Süß wie die Versuchung

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Die Bäckerei ihrer Familie bedeutet Athena alles. Tag und Nacht arbeitet sie, um das Geschäft am Laufen zu halten, doch der Laden ist hoch verschuldet. Athena hofft auf ein Wunder! Ausgerechnet ihr Ex Nico Morgan schlägt ihr einen Deal vor: Für drei Monate soll sie seine Verlobte spielen, dafür tilgt er die Schulden der Bäckerei. Aus purer Verzweiflung nimmt Athena an, fest entschlossen, sich von Nico kein zweites Mal um den Finger wickeln zu lassen. Doch wie lange kann sie der süßen Versuchung widerstehen?


  • Erscheinungstag 28.03.2023
  • Bandnummer 2282
  • ISBN / Artikelnummer 0803232282
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

Wer auch immer empfohlen hat, Rache kalt zu servieren, hatte offenbar keine Ahnung.

Denn lässt man sie erst kalt werden, vergisst der andere womöglich, dass er sie überhaupt bestellt hat. Oder er ist gar nicht mehr der Widerling, der diese Strafe verdient hat.

Oder noch schlimmer.

Die Person könnte sterben.

Oh nein, Rache serviert man definitiv am besten kochend heiß. Kippt sie dem anderen direkt ins Gesicht.

Nico Morgan stand vor der Bäckerei in Brighton. Der Verkehr auf der Straße war eine Kakofonie aus Hupen und quietschenden Reifen. Die Fußgänger strömten um ihn herum, auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder zu einem der Cafés in der Gegend.

Dabei reichte niemand an die Qualität der Backwaren aus der Evans Bakery heran.

Der Name war so einfach wie das Gebäck hinter der Ladenfront verlockend.

Er betrachtete den Klinkerbau ein letztes Mal, ehe er die breite Tür aufstieß. Auf dem Schaufenster waren eine elegante weiße Torte und Schokokekse gezeichnet. Wenn sein Gedächtnis ihn nicht täuschte – und es täuschte ihn niemals –, dann hatte Glory Evans äußerst pedantisch darauf geachtet, dass ihre Angestellten die Scheibe jeden Morgen putzten. Nicos Privatdetektiv hatte ihn darüber informiert, dass Glory vor Kurzem gestorben war. Sie hatte sich nie ganz von dem Schlaganfall erholt, den sie vor ein paar Jahren erlitten hatte. Jetzt leitete ihre Enkelin das Geschäft.

Als er den Laden betrat, schlug ihm der Duft von Vanille, Zucker und frisch gebrühtem Kaffee entgegen. Wahrscheinlich fänden die meisten Menschen es seltsam, dass Nico bei diesem süß-nussigen Aroma sinnliche Lust verspürte. Aber die meisten Menschen brachten diese Gerüche auch nicht mit der Frau in Verbindung, die gerade durch die Küchentür kam.

Athena Evans.

Nico sah, wie die Chefin ihre Kunden herzlich begrüßte und sich mit ihnen unterhielt, obwohl sie ein schweres Blech voll frischer Backwaren in den Händen hielt. Er beobachtete, wie sie langsam, aber selbstsicher durch den vollen Laden schritt. Sah die vertrauten Züge ihres Gesichts, die zarten Schultern. Diesen Hüftschwung, der verführerisch, aber gleichzeitig unschuldig wirkte. Die langen, straffen Beine.

Nichts an Athena Evans war auch nur im Entferntesten unschuldig.

Das wusste Nico aus eigener Erfahrung.

Athena rief laut nach der kleineren Frau hinter dem Tresen – ihrer Schwester. Doch er studierte weiterhin ihr Gesicht, deshalb entging ihm auch nicht das warme Strahlen, das ihre Lippen umspielte – ach was, das Strahlen leuchtete über ihr ganzes Gesicht. Denn Athena lächelte nicht einfach bloß mit dem Mund. Hatte sie noch nie. Dort hatte es zwar seinen Ursprung, in diesem schockierend heißen Schwung ihrer Lippen. Doch es wanderte weiter, ließ die scharfe Kontur ihrer Wangenknochen weich werden, und brachte ihre haselnussbraunen Augen zum Leuchten, sodass sie fast golden schienen. Es lockerte ihre Schultern, löste die starre Haltung.

Dieses Strahlen war eines der schönsten Dinge an ihr.

Es war auch eines der Dinge, die er ihr am meisten übel nahm.

Heute galt das Strahlen ihrer Schwester. Athena hielt das Blech hoch, als wäre es federleicht. Beim Anblick der Muskeln, die sich unter der dunkelbraunen Haut anspannten, stockte ihm der Atem. Verlangen durchströmte ihn. Mit einer Leichtigkeit, um die sie ein Bodybuilder beneidet hätte, hob sie das Blech auf den Tresen, ohne auch nur im Geringsten angestrengt zu wirken. Das brachten die Jahre in der Familienbäckerei wohl mit sich.

Und selbst wenn Athena todmüde wäre, würde sie sich nichts anmerken lassen, denn das schickte sich als perfekte Tochter, Enkelin und Schwester nicht.

Genau diesen Hang zur Perfektion wollte Nico sich zunutze machen.

Nur deshalb stand er im Laden seiner Ex-Geliebten, die ihn vor drei Jahren hatte sitzen lassen.

Was man eben so in Kauf nahm für die eigenen Rachepläne.

Das Gefühl der Aufregung überkam ihn. Weil all die Pläne, an denen er gefeilt, für die er gelebt hatte, langsam Früchte trugen. Aber auch, weil er hier in diesem Laden stand, bloß ein paar Meter entfernt von dieser Frau. Ein elektrisierendes Kribbeln zog über seine Haut. Gespannt wartete er darauf, dass sie ihn bemerkte, ihn ansah, damit er in ihren Augen den Schock sehen konnte, den Hass … Wie ein Vampir, der sich nach Blut verzehrte, gierte Nico nach irgendeiner Reaktion von ihr.

Drei Jahre lang hatte er sich verboten, auch nur an sie zu denken. Doch jetzt hatte das Schicksal eine unvorhergesehene Wendung genommen, und er brauchte sie. Niemand außer Athena Evans konnte ihm helfen. Und er konnte ihr endlich wieder nah sein.

Bis das Geschäft erledigt war.

Dann wäre er derjenige, der es beenden würde. Sie stehen ließ.

Denn vor drei Jahren hatte Athena ihm eine wichtige Lektion erteilt. Verliebe dich niemals.

Vertraue nur dir selbst, denn alle anderen werden dich fallenlassen.

Athena nahm die Eclairs und Donuts vom Blech, während sie sich mit ihrer Schwester und den Kunden am Tresen unterhielt. Als das erledigt war, ließ sie den Blick durch den Laden schweifen, und Nico wappnete sich. Objektiv betrachtet hätte das Prickeln der Begierde, das ihn überkam und ihm eine Warnung sein sollen. Doch er ignorierte es, schob es auf die Aufregung, dass sein Plan endlich ins Rollen kam. Und nicht auf den Moment, in dem sie …

Ihre Blicke trafen sich. Sie riss die Augen auf.

Schock und Entsetzen blitzten darin auf – und Zorn.

Er lächelte.

Ohne den Blick abzuwenden, lehnte sie sich zu ihrer Schwester und flüsterte ihr etwas zu. Was immer es war, veranlasste Kira Evans dazu, den Kopf zu ihm herumzuwenden. Das Lächeln verging ihm nicht. Die Genugtuung brannte so hell in ihm, dass sie die Straßenlaternen in den Schatten stellte. Kira nickte, und Athena kam hinter dem Tresen hervor. Dieses Mal blieb sie nicht stehen, um mit Kunden zu plaudern. Nein, sie ging geradewegs auf ihn zu, und von dem herzlichen Strahlen war keine Spur zu sehen.

Als sie vor ihm stehen blieb, umgeben von einer Duftwolke aus Zucker, Butter und frischem Brot, mit einem kalten Funkeln in den Augen, hätte er am liebsten die Zähne in die Stelle zwischen ihrem Hals und ihrer Schulter vergraben … und einen Bissen von ihr gekostet.

„Was zum Teufel machst du hier?“ Bevor er reagieren konnte, schüttelte sie den Kopf. „Weißt du was? Spar dir die Antwort. Es interessiert mich nicht. Hau einfach ab.“

Er zog eine Braue hoch. „Das willst du nicht.“

„Oh, ganz sicher, genau das will ich.“

„Ich muss mit dir sprechen, Athena. Fünf Minuten. Was sind schon fünf Minuten?“ Er zögerte, als sie den Mund verzog, und spürte die Wut in seiner Brust. Doch er schob sie beiseite. Vielleicht hatte es ihm irgendwann mal etwas ausgemacht, dass sie ihn verlassen hatte. Heute aber nicht mehr. Dafür müsste sie ihm etwas bedeuten. „Vertrau mir. Du willst hören, was ich zu sagen habe.“

„Dir vertrauen.“ Sie verschränkte die Arme. „Das musst gerade du sagen“, murmelte sie.

„Wer im Glashaus sitzt …“ Er schüttelte den Kopf. „Hör mal, wir können uns hier gegenseitig mit Komplimenten überhäufen, oder du kommst kurz mit raus und hörst dir an, was ich zu sagen habe. Danach kannst du wieder hinten in der Küche deine Schmutzarbeit erledigen.“

Er grinste, auch wenn das gemein gewesen war. Als sie zusammen waren, hatte Athena sich gern als das Aschenputtel ihrer Familie gesehen. Darauf spielte er an.

„Immer noch derselbe Idiot wie früher.“

Sie erwiderte sein Grinsen. Es war etwas völlig anderes als das Strahlen, das sie ihrer Schwester geschenkt hatte. Hätte er nicht gewusst, dass es ihre Laune nur noch verschlechterte, hätte er laut gelacht. Früher hatte sie auch ihn voller Liebe angelächelt. Diese Grimasse jetzt war nichts als ein Zähnefletschen. Gut. Für das, was er von ihr wollte, musste sie ihn nicht mögen. Feindseligkeit war ihm sogar lieber. Dann wusste er wenigstens, wo sie standen.

Dann waren sie wenigstens ehrlich zueinander.

„Und du lebst immer noch das Märtyrerleben voll blinder Hingabe“, gab er mit nur einem Hauch von Schärfe zurück. Immerhin war es genau dieser Hang zur Aufopferung, der im zugutekommen würde. Wenigstens einmal. Seufzend sah er auf seine Uhr. „Fünf Minuten, dann bin ich wieder weg. Und, Athena …“ Er lehnte sich vor, sodass ihre Gesichter ganz dicht beieinander waren. So dicht, dass er die goldenen Sprenkel in ihren braunen Augen erkennen konnte. „… du wirst mich nicht gehen lassen wollen.“

Wieder flammte Zorn in ihrem Blick auf, aber da war auch ein Anflug von Unsicherheit. Vermutlich, weil er in den anderthalb Jahren, die sie zusammen gewesen waren, niemals übertrieben oder ihr gedroht hatte. Das hatte er nicht nötig.

Nein, wenn er etwas versprach, dann hielt er das auch.

„Fünf Minuten.“ Mit dem Kinn deutete sie auf den hinteren Ladenbereich. „Aber in meinem Büro, nicht draußen.“

Ohne ihm eine Chance auf Widerspruch zu geben, drehte sie sich um und eilte los. Ganz gemächlich folgte er ihr, während er die neugierigen Blicke aller Anwesenden auf sich zu spürte. Doch seine Aufmerksamkeit galt Athena. Den dunkelbraunen Locken, die ihr über die Schultern fielen. Dem schmalen Rücken, der in wohlgeformte Hüften überging, und diesem anbetungswürdigen Hintern.

Schnell riss er den Blick los. Sie und ihr Hintern hatten keinen Einfluss mehr auf ihn. Klar, Athena war eine wahnsinnig tolle Frau, das konnte er nicht leugnen, aber er hatte sich von ihr schon einmal an der Nase herumführen lassen. Das würde nicht wieder passieren.

Athena stürmte in die Küche und wandte sich nach links zu einem hell erleuchteten Flur. Gerahmte Fotos hingen an den Wänden, genau wie vorne im Laden. Schwarz-Weiß-Bilder von der Eröffnung der Bäckerei in den Sechzigern, aber auch neuere Farbfotos, auf denen alle über die Jahre hinweg zu sehen waren. Es war deutlich zu erkennen, wie stolz sie auf den Erfolg des Familienunternehmens waren.

Aus unzähligen Gesprächen mit Athena wusste Nico, dass sie diese Erfolgsgeschichte um jeden Preis fortführen wollte.

Vor einer verschlossenen Tür blieb sie stehen, zog einen Schlüssel aus der Tasche, schloss das Büro auf und trat ein. Sie ließ die Tür in stiller Einladung einen Spaltbreit für ihn offen stehen. Er folgte ihr in den kleinen Raum, der unverkennbar nach ihr roch und von ihr eingerichtet worden war. Auf der Fensterbank standen Blumentöpfe, auf dem Schreibtisch noch mehr Familienfotos, Kochbücher und Blechkästen, die ihm vertraut waren, weil sie früher in seinen Regalen gestanden hatten.

Um nicht auf dem Klappstuhl vor ihrem Tisch sitzen zu müssen, verschränkte er die Arme, blieb stehen und erwiderte ihren durchdringenden Blick. Auch sie blieb hinter ihrem Schreibtisch stehen.

„Du bist sicher nicht den ganzen Weg nach Brighton gekommen, um mich anzustarren. Das hättest du schon in den letzten drei Jahren machen können. Also, was für eine mysteriöse Sache willst du besprechen?“ Ihre Stimme hatte einen sarkastischen Unterton.

„Barron ist gestorben.“

Ihr Schreckenslaut hallte in dem kleinen Raum. Eine Sekunde lang huschte Mitgefühl über ihr Gesicht und vertrieb die Eiseskälte aus ihrem Blick. Sofort erwachte wieder seine Wut. Er brauchte ihr Mitleid nicht. Und er wollte es nicht.

Und Barron verdiente es ganz sicher nicht.

„Das tut mir leid, Nico“, flüsterte sie.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und es kostete ihn alle Mühe zu verbergen, was sein Name auf ihren Lippen in ihm auslöste. Diese Lippen hätten genauso gut seinen Ständer umschließen können, so sexy hatte es geklungen.

„Mir nicht“, sagte er schroff.

Sie starrte ihn an, und er hielt ihrem Blick stand.

„Wann?“

„Vor knapp neun Monaten.“

„Wirklich?“ Sie runzelte die Stirn. „Das habe ich gar nicht mitbekommen. Nicht, dass ich die Wirtschaftsnachrichten verfolge … Aber das ist trotzdem eine große Sache. Geht es dir gut?“

„Ob es mir gut geht?“ Er grinste. „Athena, mir geht es blendend. Der Mistkerl schmort in der Hölle. Es könnte kaum besser sein.“

Es hätte Barron Farrells Tod noch süßer gemacht, wenn seine Mutter noch am Leben wäre, um ihn mitzuerleben.

Nach all den Jahren des Leids, durch das er Rhoda Morgan geschickt hatte, nachdem er sie mit einem Säugling allein zurückgelassen hatte, hätte sie es verdient, auf seinem Grab zu tanzen. Er hätte es ihr gegönnt.

„Bist du deshalb hier?“, fragte Athena verwirrt. „Um mir zu erzählen, dass Barron gestorben ist? Ich will zwar nicht unsensibel sein …“

Nico machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich laufe nicht rum und erzähle allen von Barrons Tod. Auch wenn ich es sehr genieße, dass er endlich bekommen hat, was er verdient, bin ich trotzdem wütend.“

„Das verstehe ich.“ Sie nickte und klang jetzt wieder einfühlsam. „Deine Gefühle für ihn waren sicher … kompliziert. Es gibt bestimmt viele Sachen, die du ihm gerne noch gesagt hättest, bevor er …“

Nicos unwirsches Lachen ließ sie verstummen. „Kompliziert? Meine Gefühle für Barron Farrell hätten einfacher nicht sein können. Da ist nur Hass. Pure Verachtung. Aber du hast in einem Punkt recht. Ich hätte ihm vor seinem Tod gerne noch einiges gesagt. Zum Beispiel, was für ein herzloser Mistkerl er war. Oder dass er es nicht verdiente, als ‚Mann‘ bezeichnet zu werden, geschweige denn als ‚Vater‘. Und dass er irgendwann schon merken würde, wie es sich anfühlt, wenn einem alles im Leben genommen wird, das man liebt. Dass ich da sein und zusehen würde, wie die Welt um ihn herum zerbricht.“

„Aber er hat dir die Chance dazu genommen. Weil er gestorben ist.“

Glühender Zorn klang aus Nicos Stimme. „Genau“, zischte er. „Er hat mir die Chance genommen, ihn für jede Träne büßen zu lassen, die meine Mutter vergossen hat. Für jeden Cent, den sie umdrehen musste, jedes graue Haar, das er ihr beschert hat.“

Verdammt.

Das lief nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Hastig vergrub er die Hände in den Hosentaschen und machte ein paar Schritte, damit etwas von der Anspannung von ihm abfiel. Vor einem grauen Aktenschrank mit einer überhängenden Topfpflanze darauf blieb er stehen. Auch hier stand ein Bilderrahmen. Das Foto zeigte Athena zusammen mit Glory vor der Bäckerei.

Familie.

Athena klammerte sich an sie wie an eine Boje auf stürmischer See.

Seit seine Mutter gestorben war, hatte er diesen Halt nicht mehr.

Über ein Jahr war sie jetzt schon tot, und er vermisste sie so sehr. In den Momenten, in denen es am schlimmsten war – sonntags morgens, wenn er sie nicht mehr zum Frühstück in ihrer Wohnung besuchen konnte –, redete er sich ein, dass er ohne Bindungen besser dran war. So musste er immerhin nicht fürchten, jemand könnte sie kappen. Sich nicht auf Menschen verlassen, die irgendwann ohne Vorwarnung aus seinem Leben verschwanden.

Niemand konnte sterben und ihn mit seinem Schmerz zurücklassen.

Niemand konnte diese Bindungen nutzen, um ihn in eine Falle zu locken.

So, wie er es mit Athena vorhatte.

Schuldgefühle machten sich bemerkbar, doch er ignorierte sie. Dafür war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Nicht, wenn es um Athena ging. Oder um Barron. Keiner von beiden hatte zu ihm zurückgesehen. Für keinen von beiden war er gut genug gewesen. Also nein, er empfand keine Schuldgefühle oder Scham wegen seines Vorhabens.

Das hier tat er nur für sich selbst.

Und für seine Mutter.

„Er ist weg, Nico. Du kannst dich nicht an einem toten Mann rächen“, sagte Athena beschwichtigend. Ihr Tonfall erinnerte ihn an die Zeit, in der er ihr Seiten von sich gezeigt hatte, die sonst nur seine Mutter zu Gesicht bekommen hatte. An die Zeit, in der er an sie … geglaubt hatte. An sie als Paar.

„Und genau da liegst du falsch.“

Er drehte sich von dem Foto weg und wieder zu ihr um. Vielleicht nahm sie etwas in seiner Stimme oder seiner Körperhaltung wahr. Oder sie kannte ihn auch nach drei Jahren immer noch sehr gut. Jedenfalls spannte sie die Schultern an, und auf ihrer Miene erschien ein nervöser Ausdruck.

„Wie meinst du das?“

„Er mag zwar tot sein, aber sein Vermächtnis ist sehr lebendig. Farrell International floriert unter der Leitung seiner Söhne. Da ich an ihn nicht mehr rankomme, widme ich mich der einzigen Sache, die ihm etwas bedeutet hat – seinem Unternehmen.“

„Moment, was?“ Sie hob die Hände. „Söhne? Ich dachte, er hätte neben dir nur noch einen anderen Sohn.“

„Nein, offensichtlich war es Barrons Masche, Kinder zu zeugen und sie und ihre Mütter dann zu verlassen“, erklärte er. „Es stand in allen Zeitungen: Bei Barrons Testamentseröffnung hat Cain Farrell nicht nur erfahren, dass er noch zwei Brüder hat, sondern dass er auch das Erbe mit ihnen teilen muss. Farrell International. Barron hat festgelegt, dass sie zusammen das Unternehmen ein Jahr lang leiten müssen, ansonsten wird es verkauft. Natürlich haben sie sich darauf eingelassen, und die letzten neun Monate sind ziemlich gut gelaufen. Vielleicht sogar besser als unter Barrons Führung.“

Athena schüttelte verständnislos den Kopf und hielt einen Finger in die Luft. „Warte mal kurz. Du hast gesagt, Cain Farrell hat von zwei Brüdern erfahren. Das kann doch nicht sein. Oder bist du einer davon?“ Sie verzog das Gesicht. „Nein, das kann auch nicht stimmen“, beantwortete sie ihre eigene Frage. „Du arbeitest ja nicht für Farrell International.“

„Fast richtig. Barron hat die unehelichen Söhne im Testament begünstigt. Die Existenz des anderen Sohns hat er weiterhin verleugnet, wie auch schon die dreißig Jahre davor.“

Grimmig presste sie die vollen Lippen aufeinander, Ärger blitzte in ihren braunen Augen auf.

Fast zuckte er vor Überraschung zusammen. Sie war sauer, weil ihm Unrecht getan wurde. Ihn brachten wirklich nur wenig Dinge aus der Fassung, aber sie hatte es gerade geschafft.

„Ich weiß, man soll nicht schlecht über Tote sprechen, aber … Was. Für. Ein. Arsch.“

Nico spürte, wie seine Mundwinkel zuckten, doch er unterdrückte ein Lachen. Athena Evans liebenswert zu finden, war nur der Anfang einer holprigen Fahrt der Zerstörung. Doch er war auf sie angewiesen, weshalb er auf keinen Fall vergessen durfte, welchen Schaden sie anrichten konnte – angerichtet hatte. Selbst wenn sie sich auf seinen Vorschlag einließ – und er war sicher, dass sie das tun würde –, war er nicht so dumm, sie wieder an sich heranzulassen.

„Auch auf die Gefahr hin, gefühllos zu wirken … ich verstehe immer noch nicht, was das mit mir zu tun hat.“

Er sah sie einen Moment lang eindringlich an. „Du wirst mir helfen zu bekommen, was ich mir am meisten wünsche. Gerechtigkeit.“

Verwirrt blinzelte Athena. „Ich werde dir helfen?“, wiederholte sie langsam. „Das verstehe ich nicht.“

„Wie gesagt, ich werde Barrons Vermächtnis zerstören. Stück für Stück. Im Augenblick halten Cain und Achilles Farrell und Kenan Rhodes die Hauptanteile der Firma. Der Rest ist unter ein paar Gesellschaftern aufgeteilt. Das glauben sie zumindest. Seit Jahren kaufe ich schon Anteile, und inzwischen besitze ich fast genauso viele wie sie. In ein paar Wochen sogar mehr, und dann gehört mir die Mehrheit am Unternehmen.“

„Und dann?“ Sie studierte sein Gesicht, als könnte sie die Antwort darin ablesen.

„Dann werde ich mich verhalten wie Barrons Sohn.“ Jetzt hielt er sein Lächeln nicht mehr zurück.

Das konnte sie deuten, wie sie wollte.

„Hör doch auf mit diesen schwammigen Aussagen.“ Sie verschränkte die Arme. „Aber es spielt keine Rolle, weil ich nichts damit zu tun haben will. Was auch immer das ist.“

„Oh, du wirst nicht nur damit zu tun haben, du wirst meine Partnerin sein.“

Geschockt riss sie die Augen auf. Wie in Zeitlupe ließ sie die Arme sinken und starrte ihn an. Auf einmal surrte der kleine Raum vor Anspannung, Nico spürte das Kribbeln förmlich auf der Haut. Ihn überkam ein Hochgefühl, wie ein Rausch.

Wie hatte er nur vergessen können, dass Athena nie vor einer Auseinandersetzung mit ihm zurückschreckte? Wo andere ihm mit Respekt und sogar Angst begegneten, forderte sie ihn heraus. Mit Blicken, mit Worten … mit ihrem Körper. Nein, Athena ging niemals vor ihm in die Knie.

Es sei denn, sie wollte es.

„Und warum zum Teufel sollte ich das tun? Als ich das letzte Mal deine Partnerin war, war das alles andere als angenehm.“ Sie verzog den Mund. „Danke, ich verzichte. Aber hey, schön, dass du hier warst. Lass mich nicht wieder drei Jahre warten. Oder Moment, vielleicht doch.“

„Weißt du eigentlich, was dein Bruder vorhat?“ Nico lehnte sich vor und legte die Hände flach auf den Tisch. „Hast du eine Ahnung, was er hinter deinem Rücken macht, während du dich an diese Bäckerei kettest, dich kaputtarbeitest, um den Laden am Laufen zu halten und deine Angestellten zu bezahlen?“

Hätte er sie nicht so eindringlich angestarrt, wäre ihm vielleicht der Anflug von Sorge entgangen, der kurz in ihrem Blick aufflackerte. Doch er sah ihn.

Immer noch ganz die Familienbeschützerin.

Auf genau diese unerbittliche Loyalität setzte Nico.

Trotzdem entzündete sich ein Funken Zorn in seiner Brust. Denn eben dieses blinde Vertrauen in Menschen, die Athena zwar liebten, ihr aber nie die Wertschätzung entgegenbrachten, die sie für alle aufbrachte – genau das hatte sie und Nico zerstört. Und Athena hatte ihn verlassen, ohne zurückzublicken.

Dieses Mal hatte sie jedoch keine andere Wahl. Dafür hatte er gesorgt.

Er griff in sein Sakko und zog drei gefaltete Zettel aus der Innentasche. Ohne den Blickkontakt zu lösen, legte er sie auf den Tisch und schob sie ihr entgegen. Es vergingen ein paar endlose Sekunden, dann senkte Athena den Blick und starrte auf die Papiere, als hätte sie Angst, sie zu berühren.

Clever.

Sie kannte ihren Bruder Randall. Sie wusste, wozu er fähig war.

Nico fielen viele Bezeichnungen für sie ein, doch Feigling war nicht dabei. Das bestätigte sie aufs Neue, als sie die Zettel entschlossen in die Hand nahm und auseinanderfaltete. Sie fing an zu lesen. Mehr als die erste Seite würde sie nicht brauchen. Dort stand dick und fett „Schuldschein“. Es war auf den ersten Blick klar, worum es sich handelte.

Mit gestrafften Schultern wartete er, während sie die Unterlagen durchging. Er wusste genau, was sie sah. Einen Kredit über dreihunderttausend Dollar, den Randall aufgenommen hatte. Und die Bäckerei hatte er als Sicherheit eingesetzt. Wozu er als ältestes Kind auch das Recht hatte, denn nach Glorys Tod waren die Besitzrechte an ihn übergegangen.

Das stimmte nicht ganz.

Ältestes leibliches Kind.

Eigentlich war Athena die Älteste, aber sie war adoptiert. Und scheinbar nicht gut genug, um die kostbare Bäckerei zu erben.

Doch selbst diese Kränkung hatte Athena still hingenommen.

Die wütende Glut in seinem Inneren wuchs zu einem hellen Feuer heran.

„Das kann nicht …“, flüsterte sie.

„… wahr sein?“ Er zog eine Braue hoch. „Und warum nicht? Weil er dir sowas nicht antun würde, ohne es vorher abzusprechen? Weil er nicht deine Existenz belasten würde, obwohl du sowieso schon Schwierigkeiten hast, die Rechnungen zu bezahlen?“

Verletzt wandte sie den Kopf ab, und das war Antwort genug.

Als sie wieder auf die Zettel hinabschaute, ballte sie eine Hand zur Faust. „Hier steht, das Fälligkeitsdatum ist erst in zwei Jahren. Warum zeigst du mir das jetzt?“

„Es wäre in zwei Jahren, wenn dein Bruder die monatlichen Raten zahlen würde. Im Augenblick ist er aber sechs Monate im Verzug, und die Bank ist kurz davor, den Vertrag zu kündigen. Dann wäre die komplette Summe sofort fällig. Und falls – nein, wenn das passiert und dein Bruder nicht zahlen kann, geht die Bäckerei an die Bank.“

Athena schloss die Augen und stieß ein lautloses Fluchen aus. Ihre Hände fingen an zu zittern, sie warf die Zettel auf den Tisch. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und brachte Abstand zwischen sich und die Unterlagen, als fühlte sie sich von ihnen angegriffen – oder bedroht.

Ja, genau so sah es aus. Denn Nico hatte echte Angst in ihren Augen gesehen. Es kribbelte ihm in den Fingern … Was zu tun? Den Schuldschein in kleine Stücke zu reißen? Das würde nichts daran ändern, dass ihr Bruder sie und ihre Familie mit seinem egoistischen Verhalten in eine Sackgasse geritten hatte.

Sie an den Schultern zu packen und zu sich zu drehen? Sie in den Arm zu nehmen und zu halten?

Nein, dazu hatte er kein Recht mehr. Selbst wenn sie es zuließe, er würde es nicht riskieren. Sobald er ihre seidene Haut berührte, ihren köstlich warmen Duft einatmete, würde er sich womöglich wieder einreden, dass er ihr vertrauen konnte. Dass sie bei ihm bliebe.

Jeder Mensch in seinem Leben verließ ihn irgendwann.

Er hatte nur sich selbst.

Und die Gewissheit, dass Athena ihre undankbare Familie liebte.

Autor

Naima Simone
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