Wagnis der Liebe

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Ein alleinerziehender Vater? Nie wieder! Das hat Perdita sich nach einer schmerzlichen Trennung fest geschworen. Nur kannte sie da Edward Merrick noch nicht. Wider Willen muss sie sich eingestehen, dass der attraktive Vater von drei Kindern sie wie magisch anzieht. Trotzdem zeigt sie ihm nach einem ersten zärtlichen Kuss die kalte Schulter - hin- und hergerissen zwischen ihrer Sehnsucht nach einer neuen Liebe und der Angst, erneut verlassen zu werden. Bis sie schließlich erkennt: Manchmal muss man etwas wagen, um dem Glück eine Chance zu geben …


  • Erscheinungstag 22.08.2009
  • Bandnummer 1694
  • ISBN / Artikelnummer 9783862952632
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Perdita versuchte, sich ihre schlechte Laune nicht anmerken zu lassen. Dieser Workshop zur „Erweiterung der Führungskompetenz“ war reine Zeitverschwendung! Stundenlang hatte sie einen Fragebogen ausgefüllt, in der Erwartung, dass sie ein Delfin sei – warmherzig, freundlich und ausdrucksstark. Sie gab sich alle Mühe, delfinmäßig zu antworten, doch dann stellte sich heraus, dass sie ein nach Aufmerksamkeit heischender Pfau war.

Ein Pfau!

Und als sei das noch nicht peinlich genug, war sie auch noch der einzige Pfau. Alle anderen waren fröhliche, gesellige Delfine oder pingelige Eulen.

Sie hatte von Anfang an gewusst, dass dieser Workshop ein Fehler war. Um nicht den Eindruck zu vermitteln, sie würde die Delfine beneiden, die in ihrer Ecke zusammengluckten, betrachtete Perdita bewundernd ihre knallrot lackierten Fingernägel. Die weiblichen Delfine bevorzugten blasses Rosa, und den Eulen war ihr Tabellenkalkulationsprogramm offenbar wichtiger als ihr Äußeres.

Perdita seufzte, ließ die Hände sinken und wippte mit den Füßen.

„Sieht so aus, als seien wir die einzigen Einzelgänger. Vielleicht ist das ja ein Zeichen, dass wir zusammengehören?“

Sie fuhr herum und blickte in ein Paar amüsiert funkelnde graue Augen. Sie erkannte den Mann wieder. Gestern war er erst am Abend angekommen. Das Dinner und die Einführung hatte er versäumt, aber später in der Bar war er ihr aufgefallen, obwohl er nicht besonders eindrucksvoll war – weder sonderlich groß noch ungewöhnlich attraktiv. Perdita konnte sich nicht erklären, warum sie ihn überhaupt bemerkt hatte.

Sie war der Mittelpunkt einer Gruppe gewesen, die sich ausgesprochen gut amüsierte, doch er hatte keine Anstalten gemacht, sich zu ihnen zu gesellen. Stattdessen hatte er sich ruhig unterhalten – wahrscheinlich mit ein paar Eulen. Unerklärlicherweise fühlte Perdita sich verletzt, weil er sie nicht beachtet hatte.

Aber jetzt stand er vor ihr.

Interessiert musterte sie ihn. Aus der Nähe betrachtet, wirkte er schon nicht mehr ganz so durchschnittlich wie in der Bar. Die grauen Augen waren sehr aufmerksam und mit einem ganzen Fächer von Lachfalten umgeben. Dafür hatte sie schon immer eine Schwäche gehabt. Dieses Zeichen für seinen Humor bildete einen faszinierenden Gegensatz zu den harten Gesichtszügen und dem festen, um nicht zu sagen strengen Mund.

Genau genommen sah er nicht einmal besonders gut aus, aber Perdita spürte voller Unbehagen, dass ihre Hormone sich eindeutig regten. Erwachten sie womöglich aus ihrem Winterschlaf, in den sie geflohen waren, nachdem Nick ihr das Herz gebrochen hatte?

Irritiert von ihrer Reaktion auf diesen Mann, reckte Perdita das Kinn vor. „Wie kommen Sie denn auf die Idee?“ Sie ließ den Blick über seinen grauen Pullover und die schwarze Hose wandern. „Sie sehen gar nicht aus wie ein Pfau.“

Seine Mundwinkel zuckten. Er schien sich seiner fehlenden Eleganz durchaus bewusst zu sein. „Ich bin auch kein Pfau, sondern ein Panther“, sagte er. Sein Gesicht war vollkommen ernst, aber die grauen Augen glitzerten belustigt.

„Wirklich?“, erwiderte sie und fragte sich, ob er einen Witz machte. Angeblich waren Panther typische Alphatiere: entscheidungsfreudig, ehrgeizig und rücksichtslos. Perdita war nicht allzu glücklich, dass sie nicht nur ein eitler Pfau sein sollte, sondern zudem auch noch starke Pantheranteile in sich trug. Was für eine reizende Kombination!

„So hätte ich Sie gar nicht eingeschätzt“, erklärte sie aufrichtig.

Doch beim genauen Hinsehen entdeckte sie einen Zug um seinen Mund, der ihr den Eindruck vermittelte, dass man sich besser nicht mit ihm anlegte.

„Vermutlich verwirren Sie meine starken Eulenanteile“, sagte er, und Perdita lachte.

„Ach so, wenn Sie also nicht herumschleichen und alle anderen beherrschen wollen, brüten Sie über einem Tabellenkalkulationsprogramm und überprüfen jede Zahl zweimal?“

„Während Sie als Pfau in der Bar Hof halten“, erwiderte er freundlich.

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu, konnte aber unmöglich sagen, ob er sie am vergangenen Abend wahrgenommen oder nur geraten hatte, was Pfaue vielleicht so trieben.

„Ich möchte gern ein Delfin sein“, gab sie mit einem Hauch von Verdrossenheit in der Stimme zu.

Er hob eine Augenbraue. „Warum?“

„Ist das nicht offensichtlich? Jeder liebt Delfine. Ich verstehe gar nicht, warum ich keiner bin“, murrte sie. „Ich habe mir so große Mühe bei dem Fragebogen gegeben und war sicher, dass ich ein Delfin bin. Ich meine, ich bin doch freundlich, oder etwa nicht? Ich kann gut im Team arbeiten, wie Delfine eben so sind.“

„Delfine sind sehr geduldig und entspannt“, bemerkte er.

Perdita warf den Kopf zurück. „Ich bin entspannt! Und ich habe Geduld.“

Statt zu antworten schaute er auf ihre spitz zulaufenden Wildlederschuhe. Mit einem Fuß tippte sie unaufhörlich auf den Boden.

Als Perdita seinem Blick folgte, hielt sie abrupt inne und zog das Bein zurück. „Mir ist nur langweilig“, erklärte sie verärgert. „Ich habe genug davon, hier allein herumzustehen, während die Delfine und Eulen zusammenhocken und sich gegenseitig gratulieren, weil sie so gute Teammitarbeiter sind.“

Mürrisch beäugte sie die Delfingruppe in der anderen Ecke des Raums. „Sehen Sie sich die doch an! Gleich werden sie einen Ball auf der Nase balancieren und mit den Flossen wedeln.“

Ihr Begleiter lachte. „Sie sind ganz eindeutig kein Delfin“, sagte er zu ihr. „Wenn ich jemals einen echten Pfau getroffen habe, dann Sie.“

Ein Lächeln umspielte seinen Mund, während er Perdita betrachtete. Ihr schlanker Körper zitterte vor Empörung. Selbst wenn sie nicht allein in eine Ecke verbannt wäre, würde sie sich von allen anderen Anwesenden abheben. Sie war nicht gerade hübsch, aber makellos gepflegt. Es war jedoch nicht ihr Aussehen, das die Blicke auf sie lenkte, sondern ihre Ausstrahlung. Sie war eine energische Persönlichkeit, was sich in ihren vollen Lippen, den lebhaften Gesichtszügen, den dunkelbraunen wachen Augen und der Art, wie sie beim Lachen den Kopf zurückwarf widerspiegelte.

„Ich habe Sie gestern Abend in der Bar gesehen“, erklärte er. „Sie hatten die größte Gruppe um sich versammelt, und Sie haben alle zum Lachen gebracht. Und heute Morgen beim Frühstück hat niemand wirklich etwas gesagt, bis Sie kamen und sich dazugesetzt haben. Ihnen ist es sofort gelungen, das Eis zu brechen, als die Fragebögen verteilt wurden.“

„Da haben Sie es!“, sagte Perdita. Sollte sie sich darüber freuen, dass er sie doch bemerkt hatte? Oder war ihr Ärger über den amüsierten Unterton in seiner Stimme größer? „Das beweist doch, dass ich ein Delfin bin, oder nicht? Ich bin fröhlich und freundlich … das sind doch typische Delfinmerkmale.“

„Ja, aber ein Delfin liebt Gesellschaft. Darum sitzen die auch immer noch da drüben zusammen“, sagte er und folgte ihrem Blick zu der Gruppe in der Ecke, die sich in der Tat besser zu amüsieren schien als die Eulen am anderen Ende des Raums. „Aber Sie wollen in einer Gruppe nicht eine von vielen sein. Sie dominieren die Gruppe.“

„Nein, das tue ich nicht!“ Ihre dunklen Augen funkelten gereizt.

„Oh doch“, widersprach er kühl. „Alle dürfen ihren Spaß haben, aber nur solange Sie im Mittelpunkt stehen.“

Widerwillig sah Perdita ihn an. Sie mochte nicht zugeben, dass ihr das Szenario, das er gerade beschrieb, bekannt vorkam. Wie unangenehm, dass ein vollkommen Fremder sie so leicht durchschaute!

„Wie kommt es, dass Sie sich so gut damit auskennen?“, wollte sie wissen.

Achselzuckend erwiderte er: „Ich interessiere mich für Menschen.“

„Das ist aber nicht der Panther in Ihnen“, erklärte sie giftig.

Er grinste, und das jungenhafte Lächeln ließ ihn viel jünger aussehen. „Also gut, ich interessiere mich dafür, wie ich noch mehr aus den Menschen herausholen kann, die für mich arbeiten.“

„Das hört sich schon besser an.“ Sie rümpfte die Nase. Sein Lächeln berührte sie auf merkwürdige Weise. Erstaunlich, wie sehr es ihn verwandelte, doch da war es bereits wieder verschwunden. „Sie scheinen sehr gut informiert zu sein“, fügte sie mit leichtem Spott hinzu. „Nehmen Sie öfter an solchen Workshops teil?“

„Gelegentlich“, erklärte er. „Und Sie?“

„Das hier ist mein Erster.“

„Sie überraschen mich. Die meisten Firmen legen heutzutage großen Wert auf Managementtraining.“

„Mein Exboss fand, dass es sich nicht lohne, dafür Geld auszugeben. Vor ein paar Jahren sollte ich ein Training in Sachen Durchsetzungsvermögen absolvieren, doch meine Mitarbeiter haben mit Streik gedroht. Sie sagten, wenn ich noch selbstbewusster würde, wäre ich unerträglich. Aber das war natürlich alles Unsinn“, sagte Perdita, die diese Geschichte inzwischen erzählen konnte, als sei es eine witzige Anekdote.

Der Mann vor ihr lachte nicht. „Dabei hätten Sie vielleicht einiges lernen können“, erklärte er.

„Das bezweifle ich“, widersprach sie lebhaft. „Um ehrlich zu sein, halte ich solche Kurse für Zeitverschwendung. Ich habe viel zu viel zu tun, um mich mit diesem Unsinn von Pfauen und Panthern abzugeben. Was soll das bringen?“

Die letzte Frage war nur rhetorisch gemeint, doch der Mann antwortete ganz ernsthaft darauf.

„Es geht darum, wie man Menschen anleitet“, sagte er. „Man kann ein Team besser leiten, wenn man weiß, welche unterschiedlichen Persönlichkeiten es gibt. Dann können die Stärken der Teammitglieder effektiver genutzt werden. Ein erfolgreicher Vorgesetzter schafft eine Atmosphäre, in der jeder nach seinen Möglichkeiten das Beste zum gemeinsamen Ziel beiträgt. Idealerweise sind in einem Team alle Typen vertreten. Doch nur, wenn man die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen kennt, kann man verhindern, dass gegeneinander anstatt miteinander gearbeitet wird.“

„Offensichtlich hat man Sie bereits bekehrt.“ Abweisend verzog Perdita den Mund.

„Sie nicht?“

„Ich glaube nicht, dass die Entdeckung, ich sei ein Pfau, irgendeinen Einfluss auf meine Arbeit haben wird. Ich mache meinen Job, und ich mache ihn gut. Ich sage meinen Leuten, was sie tun sollen, und sie machen es. Was gibt es da noch zu verbessern?“

„Und Sie wundern sich, warum Sie kein Delfin sind“, fragte er kopfschüttelnd. „Wäre es möglich, dass Sie ziemlich starke Pantheranteile haben?“

Woher weiß er das? Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Es ist doch sowieso alles nur Unsinn“, murmelte sie und vermied eine direkte Antwort. Doch das Funkeln in seinen Augen legte nahe, dass er sehr genau über ihre Ergebnisse Bescheid wusste.

„Warum sind Sie dann auf diesem Workshop?“, wollte er wissen.

„Ich hatte keine andere Wahl. Der Aufsichtsrat hat einen neuen Geschäftsführer ernannt, irgendeinen anmaßenden Aufsteiger, der uns alle mit seinen fortschrittlichen Ideen beeindrucken will.“ Sie verzog das Gesicht. „Ich halte das alles für absoluten Blödsinn. Dieser großartige Edward Merrick hat es nicht einmal für nötig befunden, sich der Belegschaft vorzustellen, aber als Erstes schickt er seine Führungskräfte drei Tage lang zum Faulenzen in den Lake District.“

„Sie scheinen nicht besonders viel von ihm zu halten.“

„Oh, ich denke, er versteht sein Handwerk“, gab Perdita zu. „Er hat einiges vorzuweisen, wenn es darum geht, Unternehmen zu modernisieren.“

„Wo ist also das Problem?“

„Ich finde, er hätte sich zuerst ein Bild von der Lage machen sollen, ehe er anfängt, alles zu verändern. Ganz ehrlich, ich habe Besseres zu tun, als so eine neue Mode mitzumachen wie diese Workshops für Führungskräfte.“

Unwillkürlich schob sie die Haare hinters Ohr. „Darüber hinaus ist es ein äußerst unpassender Zeitpunkt. Ich denke ständig an die ganze Arbeit, die sich in meinem Büro türmt, während ich hier bin. Ich verbringe die halbe Nacht damit, die angesammelten E-Mails zu beantworten.“

Zugegeben, „die halbe Nacht“ war eine kleine Übertreibung, aber sie musste tatsächlich jeden Abend noch ein wenig arbeiten. Sie konnte es sich nicht leisten, sich drei Tage lang zu amüsieren, egal, was einige Leute – sie warf ihrem Begleiter einen finsteren Blick zu – von ihrem Auftritt in der Bar halten mochten. Sie war schließlich ein Profi, und offensichtlich war es an der Zeit, dass er das erfuhr.

„Ich bin übrigens Perdita“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. „Perdita James. Von Bell Browning Engineering.“

Er nahm ihre Hand und lächelte. „Ed Merrick“, sagte er.

Einen Moment lenkte sie das Gefühl seiner Finger, die ihre Hand umschlossen, zu sehr ab, um zu begreifen, was er gerade gesagt hatte. Doch als sie schließlich begriff, wen sie vor sich hatte, erstarrte ihr professionelles Lächeln zu einer Maske.

„Ed?“, wiederholte sie mit heiserer Stimme und zog vorsichtig ihre Hand zurück. „Das Ed steht nicht zufällig für Edward?“

„Doch. Ich bin der anmaßende Aufsteiger“, bestätigte er gleichmütig.

Na klasse! Perdita unterdrückte einen Seufzer. Wie lege ich mich gleich am Anfang mit meinem neuen Chef an? Ein Kurs in einer Minute von Perdita James.

Ihr Herz wurde schwer, als sie ihre Möglichkeiten durchdachte. Sollte sie die oft erprobte Methode anwenden und dem Ganzen einen lustigen Anstrich verpassen oder sich lieber unterwürfig dafür entschuldigen?

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Erleichtert entdeckte sie ein klitzekleines amüsiertes Lächeln in seinen Augenwinkeln. Gott sei Dank schien er Humor zu haben! Zu katzbuckeln war ohnehin nicht ihr Stil.

Also beugte sie sich verschwörerisch vor. „Ich finde, um eine wirklich gute Beziehung zu jemandem aufzubauen, beginnt man am besten mit einer Beleidigung. Dann können die Dinge nur noch besser werden“, sagte sie geradeheraus.

„So kann man es auch sehen“, meinte Edward Merrick, und seine Belustigung schien sich zu verstärken. „Ich habe schon gehört, dass Sie kein Blatt vor den Mund nehmen“, fuhr er fort, „aber ich hatte nicht erwartet, dass ich so schnell in den Genuss einer praktischen Vorführung käme.“

„Sie wussten vorher, wer ich bin?“, wollte sie wissen und versteifte sich.

„Ich habe Ihren Lebenslauf gesehen. Einschließlich eines Fotos, das Ihnen ganz und gar nicht gerecht wird.“

„Sie hätten mir sagen sollen, wer Sie sind!“ Aus Verlegenheit, sich so unprofessionell verhalten zu haben, ging Perdita zum Angriff über. Inzwischen war sie ausgesprochen froh, dass sie sich nicht entschuldigt hatte. „Mir war nicht klar, dass Sie hier sein würden. Wir dachten, dass nur sechs von uns an dem Workshop teilnehmen würden.“

Sie sah zu ihren Kollegen hinüber, die immer noch damit beschäftigt waren, Eulen zu sein, außer dem Personalchef, der war natürlich ein Delfin.

„Uns wurde gesagt, dass Sie nicht kommen könnten“, fügte sie streng hinzu und warf einen erneuten Blick auf Edward Merrick, als sei es sein Fehler, dass sie einem ihr Fremden ihren neuen Chef so indiskret beschrieben hatte.

„Ich dachte, ich würde es nicht schaffen“, erklärte er. „Es gab zu Hause einige Komplikationen, aber in der letzten Minute hat es dann doch noch geklappt“, erklärte er. „Ich habe die Einführung und hatte auch beim Dinner keine Gelegenheit, mich vorzustellen. Eigentlich wollte ich das heute Morgen nachholen, aber dazu war noch keine Zeit.“

„Und es wäre nicht annähernd so lustig gewesen. Sie beobachten lieber, wie wir uns selbst zum Narren machen“, bemerkte Perdita verbittert.

„Außer Ihnen bin ich bisher noch niemandem begegnet“, sagte Ed. „Natürlich hätte ich es vorgezogen, Sie alle in Ellsborough kennenzulernen, aber für diesen Workshop gab es keine anderen Termine mehr. Außerdem ist es doch eine gute Gelegenheit, sich kennenzulernen, bevor ich ständig in der Firma sein werde. Das war es mir wert, in letzter Minute von London hierherzukommen.“

„Da bin ich aber froh!“ Sie gab sich keine Mühe, ihren Sarkasmus zu verschleiern. „Ich habe nämlich nur auf die Gelegenheit gewartet, bei meinem neuen Chef ins Fettnäpfchen zu treten!“

Seine Mundwinkel zuckten. „Ich wusste ohnehin, was Sie von mir halten“, erklärte er. „Pfaue können ihre Gefühle nicht gut verstecken.“

„Es war trotzdem unverschämt.“ Perdita biss die Zähne zusammen und rang sich eine Entschuldigung ab. „Es tut mir leid, ich hätte nicht sagen sollen, dass Sie ein Aufschneider sind.“

„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen“, erwiderte er achselzuckend. „Ohne ein dickes Fell wird man kein Panther! Ah, gut“, unterbrach er sich, als die anderen Gruppen im Raum in Bewegung kamen. „Sieht so aus, als geschieht endlich was.“

Die Moderatoren teilten die Kursteilnehmer in Gruppen ein, und Perdita wurde von Edward Merrick getrennt.

Sie war hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Ich habe mich unmöglich benommen! Es war nicht so, dass sie vor ihm zu Kreuze kriechen wollte, aber sie ärgerte sich, dass sie sich zu solchen Bemerkungen hatte hinreißen lassen. Perdita hielt sich für ausgesprochen professionell, und die Vorstellung, sich nicht von der besten Seite gezeigt zu haben, kränkte ihren Stolz.

Edward Merrick würde natürlich sagen, das sei der Pfau in ihr. Was für ein himmelschreiender Unsinn!

Fest entschlossen, ihm zu beweisen, dass er sich irrte, beschloss sie, in ihrer Gruppe nur zuzuhören und das Reden dieses Mal den anderen zu überlassen. Wenn Ed zu ihr herüberschaute, würde er feststellen, dass sie sich nicht wichtig machte, sondern sich problemlos unter die Delfine und Eulen mischte.

Leider hatte sie nicht bedacht, wie schwer es ihr fiel, schweigend dabeizusitzen. Es entstand eine unangenehme Pause, weil niemand das Wort ergriff.

Das ist gar kein Problem, sagte Perdita sich und rutschte unbehaglich hin und her. Ich werde es Edward Merrick schon zeigen. Ich werde nicht als Erste den Mund aufmachen. Jemand anders kann die Führung übernehmen.

Doch die Stille wurde so erdrückend, dass sie nicht widerstehen konnte und ihrer Nachbarin eine Bemerkung über den Moderator zuflüsterte. Die Frau begann zu lachen, und ehe sie es sich versah, lachten auch die anderen und begannen, sich angeregt zu unterhalten. Der Moderator musste sie erst wieder an die Aufgabe erinnern. Perdita hatte inzwischen vergessen, dass sie sich zurückhalten wollte, und machte den ersten Vorschlag.

Die Ideen begannen zu sprudeln. „Wartet!“, rief sie und hob die Hände. „Beruhigt euch, Leute. Wir müssen den Überblick behalten. Andy, übernimmst du den Vorsitz?“

Sie diskutierten darüber, wie sie am besten weitermachen sollten, als Perdita zufällig zu Edward Merricks Gruppe hinüberschaute, während er zur selben Zeit zu ihr sah. Mit einem Blick erfasste er, wie die Diskussion in ihrer Gruppe lief. Er lächelte wissend, als sich ihre Blicke begegneten, und sie errötete, denn sie wusste genau, was er dachte.

Hatte er das nicht gesagt? Sie wollen in einer Gruppe nicht eine von vielen sein. Sie dominieren die Gruppe.

Perdita reckte das Kinn vor und wandte verärgert den Blick ab. Sie wollte doch nur, dass die Dinge in Gang kamen, damit sie nicht ewig hier herumsaßen. Schlecht gelaunt versuchte sie, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren. Trotzdem wanderte ihr Blick immer wieder zu Eds Gruppe hinüber.

Ausgerechnet ein Panther warf ihr Dominanz vor! Es war unschwer zu erkennen, wer die andere Gruppe führte, obwohl sie nicht klar erkennen konnte, wie er es fertig brachte. Er spielte sich nicht auf und war weder laut noch energisch. Im Gegenteil, er sprach sogar recht wenig, obwohl es außer Frage stand, dass Ed der Mittelpunkt seiner Gruppe war, so wie sich bei ihr alle um sie scharten.

Das verwirrte Perdita. Sie war sich ihres gestylten Äußeren, der lackierten Fingernägel und des Lippenstifts sehr bewusst. Die anderen Frauen hatten sich für einen saloppen Stil entschieden, aber das kam für Perdita nicht infrage. Niemals! Und so war es unumgänglich, dass sie sich vom Rest ihrer Gruppe abhob.

Ed dagegen hatte keine solche Entschuldigung. Er saß einfach da, in diesem langweiligen grauen Pullover, die Ärmel lässig hochgeschoben. Er war weder größer, noch sah er besser aus als die anderen, und doch hatte er etwas an sich, das ihn von den anderen unterschied.

Verstohlen musterte sie ihn und beobachtete, wie die anderen sich ihm fügten. Wenn er wirklich ein Panther war, wie er behauptete, müsste er dann nicht rücksichtslos über die Meinungen der anderen hinweggehen? Stattdessen schien er die Gruppe zu dominieren, ohne viel dafür zu tun.

Je länger sie ihn im Laufe des Tages beobachtete, desto stärker fiel Perdita seine ruhige, aber unerschütterliche Stärke auf, eine natürliche Autorität, die nur schwer zu beschreiben war. Ed brauchte nicht die Zähne zu fletschen, um die Situation zu kontrollieren. Er strahlte eine beneidenswerte Selbstsicherheit aus, die sie an die kraftvollen geschmeidigen Bewegungen einer Raubkatze erinnerte.

Vielleicht steckt in ihm doch etwas von einem Panther.

Bei der ersten Gelegenheit warnte sie ihre Kollegen, dass ihr neuer Boss mit dabei war. Nach und nach redete er mit jedem, aber mit ihr sprach er nicht noch einmal. Hatte er sie bereits abgeschrieben, weil sie ihn einen Aufschneider genannt hatte?

Das Hotel lag mitten im Lake District, und nach dem Dinner gab es nichts zu tun, außer in die Bar zu gehen. Perdita sprühte nur so vor Lebendigkeit, doch Ed ließ sich davon nicht beeindrucken. Wenn sie einander über den Weg liefen, behandelte er sie mit einer Art belustigter Gleichgültigkeit, die ihr Pfauengefieder ziemlich durcheinanderbrachte.

Manche Menschen fühlten sich von ihr eingeschüchtert, manche waren wie geblendet, aber die meisten waren empfänglich für ihre rasche Auffassungsgabe und ihren Humor. Nicht so Edward Merrick. Er verhielt sich ihr gegenüber nicht unverschämt, er ignorierte sie auch nicht, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass er sie für dumm und oberflächlich hielt.

Sie konnte sich nicht erklären, wie sie auf diesen Gedanken kam. Vielleicht lag es an dem trockenen Ton, in dem er mit ihr sprach. Oder an dem beunruhigenden Funkeln der grauen Augen, die viel mehr zu sehen schienen, als ihr lieb war. Was immer es war, es gefiel Perdita ganz und gar nicht.

Das hielt sie jedoch nicht davon ab, ihn weiterhin verstohlen zu beobachten. Als er die Bar schließlich verließ, meinte Perdita, sich endlich entspannen und sie selbst sein zu können, doch stattdessen kam ihr der Abend plötzlich langweilig vor.

Es war ohnehin an der Zeit, dass sie ihre Mutter anrief. Lachend lehnte sie einen weiteren Drink ab und flüchtete aus der Bar. Es war eine Erleichterung, nicht mehr lächeln zu müssen. Stirnrunzelnd ging sie den langen Korridor zu ihrem Zimmer entlang.

Was ist nur mit mir los? Edward Merrick mochte sie nicht? Das spielte doch keine Rolle, solange sie gut zusammenarbeiten konnten. Zugegeben – dass sie ihn anmaßend genannt hatte, war nicht der beste Start gewesen, aber schließlich hatte sie sich entschuldigt, und es sah aus, als würde es ihm nichts ausmachen. Es gab keinen Grund, warum sie nicht wunderbar zusammenarbeiten sollten, und wenn Ed an einer Freundschaft mit ihr nichts lag … nun, sie hatte bereits genug Freunde. Ihr machte das nichts aus.

Jedenfalls nicht viel.

Perdita warf sich aufs Bett, zog den BlackBerry heraus und rief ihre Mutter an.

„Mom? Ich bin’s“, sagte sie, als ihre Mutter sich meldete. „Wie geht es dir?“

Wie immer bestand Helen James darauf, dass es ihr ausgezeichnet ging, aber Perdita machte sich trotzdem Sorgen. Ganz plötzlich schien ihre Mutter alt und dickköpfig geworden zu sein. Sie war nicht mehr so aktiv wie früher, und das Haus, das sie stets tadellos in Ordnung gehalten hatte, sah ein wenig verwahrlost aus, als ob sie mit dem Putzen nicht mehr hinterherkam.

Perdita hatte vorgeschlagen, jemanden einzustellen, der im Haushalt half, doch das hatte ihre Mutter rundweg abgelehnt. „Ich werde nicht zulassen, dass Fremde sich in meine Privatangelegenheiten mischen!“, hatte sie erklärt. „Als Nächstes willst du mich noch in ein Heim stecken.“

Sie regte sich so sehr auf, dass Perdita den Plan am Ende fallen ließ. Stattdessen rief sie jetzt jeden Tag bei ihrer Mutter an und versuchte, ihr so unauffällig wie möglich unter die Arme zu greifen.

„Millie war heute hier, um hallo zu sagen“, erzählte ihre Mutter gerade. „Sie ist zufällig vorbeigekommen.“

Erleichtert stellte Perdita fest, dass Helen keinen Verdacht schöpfte. Sie hatte ihre beste Freundin gebeten, nach ihrer Mutter zu schauen, während sie auf dem Workshop war. Doch wenn Helen das Gefühl bekam, man wolle sie kontrollieren, würde sie äußerst wütend werden.

„Ach ja? Und wie geht es ihr?“

„Seit ihrer Scheidung ist sie dicker geworden“, erklärte ihre Mutter missbilligend. „Sie muss aufpassen, dass sie sich nicht gehen lässt.“

Millie hat Wichtigeres zu tun, als sich um ihre Figur zu kümmern, dachte Perdita, während sie sich von ihrer Mutter verabschiedete. Ihr Mann hatte sie mit einer riesigen Hypothek und zwei Töchtern im Teenageralter sitzen lassen.

Sie machte es sich in den Kissen bequem und rief Millie an. Doch die Freundin wollte keinen Dank. „Es war lustig“, sagte sie. „Ich habe deine Mutter schon immer gemocht.“

„Was für einen Eindruck hat sie auf dich gemacht?“

„Es schien ihr gut zu gehen. Natürlich wird sie älter, und ich habe gemerkt, dass sie schwieriger geworden ist. Aber um ehrlich zu sein, sie war ja nie besonders einfach.“

„Das stimmt.“ Perdita seufzte. Sie liebte ihre Mutter, aber Helen war schon immer anstrengend gewesen.

„Mach dir keine Sorgen um sie. Erzähl mir lieber von deinem Workshop.“

„Es ist lächerlich“, schimpfte Perdita und wechselte gehorsam das Thema. „Sie haben uns in Persönlichkeitstypen aufgeteilt und behaupten, ich sei ein Pfau!“

Millie lachte laut auf. „Das hätte ich dir gleich sagen können!“

Autor

Jessica Hart
Bisher hat die britische Autorin Jessica Hart insgesamt 60 Romances veröffentlicht. Mit ihren romantischen Romanen gewann sie bereits den US-amerikanischen RITA Award sowie in Großbritannien den RoNa Award. Ihren Abschluss in Französisch machte sie an der University of Edinburgh in Schottland. Seitdem reiste sie durch zahlreiche Länder, da sie sich...
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