? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Serafina straffte die Schultern. „In Ordnung. Ich rede mit dem Bauunternehmer. Wenn er versprechen kann, dass das Erdgeschoss in drei Monaten renoviert sein wird, machen wir es.“

Zum ersten Mal seit Monaten sah sie etwas Licht am Horizont.

2. KAPITEL

Rom, die Ewige Stadt.

Serafina hatte ihre drei Studienjahre hier geliebt. Was ihr an Rom gefiel, war, wie wundervoll Antike und Neuzeit miteinander harmonierten. Von einem verkehrsreichen, von Wolkenkratzern gesäumten Boulevard zu einer stillen Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster und uralten Häusern waren es oft nur wenige Schritte. Der Straßenlärm war ihr bald zur Gewohnheit geworden, und wenn sie Venedigs Kanäle mit ihren Gondeln vermisste, spazierte sie an den Ufern des Tibers entlang. Oder sie besuchte das Kolosseum: Sie liebte die imposante Ruine und war schon viele Male dort gewesen.

Gianni Letos Büros befanden sich in einem ultramodernen Hochhaus aus Stahl und Glas. Für eine Firma, deren Fokus das Restaurieren historischer Bauten war, fand sie das eher unpassend, aber über Geschmack ließ sich nicht streiten.

Ein Aufzug brachte sie in die oberste Etage, zu einer Glastür mit dem Schriftzug Leto Constructions. Sie atmete tief ein, öffnete und trat ein.

„Guten Tag.“ Sie lächelte gewinnend. „Mein Name ist Serafina Ardizzone. Ich habe einen Termin mit Signor Leto um 14 Uhr.“

„Er erwartet Sie.“ Die Rezeptionistin ging Serafina entgegen. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Gianni Letos Büro war minimalistisch eingerichtet. Ein Schreibtisch, ein Stuhl für Besucher, ein Aktenschrank – das war alles. An den hell gestrichenen Wänden hingen Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Gebäude, historischen und modernen. 

Autor

Kate Hardy
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