Winterrosen und Liebesglück

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Nach ihrer Scheidung ist Bentley, Tochter aus reichem Elternhaus, fest entschlossen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und als sie nach etlichen Absagen eine Stelle bei der Umweltorganisation "Baysafe" bekommt, scheint endlich alles so zu laufen, wie es sich Bentley wünscht. Doch bereits an ihrem ersten Arbeitstag muss sie erkennen, dass ihr Boss, der attraktive Jackson Reese, in ihr auch nur das verwöhnte, reiche Mädchen sieht. Aber Bentley setzt alles daran, ihm das Gegenteil zu beweisen. Dass sie ihn allerdings gerne unter dem Mistelzweig küssen würde, ist dabei nicht gerade hilfreich!
  • Erscheinungstag 01.12.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783955765743
  • Seitenanzahl 135
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Erica Spindler

Winterrosen und Liebesglück

Aus dem Amerikanischen von Jana Jaeger

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

A Winter’s Rose

Copyright © 1993 by Erica Spindler

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Redaktion: Mareike Müller

ISBN 978-3-95576-574-3

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Der Laden „Marlas Wunderwelt“ lag etwas versteckt in einer Ecke im Obergeschoss des Galleria-Einkaufszentrums von Houston. Bentley Barton Cunningham interessierte sich zwar nicht sonderlich für Antiquitäten, doch vor diesem Schaufenster war sie stehen geblieben. Eine Spieldose hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.

Die Dose war etwa zwanzig Zentimeter hoch und hatte einen Durchmesser von zehn Zentimetern. Über einer polierten Holzscheibe wölbte sich eine goldverzierte Glaskuppel, und darunter stand eine Südstaatenschönheit mit einem üppigen Strauß aus winzigen, sternförmigen Blumen in der Hand.

Ein wirklich erlesenes Stück. Doch es war nicht seine Schönheit, die Bentley seit Tagen immer wieder zu dem kleinen Laden zog und ihr Herz schneller klopfen ließ. Nein, es war die unglaubliche Ähnlichkeit der Figur unter dem Glas mit ihr selbst.

Als hätte ich dafür Modell gestanden, dachte Bentley und betrachtete das Gesicht der Puppe. Die feinen Züge, der volle Mund, die mandelförmigen, etwas exotisch wirkenden Augen. Sogar das Lächeln – dieses kaum wahrnehmbare Anheben der Mundwinkel, das manche für gekünstelt hielten, das Bentley aber schon als kleines Mädchen gehabt hatte – alles war wie bei ihr.

Sie wollte die Spieldose unbedingt haben. Vor sechs Tagen hatte Bentley dieses kleine Kunstwerk entdeckt, und seitdem hatte sie täglich vor dem Laden gestanden und die Spieldose im Schaufenster bewundert. Doch sie hatte nicht gewagt, den Laden zu betreten. Aber heute musste es sein.

Ab morgen würde sie sich dieses Spielzeug nicht mehr leisten können. Dieses nicht und andere Dinge auch nicht. Bentley hatte plötzlich Angst vor der Zukunft. Sie schalt sich einen Feigling. Schließlich war sie eine erwachsene Frau mit einem Collegeabschluss, und außerdem hatte sie bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich. Eigentlich müsste sie in der Lage sein, sich selbst zu ernähren. Sie sollte doch wohl fähig sein, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Nur was?

Wieder verspürte Bentley diese Unsicherheit. Beklommen blickte sie zu Boden. Sie war jetzt sechsundzwanzig und hatte bisher nicht mehr geleistet als gut auszusehen.

Sie kämpfte gegen die aufkommenden Tränen und ihre Selbstzweifel. Durch ihre unglückliche Ehe war sie noch unsicherer geworden, und die Scheidung hatte ein Übriges getan.

Trotzig hob Bentley das Kinn. Schwimmen oder untergehen, hieß die Devise. Sie musste endlich herausfinden, wo ihre Fähigkeiten lagen. Und falls sie erkennen sollte, dass sie nur zum Eintüten von Briefen taugte, dann hätte sie wenigstens diese Gewissheit gewonnen.

„Kommen Sie ruhig herein“, wurde sie von der Ladenbesitzerin aufgefordert. „Sehen Sie sich ausgiebig um.“

Bentley riss sich von der Spieldose los und sah die Frau an, die trotz des starken Südstaatenakzents wie ein lustiger Kobold wirkte. Bentley lächelte zögernd. „Sind Sie die Inhaberin?“

„Sicher.“ Die zierliche Frau trat einladend zur Seite. „Willkommen in Marlas Wunderwelt. Marla bin ich. Kommen Sie nur.“

Ergeben folgte Bentley der Frau, neben der sie sich wie eine Riesin vorkam. „Ich interessiere mich für …“

„Die Spieldose“, fiel Marla ihr ins Wort. „Seit einer Woche.“ Sie holte das Stück aus dem Schaufenster.

Bentley lachte. „Sie ist wirklich schön.“

„Jahrhundertwende“, erklärte die Koboldfrau und reichte Bentley die Dose. „Der Korpus ist aus Nussbaum, die Verzierung aus 24-karätigem Gold. Die Figur besteht aus handbemaltem Porzellan.“

Während die Frau sprach, strich Bentley behutsam über das Holz und die Glaskuppel. „Darf ich sie aufziehen?“

Marla nickte.

Bentley drehte den kleinen goldenen Schlüssel. Die Melodie erklang, und die Puppe begann sich zu drehen. „Man meint, sie möchte einem die Blumen geben“, meinte Bentley fasziniert. Sie sah Marla an. „Was kostet sie?“

„Fünfzehnhundert.“

„Oh.“ Noch vor einer Woche hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken die doppelte Summe für Dinge ausgegeben, die ihr weit weniger wichtig waren. Vor einer Woche hatte sie keinen Begriff davon gehabt, wie viel Geld das überhaupt war.

„Ich wette, Ihr Kleid hat genau so viel gekostet“, bemerkte Marla. „Dieses Stück hat immerhin Geschichte.“

Bentley merkte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg. „Wissen Sie, woher es stammt? Wer der Eigentümer war?“

Die kleine Frau nickte. „Eine Tragödie wie im Roman. Die Spieldose stammt von einer Mississippiplantage. Die Familie ist verarmt und musste ihre Erbstücke verkaufen. Eins der letzten Familienmitglieder versucht mit allen Mitteln, das Grundstück zu erhalten. Ich habe noch ein paar andere hübsche Dinge von der Plantage. Ashland heißt sie.“

„Ashland“, wiederholte Bentley versonnen. Sie überlegte fieberhaft. Wenn sie die Spieldose nicht auf der Stelle kaufte, würde sie für immer darauf verzichten müssen. Dies war ihre letzte Chance.

Es musste sein.

Bentley hob den Kopf. „Stellt die Figur jemanden Bestimmtes dar?“, fragte sie.

„Das weiß ich leider nicht.“ Marla lächelte. „Aber die Ähnlichkeit ist verblüffend, nicht?“

Sie weiß schon, dass ich sie kaufen werde, dachte Bentley und berührte vorsichtig das Glas. Sie spürt es genau, dass ich nicht widerstehen kann.

Als Bentley der Geschäftsinhaberin ihre Kreditkarte reichte, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl von Schicksalhaftigkeit.

Bentley strich ihren Rock aus Rohseide glatt und wünschte, sie könnte ihre aufgewühlten Gefühle genauso leicht glätten. Schwimmen oder untergehen, sagte sie sich zum wiederholten Mal. Sie musste es versuchen, das war sie sich selbst schuldig. Der erste Schritt bestand darin, ihren Eltern von ihrem Entschluss zu erzählen. Auf die unvermeidliche Reaktion war sie bereits gefasst.

Trotzdem würde es eine heikle Situation werden. Bentley fand es schrecklich, ihre Eltern enttäuschen zu müssen, aber so konnte sie nicht weiterleben.

Sie zwang sich zu einem betont selbstbewussten Lächeln und durchschritt das sonnige, mit Pflanzenkübeln dekorierte Café. Ihre Mutter war schon da. Bentley hatte ihre schöne Mutter stets bewundert. Mit ihrer zierlichen, reizvollen Figur und der gepflegten Erscheinung erinnerte sie eher an ein Kunstwerk als an ein Wesen aus Fleisch und Blut.

„Bentley, Liebling, du siehst hinreißend aus.“ Mrs Cunningham lächelte und streckte ihrer Tochter die Hände entgegen.

Bentley ergriff sie und hauchte einen Kuss auf die makellose Wange ihrer Mutter. „Danke, Mom. Wo ist Dad?“

„Er musste leider absagen.“ Mrs Cunningham zog ihre Puderdose heraus und prüfte, ob ihr Make-up nicht durch Bentleys Kuss gelitten hatte. Beruhigt steckte sie die Dose ein. „Du kennst ja seinen randvollen Terminkalender.“

Bentley nickte. Enttäuscht und gekränkt setzte sie sich an den Tisch. Sie hatte ihren Vater wissen lassen, dass sie ihm etwas Wichtiges zu sagen hatte. Aber das Geschäft ging jederzeit vor. Schließlich hatte Nick Cunningham sein Ölimperium nicht aufgebaut, indem er bei Frau und Kind weilte.

„Du hast eine neue Frisur“, stellte Mrs Cunningham fest.

„Stimmt.“ Bentley breitete die Serviette auf ihrem Schoß aus. „Suzanne fand, ich sollte mehr von meinem Gesicht zeigen.“

Bentleys Mutter lächelte. „Es gefällt mir. Sehr attraktiv.“ Sie langte über den Tisch und strich ihrer Tochter eine vorwitzige Strähne aus der Stirn. „So, jetzt ist es perfekt.“

Bentley hob instinktiv die Hand, um den Sitz ihres Haars zu überprüfen. Doch augenblicklich ärgerte sie sich über ihre Unsicherheit. Warum fühlte sie sich in Gegenwart ihrer Mutter nur so hilflos und verunsichert wie eine Dreizehnjährige?

Die Bedienung brachte die Menükarten und nahm die Bestellung für die Getränke auf. „Wartest du schon lange?“, erkundigte sich Bentley bei ihrer Mutter.

„Nein, nein.“ Trixy Cunningham traf ihre Wahl und legte die Karte beiseite. Mit ernstem Blick sah sie ihre Tochter an. „Bentley … Schatz, ich muss mit dir reden.“

Bentley runzelte die Stirn und legte ebenfalls die Karte weg. „Stimmt etwas nicht?“

„Nun ja.“ Mrs Cunningham beugte sich vor und senkte die Stimme. „Liebes, du weißt doch, hier in Texas zählt nur der Familienname.“

Bentley wusste sofort, worauf ihre Mutter hinauswollte. Vor Zorn und Scham röteten sich ihre Wangen. „Wir haben das mehrfach besprochen, Mom. Ich habe Davids Familiennamen nach der Scheidung abgelegt, weil ich überhaupt nichts mehr von ihm haben will.“

Trixy Cunninghams Stimme wurde zuckersüß. „Weaver ist ein großer alter Name, fast so bedeutend wie Barton. Außerdem wird David eines Tages die Position seines Vaters in Austin einnehmen. Solche Beziehungen sind immer von Nutzen.“

„Ich denke, ich werde meinen Weg auch ohne Beziehungen machen“, sagte Bentley abweisend, während die Bedienung das Mineralwasser vor sie hinstellte.

Nachdem sie die Bestellung für das Essen aufgegeben hatten, wandte sich Bentley ihrer Mutter zu. Sie wollte weder streiten, noch über ihren Ex-Ehemann, ihre Ehe oder die Scheidung sprechen, obwohl das Trixys Lieblingsthemen waren. Nein, heute wollte sie von sich selbst sprechen, von ihren Träumen und Zielen.

Bentley holte tief Luft und lehnte sich ein wenig weiter über den Tisch. „Ich habe Dad und dich um dieses Treffen gebeten, weil ich euch etwas Wichtiges mitteilen möchte. Etwas Schönes, und ich hoffe, ihr seht es auch so.“

Trixys Augen begannen zu leuchten. „Du hast dich wieder verliebt.“

„Nein, Mom, ich …“

„Du hast dich mit David versöhnt?“

„Nein.“ Bentley verspannte sich.

Trixy Cunningham zog die Augenbrauen hoch. „Dann bin ich aber wirklich neugierig.“

Bentley faltete die Hände im Schoß und kämpfte gegen das Gefühl der Hilflosigkeit an. Sie holte tief Luft. „Ich habe beschlossen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde arbeiten.“

„Arbeiten?“, wiederholte ihre Mutter, als hätte sie das Wort zum ersten Mal gehört. „Was meinst du mit ‚arbeiten‘?“

„Ich suche mir einen Job.“

Wie vom Donner gerührt starrte Trixy Cunningham ihre Tochter an. Dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Aber warum, Bentley? Du hast doch alles. Wir haben es an nichts fehlen lassen …“

Und genau das war das Problem. Alles war Bentley zugefallen. Sie hatte sich nie um etwas bemühen, geschweige denn um etwas kämpfen müssen. Ihre Schönheit war eine Gottesgabe, ebenso ihre gesellschaftliche Stellung und ihr Name.

Aber sie hatte sich immer nach etwas anderem gesehnt. Nach Selbstverwirklichung. Und sie hatte sich nie wirklich getraut. Doch nach der letzten Demütigung durch David hatte sie einen Entschluss gefasst.

Aber noch stand ihr der schwerste Schritt bevor.

Bentley ergriff die Hände ihrer Mutter. „Ich habe mich die ganze Zeit wie eine Getriebene gefühlt. Als ob ich keine echte Verbindung zum wirklichen Leben habe. Ich weiß nicht, wer ich selbst bin, ich habe in meinem Leben noch nichts erreicht.“ Sie schluckte schwer und räusperte sich. „Ich komme mir so nutzlos vor. Und ich glaube, wenn ich eine Arbeit finde, geht es mir besser.“

„Das sind bloß die Nachwirkungen der Scheidung“, stellte Mrs Cunningham fest. Sie drückte kurz die Hand ihrer Tochter und ließ sie schnell los. „Wenn ihr euch mehr Mühe gegeben hättet, du und David, und wenn du ein Kind bekommen hättest …“

Bentley legte die Hände in den Schoß. Ihre Unfruchtbarkeit war eine große Belastung für die Ehe gewesen. Der Gedanke, dass sie wahrscheinlich niemals Kinder bekommen könnte, war unerträglich. Aber noch mehr schmerzten ihre Selbstzweifel und ihre Feigheit. Würde sie jemals den Mut aufbringen, ihrer Mutter die Wahrheit zu gestehen und offen über den Albtraum ihrer Ehe sprechen können? Über David, wie er wirklich war?

„Versteh mich doch, Mom. Das hat nichts mit Ehe oder Schwangerschaft zu tun. Es geht allein um mich.“ Bentley legte die Hand auf ihr Herz. „Um meine Person.“

Trixy stieß ungeduldig die Luft aus. „Du bist eine schöne Frau, Liebling. Du kommst aus einem guten Haus. Du musst gar nichts weiter tun, Schatz.“

Bentley sah ihre Mutter an. Trixy Cunningham hatte ihr Leben damit verbracht, ihre Schönheit zu pflegen und ihren Platz in den besseren Kreisen von Texas zu behaupten. Sie genoss ihren aufwendigen Lebensstil und verlangte nichts anderes.

Trixy Cunningham würde ihre Tochter nie das Verständnis entgegenbringen, das Bentley so verzweifelt ersehnte. Mühsam unterdrückte Bentley die Tränen. In Zukunft würde sie eben ohne die Unterstützung ihrer Eltern auskommen müssen.

Bentley griff in ihre Handtasche und holte die Kreditkarten heraus. Sie wusste, dass dies ihr Leben entscheidend verändern würde, aber sie übergab ihrer Mutter die Plastikkarten. „Gib das bitte Dad zurück.“

Verständnislos blickte Trixy auf die Karten, dann auf ihre Tochter. „Was soll das, Bentley? Ich begreife nicht …“

„Meine Kreditkarten. Ich brauche sie nicht mehr.“

„Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Mir war noch nie etwas so ernst.“ Bentley holte tief Luft. „Ende des Monats ziehe ich aus dem Haus aus.“

„Aber wo willst du wohnen?“

„Sobald ich Arbeit gefunden habe, suche ich mir eine Wohnung, die ich von meinem Einkommen bezahlen kann.“

„Meine Güte …“ Wie vor den Kopf geschlagen sank Mrs Cunningham auf ihrem Stuhl zusammen. „Und der BMW?“

Bentley dachte an ihren geliebten Sportwagen. Wahrscheinlich würde sie ihn verkaufen müssen. „Das war ein Geburtstagsgeschenk, ich behalte ihn. Aber von jetzt an komme ich selbst für die Kosten dafür auf.“

Fassungslos nahm es ihre Mutter zur Kenntnis. „Sag mal, was willst du eigentlich arbeiten?“, erkundigte sie sich schließlich.

Bentleys spürte, wie ihr Mut sank. „Ich weiß es nicht“, gestand sie leise. Unvermittelt musste sie an die Porzellanpuppe in der Spieldose denken. Sie reckte die Schultern. „Ich finde schon etwas. Immerhin habe ich einen Collegeabschluss.“

Trixy Cunningham betrachtete ihren riesigen Brillantring wie die Kristallkugel einer Hellseherin. Dann sah sie ihre Tochter an. „Hast du dir es auch gut überlegt, Kind? Mach doch erst einmal Urlaub. Auf den Inseln ist es um diese Zeit herrlich, ich bin sicher, du wirst …“

„Urlaub wovon, Mom? Vom Geldausgeben? Vom Friseur und den Partys?“ Wieder ergriff Bentley die Hände ihrer Mutter, ihr Ton wurde sanfter. „Ja, ich habe es mir gründlich überlegt. Seit Wochen denke ich an nichts anderes. Ich bin fest entschlossen.“

Der Ober brachte den Salat von Meeresfrüchten. Sie begannen zu essen und unterhielten sich über den neuesten Klatsch aus der Stadt. Das heikle Thema wurde vorerst nicht mehr angesprochen.

Bentleys Gefühle schwankten indessen zwischen Erleichterung und panischer Angst, zwischen Zuversicht und heftigen Zweifeln.

Eine Woche später hatten sich Bentleys Stimmungsschwankungen einigermaßen eingependelt – jetzt war sie nur noch deprimiert. Sie hatte sich auf ihrer weißen Ledercouch eingekuschelt, die Spieldose auf dem Tischchen neben sich und die Stellenanzeigen der Houstoner Tageszeitung vor sich. Sie fragte sich, ob sie bei Sinnen gewesen war, als sie ihren Entschluss gefasst hatte.

Mit ihrem Examen in Kunstgeschichte war absolut nichts anzufangen. Jobs gab es offensichtlich nur für Fachleute mit Berufserfahrung. Selbst als Putzfrau musste man heutzutage Erfahrung nachweisen können.

Bentley konnte nicht einmal Erfahrungen als Babysitterin ins Feld führen.

Sie nahm die Spieldose in die Hand und betrachtete ihr Ebenbild unter dem Glas. „Was soll ich nur machen?“, fragte sie laut. In der vergangenen Woche hatte sie bei einem Dutzend Arbeitgebern vorgesprochen und sich höfliche Ablehnungen eingehandelt. Ein weiteres Dutzend Personalchefs hatte sie gar nicht erst empfangen.

Bentley zog die Spieldose auf und sah zu, wie sich die Figur langsam drehte. Wie naiv sie gewesen war. Sie hatte sich gute Chancen als Berufsanfängerin ausgerechnet, in einem hübschen Büro und mit einer freundlichen Kollegin, die sie in alles einwies. Sie schämte sich ja so. In der vergangenen Woche hatte sich nicht ein einziger Job am Horizont abgezeichnet.

Habe ich überstürzt gehandelt? fragte sie sich. Vielleicht hat Mom recht, und ich war zu voreilig. Bentley seufzte und berührte das kühle Glas der Spieldose. Wie einfach hatte sie sich alles vorgestellt. Sie hatte ihr Leben verändern wollen, ohne wirklich zu wissen, wie.

Das Telefon klingelte. Sofort sprang Bentley auf.

Es war ihre Mutter. „Ich habe dich hoffentlich nicht aus dem Schlaf geweckt, Liebes?“

„Nein, nein.“ Bentley blickte auf die Zeitung und meinte betont aufgeräumt: „Ich bin gerade die Stellenanzeigen durchgegangen.“

„Hast du etwas gefunden?“

„Ein paar interessante Aussichten, aber noch nichts Endgültiges.“

„Das ist gut.“ Trixy Cunningham machte eine wirkungsvolle Pause. „Ich habe nämlich einen Job für dich.“

„Wirklich?“, fragte Bentley ungläubig.

„Genau. Und nicht bei Cunningham Oil“, fügte ihre Mutter schnell hinzu. „Es ist eine Umweltorganisation in Galveston. Sie nennt sich Baysafe und sucht verzweifelt nach Mitarbeitern. Ich denke, das ist eine schöne Aufgabe für eine Lady.“

Nervös wickelte Bentley die Telefonschnur um den Finger. „Ich habe dir doch gesagt, Mom, wenn ich auf eigenen Füßen stehen will, brauche ich ein festes Gehalt.“

„Das habe ich durchaus begriffen“, meinte Trixy leicht beleidigt. „Sie zahlen ja für den Job.“

„Entschuldige, Mom“, gab Bentley zerknirscht zurück.

„Also? Was meinst du?“

Bentley blieb reserviert. „Ich danke dir für die Hilfe, Mom. Aber versteh mich bitte, ich möchte es auf eigene Faust schaffen.“

Das Schweigen am anderen Ende war fast ohrenbetäubend. Nach einer Weile murmelte Trixy: „Schon gut. Ich wollte dir ja nur helfen.“

Der verletzte Ton verfehlte seine Wirkung nicht. „Ich weiß, Mom. Ich bin bloß müde und gereizt. Erzähl mir mehr von dem Job.“

„Gern.“ Mrs Cunningham räusperte sich. „Baysafe ist ein eingetragener Verein, und du würdest direkt mit dem Gründer Jackson Reese zusammenarbeiten. Sie brauchen Leute, man muss sich nicht offiziell bewerben … und man wird auch nicht von irgendeinem Personalchef kurzerhand abgelehnt.“

Bentley betrachtete die Stellenanzeigen in der Zeitung und dachte an die Erfahrungen der letzten Woche. Man hatte sie weder als Telefonistin, noch als Serviererin, noch als ungelernte Hilfsarbeiterin genommen. Wenn sie nun überhaupt keinen Job fand? Sie würde ihr Versagen eingestehen müssen und wieder auf elterliche Unterstützung angewiesen sein.

Sie nagte nervös an der Unterlippe. War es nicht gleichgültig, auf welche Weise sie zu einem Job bekam? Hauptsache, sie würde sich behaupten.

„Wollen sie mich wirklich nehmen?“, fragte sie mit einem Zittern in der Stimme.

„Sie warten nur auf dich.“

„Okay.“ Bentley atmete tief ein. „Ich nehme den Job.“

2. KAPITEL

„Du hast was gemacht?“ Wütend stand Jackson Reese vor seiner dreizehnjährigen Tochter Chloe.

Sie hob trotzig das Kinn. „Ich habe Mom angerufen. Ich habe ihr erzählt, wie eklig du zu mir bist.“

„Du hast also deine Mutter angerufen, die in Frankreich an der Riviera Urlaub macht, um ihr zu erzählen, was ich für ein schrecklicher Vater bin.“

„Ganz genau“, meinte Chloe eiskalt.

Jackson konnte sich nur mühsam beherrschen. „Und was meinte sie?“

„Sie ist ganz meiner Meinung.“ Chloe warf den Kopf in den Nacken. „Dass du einfach gemein ist.“

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