Jaci schlug die Bettdecke zurück, stand auf und schaute an sich hinunter. Sie war nackt. Wo mochte ihre Kleidung sein? Sie krauste die Nase, als sie einen Stoffhaufen direkt neben der Tür entdeckte. Das zerknitterte Zeug konnte sie unmöglich anziehen, um in ihr Apartment zurückzukehren. Sie drehte sich zum Fenster um und entdeckte auf Ryans Kopfkissen ein T-Shirt und Boxershorts. Ryan musste beides für sie dorthin gelegt haben. Wie lieb von ihm, dachte sie, als sie beide Kleidungsstücke anzog.
„Guten Morgen!“
Jaci stieß einen kleinen Schrei aus und fuhr herum. In der Tür stand Ryan, unrasiert, mit zerzaustem Haar und nacktem Oberkörper. Bisher hatte sie ihn nur tadellos gekleidet erlebt. Aber dieser Look in einer hellen Jeans hatte auch etwas. Er sah umwerfend aus!
„Hi“, murmelte sie, während sie spürte, wie ihre Wangen brannten. Sie hatte diese harten Muskeln geküsst, diesen flachen Bauch gestreichelt, an diesem perfekten männlichen Körper geknabbert. Vor Verlegenheit wollte sie sich auf die Unterlippe beißen, konnte sich jedoch gerade noch stoppen. Hatte Ryan nicht gesagt, es mache ihn verrückt, das zu sehen? Oh Gott, wenn er ihr auch nur den kleinsten Hinweis gäbe, dass er die Geschehnisse der vergangenen Nacht gern wiederholen würde, dann würde sie sich ihm in die Arme werfen!
Aber sein Gesichtsausdruck ließ nichts Derartiges erkennen. Stattdessen fragte er in geschäftsmäßigem Ton: „Kaffee?“
„Gern.“ Erst jetzt bemerkte sie, dass er zwei dampfende Tassen in den Händen hielt. Sie trat zu ihm und griff nach einer der Tassen, wobei sie darauf achtete, Ryan nicht zu berühren. Er sah so ernst aus. „Ich nehme an, du möchtest mit mir reden?“
Worüber? Darüber, dass wir plötzlich verlobt sind? Oder über die Änderungen am Drehbuch? Oder über die letzte Nacht?
„Alle Welt redet über uns“, meinte Ryan. „Da wäre es wohl angebracht, wenn wir auch miteinander reden würden.“ Damit drehte er sich um und ging durch den Flur in Richtung Wohnzimmer.
In Ordnung. Das beantwortete wenigstens ihre stumme Frage. Und das war gut so. Denn auch wenn sie alt und reif genug war, einen One-Night-Stand mit ihrem „Verlobten“ zu haben, so war sie doch nicht bereit, mit ihm darüber zu reden, was vorgefallen war. Sie folgte ihm in den Nebenraum. Dabei konnte sie allerdings den Blick nicht von ihm abwenden.
„Ich habe tausend Nachrichten von Freunden, Bekannten und Reportern bekommen. Ständig brummt mein Handy, und auf meinem Computer warten Hunderte von E-Mails darauf, gelesen zu werden“, stellte Ryan fest. „Alle Welt will wissen, ob es wahr ist.“ Sie durchquerten das Wohnzimmer und betraten die Küche. Nachdem er seine Kaffeetasse erneut gefüllt hatte, lehnte er sich an die Küchenzeile, während sie auf einem der Barhocker an der Küchentheke Platz nahm.
Jaci nippte an ihrem Kaffee. „Was willst du tun? Das Gerücht bestätigen oder ihm widersprechen?“
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Das kommt drauf an, ob du mir eine gute Erklärung für deine Lüge geben kannst.“
Am liebsten hätte sie ihn angeschrien. Schließlich hatte sie x-mal versucht, es ihm zu erklären. Sie stellte die Tasse ab, legte die Hände flach auf die kühle Granitoberfläche der Theke und sagte: „Ich dachte, du willst keine Erklärung hören.“
„Jetzt doch. Letzte Nacht allerdings wollte ich nur eins von dir …“ Er musterte sie begehrlich. „Und das war keine Erklärung.“
Mit beiden Händen massierte sie kurz ihre Schläfen. Warum war alles so verflucht kompliziert? Kein Wunder, dass sie Kopfschmerzen bekam! Zu viel Sex, zu wenig Schlaf und vor allem zu viele Probleme … Jaci straffte die Schultern. „Der Frosch hat einen Privatdetektiv beauftragt, meinen und auch deinen Hintergrund zu recherchieren. Der Mann hat offenbar herausgefunden, dass ich kürzlich meine Verlobung mit Clive gelöst habe. Banks deutete an, er könne nicht glauben, dass ich mich mit dir über Clives Verlust hinwegtröste.“
„Ich nehme an, du hattest gute Gründe, dich von diesem Politiker zu trennen.“
„Du hast immer noch keine Nachforschungen angestellt?“
Ryan zuckte die Schultern. „Ich warte darauf, dass du bereit bist, mir deine Seite der Geschichte zu erzählen. Aber egal – erzähl mir lieber, warum wir uns so plötzlich verlobt haben.“
„Okay … Als Erstes habe ich den Frosch gefragt, warum er ausgerechnet an mir so viel Interesse zeigt. Schließlich bin ich nichts Besonderes. Seine Antwort: Er bekomme immer, was er wolle. Außerdem ginge es ihm in erster Linie darum, dir eins auszuwischen.“
„Er will dich, weil er glaubt, mich auf diesem Wege demütigen zu können?“
Sie nickte. „Genau. Deshalb dachte ich, dass uns nur zwei Möglichkeiten bleiben: Entweder wir trennen uns, oder wir gehen offiziell eine ernsthafte Beziehung ein. In beiden Fällen könnte Banks mich nicht mehr als Köder benutzen, um dich zu quälen. Eine Trennung kam nicht infrage, darüber waren wir uns ja einig. Also habe ich behauptet, wir würden übers Heiraten nachdenken – mit keinem Wort habe ich gesagt, dass wir bereits verlobt seien!“
„Ach, verflucht! Ehe, Treue – so was bedeutet Leroy nichts. Er ist mit einer Frau verheiratet, die klug, liebenswert und sexy ist. Trotzdem behandelt er sie schlecht. Und nun hast du ihm auch noch die Gelegenheit gegeben, sich immer mehr in unser Privatleben einzumischen. Außerdem interessiert unsere angebliche Verlobung nicht nur ihn, sondern alle Welt.“
Jaci runzelte die Stirn. „Du meinst, dass die Medien sich auf die Geschichte stürzen werden?“
„Allerdings! Und das gefällt mir gar nicht. Nach Bens Tod haben die Reporter mich regelrecht verfolgt. Eine Menge Lügen wurden verbreitet. Etwas Ähnliches möchte ich nie wieder erleben. Erst recht nicht im Zusammenhang mit Leroy Banks. Seit du hier bist, Jaci, wurde mein Name öfter in der Presse genannt als in den Jahren davor zusammengenommen.“
„Wenn du keine Schlagzeilen willst, dann hättest du vielleicht sowohl Banks als auch diesen Reporter …“
„Simons.“
„Sowohl Banks als auch diesen Simons rücksichtsvoller behandeln sollen. Fürchtest du nicht, dein Benehmen könnte unangenehme Folgen haben?“
Er zuckte die Schultern. „Warten wir es ab.“
„Warten wir es ab?“ Jacis Augen blitzten zornig. „Hier geht es nicht nur um dich, sondern auch um mich und meine berufliche Zukunft. Du kannst es dir wahrscheinlich leisten, auf die Verwirklichung von ‚Blown Away‘ zu verzichten. Ich jedenfalls kann das nicht! Wenn ich mir als Drehbuchautorin einen Namen machen will, dann muss ‚Blown Away‘ verfilmt werden!“
„Das ist mir klar!“ Nun schaute auch Ryan verärgert drein. „Ich will ebenso wenig wie du, dass das Projekt scheitert. Ich selbst habe schon Millionen in das Projekt investiert. Glaub mir, es wäre mir lieber, wenn ich das Geld nicht verlieren würde.“
„Es ist wirklich eine verfahrene Situation, nicht wahr?“ Jaci runzelte die Stirn. „Ich wünschte, ich hätte dich nicht geküsst. Wenn ich nur geahnt hätte, was diese unüberlegte Handlung alles nach sich ziehen würde …“
„Mach dir keine Vorwürfe. Wenn ich nicht so leidenschaftlich auf deinen Kuss reagiert hätte, wäre Leroy nicht neugierig geworden. Ich hätte nicht behaupten dürfen, dass du meine Freundin seist.“
„Okay, es freut mich, dass du den größten Teil der Schuld auf dich nimmst.“
„Nicht den größten Teil! Es war immer noch deine Idee, zu behaupten, wir seien verlobt.“ Sie öffnete den Mund zu einer Entgegnung, doch Ryan machte eine abwehrende Bewegung. „Ich will nicht weiter diskutieren, ich bin am Verhungern.“ Damit ging er zum Kühlschrank und öffnete die Tür. „Eins möchte ich dir allerdings noch sagen: Du irrst dich.“
„In welcher Beziehung?“
„Wenn du glaubst, du seist nichts Besonderes.“ Er richtete sich auf und wandte sich um. „Du bist ein Traum.“
„Was meinst du?“, fragte sie verständnislos.
Er räusperte sich und sah plötzlich unbehaglich drein. „Banks besitzt alles, was man für Geld kaufen kann. Aber natürlich will er unbedingt das, was nicht käuflich ist: Glück, Normalität, Liebe.“
„Du hast doch gesagt, er habe eine schöne und liebevolle Frau.“
„Thea ist schön, ein ehemaliges Fotomodell. Außerdem ist sie ein guter Mensch. Zu gut für Banks. Das weiß er auch. Deshalb …“ Er unterbrach sich.
„Deshalb?“, drängte Jaci.
„Ach, vergiss es!“
„Ganz bestimmt nicht! Willst du mir etwa zu verstehen geben, dass ich besser zu dem Frosch passe als seine süße Frau?“
„Um Himmels willen! Natürlich nicht! Er ist scharf auf dich, weil du anders bist als die Frauen, die er normalerweise trifft.“
Anders? Fast immer bedeutete das: schlechter. „Na toll“, meinte Jaci trocken.
„Schon deshalb, weil du so echt bist.“
„Echt? Was soll das nun wieder heißen?“
„Dass du, obwohl du einer alten aristokratischen Familie entstammst, weißt, wie es in der Welt zugeht. Du stehst mit beiden Füßen auf dem Boden. Du bist nicht auf der Jagd nach einem reichen Ehemann. Du gehörst nicht zu diesen oberflächlichen Partygirls. Und du benimmst dich nicht wie eine Diva. Du bist … normal eben.“
„Ist normal nun besser oder schlechter als echt?“
Ryan fluchte. „Willst du mich unbedingt missverstehen? Ich versuche doch nur zu erklären, warum dein Mangel an Boshaftigkeit dich so attraktiv macht.“
„Also findest du mich attraktiv?“
„Keineswegs. Ich habe die ganze letzte Nacht Sex mit dir gehabt, weil ich auf Trolle stehe.“ Er warf ihr einen amüsierten Blick zu, bevor er die Augen verdrehte.
„Oh.“ Sie musste sich große Mühe geben, sich ihre Genugtuung nicht anmerken zu lassen. Es war ihr nämlich nicht entgangen, wie begehrlich Ryan sie musterte. Sie sah auch, dass er die Arme steif an den Körper gedrückt hielt, zweifellos, weil er am liebsten nach ihr gegriffen und sie an sich gezogen hätte. Ach, wenn er es doch nur täte! Sie sehnte sich danach, ihm nahe zu sein. Wenn sie nur daran dachte, begann ihr Herz zu galoppieren.
Ja, offensichtlich hatte Ryan Jackson noch nicht genug von ihr – und sie hatte noch lange nicht genug von ihm. Sie wollte ihn. Sie wollte ihn jetzt. Sofort!
Aber er ist mein Boss!
Jaci beschloss, nicht auf die Stimme der Vernunft zu hören. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch, als sie langsam auf Ryan zuging. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte die Arme um seinen Nacken und murmelte: „Nur noch einmal …“
„Ich hege den Verdacht, dass das nicht genug sein wird“, gab Ryan leise zurück. Seine Lippen waren nur noch wenige Millimeter von ihren entfernt.
„Es muss genug sein. Und jetzt halt die Klappe und küss mich gefälligst!“
Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht. „Solange wir nicht verheiratet sind, wenn wir nach diesem Kuss wieder zu uns kommen“, flüsterte Ryan.
„Wie witzig!“, schaffte Jaci gerade noch zu sagen, bevor Ryan ihren Mund mit seinem verschloss.
Dann redete lange Zeit keiner mehr.
Vier Tage später saß Jaci in Ryans Büro und gab sich große Mühe, professionell zu wirken. Jetzt und hier ging es nur um die Änderungen, die Thom und Ryan sich für das Manuskript wünschten.
Seit sie Ryans Penthouse am Morgen nach ihrer wilden Liebesnacht verlassen hatte, war sie Ryan nicht mehr begegnet. Vermutlich war er ihr aus dem Weg gegangen. Er hatte sie auch nicht angerufen. Nicht einmal eine SMS hatte er geschickt. Und das, versuchte sie sich einzureden, war gut so. Schließlich war ihre Beziehung rein sexueller Natur. Ein Mann – er – und eine Frau – sie – hatten einem heftigen menschlichen Bedürfnis nachgegeben. Das war normal, oder etwa nicht? Er hatte sie gewollt. Sie hatte ihn gewollt. Wollen – dieses Wort reichte nicht einmal annähernd, um zu beschreiben, wie sehr sie sich nach ihm verzehrte. Aber mehr war es nicht. Bloß Sex.
Sie straffte die Schultern. Warum verspürte sie dann den Wunsch, auf seinen Schoß zu klettern, die Falten auf seiner Stirn fortzuküssen und ihn zu fragen, warum er so bedrückt aussah? Er musste unter so viel Druck stehen. Und das war nur ihre Schuld.
Ich bin verantwortlich dafür, dass der Frosch ihm das Geld zur Verwirklichung von „Blown Away“ verweigert. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er mich noch nicht nach England zurückgeschickt hat. Jeder andere hätte mich vermutlich hinausgeworfen.
„Banks hat sich nicht bei dir gemeldet?“, vergewisserte sie sich.
Der Themenwechsel schien ihn zu überraschen. Ryan wechselte einen Blick mit Thom, der sich daraufhin erhob, sich verabschiedete und den Raum verließ.
Ryan klopfte nervös mit der Spitze eines Kulis auf den Tisch. „Ehrlich gesagt haben wir eine Einladung erhalten. Von Banks. Seine Sekretärin hat mir mitgeteilt, dass wir heute Abend auf seine Jacht kommen sollen. Zum Dinner.“
Jaci hob die Brauen.
