Sinnlicher Sommer in Maine

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Süße Nächte der Liebe erlebt die Schauspielerin Maggie in Duffys Armen. Doch als man ihr die Rolle einer Frau mittleren Jahren anbietet, erwacht sie aus ihrem Traum vom Glück. Plötzlich kommt Duffy ihr viel zu jung für sie vor...


  • Erscheinungstag 12.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779320
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

23. Juni, 21.53 Uhr

Irgendwo in den Pyrenäen

Man hatte sie entführt.

Maggie Lawton nahm diese Tatsache mit erstaunlicher Gelassenheit hin. Fast gleichgültig beobachtete sie, wie der Anführer der baskischen Separatisten mit seinen Männern sprach, die sich um das Lagerfeuer versammelt hatten. Maggie und ihre fünf Begleiter saßen mit gefesselten Händen nebeneinander auf dem kalten Erdboden. Sie waren auf einer Wanderung im Nationalpark Pyrenäen gewesen, als sie von den Freiheitskämpfern überfallen und anschließend in dieses Camp verschleppt wurden.

Maggie fiel plötzlich ein, dass sie vor Jahren bei ihrem ersten und einzigen Auftritt in einem Musical eine entführte arabische Prinzessin gespielt hatte. Sie versuchte, sich an den Text der Nummer zu erinnern, die sie gesungen hatte, als sie von Beduinen gefangen worden war. Es war eine schwungvolle orientalische Weise gewesen, die sie laut und gestenreich vorgetragen hatte, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie keine große Stimme besaß.

„Warum, zum Teufel, fängst du plötzlich an zu summen?“ Baldrich Livingston, der in unzähligen Theateraufführungen an ihrer Seite gespielt hatte, warf ihr einen finsteren Blick zu. „Wir stehen hier auf keiner Bühne, und die Typen da vorn sind nicht unser Publikum. Was hier abläuft, ist verdammt echt! Hätten wir bloß nicht Jerry besucht! Das haben wir jetzt davon.“

Gerard Armand, der Compte de Bastogne, beugte sich vor. „Dazu hat euch niemand gezwungen“, entgegnete er wütend. „Celine und ich hatten vor, das Wochenende in Monte Carlo zu verbringen. Wir waren schon reisefertig, als ihr vier unangemeldet bei uns hereingeplatzt seid.“

„Es war dein Geburtstag, Jerry“, meldete sich Glen Thicke, Maggies Agent, zu Wort. „Wir wollten dich überraschen und zusammen mit dir feiern.“

„Ihr seid doch nur gekommen, um euch bei mir die Bäuche voll zu schlagen und meine Hausbar zu plündern. Das ist typisch für euch Theaterleute. Ihr habt zwar jede Menge Geld, aber keine Manieren.“

Priscilla Thicke wischte sich die Ärmel ihrer modischen Outdoorjacke ab. „Reg dich ab, Jerry. Du übertreibst mal wieder maßlos.“ Sie wandte sich an den Anführer der Basken. „Monsieur, wir sind durstig. Können wir bitte etwas zu trinken bekommen? Ich hätte gern ein Mineralwasser.“

Baldy rollte mit den Augen. „Sei still, Prissie.“

Sie schnaubte entrüstet. „Warum? Dass sie uns gekidnappt haben, stört mich gar nicht mal so. Das ist keine schlechte Publicity, und außerdem werden wir sowieso bald gerettet. Aber in der Zwischenzeit will ich nicht verdursten.“

„Du hast wirklich keinen Schimmer!“, fauchte Gerard. „Diese Leute treiben kein Spiel. Das sind Terroristen! Mörder! Die werden uns ohne weiteres umbringen, wenn …“

„Monsieur le Compte!“ Der Anführer ihrer Kidnapper, ein gut aussehender Mann mittlerer Größe und mit unbestreitbarem Charisma, näherte sich der Gruppe. Er trug ein Gewehr über der Schulter.

Maggie fröstelte, als er den Blick über die Gruppe wandern und einen Moment auf ihr ruhen ließ, bevor er sich Gerard zuwandte. „Sie verleumden mich“, sagte er in beängstigend sanftem Tonfall. „Wir sind keine Mörder, Monsieur, sondern kämpfen für unsere Unabhängigkeit.“

„Was haben Sie mit uns vor?“, fragte Baldy und sah dem Mann unerschrocken in die Augen.

Der Anführer lächelte, trat einen Schritt näher und blieb vor Maggie stehen. „Das will ich Ihnen sagen. Sie zum Beispiel sind Maggie Lawton, in den USA geboren und heutzutage ein Star auf den britischen Bühnen.“ Er betrachtete die anderen der Reihe nach. „Baldrich Livingston, bekannt aus Fernsehen und Theater. Glen Thicke, einflussreicher Agent mit seiner exzentrischen Frau Priscilla. Schließlich der Compte de Bastogne aus altem Adelsgeschlecht in Begleitung seiner Geliebten, Celine, Tochter schwerreicher Eltern. Sie alle sind bekannte Personen des gesellschaftlichen Lebens.“ Er holte tief Atem und lächelte wieder. „Deshalb dürften wir mit unserer Lösegeldforderung auf offene Ohren stoßen.“

„Und wie lange wollen Sie uns noch festhalten?“, fragte Maggie.

„Sie haben es bald überstanden, Madame“, sagte er freundlich. „Ich habe gerade mit dem französischen Innenministerium gesprochen. Entweder bringt uns Ihre Entführung ein kleines Vermögen ein, mit dem wir unseren Kampf fortsetzen können – oder Ihr Tod wird viel Aufmerksamkeit erregen und das Interesse der Öffentlichkeit auf unsere Sache lenken.“

Celine begann zu schluchzen, Prissie und die Männer senkten die Köpfe. Nur Maggie zeigte keinerlei Reaktion.

Der Anführer hob die Brauen. „Zweifeln Sie an meinen Worten, Mrs. Lawton?“

„Nicht im Geringsten.“ Sie dachte daran, wie befreiend es war, keine Todesangst zu empfinden. Seit zwei Jahren war ihr das ganze Leben ohnehin nur noch als Last erschienen, und jetzt kam ihr die Furchtlosigkeit zustatten.

Die Miene des Mannes verriet Neugier. Er setzte sich ihr gegenüber auf einen flachen Stein. „Ich verstehe“, meinte er bedächtig. „Sie haben eine Tragödie hinter sich. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeilen. Es hatte etwas mit einem Zugunglück in der Nähe von London zu tun.“

Sie blickte ihn ungerührt an.

„Sie haben Ihren Mann und Ihre beiden Söhne verloren. Meine Mutter hat geweint, als sie es mir erzählte.“ Er lächelte ihr fast zärtlich zu. „Sie gehören nämlich zu ihren Lieblingsschauspielerinnen.“

„Hören Sie schon auf!“, brach es aus Baldy heraus. „Was Sie da machen, ist seelische Folter!“

Der Anführer drehte sich nicht einmal zu ihm um. „Ich will Ihnen nicht wehtun, Madame. Ich weiß, was es bedeutet, geliebte Menschen zu verlieren. In diesem Kampf sind viele meiner Freunde und Verwandten gestorben. Ich musste mir oft in Erinnerung rufen, dass das Leben trotzdem weitergeht. Das sollten Sie auch tun. Wenn wir unsere Hoffnung verlieren, haben wir alles verloren.“

„Ich habe längst keine mehr“, sagte sie ausdruckslos.

Er legte ihr die Hand auf das Knie und tätschelte es sanft. Sie war erstaunt über diese fast väterliche Geste. „Doch, tief in sich. Und eines Tages wird sie wieder erwachen. In Ihnen steckt immer noch Leidenschaft. Man merkt es Ihnen an, wenn Sie auf der Bühne stehen.“

„Wenn ich auf der Bühne stehe, spiele ich eine Rolle. Das bin ich nicht selbst.“ Maggie zuckte mit den Schultern. „Übrigens gibt es niemanden, der für mich Lösegeld zahlen würde, denn ich habe keine Familie mehr. Ich fürchte, ich kann nichts zur Fortsetzung Ihres Kampfes beitragen. Mein Name wird wohl eher auf der Liste der Opfer erscheinen.“

Er runzelte die Stirn. „In Ihren Augen lese ich, dass Ihnen das nichts ausmachen würde. Das erschüttert mich.“ Dann lächelte er wieder. „Ich weiß, dass Sie einen Vater haben, der Sie sehr liebt.“

Sie blickte auf. „Es wäre grausam, einen alten Mann wegen so etwas zu ängstigen. Ich versichere Ihnen, er hat nicht genügend Geld, um mich freizukaufen.“

Einer seiner Männer rief nach ihm. Er erhob sich und nickte ihr zu. „Atmen Sie die klare Luft, Madame, genießen Sie den sanften Wind auf der Haut und die Stille der Nacht. Es gibt vieles, wofür es sich zu leben lohnt.“

„Lassen Sie meinen Vater aus dem Spiel!“, rief sie ihm nach.

Er hörte sie nicht, oder falls doch, war ihm seine Sache wichtiger als ihre Sorge um einen einsamen, alten Mann.

„Es wird alles gut ausgehen“, meinte Baldy tröstend. „Wenn die Welt erfährt, dass wir entführt wurden, geht ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit. Die Armee wird mobil machen. Alle möglichen Leute werden uns zu Hilfe eilen.“

„Du hast dich in deinem Drehbuch vertan, Baldy“, sagte sie grimmig und streckte sich, so gut es ging, um die Schmerzen in ihren Schultern zu lindern. Vor wenigen Augenblicken war es ihr noch gleichgültig gewesen, ob sie lebte oder starb.

Aber jetzt bangte sie um ihren Vater.

1. KAPITEL

23. Juni, 19.05 Uhr

Lamplight Harbor, Maine

Elliott Lawton hatte die Geschichte vom Kidnapping seiner Tochter noch nicht zu Ende erzählt, da begann Duffy March bereits, Pläne für ihre Rettung zu schmieden. Während er jedoch mit kühler Routine über verschiedene Taktiken nachsann, schweiften seine Gedanken immer wieder in die Vergangenheit ab. Unwillkürlich kam ihm die romantische Erinnerung in den Sinn, dass er schon als Elfjähriger davon geträumt hatte, die sechzehnjährige Maggie einmal aus einer Gefahr retten zu können. Damals wie heute arbeitete ihr Vater für das Außenministerium, während seiner an der Universität von Georgetown Geschichte lehrte.

Zu jener Zeit waren sie lediglich durch fünf Jahre Altersunterschied und einen Zaun zwischen den Häusern ihrer Eltern getrennt gewesen. Seit sie jedoch nach Europa gezogen war, hatte sich nicht nur die räumliche Distanz zwischen ihnen beträchtlich vergrößert.

Heutzutage war sie ein bewunderter Star auf Londons Bühnen und Witwe eines prominenten Bankers, Duffy dagegen allein erziehender Vater von zwei kleinen Jungen und Leiter eines privaten Sicherheitsdienstes. Seine Firma genoss weltweit einen glänzenden Ruf bei Reichen und Berühmten, die es sich viel Geld kosten ließen, seine Mitarbeiter zu ihrem Schutz anzufordern. Das Geschäft hatte ihn wohlhabend gemacht. Mittlerweile besaß er eine Penthousewohnung in Manhattan und eine Villa an der Küste Maines, wo er und seine Kinder die Sommer verbrachten.

„Meine größte Befürchtung ist, dass ihr das alles gar nichts ausmacht“, sagte Elliott, während er auf der Veranda des Hauses hin und her lief. „Weil es ihr einfach egal ist, was mit ihr geschieht.“

Charlie March, Duffys Vater, nickte. Er hatte am Steuer des Leichtflugzeuges gesessen, das beide Männer sofort nach dem Anruf des Außenministeriums zu Duffys Haus geflogen hatte. Er stand auf, packte seinen Freund am Arm und drückte ihn in einen Stuhl. „Setz dich endlich, Elliott. Du machst uns alle noch nervöser, als wir ohnehin schon sind.“

Charlie nahm neben ihm Platz. „Aber du hast recht, ihr liegt nicht viel an ihrem Leben.“ Er blickte zu Duffy. „Er hat Angst, dass sie leichtsinnig wird und …“

„Bitte, versprich mir, dass du nach Frankreich fliegst.“ Elliott stand wieder auf und sah Duffy flehentlich an. „Ich weiß, dass die Polizei zwar alles unternimmt, was in ihrer Macht steht, aber bei sechs Geiseln und so vielen bewaffneten Männern habe ich Angst, dass sie ins Kreuzfeuer gerät. Ich kann dir eine Genehmigung beschaffen, dass du die Polizei begleiten darfst. Und du selbst hast doch auch deine Verbindungen. Hast du nicht einmal für ein Mitglied des französischen Parlaments gearbeitet?“

Duffy nickte. Gaston Dulude hatte eine Kampagne gegen einen französischen Drogendealer geführt und Schutz für seine Familie angefordert, als der Fall vor Gericht kam.

„Natürlich fliege ich nach Frankreich“, versicherte Duffy, „aber meine Haushälterin hat Urlaub. Du musst bei Mike und Adam bleiben, Dad.“

Charlie nickte. „Selbstverständlich.“

„Ich bleibe auch“, versprach Elliott. „Kann ich dir irgendwie behilflich sein, damit du so schnell wie möglich abfliegst?“

„Du könntest einen Flug für mich buchen.“

„Wird sofort erledigt.“

Als Duffy sich auf den Weg zur Treppe ins Obergeschoss machte, flog die Hintertür auf, und seine Söhne stürmten durch die Küche ins Wohnzimmer. Sie waren auf einer Geburtstagsparty bei den Baker-Zwillingen gewesen, Jungen in Mikes Alter, die zwei Häuser entfernt wohnten.

Der siebenjährige Mike rannte voraus; sein glattes, schwarzes Haar hing ihm in die Augen, sein Sweater und die Jeans waren über und über mit Fingerfarben verschmiert. Der drei Jahre jüngere Adam folgte ihm. Bei ihm hatte nicht nur die Kleidung Flecken abbekommen, sondern auch sein Gesicht und das blonde Haar.

Die Jungen nahmen kaum von Duffy Notiz, sondern rannten direkt zu ihrem Großvater. „Ich habe dein Auto draußen gesehen, Grandpa!“, rief Mike.

Adam schwang sich auf Charlies Schoß, und Mike legte seinem Großvater die Arme um den Hals. Duffy bemerkte, dass Elliott sich umdrehte und schnell nach dem Telefonhörer griff. Charlie dabei zuzusehen, wie er von seinen Enkeln geherzt wurde, musste für jemanden, der seine eigenen verloren hatte, schwer zu ertragen sein.

„Bleibst du zum Abendessen?“, fragte Mike.

Als Duffy im Obergeschoss angekommen war, hörte er seinen Vater sagen, dass er sogar noch etwas länger bleiben würde.

Duffy hatte seine Reisetasche gepackt, seinem Büro in New York Bescheid gegeben und war bereit zur Abreise, als die Jungen aufgeregt in sein Zimmer stürzten. Er setzte sich auf die Bettkante, um ihnen seinen plötzlichen Aufbruch zu erklären.

„Wann kommst du zurück?“ Mike kletterte auf das Bett, lehnte sich an ihn und machte ein bekümmertes Gesicht.

„Ich schätze, in drei oder vier Tagen“, antwortete Duffy und hob Adam auf seine Knie. „Falls es länger dauern sollte, rufe ich an.“

„Grandpa sagt, du willst einer Freundin helfen.“

„Ja.“

„Er sagt, böse Männer haben sie gefangen, und du musst sie befreien.“

„Ja, aber nicht allein. Viele Polizisten werden mir dabei helfen.“

Mike seufzte. „Aber du darfst dich nicht erschießen lassen!“

Mikes Worte versetzten ihm einen Stich ins Herz. Solche Ängste hatte sein Sohn früher nie gehabt. „Nein, keine Sorge. Ich werde gut auf mich aufpassen. Das verspreche ich dir.“

„Hast du wirklich eine Freundin?“, fragte Adam und rümpfte die Nase. „Wir mögen keine Mädchen.“

Duffy lachte und drückte ihn an sich. „Aber ich. Ich wäre sogar froh, wenn ich eine Freundin hätte.“

Das war für Adam offensichtlich zu hoch. „Mädchen sind doof und haben Angst vor Schlangen.“

„Ich dachte, du hast Angst vor Schlangen“, stichelte Mike.

Adam schüttelte den Kopf. „Nur als ich klein war.“

Mike zwinkerte Duffy zu. „Inzwischen ist er ein Riese.“

Adam wollte seinem Bruder einen Schlag auf die Schulter versetzen, aber Duffy fing seine Hand ab. „Hey! Kein Streit, das war ausgemacht. Und ihr dürft auch Grandpa nicht aufregen, solange ich weg bin. Er wird älter und kann nicht hinter euch her rennen oder auf Bäume klettern, wenn ihr zu weit hinaufgestiegen seid. Also fragt ihn um Erlaubnis, wenn ihr etwas vorhabt, hört auf ihn, und esst auch immer brav euer Gemüse.“

„Aber was ist, wenn er Spinat macht?“, fragte Adam entsetzt. „Desiree kocht manchmal welchen.“

„Ich werde ihm sagen, dass ihr keinen Spinat wollt.“

Duffy hob Adam vom Schoß und ließ Mike seine Reisetasche bis zur Treppe tragen. „Soll ich sie dir wieder abnehmen?“, fragte er, als er sah, wie sehr sein Sohn sich damit abmühte.

Mike schüttelte den Kopf. „Das schaffe ich schon, Daddy.“

Duffy betrachtete den Jungen voller Liebe und Stolz. Wie schon so oft in den letzten drei Jahren musste er wieder einmal daran denken, dass es eine der besten Ideen seines Lebens gewesen war, ihn bei sich aufzunehmen.

Charlie kam ihnen im Wohnzimmer entgegen. „Ich fliege dich zum Kennedy Airport“, sagte er. „Elliott bleibt bei den Jungen.“

Adam stupste seinen Vater in die Seite. „Sag ihm das mit dem Spinat!“

Am nächsten Tag lag Duffy auf dem Bauch im Gras eines Pyrenäenhügels. Rings um ihn herum standen ein Dutzend Polizisten, die das baskische Lager auf der Wiese unterhalb von ihnen beobachteten. Irgendwo dort wartete die Frau auf ihre Befreiung, die ihm als Kind einmal das Leben gerettet hatte. Die Situation kam ihm völlig unwirklich vor. Wenn er nicht den Duft der Gräser gerochen und das Summen der Insekten gehört hätte, wäre ihm alles wie ein Traum erschienen.

Aber das Ganze war äußerst real. Er spähte durch sein Fernglas auf den Schauplatz des Geschehens und entdeckte mehrere Männer in Tarnkleidung, die Baskenmützen trugen – die Separatisten. Dann machte er zwei Männer aus, die unter einem Baum saßen und deren Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Nicht weit entfernt erblickte er zwei Frauen, auch sie mit gebundenen Händen. Eine von ihnen lag auf dem Boden und schien zu schlafen, die andere lief aufgeregt hin und her.

Die beiden Frauen waren dunkelhaarig, Maggie dagegen hatte blondes Haar. Er suchte das Lager weiter ab und entdeckte sie schließlich neben einem Mann mit Baseballmütze und Brille. Offenbar unterhielten sie sich miteinander.

Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, sah nur ein Paar schlanker Beine in hellbraunen Hosen und ihr langes, zerzaustes Haar, das in der Abendsonne glänzte.

Seit der Entführung waren fast zwanzig Stunden vergangen, und Duffy konnte sich leicht ausmalen, in welcher Verfassung sich die Gefangenen befanden.

Wäre es einzig und allein nach seinem Instinkt gegangen, hätte er sich mit entsichertem Gewehr den Hügel hinuntergestürzt. Aber er musste besonnen vorgehen und erst die Zahl der Separatisten und ihre Waffen zählen, sich ihre Positionen einprägen und auf die Dunkelheit warten.

Genau diese Befehle hatte der Polizeihauptmann erteilt, der die Aktion leitete.

Duffys Augen begannen allmählich zu brennen, als er Maggie immer wieder mit dem Fernglas ins Visier nahm. Kurz vor Sonnenuntergang beobachtete er, wie einer der Entführer zu den Geiseln ging und ihnen auf die Beine half. Er führte sie zum Lagerfeuer und teilte offenbar Essensrationen aus.

Dann wurde es zu dunkel, um Einzelheiten auszumachen. Eine Weile war nur das flackernde Lagerfeuer zu erkennen. Dann schließlich trat der Mond hinter einer Wolke hervor und warf ein schwaches Licht auf das Camp. Duffy meinte jetzt, Maggie nahe einem Baum sitzen zu sehen. Neben ihr glaubte er die nervöse junge Frau zu entdecken, aber er war nicht ganz sicher.

Die Luft knisterte vor Spannung, als der Befehl kam, langsam den Hügel hinunterzugehen. Duffy bildete die Flanke, so dass er, falls nötig, sofort losstürmen und auf eigene Faust handeln konnte.

„Ich halte es nicht mehr aus“, flüsterte Celine. Sie zitterte am ganzen Körper. Seitdem sie auf dem Wanderweg in den Hinterhalt geraten waren, hatte die junge Frau am Rand der Hysterie gestanden, und nun drohte sie endgültig die Nerven zu verlieren.

„Wir kommen bestimmt heil aus der Sache heraus.“ Maggie spendete ihr Trost, wie sie das seit Beginn dieses Albtraums immer wieder getan hatte.

Als Celine wieder zu schluchzen begann, wurde Maggie von etwas abgelenkt, das sie nicht genau bestimmen konnte. Ihr war, als würde hier etwas geschehen, was sie eher fühlte als hörte. Sie blickte zu dem zerklüfteten Hügel jenseits des Camps und fragte sich, ob sie sich etwas einbildete.

Im bleichen Mondlicht war nichts zu erkennen, aber sie bemerkte, dass auch Eduard, der Anführer, etwas gespürt haben musste. Seine Männer schienen nichts mitzubekommen, im Gegensatz zu Baldy, der näher an Maggie heranrückte. Er besaß das Talent eines guten Schauspielers, minimale Stimmungsschwankungen des Publikums wahrnehmen zu können, und dieses Feingefühl kam ihm auch hier zugute. „Was geht da vor?“, fragte er.

Bevor sie antworten konnte, rief Eduard seinen Männern etwas zu, riss sein Gewehr von der Schulter und zeigte damit auf den Hügel. Zwei der Entführer liefen zu den Geiseln und befahlen ihnen, sich in der Mitte des Lagers aufzustellen.

Celine geriet nun völlig in Panik, schrie auf und rannte in die verkehrte Richtung.

Einer der Männer legte sein Gewehr auf sie an und brüllte ihr zu, sie solle sofort stehen bleiben.

Maggie bezweifelte, dass die junge Frau das Kommando gehört hatte.

„Celine!“, rief sie. „Auf den Boden!“

Aber Celine hörte auch das nicht.

Der Mann wiederholte den Befehl und feuerte einen Warnschuss ab.

Maggie rannte Celine hinterher und holte sie schnell ein, konnte sie mit ihren gefesselten Händen aber nicht festhalten. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, sich auf Celine zu werfen und sie zu Boden zu reißen, bevor dies eine Kugel tat.

Doch plötzlich wurde Maggie von einem heftigen Schlag getroffen, der sie von den Beinen holte. Einen Moment lang war sie völlig verblüfft, lag regungslos im feuchten Gras und hörte nur Schreie, Schüsse und Befehle aus dem Lager.

Dann spürte sie einen Arm, der sie zu Boden zwang. Sie war sicher, dass einer der Entführer sie festhielt, und wehrte sich mit Leibeskräften dagegen.

„Hey! Loslassen!“ Sie schlug und trat wie eine Wilde um sich, überraschte den Angreifer damit und rappelte sich wieder auf, um Celine zu folgen.

Aber sie kam nicht weit. Eine Hand packte sie am Knöchel und brachte sie erneut zu Fall. Mit einem Wutschrei fuhr sie herum und versuchte, sich wieder zu befreien.

„Maggie!“

Aus nächster Nähe sah sie das Aufleuchten von Mündungsfeuer und eine Hand, die sie zurück ins Gras presste. Dann hörte sie jemanden aufstöhnen. Ein weiterer Blitz erhellte die Nacht, und sie sah, dass ein Mann in Tarnkleidung neben ihr zu Boden stürzte.

Obwohl sie vor Schreck wie gelähmt war, arbeitete ihr Verstand weiter und registrierte etwas Ungewöhnliches: Der Mann, den sie abschütteln wollte, hatte sie in akzentfreiem Englisch beim Namen genannt. Und dann war er von dem Schuss getroffen worden, der ihr gegolten hatte.

Offenbar lebte er aber noch, denn nach wie vor wurde sie von jemandem auf die feuchte Erde gepresst. Einen Moment später wurde der Mann, der neben sie gefallen war, weggeschleppt, und sie hörte weitere Schüsse.

Dann wurde alles still.

„Monsieur March?“, rief eine Stimme mit französischem Akzent. „Sind Sie verletzt?“

„Wir sind wohlauf“, kam die Antwort. „Und Sie?“

„Alles okay. Sind Sie denn nicht getroffen worden?“

„Doch, aber es ist nur ein Kratzer. Ist mit der anderen Frau alles in Ordnung?“

„Sie ist in Ohnmacht gefallen.“

„So viel Glück hätte ich auch gern gehabt“, sagte der Mann, der Maggie nach wie vor festhielt.

Sie versuchte sich umzudrehen, aber er ließ es nicht zu. „Liegenbleiben!“, befahl er. „Bis Entwarnung kommt.“

Zu ihrer Überraschung hörte sie, dass er leise lachte. „Ich wollte dich eigentlich davor beschützen, erschossen zu werden. Aber das hast du mir nicht gerade leicht gemacht.“

Sie seufzte und senkte die Stirn auf das Gras. „Es tut mir leid. Ich dachte, jemand verfolgt mich. In der Dunkelheit konnte ich ja nicht sehen, wer …“

„Schon gut.“

Vom Lager ertönte ein Ruf. Der Mann stand auf, nahm ihren Arm und zog sie nach oben. „Alles klar, Maggie. Du bist bald wieder zu Hause.“

Er sprach erneut ihren Namen aus – auf eine Weise, die ihr merkwürdig vertraut vorkam. Als er sie zum Lager führte, das mittlerweile vom Schein zahlloser Taschenlampen hell erleuchtet war, blieb sie plötzlich stehen.

Sie blickte in dunkelbraune Augen, die angesichts dessen, was der Mann gerade durchgemacht hatte, erstaunlich ruhig wirkten. Er hatte kurzes, dunkles Haar, sah äußerst attraktiv aus und lächelte sie an.

Sie stutzte. „Kennen wir uns etwa?“

Duffy konnte kaum glauben, wie schön sie noch immer war. Ihre Gesichtszüge und ihr langes, glattes Haar erinnerten ihn nach wie vor an den Teenager, der ihm einst den Kopf verdreht hatte. Aber das fröhliche Funkeln in ihren Augen, an das er so gern zurückdachte, war erloschen.

Und er ahnte, dass dies nicht mit den eben erlittenen Strapazen zusammenhing, sondern weit tiefere Ursachen hatte.

„Wir haben uns einmal sehr gut gekannt“, antwortete er und führte sie zu der Gruppe. Die Separatisten waren in Handschellen gelegt und wurden jetzt von den Polizisten abgeführt.

„So?“ Sie hob die Brauen.

„Wir haben sogar schon Abende miteinander verbracht.“

„Wie bitte?“ Sie starrte ihn völlig verblüfft an.

„Ja, und im Fernsehen zusammen Dallas angesehen.“

Er sah in ihren Augen, dass ihr langsam etwas dämmerte. Sie holte tief Luft. „Duffy March!“, rief sie und strahlte über das ganze Gesicht. Sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest.

Die Umarmung kam von Herzen. Duffy war aber klug genug, um zu wissen, dass ihre Freude nichts mit ihm persönlich zu tun hatte, sondern mit dem Umstand, dass er sie an glückliche Zeiten erinnerte.

„Oh Duffy“, flüsterte sie und drückte ihn noch fester.

Er zuckte zusammen, als er einen brennenden Schmerz in seinem Oberarm spürte.

„Du bist angeschossen!“, rief sie, riss ein Tuch von ihrem Hals und presste es auf seinen blutgetränkten Ärmel.

„Das war nur ein Streifschuss.“ Er zog sie wieder in die Arme und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Schön, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen.“

2. KAPITEL

„Was machst du denn hier?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

„Dein Vater hat mich darum gebeten, an der Geiselbefreiung teilzunehmen und dich dabei im Auge zu behalten. Aber das ist eine lange Geschichte, die ich dir auf dem Flug nach London erzähle. Jetzt will dich erst einmal die Polizei sprechen.“

Autor

Muriel Jensen

So lange Muriel Jensen zurückdenken kann, wollte sie nie etwas andere als Autorin sein. Sie wuchs in einer Industriestadt im Südosten von Massachusetts auf und hat die Menschen dort als sehr liebevoll und aufmerksam empfunden. Noch heute verwendet sie in ihren Romances Charaktere, die sie an Bekannte von damals erinnern....

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