Weihnachtsstern über Venedig

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Tausend Lichter auf dem Markusplatz: Die romantische Atmosphäre in Venedig verzaubert Charlotte restlos! Als ihr dann auch noch der attraktive Nico Moretti über den Weg läuft, ist es um sie geschehen. Es muss an der vorweihnachtlichen Lagunenstadt liegen. Oder an Nico?


  • Erscheinungstag 28.12.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733729011
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Als Nico Moretti in die schmale Gasse in Venedig einbog, die ihn schneller zu seinem Ziel führen sollte, hörte er vor sich lautes Geschrei.

Er versuchte es zu ignorieren. Erstens war er in Eile, und zweitens war Geschrei in einer italienischen Stadt nichts Ungewöhnliches. Doch das Schreien war nun so laut, dass sogar Leute auf der Straße innehielten, sich umdrehten und sich gegenseitig fragten, was denn los wäre. Es wurde zunehmend schwieriger voranzukommen, und Nico seufzte frustriert.

Obwohl dies seine Geburtsstadt war, fühlte er sich hier fehl am Platz. Und die Sprache seiner Kindheit, die ihn hier umgab, verstärkte dieses Gefühl zusätzlich.

Doch wenigstens verschaffte ihm seine Größe einen gewissen Vorteil. Ebenso wie seine Übung, alle möglichen Hindernisse zu überwinden, um zu einem Notfall vorzudringen.

„Scusi.“ Es klang eher wie ein Befehl als eine Bitte und erzielte wie immer die gewünschte Wirkung. Ein Pfad öffnete sich vor ihm in der Menschenmenge. Je näher Nico dem Schauplatz kam, desto deutlicher wurden die Stimmen.

Hier ging es nicht nur um irgendein Missverständnis, sondern es gab auch noch ein Sprachproblem.

Auf Englisch hörte er eine resolute weibliche Stimme sagen: „Zurück! Sie dürfen ihn nicht bewegen. Rufen Sie einen Krankenwagen. Ambulanza!

Mehr Geschrei auf Italienisch: Hatte jemand die Ambulanz gerufen? Wieso war sie noch nicht da? Schließlich war man hier am Canal Grande. Wo war die Polizei? Und wo war ein Arzt, wenn man ihn brauchte?

„Sì.“ In all dem Aufruhr hatte die Engländerin das Wichtigste verstanden. „Dottoressa. Ich bin Ärztin. Lassen Sie mich zu ihm. Ich muss feststellen, ob er noch atmet.“

„Bestimmt nicht“, brummte jemand neben Nico. „Er ist tot. Nach diesem Sturz vom Dach hat er sich garantiert den Hals gebrochen.“

„Scusi.“ Nico blieb nichts anderes übrig, als einzugreifen. Mit erhobener Stimme rief er auf Italienisch: „Ich bin Arzt. Lassen Sie mich durch. Was ist hier los?“

Charlotte Highton hörte die gebieterische Männerstimme, die das aufgeregte Geschrei um sie herum übertönte. Außerdem ertönte irgendwo eine entfernte Sirene. Hoffentlich ist das der Krankenwagen, dachte sie flehentlich.

In einen Unfall verwickelt zu werden, war das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte. Bei dem Versuch, eine Abkürzung zu dem Tagungshotel am Markusplatz zu nehmen, hatte sie sich in den Seitengassen verirrt und war ohnehin schon spät dran. Aber was hätte sie tun sollen? Sie hatte gesehen, wie der Mann vom Gerüst gefallen war. Vor allem hatte sie aber auch mitbekommen, dass er sich vor seinem Sturz gekrümmt und an die Brust gegriffen hatte. Bei einem Herzstillstand hätte er keine Chance, die Verletzungen durch den Sturz zu überleben.

Doch die Menge ließ sie nicht näher heran, wodurch wertvolle Sekunden verloren gingen. Ein Kollege des Unfallopfers war offenbar der Ersthelfer der Baugesellschaft, der davon ausging, dass der Sturz eine Wirbelsäulenverletzung verursacht hatte. Deshalb hielt er den Kopf des Verletzten fest und brüllte jeden an, der diesen auch nur berührte.

Er schrie eine Antwort auf die Frage des Neuankömmlings, den Charlotte nicht sehen konnte. Zu viele Leute gleichzeitig wollten wild gestikulierend die Geschichte erzählen. Charlotte musste beinahe lächeln.

Jetzt war sie hier, in dieser wunderschönen alten Stadt, mit dem Canal Grande zu ihren Füßen. Mitten in dem Stimmengewirr einer Sprache, deren Klang sie liebte. Leider hatte sie jedoch nie die Zeit gefunden, Italienisch zu erlernen. Obwohl die meisten Leute den Verunglückten sicherlich überhaupt nicht kannten, mischten sie sich leidenschaftlich in die Sache ein. So etwas würde in England niemals passieren. Es war einfach typisch italienisch.

Dann ein einziges kurzes Wort des Neuankömmlings, und plötzlich trat Stille ein. Durch eine Lücke in der Menge erschien ein Mann, der ebenso italienisch wirkte wie alle anderen auch. Hochgewachsen, dunkelhaarig und mit einem markanten Gesicht, strahlte er ein unglaubliches Selbstbewusstsein aus. Für einen Moment glaubte Charlotte sogar, ihm schon einmal irgendwo begegnet zu sein.

„Sie sind Arzt?“, fragte sie.

„Ja.“

„Und Sie sprechen Englisch?“, fragte sie weiter.

„Ja, ich bin Facharzt für Notfall-Neurologie.“ Er beugte sich über den bewusstlosen Mann. „Haben Sie den Sturz gesehen?“

„Ja.“ Charlotte streckte die Hand zum Hals des Opfers aus, doch der italienische Arzt packte ihr Handgelenk mit eisernem Griff.

„Was tun Sie da?“, herrschte er sie an.

„Ich habe den Mann schon vor seinem Sturz gesehen“, erwiderte sie. „Er hatte offensichtlich starke Schmerzen in der Brust. Er ist nicht gestolpert, sondern kollabiert. Ich muss prüfen, ob er überhaupt einen Puls hat.“

Eine Sekunde lang hielt er ihren Blick fest, dann hatte er begriffen und ließ sie los.

Schnell gab er seine Anweisungen auf Italienisch. Er selbst übernahm die Stabilisierung des Kopfes, während er zugleich mit Hilfe der Umstehenden dafür sorgte, dass der Verletzte innerhalb kürzester Zeit in der richtigen Position lag, die Atemwege frei. Noch war das Geräusch der Sirene nicht nah genug.

Charlotte kniete auf dem Boden, eine Hand am Hals des Patienten, die andere auf dessen Bauchdecke, um jede Bewegung zu erspüren, die auf Atmung hindeutete.

„Nichts“, erklärte sie knapp.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen führte sie die notwendigen Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Beide knieten auf dem Kopfsteinpflaster, das schmerzhaft drückte. Doch seltsamerweise schien der Schmerz nachzulassen, sobald ihre Arme sich berührten.

Während Charlotte die Herzdruckmassage durchführte, übernahm der italienische Arzt die Mund-zu-Mund-Beatmung.

Charlotte war beeindruckt. Nicht viele Mediziner wären heutzutage noch bereit, bei einem Fremden ein so hohes Risiko einzugehen. Trotz der Kälte, die im Dezember in Venedig herrschte, begann sie zu schwitzen. Wie sie dankbar feststellte, wurde die Sirene immer lauter. Als sie aufschaute, bemerkte sie verblüfft ein Schnellboot mit Blinklicht auf dem Kanal. An Deck wartete ein uniformierter Sanitäter mit einem Defibrillator in der Hand, bis er an Land springen konnte.

Nico hörte die Rufe der Rettungskräfte, die das Boot festmachten. Endlich! Wiederbelebungsmaßnahmen auf diesem harten, kalten Kopfsteinpflaster durchzuführen, war schlicht unerträglich.

Dennoch ließ sich die Engländerin nichts anmerken. Nico beobachtete sie aufmerksam. Nicht nur, weil er auf ihr Zeichen für die Beatmung wartete, sondern weil sie alles unter Kontrolle zu haben schien. Sehr britisch.

Sie besaß den typisch englischen hellen Teint und eine Zurückhaltung, die Nico noch immer unglaublich fremd vorkam. Aber inzwischen lebte er schon so lange nicht mehr in Italien, dass sie ihm vertraut war. Und zwar so vertraut, dass er beinahe glaubte, dieser Frau bereits früher einmal begegnet zu sein. Zumindest kannte er diesen Typ Frau.

Das genaue Gegenteil der Frauen, die er bevorzugte.

Leider hatte er in dieser Hinsicht den Geschmack seines Vaters geerbt. Nico mochte kleine, dunkelhaarige Frauen. Lebhaft, kurvig und mit einer Lebenslust, die niemals Gefahr lief, das Leben außerhalb der Arbeit allzu ernst zu nehmen. Doch solange Nico nicht den Fehler seines Vaters wiederholte, eine solche Frau zu heiraten, würde er auch nicht mit einem gebrochenen Herzen enden. So wie sein Vater, als dessen irische Frau einfach den gemeinsamen kleinen Sohn mitgenommen hatte, um ihr Glück woanders zu suchen.

Entschlossen schüttelte Nico diese Gedanken ab. Normalerweise würde ihn seine Familiengeschichte niemals von einer Notfallsituation ablenken. Doch bis zu dem Augenblick, als er an den Unfallort kam, war sein Kopf voll davon gewesen. Auch jetzt noch war ihm der kleine Gegenstand in seiner Hosentasche sehr bewusst. Der Notar hatte darauf bestanden, dass er ihn mitnahm.

Doch Nico musste das alles erst einmal beiseiteschieben. Sobald er sich davon überzeugt hatte, dass die Sanitäter in die richtige Richtung unterwegs waren, warf er seiner Kollegin einen erneuten Blick zu. Nicht eine Sekunde hatte sie mit den Kompressionen aufgehört.

Durch die Anstrengung hatten sich einige blonde Strähnen gelöst, doch das übrige Haar war noch immer eng zu einem komplizierten Knoten geschlungen. Die Engländerin hatte graue Augen, die hätten schön sein können. Aber sie konzentrierte sich derart intensiv auf ihre Aufgabe, dass in ihren Augen keinerlei Emotion zu erkennen war.

Während die Rettungssanitäter sich darauf vorbereiteten, den Patienten zu übernehmen, beobachtete die Ärztin sie genau. Obwohl sie kein Italienisch konnte, war Nico sicher, dass sie nicht zögern würde einzugreifen, falls die Dinge nicht dem erwartungsgemäßen Standard entsprachen.

Er erstattete den Sanitätern Bericht und war ihnen noch ein wenig behilflich. Aber sobald eine zweite Crew und die Polizei eintrafen, zog er sich zurück und schaute zu. Genau wie die Menschenmenge, die sich trotz aller polizeilichen Bemühungen nicht auflöste.

Die englische Ärztin tat dasselbe. Nico sah, wie sie ihre Bluse wieder in den Rockbund steckte, und bemerkte die Löcher in ihrer Strumpfhose. Ihre Knie waren aufgeschürft und gerötet. Er spürte seine eigenen schmerzenden Gelenke, was ihm ein seltsames Gefühl der Verbundenheit mit ihr gab. Er versuchte, ihren Blick aufzufangen, um ihr zuzulächeln. Doch sie sah stirnrunzelnd auf ihre Uhr, als ob sie für irgendetwas spät dran war.

Dann schaute sie über die Schulter, und die senkrechte Falte auf ihrer Stirn vertiefte sich. Offenbar war das, was sie suchte, von der Menge verdeckt, die angespannt verfolgte, was mit dem Verletzten geschah.

Nach mehreren Schocks mit dem Defibrillator erschien eine Rhythmuslinie auf dem tragbaren Monitor. Einer der Sanitäter tastete nach der Halsschlagader des Patienten.

„Wir haben einen Puls“, stellte er erleichtert fest.

Die Menge jubelte, und die Rettungskräfte bereiteten sich darauf vor, den Verunglückten so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu transportieren. Jetzt erst zerstreute sich die Menge auf die gebrüllten Anweisungen der Polizisten hin. Die Engländerin verschwand hinter mehreren Leuten.

Nico konnte sie nicht einfach so gehen lassen. Irgendjemand musste ihr dafür danken, dass sie geholfen hatte, dem Mann das Leben zu retten.

„Scusi.“ Erneut drängte Nico sich durch die Menschenmenge zum Kanal. Dort wurde der Verunglückte auf das Ambulanzboot gebracht. Die Engländerin ging mit suchendem Blick in dieselbe Richtung. Plötzlich wusste Nico, wonach sie suchte. Eine schwarze Notebook-Tasche, die an dem Holzpfahl lehnte, an dem das Ambulanzboot vertäut war.

Wenn er die Tasche zuerst erreichte, musste sie mit ihm sprechen. Dann konnte er ihr danken, vielleicht ihre Adresse erfahren und sie über den Patienten auf dem Laufenden halten. Schnell überholte Nico einen Mann vor sich und griff nach der schwarzen Tasche. Er hatte sie gerade an sich genommen, als er von hinten so heftig angerempelt wurde, dass er unwillkürlich die Hand öffnete. Er ließ die Tasche fallen, die über das Kopfsteinpflaster hüpfte und nach einem eleganten Bogen im Kanal landete. Ein bis zwei Sekunden schwamm sie noch an der Oberfläche, ehe sie versank.

Entsetzt sah Charlotte, wie ihr Notebook in dem trüben Wasser verschwand. Verschluckt von der Kielwelle des Ambulanzbootes, das mit Blinklicht und heulender Sirene davonbrauste.

Sie überlegte, ob sie hinterherspringen sollte. Ein Blick auf ihre Schuhe zeigte jedoch, wie mitgenommen sie aussah. Ihre Strumpfhose war zerrissen und ein Knie so aufgeschürft, dass es sogar leicht blutete.

Ihr Schutzschild war zerstört.

„Oh, mein Gott.“ Nur mit Mühe gelang es ihr, sich nicht von ihrer Angst überwältigen zu lassen. Niemand sollte diese Angst sehen. Sonst würde sie sich wieder vollkommen ohnmächtig fühlen.

Nein, das durfte nicht geschehen. Auf gar keinen Fall. Stattdessen wurde sie unvermittelt wütend.

„Idiot!“, fauchte sie aufgebracht. „Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie da gerade getan haben?“

Nico wich etwas zurück, verblüfft über ihre Heftigkeit. „Es tut mir schrecklich leid.“ Doch es ärgerte ihn auch, so angegriffen zu werden. Schließlich konnte er nichts dafür.

Charlotte wusste das zwar, aber das machte die Sache nicht besser. „Auf dem Notebook ist meine Präsentation, die ich in genau zehn Minuten auf einem internationalen Symposium vorstellen soll.“

Sein Ausdruck veränderte sich. „Doch nicht zufällig das Symposium über kritische Interventionen in der Notaufnahme, das im Bonvecchiati-Hotel abgehalten wird?“

Wieder schaute sie auf die Uhr. „Doch. Ich bin Dr. Charlotte Highton und soll das Symposium eröffnen.“

Sie sind Charlotte Highton?“ Ungläubig sah der Unbekannte sie an.

„Ja.“ Böse erwiderte sie seinen Blick.

Überrascht schüttelte er den Kopf und streckte die Hand aus. „Dr. Nicholas Moretti“, stellte er sich vor. „Nico. Wir sind uns schon mal begegnet. Zweimal sogar. Einmal im St. Margaret’s Hospital in London und an dem Abend damals im Cosmopolitan Club. Ist schon ein paar Jahre her.“ Noch immer sah er sie an, als würde er sie kaum wiedererkennen.

Kein Wunder. Zu der Zeit war Charlotte ein ganz anderer Mensch gewesen. Ein Mensch, an den sie nicht erinnert werden wollte, weil dadurch alles nur noch schlimmer wurde. Wie viel Pech konnte man denn haben? Jetzt hatte sie nicht bloß ihren beruflichen Panzer verloren, sondern auch noch jemanden getroffen, der sie von früher her kannte.

Bevor ihr Leben eine schroffe Wendung nahm, die sie bis hierher geführt hatte.

Einen kurzen Moment lang erinnerte Charlotte sich wieder daran, wie ihr an diesem Scheideweg damals zumute gewesen war. Sie konnte die Angst spüren.

An Nicholas Moretti konnte sie sich jedoch nicht mehr erinnern. Obwohl er ihr irgendwie bekannt vorgekommen war. Wahrscheinlich würde sie sich an ihn erinnern, falls sie es sich gestattete, überhaupt an jene Zeit zu denken. Damals stand sie am Beginn ihrer erfolgreichen Karriere in einem angesehenen Londoner Krankenhaus und konnte die Schatten ihrer Kindheit überwinden. Die Welt lag ihr zu Füßen. Charlotte hatte einen entfernt mit dem Königshaus verwandten Verehrer gehabt, der sie an Orte wie den Cosmopolitan Club ausführte.

Nicht einmal im Traum hätte sie geahnt, dass sie ausgerechnet heute an diese Phase erinnert werden würde. Und das auch noch ohne ihren Schutzschild. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so verwundbar gefühlt.

Erschrocken merkte sie, dass ihr Tränen in den Augen brannten. Tränen waren gleichbedeutend mit Schwäche, und das konnte sie unter keinen Umständen zulassen. Heftig blinzelnd wandte sie sich ab, weil sie in dem Blick ihres Gegenübers einen besorgten Ausdruck sah. Der Mann hatte ein so offenes Gesicht. Vermutlich war er wirklich nett, aber Charlotte brauchte niemanden, der sich um sie kümmerte.

Sie konnte auf sich selbst aufpassen. Das hatte sie schon vor langer Zeit gelernt.

Ein Polizeibeamter trat zu ihnen.

Der italienische Arzt, der erstaunlicherweise perfekt Englisch mit irischem Akzent sprach, übersetzte: „Er fragt, ob Sie in irgendeiner Weise Hilfe benötigen.“

Charlotte lachte trocken. Die Hilfe, die sie jetzt brauchte, müsste schon ein Wunder sein. Jemand, der ihr Notebook aus den Fluten heraufbeförderte, das dann auch noch auf wundersame Weise diesen Tauchgang unbeschadet überlebt hätte.

Nach einem Wortwechsel in schnellem Italienisch nickte der Polizist und winkte Charlotte, dass sie ihm folgen sollte.

Nico kam ebenfalls mit. „Er bringt uns mit dem Polizeiboot zum Tagungshotel“, erklärte er. „Es dauert nur ein paar Minuten.“

Charlotte blickte an sich herunter. So konnte sie nirgendwo erscheinen.

„Wir werden den Leuten erklären, was passiert ist.“ Am Ellbogen führte er sie zum Boot. „Ich möchte Ihnen gerne helfen, wenn ich kann. Ich fühle mich verantwortlich für diesen bedauerlichen Vorfall und werde alles tun, um es wieder gutzumachen. Vielleicht könnte man die Reihenfolge der Präsentationen verändern. Haben Sie denn eine Sicherheitskopie?“

„Ja, natürlich.“ Charlotte hatte es nicht nötig, sich von einem Mann ihre Probleme lösen zu lassen. „Auf einer externen Festplatte.“

„Und die ist wo?“

Sie musste sich konzentrieren, da der Polizist ihr beim Einsteigen in das Schnellboot behilflich sein wollte. Charlotte ignorierte jedoch seine ausgestreckte Hand und stieg ohne Hilfe ein, ehe sie sich umdrehte.

Sie presste den Mund zusammen. „In der Notebooktasche, die Sie in den Kanal geworfen haben.“ Ein ungerechter Vorwurf, denn immerhin versuchte Nico ihr zu helfen. Aber in diesem Augenblick war ihr das egal.

„Bitte bemühen Sie sich nicht weiter.“ Sie wandte sich ab und nickte dem Steuermann zu, der den Motor anließ. Ihre gebieterische Geste zeigte ihm, dass sie es eilig hatte und er losfahren sollte. „Es ist mein Problem, und ich kümmere mich darum.“

Nico sah dem Polizeiboot nach, das mit hoher Geschwindigkeit den Kanal hinunterraste. Zu Fuß brauchte er nur wenig länger, als die Bootsfahrt dauern würde. Er hatte Charlotte Highton nicht gesagt, dass er auch an dem Symposium teilnahm. Insofern konnte er es ihr nicht übelnehmen, dass sie ohne ihn gefahren war.

Außerdem brauchte er etwas Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen.

Auch wenn Charlotte sich nicht an ihn erinnerte, erinnerte er sich noch sehr gut an sie. Er hatte sich darauf gefreut zu sehen, was aus der dynamischen jungen Ärztin inzwischen geworden war.

Zwar war sie damals nicht sein Typ gewesen, aber er hatte sie dennoch attraktiv gefunden. Ihre sanfte Weiblichkeit, die einen so reizvollen Kontrast zu ihrem Können und ihrer Intelligenz bildete. Die Ausstrahlung einer Frau, der die Welt und die meisten Männer zu Füßen lagen.

Jetzt war sie eine Ärztin, die Power und Autorität ausstrahlte. Nicht das geringste Anzeichen von Sanftheit oder irgendeiner Emotion.

Abgesehen von Ärger.

Obwohl, als er ihr gesagt hatte, dass sie sich schon mal begegnet wären, hätte Nico schwören können, dass er Angst in ihren Augen gesehen hatte. Eine Verletzlichkeit, die überhaupt nicht zu der äußeren Erscheinung dieser Frau passte. Deshalb hatte er auch geglaubt, sich zu täuschen.

Worin er sich garantiert nicht täuschte, war der krasse Gegensatz zwischen der Frau, die er in der Vergangenheit bewundert hatte, und derjenigen, die er gerade erlebt hatte.

Was zum Teufel war mit Charlotte Highton passiert?

Und was versuchte sie zu verbergen?

2. KAPITEL

„Charlotte, da bist du ja! Gott sei Dank. Ich habe mir schon große Sorgen gemacht.“ Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann eilte auf sie zu. Als er näherkam, blieb er unvermittelt stehen und sah sie fassungslos an. „Du liebe Güte, was ist denn mit dir passiert?“

Das Bonvecchiati-Hotel besaß einen eigenen Bootsanleger für Gondeln und Motorboote. Deshalb hatte Charlotte, wenige Sekunden nachdem sie vom Polizeiboot gesprungen war, das Foyer betreten. Sie wusste, wie furchtbar sie aussah. Doch sie hatte keine Gelegenheit gehabt, schnell auf eine Damentoilette zu verschwinden und wenigstens ihre Frisur in Ordnung zu bringen und den gröbsten Schmutz von ihrer Kleidung zu entfernen.

Richard Campbell, der Koordinator dieses exklusiven Symposiums, der sie gebeten hatte, die Eröffnungsrede zu halten, hatte offenbar im Hotelfoyer auf sie gewartet.

„Eine lange Geschichte, Richard. Es tut mir sehr leid, aber ich wurde von einem Notfall aufgehalten. Ein Mann ist nach einen Herzstillstand direkt vor mir von einem Gerüst gestürzt. Ich musste Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen, bis die Rettungskräfte kamen“, antwortete Charlotte schnell.

Zu dem Symposium waren etwa fünfzig Teilnehmer eingeladen. Wo waren die Leute? Vermutlich bereits im Konferenzraum, wo sie die mangelhafte Organisation der Veranstaltung kritisierten.

Richard war ein alter Freund, und Charlotte fühlte sich schrecklich, dass sie ihn so im Stich gelassen hatte. Dabei wusste er noch nicht einmal das Schlimmste.

Er bemerkte Charlottes suchenden Blick. „Im Restaurant werden Kaffee und Kuchen gereicht. Sobald mir klar wurde, dass du spät dran bist, habe ich den Beginn um eine halbe Stunde verschoben. Einige andere Teilnehmer fehlen auch noch.“

Charlotte nickte erleichtert. Das verschaffte ihr eine kleine Verschnaufpause. Jetzt musste sie überlegen, wie die Lage zu retten war. „Richard, wegen meiner Eröffnungspräsentation …“

Er lächelte. „Hervorragender Titel. ‚Medizinisches Wunder oder Verstümmelung?‘ Der hat schon allgemeine Aufmerksamkeit erregt.“ Stirnrunzelnd musterte er ihre durchlöcherte Strumpfhose und die zerkratzten Knie. „Aber kriegst du es denn überhaupt hin, sie zu halten?“

Hier ging es um Richard Campbells Ruf. Experten aus aller Welt waren gekommen, um an diesem Sonder-Symposium teilzunehmen, das im Anschluss an einen weit größeren Kongress stattfand, der gestern in Rom zu Ende gegangen war. Alle Teilnehmer waren Spezialisten aus der Notfallmedizin. Vielbeschäftigte Menschen, die ihre kostbare Zeit nicht verschwenden wollten.

Charlotte hatte ihre Präsentation sorgfältig vorbereitet. Mit zahlreichen Statistiken und Diagrammen sollten die Trends und Kontroversen zum Thema Kosteneffektivität dargestellt werden. Trotz ihres ausgezeichneten Erinnerungsvermögens hätte sie ihren Vortrag niemals aus dem Gedächtnis halten können.

Von St. Margaret’s aus könnte ihr jemand die Präsentation noch einmal mailen. Doch das würde zu lange dauern.

Einfach aus der Sache aussteigen, das ging nicht. Selbst mit der besten Entschuldigung der Welt würde es ihrem Ruf als junge Expertin schaden. Und Charlotte war auf ihren guten Ruf unbedingt angewiesen. Nur ihr Beruf zählte. Die beruflich erfolgreiche Charlotte Highton war stark genug, um die echte Charlotte dahinter zu verstecken. Die unzulängliche, von Scham erfüllte Charlotte, die gar keine richtige Frau war.

Ihr wurde etwas flau in der Magengrube. „Ich habe ein kleines Problem“, gestand sie Richard. „Ich habe meine Präsentation verloren. Mein Notebook ist leider im Canal Grande gelandet.“

„Oh.“ Betroffen sah er sie an. „Schaffst du es auch ohne?“

Ehe sie antworten konnte, hörte sie jemanden von der Rezeption aus ihren Namen rufen.

„Charlotte Jane Highton!“

Die Stimme war ihr nur allzu vertraut. Aber Charlotte konnte nicht fassen, dass sie sich jetzt auch noch um das nächste Problem kümmern musste.

Auf ihren fragenden Blick hin lächelte Richard schuldbewusst. „Tut mir leid. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es dir zu sagen. Deine Großmutter ist hier.“

Energisch schüttelte Charlotte den Kopf. „Nein. Sie soll erst heute Abend kommen, nach dem Symposium. Wir wollen morgen zusammen nach London zurückfahren.“

Doch die Stimme klang jetzt so nah, dass sie sie nicht mehr ignorieren konnte. „Charlotte Jane, was in aller Welt hast du mit dir angestellt, Kind? Du siehst aus, als hätte dich eine Gondel überfahren.“

Flüchtig schloss Charlotte die Augen. Sie war zwar einunddreißig Jahre alt, doch bei ihrer Großmutter fühlte sie sich sofort wieder wie ein kleines Kind. Ausgestattet mit flammend rotem Haar und einer eindrucksvollen Persönlichkeit, gab Lady Geraldine Highton sich nicht mit irgendwelchen Höflichkeitsfloskeln ab.

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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