Süße Rache auf Griechisch

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Der Wunsch nach Rache brennt heiß im Herzen des griechischen Tycoons Antaeus Tsiartas! Er will die Menschen büßen lassen, die das Leben seines Vaters zerstört haben, allen voran Cassie Appleton, die Tochter seines größten Widersachers. Mit der feindlichen Übernahme ihrer New Yorker Agentur setzt er seinen Plan in Gang und lockt Cassie schließlich in seine abgelegene Villa in Griechenland. Doch die ebenso verführerische wie liebenswerte Schönheit weckt in ihm Bewunderung, Mitgefühl – und Verlangen! Droht sein Rachefeldzug zu scheitern?


  • Erscheinungstag 27.10.2026
  • Bandnummer 2776
  • ISBN / Artikelnummer 0800262776
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Louise Fuller

Süße Rache auf Griechisch

1. KAPITEL

Also stimmte es. Es war nicht nur ein Gerücht.

Cassandra Appleton konnte sehen, welche Wirkung ihre Worte auf die Menschen hatten, die um den Konferenztisch von Trojan Princess versammelt waren. Ja, sie konnte bestätigen, dass es sich um eine feindliche Übernahme handelte.

Das Atmen fiel ihr auf einmal schwer. Als ob das Wasser ihr über den Kopf stieg, begleitet von einem Gefühl der Panik. Ihr Blick wanderte automatisch zum Fenster, auf der Suche nach Licht und dem weiten Himmel. Aber das hier war New York, und vom Himmel sah man zwischen den Wolkenkratzern nur Ausschnitte.

Ihr Büro lag in der Madison Avenue. Die Aussicht auf die Skyline verriet sofort, wo man sich befand: im pochenden Herzen der Stadt.

Für Cassie gab es keinen vergleichbaren Ort auf der Welt. New York war voll von Potenzial und Energie. Voll von einem unersättlichen Hunger nach dem Leben. Zu Recht nannte man New York die Stadt, die nie schlief. Sie hatte auch noch andere Spitznamen, „Big Apple“ war wahrscheinlich der berühmteste. Als Cassie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte ihr der Vater immer wieder gesagt, die Appletons hießen so, weil sie die erste Familie in New York gewesen seien.

Wie so viele Dinge, die ihr Vater gesagt hatte, klang es sehr hübsch – und stimmte ganz und gar nicht.

Ihre Schultern versteiften sich. Henry war vor zwei Jahren gestorben, und immer noch waren sie und ihre Mutter im Netz der Lügen gefangen, die er gesponnen hatte, und trugen die Konsequenzen. Aber das hier war keine davon, oder?

Sie schaute aus dem Fenster auf die belebte Kreuzung an der Ecke, ohne sie wirklich zu sehen. Ihr Spiegelbild, das von der Scheibe zurückgeworfen wurde, kam ihr beinahe gespenstisch vor – blass und unwirklich.

„Es ist nicht das Ende“, sagte sie.

Die Worte überraschten auch sie selbst. Wie eine ertrinkende Schwimmerin hörte sie auf zu kämpfen und ließ die Panik über sich hinwegrollen – ein Trick, den sie seit ihrem vierzehnten Geburtstag perfektioniert hatte. An diesem Tag hatte sie gesehen, wie ihr Vater sich auf der Straße mit einem Kuss von einer jungen Frau verabschiedet hatte, hier in New York. Einer Geliebten, die deutlich jünger gewesen war als seine Frau. Selbst jetzt noch spürte Cassie ein Echo des Schmerzes und der Wut. Damals hatte es sich wie ein Erdbeben angefühlt, das die Gebäude ringsum krachend zum Einsturz hätte bringen sollen.

Aber hier auf der Upper East Side waren tektonische Verwerfungen nichts, worüber man offen sprach. Diskretion war in den Marmor und den typischen New Yorker Brownstone eingemeißelt. Die wahre Sünde war nicht die Verfehlung, sondern deren öffentliches Eingeständnis. Hier in Manhattan kehrte man die Dinge unter den Teppich. Man gab keine Schwäche preis, sondern bildete sich etwas darauf ein, schweigend zu leiden. Bloß keine Skandale. Die schmucke Fassade war es, die zählte. Sie diente nicht nur der Zurschaustellung von Reichtum und Status, sie war auch eine Festung.

Cassie war Henry Appletons Tochter. Niemand verstand sich besser darauf, den äußeren Anschein zu wahren. Es war wirklich kein Wunder, dass sie mit ihrer PR-Agentur Erfolg gehabt hatte. Ihre Kindheit und Jugend waren wie ein langjähriges Praktikum in dieser Branche gewesen.

„Es ist nicht das Ende“, wiederholte sie, diesmal eindringlicher.

Sie würde es nicht zulassen. Trojan Princess war mehr als ein Gelderwerb. Die Firma hatte ihr finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht und ihr die Chance gegeben, ihre Mutter zu beschützen. Sie hatte ihr auch erlaubt, das Gefühl der Beständigkeit und Sicherheit wiederzufinden, das Henry durch seine Lügen und seinen auf reinem Kalkül basierenden Umgang mit Menschen zerstört hatte. Und egal, was andere im Raum glauben mochten, sie würde ihr Unternehmen nicht einfach widerstandslos jemand anderem übergeben.

Schon gar nicht einem Mann wie Antaeus Tsiartas. Allein sein Name hatte die Wirkung eines Faustschlags in ihren Magen.

Bis heute Morgen hatte sie zwar gewusst, wer er war, aber keinen Grund gehabt, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Tsiartas hatte den Ruf eines brillanten und ehrgeizigen Pioniers der Krypto-Branche. Sein Unternehmen, Aion, war einer der Riesen am Markt. Nebenbei machte er Gewinn damit, in kleinere Start-ups zu investieren, die sein Interesse weckten.

Außerdem war er der Sohn von Andreas Tsiartas. Andreas kannte sie ebenfalls nicht persönlich, aber es bestand eine Verbindung zu ihm. Er war der ehemalige Geschäftspartner ihres Vaters, der eine langjährige Haftstrafe verbüßte – nicht zuletzt deshalb, weil Henry vor Gericht gegen ihn ausgesagt hatte. Cassie war damals noch ein kleines Kind gewesen. Aber auch später hatte sie nie das Bedürfnis gehabt, mehr über den Prozess von damals zu erfahren. Für sie war die Gegenwart schon kompliziert genug. Sie wusste nur, dass zahlreiche Investoren dabei hohe Verluste gemacht hatten. Riesige Anlegersummen waren in Hedgefonds abgezweigt und für persönliche Zwecke verwendet worden.

Was sie selbst anging, war das alles lange her. Andreas war ein Phantom. Sein Sohn allerdings war eine akute, ernsthafte Bedrohung.

Nein! Cassie richtete sich gerade auf. Sie hatte immer noch ein Wörtchen mitzureden bei der Sache. Es war ihr Unternehmen. Sie hatte gelernt zu schwimmen. Sie konnte sich über Wasser halten. So einfach würde sie nicht untergehen!

Sie wandte sich an ihre Mitarbeiter und Anteilseigner. „Was auch immer Sie sich von diesem Meeting erwartet oder erhofft haben, das hier ist nicht das Ende. Und ich möchte, dass Sie alle diesen Gedanken mitnehmen.“

Sie hatte die Vorstandssitzung heute Morgen einberufen, beinahe drei Wochen, nachdem der erste Abteilungsleiter ein überraschendes Übernahmeangebot von Antaeus’ Anwälten bekommen hatte. Nicht, dass er ihr davon erzählt hatte. Inzwischen wusste sie allerdings, dass auch andere leitende Angestellte und Anteilseigner Post erhalten hatten, darunter Freunde ihrer Eltern, die zu Beginn als Gefälligkeit in ihr Unternehmen investiert hatten.

Unglücklicherweise war Tsiartas’ Angebot so hoch, dass viele von ihnen versucht sein würden, es anzunehmen. Und auch ohne ihm persönlich begegnet zu sein, wusste Cassandra, dass Antaeus Tsiartas überzeugende Argumente vorbringen würde.

Aus diesem Grund waren sie alle heute hier.

Abrupt hatte sie das Gefühl, als verfolge sie ein unsichtbarer Jäger. Sie erschauerte. Auf keinen Fall durfte sie sich anmerken lassen, was sie fühlte. Die Menschen im Raum waren keine Unbekannten. Aber zum ersten Mal seit ihrer Firmengründung fühlte sie sich unter ihnen wie eine Fremde.

Eva Garcia, eine ihrer leitenden Angestellten, runzelte die Stirn. „Ich begreife nicht, wieso das passiert. Wir hatten gerade ein sehr erfolgreiches Quartal.“

Das Murmeln ringsum gab ihr recht. Die Bürde auf Cassies Schultern fühlte sich mit einem Mal schwer an. Links von ihr saß einer ihrer ursprünglichen Investoren, ein Freund ihres Vaters, der ihren Blick schon die ganze Zeit mied. Sein Gesicht war leicht gerötet.

Bei seinem Anblick empfand sie eine jähe Unsicherheit. War er einer der Verräter? Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um Anklagen in den Raum zu stellen. Sie war hier, um zu beschwichtigen und Zuversicht zu geben.

„Ich verstehe Ihre Sorge. Aber wir werden dagegen kämpfen. Ich werde dagegen kämpfen.“

„Aber gegen wen denn eigentlich?“ Die Stimme gehörte Jenny, die noch nicht lange bei ihnen war. Sie hatte erst kürzlich ein Apartment in Brooklyn gemietet. Zweifellos hatte sie Angst, ihren Job zu verlieren und die Miete nicht zahlen zu können, und wahrscheinlich ging es vielen anderen ähnlich. Die Fragen kamen jetzt, als wäre ein Damm gebrochen.

„Warum sollte jemand ein kleines Unternehmen wie unseres unbedingt übernehmen wollen?“

„Was wollen diese Leute?“

„Behalten wir unsere Jobs?“

„Wer steckt dahinter?“

Einige kannten die Antwort bereits. Andere nicht, weil man ihnen noch kein Angebot gemacht hatte. Bis heute Morgen hatte Cassie es auch nicht gewusst.

Sie hasste so etwas. Die Hinterlist. Die Intrigen. Das Gefühl der Machtlosigkeit. Es erinnerte sie daran, wie Henry sein Leben gelebt hatte – und wie sie und ihre Mutter ihr Leben hatten leben müssen.

Jetzt hatte Henrys Vergangenheit einen weiteren charismatischen, gutaussehenden Mann auf den Plan gebracht, den nur der eigene Vorteil interessierte. Einen Mann, der alles bedrohte, was sie erreicht hatte.

Marcus Watt, ihr kreativer Direktor, räusperte sich leise. „Sie müssen ihnen sagen, wem wir uns gegenübersehen“, murmelte er ihr zu.

Er hatte recht. Aber wenn sie Antaeus’ Namen laut aussprach, wurde die Bedrohung real. Cassie hatte es selbst erst vor ein paar Stunden herausgefunden und den Schock noch nicht überwunden. Dass ein Mann, der über so viel Macht und Geld verfügte wie Tsiartas, ihr Unternehmen unter Beschuss nahm, war schlimm genug. Aber dass gerade er es war, der Sohn des Mannes, den ihr Vater ins Gefängnis gebracht hatte …

Ging es für Antaeus nur ums Geschäft? War es eine neutrale, rein pragmatische Entscheidung, ihre Agentur zu übernehmen? Wenn er versuchte, sein Portfolio zu erweitern, mochte das durchaus Sinn ergeben.

Oder war es mehr als das? War es ein kalter, kalkulierter Racheakt?

Das klang lächerlich. Wie die Handlung eines mittelmäßigen Films, den man sich nur aus Langeweile anschaute, während man die Grippe auskurierte. Aber Cassie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass es persönlich war. Dass Antaeus bewusst ihr Unternehmen ausgesucht hatte.

Aber was für ein Mann würde auf so bizarre Weise Rache nehmen? Das wäre doch verrückt. Cassie bemühte sich, die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Als sie sich Jenny zuwandte, ruhten alle Blicke auf ihr.

„Ich verstehe sehr gut, dass Sie wissen möchten, mit wem wir es zu tun haben. Der Elefant, der im Raum steht, ist Antaeus Tsiartas.“

„Einen Elefanten hat man mich bisher noch nie genannt.“

Als wären sie Antilopen, die sich um eine Wasserstelle versammelt hatten und die Gegenwart eines Raubtiers spürten, erstarrten alle Anwesenden augenblicklich.

Es war mucksmäuschenstill.

Einen Moment lang war Cassie verwirrt. Dann sah sie ihn.

Die Zeit blieb einen Moment lang stehen.

Er lehnte an der gegenüberliegenden Wand des Konferenzraums, neben der Tür. Es war, als ob ihn eine Dunkelheit umgab, aus der allein sein Gesicht deutlich hervortrat.

Und was für ein Gesicht das war! Normalerweise sahen Menschen auf vorteilhaften Fotos deutlich besser aus als in Wirklichkeit. Wie viele Fans reagierten enttäuscht, wenn sie Prominente in Person sahen? Aber Antaeus Tsiartas war keine Enttäuschung. Fotos wurden ihm nicht gerecht.

Dunkelblaue Augen in der Farbe des tiefsten Ozeans. Markante Züge, die sein griechisches Erbe verrieten, als wären seine Ahnen Könige und Krieger der klassischen Sagen – streng, unnachgiebig und herrschaftlich. Nur sein Mund sprach eine andere Sprache. Er war voll und sinnlich, die reine Versuchung, und ließ Cassie sich unwillkürlich fragen, wie es wäre, Antaeus zu küssen.

Er war unfassbar schön. Aber es war nicht seine Schönheit, die sie reglos verharren ließ, sondern der Ausdruck in seinem Gesicht. Ihr war beinahe schwindlig.

Und sie kam sich in diesem Moment unglaublich dumm vor.

Sie hatte seine Gegenwart gespürt. Seinen Blick. Aber sie war so wütend auf all die Leute hier im Raum gewesen, die vorhatten, ihre Anteile zu verkaufen, dass sie ihn nicht gesehen hatte. Nicht, dass es jetzt eine Rolle spielte. Antaeus Tsiartas war hier, in ihrem Konferenzraum, den Blick mit der gnadenlosen Intensität eines Raubtiers auf ihr Gesicht gerichtet. Langsam und lässig richtete er sich jetzt zu seiner vollen Größe auf, wie eine Raubkatze, die sich gemächlich streckte. Dann ging er am Tisch vorbei auf sie zu, die reine Verkörperung von Macht und Killerinstinkt.

Erst, als er vor ihr stehen blieb, bemerkte Cassie, dass sie unwillkürlich ihr Gewicht verlagert hatte und wie ein Läufer vor dem Sprint auf den Ballen stand. Aber sie würde vor diesem Mann nicht davonlaufen. Und ihm auch nicht einfach das Unternehmen überlassen, das sie so mühsam aufgebaut hatte. Ganz im Gegenteil, sie würde bis zum bitteren Ende dagegen kämpfen. Und dieses Ende würde bitter werden, denn jetzt wusste sie, dass es ihm nicht ums Geschäft ging. Eindeutig war es persönlich. Sechs Schritte, und die Vergangenheit war nicht länger nur Erinnerung, sondern ein Motiv für Rache.

Dieser Mann hatte definitiv die Mittel, sie zu ruinieren. Cassie atmete tief ein, hob das Kinn und begegnete seinem Blick, während er den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog, bei dem es sie kalt überlief.

„Antaeus Tsiartas“, sagte er glatt. „Wir sind uns noch nicht begegnet, soweit ich weiß.“ Bewusst langsam reichte er ihr die Hand.

Es wäre kindisch gewesen, sie nicht zu nehmen. Und eine Demütigung, es zu tun.

Die guten Manieren gewannen. Aber Cassie erzitterte unwillkürlich, als sich ihre Handflächen berührten. Seine Hand war sehr warm. Instinktiv atmete sie scharf ein, und dank des Mikrofons, das sie trug, hörte man den Laut im ganzen Raum.

„Mr. Tsiartas. Ich würde gern sagen, dass es mir ein Vergnügen ist, aber ich fürchte, mir wurde beigebracht, nicht zu lügen.“

Ihre Blicke trafen sich. In Antaeus’ blauen Augen sah sie etwas, das jede Nervenfaser ihres Körpers in Anspannung versetzte. Als er ihre Hand losließ, ballte sie sie zur Faust, aber das reichte nicht, es war ein Gefühl, als hätte sie sich verbrannt. Am liebsten hätte sie sie unter Wasser gekühlt.

Antaeus Tsiartas beobachtete sie, suchte nach Schwächen, die er ausnutzen konnte. So etwas taten Menschen wie er immer, um dann unvermittelt zum Sprung anzusetzen.

„Von wem, frage ich mich?“ Seine Stimme klang seidig, mit einem Unterton von Stahl. „Egal“, sagte er dann. „Aber begrüßt man so seine Gäste? Was würde Ihre Mutter dazu sagen?“

Dass er ihre Mutter erwähnte, verstärkte Cassies Ärger.

„Gäste werden gemeinhin eingeladen. Sie dagegen haben sich einfach Zutritt verschafft und überdies die letzten drei Wochen versucht, mit Ihrem Geld einen Keil zwischen diejenigen zu treiben, die Anteile an diesem Unternehmen halten.“

In dem Schweigen, das darauf folgte, überlief es sie kalt. Die Gesichter ringsum waren erstarrt, die Panik greifbar.

Warum hatte sie Angst vor ihm? Das Schlimmste war schon geschehen. Einen Moment lang dachte sie darüber nach, ihm das zu sagen. Aber es wäre nicht klug, ihn zu tief in ihre Karten schauen zu lassen.

Antaeus hielt ihrem Blick stand und zuckte dann beinahe unmerklich mit den Schultern. Es rief in ihr den Drang wach, ihm sein makelloses Gesicht zu zerkratzen.

„Ich war eingeladen“, sagte er gelassen. „Nicht von Ihnen, aber von anderen hier. Und bisher habe ich lediglich die Fühler ausgestreckt. Ihre Investoren hätten auch anders reagieren können. Dass sie mein Angebot nicht zurückgewiesen haben, deutet auf Zweifel an Ihrer Führungskompetenz hin.“

„Ich habe das Unternehmen vor vier Jahren gegründet“, sagte Cassie, während ihr Herz laut wie eine Trommel schlug. „Seitdem haben wir fünf Auszeichnungen der Branche gewonnen – für die beste Kampagne, die beste Verwendung geschützter Inhalte, die beste Kampagne mit einem Prominenten …“

„Und dennoch haben Sie gerade erst einen großen Kunden verloren“, sagte er und drehte sich zu den Leuten um, die am Tisch saßen.

Manche von ihnen lächelten nervös. In diesem Moment hasste Cassie sie beinahe für ihre Charakterschwäche und Habgier. Sie hatten den festen Boden unter ihren Füßen in eine eisglatte Rutschbahn verwandelt, sodass sie nicht mehr wusste, wem sie vertrauen konnte.

Sie sah Antaeus fest in die Augen. „Wir haben den Kunden nicht verloren. Wir haben unser Angebot zurückgezogen, weil Fragen zur Inklusivität bestanden, die der Auftraggeber nicht beantworten wollte. Wenn das die Grundlage für Ihren Versuch einer Übernahme ist, schlage ich vor, Sie recherchieren beim nächsten Mal etwas gründlicher. Glauben Sie nicht alles, was Sie in der Zeitung lesen.“

Antaeus schaute sie an. Das Schweigen dehnte sich aus. Er war gut darin, Stille als Waffe zu benutzen, aber Cassie konnte jetzt schon sehen, dass in seinen Händen fast alles zur Waffe werden konnte.

„Ich habe mir heute die Zeit genommen, herzukommen, weil ich meine geschäftlichen Verpflichtungen sehr ernst nehme“, sagte er kühl. „Als Geschäftsmann mit vielen Jahren Erfahrung und Marktdominanz in einer bedeutenden globalen Branche werde ich Ihnen die erste Regel des Business anvertrauen.“

„Ich kenne diese Regel, Mr. Tsiartas. Der Kunde hat immer recht.“

„Korrekt. Ihre wichtigsten Kunden sind Ihre Anteilseigner. Ihre Investitionen ermöglichen Leistung. Das Geld ist keine Spende für die gute Sache. Investoren möchten Gewinne.“

Er hielt ihren Blick fest, so lange, dass Cassie schon dachte, sie könnte nie wieder normal atmen. Seit sie mitbekommen hatte, dass etwas im Busch war, stand sie unter Strom. Aber jetzt, wo Antaeus vor ihr stand, war es noch viel schlimmer. Unter seinem durchbohrenden Blick fühlte sie sich nackt und verwundbar.

„Wir erwirtschaften Gewinne“, sagte sie.

Wieder herrschte Schweigen. Antaeus’ Blick wanderte abwärts, über ihren Hals. Einmal mehr beschlich Cassie das Gefühl, ein Raubtier vor sich zu sehen statt eines Mannes.

„Nicht genug. Meiner Ansicht nach leistet Ihr Unternehmen nicht, was es leisten könnte. Dafür kann es eine Reihe von Gründen geben. Aber die Verantwortung dafür, ein Schiff sicher an Untiefen und Eisbergen vorbei zu manövrieren, liegt auf der Brücke. In diesem Fall steht der Kapitän im Weg – das sind Sie. Sie sind das Problem. Ich dagegen werde dieses Unternehmen auf das nächste Level heben.“

Cassie war übel vor Entsetzen, aber sie ließ es sich nicht anmerken. „Das haben wir jetzt alle vernommen, Mr. Tsiartas.“ Sie wandte sich an die übrigen. „Ich denke, vorerst haben wir genug gehört. Vor allem haben wir weiterhin eine Agentur zu leiten. Vielen Dank an alle Anwesenden.“

Als wäre der Bann gebrochen, begann ein allgemeines Stühlerücken. Es hätte sie beruhigen sollen, immerhin hatte sie das letzte Wort behalten. Aber ihr fiel auf, dass viele Anwesende, bevor sie den Raum verließen, nachdenklich den Mann musterten, der neben ihr stand. Und Cassie konnte mit einem Blick in jedes Gesicht voraussagen, wer von ihnen Antaeus’ Angebot annehmen würde. Es waren all diejenigen, die ihr jetzt nicht ins Gesicht sahen.

Das Problem war, sie hatte seinem Gebot nichts entgegenzusetzen. Die Schulden ihres Vaters zu begleichen hatte jeden Cent ihres privaten Vermögens verschlungen. Sie schluckte und dachte einen Moment lang darüber nach, das prestigeträchtige Stadthaus ihrer Eltern zu verkaufen, was ihr neues, dringend benötigtes Kapital verschaffen würde. Aber dann hätte ihre Mom kein Heim mehr. Und allein der Stress würde ihren Gesundheitszustand massiv beeinträchtigen. Ihr Lupus würde wieder aufflammen …

Was ihr eigenes Apartment anging, würde ein Verkauf nicht annähernd genug Geld einbringen. Es musste etwas anderes geben, das sie tun konnte.

Leg den goldenen Fallschirm an und spring, mein Mädchen.

Henrys träge Stimme hallte in ihren Gedanken wider. Das war genau das, was er an ihrer Stelle tun würde. Mehrfach getan hatte. Wenn er in ein Unternehmen einstieg, fügte er in den Vertrag eine Klausel ein, die ihm eine großzügige Abfindung garantierte. Nur ihm selbst natürlich.

Aber Cassie war nicht ihr Vater. Henry hatte nur für den Moment gelebt, nicht für die Vergangenheit oder Zukunft, nur für die stets wandelbare Gegenwart. Auf diese Weise war es ihm möglich, sich jeder Situation anzupassen, aus allem seinen Vorteil zu ziehen, niemals Reue zu empfinden und aller Verantwortung aus dem Weg zu gehen.

So konnte und würde Cassie nicht handeln. Nicht, nachdem sie so oft die Konsequenzen an seiner Stelle hatte tragen müssen. Um mit ihrem Unternehmen Erfolg zu haben, hatte sie ihren Namen und ihre Verbindungen nutzen müssen, und das hatte sie nicht besonders gern getan. Aber die Alternative wäre gewesen, ihr Leben komplett umzukrempeln und der einzigen Welt, die sie je gekannt hatte, Lebewohl zu sagen.

Wenn es dabei nur um sie gegangen wäre, hätte sie es vielleicht getan. Aber ihre Mutter hatte schon so viel geopfert und so viel durchlitten. Cassie hatte sie nicht bitten können, auch noch den Rest aufzugeben. Stattdessen hatte sie sich an den besseren Eigenschaften ihres Vaters ein Beispiel genommen. Und damit Erfolg gehabt. Sie hatte ein Unternehmen aufgebaut, das die Rechnungen zahlte und Henrys Schulden abgetragen hatte.

Eines Tages würde sie frei sein. Und nach ihren eigenen Regeln leben können, die ihre Werte widerspiegelten. Allerdings nicht, wenn sie Antaeus einfach widerspruchslos ihre Agentur übernehmen ließ.

Ohne ihn zur Kenntnis zu nehmen, verließ sie den Konferenzraum und betrat ihr Büro. Sie stellte ihr Mikrofon aus.

„Wir müssen uns unterhalten.“

Sie wirbelte herum und sah sich erneut Antaeus Tsiartas gegenüber.

„Was denken Sie, was Sie tun?“, fauchte sie und versuchte, sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen.

„Das habe ich Ihnen gerade gesagt. Wir müssen uns unterhalten.“

„Ist alles okay?“

Antaeus wandte sich um. Daniel, Cassies Assistent, stand in ihrer Bürotür. Sein Gesicht war blass.

„Leider nein.“ Antaeus runzelte die Stirn. „Anscheinend gibt es ein Missverständnis. Ich habe einen Termin mit Ms. Appleton. Wenn Sie bitte dafür sorgen könnten, dass wir nicht durch Anrufe gestört werden?“

Cassie sah ungläubig zu, wie er Daniel die Tür vor der Nase schloss. Ihr Puls schnellte in die Höhe, als sie begriff, dass sie mit Antaeus Tsiartas ganz allein war. „Muss ich die Sicherheit rufen?“

Er wandte sich ihr zu. „Nein. Sie müssen sich hinsetzen und sich anhören, was ich zu sagen habe.“

„Sagen Sie mir nicht, was ich in meinem Büro zu tun oder zu lassen habe!“ Sie hob den Telefonhörer.

„Wirklich? Sie wollten mich rauswerfen lassen? Stellen Sie sich vor, jemand sieht das und macht ein Foto.“ Tadelnd schnalzte er mit der Zunge. „Sehen Sie, das ist der Grund, weshalb Sie in dieser Lage sind. Sie denken nicht daran, den Anschein zu wahren.“

Cassie biss sich auf die Lippen. So sehr sie den Umstand hasste: Antaeus hatte recht. Sie teilte sich dieses Gebäude – und die Lobby – mit drei anderen Firmen. Es brauchte nur einen einzigen neugierigen Besucher mit einem Smartphone. Antaeus Tsiartas’ Gesicht war weltbekannt. Es würde definitiv auffallen, wenn ihn der Sicherheitsdienst abführte.

Sie schluckte. „Ich gebe Ihnen zehn Minuten. Bestimmt ist das reichlich Zeit, insbesondere da Sie Ihre kleine Verkaufsansprache schon gehalten haben.“

Er schaute sie an. Irgendetwas flackerte in seinen Augen. Wie die Rückenflosse eines Hais, die durch das Wasser schnitt. „Ich bin nicht hier, um etwas zu verkaufen. Sondern um zu kaufen.“

„Dann hoffe ich, all Ihre geschäftliche Erfahrung hat Sie auch gelehrt, mit Enttäuschungen fertigzuwerden, denn hier steht nichts zum Verkauf.“ 

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