Sinnliche Gefahr im Paradies

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Dieser Mann ist so sexy wie skrupellos! Bei einer Tourismustagung auf Hawaii begegnet Anika ausgerechnet ihrem Erzfeind Nicholas Lassard. Ist der schottische Hoteltycoon ihr gefolgt, damit sie endlich ihren kleinen Gasthof an ihn verkauft? Niemals wird sie das tun! Doch während sie gemeinsam mit Nicholas die Sightseeing-Hotspots des Inselparadieses besucht, kommt sie ihm ungewollt immer näher. Nach einer faszinierenden Katamaran-Tour verwandeln sich die Funken der Wut zwischen ihnen jäh in Funken der Leidenschaft. Mit ungeahnten Folgen …


  • Erscheinungstag 19.03.2024
  • Bandnummer 2640
  • ISBN / Artikelnummer 0800242640
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

Anika Pierce lehnte sich auf ihrem Handtuch zurück und schaute über das ruhige Wasser der Hanalei Bay. Niemand, der auf die sanften Wellen hinaussah, hätte vermutet, dass der Ozean sich erst in der Nacht zuvor in einem Novembersturm in wütende und alles verschlingende Wogen verwandelt hatte. Die schweren Regenfälle begannen auf der hawaiianischen Insel eigentlich erst Anfang Dezember. Doch der Sturm hatte diese Mitteilung offenbar nicht bekommen, war über den Ozean gerast und hatte die mitternachtsblauen Wellen zu schwarzen Ungeheuern werden lassen. Sie hatte das Spektakel vom Hotelbalkon aus beobachtet, fasziniert von den zuckenden Blitzen und dem lauten Donner, der die Fenster hatte erzittern lassen. Die raue Schönheit hatte sie berührt, etwas zutiefst Ursprüngliches in ihr angesprochen.

Anika schnaubte. Vielleicht war das einfach nur ein perfektes Spiegelbild ihrer Stimmung. Und all das seinetwegen.

Nicholas Andrew Lassard. Der Mistkerl.

Kurz nach dem Frühstück gestern war sie auf die Terrasse des Hotels hinausgegangen, mit Blick auf den Pazifischen Ozean, und hatte die hohen Palmen und die Berge betrachtet, die sich hinter der Hanalei Bay erhoben. Sie liebte Slowenien und die kleine Stadt Bled, die zu ihrem Zuhause geworden war. Doch sie würde das sommerliche Wetter hier auskosten. Sie hatte sich darauf gefreut, sich mit einer Tasse heißem Tee in der einen Hand und einem Buch in der anderen auf eine Liege zu legen und den Morgen zu genießen.

Bis sie sich umdrehte und direkt in Nicholas hineinlief. Eines zumindest hatte sie gefreut, nämlich dass ihr Tee auf seinem frischen weißen Hemd gelandet war. Er war nicht sauer gewesen, obwohl sein Hemd wahrscheinlich mehr kostete, als sie an einem Abend in ihrem Gasthof einnahm. Nein, er hatte einfach gelächelt, dieses charmante schottische Lächeln, und gesagt, er freue sich, sie zu sehen. Als sie wissen wollte, was er hier machte, hatte er gelassen erklärt, dass er wegen der internationalen Tourismustagung hier sei.

Allein der Gedanke an den selbstgefälligen Ausdruck auf seinem attraktiven Gesicht verwandelte ihre Verwirrung in Zorn. Als er vor drei Wochen in den Gasthof Zvonček spaziert war, um ihr ein weiteres Angebot für den Kauf ihres Eigentums zu machen, diesmal hunderttausend Euro mehr als beim letzten Angebot im Sommer, hatte er die Broschüre die Tagung betreffend auf ihrem Schreibtisch gesehen. Der arrogante Idiot hatte sogar einen Kommentar dazu abgegeben und gefragt, ob sie daran teilnehmen würde.

War er ihr nach Hawaii gefolgt? War er wirklich so fixiert darauf, den Gasthof zu kaufen, dass er beinahe achttausend Meilen flog, um sie weiter zu bedrängen?

Ja.

Sie hatte Nicholas unterschätzt, als er vor eineinhalb Jahren in Bled aufgetaucht war und mit dem Bau des Hotels Lassard am Bleder See begonnen hatte. Ein dreistöckiges Luxushotel mit Spa, Restaurant und einer Bar auf dem Dach. Elegant, glamourös und lächerlich teuer.

Und genau an der Straße, an der ihr Gasthof lag, der sich seit dem Ersten Weltkrieg im Besitz der Familie ihrer Mutter befand.

Das Hotel Lassard war seiner erforderlichen Sorgfaltspflicht nachgekommen und hatte eine Vertreterin zu ihr geschickt, die ihr eine Ledermappe mit dem Bauplan des zukünftigen Hotels überreichte. „Pflege der nachbarschaftlichen Beziehungen“, hatte die gertenschlanke junge Frau in dem eleganten schwarzen Kostüm mit einem breiten Lächeln gesagt, das Anika an einen Hai erinnerte. Sie war nicht begeistert, ein anderes Hotel in ihrer Nähe zu haben, besonders eines mit all den modernen Annehmlichkeiten, über die ihr Gasthof nicht verfügte. Aber die Menschen, die im Hotel Lassard übernachten würden, waren sicher nicht die, die bei ihr ein Zimmer buchten. Vielmehr wollten diese Menschen Badewannen aus Marmor und riesige Kronleuchter, keinen gemütlichen Platz am Kamin und handgemachte Quilts.

Eine Woche später hatte sie Nicolas bei einem Frühstück wiedergetroffen, zu dem der örtliche Tourismusverband geladen hatte. Mit seinen braunen Haaren und dem Grübchen in der Wange, das sich zeigte, wenn er lächelte, hatte sich schon die Hälfte der Frauen aus Bled in ihn verliebt, bevor sie sich überhaupt hingesetzt hatten. Irena, eine ältere Geschäftsinhaberin, auf deren Nase eine große, runde Brille thronte, hatte atemlos geflüstert, dass seine silberne Uhr von Cartier und der dunkelgraue Anzug, der seine breiten Schultern und schmalen Hüften hervorhob, ganz sicher von einem Herrenmaßschneider aus der Savile Row in London sein müsse.

„Sehen Sie, wie perfekt er seinen Po betont?“

Die Erinnerung an Irenas heisere Stimme entlockte ihr ein widerwilliges Lächeln. Ja, Nicholas war ein gut aussehender Mann. Sie würde ihn sogar als sehr attraktiv bezeichnen. Zu schade, dass seine gierige Seele so hässlich war.

Der Reichtum, der Charme, all das war eine Vorwarnung für sie gewesen. Nicholas bewegte sich in ganz anderen Kreisen als sie. Dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, ihr persönlich von seinem neuen Hotel zu berichten, hatte ihr bewiesen, dass er sich um die großen, protzigen Dinge kümmerte, während kleine Leute wie sie von seinen Untergebenen abgespeist wurden. Dass er bei dem Frühstück mit Frauen jeden Alters geflirtet hatte, bevor er auf aalglatte Weise darstellte, was sein Hotel der Gemeinschaft bringen würde, hatte ihren Eindruck von einem zügellosen Schürzenjäger gefestigt, der sich nur zum Spaß im Hotelgewerbe herumtrieb, ohne ernsthaft zu arbeiten.

Doch wenn Nicholas etwas wollte, kämpfte er mit harten Bandagen. Das hatte sie in diesem Frühjahr am eigenen Leib erfahren müssen, als er sie mit seinem Besuch im Gasthof überrascht und um ein persönliches Treffen gebeten hatte. Allein seine Gegenwart hatte sie nervös gemacht und ihr Büro mit dem abgenutzten Teppich und den Schneeglöckchen auf der Fensterbank kärglich und veraltet wirken lassen.

Er hatte sie angelächelt, und sie hatte mit einem sehr verhaltenen Lächeln reagiert.

Dann verschlug er ihr die Sprache, als er eine weitere Ledermappe mit dem eingeprägten, silbernen Logo des Hotel Lassard auf ihren Schreibtisch legte, diesmal mit dem Angebot, den Gasthof für fünfzigtausend Euro über dem derzeitigen Wert zu kaufen.

Ihr Schweigen machte er sich zunutze, um mit diesem charmanten Akzent sein Angebot ausführlich darzulegen.

Er sei bisher zufrieden gewesen mit dem Grundstück, das sie gekauft hatten, weil es nicht nur eine Aussicht auf den See, sondern auch auf die Insel, die romantische Kirche und die Burg am nordwestlichen Ufer bot. Bis er eine Rundreise über den See gemacht und ihren Gasthof vom Wasser aus gesehen habe – mit Grundstück am See. Er hatte sogar den slowenischen Begriff benutzt, pletna, ein traditionelles Holzboot, das Touristen transportierte, und dann ein wenig gelächelt, als wäre er stolz auf sich, weil er sich die Mühe gemacht hatte, das Wort richtig auszusprechen.

Ihr Gasthof mit Grundstück am See, über das er nicht verfügte, sei die perfekte Ergänzung für das Hotel Lassard. Mit einer kostspieligen Renovierung könne das Gebäude erhalten bleiben, während man den Luxus und den Glamour bieten könne, den die Gäste von der Marke Lassard erwarteten. Seine Gästen hätten so auch Zugang zu dem kleinen Strand zum Schwimmen, genauso wie zu dem Bootssteg, für ganzjährige Fahrten auf dem See.

Dann beugte er sich vor und sagte die Worte, bei denen sie jetzt noch mit den Zähnen knirschte, weil er so selbstgerecht geklungen hatte.

„Ich weiß, dass der Gasthof in Schwierigkeiten steckt. Ich kann Abhilfe schaffen.“

Sie musste ihm zugutehalten, dass er nur kurz geblinzelt hatte, als sie Nein sagte. Als er nach dem Grund fragte, entgegnete sie, der Gasthof sei nicht zu verkaufen. Spontan erhöhte er sein Angebot um weitere hunderttausend Euro.

Und verdammt, sie war in Versuchung geraten, für eine schreckliche Sekunde. Ja, der Gasthof war in die Jahre gekommen. Jedes Mal, wenn sie sich umsah, schienen Matratzen ersetzt und ein Fenster repariert werden zu müssen. Oder ein alter Wasserboiler war kurz davor, den Geist aufzugeben. Entscheidungen, die sie mehr und mehr zu fällen hatte, seit ihre Großmutter Marija erkrankt war, um die sie sich große Sorgen machte. All das lastete so schwer auf ihr, dass sie nachts manchmal kaum noch Luft bekam und sich fragte, wie sie all das nur bewältigen sollte.

Nicholas’ Angebot zu akzeptieren wäre der leichte Ausweg gewesen. Der Gasthof gehörte seit über hundert Jahren ihrer Familie. Dass sie durch die gleichen Flure gehen konnte wie ihre Mutter Danica, die hier aufgewachsen war, oder barfuß im Frühjahr durch den Garten spazieren konnte, wenn die Schneeglöckchen, nach denen der Gasthof benannt worden war, den Boden in einen weißen Blütenteppich verwandelten, war ein Rettungsanker gewesen, den sie so dringend gebraucht hatte. Nachdem Danica gestorben war, war Anika aus den Staaten zurückgekommen, um bei der noch verbliebenen Familie zu leben. Marija und der Gasthof hatten sie gerettet.

Aber es war nicht nur ihre Familie oder deren Erbe, die auf dem Spiel standen. Sondern auch die Gäste, die Jahr für Jahr wiederkamen und den Gasthof als ihr zweites Zuhause betrachteten. Sie würde nicht zulassen, dass irgendein arroganter Hotelspross ihn in eine noble Absteige verwandeln würde, die ihre Gäste sich nicht mehr leisten könnten. Und all das nur, weil der Mistkerl nicht mit seiner Aussicht auf den See zufrieden war.

Noch einmal sagte sie Nein. Das Lächeln verschwand, und sie erhaschte einen flüchtigen Blick auf das, was Nicholas Lassard bislang so geschickt hinter seiner freundlichen Miene verborgen hatte. Den gerissenen, intelligenten Geschäftsmann, dem es nicht gefiel, wenn ihm etwas verwehrt wurde, was er haben wollte.

Nein. Diese Tagung würde sie sich nicht von ihm verderben lassen. Hoffentlich würde sie ein paar Ideen sammeln und Kontakte knüpfen können, die ihr Geschäft ankurbeln würden. Und sie wollte auch den Rat befolgen, den Marija ihr gegeben hatte, ehe sie eine Woche später gestorben war. Sie hatte Anika einen Umschlag gegeben, in dem ein Flugticket steckte und eine Reservierung für die Tagung, an der sie immer zusammen hatten teilnehmen wollen.

„Flieg hin und amüsiere dich.“ Ihre Großmutter hatte Anika die Hand gedrückt, als sie protestieren und erklären wollte, dass man das Geld besser für den Gasthof verwenden könnte. „Tu es für mich, Anika. Ich werde glücklicher sein, wenn ich weiß, dass du das Leben ein bisschen mehr genießt.“

Der Anlegesteg aus Beton ragte weit ins Wasser und bot einen unglaublichen Ausblick. Am hinteren Ende standen ein Baldachin und ein paar Picknicktische. Leitern führten vom Steg ins Wasser für diejenigen, die schwimmen wollten. Doch um acht Uhr morgens war der Steg zum Glück menschenleer.

Segelboote und einige kleinere Fischerboote schaukelten sanft auf dem Wasser. Touristen in Kajaks paddelten durch die Bucht und zum Hanalei River. Berge erhoben sich majestätisch in den Himmel und rahmten die Szenerie ein.

Anika vermisste ihr Zuhause, die frischen Herbsttage und den Schnee im Winter, der die Alpen, die kleine Stadt und den angrenzenden See in eine weiße Märchenlandschaft verwandelte. Der Bleder See hatte sich als Reiseziel inzwischen ein wenig mehr herumgesprochen, doch Bled hatte sich den Charme einer europäischen Kleinstadt trotzdem bewahrt.

Auf Hawaii hingegen hatte sie zu einer Wanderlust zurückgefunden, die sie seit Jahren nicht mehr verspürt hatte. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass sie von Slowenien wegmusste, bis sie am Flughafen von Kauai von tropischer Hitze empfangen wurde, die wie die Liebkosung eines Liebhabers über ihre Haut gestrichen war. Palmen spendeten Schatten, und die Berge, bedeckt von samtigem Grün statt Schnee, ragten stolz in einen türkisfarbenen Himmel.

Entschlossen, sich zu entspannen, bevor sie an der Eröffnungsveranstaltung der Tagung teilnehmen würde, legte sie sich auf ihr Handtuch. Langsam wich die Anspannung aus ihren Muskeln, während die Sonne ihre Sorgen verblassen ließ und sie in einen traumähnlichen Zustand einlullte. Terminpläne, überfällige Rechnungen und Marketingstrategien waren vergessen. Ausnahmsweise war ihr Kopf leer. Sie war sich nur bewusst, wo sie war.

Und sie fühlte sich wie im Paradies.

„Es wäre schade, wenn diese schöne Haut verbrennen würde.“

Anika erstarrte, als sie die tiefe Stimme mit dem Akzent hörte. Sie verspannte sich sofort, und ihr Puls schlug schneller.

Weil er so verdammt lästig ist, versicherte sie sich.

Ein Schatten fiel über sie. Widerwillig öffnete sie die Augen und blinzelte.

„Ich habe mich geirrt.“

Nicholas stand vor ihr. Seine gebräunte Haut verriet, dass er kürzlich im Ausland gewesen sein musste, wahrscheinlich um zu feiern.

„Worüber?“

„Ich bin nicht im Paradies. Ich bin in der Hölle.“

Er warf den Kopf zurück und lachte. Sie stützte sich auf die Ellbogen, sah ihn verärgert an und versuchte, die Wut in Schach zu halten, die in ihr aufgestiegen war. Am liebsten hätte sie ihn vom Steg geschubst.

„Was machen Sie hier?“

Er hob eine Augenbraue, während er neben ihr in die Hocke ging.

„Das Gleiche wie Sie.“

„Sie versuchen also auch, ein bisschen Zeit für sich allein zu haben?“

„Ja.“

Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Allein bedeutet allerdings, dass niemand anders da ist.“

Langsam schweifte sein Blick über die Bucht, ehe er nachdenklich meinte: „Mir muss das Schild wohl entgangen sein, auf dem steht, dass dies ein Privatsteg ist.“

Während er sprach, nahm er seine Sonnenbrille ab. Eine andere Art von Hitze erfasste sie, die so schockierend war, dass ihre Lippen sich überrascht teilten. Noch nie hatte sie körperlich auf ihn reagiert. Vielleicht lag es an seiner Nähe. Oder an dem waldigen Duft seines Aftershaves.

Oder weil du seit Ewigkeiten kein Date mehr hattest.

„Hören Sie auf mit dem Unsinn, Nicholas. Warum sind Sie hier?“

Erneut warf er ihr ein Grinsen zu, das sexy und sehr selbstbewusst wirkte. „Wir sind nicht nur Kollegen, sondern auch Nachbarn, Anika. Sollten wir nicht wenigstens freundlich miteinander umgehen?“

„Dass wir Nachbarn sind, das kann ich leider nicht bestreiten“, entgegnete Anika. „Aber Kollegen würde bedeuten, dass wir beide für unseren Lebensunterhalt arbeiten. Ich arbeite, während Ihr Gesicht ständig in irgendeiner Zeitschrift erscheint, Sie das Geld einkassieren, das Ihre Angestellten hart erarbeitet haben, und sich überlegen, wie Sie sich kleine Betriebe wie meinen unter den Nagel reißen können. Deshalb glaube ich, dass der Begriff Kollegen ein bisschen übertrieben ist.“

Sein Grinsen wurde zu einem Lächeln. Sie zuckte zusammen, und es war ihr unangenehm, dass es in ihrem Bauch kribbelte. Ja, der Mann war schön. Aber er war auch eine verhätschelte, hinterhältige Schlange.

„Es macht Spaß mit Ihnen. Wir sollten uns öfter unterhalten.“

„Ich unterhalte mich nicht, ich beschimpfe Sie.“

„Trotzdem ist es eines der erfreulicheren Gespräche, die ich seit einer Ewigkeit hatte.“

„Sind Sie mir hierher gefolgt?“, fragte sie in dem Versuch, das eigentliche Thema wieder aufzugreifen.

„Im Frühjahr wurde ich als Gastredner für die Tagung eingeladen. Ich bin seit Monaten eingeplant.“

„Vielleicht hätten Sie das erwähnen sollen, als ich Ihnen erzählt habe, dass ich an der Tagung teilnehme“, schnauzte sie

„Um damit zu riskieren, dass Sie absagen? Das konnte ich nicht. Besonders, weil dies vielleicht genau die Gelegenheit für uns ist, zusammenkommen“, fügte er mit tiefer Stimme hinzu.

Sofort war sie alarmiert. „Es gibt kein uns. Und das wird es auch nie geben.“

Sein Lächeln verflog nicht, auch wenn sein Blick eindringlicher, schärfer wurde. Jetzt wirkte er ganz wie der Erbe des väterlichen Hotelimperiums, wie der Mann, der vor nichts haltmachen würde, um zu kriegen, was er haben wollte. Als er sie das nächste Mal im Gasthof aufgesucht hatte, mit einem noch höheren Angebot in den Händen, stand er in ihrem Foyer, als wäre es schon sein eigenes. Sie befahl ihm zu gehen, doch er listete all die Reparaturen auf, die in nächster Zukunft auf sie zukommen würden. Sie war innerlich zusammengezuckt, als er die geschätzten Kosten für jede Reparatur hinzufügte. Dass er ihre Privatsphäre so sehr verletzt und sich ihre Finanzen so genau angesehen hatte, um seine Ziele zu erreichen, hatte sie dazu gebracht, das Angebot aus der Mappe zu ziehen, es vor seinen Augen zu zerreißen und ins Feuer zu werfen. Dann war er verschwunden gewesen, so schnell, dass sie in Betracht gezogen hatte, sich die Begegnung nur eingebildet zu haben.

„Haben Sie mich vermisst?“, fragte er nun. Ein Ausdruck huschte über sein Gesicht, der ihr ein seltsames Ziehen in der Magengegend verursachte.

Reiß dich zusammen.

Ihre Reaktion auf Nicholas war rein biologisch. Er war attraktiv. Und sie hatte seit fast zwei Jahren kein Date mehr gehabt, und die paar Male, die sie und Zachary es mit Sex versucht hatten, waren wenig befriedigend gewesen.

Denk nicht an Sex. Nicht in seiner Gegenwart.

„Ich vermisse die Einsamkeit und den Frieden, an dem ich mich erfreuen kann, wenn Sie nicht da sind. Und jetzt gehen Sie und lassen mich den Morgen genießen. Und lassen Sie Ihre manikürten Finger von meinem Besitz.“

Er streckte eine Hand aus und verschränkte seine Finger mit ihren, bevor sie sich ihm entziehen konnte. Es fühlte sich an wie eine intime Berührung „Maniküre? Wie kommen Sie denn darauf? Für so etwas habe ich keine Zeit.“

Seine Stimme klang ein wenig rau, sinnlich. Sie wusste, sie sollte ihm die Hand entziehen. Stattdessen strich sie mit den Fingern über seine Handfläche und berührte seinen heftig schlagenden Puls am Handgelenk. Als er den Blick hob und ihr ins Gesicht sah, atmete sie unweigerlich scharf ein, als sie etwas in seinen Augen entdeckte, mit dem sie nie gerechnet hätte.

Verlangen.

Sie erinnerte sich an das letzte Foto, das sie von ihm in einer Zeitschrift gesehen hatte. Er hatte seine inzwischen verflossene Freundin mit dem gleichen intensiven Blick angesehen, eine Hand lässig auf ihrer Hüfte, während sie zu ihm hochsah und ihn anlächelte.

Nicholas Lassard war nicht geschaffen für Familie, Bindung, Ehering und Babys. Sie hingegen wollte all das. Was sie jedoch nicht wollte, war, seine neueste Eroberung in einer langen Reihe von Frauen zu sein.

Der Gedanke gab ihr genug Kraft, um ihre Hand wegzuziehen. Sie wandte sich von ihm ab und sah zu den Palmen, die sich sanft in der Brise bewegten. Tief atmete sie ein und konzentrierte sich wieder auf das eigentliche Problem.

Wenn sie den Gasthof verkaufte, wäre sie in finanzieller Hinsicht vielleicht gerettet. Aber dann müsste sie sich auch von ihrem Erbe verabschieden und dabei zusehen, wie es sich von einem gemütlichen Zufluchtsort in ein protziges Hotel verwandelte.

Das Wesen des Gasthofs würde verloren gehen.

„Wir bewegen uns in vollkommen unterschiedlichen Welten. Sie bleiben in Ihrer und gehen mir aus dem Weg. Und ich bleibe in meiner. So sind alle glücklich.“

Seine Hand lag nun auf ihrer Wade. Sie zuckte zurück, als sie seine Handfläche auf ihrer nackten Haut spürte, fluchte dann jedoch innerlich, weil sie auf seine Berührung so reagiert hatte.

„Macht es Sie glücklicher, wenn Sie mir aus dem Weg gehen, Anika?“

„Ja.“

„Das verletzt mich.“

Gereizt stand sie so hastig auf, dass sie Nicholas beinahe zu Boden geschickt hätte. Zufrieden wandte sie ihm den Rücken zu und zog sich ihr knappes Kleid über den Kopf. Als sie einen erstickten Laut hörte, sah sie über die Schulter.

Nicholas starrte sie an, während er aufstand und seinen Blick über ihren Körper schweifen ließ.

„Was haben Sie vor?“

„Ich will schwimmen gehen.“

„Seien Sie nicht albern“, knurrte er. „Im Winter ist die Brandung sehr stark und …“

„Und ein kluger Tourist fragt vielleicht die Strandwächter, ob es sicher ist, bevor er ins Wasser geht“, gab sie spitz zurück. Es war viel einfacher, das Feuer zu ignorieren, das zwischen ihnen zu schwelen schien, ob sie es nun wollte oder nicht, wenn er sich wie ein idiotischer Macho benahm. „Unterschätzen Sie mich nicht, Nicholas. Sie würden nur verlieren.“

Mit diesen Worten sprang sie vom Steg.

2. KAPITEL

Nicholas nahm den Stift, den die Angestellte hinter der Rezeption ihm reichte.

„Sie müssen nur hier, hier und hier unterschreiben.“

„Damit ich die Veranstalter nicht verklage, wenn ich von einer Schildkröte gefressen werde?“.

Die Angestellte kicherte. „Bisher hatten wir keine Schildkrötenattacken. Haben Sie schon einmal einen Schnorchelausflug gemacht, um Meeresschildkröten zu beobachten, Mr. Lassard?“

„Schnorcheln ja, aber Schildkröten habe ich keine gesehen.“

Das kokette Lächeln der Frau wirkte nun aufrichtig. „Dann werden Sie etwas ganz Besonderes erleben. Ihre Brutzeit ist von Mai bis September, aber wenn man Glück hat, kann man sie auch im Winter sehen.“

Nicholas erwiderte ihr Lächeln. „Ich freue mich schon darauf.“

„Glaubst du, wir sehen auch einen Delfin, Mom?“

Nicholas drehte sich um und entdeckte einen rotblonden kleinen Jungen, der aufgeregt am Rock seiner Mutter zupfte. Die Frau lächelte ihren Sohn an.

„Ich hoffe.“

„Oder vielleicht ein Seeungeheuer.“

Irgendetwas in dem hoffnungsvollen Blick des Kleinen versetzte Nicholas einen Stich. Für einen Moment sah er David vor sich, mit dem sonnigen Lächeln auf dem sommersprossigen Gesicht.

Ein Lächeln, das einen Herzschlag später ausgelöscht wurde, weil ein leichtsinniger Autofahrer ein Stoppschild missachtet und damit das Leben seiner Familie für immer verändert hatte.

Unwillkürlich umfasste er den Stift fester. Nach vielen Jahren hatte er akzeptiert, dass der Fahrer verantwortlich gewesen war. Trotzdem nagte unter der Oberfläche immer noch Schuld an ihm. Denn er war derjenige, der an diesem Tag vorgeschlagen hatte, Fahrrad zu fahren, der in die andere Richtung gesehen hatte, als David auf die Straße abgebogen war.

Er hörte, wie hinter ihm eine Tür geschlossen wurde, sodass das Plappern des kleinen Jungen nicht mehr zu hören war. Die Enge in seiner Brust löste sich ein wenig, und er unterschrieb das Formular.

„Danke, Mr. Lassard.“ Die Angestellte deutete auf eine Ecke, in der elegante, leuchtend blaue Sessel vor einem Flachbildschirm an der Wand standen. „Es kommt noch ein Gast. Sobald er da ist, fangen wir mit dem Video mit den Sicherheitsinformationen an.“

Nicholas ging zu der Fensterflucht, die einen Blick auf den Hafen bot. Er war schon mit seinen Eltern auf Hawaii gewesen, doch bei dieser Reise hatten sie die Insel Maui besucht. In den ersten zehn Jahren nach Davids Tod waren Nicholas und seine Eltern nur glücklich gewesen, wenn sie im Urlaub waren. Thailand, Spanien, Brasilien, Alaska. Sie waren für kurze Zeit der Realität entflohen und hatten Ablenkung im Abenteuer gefunden. Sobald sie wieder in ihrer vornehmen Villa am Eaton Square in London gewesen waren, hatte sein Vater sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen oder war losgeflogen, um sich irgendwo anders um seine Geschäfte zu kümmern. Seine Mutter war ins Bett gekrochen und hatte geschlafen oder Tabletten genommen, um die Trauer in Schach zu halten. Über David redeten sie nicht. Überhaupt sprachen sie selten miteinander, außer sie waren im Urlaub.

Er schob die Hände in die Hosentaschen und sah einer Familie zu, die zum Hafen ging.

Im letzten Sommer war der zwanzigste Todestag von David gewesen, und in den vergangenen paar Jahren hatte sich die Situation deutlich verbessert. Er wusste nicht, was seine Eltern dazu getrieben hatte, schließlich doch eine Therapie zu machen. Aber sie hatten sich erholt, waren langsam aus ihrer Depression herausgekrochen und nahmen wieder am Leben teil. Etwa zu dieser Zeit war Nicholas auch an seinen Vater herangetreten, weil er sich stärker in das Geschäft einbringen wollte. Sein Vater hatte unter der Bedingung zugestimmt, dass Nicholas sich von unten hocharbeitete. Er hatte am Wochenende bei der Wartungsmannschaft in dem Hotel in London gearbeitet, das das Aushängeschild der Hotelgruppe war, während er in Oxford seinen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre machte. Langsam, aber sicher hatte er sich nach oben gearbeitet bis zu seinem derzeitigen Job als Expansionsleiter.

Leider hatte eine zunächst so einfach erscheinende Aufgabe wie seine Vision von der Erweiterung des Hotels am Bleder See sich als eine solch mühselige Herausforderung erwiesen.

Er war auf Anika Pierce aufmerksam geworden, als er vor fast achtzehn Monaten mit den verschiedenen Kaufleuten von Bled gesprochen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern, die seiner Präsentation begeistert gefolgt waren, war sie ihm höflich, aber kühl begegnet und hatte intelligente Fragen gestellt, die sein Interesse noch mehr geweckt hatten. Genauso wie ihr gesamter professioneller Auftritt, angefangen von ihren dunklen, hochgesteckten Haaren bis zu der schwarzen Hose und der lockeren weißen Bluse mit der Krawatte, die ihren schlanken Hals betonte. Doch ihre frostige Art hatte ihn geärgert. Er hatte dafür gesorgt, dass Vertreter des Hotels Lassard sich mit allen örtlichen Hotelbesitzern der Gegend in Verbindung setzten, um ihnen zu versichern, dass er in ihrem Interesse handelte, nicht gegen sie. Vielleicht gefiel es Anika einfach nicht, ein anderes Hotel in der Nähe ihres Gasthofs zu haben, obwohl sein Entwicklungsteam ihm versichert hatte, dass der Gasthof und die Ferienunterkünfte in dem Gebiet eine ganz andere Klientel beherbergten als das Hotel Lassard.

Was auch immer der Grund für Anikas patziges Verhalten sein mochte – von Frauen war er anderes gewöhnt. Dass sie überhaupt nicht auf ihn reagierte und einen Groll gegen ihn zu hegen schien, hatte es ihm leicht gemacht, nicht mehr an sie zu denken, nachdem er wieder abgereist war.

Seine Geschäfte hatten ihn nach London zurückgeführt, dann nach New York und schließlich Bilbao im Norden Spaniens. Als er im Frühjahr nach Slowenien zurückgekehrt war, um sich die Bauarbeiten anzusehen, hatte er eine große Rundfahrt über den See gemacht, vorbei an der Burg aus dem 11. Jahrhundert, die oben auf dem Felsen Wache stand. Er hatte sich Zeit für eine Fahrt in einem der Holzboote genommen, mit denen man den See erkunden konnte. Als Nicholas zu Anfang in das Familienunternehmen eingestiegen war, lautete eine der wichtigsten Lektionen seines Vaters, so viel wie möglich von dem zu erleben, was seine Gäste auch erleben würden. 

Bei dieser Bootsfahrt hatte er den Gasthof am Seeufer entdeckt. Dessen schlichte Schönheit hatte Bilder von lange vergangenen Reisen in ihm hervorgezaubert, als David noch lebte. Ferien an Stränden in England und Irland. In diesem Moment hatte er eine klare Vision von der Zukunft gehabt. Das Haupthotel im Osten, mit einer exklusiven Villa für Gäste, die mehr Privatsphäre wünschten oder ein Zimmer mit nur einem kurzen Weg zum See. Den Pier könnte man neu gestalten, mit einer Terrasse, auf der man essen konnte, und einem Bootssteg für Fahrten um die Insel, die sich im Bleder See befand. Luxus, kombiniert mit der natürlichen Schönheit des Bleder Sees.

Warum er plötzlich so versessen darauf war, den Gasthof zu kaufen, hatte er nicht hinterfragt.

Er war wieder in seinen Wagen gestiegen und bei dem Schild aus Holz abgebogen, das auf den Gasthof hinwies. Eine kleine Schneeglocke, nach der der Gasthof benannt worden war, zierte das Schild. Das Weiß der Blütenblätter war schon lange verblasst und hatte nun beinahe das gleiche Braun wie das Schild.

Das war sein erster Hinweis darauf gewesen, wie es um den Gasthof stand. Als er die lange Auffahrt entlanggefahren war, sah er sich darin bestätigt.

Das dreistöckige Haus selbst hatte ihn überrascht. Im Gegensatz zu vielen Häusern in der Gegend, die im Cottage-Stil gebaut waren, wirkte es eher wie ein viktorianisches Gebäude. Mit den Türmen, der großen Veranda mit der verschnörkelten Holzarbeit sah es aus wie ein Pfefferkuchenhaus.

Autor

Emmy Grayson
Emmys Begeisterung für Romances begann, als sie die legendären Nancy Drew Krimiromane las, in denen die gleichnamige Heldin allerhand mysteriösen Fällen auf die Spur ging. Dabei blätterte Emmy beim Lesen immer wieder zu den romantischen Kapiteln mit Ned Nickerson zurück. Mehr als 20 Jahre später machte Harlequin Presents ihren Traum...
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