Irische Hochzeit - 9. Kapitel

9. KAPITEL

Isabel schmerzten die Arme, trotzdem setzte sie noch einen Stein auf die Mauer. Seit einem halben Tag arbeitete sie daran, die Außenseite der zerstörten Palisade wieder aufzubauen. Da die Wände aus Holz waren, gab es genug Kalksteine auf der Insel, um drei Türme zu bauen. Und sie hatte es satt, in der Hütte anderer Leute zu leben, wo sie doch einen eigenen Unterschlupf besaß, so baufällig er auch sein mochte.

     Leider war ihre Steinmauer erst zwei Hand hoch.

     Die Arbeit half ihr, nicht an Patrick zu denken. Sie sehnte sich danach, seinen Schädel auf einen dieser Felsbrocken zu schlagen, weil er sich immer noch weigerte, sie als seine Frau anzusehen und nicht bloß als eine Normannin. Was sollte sie denn noch tun?

     Um sich herum sah sie die Gesichter der Inselbewohner, die sie beobachteten. Keiner sprach ein Wort, doch sie sahen ihr beim Palisadenbau zu, behielten sie abwechselnd im Auge, während sie ihrer eigenen Arbeit nachgingen. Isabel kam sich wie eine vom fahrenden Volk vor, die den Leuten Unterhaltung bot.

     Mit der Rückseite ihrer Hand wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Eine kleine Bewegung weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein kleines Mädchen von vielleicht zehn Jahren trat heran. Die blonden Haare waren zu einem Zopf geflochten. Sie trug ein graues léine und war barfuß.

     Das Mädchen sprach ein singendes Irisch, Worte, die Isabel nicht verstand. Doch sie verstand, was der Tonbecher bedeutete, den die Kleine ihr entgegenstreckte.

     „Danke“, sagte sie und nahm den Trunk. Das Bier war zwar nicht gekühlt, aber es war das erste Mal, dass jemand eine gastfreundliche Geste zeigte. Sie gab den Becher zurück, nachdem sie ihn geleert hatte, und lächelte das Mädchen an. Auf den Stapel Steine deutend fragte sie: „Willst du mir helfen?“

     Das Mädchen schaute zu seiner Mutter, die den Kopf schüttelte. Isabel verbarg ihre Enttäuschung. Stattdessen fuhr sie mit ihrer Arbeit fort und setzte weiter Stein auf Stein.

     Als die Sonne den höchsten Stand erreichte, legte sie eine Pause ein, um ein paar Bissen zu essen. In dem Augenblick vernahm sie erregte Stimmen. Viele der Kinder huschten aufgeregt plappernd durch den Eingang des Ringwalls.

     Isabel erhob sich und sah Sir Anselm, der eine junge Frau trug. Beide waren bis auf die Haut durchnässt. Sie fragte sich nicht lange, warum er nach Ennisleigh gekommen war, sondern eilte auf ihn zu. Nach einem Blick in das blasse Gesicht der Frau, erkannte Isabel sie. Es war Sosanna, die stumme Frau von Laochre.

     „Was ist geschehen?“, fragte Isabel.

     „Sie sprang von der Klippe“, erwiderte Anselm grimmig. „Ihr Bruder ist einer der irischen Rebellen. Wenn er herausbekommt, was mit ihr passiert ist, wird er meinen Männern die Schuld geben.“

     Isabel verstand. „Bringt sie in die Hütte. Helft mit, Feuer zu machen. Dann werden wir nach ihr sehen.“

     Die Inselbewohner folgten Sir Anselm und scharten sich um den Eingang zur Hütte. Isabel schickte ihn vor und hinderte dann die Leute daran, die Hütte zu betreten.

     „Macht euch keine Sorgen“, sagte sie. Eine der Frauen trat vor und bedeutete ihr, dass sie eintreten wolle. Es war die Mutter des Mädchens, das das Bier gebracht hatte.

     Isabel erkannte, dass die Inselbewohner ihr nicht glauben würden, dass sie Sosanna helfen wollte, bis sie es mit eigenen Augen gesehen hätten. Sie winkte die Irin und ihre Tochter hinein. „Kommt und helft mir.“

     Wenn sie zusammenarbeiteten, würde die Mutter vielleicht anfangen, ihr zu vertrauen. Isabel stieß die aus einer Tierhaut gefertigte Tür auf und wartete. Ohne zu zögern ging die Frau hinein, und Isabel ließ die Tür offen stehen. Anselm hatte Sosanna auf die Matratze gelegt.

     Isabel stellte sich und den normannischen Ritter vor. Sie erfuhr, dass der Name des Kindes Orla und der seiner Mutter Annle war.

     Annle kniete neben Sosanna nieder. Mit der Gewandtheit einer erfahrenen Heilerin untersuchte sie Sosanna nach gebrochenen Knochen oder anderen Verletzungen. Isabel saß still neben ihr und betete stumm für das Leben der jungen Frau und das ihres ungeborenen Kindes. „Wann ist es geschehen?“, fragte sie Sir Anselm.

     „Heute Morgen, gerade vor einer Stunde. Ich sah sie weggehen und bin ihr gefolgt.“

     „Weiß irgendjemand davon?“

     Sir Anselm schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Sie werden wissen, dass man sie vermisst und dass ich eines der Boote genommen habe.“

     „Würdet Ihr gehen und es Patrick sagen? Sagt ihm, dass wir uns hier auf Ennisleigh um sie kümmern.“

     „Haltet Ihr das für klug? Der König könnte mir die Schuld an dem Unfall geben. Ich war der Einzige, der sie springen sah.“

     „Ihr hattet keinen Grund, ihr ein Leid anzutun. Und wir alle können bezeugen, wie Ihr sie hierhergebracht habt.“ Sie winkte mit der Hand. „Geht. Wir werden uns jetzt um sie kümmern.“

     Die Augen auf Sosanna gerichtet, zögerte er noch immer. Er macht sich Sorgen, erkannte Isabel. Aus irgendeinem Grund wollte der Kämpfer sicher sein, dass es Sosanna gut haben würde.

     „Ihr könnt später kommen und sie sehen“, sagte Isabel freundlich und begleitete ihn hinaus.

     Nachdem er gegangen war, half Annle ihr, Sosanna auszuziehen. Die bewusstlose Frau reagierte nicht. Ihre Haut war kalt. Annle tastete den Bauch der jungen Frau ab, und auch Isabel legte ihre Hand darauf. Sie warteten, und nach einiger Zeit war da eine kleine, flatternde Bewegung unter Isabels Hand zu spüren.

     Erstaunt, dass sie fühlen konnte, wie das ungeborene Kind sich bewegte, zog Isabel die Hand zurück. Sie hatte noch nie zuvor eine schwangere Frau berührt. Eine bedrückte Stimmung übermannte sie. Sosannas Anblick schien sie zu verhöhnen, weil sie daran denken musste, was Patrick ihr nicht geben wollte. Nur wollte sie sich nicht erneut demütigen lassen. Sollte Patrick doch die Konsequenzen tragen, wenn ihr Vater kam und herausfand, dass sie noch Jungfrau war.

     Isabel betrachtete Sosanna, die beängstigend still dalag. Annle zog eine Decke über die Frau, um ihren zerbrechlichen Körper zu wärmen. Sie machte Isabel ein Zeichen, sie solle warten und ging aus der Hütte. Isabel schürte das Feuer, damit es drinnen warm blieb.

     Als Annle zurückkehrte, trug sie einen Korb. Sie nahm Mörser und Stößel und einige Kräuter daraus und befahl Isabel mit Gesten, die Kräuter zu zerreiben. Isabel wusste, dass die Mischung aus Beinwell und Wintergrün gut gegen Prellungen war. Sie zerstieß die Kräuter und reichte den Mörser wieder Annle.

     Annle verstrich etwas von der Mixtur auf eine geschwollene Stelle an Sosannas Arm. Als all die kleinen Schnitte und Prellungen behandelt waren, konnten sie nicht viel mehr tun, als sie warm zu halten.

     Die Heilerin hob einen Topf mit heißem Wasser vom Feuer und holte Gemüse aus ihrem Korb. Sie reichte Isabel ein Bündel und deutete ihr an, sie sollte das Essen vorbereiten.

     Isabel wickelte Erbsen aus dem Tuch und erkannte, dass Annle eine Suppe zubereiten wollte. Sie wünschte, sie hätte fragen können, ob auch anderes Gemüse zur Verfügung stand. Vielleicht hatten sie Zwiebeln, um den Geschmack zu verbessern.

     Ihr Zorn stieg. In all den Tagen seit ihrer Ankunft auf Erin hatte keiner ihr angeboten, sie die Sprache zu lehren. Nun, vielleicht war jetzt die Zeit gekommen, mit dem Lernen zu beginnen.

     „Wie heißt das Wort für Schale?“, fragte sie Annle und hielt eine aus Holz geschnitzte Schale hoch. Die Frau runzelte die Stirn. Sie verstand Isabels Frage nicht.

     „Schale“, wiederholte Isabel.

     Babhla?, fragte Annle.

     Isabel hielt die Schale hoch. Babhla? Als die Frau mit dem Kopf nickte, strahlte Isabel. Allen Heiligen sei Dank, das war wenigstens ein Anfang.

     Sie ging im Raum umher, deutete auf jedes Ding und fragte Annle nach dem Namen. Dann wiederholte sie ihn. Auch wenn Annle manchmal zu zögern schien, so beantwortete sie doch Isabels Fragen.

Stunden vergingen, und einige der Inselbewohner schauten vorbei. Isabel bemühte sich, einige Worte zu erkennen. Aber so sehr sie sich auch bemühte, der Redestrom blieb ihr unverständlich.

     Schließlich kam Patrick. Seine mächtige Gestalt schien den ganzen Türrahmen auszufüllen. Das schwarze Haar fiel ihm auf die Schultern, einige Schnitte zeichneten sein Gesicht, und eine Hand war mit einem Stück Leinen verbunden, als hätte er einen Kampf hinter sich.

     Isabel konnte nicht alle seine Fragen verstehen, Patrick schien indes mit Annles Antworten zufrieden zu sein. Dann entließ er alle. Isabel stand auf, um ebenfalls zu gehen, doch er hielt sie zurück. „Ich möchte, dass du bleibst.“

     „Ich halte es für besser, ebenfalls zu gehen.“ Es fiel ihr schwer, ihn anzusehen, denn sie erinnerte sich voller Verlegenheit an die vergangene Nacht.

     Patrick legte seinen dunkelroten Mantel ab und setzte sich neben Sosanna. „Was hat Anselm dir erzählt? War er schuld an ihrem Sturz?“

     „Sie stürzte nicht. Sie sprang und er hinterher, um sie zu retten.“ Patrick verzog zweifelnd das Gesicht.

     „Du glaubst mir nicht“, stellte Isabel fest.

     „Nein.“

     Sie biss die Zähne zusammen. Wieso sah er nicht die Qual der Frau? Konnte er nicht erraten, dass ihr wahrscheinlich Gewalt angetan worden war? Das Kind, das in ihr heranwuchs, erinnerte sie täglich an das, was sie erlitten hatte.

     „Anselm brachte sie hierher“, erinnerte sie ihn. „Er rettete sie.“

     „Er hätte den Sturz verhindern sollen.“

     „Und wie hätte er das tun sollen? Ihr hinterherfliegen und sie packen?“

     „Sie hätte nicht allein dort draußen sein dürfen.“

     Hinter allem Zorn verbarg sich die Sorge um Sosanna. Isabel schöpfte Suppe in eine Schale und gab sie ihm. „Sie ist verletzt, und es geht um mehr als nur um das Kind oder die körperlichen Wunden. Seit wann redet sie nicht mehr?“

     „Seit dem letzten Sommer.“ Er gab sich die Schuld, weil er nicht nach dem wahren Grund gesucht hatte, warum Sosanna sich weigerte zu sprechen. Und seitdem er die Normannen in den rath gebracht hatte, zog sie sich Tag für Tag mehr in sich zurück.

     Wenn er von dem Kind gewusste hätte, hätte er sie schon früher nach Ennisleigh gebracht. Jetzt lebte der Mann, der sie entehrt hatte, vielleicht mitten unter ihnen. Er aß die Schale Suppe, die Isabel ihm gereichte hatte und schmeckte sie doch kaum.

     „Lebt das Kleine?“, fragte er.

     Isabel nickte. „Vor Kurzem fühlte ich, dass es sich bewegt.“

     Er war erleichtert, das zu hören. Das weite Gewand, das Sosanna trug, ließ nur schwer erraten, wann das Kind geboren werden würde. Doch wenn Isabel eine Bewegung spüren konnte, würde es nicht mehr lange dauern.

     „Ist sie einmal aufgewacht, seitdem Anselm sie hierherbrachte?“

     „Nein.“ Isabel blieb in der Nähe der Feuerstelle. „Wir konnten ihr aber trotzdem etwas Brühe einflößen.“

     „Gut. Bleib heute Nacht bei ihr. Ich will morgen wiederkommen. Ruarc wird sie sehen wollen.“

     „Hast du ihm denn gesagt, was mit Sosanna geschehen ist?“, fragte sie.

     „Das habe ich nicht, nein.“ Soweit er wusste, war Ruarc immer noch eingesperrt. Weil er den Trotz seines Cousins brechen wollte, beabsichtigte Patrick, die Bestrafung auch heute fortzuführen. Sonst zettelte Ruarc noch einen Krieg an.

     Andererseits war Sosanna seine Schwester. Er verdiente es, sie zu sehen, und obwohl Patrick die Reaktion des Mannes fürchtete, musste er ihn zu ihr lassen.

     „Die anderen sollten nicht mit Sosanna zusammenkommen“, sagte er zu Isabel. „Nur du und Annle. Sonst möchte ich niemanden in ihrer Nähe sehen.“

     Das würde der jungen Frau Zeit geben, gesund zu werden, ohne Fragen beantworten zu müssen.

     „Obwohl du glaubst, dass die Normannen ihr das antaten, willst du, dass ich sie pflege?“ Ihr Gesicht drückte Ungläubigkeit aus. „Sie wird bei meinem Anblick schreien.“

     „Dann sprich nicht“, wies er sie an. „Lass sie nicht wissen, wer du bist.“

     „Sie hat mich schon gesehen und weiß, dass ich Normannin bin. Ich möchte sie nicht anlügen.“ Isabel trat von ihm weg und tat, als interessierte sie sich für einen Topf mit kochendem Wasser. „Zwei Wochen bin ich jetzt schon hier. Und in dieser Zeit hast du mich von allen ferngehalten.“ In ihren Augen war zu lesen, wie verletzt sie war. „Ich möchte nicht so weiterleben. Ich kenne eure Sprache nicht, ich kenne eure Sitten nicht.“ Sie hob einen Schöpflöffel hoch und sah zu, wie er wieder im Wasser versank.

     Patrick wollte etwas sagen und ihr alles erklären. Doch wie würde sie reagieren, wenn sie erfuhr, dass er vorhatte, nach der Abreise ihres Vaters ihre Ehe aufzulösen?

     „Soll ich dich nach England zurückbringen?“, fragte er.

     „Rede keinen Unsinn. Wir beide wissen, dass das nie geschehen wird.“

     Er stand auf, ging zu ihr und nahm ihr den Schöpflöffel aus der Hand. „Und wenn ich es dir erlauben würde? Ist es das, was du möchtest?“

     Sie drehte sich zu ihm um. „Ich möchte, was jede Frau sich wünscht. Eine Familie. Ein eigenes Heim.“ Ein Ausdruck von Traurigkeit und Bedauern huschte über ihr Gesicht. „Eine richtige Ehe.“

     Patrick entschuldigte sich nicht. Auch wenn es ihm leidtat, dass sie Opfer dieses Handels war, konnte er ihr niemals gewähren, was sie sich wünschte.

     „Du forderst etwas, das ich nicht geben kann.“

     „Nein.“ In ihrer Stimme schwang Traurigkeit mit. „Ich fordere, was du nicht geben willst. Und ich verstehe nicht, warum.“

     „Machen wir einen Spaziergang.“ Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern hielt die Tür auf. Das Beste war, ihr die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie ihr nicht gefallen mochte.

     Draußen war der Nachmittag bereits in den Abend übergegangen. Eine leichte Brise strich über das hohe Gras vor dem Ringwall. Er führte sie zu einem aufragenden Felsen, wo das Meer sich vor ihnen erstreckte. Es war einer seiner Lieblingsplätze, denn hier glaubte man, den Rest der Welt zu überblicken. Gleichmäßig schlugen die Wellen gegen die Felsen.

     „Ich weiß, dass du mein Volk hasst“, begann Isabel. „Doch ich bin nicht schuld an der Vergangenheit. Und du gibst mit die Schuld an den Taten meines Vaters.“ Sie setzte sich ins Gras, lehnte sich an einen Kalksteinbrocken und fragte sich, warum er sie hierher, an diesen Ort außerhalb des Ringwalls gebracht hatte. Patrick presste die Lippen zu einer schmalen Linie, als wollte er nur ungern etwas erwidern.

     In seinen Augen lag Wachsamkeit. Obwohl er die Kraft eine Kriegers besaß, war sein Gesicht schmal und hager. Die Haarsträhnen an seiner Stirn waren gewellt, so, als wären sie noch vor Kurzem zu Kriegszöpfen geflochten gewesen.

     „Ich erzählte dir, wie mein Bruder Uilliam bis letzten Sommer über den Stamm herrschte.“

     Isabel nickte. Sie erinnerte sich, dass sein Bruder in der Schlacht umgekommen war.

     „Das Volk wählte mich als seinen Nachfolger, obwohl Ruarc sich ebenfalls um das Königsrecht bewarb.“

     „Was ist mit deinen anderen Brüdern?“

     „Nach dem Tod seiner Frau und seiner Tochter, hatte Bevan kein Interesse daran. Und Trahern sagte, es wäre meine Pflicht, Uilliams Platz einzunehmen.“

     Patrick stützte die mit den ledernen Armbändern geschmückten Arme auf die Knie. „Du und ich ähneln uns mehr, als du vielleicht glaubst. Keiner von uns kann sein Schicksal bestimmen.“

     Isabel gefiel die Richtung nicht, die ihre Unterhaltung nahm. „Ich habe diese Art zu leben nicht gewählt. Jeder Mann hat die Macht, sein eigenes Leben zu führen. Selbst du.“

     „Ich bin König. Meine Kraft gehört meinem Volk.“

     „Du bist eher ein Diener als ein König.“

     „Das mag sein. Doch ich muss alles geben, um meinen Leuten zu helfen.“ Er griff nach einem glatten Stein und nahm ihn in die Hand.

     „Was kann ich tun?“, fragte Isabel.

     Er schleuderte den Stein und zuckte die Achseln. „Dich eine Zeit lang um Sosanna kümmern.“

     „Und danach?“ Sie spürte das Zögern in seiner Stimme, so, als wollte er etwas vor ihr verbergen.

     Patrick stand auf und drehte ihr den Rücken zu. „Isabel, das hier ist kein Ort für dich. Ich kann unsere Heirat nicht rückgängig machen, denn sie schenkte meinem Volk das Leben. Doch bleib an meiner Seite, bis dein Vater fort ist, und ich will dir helfen, deinen Wunsch zu erfüllen. Ich verspreche dir einen Ehemann, der dir Kinder schenkt und dich mit dem Respekt behandeln wird, den du verdienst.“

     Das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Sprach er von einer Annullierung? Das würde allerdings erklären, warum er das Bett nicht mit ihr teilte. Früher einmal wäre sie deswegen überglücklich gewesen. Nun aber blutete ihr das Herz. Sie straffte die Schultern und wünschte, sie könnte den Zorn und das Gefühl, zurückgestoßen zu werden, verdrängen.

     Isabel rieb sich fröstelnd die Arme. Es wehte ein kühler Wind. „Ist es das, was du dir wünschst?“, flüsterte sie. „Frei von mir zu sein?“

     Seine grauen Augen bohrten sich in die ihren. „Ja. Es wäre das Beste.“ Näher rückend fügte er hinzu: „Du wünschst dir das doch auch, nicht wahr?“

     „Natürlich.“ Ihre Stimme klang nicht sehr überzeugt. Sie kam sich jetzt sogar noch törichter vor, weil sie versucht hatte, ihre Ehe zu vollziehen. Er teilte das Bett nicht mit ihr, weil er nicht vorhatte, ihr Gatte zu bleiben.

     „Aber die Kirche wird es nie erlauben“, gab sie zu bedenken. Auch wenn sie versuchte, ihrem Gesicht nichts anmerken zu lassen, jagte in ihrem Kopf ein verzweifelter Gedanke den anderen.

     „Es ist nicht unmöglich.“

     „Fast unmöglich. Mein Vater …“

     „Bis dahin wird er verschwunden sein, zusammen mit seinen Männern.“ Patricks Blick schweifte wieder übers Meer. Ein leichter Nebel trieb von der Küste herauf. Die Feuchtigkeit legte sich auf Isabels Lippen, und sie roch den scharfen Salzgeruch.

     Nach allem, was er ihr zugemutet hatte, befriedigte sie das Wissen, das es sich bei ihnen um eine Ehe auf Zeit handelte, nicht gerade. Stattdessen erwachte in ihr die Angst vor einer unbekannten Zukunft. Würde sie nach England zurückkehren? Hier in Erin bleiben? „Wie lange werde ich deine Frau sein?“

     Er hob den Blick und sah sie an. „Bis zum Winter.“

     „Wohin werde ich gehen?“

     „Wohin immer du willst.“ Er nahm ihre Hand und streichelte mit dem Daumen ihre Finger. „Ich habe viele Verbündete, Chieftains und andere Könige. Es gibt Männer, denen ist deine Mitgift egal. Sie möchten nur eine schöne Frau sehen.“

     Schön. Das Wort verletzte sie wie eine Glasscherbe. Er hatte sich nie die Zeit genommen, sie kennenzulernen. Er erlaubte sich nicht, ihr Gatte zu sein, denn die Bürde des Königtums überschattete alles andere.

     „Als Gegenleistung verlange ich etwas von dir“, sagte sie. „Wenn ich einige Zeit hier leben soll, dann möchte ich, dass man meine Mitgift nach Ennisleigh schickt. Und noch etwas.“

     Er zuckte die Achseln. „Sag es nur.“

     „Ich möchte, dass du nach den Familien der Normannen schickst.“ Als er protestieren wollte, legte sie ihm die Hand auf die Schulter. „Lass mich ausreden. Die Männer haben ihre Frauen und ihre Kinder fast ein Jahr lang nicht gesehen. Mein Vater wollte keiner Frau erlauben, mit den Kämpfern zu gehen.“ Sie errötete, denn noch nicht einmal Lagerhuren waren erlaubt gewesen. „Wenn du ihnen ihre Familien bringst, wirst du ihr Wohlwollen gewinnen können.“

     Er stand auf. „Du willst, dass ich ihnen ein angenehmes Leben biete.“

     „Ja.“

     Wilder Zorn verdunkelte sein Gesicht, und Isabel wich unwillkürlich zurück. Seine Stimme war von tödlicher Schärfe. „Sie brachten unsere Leute um, Isabel. Ich habe nicht vor, ihnen das Leben angenehm zu gestalten.“

     Er würde den Normannen – und sich selbst – diese Niederlage nie verzeihen. Die Schlacht mochte zu Ende sein, der Krieg war es nicht. Nicht in seinen Augen.

     Der leichteste Weg wäre, sich von dem Stamm der MacEgan abzuwenden und blind zu sein für die Not seiner Menschen. Sie könnte in Frieden auf der Insel leben, ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, was aus ihnen wurde.

     Doch so würde nur ein Feigling handeln.

     Patrick behauptete, sie könne nie eine wahre Königin sein. Vielleicht hatte er recht. Aber wie es die Gewohnheit der Könige war, einen Krieg zu wagen, so waren es oft die Königinnen, die Frieden schafften.

     Gab es irgendeinen Weg, die Wut zu überwinden, die der verlorene Krieg und die schmerzhaften Verluste mit sich gebracht hatte? Auch wenn es unmöglich schien, Isabel wollte glauben, dass sie helfen konnte.

     Wenn sie nur irgendwie dem Stamm wieder zu Wohlstand verhelfen und die Hilfe ihres eigenen Volkes bekommen konnte, würden sie vielleicht zusammenkommen. Statt sich gegenseitig zu töten, würden sie in Frieden miteinander leben.

     Doch sie fragte sich, ob es wert war, für eine Ehe zu kämpfen, die in Scherben lag, bevor sie noch begonnen hatte.

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