Wie heiratet man einen Playboy?

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„Heiraten Sie meinen Enkel Enzo.“ Entsetzt starrt Erin in die kalten Augen des alten Unternehmers Gio Gallo. Sie will von ihm den kleinen Verlag ihrer Eltern zurückkaufen – und er stellt diese unmögliche Bedingung? Enzo Rossetti hat schließlich den Ruf, ein gewissenloser Verführer zu sein: Man nennt ihn nicht umsonst den Playboy von Amalfi! Aber Erins Zukunft hängt von dem Deal ab, und schweren Herzens fliegt sie nach Italien, um Enzo irgendwie vor den Altar zu locken. Nicht ahnend, dass er ihr Spiel blitzschnell durchschaut …


  • Erscheinungstag 03.03.2026
  • Bandnummer 2742
  • ISBN / Artikelnummer 0800262742
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Pippa Roscoe

Wie heiratet man einen Playboy?

PROLOG

Hoffentlich funktionierte es!

Erin Carter knabberte ängstlich an ihrer Oberlippe, während sie versuchte, dem strengen Blick der Empfangsdame auszuweichen, die sie über ihre Brille hinweg schweigend anstarrte.

Nervös betrachtete Erin die goldene Schrift auf den großen Mahagonitüren, die in ein angrenzendes Büro führten: GIO GALLO.

Der achtzigjährige italienische Milliardär, Vorstandsvorsitzender der Gallo-Gruppe, hatte in den letzten drei Jahren jeden ihrer zahlreichen Vorschläge, sich mit ihm zu treffen, abgelehnt. Bis jetzt. Warum, das wusste Erin nicht. Ihr reichte, dass sie endlich hier war. Auch wenn er sie warten ließ.

Das ist eine furchtbare Idee!

Oh, sie wünschte, die imaginäre Stimme ihrer Mutter würde nicht so laut in ihrem Kopf widerhallen!

Darüber hatten sie sich in den letzten drei Jahren immer wieder gestritten. Es ist weg, Erin, und das ist gut so. Es hat uns nichts als Kummer gebracht.

Aber das stimmte nicht. Wenn Erin das Unternehmen ihrer Familie zurückbekäme – oder wenn sie Gio Gallo wenigstens davon überzeugen könnte, ihr den Namen des Unternehmens zu überlassen –, dann könnte sie das Versprechen einlösen, das sie ihrer Mutter gegeben hatte. Und wiedergutmachen, was ihr Vater zerstört hatte, als er die Firma vor zehn Jahren verkauft hatte.

Erin hatte sich in der Schule extrem angestrengt und sogar ein Vollstipendium für ihr BWL-Studium erhalten. Dieses Stipendium war dringend notwendig gewesen, nachdem die größenwahnsinnigen Pläne ihres Vaters sie allesamt in horrende Schulden gestürzt hatten. Die Mittel aus dem Verkauf des kleinen Verlags, der seit Generationen im Besitz ihrer Familie gewesen war, waren schnell aufgebraucht gewesen.

Nach mehreren Praktika und Fortbildungen hatte Erin sogar ihre eigene Firma gegründet – und das alles während ihres Vollzeitstudiums an der Universität. Sie hatte Gio Gallos Unternehmen als Geschäftsmodell für ihre Dissertation verwendet und könnte wahrscheinlich aus dem Stegreif eine Biografie über diesen Mann schreiben.

Er war ein skrupelloser Patriarch, der jedes seiner Familienmitglieder schon mindestens einmal demonstrativ enterbt hatte! Deshalb wusste sie auch, dass es eine Taktik von ihm war, sie warten zu lassen. Damit wollte er sie in Verlegenheit bringen.

„Miss Carter?“, sagte die perfekt gestylte Empfangsdame, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Stumm wies sie auf die großen Doppeltüren links neben ihrem Schreibtisch.

In derselben Sekunde wurde eine Tür geöffnet und Gio Gallo stand vor ihr und streckte ihr die Hand entgegen.

Er war kleiner, als sie ihn sich vorgestellt hatte, aber der durchdringende Blick, mit dem er sie bedachte, erinnerte sie daran, sich nicht von seinem Aussehen täuschen zu lassen.

„Miss Carter“, begrüßte er sie knapp.

„Mr. Gallo.“

„Nehmen Sie doch Platz“, sagte er und deutete auf das butterweiche Chesterfield-Sofa, das vor einem breiten gläsernen Couchtisch stand. „Kaffee?“

„Nein, grazie.“

„Parla italiano?“, fragte er.

„Mi scusi“, entschuldigte sie sich. „Nicht wirklich, nein.“

Gio nickte und wartete darauf, dass sie sich setzte, bevor er ebenfalls Platz nahm. Sein galantes Auftreten schien aus einer anderen Zeit zu stammen.

„Danke, dass Sie mich empfangen“, begann sie und hoffte, dass er das Zittern in ihrer Stimme nicht wahrnahm. „Ich bin hier, um mit Ihnen über Charterhouse zu sprechen.“ Er nickte erneut, schwieg aber.

„Wie Sie wissen, haben Sie den Verlag vor zehn Jahren von meinem Vater gekauft. Doch was einst ein bekannter Name war, der für die Veröffentlichung von spannenden Kriminalromanen stand, ist heute fast vergessen“, murmelte sie bedauernd und schluckte den Schmerz hinunter. „Und nun … will ich den Verlag zurück.“

Nicht einmal ein Zucken zeigte sich auf Gallos faltigem Gesicht.

„Ich möchte weder die Autoren noch die bestehenden Verträge, das Personal oder die Vermögenswerte übernehmen“, beeilte sie sich zu erklären. „Mir geht es lediglich darum, den Namen zurückzukaufen.“

„Und das wollen Sie mit dem Erlös aus dem Verkauf Ihrer eigenen Firma finanzieren?“, erkundigte sich Gio mit deutlichem Akzent.

Erin runzelte die Stirn. Woher wusste er das?

„Sie haben Ihre lukrative Firma, die Sie bereits in Ihrem ersten Studienjahr gegründet haben, veräußert?“, fuhr er unbeirrt fort. „Nur um den Namen des Unternehmens Ihres Vaters zurückzukaufen?“ Die Stimme des Italieners war scharf wie eine Peitsche, der Tonfall ungläubig.

„Es ist das Unternehmen meiner Familie gewesen“, betonte Erin, bevor sie sich auf die Lippe biss, um nicht zu viel zu verraten.

Signor Gallo hatte natürlich recherchiert und wusste von HomeJames – einer App für die Suche nach einem nüchternen Fahrer, die sie an der Uni gestartet hatte. Was zunächst nur als Gefallen für ihre Mitbewohnerin gedacht gewesen war, hatte sich schnell zu einer Möglichkeit entwickelt, Geld zu verdienen, um die exorbitanten Kosten des Studentenlebens zu decken.

Die Nebentätigkeit als zuverlässiger Autofahrer für Kommilitonen in Partylaune entwickelte sich schnell zu einem landesweit erfolgreichen Geschäft. Es war eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Ein Bekannter von ihr wollte zu dem Zeitpunkt seine Fähigkeiten in der App-Entwicklung testen, und sie erarbeiteten gemeinsam ein Design und ein Konzept, das sie als Kursarbeit für ihre beiden Abschlüsse benötigten.

Vor sechs Monaten hatten sie das Unternehmen dann verkauft und den Gewinn geteilt.

„Ja, Sir. Das habe ich.“

Gio schüttelte den Kopf, als wäre er enttäuscht. „Es scheint der Tatsache zu widersprechen, dass Sie allem Anschein nach eine vernünftige, intelligente und vielversprechende junge Geschäftsfrau sind. Sie lassen sich von Sentimentalitäten leiten.“

Eine ähnliche Diskussion hatte sie auch mit ihrer Mutter während ihres letzten Gesprächs gehabt. Und sie sagte Gio dasselbe, was sie auch ihrer Mutter geantwortet hatte. „Damit kann ich leben.“ Denn Sentimentalität war das, was sie davor bewahrte, wie ihr Vater zu werden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit seufzte Gio Gallo, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete Erin mit zusammengekniffenen Augen.

„Ich habe ein Gegenangebot für Sie“, verkündete er.

Ihr war klar gewesen, dass ein Geschäft mit ihm nicht einfach sein würde.

„Ich komme Ihnen entgegen und verkaufe Ihnen Charterhouse – und zwar das gesamte Verlagshaus mit allen dazugehörigen Vermögenswerten – für eine Million Pfund.“

Sie war schockiert. Das würde er tun? Damit hatte sie in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet. In dem Fall bliebe ihr sogar noch ein wenig Geld aus dem Verkauf ihres Start-ups übrig, sodass sie die ersten Betriebskosten decken und eine reibungslose Übergabe gewährleisten könnte. Sie könnte sogar …

„Unter einer Bedingung.“

Ihr blieb fast das Herz stehen. Sie hätte wissen müssen, dass dieses Angebot zu schön war, um wahr zu sein.

„Was wissen Sie über Enzo Rossetti?“, fragte Gio und sein Blick wirkte plötzlich wie der eines Raubvogels.

Überrascht von seiner Frage, dachte Erin kurz nach. „Der sogenannte Playboy von Amalfi?“ Dieser Spitzname kam ihr als Erstes in den Sinn. „Enzo Rossetti“, fuhr sie fort. „Berühmt dafür, berüchtigt zu sein. Anfang dreißig, amerikanisch-italienischer Abstammung. Ein Frauenheld, der Herzen bricht und zu oft im falschen Bett aufwacht“, zählte sie auf und erinnerte sich an die vielen Schlagzeilen, die sie schon über ihn gelesen hatte.

Dieser Mann stand für alles, was sie an Berühmtheit und Geld hasste. Er war verschwenderisch, leichtsinnig, arrogant und promiskuitiv.

„Und weiter?“, drängte Gio.

„Er ist der Sohn des amerikanischen Schauspielers Luca Rossetti und einer Italienerin … Amalia Gallo“, erinnerte sich Erin plötzlich und merkte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Ihrer Tochter, die Sie vor etwas mehr als dreißig Jahren enterbt haben“, schloss sie etwas leiser.

„Genau“, war Gios kurze Antwort auf ihre vernichtende Beschreibung seines Enkels. „Ich möchte, dass Sie ihn heiraten.“

„Wie bitte?“, hakte sie nach und war sicher, sich verhört zu haben.

„Ich möchte, dass ihr beide heiratet“, wiederholte Gio in etwas vertraulicherem Ton.

Erschrocken keuchte Erin auf. „Ich bin nicht hier, um einen Ehemann zu finden, Mr. Gallo“, stellte sie klar und versuchte, ihre Fassung wiederzuerlangen. „Ich bin hier, um das Unternehmen meiner Familie zurückzukaufen.“

„Und ich biete Ihnen Bedingungen an“, betonte er höflich, als ob er ihr nicht gerade ein unmoralisches Angebot gemacht hätte. „Ich verkaufe Ihnen das Unternehmen Ihrer Familie, so wie es jetzt ist, für nur eine Million Pfund, wenn Sie die Frau von Enzo Rossetti werden. Oder darf ich jetzt ‚Du‘ sagen?“

Erin ließ sich gegen die weiche Rückenlehne des Ledersofas zurücksinken. „So ein Mensch bin ich nicht, Mr. Gallo.“

„Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Prinzipien haben, Miss Carter. Von Ihrem Vater jedenfalls nicht.“

Seine deutlichen Worte fühlten sich für sie an wie eine Ohrfeige. Ihr Vater hatte das kleine Vermögen, das er damals gegen sein Familienunternehmen eingetauscht hatte, in Windeseile verprasst.

„Warum diese Bedingung?“, wollte sie wissen.

„Das ist meine Sache und nicht Ihre.“

„Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn Sie versuchen, mich mit Ihrem Enkel zu verheiraten“, entgegnete sie freundlich, weil sie noch immer nicht wusste, was sie von diesem Vorschlag halten sollte.

„Er ist nicht mein Enkel, sondern das Kind einer Person, die früher mal zu meiner Familie gehört hat“, erklärte der alte Mann tonlos.

Die kalte, rücksichtslose Art, mit der er über seine Tochter sprach, traf Erin bis ins Mark. Aber sie konnte es sich nicht leisten, sich in Gio Gallos verworrenem Familiendrama zu verlieren. Schließlich war sie nur aus einem Grund hier!

„Falls Sie zustimmen, darf Enzo Rossetti nichts von meiner Beteiligung an dieser Abmachung wissen, sonst ist der ganze Deal geplatzt.“ Der Alte räusperte sich. „Habe ich mich klar ausgedrückt, Miss Carter? Sagen Sie ihm, was immer nötig ist, um ihn zum Altar zu schleifen. Erfinden Sie Geschichten, wenn Sie wollen. Das ist mir egal. Ich will nur, dass er heiratet.“

Erin blinzelte. Und dann lachte sie, denn diese Situation war völlig aussichtslos. Auch wenn sie gleichzeitig darüber nachdachte, wie sie es unter Umständen sogar schaffen könnte.

„Und dann kann ich mich von ihm scheiden lassen? Oder die Ehe annullieren?“, hakte sie spaßeshalber nach.

„Glauben Sie denn, Sie können dem Charme des Playboys von Amalfi widerstehen?“, spottete Gio und in seinen Augen blitzte so etwas wie Belustigung auf.

„Das wird kein Problem sein, das versichere ich Ihnen“, antwortete Erin selbstbewusst und dachte an all die schmutzigen Schlagzeilen und die vielen Frauen mit gebrochenem Herzen, die seinen Weg gekreuzt hatten. „Aber nur um das klarzustellen: Ich muss nicht … mit ihm intim werden, oder?“, fragte Erin.

„Ich mag manipulativ sein, Miss Carter, aber meine Methoden haben Grenzen“, antwortete er verächtlich. „Es ist mir egal, ob Sie mit ihm schlafen oder nicht. Hauptsache, die Heiratsurkunde ist unterzeichnet. Sobald das geschehen ist, werde ich Sie zur Geschäftsführerin von Charterhouse ernennen und Sie können den Betrieb sofort übernehmen. Sechs Monate später werde ich dann den Verkauf an Sie genehmigen.“

„Aber was soll das bringen?“ Dieses merkwürdige Angebot verwirrte sie zutiefst.

„Ich habe meine Gründe. Die brauche ich Ihnen nicht zu erklären.“

Das klang nicht einmal besonders herablassend, aber es ärgerte sie trotzdem. Auch wenn sie einsah, dass er recht hatte. Was kümmerte es sie, solange sie an ihr Ziel kam? Aber war sie dafür abgebrüht genug?

„Selbst wenn ich das durchziehen würde, müsste er ja noch zustimmen“, überlegte sie laut und dachte an die umwerfenden Models und reichen Erbinnen, mit denen er häufig in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Der Gedanke, dass Enzo Rossetti sich überhaupt für sie, Erin, interessieren könnte, war fast lächerlich.

„Sie erweisen sich selbst einen schlechten Dienst, Miss Carter. Ich halte Sie für einfallsreich, intelligent und schön – auf diese englische Art, die manche Menschen … anziehend finden“, schloss er in einer Art und Weise, die deutlich machte, dass er nicht zu diesen Menschen gehörte.

Doch Gios Vorschlag nahm bereits Gestalt in ihrem Kopf an. Sie könnte das Familienunternehmen zurückgewinnen. Mit allen Mitarbeitern und mit der aktuellen Autorenliste. Das war fast zu toll, um wahr zu sein!

Aber musste sie dazu ernsthaft heiraten? Konnte sie das jemandem antun? Durfte sie die Gefühle eines anderen Menschen derart missbrauchen?

Auch wenn Enzo dafür bekannt war, die Frauen reihenweise auszunutzen – hatte er eine solche Behandlung verdient?

Gio starrte sie mit einem eiskalten Blick an, der sie erschaudern ließ.

„Miss Carter. Ich möchte Ihnen noch mitteilen, dass ich, sollten Sie mein Angebot ablehnen, Charterhouse Stück für Stück auflösen werde, bis nichts mehr davon übrig ist. Haben Sie das verstanden?“

Oh ja, sie verstand sehr gut. Jetzt ging es ganz offen um Erpressung. Wie war sie nur darauf gekommen, es mit jemandem wie Gio Gallo aufnehmen zu können?

Ihr blieb nichts anderes übrig, als das zu tun, was der alte Mann verlangte: Sie musste den berüchtigtsten Playboy der Welt heiraten, wenn sie eine Chance haben wollte, das Geschäft ihrer Familie zurückzuerobern.

1. KAPITEL

Es dauerte eine Weile, bis das Pochen in Enzo Rossettis Kopf ein wenig nachließ. Erst dann wurde ihm bewusst, dass es sich dabei um einen wohlverdienten Kater handelte.

Stöhnend drehte er sich auf den Rücken und zog dabei den Arm unter der Blondine hervor, die neben ihm lag, um ihn sich quer über die Augen zu legen. Die Sonne, die durch die Ritzen in den Jalousien in seine Suite schien, verschlimmerte seine Kopfschmerzen noch.

Er drehte sich auf die andere Seite und stutzte, weil er sich nun einer brünetten Frau gegenübersah. Svetlana. Nun erinnerte er sich. Und Agata. Er hatte sie gestern Abend in einer Bar im Jachthafen getroffen, und sie hatten ihn überredet, sie mitzunehmen. Ganz langsam hob er den Kopf und riskierte einen Blick auf seine Umgebung.

Eine leere Champagnerflasche lag auf einer Anrichte unter einem riesigen Gemälde und ein halb volles Whiskeyglas stand daneben. Ein BH hing an der Ecke eines Sofas und seine Shorts waren zusammen mit einem zweiten BH auf dem Boden gelandet.

Die Frau zu seiner Linken seufzte, und er spürte, wie sich die Blondine enger an ihn schmiegte. Normalerweise hätte er nichts dagegen gehabt, die vergnüglichen Unternehmungen des Vorabends fortzusetzen, aber ausnahmsweise hatte er etwas zu tun. Etwas nicht besonders Angenehmes!

Mittlerweile wusste er nicht mehr, ob das Hämmern in seinem Schädel vom Kater kam oder von den Gedanken an seinen Vater. Der Mann hatte noch eindringlicher als sonst versucht, ihn zu erreichen, was nur zwei Dinge bedeuten konnte. Entweder wollte er Geld, oder er wollte Enzo berichten, dass er heiraten würde. Schon wieder!

Entschlossen stemmte sich Enzo auf die Ellbogen und schob einen Schenkel, der besitzergreifend über seiner Hüfte lag, behutsam beiseite. Der leise Protest seiner Bettgenossin schmeichelte ihm zwar, aber er war nicht länger in Versuchung. Splitternackt wie am Tag seiner Geburt schlenderte er aus dem Zimmer in den angrenzenden Flur.

Das Licht war dort deutlich heller. Er hätte seine Sonnenbrille aufsetzen sollen. Das warme, lackierte Teakholz fühlte sich angenehm glatt an, während er barfuß an mehreren Mitarbeitern vorbeikam, die ihn gut genug kannten, um sich nicht über die fehlende Kleidung ihres Chefs zu wundern.

Was sein Äußeres betraf, hatte Enzo Rossetti allen Grund, selbstbewusst zu sein. Mit seinen breiten Schultern, den schmalen Hüften, der tief gebräunten Haut und dem glänzenden rabenschwarzen Haar war er schwer zu übersehen. Tatsächlich stöhnten die meisten Frauen allein beim Anblick seiner knackigen Gesäßmuskulatur vor Entzücken auf.

Nachdem er die Treppe zum Hauptdeck hinaufgestiegen und an einem großen Wohnbereich vorbeigekommen war, der trotz der ausgiebigen Party am Vorabend wieder absolut makellos auf ihn wirkte, trat Enzo auf das hintere Deck der Superjacht, die für den Sommer sein Zuhause war, hinaus und atmete tief durch.

Langsam ließ er den Blick über die wunderschöne Küste von Sorrent schweifen, die ihm vertrauter war als irgendein anderer Ort auf dieser Welt. Die Farben waren so satt und strahlend, als hätte sich ein Maler zu eifrig an seiner Palette vergriffen. Dieser Ort war eines der berühmtesten Reiseziele Italiens.

Der einzigartige Geruch des Tyrrhenischen Meeres gab Enzo ein heimisches Gefühl, das er davor nie wirklich gehabt hatte. Er öffnete die Augen und versuchte, sein nächstes Ziel, Positano, zu erfassen. Normalerweise wäre er schon längst weitergezogen, aber ein alter Freund aus Oxford gab eine Party auf der Insel Capri und hatte ihn überredet, daran teilzunehmen.

„Du musst kommen, Rossetti! Schließlich bist du die Hauptattraktion! Die Mädels kommen von überallher, nur um einen Blick auf Rossetti, den Verwegenen zu erhaschen“, hatte Marcus gejammert.

Enzo war bei dem Spitznamen, der nicht ihm, sondern eigentlich seinem Vater gehörte, zusammengezuckt.

Er ging zum hinteren Rand des Decks, wo es keine Sicherheitsreling gab. Dieser Bereich wurde genutzt, um mit Jetskis oder kleineren Motorbooten anzudocken. Und mit einem einzigen großen Satz tauchte Enzo direkt in die eiskalten Tiefen des Meeres.

Der Kälteschock durchflutete seinen Körper und brachte sein Herz zum Rasen. In einem stummen Wettstreit mit sich selbst blieb er unter Wasser, bis seine Lunge brannte, bevor er sich schließlich wieder nach oben katapultierte und keuchend die Oberfläche durchbrach. Hastig strich er sich das Haar aus dem Gesicht und machte ein paar kräftige Schwimmzüge.

Er spürte den strengen Blick von Agata – nein, die Brünette war Svetlana – und schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. Und nur eine Minute später hievte er sich aus dem Wasser auf das Deck und griff nach dem frischen Handtuch, das ihm bereits von einem Mitarbeiter gereicht wurde. Ein anderer hielt ein Tablett in der Hand, auf dem eine Bloody Mary bereitstand.

Bella mia, musst du schon gehen?“, erkundigte er sich nonchalant.

Svetlana nickte. „Tut mir leid, amore mio, Agata hat um neun ein Meeting und ich muss um elf im Konsulat sein.“

„Seid ihr damit einverstanden, wenn Jensen euch zurück aufs Festland bringt?“

Naturalmente“, erwiderte Agata, die inzwischen neben ihrer Freundin stand, und warf ihm einen Kuss zu, den er pantomimisch mit einer Hand auffing.

Das Lachen der beiden klang ihm noch in den Ohren, als er zu seiner Suite zurückkehrte. Wenigstens blieb ihm vor seinem Telefonat mit Dubai noch etwas Zeit zum Duschen.

Die meisten Menschen glaubten, dass er ausschließlich von dem Geld lebte, das seine Eltern ihm zukommen ließen – und das war ihm ganz recht. Dabei verfügte er über ein eigenes, erstaunlich beeindruckendes Einkommen.

Es kam ihm jedoch zugute, dass er seine Investmentgesellschaft hinter mehreren undurchsichtigen Briefkastenfirmen und falschen Aushängeschildern versteckt hielt, vor allem um sein selbsterarbeitetes Vermögen vor Schnorrern und Glücksrittern jeglicher Art zu schützen. Wenn es eine Sache gab, die Enzo über alles hasste, dann war es das Streben nach materiellen Dingen, das manche Personen den allgemeinen Anstand vergessen ließ.

Sowohl Luca Rossetti als auch Amalia Gallo fielen in diese Kategorie und hatten aus ihren chaotischen Beziehungen und Scheidungen nicht nur einen extravaganten Lebensstil, sondern eine Karriere im Rampenlicht kultiviert. In diesem öffentlichen Spotlight hatte er aufwachsen müssen und sich dabei mehr als nur ein paar Mal gehörig die Finger verbrannt.

Inzwischen nutzte Enzo das Rampenlicht, um es nach Belieben von sich wegzulenken oder zu seinem Vorteil zu nutzen.

Obwohl Enzo Rossetti vor einer vollen Minute im Inneren seiner obszön teuren Jacht verschwunden war, hielt Erin sich immer noch das Fernglas vor die Augen – erstarrt und gleichzeitig unwiderruflich fasziniert vom Anblick seiner nackten Gestalt. Er war so durchtrainiert, gebräunt und … männlich.

„Erin, ist er noch da?“, fragte ihre Freundin Samara durch den Bluetooth-Kopfhörer direkt in Erins Ohr.

„Nein“, antwortete sie und schüttelte die Bilder ab, die sich vor ihrem geistigen Auge verselbstständigt hatten. Sie räusperte sich, bevor sie sich in den Sessel auf dem kleinen Balkon des Hotelzimmers in Capri fallen ließ, das sie erst zwei Tage zuvor bezogen hatte.

Oh Gott, sie würde das niemals packen!

„Du schaffst das schon“, beharrte Samara, als hätte sie Erins geheime Gedanken gelesen.

„Sam, er ist sechs Jahre älter als ich und hundertmal erfahrener! Außerdem repräsentiert er buchstäblich alles, was ich an einem Mann nicht mag.“

„Du musst ihn nicht mögen, um ihn zu heiraten.“ Die Antwort ihrer Freundin klang fast trotzig, und Erin verfluchte sich selbst dafür, dass sie Samaras eigene bevorstehende arrangierte Hochzeit völlig vergessen hatte.

„Hat sich Gallo bei dir gemeldet?“, fragte Samara jetzt.

„Nein.“ Genervt schob Erin die Zeitung auf dem Tisch beiseite, auf deren Titelseite Bilder von Enzo mit zwei bildhübschen Frauen prangten. „Und ich glaube, das wird er auch nicht, bis ich entweder Enzo Rossetti heirate oder Charterhouse aufgebe.“

„Was du nie tun wirst.“

„Was ich nie tun werde“, bestätigte Erin und blickte auf die Superjacht, die in einiger Entfernung vor Anker lag. Das Schiff war obszön und protzig. Es wurde gemunkelt, dass Enzo im Grunde keinen eigenen Besitz hatte. Dass er seine ganze Zeit damit verbrachte, von einem Hotelzimmer zum anderen zu ziehen oder einfach herumzutingeln und das Geld anderer Leute zu verschwenden.

Dieser Lebensstil war in Erins Augen einfach nur lächerlich und sie hatte ihn auf ihrer Pro-und-Kontra-Liste als negativen Punkt verzeichnet. Enzo Rossetti war unmoralisch, unzuverlässig und charakterschwach!

„Wir halten uns also an den Plan?“, fragte Sam.

„Ja, wir halten uns an den Plan“, antwortete Erin.

Sie hatte die Einladung zu Samaras Netzwerk Conxion damals im zweiten Studienjahr in ihrem E-Mail-Postfach entdeckt, als ihre eigene App gerade Fahrt aufnahm. Die intensive Arbeit an der App und das Betriebswirtschaftsstudium hatten ihr keinen Raum für echte Freundschaften gelassen. Doch Conxion und die Frauen in diesem Netzwerk hatten ihr das Gefühl gegeben, gesehen und unterstützt zu werden. Die Verbindung von geschäftstüchtigen Frauen aus der ganzen Welt war buchstäblich ein Rettungsanker gewesen, als Erin sich furchtbar einsam gefühlt hatte.

Und für ihren nächsten Lebensabschnitt hatte sie einen akribischen Plan ausgearbeitet. „Schritt eins …“

„Ihm auffallen“, fügte Sam wissend hinzu, die selbst maßgeblich an dem Plan beteiligt war.

„Was heute Abend auf der Party passieren wird“, schloss Erin.

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