Verhängnisvoll vertrautes Verlangen

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Eine feindliche Übernahme! Warum ausgerechnet Ashleys kleines Start-up das Interesse des mächtigen Unternehmers Nico Galletti weckt, ist ihr ein Rätsel – ebenso wie seine skrupellose Entscheidung, sie und ihr gesamtes Team zu entlassen! Doch als Nico persönlich in ihrem Büro in Manhattan auftaucht, geschieht etwas Unerwartetes: Ashley spürt eine unerklärliche Vertrautheit. Nicos Ausstrahlung weckt ein gefährliches Verlangen in ihr – ausgerechnet nach dem Mann, der sie aus geheimnisvollen Gründen zu hassen scheint …


  • Erscheinungstag 23.06.2026
  • Bandnummer 2759
  • ISBN / Artikelnummer 0800260013
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Natalie Anderson

Pikante Begegnung mit dem Boss

1. KAPITEL

„Ich hätte nicht gedacht, dass Fans Zugang zu den Garagen haben.“ Massimo Hearnshawe drückte auf Pause und betrachtete das Standbild. Leider konnte er seinen wachsenden Ärger nicht genauso leicht stoppen.

Sein hervorragend bezahlter Renndirektor Andre beugte sich zu ihm, um zu sehen, was seine Aufmerksamkeit fesselte. „Oh, das ist kein Fan. Sie arbeitet für uns.“

„In welcher Funktion?“, fragte Massimo. Er war zu müde für unnötiges Drama, und das hier bedeutete eindeutig Drama.

Die Frau stand mit dem Rücken zur Kamera, also sah Massimo nicht ihr Gesicht, wohl aber, wie Emiliano Costa sie anschaute.

Emiliano war nicht nur Massimos jüngerer Cousin, sondern auch sein talentiertester Rennfahrer, schnell wie der Blitz. Und er schenkte dieser unbekannten Frau ein Lächeln, bei dem jeder heterosexuellen Frau im Umkreis von hundertfünfzig Kilometern die Knie weich geworden wären. Das Leuchten in seinen Augen war nicht zu übersehen.

Als jüngster Fahrer, der je in das weltweit bedeutendste Autorennen P Global aufgestiegen war, stand der Junge schon mehr als genug unter Druck. Dazu kamen noch die zusätzlichen Erwartungen an ihn, weil er aus einer berühmten Rennfahrerfamilie stammte.

Er hatte seine P-Global-Lizenz an seinem achtzehnten Geburtstag im vergangenen Jahr erhalten. Kurz danach war er zum Aufsteiger des Jahres ernannt worden, obwohl er kaum an genug Rennen teilgenommen hatte, um sich zu qualifizieren. Dies war seine erste Saison, und eine Frau war genau die Ablenkung, die er nicht gebrauchen konnte.

„Sie gehört zu Conrads Mechanikerteam“, antwortete Andre.

Conrad war Hearnshawes anderer Fahrer – ein erfahrener Sieger in vielen Rennen. Er war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Massimo hatte ihn vor drei Jahren zu Hearnshawe geholt, um Emiliano zu trainieren und konstante Punkte in den Rennen zu holen, während der Hearnshawe-Rennwagen weiterentwickelt wurde.

Der Plan hatte funktioniert. Conrad stand durchweg auf den unteren Stufen der Siegertribüne, und Emiliano war am Nachmittag hier in Kanada Vierter geworden. Die beiden lagen dicht beieinander.

Es ist nicht genug, schnell zu sein, du musst Erster sein.

Das Echo der Erwartungen seiner Familie durchdrang seine Müdigkeit. Massimo hatte in den letzten drei Tagen bis in die Morgenstunden an mehreren Deals für die Firma gearbeitet. Gerade hatte er einen Vertrag abgeschlossen, als plötzlich das Video auf seinem Monitor aufgepoppt war.

Er schaute noch konzentrierter auf den Bildschirm. Das Haar der Mechanikerin steckte unter einer waldgrünen Hearnshawe-Racing-Cap und ließ ihren langen Hals und die schmalen Schultern frei. Ihre Eleganz passte nicht zu dem weiten Team-Polohemd.

„Warum redet Emiliano dann mit ihr?“

Conrad und Emiliano besaßen jeweils ihre eigene Box. Dieser Bereich an einer Rennstrecke diente als fester Ort für alle Arbeiten an ihrem Wagen, vom Feinjustieren der Technik bis hin zu schnellen Eingriffen während des Rennens. In jeder Box arbeitete ein Mechanikerteam, das den Wagen auch während des Rennens betreute.

Das gesamte Team reiste mit den Fahrern rund um die Welt. An jeder Rennstrecke nutzten sie eine neue Box, die vor Ort für sie vorbereitet war.

Die Boxen von Conrad und Emiliano lagen nebeneinander, sie fuhren für dasselbe Team, aber Emiliano hatte seine eigenen Mechaniker. Er brauchte niemanden von Conrads Leuten.

„Keine Ahnung, warum er mit ihr redet“, murmelte Andre.

Schlagartig gingen Massimos Warnlampen an.

Massimo war mehr als Emilianos Cousin und Boss. Seit fünf Jahren war er sein Vormund, und es gab nichts, was er nicht tun würde, um den Jungen zu schützen. Dieser Sport war eine Kombination von Spitzenathleten und hoch entwickelter Technik, eine verführerische Mischung, die die Mächtigsten der Welt anzog, berühmte Schauspieler, Mitglieder von Königshäusern, Superreiche. Und Möchtegerns. Überall lauerten Haie. Manchmal waren diese Haie klein und wunderschön. Ablenkungen und Fallen gab es an jeder Abzweigung neben der Rennstrecke.

Aber Massimo würde niemals zulassen, dass irgendetwas Emilianos Karriere gefährdete. Er wusste nur zu gut, wie schnell das passieren konnte. Eine einzige Ablenkung konnte alles zerstören. Sie hatte auch Massimos eigene Karriere als Rennfahrer zerstört.

Seine Unachtsamkeit hatte nicht nur seinen eigenen Unfall verursacht, er hatte damit seine Eltern getötet.

So etwas würde er bei seinem Cousin nicht zulassen. Er schaltete jede Ablenkung für Emiliano aus. Das hatte er schon einmal getan, und er würde es auch diesmal tun.

Mit dreiundzwanzig Rennen pro Saison waren die Konzentration und das Durchhaltevermögen, die ein Fahrer aufbringen musste, enorm. Die Belastung durch Reisen, körperliches Training und Wettkämpfe war außergewöhnlich hoch. Im Laufe der Jahre hatte Massimo Trainer, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Privatlehrer, Ärzte und Sportpsychologen für Emiliano engagiert.

Er hatte ein umfassendes Team geschaffen, damit der Junge die bestmögliche professionelle Unterstützung bekam. Doch selbst mit all diesen Maßnahmen, selbst mit Emilianos Ehrgeiz, der Beste aller Zeiten zu werden, war er auf eine ältere Frau hereingefallen. Sie hatte ihn manipuliert, bis Massimo es erkannt und eingegriffen hatte.

Er hatte jeden weiteren Kontakt zwischen ihr und Emiliano verhindert und seinen Cousin dazu gebracht, sich auf das zu konzentrieren, was er wirklich wollte. Emiliano beteuerte, das wäre seine Rennsportkarriere. Aber der Junge war inzwischen fast neunzehn und so stur wie talentiert – und es war ganz offensichtlich, warum er sich so lebhaft mit dieser Mechanikerin unterhielt. Sie war atemberaubend.

Er berührte den Bildschirm, und das kurze Video startete erneut auf der Social Media Plattform, die von Millionen genutzt wurde. Man konnte nicht hören, was die beiden sagten, aber Emiliano bekam sein Lächeln nicht unter Kontrolle, und seine geröteten Wangen waren unübersehbar.

Die Kommentare, die sich unter dem Video sammelten, verstärkten Massimos Sorge. Gerüchte und Spekulationen waren das Letzte, was sein Cousin gebrauchen konnte. Genauso wenig wie die Mechanikerin. Vielleicht brauchte auch sie Schutz.

Doch vor allem vertraute Massimo niemandem. Er ließ jeden gründlich überprüfen, der auch nur in Emilianos Nähe kam.

„Was wissen wir über sie?“ Er dehnte die Schultern, während er zusah, wie der Clip in einer Endlosschleife lief. Mit jeder Wiederholung wuchs seine Anspannung.

Andre scrollte auf seinem Tablet, bevor er antwortete. „Shane hat sie vor ein paar Monaten eingestellt. Dieses Wochenende war das erste Rennen, bei dem sie mitgereist ist.“

Massimo runzelte die Stirn. Shane war Hearnshawes leitender Mechaniker – ein bodenständiger Profi, der als bester Mann der gesamten Boxengasse galt und den andere Teams regelmäßig abzuwerben versuchten. Massimo würde niemals jemanden einstellen, der nicht außergewöhnlich gut in seinem Job war. Aber so sehr er Shane auch respektierte, musste er die Qualifikationen der Frau selbst sehen.

„Zeig mir ihre Unterlagen.“

In weniger als einer Minute hatte er den spärlichen Text überflogen.

Lily Jones war dreiundzwanzig. Sie besaß zwar nur eine Mechanikerausbildung, hatte sich aber mit ihrer beeindruckenden Junior-Kart-Erfahrung Schritt für Schritt in der Rennsport-Szene nach oben gearbeitet. Außerdem waren ihre Referenzen ausgezeichnet.

Leider beruhigte all das Massimo kein bisschen – im Gegenteil, es ließ ihn noch unruhiger werden. „Wo ist Shane jetzt?“

„Schon auf dem Heimweg.“

„Und sie ist mit ihm und dem restlichen Team unterwegs?“

Andre nahm das Tablet wieder zurück. Bei über hundert Mitarbeitern, die zu jedem Rennen mitreisten, war die Organisation ein enormer logistischer Aufwand, und er brauchte einen Moment, um durch die Tabelle zu scrollen. „Nein.“

„Nein? Wie reist sie dann?“ Massimo spürte das drängende Bedürfnis, auf der Stelle zu erfahren, wo Lily Jones sich in diesem Moment befand.

Sein Cousin hätte eigentlich mit seinem Trainer zu Abend essen und sich anschließend früh auf sein Hotelzimmer zurückziehen sollen – oder lief da etwas anderes?

„Äh ...“ Andre wischte weiter durch die Tabelle. „Sie fliegt mit dem Frachtflugzeug. Startet in einer Stunde.“

„Frachtflugzeug?“ Massimo blickte überrascht auf. Bei Rennen außerhalb Europas wurden Autos und Ausrüstung mit Charter-Frachtflugzeugen transportiert. „Warum?“

Andre zuckte mit den Schultern. „Kann ich nicht sagen, aber es steht hier.“ Massimo sah sich das Video noch einmal an und bemerkte den eleganten Schwung ihres Halses und ihr feingezeichnetes Kinn, als sie lachte. Einige dunkelblonde Strähnen hatten sich unter ihrer Kappe gelöst, und er fragte sich beiläufig, wie lang ihr Haar sein mochte.

Er sollte sich das nicht fragen. Aber genau wie Emiliano im Video konnte auch Massimo den Blick nicht von ihr losreißen. Seine Müdigkeit war schlagartig verschwunden.

Er war ein Mann für Details. Als Chef der Hearnshawe Car Group musste er das sein. Das Hauptgeschäft des Unternehmens war lange Zeit die Produktion hochwertiger Luxuswagen gewesen, doch vor zwanzig Jahren hatte ihre Beliebtheit abgenommen. Vor zehn Jahren hatte Massimo das Ruder in der Firma an sich gerissen und den Kurs geändert. Den Kurs gewählt, den sein Vater eingeschlagen hätte, wenn er noch leben würde.

Rennsport auf Topniveau war lange Zeit nur ein Nebenprojekt der Hearnshawe Car Group gewesen, doch Massimo hatte enorme Mittel investiert, um Hearnshawe Racing wiederzubeleben. Inzwischen brachte er durch Sponsoringdeals, Verkauf von Fanartikeln und weltweite Werbung Milliarden ein. Außerdem kamen die neuen Luxusprodukte immer besser an. Aber um das zu erreichen, hatte Massimo jede Minute seiner Zeit in den Konzern gesteckt.

In seinen Augen war Hearnshawes Wiederaufstieg erst dann vollständig, wenn sie beide P-Global-Trophäen hielten – schnellster Fahrer, schnellstes Auto. Das heutige Rennen war das fünfte der Saison gewesen. Sowohl Conrad als auch Emiliano hatten Punkte eingefahren und Hearnshawe Racing damit auf Platz drei katapultiert. Das war die beste Platzierung seit Jahren. Noch nicht der erste Platz, aber sie standen endlich kurz davor.

Massimos Zorn wuchs. Er würde nicht zulassen, dass irgendetwas den Kurs störte. Er würde Ehre, Triumph und Reputation des Unternehmens wiederherstellen, das war die einzige Aufgabe, für die er lebte. Er würde nicht zulassen, dass Emiliano alles durch eine Affäre mit einer Angestellten gefährdete.

Es war seine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sein Cousin fokussiert blieb, genau wie die Sicherheit seiner Angestellten. Darum musste er mehr über Lily Jones wissen – woher sie kam, was sie wirklich bei Hearnshawe suchte. Er würde sicherstellen, dass keiner von beiden ein Risiko für den anderen darstellte.

Abgesehen davon, selbst im Rennwagen zu sitzen, gab es bei Hearnshawe keinen Job, den Massimo nicht hätte selbst erledigen können. Am liebsten hätte er Shane zu Lily Jones befragt, aber der leitende Mechaniker war bereits in der Luft und nicht zu erreichen. Also blieb Massimo nur eine Möglichkeit. Er musste alles Wichtige über Lily Jones direkt von ihr selbst erfahren.

„Besorg mir einen Platz in dem Flugzeug“, murmelte er.

Andre starrte ihn an. „Wie bitte?“

„Besorg mir einen Platz in dem Frachtflugzeug. Sofort.“

Lily Jones stieg die steile Treppe zum Flugzeug hinauf, und mit jeder Stufe wuchs ihre Erleichterung. Bald konnte sie sitzen und schlafen. Sie hatte gerade die beste und gleichzeitig anstrengendste Woche ihres Lebens hinter sich.

Sie hatte ihr erstes Auswärtsrennen als Mechanikerin für Hearnshawes Nummer-eins-Fahrer Conrad Tate überstanden. Sicher, sie war noch nicht Teil der Boxencrew mit Helm, Schlagschrauber und blitzschnellen Pitstop-Einsätzen während der Rennen. Aber sie hatte an der Reifenaufbereitung gearbeitet und am Wagen geschraubt.

Feedback hatte sie kaum bekommen, doch sie brauchte keinen Zuspruch. Sie war ihr ganzes Leben lang ohne ausgekommen. Sie hatte ihr Bestes gegeben und wusste, dass sie gut war. Aber ihr Ziel war, noch besser zu werden. In die Boxencrew zu kommen. Das war die Chance ihres Lebens, und sie würde nichts tun, um sie zu gefährden. Volle Konzentration auf die Arbeit, keine Ablenkungen. Eine Woche war geschafft. Siebzehn lagen noch vor ihr.

Frachtflüge starteten in der Regel später als Passagiermaschinen und waren etwas langsamer, aber nach ihrer begrenzten Erfahrung machten Ruhe und Abgeschiedenheit das mehr als wett. Die fehlenden Fenster störten sie nicht, ebenso wenig die kaum vorhandenen Annehmlichkeiten. Kein Kabinenpersonal, keine Snacks, kein Unterhaltungsprogramm. Dafür gab es Abstand zu anderen.

Nach fast einer Woche voller quietschender Reifen, dröhnender Motoren und Zehntausenden schreiender Zuschauer war sie bereit für das einschläfernde Brummen der Triebwerke. Und doch zuckte ironischerweise ein Funken Einsamkeit auf. Sie hätte ihre Erlebnisse gern jemandem erzählt, dem sie etwas bedeuteten.

Ihre Familie kam dafür nicht infrage. Für sie war P Global kein „echter“ Motorsport, sondern ein Zirkus für verwöhnte, versnobte Playboys. Sie bevorzugten illegale Straßenrennen mit Autos, die sie selbst frisiert hatten.

Schon bevor sie Lily endgültig aus ihrem Leben gestoßen hatten, machten sie sich über ihren Wunsch lustig, im Spitzenmotorsport zu arbeiten. Weder an P Global noch an ihr hatten sie je echtes Interesse gehabt. Es sollte nicht mehr wehtun, aber sie war auch nur ein Mensch, und es tat weh.

Du bist nur müde.

Ihre Geschichten konnte sie morgen ihrem Mentor Derek und seiner Frau Jean erzählen. Der alte Mann hatte ihr nicht nur zu einer Ausbildungsstelle verholfen, er und seine Frau hatten ihr sogar ein Dach über dem Kopf gegeben, als ihre Familie sie rausgeworfen hatte.

Jetzt kehrte sie in den kleinen Wohnwagen auf Dereks Grundstück zurück. Ihre Wohngemeinschaft hatte sie aufgegeben, weil sie hoffte, in Zukunft viel mit P Global unterwegs zu sein. Nächste Woche stand ihre Leistungsbeurteilung bei dem Chefmechaniker Shane an. Dann würde sie erfahren, ob sie fest zur Auswärtscrew gehörte.

Im Flugzeug ging sie in den kleinen Bereich für Kurierpassagiere hinter Cockpit und Ruheraum der Crew. Dort gab es gerade einmal vier Sitze. Auf zweien davon waren Container verzurrt. Die Maschine musste bis zur maximalen Nutzlast beladen sein. Sie nahm den freien Platz ganz außen und ließ den neben sich frei.

Geplanter Start war in drei Minuten, und sie drückte die Daumen, dass niemand mehr an Bord kam. Dann konnte sie sich ausstrecken und die ganze Zeit schlafen.

Kurz darauf warf sie einen Blick auf ihr Handy. Noch eine Minute, und sie war immer noch allein. Perfekt. Weniger perfekt war das rote Blinken des Akkusymbols auf dem Bildschirm, aber sie wollte sowieso schlafen. Beim Geräusch von Schritten hob sie den Kopf und hoffte, es wären die Piloten. Waren sie nicht.

Wie sie trug der Mann eine Kappe, aber seine war nicht mit einem Rennteam-Logo bestickt. Sie war schlicht schwarz und so tief ins Gesicht gezogen, dass sie die Hälfte davon verdeckte.

Lily erkannte einen Bartschatten auf einem markanten Kinn, aber ehrlich gesagt reichte schon der Anblick seines Körpers. Lange Beine in schwarzen Jeans. Ein graues T-Shirt, das sich über breiten Schultern spannte. Ihre flüchtige Enttäuschung, auf dem Flug nicht allein zu sein, verwandelte sich sofort in einen Anflug von Interesse. Er war groß und trug eine teure Ledertasche, die nicht zu seiner lässigen Kleidung passte.

Vielleicht transportierte dieser Mann Unterlagen, die zu sensibel waren, um sie mit der Post zu schicken. Oder etwas so Wichtiges, dass es pünktlich und sicher befördert werden musste. Er sah jedenfalls so aus, als könnte er für Sicherheit sorgen. Lily mochte gute Actionfilme, und dieser Mann hatte absolut das Potenzial für die Hauptrolle. Schon auf den ersten Blick strahlte er mit seinem schlanken, offensichtlich trainierten Körper etwas Gefährliches aus, voller Kraft und Schnelligkeit. Sie sah keine Tattoos, glaubte aber eine Narbe an seinem Unterarm zu erkennen, bevor er sich dem Lademeister zuwandte, der hinter ihm eingetroffen war.

„Wir starten gleich.“ Der Lademeister riss sie aus ihren Gedanken. „Anschnallen und das Sicherheitsblatt lesen.“

Lily überflog das Dokument. Dabei versuchte sie, die Wärme in ihrem Inneren zu ignorieren, als der gut aussehende Kurier sich auf den Sitz neben ihr setzte und den Gurt schloss.

„Hier sind Decken. Die Kaffeemaschine steht da vorne.“ Der Lademeister drückte jedem von ihnen eine Decke in die Hand. „Tut mir leid ...“

„Danke, wir kommen klar“, unterbrach der Kurier.

Souverän und gelassen. Ganz klar Ex-Militär. War diese Strecke vermutlich schon tausend Mal geflogen.

Die Kabinenbeleuchtung wurde für den Start gedimmt, nur die LED der Kaffeemaschine warf ein schwaches blaues Licht. Zum Glück. Lily war sicher, dass ihre Reaktion auf ihn ihre Wangen glühen ließ. Die Triebwerke heulten auf, dann raste das Flugzeug über die Startbahn und stieg steil in die Luft. Als es in die Waagerechte ging, streifte Lily ihre Turnschuhe ab und legte sich die Decke über den Schoß. Sie würde ihre Atmung und ihre Reaktion auf ihn kontrollieren und endlich den dringend nötigen Schlaf bekommen.

„Deiner Kappe nach warst du am Wochenende beim Rennen“, sagte er.

Sofort schoss ihr wieder Glut in die Wangen, und sie war froh, dass die Kabinenbeleuchtung nicht wieder anging.

„Das ist mein Job“, antwortete sie. „Ich bin Mechanikerin bei Hearnshawe Racing.“ Es elektrisierte sie immer noch, das zu sagen.

„Du meinst mit Schraubenschlüssel und Stecknuss?“

Lily spürte die übliche Mischung aus Stolz und Trotz. Alle klangen immer überrascht. Es gefiel ihr, die Leute zu überraschen. Sie wollte sich von niemandem in eine Schublade stecken lassen. Vielleicht ähnelte sie darin ein wenig ihrer kriminellen Familie.

„Ist das so schwer zu glauben?“, murmelte sie.

„Nein, ich dachte nur, du wärst Kurier. Warum fliegst du Fracht? Gibt es bei P Global nicht nur Privatjets und Milliarden-Dollar-Jachten?“

„Und superschnelle Autos?“ Sie lächelte in die Dunkelheit.

Sie hatte angenommen, er wäre der starke, schweigsame Typ, aber offenbar wollte dieser unglaublich durchtrainierte Mann mit der tiefen, rauen Stimme sich mit ihr unterhalten. Allein der Klang seiner Stimme vertrieb ihre Kälte und Müdigkeit.

„Nicht für die normalen Angestellten“, sagte sie.

Manchmal charterten die Teams Passagierflugzeuge, um die Crew zu weiter entfernten Rennen wie Sydney oder Singapur zu bringen, aber meistens flogen sie ganz normal mit Linienmaschinen. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass sie so viele unglaubliche Länder sehen sollte. Ohne diesen Job hätte sie nie die Chance dazu bekommen.

„Man behandelt euch nicht gut?“, fragte ihr heißer Ex-Militär-Kurier.

Der glamouröse Teil von P Global lag so weit außerhalb von Lilys Welt, dass es fast lächerlich war. Von den absurd gut aussehenden Fahrern und ihren Model-Freundinnen über Musiker bis hin zu den Prominenten und Politikern, die die Boxen und Siegerehrungen besuchten ... das war eine Welt, die mit ihrer kaum etwas gemeinsam hatte.

Doch dahinter steckte harte Arbeit. Alle im Team kämpften um den Erfolg. Oft lagen nur Sekundenbruchteile zwischen den Topteams. Hundertstel, Tausendstel von Sekunden konnten den Unterschied zwischen Champagner oder null Punkten ausmachen. Und Punkte bedeuteten Geld, Entwicklung, Geschwindigkeit.

Sie liebte die harte Arbeit und diese Lebensform. Das Reisen, das Zirkusgefühl, die Aussicht, fast die Hälfte des Jahres unterwegs zu sein – das alles passte perfekt zu ihr.

„Ich werde sogar unglaublich gut behandelt“, sagte sie. „Die Arbeitstage sind lang, aber ich habe die Chance, am schnellsten Auto der Welt zu arbeiten. P Global ist die Krönung jeder Mechanikerlaufbahn.“

Sie spürte, dass er nickte.

„Aber du fliegst nicht zusammen mit dem Team?“

„Diesmal nicht.“ Sie hatte ihren Flug selbst organisiert und nur dem Teamdirektor die Details mitteilen müssen. Ihr gefielen die Dunkelheit, die Ruhe und dass man nicht mit ein paar Hundert anderen Leuten eingepfercht war. „Ich schätze, du interessierst dich nicht für Motorsport?“

„Na ja, das ist, wenn man schnell im Kreis fährt, oder?“, scherzte er. „Reiche Kerle mit ihren protzigen Spielzeugen, die sie nicht mal auf der Straße fahren dürfen.“

Er klang wie ihre Brüder. Diese Diskussion hatte sie mit ihnen schon unzählige Male geführt.

„Ja“, seufzte sie spielerisch. „Viele Männer mit viel Geld.“

„Und das ist der wahre Reiz daran?“, zog er sie auf.

Sie runzelte die Stirn über seine herablassende Art. „Nein, der wahre Reiz ist der Geruch von verbranntem Gummi und das Kreischen der Reifen.“

„Ernsthaft?“

„Absolut“, entgegnete sie entschieden. „Das ist so gut. Laut und heiß und schnell. Die Sinne kommen kaum hinterher – sehen, hören, riechen. Wenn du auch nur blinzelst, verpasst du, wie sie vorbeischießen. Es ist pures Adrenalin. Die Technik ist unglaublich. Und dann die Fans – der Geräuschpegel ist Wahnsinn. Geh an einem Rennwochenende hin, dann verstehst du es.“

„Wie lange machst du das schon?“

„Ich wurde im Grunde in einer Werkstatt geboren. Autos sind das Familiengeschäft.“

„Du meinst P Global?“

„Nein.“ Sie gehörte nicht zur Elite wie die Milliardärsfamilie, für die sie arbeitete. „Nur eine kleine Hinterhofwerkstatt.“

„Sie müssen unglaublich stolz auf dich sein.“

Sie seufzte. Eine normale, nette, liebevolle Familie wäre stolz, aber ihre war weder normal noch liebevoll. „Leider kannst du deine Familie nicht immer glücklich machen.“

„Egal, was man tut?“, fügte er leise hinzu. „Ja, das kenne ich.“

Weil er dasselbe erlebt hatte?

„Blöd, oder?“, murmelte sie. „Ändern kann man sie trotzdem nicht.“

„Nein. Ganz bestimmt nicht.“

Sie wollte nicht an ihre Familie denken, geschweige denn über sie reden. Wie Hearnshawe Racing arbeiteten sie an Autos, die nicht für die Straße zugelassen waren – sie frisierten sie, damit sie schneller wurden, als sie hätten sein dürfen. Straßenrennen waren der Anfang gewesen. Später waren es Fluchtwagen geworden.

„Benutzt dich das Team als Aushängeschild?“, fragte der Kurier. „Ich nehme an, du bist eine der wenigen Mechanikerinnen.“

„Ich bin nicht die Erste und ganz bestimmt nicht die Letzte. Und ganz bestimmt auf keinem Werbeplakat. Der Chefmechaniker würde das nicht dulden.“

Ihrer Meinung nach hatte eine Frau, die in einer männerdominierten Welt nicht nur überleben, sondern brillieren wollte, zwei Möglichkeiten. Entweder konnte sie ihre weiblichen Unterschiede betonen oder sie konnte sie verbergen. Sie hatte sich für Letzteres entschieden.

Sie war ihr ganzes Leben lang übersehen und unterschätzt worden, aber inzwischen nutzte sie das zu ihrem Vorteil. Sie trug ihre Teamkappe immer tief ins Gesicht gezogen und den Kragen ihres Teamshirts hochgestellt, um so wenig Haut wie möglich zu zeigen.

Ihre Größe konnte sie nicht verbergen, und sie war unverkennbar zierlich, doch sie war stark. Sie musste nicht so gut sein wie die Männer, sondern besser, nur um mithalten zu können. Darum war es jetzt eine enorme Erleichterung, ein paar Stunden allein und weg vom Geschehen zu sein. Na ja, fast allein. Ohne Leistungsdruck konnte sie vollständig entspannen. Und da dieser Mann P Global nicht einmal mochte, war sie sicher.

„Also bist du Kurier“, sagte sie beiläufig. „Für Dokumente?“

„Papierkram hält mich auf Trab“, antwortete er. Mehr erklärte er nicht.

Ja, er war definitiv in der Sicherheitsbranche. In der Tasche hatte er wahrscheinlich streng geheime Unterlagen.

Lily entspannte sich, ihr Magen knurrte laut genug, um das Dröhnen der Triebwerke zu übertönen. Verdammt.

„Hast du vor dem Flug nicht zu Abend gegessen?“, fragte er lachend. „An Bord gibt es nur Kaffee. Und du kannst der Crew nicht ihr Mittagessen stehlen. Wir wollen keinen hungrigen, schlecht gelaunten Piloten riskieren.“

Ja, er hatte das eindeutig schon oft gemacht.

„Glücklicherweise ...“ Er griff in seine Ledertasche, zog eine Tüte heraus, öffnete sie und hielt sie ihr hin. „Bitte lehne nicht aus Höflichkeit ab. Ich versichere dir, sie sind gut. Ich teile gern. Vor allem, weil ich nicht sieben Stunden lang dein Magenknurren hören möchte.“

Sie lachte leise. „Danke.“ Schokoladenmandeln. Unglaublich gut, und Lily war ausgehungert. „Die sind wirklich lecker.“

„Bedien dich“, scherzte er, als sie wieder die Hand in die Tüte steckte.

„Biete nichts an, wenn du es nicht ernst meinst.“

Wortlos reichte er ihr den Rest der Tüte, aß aber selbst weiter davon. Beide lachten und knabberten dann in einvernehmlichem Schweigen. Lily beobachtete das Flackern der LED an der Kaffeemaschine. Nicht dass sie Kaffee wollte, sie brauchte Schlaf, aber es war das einzige Licht in der Kabine, und völlige Dunkelheit wäre vielleicht etwas zu viel gewesen.

„Das habe ich gebraucht, danke“, murmelte sie, als sie die Packung geleert hatten.

„Gern geschehen.“

Er war nur höflich. Wenn sie mehr hineinlegte, dann nur, weil sie so lange niemandem mehr nah gewesen war. Sie nahm ihre Kappe ab, löste ihr Haar und massierte leicht ihre Kopfhaut, um sich zu beruhigen. Nicht mehr lange, und sie würde schlafen. Hoffentlich. Sobald sie sich endlich daran gewöhnt hatte, neben dem sexy Kurier zu sitzen. Doch ihr Bewusstsein für ihn wurde nur schlimmer.

„Deine Haare sind so lang. Wie bekommst du sie unter die Kappe?“, fragte er.

Indem sie sie viel zu straff zusammenband. „Sie müssten mal geschnitten werden, aber ich habe nie Zeit für den Friseur.“

„Gut“, murmelte er. „Du solltest sie nicht abschneiden.“

Wieder errötete sie, doch zu ihrer Enttäuschung setzte er seine eigene Kappe nicht ab. Er zog sie nur tiefer über die Augen und lehnte sich zurück. Lilys Enttäuschung wuchs.

„Also interessierst du dich für keinen der Fahrer?“, fragte er nach einem Moment. „Nicht wegen des Geldes, meine ich. Aber sie sind doch alle talentiert?“

„Sie sind nicht mein Typ.“

Conrad mochte sie ganz gern. Er war ein bodenständiger Familienmensch. Aber zu Emiliano hielt sie Abstand. Er war jung, stammte aus der Hearnshawe-Familie, und für ihren Geschmack stand er viel zu sehr im Rampenlicht. Sie wollte keine Aufmerksamkeit. Sie wollte nur ihren Job machen und irgendwann wirklich herausragend sein.

„Wirklich nicht?“, fragte der Kurier skeptisch.

Lily verdrehte die Augen, obwohl er es nicht sehen konnte. „Sie sind total arrogant. Klar, sie brauchen ein gigantisches Selbstvertrauen, weil sie ihr Leben riskieren, aber manchmal ist es zu viel. Und überhaupt, dieses Risiko! Ich weiß nicht, wie ihre Familien die Rennen überhaupt anschauen können. Sie haben einen irren Zeitplan mit kaum Raum für Spaß. Alles nur Diäten und Trainingspläne. Sie haben Millionen Fans, die ihnen hinterherlaufen. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als mit Models, Tänzerinnen, Sängerinnen oder irgendwelchen Royals konkurrieren zu müssen. Nein, danke.“

„Wow. Du hast dir ja ernsthafte Gedanken darüber gemacht.“

„Natürlich mache ich mir Gedanken über die Art von Beziehung, die ich irgendwann will. Und jeder Spitzensportler – jeder in irgendetwas extrem erfolgreiche Mensch – bringt Opfer, um so weit zu kommen. Nichts darf wichtiger sein als das Ziel. Ganz bestimmt nicht die Freundin.“

„Du willst an erster Stelle stehen?“, fragte er.

Ja, es wäre sehr schön, einmal an erster Stelle zu stehen. Nur einmal. Für irgendjemanden. „Ich will einen ganz normalen Mann. Durchschnittlich. Mit einem Herzen, das ganz mir gehört.“ Sie hielt beschämt inne. Sie hatte zu viel Persönliches preisgegeben.

„Trotzdem“, meinte er lässig. „Sie sehen gut aus.“

Sie lachte. „Soll ich dich bekanntmachen?“

Autor

Kate Hewitt

Aufgewachsen in Pennsylvania, ging Kate nach ihrem Abschluss nach New York, um ihre bereits im College angefangene Karriere als Schauspielerin weiter zu verfolgen. Doch ihre Pläne änderten sich, als sie ihrer großen Liebe über den Weg lief. Bereits zehn Tage nach ihrer Hochzeit zog das verheiratete Paar nach England, wo...

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