Mit dem Boss ins Bett? - Kapitel 7

Jaci schlug die Bettdecke zurück, stand auf und schaute an sich hinunter. Sie war nackt. Wo mochte ihre Kleidung sein? Sie krauste die Nase, als sie einen Stoffhaufen direkt neben der Tür entdeckte. Das zerknitterte Zeug konnte sie unmöglich anziehen, um in ihr Apartment zurückzukehren. Sie drehte sich zum Fenster um und entdeckte auf Ryans Kopfkissen ein T-Shirt und Boxershorts. Ryan musste beides für sie dorthin gelegt haben. Wie lieb von ihm, dachte sie, als sie beide Kleidungsstücke anzog.

    „Guten Morgen!“

    Jaci stieß einen kleinen Schrei aus und fuhr herum. In der Tür stand Ryan, unrasiert, mit zerzaustem Haar und nacktem Oberkörper. Bisher hatte sie ihn nur tadellos gekleidet erlebt. Aber dieser Look in einer hellen Jeans hatte auch etwas. Er sah umwerfend aus!

    „Hi“, murmelte sie, während sie spürte, wie ihre Wangen brannten. Sie hatte diese harten Muskeln geküsst, diesen flachen Bauch gestreichelt, an diesem perfekten männlichen Körper geknabbert. Vor Verlegenheit wollte sie sich auf die Unterlippe beißen, konnte sich jedoch gerade noch stoppen. Hatte Ryan nicht gesagt, es mache ihn verrückt, das zu sehen? Oh Gott, wenn er ihr auch nur den kleinsten Hinweis gäbe, dass er die Geschehnisse der vergangenen Nacht gern wiederholen würde, dann würde sie sich ihm in die Arme werfen!

    Aber sein Gesichtsausdruck ließ nichts Derartiges erkennen. Stattdessen fragte er in geschäftsmäßigem Ton: „Kaffee?“

    „Gern.“ Erst jetzt bemerkte sie, dass er zwei dampfende Tassen in den Händen hielt. Sie trat zu ihm und griff nach einer der Tassen, wobei sie darauf achtete, Ryan nicht zu berühren. Er sah so ernst aus. „Ich nehme an, du möchtest mit mir reden?“

    Worüber? Darüber, dass wir plötzlich verlobt sind? Oder über die Änderungen am Drehbuch? Oder über die letzte Nacht?

    „Alle Welt redet über uns“, meinte Ryan. „Da wäre es wohl angebracht, wenn wir auch miteinander reden würden.“ Damit drehte er sich um und ging durch den Flur in Richtung Wohnzimmer.

    In Ordnung. Das beantwortete wenigstens ihre stumme Frage. Und das war gut so. Denn auch wenn sie alt und reif genug war, einen One-Night-Stand mit ihrem „Verlobten“ zu haben, so war sie doch nicht bereit, mit ihm darüber zu reden, was vorgefallen war. Sie folgte ihm in den Nebenraum. Dabei konnte sie allerdings den Blick nicht von ihm abwenden.

    „Ich habe tausend Nachrichten von Freunden, Bekannten und Reportern bekommen. Ständig brummt mein Handy, und auf meinem Computer warten Hunderte von E-Mails darauf, gelesen zu werden“, stellte Ryan fest. „Alle Welt will wissen, ob es wahr ist.“ Sie durchquerten das Wohnzimmer und betraten die Küche. Nachdem er seine Kaffeetasse erneut gefüllt hatte, lehnte er sich an die Küchenzeile, während sie auf einem der Barhocker an der Küchentheke Platz nahm.

    Jaci nippte an ihrem Kaffee. „Was willst du tun? Das Gerücht bestätigen oder ihm widersprechen?“

    Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Das kommt drauf an, ob du mir eine gute Erklärung für deine Lüge geben kannst.“

    Am liebsten hätte sie ihn angeschrien. Schließlich hatte sie x-mal versucht, es ihm zu erklären. Sie stellte die Tasse ab, legte die Hände flach auf die kühle Granitoberfläche der Theke und sagte: „Ich dachte, du willst keine Erklärung hören.“

    „Jetzt doch. Letzte Nacht allerdings wollte ich nur eins von dir …“ Er musterte sie begehrlich. „Und das war keine Erklärung.“

    Mit beiden Händen massierte sie kurz ihre Schläfen. Warum war alles so verflucht kompliziert? Kein Wunder, dass sie Kopfschmerzen bekam! Zu viel Sex, zu wenig Schlaf und vor allem zu viele Probleme … Jaci straffte die Schultern. „Der Frosch hat einen Privatdetektiv beauftragt, meinen und auch deinen Hintergrund zu recherchieren. Der Mann hat offenbar herausgefunden, dass ich kürzlich meine Verlobung mit Clive gelöst habe. Banks deutete an, er könne nicht glauben, dass ich mich mit dir über Clives Verlust hinwegtröste.“

    „Ich nehme an, du hattest gute Gründe, dich von diesem Politiker zu trennen.“

    „Du hast immer noch keine Nachforschungen angestellt?“

    Ryan zuckte die Schultern. „Ich warte darauf, dass du bereit bist, mir deine Seite der Geschichte zu erzählen. Aber egal – erzähl mir lieber, warum wir uns so plötzlich verlobt haben.“

    „Okay … Als Erstes habe ich den Frosch gefragt, warum er ausgerechnet an mir so viel Interesse zeigt. Schließlich bin ich nichts Besonderes. Seine Antwort: Er bekomme immer, was er wolle. Außerdem ginge es ihm in erster Linie darum, dir eins auszuwischen.“

    „Er will dich, weil er glaubt, mich auf diesem Wege demütigen zu können?“

    Sie nickte. „Genau. Deshalb dachte ich, dass uns nur zwei Möglichkeiten bleiben: Entweder wir trennen uns, oder wir gehen offiziell eine ernsthafte Beziehung ein. In beiden Fällen könnte Banks mich nicht mehr als Köder benutzen, um dich zu quälen. Eine Trennung kam nicht infrage, darüber waren wir uns ja einig. Also habe ich behauptet, wir würden übers Heiraten nachdenken – mit keinem Wort habe ich gesagt, dass wir bereits verlobt seien!“

    „Ach, verflucht! Ehe, Treue – so was bedeutet Leroy nichts. Er ist mit einer Frau verheiratet, die klug, liebenswert und sexy ist. Trotzdem behandelt er sie schlecht. Und nun hast du ihm auch noch die Gelegenheit gegeben, sich immer mehr in unser Privatleben einzumischen. Außerdem interessiert unsere angebliche Verlobung nicht nur ihn, sondern alle Welt.“

    Jaci runzelte die Stirn. „Du meinst, dass die Medien sich auf die Geschichte stürzen werden?“

    „Allerdings! Und das gefällt mir gar nicht. Nach Bens Tod haben die Reporter mich regelrecht verfolgt. Eine Menge Lügen wurden verbreitet. Etwas Ähnliches möchte ich nie wieder erleben. Erst recht nicht im Zusammenhang mit Leroy Banks. Seit du hier bist, Jaci, wurde mein Name öfter in der Presse genannt als in den Jahren davor zusammengenommen.“

    „Wenn du keine Schlagzeilen willst, dann hättest du vielleicht sowohl Banks als auch diesen Reporter …“

    „Simons.“

    „Sowohl Banks als auch diesen Simons rücksichtsvoller behandeln sollen. Fürchtest du nicht, dein Benehmen könnte unangenehme Folgen haben?“

    Er zuckte die Schultern. „Warten wir es ab.“

    „Warten wir es ab?“ Jacis Augen blitzten zornig. „Hier geht es nicht nur um dich, sondern auch um mich und meine berufliche Zukunft. Du kannst es dir wahrscheinlich leisten, auf die Verwirklichung von ‚Blown Away‘ zu verzichten. Ich jedenfalls kann das nicht! Wenn ich mir als Drehbuchautorin einen Namen machen will, dann muss ‚Blown Away‘ verfilmt werden!“

    „Das ist mir klar!“ Nun schaute auch Ryan verärgert drein. „Ich will ebenso wenig wie du, dass das Projekt scheitert. Ich selbst habe schon Millionen in das Projekt investiert. Glaub mir, es wäre mir lieber, wenn ich das Geld nicht verlieren würde.“

    „Es ist wirklich eine verfahrene Situation, nicht wahr?“ Jaci runzelte die Stirn. „Ich wünschte, ich hätte dich nicht geküsst. Wenn ich nur geahnt hätte, was diese unüberlegte Handlung alles nach sich ziehen würde …“

    „Mach dir keine Vorwürfe. Wenn ich nicht so leidenschaftlich auf deinen Kuss reagiert hätte, wäre Leroy nicht neugierig geworden. Ich hätte nicht behaupten dürfen, dass du meine Freundin seist.“

    „Okay, es freut mich, dass du den größten Teil der Schuld auf dich nimmst.“

    „Nicht den größten Teil! Es war immer noch deine Idee, zu behaupten, wir seien verlobt.“ Sie öffnete den Mund zu einer Entgegnung, doch Ryan machte eine abwehrende Bewegung. „Ich will nicht weiter diskutieren, ich bin am Verhungern.“ Damit ging er zum Kühlschrank und öffnete die Tür. „Eins möchte ich dir allerdings noch sagen: Du irrst dich.“

    „In welcher Beziehung?“

    „Wenn du glaubst, du seist nichts Besonderes.“ Er richtete sich auf und wandte sich um. „Du bist ein Traum.“

    „Was meinst du?“, fragte sie verständnislos.

    Er räusperte sich und sah plötzlich unbehaglich drein. „Banks besitzt alles, was man für Geld kaufen kann. Aber natürlich will er unbedingt das, was nicht käuflich ist: Glück, Normalität, Liebe.“

    „Du hast doch gesagt, er habe eine schöne und liebevolle Frau.“

    „Thea ist schön, ein ehemaliges Fotomodell. Außerdem ist sie ein guter Mensch. Zu gut für Banks. Das weiß er auch. Deshalb …“ Er unterbrach sich.

    „Deshalb?“, drängte Jaci.

    „Ach, vergiss es!“

    „Ganz bestimmt nicht! Willst du mir etwa zu verstehen geben, dass ich besser zu dem Frosch passe als seine süße Frau?“

    „Um Himmels willen! Natürlich nicht! Er ist scharf auf dich, weil du anders bist als die Frauen, die er normalerweise trifft.“

    Anders? Fast immer bedeutete das: schlechter. „Na toll“, meinte Jaci trocken.

    „Schon deshalb, weil du so echt bist.“

    „Echt? Was soll das nun wieder heißen?“

    „Dass du, obwohl du einer alten aristokratischen Familie entstammst, weißt, wie es in der Welt zugeht. Du stehst mit beiden Füßen auf dem Boden. Du bist nicht auf der Jagd nach einem reichen Ehemann. Du gehörst nicht zu diesen oberflächlichen Partygirls. Und du benimmst dich nicht wie eine Diva. Du bist … normal eben.“

    „Ist normal nun besser oder schlechter als echt?“

    Ryan fluchte. „Willst du mich unbedingt missverstehen? Ich versuche doch nur zu erklären, warum dein Mangel an Boshaftigkeit dich so attraktiv macht.“

    „Also findest du mich attraktiv?“

    „Keineswegs. Ich habe die ganze letzte Nacht Sex mit dir gehabt, weil ich auf Trolle stehe.“ Er warf ihr einen amüsierten Blick zu, bevor er die Augen verdrehte.

    „Oh.“ Sie musste sich große Mühe geben, sich ihre Genugtuung nicht anmerken zu lassen. Es war ihr nämlich nicht entgangen, wie begehrlich Ryan sie musterte. Sie sah auch, dass er die Arme steif an den Körper gedrückt hielt, zweifellos, weil er am liebsten nach ihr gegriffen und sie an sich gezogen hätte. Ach, wenn er es doch nur täte! Sie sehnte sich danach, ihm nahe zu sein. Wenn sie nur daran dachte, begann ihr Herz zu galoppieren.

    Ja, offensichtlich hatte Ryan Jackson noch nicht genug von ihr – und sie hatte noch lange nicht genug von ihm. Sie wollte ihn. Sie wollte ihn jetzt. Sofort!

    Aber er ist mein Boss!

    Jaci beschloss, nicht auf die Stimme der Vernunft zu hören. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch, als sie langsam auf Ryan zuging. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte die Arme um seinen Nacken und murmelte: „Nur noch einmal …“

    „Ich hege den Verdacht, dass das nicht genug sein wird“, gab Ryan leise zurück. Seine Lippen waren nur noch wenige Millimeter von ihren entfernt.

    „Es muss genug sein. Und jetzt halt die Klappe und küss mich gefälligst!“

    Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht. „Solange wir nicht verheiratet sind, wenn wir nach diesem Kuss wieder zu uns kommen“, flüsterte Ryan.

    „Wie witzig!“, schaffte Jaci gerade noch zu sagen, bevor Ryan ihren Mund mit seinem verschloss.

    Dann redete lange Zeit keiner mehr.

 

Vier Tage später saß Jaci in Ryans Büro und gab sich große Mühe, professionell zu wirken. Jetzt und hier ging es nur um die Änderungen, die Thom und Ryan sich für das Manuskript wünschten.

    Seit sie Ryans Penthouse am Morgen nach ihrer wilden Liebesnacht verlassen hatte, war sie Ryan nicht mehr begegnet. Vermutlich war er ihr aus dem Weg gegangen. Er hatte sie auch nicht angerufen. Nicht einmal eine SMS hatte er geschickt. Und das, versuchte sie sich einzureden, war gut so. Schließlich war ihre Beziehung rein sexueller Natur. Ein Mann – er – und eine Frau – sie – hatten einem heftigen menschlichen Bedürfnis nachgegeben. Das war normal, oder etwa nicht? Er hatte sie gewollt. Sie hatte ihn gewollt. Wollen – dieses Wort reichte nicht einmal annähernd, um zu beschreiben, wie sehr sie sich nach ihm verzehrte. Aber mehr war es nicht. Bloß Sex.

    Sie straffte die Schultern. Warum verspürte sie dann den Wunsch, auf seinen Schoß zu klettern, die Falten auf seiner Stirn fortzuküssen und ihn zu fragen, warum er so bedrückt aussah? Er musste unter so viel Druck stehen. Und das war nur ihre Schuld.

    Ich bin verantwortlich dafür, dass der Frosch ihm das Geld zur Verwirklichung von „Blown Away“ verweigert. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er mich noch nicht nach England zurückgeschickt hat. Jeder andere hätte mich vermutlich hinausgeworfen.

    „Banks hat sich nicht bei dir gemeldet?“, vergewisserte sie sich.

    Der Themenwechsel schien ihn zu überraschen. Ryan wechselte einen Blick mit Thom, der sich daraufhin erhob, sich verabschiedete und den Raum verließ.

    Ryan klopfte nervös mit der Spitze eines Kulis auf den Tisch. „Ehrlich gesagt haben wir eine Einladung erhalten. Von Banks. Seine Sekretärin hat mir mitgeteilt, dass wir heute Abend auf seine Jacht kommen sollen. Zum Dinner.“

    Jaci hob die Brauen.

„Wenn ich sie richtig verstanden habe“, fuhr Ryan fort, „dann hat Leroy kürzlich eine Luxusjacht gekauft. Und dieses Dinner ist die erste Festlichkeit, die er an Bord veranstaltet.“

    „Aha.“ Sie schob die Hände tief in die Taschen ihrer Hose.

    „Mir gefällt, was du anhast.“

    Sie schaute an sich hinab. Sie trug eine enge braune Hose, dazu eine weite weiße Bluse und mehrere goldene Kettchen mit blauen Lapislazuliperlen, wie sie von den Navajos hergestellt wurden. Sie war ihrer schwarzen Kleidungsstücke einfach überdrüssig gewesen. Schließlich hatte sie England verlassen, um wieder sie selbst sein zu können. Lächelnd stellte sie fest: „Etwas Ähnliches hat mir gestern ein Verkäufer gesagt.“

    „Schatz, jeder Mann, der Augen im Kopf hat, wird deine langen Beine bewundern, die in dieser Hose hervorragend zur Geltung kommen.“ Bewundernd musterte er Jaci vom Scheitel bis zur Sohle.

    Ihre Haut begann zu kribbeln. Sie wollte ihn in die Arme schließen. Sie wollte seine nackte Haut auf ihrer spüren. Sie wollte ihn küssen, schmecken, streicheln und … Und mehr …

    „Ich bin froh, dass die Zeitungen sich so schnell anderen Themen zugewandt haben und nicht mehr über unsere vermeintliche Verlobung berichten“, sagte sie, um sich von ihren verrückten Wünschen abzulenken.

    „Ich habe meine Beziehungen ein wenig spielen lassen“, erklärte Ryan. „Die offizielle Version bezüglich unserer Beziehung lautet: Wir verstehen uns bestens, wollen aber erst in ferner Zukunft heiraten.“

    Ein Gefühl der Enttäuschung ergriff Jaci – was natürlich völlig absurd war. Sie war nie mit Ryan verlobt gewesen. Es gab also keinen Grund, deprimiert zu sein, weil es vorerst keine Hochzeit geben sollte. Verflixt, sie und Ryan waren nicht einmal ein Liebespaar! Und sie wollte auch gar keine Beziehung. Sie war schon einmal verlobt gewesen – und was hatte ihr das eingebracht? Demütigung und Kränkung. Nein danke. Das wollte sie so schnell nicht wiederholen.

    „Dass Leroy sich nicht persönlich bei mir gemeldet hat, nehme ich als gutes Zeichen“, fuhr Ryan fort. Er griff nach einem Ordner, der vor ihm auf dem Tisch lag, und schlug ihn auf.

    „Solltest du dich nicht vorsichtshalber mit ihm in Verbindung setzen?“

    „Nein. Es ist ein Spiel, Jaci. Und ich weiß genau, wie man es spielt.“ Seine Miene verfinsterte sich ein wenig. „Gefällt es dir etwa nicht, wie ich es spiele?“

    „Ich kenne nicht einmal die verdammten Regeln!“, fuhr sie ihn an. „Wie also könnte ich beurteilen, ob du gut bist oder nicht? Aber es geht nicht nur um dich, sondern auch um mich. Um meine Zukunft. Ich erwarte, dass du das nicht aus den Augen verlierst, denn ich selbst kann schließlich gar nichts unternehmen!“

    Ihr Ausbruch erstaunte ihn. „Du tust gerade so, als hinge dein Leben davon ab. Wenn ich mich nicht irre, hast du dank deiner Familie genug Geld, um viele Jahre sorgenfrei zu leben. Außerdem kannst du noch eine Menge anderer Drehbücher schreiben.“

    Sollte sie ihm gegenüber ehrlich sein? Konnte sie es wagen? Sie schluckte – und traf eine Entscheidung.

    „Dieses Manuskript ist für mich mehr als nur die Chance, meinen Namen im Vorspann eines Films zu lesen. Es geht hier nicht nur um meine berufliche Zukunft.“ Sie sah, dass er die Stirn runzelte. „Für mich symbolisiert es einen Neuanfang. Ich …“ Sie wollte sich nicht melodramatisch anhören. Doch es war schwer, die richtigen Worte zu finden.

    „Dass Starfish ‚Blown Away‘ gekauft und mir einen Arbeitsvertrag angeboten hat, ist für mich nicht nur ein Schritt nach oben auf der Karriereleiter. Früher habe ich immer versucht, es meiner Familie recht zu machen. Doch von diesem Drehbuch wissen meine Eltern und Geschwister nichts. Es gehört mir allein. Ich allein habe es geschrieben, ich allein werde es nach deinen und Thoms Anregungen ändern. Meine Arbeit bei Starfish ist der Wendepunkt. Es gibt eine Jaci vor Starfish, die alte Jaci. Und dann gibt es die neue Jaci, die in New York ihren eigenen Weg geht.“ Sie seufzte. „Habe ich mich einigermaßen verständlich ausgedrückt?“

    „Ja. Sprich einfach weiter!“

    „Die alte Jaci hat damit gespielt, Worte und Sätze aneinanderzureihen. Sie war nicht mit Herz und Seele Schriftstellerin, sondern vor allem das jüngste Kind der Brookes-Lyons. Angepasst, brav, ruhig. Dann traf ich Clive. Nun war ich die Verlobte des vielversprechenden Politikers. Bis alles zusammenbrach. Plötzlich musste ich Rückgrat beweisen. Ich schwor mir, nie wieder so … so wenig ich selbst zu sein wie früher. Ich wollte Präsenz zeigen.“

    „Früher hattest du tatsächlich das Talent, dich beinahe unsichtbar zu machen. Du hast dich im Hintergrund gehalten und bei Diskussionen so gut wie nie etwas gesagt. Jetzt hingegen …“ Um seine Mundwinkel zuckte es. „Jetzt hingegen kriegt man dich nicht mehr zum Schweigen.“

    „Das liegt daran, dass ich in New York mutiger bin. Lebendiger, vielleicht auch streitsüchtiger. Auf jeden Fall glücklicher. Lebhafter.“

    „Ich mag lebhaft.“ Ryans Blick war bewundernd und verlangend auf sie gerichtet.

    Es war schwer, zu ignorieren, was seine Stimme und seine Augen so eindeutig vermittelten. Aber Jaci wusste, dass sie jetzt hart bleiben musste. „Ich möchte meine Chance nutzen, Ryan. Für mich gibt es kein Zurück.“

    „Jaci, was du tust und was du bist, muss nicht identisch sein. Auch ohne die Arbeit bei Starfish kannst du eine mutige, lebendige, begehrenswerte und glückliche Frau sein.“

    Hatte er recht? Sie bezweifelte es. Wenn „Blown Away“ nicht verfilmt würde, wenn sie ihre Arbeit verlöre, dann würde sie sich vorkommen wie eine Frau, die nur in die Rolle einer Autorin geschlüpft war und nur so getan hatte, als sei sie selbstbewusst und erfolgreich. Sie zuckte die Schultern.

    Ryans Telefon läutete. Sie wandte sich zur Tür.

    „Warte“, bat Ryan, während er nach dem Hörer griff. „Wir müssen noch über das Dinner auf der Jacht reden.“

    Verflixt, das hätte sie beinahe vergessen!

    „Hallo, Jax“, ertönte laut die Stimme von Ryans Sekretärin im Zimmer. Offenbar war der Lautsprecher eingeschaltet. „Jacis Mutter ist in der Leitung. Sie besteht darauf, mit ihr zu sprechen.“

    Jaci machte eine Geste, als wollte sie sich selbst den Hals aufschlitzen. Sie würde jetzt auf gar keinen Fall mit ihrer Mutter reden! Sie hatte Priscilla weder von dem Drehbuch erzählt noch davon, dass sie angeblich mit Ryan liiert war.

    „Guten Morgen, Mrs. Brookes-Lyon“, begrüßte Ryan die Anruferin.

    Jaci eilte zu Ryans Schreibtisch, griff nach einem Stift, fand einen Block und schrieb: Ich bin nicht hier!

    Ryan schmunzelte, schlang dann ein Bein um ihre Unterschenkel, sodass sie nicht abhauen konnte. Wütend funkelte sie ihn an. Ihr Herz schlug so laut, dass jeder – auch ihre Mutter – es hören musste.

    „Ryan, mein lieber Junge! Es ist schön, mal wieder mit Ihnen zu reden. Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie nächste Woche auf Neils Hochzeitsfeier zu sehen?“

    Jaci schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzustöhnen. Sie hatte Neils Hochzeit vollkommen vergessen. So etwas war ihr noch nie passiert. Mit wenigen Strichen malte sie ein Galgenmännchen auf das oberste Blatt des Blocks.

    Beinahe hätte Ryan laut aufgelacht. Doch mit einiger Anstrengung gelang es ihm, das Gespräch mit Jacis Mutter scheinbar ungerührt fortzusetzen. „Neil hat mich gebeten, einer der Trauzeugen zu sein. Den Wunsch konnte ich ihm natürlich nicht abschlagen“, berichtete er und legte den Arm um Jacis Taille. Sie verlor das Gleichgewicht und landete – genau wie er es geplant hatte – auf seinem Schoß. Es tat gut, ihm so nah zu sein. Und es war verführerisch. Sie biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen, um besser genießen zu können, wie er ihren Rücken streichelte.

    Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass er etwas auf den Block geschrieben hatte: Warum willst du nicht mit deiner Mutter sprechen?

    Unterdessen setzte er das Telefonat fort. „Aber ja, Neil hat mir gesagt, dass es keinen Junggesellenabschied geben wird. Er behauptet, er könne es sich nicht leisten, seiner Arbeit länger als unbedingt nötig fernzubleiben.“

    Jaci schrieb: Weil ich nicht lügen möchte und sie keine Ahnung hat, was ich hier tue, bei Starfish und überhaupt.

    Ryan runzelte die Stirn und griff nach dem Stift. Was, um Himmels willen, soll „und überhaupt“ bedeuten? Dass wir eine wilde Nacht miteinander verbracht haben? Oder dass wir das Gerücht in die Welt gesetzt haben, wir seien ein Paar?

    Beides, war ihre Antwort. Meine Familie glaubt, ich sei von London nach New York geflohen, um hier meine Wunden zu lecken. Keiner von ihnen nimmt meine Ar…

    Sie unterbrach sich und starrte auf das inzwischen ziemlich vollgekritzelte Blatt.

    Ryan tippte mit dem Finger auf das unvollendete Wort, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie weiterschreiben sollte. Sie zuckte nur mit den Schultern und winkte lächelnd ab, im Sinne von: „Ist nicht so wichtig.“ Sein dunkler Blick sagte etwas ganz anderes. Dann zuckte er leicht zusammen, weil Mrs. Brookes-Lyon sagte: „Wer hat eigentlich diesen Unsinn über Sie und Jaci in die Welt gesetzt?“

    Jaci legte Ryan einen Arm um die Schulter, starrte auf ein Filmplakat an der Wand und wartete, wie er sich aus der Affäre ziehen würde.

    „Was genau haben Sie denn gehört?“, fragte er. Dabei fuhr er fort, langsam Kreise auf Jacis Rücken zu malen.

    „Ich habe eine Liste gemacht.“

    Typisch, sie macht immer Listen.

    „Erstens: Sie arbeitet als Drehbuchautorin für Sie, Ryan.“

    „Das stimmt.“

    „Heißt das, Sie bezahlen Jaci?“

    „Allerdings.“ Ryan malte drei dicke Fragezeichen auf den Block.

    Sie nehmen mich als Autorin nicht ernst, schrieb Jaci.

    „Sie ist eine sehr talentierte Schriftstellerin“, stellte Ryan fest. „Die Begabung hat sie sicher von Ihnen geerbt.“

    Danke, sagte sie ihm stumm, während Priscilla einen Monolog über die Stärken ihres letzten Romans hielt. Jaci hörte nur mit einem Ohr hin. Sie kannte diese Monologe. Allerdings hätte sie auch dann nicht konzentriert zuhören können, wenn sie gewollt hätte. Zu sehr lenkten Ryans geschickte Finger ihre Aufmerksamkeit auf anderes. Darauf, wie ihre Haut prickelte, wie ihr Puls raste, wie ihr heiß wurde.

    Konzentrier dich! schalt sie Ryan schriftlich.

    Ich kann zwei Dinge gleichzeitig tun. Gott, deine Haut ist so seidig weich.

    Wir wollten es nicht noch einmal tun!

    Du duftest aber so verführerisch.

    „Irgendwo stand sogar, Sie seien mit meiner Tochter verlobt“, kam Priscilla auf die Presseartikel zurück, die sie gelesen hatte.

    „Jaci und ich sind nicht verlobt“, versicherte Ryan ihr. Dabei war sein Blick fest auf Jacis Mund gerichtet. Er wollte dieses Telefonat offensichtlich endlich beenden, damit er sie küssen konnte. Sie musste sich selbst am Riemen reißen, um der Verlockung zu widerstehen.

    „Das beruhigt mich. Nachdem ihre Verlobung mit diesem … diesem aufgeblasenen Mistkerl in die Brüche gegangen ist, braucht Jaci vor allem erst einmal Ruhe. Sie war viel zu gut für ihn“, stellte Priscilla fest.

    Überrascht riss Jaci die Augen auf. Noch nie hatte ihre Mutter für sie Partei ergriffen.

    „Was er mit dieser brasilianischen Domina angestellt hat … Wirklich abscheulich! Hat er wirklich geglaubt, damit durchzukommen?“

    Brasilianische Domina?

    Mein Ex hatte es gern etwas exotisch.

    Ryan hob den Blick. „Verdammter …“, murmelte er.

    „Ich hoffe nur, dass sie sich hat testen lassen. Fragen kann ich sie danach natürlich nicht“, sagte Priscilla. „So eng ist unsere Beziehung nicht. Und es ist alles meine Schuld.“

    Jaci wollte ihren Ohren nicht trauen. Ihre Mutter wünschte sich eine engere Beziehung zu ihr?

    „Natürlich mache ich mir jetzt Gedanken darüber, wie Sie zu Jaci stehen. Es wird ja einen Grund dafür geben, dass die Zeitungen solche Dinge schreiben.“

    Ryan räusperte sich. „Es hört sich seltsam an, aber ich brauchte, um ein Geschäft abschließen zu können, offiziell eine Freundin. Jaci hat sich bereit erklärt, die Rolle zu übernehmen. Nichts davon ist wahr.“

    „Ich hätte nicht gedacht, dass Jaci eine so gute Schauspielerin ist. Auf diesem Foto hier macht sie einen sehr überzeugenden Eindruck. Sie übrigens auch, Ryan.“

    „Wir sind beide im Filmgeschäft tätig“, meinte Ryan lachend.

    „Nun, ich verlasse mich darauf, dass Sie gut auf meine Tochter aufpassen. Wir sehen uns dann bei der Hochzeit!“

    „Auf Wiedersehen, Mrs. Brookes-Lyon.“

    „Auf Wiedersehen, Ryan. Bis bald, Jaci, mein Schatz.“

    „Bis bald, Mum.“ Jaci wurde blass und zog abrupt ihre Hand zurück. Sie war gerade damit beschäftigt gewesen, Ryans Hemd aufzuknöpfen. Jetzt schaute sie ihn entsetzt an.

    Er legte den Hörer auf.

    „Sie wusste, dass ich bei dir bin!“

    Ryan lachte nur.

 


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