Bianca Extra Band 166

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LEHRSTUNDEN IN SACHEN LIEBE von STELLA BAGWELL

Stacy Abernathy ist zu jung und zu hübsch für ihn, glaubt Single-Dad Win Jackson. Außerdem hat er mit der Liebe abgeschlossen. Doch in der Nähe der engagierten Lehrerin spürt er eine unwiderstehliche Sehnsucht. Was ihn eines Abends etwas tun lässt, das er am nächsten Morgen bereut …

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  • Erscheinungstag 19.09.2026
  • Bandnummer 166
  • ISBN / Artikelnummer 0802260166
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Stella Bagwell, Sasha Summers, Christine Rimmer, Marie Ferrarella

BIANCA EXTRA BAND 166

Stella Bagwell

1. KAPITEL

Stacy Abernathy war gerade damit beschäftigt, rote und goldene Blätter an die Pinnwand zu heften, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung an der Tür wahrnahm. Die letzte Stunde war soeben zu Ende gegangen, und die Schüler hatten die Räume der Grundschule von Bronco bereits verlassen. Als sie sich umdrehte, erwartete sie daher einen Kollegen oder den Hausmeister. Stattdessen sah sie einen recht großen Jungen mit dunkelblondem Haar und einem olivgrünen Rucksack über der Schulter. Für ihre zweite Klasse war er eindeutig zu alt. Vermutlich gehörte er in die dritte Klasse ihres Kollegen Dante Sanchez oder die vierte von Reginald Porter.

Sie legte die restlichen Blätter beiseite und ging zu ihm hinüber.

„Hallo“, begrüßte er sie. „Sind Sie eine Lehrerin?“

„Ich bin Miss Abernathy“, teilte sie ihm mit. „Und wer bist du?“

„Oliver Jackson“, antwortete er grinsend. „Ich bin in der Vierten. Mr. Porter ist mein Klassenlehrer.“

Ein cleveres Kerlchen, dachte Stacy. Er hatte lange Beine, Locken, die ihm über die Stirn fielen, zahlreiche Sommersprossen auf der Nase sowie Grübchen in den Wangen. Eigentlich kannte sie alle Schüler beim Namen, da die Schule nicht besonders groß war. Dieser hier war jedoch offensichtlich neu.

„Aha. Hast du dich verlaufen?“ Sie zeigte über den Flur. „Dort ist der Ausgang zum Parkplatz.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe mich nicht verlaufen. Ich warte auf meinen Dad und meinen Bruder. Die wollen mich abholen.“

Stacy warf einen verstohlenen Blick auf ihre Armbanduhr. Offenbar war etwas passiert, da der Vater des Jungen sich verspätete.

„Oh. Aber gleich ist das Gebäude menschenleer, und ich möchte nicht, dass du draußen alleine stehst.“

Das schien dem Jungen nichts auszumachen.

„Ach, mein Dad kommt oft zu spät. Er ist der neue Lehrer für Landwirtschaft an der Highschool und hat viel zu tun. Er wird schon gleich hier sein. Ich mache mir keine Sorgen.“

Von einem neuen Landwirtschaftslehrer hatte sie noch nichts gehört. Das war allerdings nicht ungewöhnlich. Als Grundschullehrerin bekam Stacy nicht viel von dem mit, was an der Highschool von Bronco passierte.

„Die meisten Lehrer haben viel zu tun. Da wird es deinem Vater kaum anders ergehen.“ Hatte er denn keine Mutter? Offenbar war sie ebenfalls zu beschäftigt, um ihren Sohn von der Schule abzuholen.

„Mein Dad heißt Winston Jackson, aber alle nennen ihn Win. Und mein Bruder heißt Joshua. Er ist fünfzehn und in der Neunten.“ Er grinste. „Joshua glaubt, er ist cool, weil er jetzt auf die Highschool geht. Aber er ist noch genauso, wie er im Sommer war.“

Stacy verkniff sich ein Lächeln. Sie wusste selbst, wie es war, ältere Geschwister zu haben. Sie war immer die Jüngste gewesen und viel geneckt worden. Aber das hatte ihr nur selten etwas ausgemacht.

„Weißt du, Oliver, in der vierten Klasse zu sein ist genauso wichtig wie in der neunten. Ich nehme an, du bist zehn Jahre, stimmt’s?“

„Ja. Woher wissen Sie das?“ Er war sichtlich beeindruckt, weil sie richtig geraten hatte.

„Nun ja, Viertklässler sind normalerweise um die zehn Jahre alt“, erklärte sie.

Er verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. Stacy bemerkte, dass der Junge braune Cowboystiefel trug. Offenbar ist Oliver kein Turnschuhtyp, überlegte sie.

„Sind Sie verheiratet?“, fragte er freimütig.

An die neugierigen Fragen von Kindern gewöhnt, antwortete sie nachsichtig: „Nein. Ich bin ledig.“

Überrascht riss er seine grünen Augen auf. „Und Kinder? Ich wette, Sie haben Kinder.“

„Keine eigenen. Aber ich betrachte meine Schüler als meine Kinder.“

„Das ist nicht dasselbe“, wandte er ein und strich sich eine Locke aus der Stirn. „Meine Mutter ist gestorben, als ich erst drei Jahre alt war. Ich erinnere mich nicht an sie. Aber ich habe Fotos von ihr gesehen.“

Stacy hatte bereits über verschiedene Szenarien nachgedacht, was die Familie Jackson anging. Aber der Tod der Mutter hatte nicht dazugehört. Die Nachricht machte sie betroffen. „Oh, das tut mir leid, Oliver. Dann seid ihr also nur zu dritt – du, dein Bruder und dein Vater?“

„Ja. Nur wir drei. Haben Sie eine Mom und einen Dad?“

„Ja. Ihnen gehört die Bonnie-B-Ranch. Dort wohne ich auch.“

Das Wort Ranch ließ seine Augen aufleuchten. „Ich wohne auch auf einer Ranch. Dad hat sie die J-Barb-Ranch genannt. Er hat sie gekauft, als wir vor ein paar Monaten hierhergezogen sind. Sie ist noch nicht ganz fertig, aber sie wird bestimmt toll. Wir haben schon Rinder und Pferde. Dad will noch viel mehr kaufen. Er sagt, man braucht viel Vieh, um Geld zu verdienen.“

„Das stimmt“, bestätigte sie. „Gefällt dir denn das Leben auf einer Ranch?“

„Klar. Es ist prima. Wir haben schon immer auf einer Ranch gelebt. In der Stadt zu wohnen macht doch keinen Spaß. In Whitehorn habe ich Freunde gehabt, die in der Stadt gewohnt haben, und da gab es immer so viele Regeln, die sie beachten mussten. Wenn wir im Hof gespielt haben, mussten wir immer leise sein, weil die Nachbarn keine lauten Kinder mochten. Und ihr Hund durfte auch nicht in den Hof. Das ist doch traurig. Denn Hunde laufen gerne rum.“

„Ja, das Stadtleben ist anders“, pflichtete sie ihm bei. „Aber nicht jeder hat das Glück, auf einer Ranch leben zu können.“

„Das sagt Dad auch immer. Und er sagt auch, dass das Land zu viel kostet. Deshalb müssen wir gut darauf aufpassen.“

Das klang, als würde Winston Jackson seine Söhne zu guten Ranchern erziehen. Vermutlich war er deshalb auch ein guter Landwirtschaftslehrer.

Schritte klangen über den Korridor. Stacy folgte dem Blick des Jungen und sah einen großen Mann mit einem Cowboyhut und schwarzen Stiefeln. Mit großen Schritten eilte er auf die beiden zu. Das musste Winston Jackson sein. Stacys Vermutung wurde bestätigt, als Oliver rief: „Das ist Dad. Kommen Sie, ich stelle ihn Ihnen vor.“

Der Junge lief los. Stacy wollte nicht unhöflich erscheinen und folgte ihm. In der Mitte des Korridors trafen sie aufeinander.

Stolz baute Oliver sich neben seinem Vater auf und machte die beiden miteinander bekannt. „Dad, das ist Miss Abernathy. Sie unterrichtet die zweite Klasse. Wir haben uns über die Ranch unterhalten. Sie wohnt auch auf einer Ranch. Auf der Bonnie-B-Ranch.“

„Sehr erfreut, Miss Abernathy. Ich bin Winston Jackson. Nennen Sie mich einfach Win. Ich hoffe, Oliver hat Sie nicht zugetextet. Falls Sie es noch nicht erraten haben – Reden ist sein liebstes Schulfach.“

Der Mann war der Traum von einem Cowboy. Knapp ein Meter neunzig groß, breitschultrig und aschblondes Haar, das ihm bis in den Nacken wuchs. Er trug dunkle Hosen, ein hellblaues Westernhemd, eine Krawatte mit einer Klammer aus Malachit. Die grüne Farbe passt zu seinen Augen, überlegte sie und fragte sich sofort, warum ihr so etwas Nebensächliches an Win Jackson auffiel.

„Ganz meinerseits, Win. Bitte nennen Sie mich Stacy. Das tun alle – außer den Schülern natürlich.“

Als diese grünen Augen sie musterten, setzte Stacys Herz einen Schlag lang aus. Ihre Reaktion überraschte sie. In der Stadt begegnete sie vielen gut aussehenden Cowboys. Schließlich gab es in Bronco jede Menge davon. Aber sie hatte noch keinen getroffen, der sie so sehr beeindruckte. Oder wollte ihr rasender Puls sie nur daran erinnern, dass sie schon länger kein Date mehr gehabt hatte?

Glücklicherweise unterbrach Oliver ihre dummen Gedanken.

„Oh, Mist. Dann muss ich wohl weiter Miss Abernathy zu Ihnen sagen.“

Stacy lächelte den Jungen nachsichtig an. „Ich fürchte ja, Oliver. Wenn die anderen Schüler hören, dass du mich Stacy nennst, könnte es Probleme geben. Denn hier in der Schule bin ich nun mal Miss Abernathy, die Lehrerin. Verstehst du das?“

Sie bemerkte, dass Win sie kurz musterte und entschied, dass es nicht die Art von Blick war, mit der ein Mann eine Frau betrachtet, wenn er an ihr interessiert ist. Offenbar sah er in ihr nur die Lehrerin und nichts anderes.

„Da ich auch Lehrer bin, glaubt Oliver, auch Kollegen von mir so vertraulich anreden zu können“, erklärte er. „Ich werde dafür sorgen, dass er nicht vergisst, dass Sie Miss Abernathy sind.“

„Das vergesse ich nicht“, versprach Oliver. Dann schaute er seinen Vater an. „Miss Abernathy ist nicht verheiratet. Sie hat auch keine Kinder.“

Win sah seinen Sohn streng an. „Oliver, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du den Leuten keine persönlichen Fragen stellen sollst? Das alles ist Miss Abernathys Privatsache und geht dich nichts an.“

Als Stacy die geknickte Miene des Jungen sah, entgegnete sie rasch: „Ach, das ist schon in Ordnung, Win. Ich habe mein ganzes Leben in Bronco verbracht. Jeder hier weiß alles über mich. Manche könnten Ihnen wahrscheinlich sogar sagen, was ich zu Mittag gegessen habe.“

Win lächelte. „Vielen Dank für Ihr Verständnis.“

Plötzlich hatte sie einen Frosch im Hals, aber sie wollte sich nicht räuspern. Es fehlte noch, dass dieser verwegen aussehende Cowboy den Eindruck bekam, sie würde sich in seiner Gegenwart wie ein linkischer Teenager benehmen.

„Oliver hat mir erzählt, dass Sie Landwirtschaftslehrer an der Highschool sind. Wie gefällt Ihnen denn Ihr neuer Job?“, erkundigte sie sich höflich.

„Bis jetzt hatte ich noch keine Probleme.“ Er schmunzelte. „Die meisten Schüler sind folgsam und aufmerksam, und die neuen Kollegen sind auch ausgesprochen nett.“

Es war geradezu eine Sünde, dass ein Mann so gut aussah wie er, überlegte Stacy. Wahrscheinlich hatte er an jedem Finger eine Freundin.

Sie verdrängte den Gedanken und sagte: „Nun, ich hoffe, dass Sie sich in Bronco wohlfühlen werden, Win. Ich bin natürlich voreingenommen, aber ich finde die Stadt großartig.“

„Ja, allmählich fängt es für die Jungs und mich an, sich wie zu Hause anzufühlen.“ Er legte seine große Hand auf Olivers Schulter. „Komm, Junge. Joshua wartet, und vor dem Abendessen haben wir noch eine Menge zu tun.“

Oliver winkte ihr zu. „Tschüss, Miss Abernathy. Vielleicht treffen wir uns morgen hier im Korridor.“

Stacy nickte. „Das ist sehr gut möglich.“

„Schön, Sie kennengelernt zu haben.“ Win drehte sich um und ging mit seinem Sohn davon.

Stacy sah ihnen nach, bis sie das Ende des Flurs erreicht hatten und um die Ecke verschwanden. Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer musste sie ständig daran denken, dass Win Jackson in der Tat ein ansehnlicher Cowboy war. Allerdings auch ziemlich distanziert.

Und warum sollte er das nicht sein? Du bist nicht gerade eine umwerfende Schönheit, und so, wie der Mann aussieht, kann er sich seine Freundinnen aussuchen.

Die spöttische Stimme in ihrem Kopf wurde plötzlich von zwei Frauen unterbrochen, die sich hinter ihr unterhielten. Als sie sich umdrehte, sah sie Emma Garner, die Lehrerin der ersten Klasse, und Carrie Waters, die Assistenzlehrerin.

„Stacy! Wer zum Teufel war das denn?“, wollte Emma wissen.

„Ich glaube, ich muss die Klimaanlage anstellen“, rief Carrie und wedelte sich mit der Hand Luft zu. „Es ist ziemlich heiß hier drin.“

Stacy bemühte sich, gelassen zu bleiben. „Das war Win Jackson. Er ist der neue Landwirtschaftslehrer an der Bronco-Highschool.“

Carrie, rothaarig und kein Kind von Traurigkeit, ließ einen sehnsüchtigen Seufzer hören. „Wow. Er ist ja ein Traum von einem Cowboy. Aber ich wette, er ist verheiratet. Das sind die Gutaussehenden ja immer.“

Emma verdrehte die Augen. „Die Gutaussehenden bedeuten auch immer Probleme – egal, ob sie verheiratet sind oder nicht.“

„Win ist Witwer“, erklärte Stacy. „Das war Oliver, sein Sohn. Er hat einen älteren Sohn auf der Highschool.“

„Ein Witwer“, wiederholte Carrie nüchtern. „Das ist schrecklich. Die armen Jungs.“

„Der arme Win“, fügte Emma hinzu. „So jung und schon Witwer – das muss wirklich schlimm sein.“

„Ich kann mir das auch nicht vorstellen“, sagte Stacy. „Die Frau und Mutter seiner Kinder zu verlieren ist geradezu herzzerreißend.“

„Wie lange ist er denn schon Witwer?“ Fragend schaute Carrie zu Stacy.

„Oliver hat mir erzählt, dass seine Mutter vor sieben Jahren gestorben ist. Als er drei Jahre alt war. Er kann sich nicht mehr an sie erinnern.“

„Schlimm“, murmelte Emma. „Mr. Jackson hat sich bestimmt schon mal gefragt, ob seine Kinder eine neue Mutter brauchen.“

Das hatte Stacy sich ebenfalls gefragt, aber das wollte sie ihren Kolleginnen nicht auf die Nase binden. Die beiden Frauen hatten ihr immer wieder geraten, mehr auszugehen, um Männer kennenzulernen. Sie sollten bloß nicht auf die Idee kommen, sie sei an Win Jackson interessiert.

„Schon möglich“, beantwortete sie Emmas Frage. „Aber er ist schon ziemlich lange Witwer. Sieht nicht so aus, als ob er auf der Suche nach einer Ehefrau oder Stiefmutter für seine Söhne ist.“

Carrie seufzte. „Was für eine Verschwendung!“

„Jeder geht mit einem Verlust anders um.“ Emma verzog das Gesicht. „Und manche Menschen lieben nun mal nur ein einziges Mal in ihrem Leben.“

Gehörte Win Jackson zu diesen Menschen? Hatte er seinen gesamten Vorrat an Romantik seiner verstorbenen Frau geschenkt? Die Vorstellung irritierte Stacy. Ein Mann wie er musste doch voll von Bedürfnissen und unerfüllter Leidenschaft sein. Aber was wusste sie schon von Leidenschaft? Die wenigen Beziehungen, die sie gehabt hatte, waren alle irgendwie lauwarm dahingeplätschert. Das wurde ihr einmal mehr schmerzlich bewusst.

Sie beschloss, das Thema zu wechseln und warf einen Blick auf ihre Uhr. „Oje, es ist schon spät. Ich muss meine Sachen packen und nach Hause.“

Als sie kurz darauf in ihrem Wagen saß und zur Ranch fuhr, versuchte sie, nicht an Win Jackson zu denken. Sie drehte sogar das Radio auf volle Lautstärke in der Hoffnung, dass die Musik ihr sein Bild auf dem Kopf trieb. Leider funktionierte es nicht. Immer noch sah sie sein markantes Gesicht vor sich, sein spöttisches Lächeln, spürte seine rauen Hände, als er sie begrüßte. Er war wirklich ein Bild von einem Mann. Wenn man ihn nur ansah, begannen die Schmetterlinge in der Magengrube zu flattern.

Doch es war nicht nur sein Aussehen, über das sie nachdachte. Sie stellte sich vor, wie er und seine Jungen ein leeres Haus betraten und allein zu dritt beim Essen saßen. Fast bekam sie Schuldgefühle, weil sie mit ihren Eltern und wahrscheinlich ein oder zwei Geschwistern am Tisch sitzen würde.

Aber war sie deswegen glücklicher als Win? Er war wenigstens einmal sehr verliebt gewesen. Er hatte eine Ehe geführt und vor allem zwei Söhne. Sie hatte noch nicht einmal einen festen Freund. Vielleicht sollte sie sich mehr Gedanken um ihr eigenes Liebesleben machen.

Zwei Tage später stand Win im Klassenzimmer vor seinem Schreibtisch und stellte seinen zweiundzwanzig Zehntklässlern zahlreiche Fragen. Es war die letzte Schulstunde, in der die meisten Schüler anstatt an den Unterricht eher daran dachten, was sie abends machen würden. Für Win war es jedes Mal eine Herausforderung, sie bei der Stange zu halten, und während der letzten zwanzig Minuten gab er sein Bestes.

„Nächste Frage: Wenn eine Dürre die Heuernte eines Viehzüchters vernichtet, wäre es dann rentabler für ihn, seine Herde zu verkaufen – oder teures Heu woanders zu besorgen?“

In der letzten Reihe meldete sich ein Mädchen mit kurzen braunen Haaren.

„Ja, Bethany – sag uns, was du machen würdest.“

„Ich denke, das hängt vom Marktpreis für Vieh zum Zeitpunkt der Dürre ab. Wenn der Markt überschwemmt ist und der Rancher große Verluste beim Viehverkauf macht, wäre der Kauf von teurem Heu die bessere Lösung.“

„Das stimmt“, bestätigte Win. „Es hängt immer alles vom aktuellen Marktpreis ab. Nicht nur für das Vieh, sondern auch für das Heu.“

Win wollte gerade in seine Notizen schauen, als er bemerkte, dass Ralphy, der an einem Tisch neben Bethany saß, ihr ein verschmitztes Grinsen zuwarf. Sofort röteten sich Bethanys Wangen. Prompt erinnerte Win sich an seine eigene Schulzeit und die linkischen Flirtversuche, die er damals unternommen hatte. Doch diese Zeit war lange vorüber, und seit Yvettes Tod hatte er ohnehin keine Lust mehr, mit Frauen zu flirten.

Abgesehen von vorgestern Abend. Als er Stacy Abernathy begegnet war.

Zwei Tage waren vergangen, seitdem er die Grundschullehrerin kennengelernt hatte, aber er erinnerte sich noch immer viel zu gut an sie. Strahlende blaue Augen, elfenbeinfarbene Haut, goldblondes Haar, erdbeerrote Lippen. Sie war entzückend. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ihm so etwas aufgefallen.

Verflixt! Er war nicht auf der Suche nach einer romantischen Beziehung. Warum dachte er überhaupt noch an diese Frau?

Gerade wollte er sich auf die nächste Frage konzentrieren, als die Glocke läutete und er den Unterricht beendete.

Die Schüler und Schülerinnen strömten hinaus, und Win packte seine Unterlagen zusammen.

„He, Win. Du hast die Konferenz heute Abend nicht vergessen, oder?“

Win schaute zur Tür, wo sein Kollege Anthony Landers stand, Physik- und Sportlehrer. Er war Ende zwanzig, hatte pechschwarze Locken und stets ein Grinsen im Gesicht. Win und er waren schnell Freunde geworden.

„Konferenz? Welche Konferenz? Offenbar habe ich sie doch vergessen.“

Anthony betrat den Raum, zog ein gefaltetes Blatt Papier aus seiner Hosentasche und reichte es Win. „Hast du keine E-Mail bekommen? Ich habe meine ausgedruckt.“

Win überflog das Blatt und fluchte leise. Das Treffen begann um sechs Uhr. Er würde es kaum schaffen, seine Söhne abzuholen, sie zur Ranch zu bringen, das Abendessen vorzubereiten und nach Bronco zurückzufahren.

Kopfschüttelnd gab er Anthony das Blatt zurück. „Ich hab’s tatsächlich vergessen. Jetzt muss ich mir überlegen, was ich mit den Jungs mache, während ich bei der Konferenz bin.“

„Kein Problem. Ich lasse die Turnhalle geöffnet, sodass die Lehrerkinder Basketball oder Volleyball spielen können. Ein paar von den Assistenzlehrern übernehmen die Aufsicht.“

„Danke. Dann werde ich die Jungs in die Turnhalle schicken. Hast du eine Ahnung, wie lange diese Konferenzen dauern?“

„Normalerweise nicht länger als eine Stunde. Gerade lange genug, um ziemlich hungrig zu sein, wenn man nach Hause kommt.“

„Na toll. Joshua und Oliver werden bestimmt jammern und mir mit Zusammenbruch drohen, weil sie so lange aufs Essen warten müssen.“

Anthony lachte leise. „Du kannst vorher mit ihnen noch essen gehen. Ich würde euch ja begleiten, aber ich muss die Turnhalle vorbereiten.“

Win schüttelte den Kopf. „Sie hatten gestern schon Fast Food. Zweimal hintereinander ist zu viel.“

„Ach ja, die Vaterschaft. Ich bin froh, dass ich noch nicht so weit bin. Wir sehen uns bei der Konferenz.“ Anthony wandte sich zum Gehen.

„Hast du noch eine Sekunde?“, rief Win ihm hinterher.

„Klar. Was gibt’s denn?“

Win trat näher zu ihm. „Kennst du die Familie Abernathy?“

Anthony grinste. „Das ist ein weites Feld, Win. Die Abernathys gehören zu den ältesten und wohlhabendsten Familien in der Gegend. Die Sippe ist ziemlich weitverzweigt. Aber ich kenne sie nur flüchtig. Ist nicht ganz meine Liga, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Du meinst, weil sie reich sind? Sind sie hochnäsig?“ Stacy Abernathy hatte ganz und gar keinen eingebildeten Eindruck auf ihn gemacht.

„Nicht die paar, die ich kenne. Eigentlich sind sie alle ziemlich bodenständig. Aber …“ Er zuckte mit den Schultern. „Wenn ich mit reichen Leuten zusammen bin, muss ich immer an mein eigenes, sehr überschaubares Bankkonto denken. Warum fragst du denn nach den Abernathys? Hast du einen von ihnen als Schüler?“

Win kam sich ziemlich dämlich vor. „Nein. Ich habe eine Lehrerin von Olivers Schule kennengelernt – Stacy Abernathy – und mir nur Gedanken gemacht, weil Oliver ganz begeistert von ihr zu sein scheint.“

Nachdenklich runzelte Anthony die Stirn. Dann nickte er. „Ja. Ich bin ihr bei einigen Schulveranstaltungen begegnet. Sie wohnt auf der Bonnie-B-Ranch. Sie ist, glaube ich, die Jüngste in der Familie. Sie erschien mir immer als sehr zurückhaltend. Aber, wie gesagt, ich kenne sie kaum. Im Gegensatz zu ihren Brüdern. Denen bin ich schon öfter in Dougs Bar oder anderen Kneipen in der Stadt begegnet. Sind alles nette Kerle.“

Es hörte sich nicht so an, als hielten sich die Abernathys für etwas Besseres. Aber deshalb sollte er keine Tagträume von der hübschen blonden Lehrerin haben. „Na ja, du kennst ja Oliver. Der bringt alle zum Reden.“

„Ach – ist Oliver dieses Jahr in Stacys Klasse?“ Neugierig betrachtete er seinen Freund.

„Nein. Sie unterrichtet doch in der zweiten.“

„Ach so. Na, dann wird Oliver ja nicht viel mit ihr zu tun haben“, erwiderte Anthony. „Wenn dir das Sorgen bereitet – dass er eine Lehrerin als Mutterersatz sieht …“

Win zog eine Grimasse und nahm seinen Rucksack vom Schreibtisch. Oliver fragte ihn häufiger danach, ob er wieder eine Mutter haben würde, und Joshua hatte auch schon oft zugegeben, seine Mutter zu vermissen und sie sich zurückzuwünschen – wenn er nicht gerade den coolen Teenager heraushängen ließ. Win wusste, dass es für die beiden Jungen nicht einfach war, aber er konnte ihnen Yvette nicht zurückbringen. Und er würde bestimmt nicht heiraten, nur damit seine Söhne eine Stiefmutter bekamen.

Er unterdrückte einen Seufzer. „Ich mache mir keine Sorgen. Aber manchmal wünschte ich mir, dass er ein bisschen mehr wie Joshua wäre.“

„Und sich ganz von Frauen fernhält?“ Anthony lachte. „Tut mir leid, Win. Aber ich könnte mir vorstellen, dass deine Jungs nichts anbrennen lassen, wenn sie erst einmal in das Alter kommen, wenn Mädchen interessant werden.“

Bei dem Gedanken stöhnte Win innerlich. „Da hast du wohl recht. Ich muss mich wahrscheinlich darauf vorbereiten, dass sie ein paar Mal mit gebrochenem Herzen nach Hause kommen werden.“

„Das gehört zum Erwachsenwerden dazu“, erwiderte Anthony pragmatisch. „Jedenfalls hat mir mein Dad das immer gesagt.“

Stimmt, dachte Win grimmig. Ein Mann muss lernen, wie es ist, sich zu verlieben. Und er muss auch lernen, mit dem Ende einer Liebe klarzukommen. Was ihn anbetraf – er hatte genug gelernt.

„Wie ist es denn, Joshua in deiner Klasse zu haben? Ich kann mir nicht vorstellen, meinen eigenen Sohn zu unterrichten.“

Win schmunzelte. „Es ist nicht immer leicht, die dünne Linie zwischen Vater und Lehrer im Auge zu behalten. Aber bis jetzt hat es noch keine Probleme gegeben.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. „Wir sollten gehen.“

„Stimmt. Sonst kommen wir noch zu spät zur Konferenz.“

Gemeinsam verließen die beiden Männer den Klassenraum, und nachdem sie sich verabschiedet hatten, eilte Win zu seinem Wagen. Mit etwas Glück würde er Oliver abholen können, ohne Miss Stacy Abernathy ein zweites Mal zu begegnen. In Gegenwart der hübschen blonden Lehrerin fühlte er sich ziemlich unbehaglich. So etwas hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Diese Art von Versuchung konnte er überhaupt nicht gebrauchen. Die Tage, da er eine Frau in seinem Leben hatte, waren lange vorüber.

2. KAPITEL

Auf dem Weg zum Konferenzraum wurde Stacy immer nervöser. Was eigentlich lächerlich war; schließlich hatte sie schon an Dutzenden solcher Meetings teilgenommen. Meistens war sie nach kurzer Zeit gelangweilt von den immergleichen Diskussionen darüber, wie man die Schüler motivieren sollte.

Aber sie musste ehrlich zu sich sein. Nicht die Konferenz, sondern die Aussicht, Win Jackson wiederzusehen, verursachte ihr Herzklopfen und feuchte Hände. Würde er sie bemerken? Und wenn ja, würde er sich dazu herablassen, sie zu begrüßen?

Vor der geschlossenen Tür blieb sie kurz stehen, begutachtete den braunen Wildlederrock und den orangefarbenen Pullover, die sie angezogen hatte, ehe sie zur Highschool gefahren war. Nichts Auffälliges, aber wenn Win in ihre Richtung blicken sollte, würde er sie vielleicht nett finden.

Nett? Zu mehr reicht es nicht? Wenn du die Aufmerksamkeit dieses muskulösen Typen auf dich ziehen willst, musst du dich schon ein bisschen mehr anstrengen!

Sie beschloss, die nervige Stimme in ihrem Kopf zu ignorieren und betrat den Konferenzraum, in dem die meisten Lehrer und Lehrerinnen bereits an den Tischen saßen. Ganz vorn hatten die Verwaltungsmitglieder Platz genommen.

Suchend schaute sie sich nach einem freien Platz um. Da entdeckte sie Emma, die ihr zuwinkte und auf den freien Stuhl neben sich deutete.

Kaum hatte Stacy Platz genommen, beugte Emma sich zu ihr und flüsterte: „Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst. Es geht nämlich gleich los.“

Stacy ließ die Luft aus ihren Lungen entweichen. „Ich musste noch nach Hause mich umziehen.“

Emma musterte Stacy von Kopf bis Fuß. „Hübsch.“

„Danke. Ich habe schon befürchtet, du würdest nett sagen.“

Emma zog die Augenbrauen hoch. „Was ist falsch an nett?“

Weil es nicht Win Jacksons Aufmerksamkeit erregen würde, dachte Stacy und hätte sich am liebsten sofort dafür geohrfeigt. Diese plötzliche Vernarrtheit in einen Mann, mit dem sie gerade einmal drei Minuten geredet hatte, war absolut lächerlich.

„Gar nichts“, erwiderte sie. „Nett ist jedenfalls besser als schlicht.“

Emma lachte. „Du und schlicht? Manchmal bist du wirklich lustig, Stacy. Und da wir gerade von gutem Aussehen sprechen – der attraktive Landwirtschaftslehrer ist gerade reingekommen. Schade, dass an unserem Tisch kein Platz mehr frei ist. Dann hätte er sich zu uns setzen können.“

Mit dem Stetson in der Hand steuerte Win Jackson, der Stacy größer erschien, als sie sich erinnerte, auf einen Tisch zu, an dem mehrere Lehrer saßen. Er setzte sich neben Anthony Landers, und die Männer begrüßten sich wie alte Freunde. Stacy fragte sich, mit wem er sich seit seiner Ankunft in Bronco sonst noch angefreundet haben mochte. Mit einigen seiner Kolleginnen? Oder mit Frauen, die er bereits in der Stadt kennengelernt hatte?

Während sie noch darüber nachdachte, schaute er plötzlich in ihre Richtung. Er lächelte oder nickte nicht, doch als sich ihre Blicke trafen, war Stacy sich sicher, dass er sie erkannt hatte.

„Sieht ganz so aus, als würde es langsam losgehen“, murmelte Emma. „Wird auch Zeit, findest du nicht?“

Stacy löste den Blick von Win Jackson und schaute Emma fragend an. „Zeit für was?“

Emma verdrehte die Augen. „Für das Meeting. Was denn sonst?“

Stacy kam sich wie eine Närrin vor und atmete tief aus. „Klar. Entschuldige, Emma, aber ich hatte einen ziemlich hektischen Tag, und mir gehen tausend Dinge durch den Kopf.“

Zum Beispiel der große Cowboy mit dem wehenden Blondschopf und den grünen Augen, nicht wahr?

Glücklicherweise wurde die spöttische Stimme in Stacys Kopf von der sonoren Stimme des Schuldirektors übertönt, der die Anwesenden begrüßte.

Stacy hörte ihn nur wie aus weiter Ferne, während sie unauffällig zu Wins Tisch hinübersah. Sie war schockiert, als sie bemerkte, dass er genau in ihre Richtung schaute. Schon wieder. War er vielleicht doch interessiert? Möglicherweise kam er nach der Konferenz an ihren Tisch, um sie zu begrüßen.

Win wünschte sich sehnlichst, woanders zu sitzen als im Blickfeld von Stacy Abernathy. Offenbar wollte das Schicksal ihn quälen. Jedes Mal, wenn er in ihre Richtung schaute, spürte er so etwas wie eine … Verbindung? Er kannte die Frau doch kaum. Wie konnte das sein?

Tief in Gedanken versunken, versuchte Win, diesem Rätsel auf die Spur zu kommen, als Anthony ihm seinen Ellbogen in die Rippen stieß.

„He, Win. Aufwachen! Die Konferenz ist vorbei.“

Anthonys Stimme riss ihn in die Gegenwart zurück. Als er sich umschaute, waren die meisten schon auf dem Weg Richtung Tür. Peinlich berührt, beim Tagträumen erwischt worden zu sein, griff er nach seinem Hut und setzte ihn auf.

„Das habe ich schon mitgekriegt. Ich … ich habe nur über etwas nachgedacht.“

„Erzähl mir nichts. Du warst kurz vorm Einschlafen.“

Erleichtert darüber, dass sein Freund vollkommen ahnungslos war, scherzte er: „Ist es ein Wunder – so spannend, wie die Konferenz mal wieder war? Komm, wir schauen mal nach, ob die Turnhalle noch steht.“

Fünf Minuten später hatte Win seine Söhne eingesammelt und war auf dem Weg zum Lehrerparkplatz. Als Oliver und Joshua den Wagen sahen, rannten sie voraus. Win drückte auf die Fernbedienung, und als er hinters Steuer kletterte, waren die beiden schon angeschnallt.

„Ich sterbe vor Hunger, Dad“, sagte Joshua. „Gehen wir Burger essen?“

„Nein. Lieber Hähnchen mit Soße“, rief Oliver. „Burger gibt’s doch dauernd.“

„Tut mir leid, Jungs, aber heute gibt’s kein Fast Food.“ Er schnallte sich an und sah im Rückspiegel die enttäuschten Gesichter seiner Söhne. „Zu Hause koche ich uns etwas. Es gibt noch jede Menge Reste vom Eintopf. Wie klingt das?“

Joshua protestierte, während Oliver begeistert in die Hände klatschte.

„Eintopf ist gut. Den mag ich.“ Er beugte sich näher zum Sitz seines Vaters. „Dad, hast du bei der Konferenz Miss Abernathy gesehen?“

Stirnrunzelnd startete Win den Motor. Mit Olivers Frage hätte er rechnen müssen. Er hatte ihren Namen in den letzten Tagen ein paar Mal erwähnt, sodass Win sich bereits fragte, ob Anthony wohl recht hatte mit seiner Vermutung, dass Oliver in ihr eine Ersatzmutter zu sehen begann.

„Ja“, antwortete Win. „Sie saß auf der anderen Seite des Raums.“

„Sie sah bestimmt hübsch aus.“ Oliver war ganz aufgeregt. „Hast du mit ihr gesprochen?“

Win hatte lange überlegt, ob er sie nach dem Meeting ansprechen und vielleicht auf einen Kaffee einladen sollte. Mit seinen Söhnen im Schlepptau war das ja ganz unverfänglich. Doch er hatte sich dagegen entschieden.

„Nein. Das Treffen hat sehr lange gedauert, und alle wollten ganz schnell weg.“ Das war nicht einmal gelogen – jedenfalls nicht ganz.

„Du hättest mit ihr sprechen sollen, Dad“, sagte Oliver. „Sie ist wirklich nett. Du würdest sie mögen.“

Joshua schnaubte spöttisch. „Oliver, du bist so dämlich. Dad braucht keine Frau. Frauen machen nur Probleme.“

Oliver starrte seinen großen Bruder an. „Woher willst du das wissen? Du bist doch noch ein Kind – genau wie ich.“

Win fuhr los. „Das reicht, Jungs.“

Joshua ignorierte die Warnung seines Vaters. „Ich bin kein Kind“, blaffte er Oliver an. „Ich bin fünfzehn.“

„Das ist immer noch ein Kind. Und ich weiß, dass Frauen nicht schlecht sind. Du bist dämlich. Du …“

Win achtete nicht länger auf den Streit seiner Söhne, als er am anderen Ende des Parkplatzes eine Frau entdeckte, die die Kühlerhaube ihres Wagens öffnete.

„Oliver, weißt du, was für einen Wagen Miss Abernathy fährt? Die Frau sieht aus wie sie.“

Sofort hörten die beiden Jungen auf, sich zu käbbeln. Oliver folgte dem Blick seines Vaters.

„Ja. Das ist Miss Abernathys Auto. Klein und weiß. Und das ist sie auch. Sie hat wohl ein Problem, Dad. Du solltest ihr helfen.“

Und das passiert genau dann, nachdem ich mir vorgenommen habe, ihr und der Versuchung aus dem Weg zu gehen, überlegte er selbstironisch.

Er öffnete die Tür. „Du hast recht, mein Sohn. Wir können Miss Abernathy nicht im Regen stehen lassen.“

„Warum nicht?“, murrte Joshua. „Es regnet doch gar nicht. Und sie hat bestimmt ein Handy. Sie kann eine Werkstatt anrufen. Ich habe Hunger.“

Win warf seinem Sohn einen warnenden Blick zu. „Ich tu mal so, als hätte ich nicht gehört, was du da gerade gesagt hast. Aber zu Hause haben wir ein Wörtchen miteinander zu reden.“

Oliver grinste hämisch. „Du weißt überhaupt nicht, wie es ist, nett zu sein, Joshua.“

So hatte sich Win seinen Abend eigentlich nicht vorgestellt – mit zwei streitenden Kindern und einer Frau, deren Anblick ganz merkwürdige Sachen in gewissen Körpergegenden mit ihm anstellte.

„Dad, Oliver ist fies zu mir, und …“

„Schluss mit der Streiterei“, unterbrach Win ihn energisch.

Oliver warf seinem Vater einen flehenden Blick zu. „Ich will nicht bei Joshua bleiben. Kann ich mit dir kommen, Dad?“

Win war klar, dass Oliver lieber Stacy Abernathy sehen wollte, als neben seinem stichelnden Bruder zu warten.

„Na gut“, gab Win nach. „Solange du nicht im Weg stehst.“

Ratlos stand Stacy vor der geöffneten Kühlerhaube und überlegte, ob sie einen ihrer Brüder anrufen und um Hilfe bitten sollte, als sie eine Männerstimme hinter sich hörte.

„Kann ich helfen?“

Überrascht drehte sie sich um und sah Win und Oliver näherkommen. Nach der Konferenz war er so schnell verschwunden, dass sie nicht damit gerechnet hätte, ihm auf dem Schulgelände noch zu begegnen.

Sie trat einen Schritt vom Wagen zurück. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Batterie ihren Geist aufgegeben hat oder was sonst sein könnte. Jedenfalls springt der Motor nicht an. Aber der Tank ist noch fast voll.“

„Ich schau mal nach.“ Er inspizierte den Motor.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Abernathy“, plapperte Oliver. „Dad kann alles reparieren. Sogar Traktoren. Er kann Ihnen bestimmt helfen.“

„Versprich nicht zu viel, Oliver“, bremste Win ihn. „Vielleicht ist ja ein Ersatzteil fällig. Und das gibt’s nur im Laden.“

Er schob ein paar Drähte beiseite und nahm die Haube von der Batterie. Nachdem er sie wieder aufgesetzt hatte, sagte er: „Versuchen Sie mal zu starten, damit ich hören kann, was los ist.“

Stacy setzte sich hinters Steuer und drehte den Schlüssel. Es tat sich nichts.

Sie stieg wieder aus und stellte sich neben ihn. „Selbst wenn die Batterie leer ist, klickt es beim Anlassen. Aber selbst das ist nicht zu hören.“

Er nickte. „Stimmt. Aber heutzutage kündigen die Batterien nicht mehr an, wenn sie keinen Saft mehr haben. Und man hört auch kein Klicken mehr. Ich habe Überbrückungskabel in meinem Wagen. Versuchen wir es damit mal.“

„Haben Sie denn Zeit?“, fragte sie. „Sie und die Jungs wollen doch bestimmt nach Hause.“

„Ach, wir wissen nie, wann wir nach Hause kommen“, beruhigte Oliver sie. „Manchmal erst lange, nachdem ich schon im Bett sein muss.“

Win stöhnte. „Oliver! Nachher denkt Stacy noch, dass ich kein guter Vater bin. Normalerweise gehst du immer zeitig ins Bett.“

Oliver grinste. „Ja, meistens.“

Stacy lächelte. Dann wandte sie sich an Win. „Ich unterrichte Grundschüler, Win. Ich bin es gewohnt, dass sie mir alles erzählen. Aber das entspricht nicht immer den Tatsachen.“

Er lachte kurz. „Wem sagen Sie das. Mit Oliver geht es mir genauso. Mit Joshua übrigens auch“, fügte er hinzu. „Ich hole mal die Kabel. Wenn wir Glück haben, springt Ihr Motor an.“

Fünf Minuten später waren die beiden Batterien miteinander verbunden, aber es tat sich nichts.

„Er will einfach nicht“, sagte Stacy seufzend.

„Ich fürchte, Sie müssen die Werkstatt anrufen und die Batterie austauschen lassen.“

Sie versuchte, sich ihren Frust nicht anmerken zu lassen. Win sollte nicht den Eindruck gewinnen, dass sie sich von so einer Lappalie aus der Fassung bringen ließ.

„Wahrscheinlich gibt es in Bronco einen Vierundzwanzig-Stunden-Service. Aber Dad geht immer zu einem bestimmten Mechaniker. Ich werde ihn morgen anrufen und um Hilfe bitten.“

Er löste die Überbrückungskabel von den Batterien. „Dann brauchen Sie jetzt eine Mitfahrgelegenheit, um nach Hause zu kommen“, bemerkte er.

„Kein Problem. Ich rufe meine Eltern an. Sie oder einer meiner Geschwister können mich abholen. Ich warte einfach im Wagen.“

Er legte die Stirn in Falten. „Es ist schon ziemlich kühl, und Ihre Heizung funktioniert auch nicht. Ich kann Sie nach Hause bringen.“

Es schien ihm nichts auszumachen. Andererseits klang er auch nicht begeistert. Verständlich, überlegte Stacy. Er musste sich um seine Kinder kümmern und wahrscheinlich auch noch einiges auf seiner Ranch erledigen, ehe er Feierabend hatte. Dennoch hätte er sein Angebot ruhig mit einem Lächeln vorbringen können.

Fast abwehrend streckte sie das Kinn vor. „Danke, aber mir macht es nichts aus zu warten. Die Gegend ist sicher. Außerdem habe ich schon genug von Ihrer Zeit in Anspruch genommen.“

Er schaute sie prüfend an. „Das haben Sie gesagt, nicht ich.“

„Daddy, wir sollten Miss Abernathy wirklich nach Hause fahren“, schaltete Oliver sich ein. „Das machen Männer doch mit Frauen, oder?“

„Stimmt, mein Sohn.“ Er warf Stacy ein ironisches Lächeln zu. „Holen Sie Ihre Sachen aus dem Auto, schließen Sie ab, und wir bringen Sie nach Hause.“

Weiter zu diskutieren würde sie nur undankbar erscheinen lassen. Außerdem machte sie sich nichts vor. Ein wenig länger in Wins Gesellschaft zu sein war das Aufregendste, was ihr seit ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr passiert war, als ihre Schüler ihr einen Kuchen geschenkt hatten.

„Danke, Win, Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“

„Nicht der Rede wert“, wehrte er ab. „Wenn ich mal eine Panne haben, können Sie sich revanchieren und mich nach Hause bringen.“

Während Win die Überbrückungskabel zusammenrollte, holte Stacy eine Tragetasche mit Büchern und Unterlagen für die Schule sowie ihre Handtasche und ihre Jacke vom Beifahrersitz.

„Ich trage die Sachen für Sie, Miss Abernathy“, erbot sich Oliver.

Lächelnd reichte sie ihm die Tasche. „Danke, Oliver. Ist es nicht zu schwer für dich?“

„Nein. Ich kann einen ganzen Eimer mit Futter tragen. Dad sagt immer, davon kriege ich Muskeln. Helfen Sie auch auf Ihrer Farm mit, Miss Abernathy?“

„Nicht sehr oft. Meine Brüder erledigen die meiste Arbeit.“

„Na ja, vermutlich wollen Sie keine Muskeln, weil Sie eine Frau sind“, sagte Oliver.

Sie verbiss sich ein Lachen, weil sie Olivers Gefühle nicht verletzen wollte. Er war so ein freundlicher Junge, und es war ganz offensichtlich, dass er sie beeindrucken wollte. Genau wie die meisten Jungen ihre Mütter beeindrucken wollen. Leider hatten Oliver und sein Bruder keine Mutter, überlegte sie betrübt.

„Mädchen möchten auch Muskeln haben und stark sein“, erwiderte sie.

Neugierig schaute Oliver sie an. „Haben Sie mal Baseball gespielt?“

„Nein. Aber ein wenig Softball.“

Er schien beeindruckt zu sein, weil sie mehr als unterrichten und Bücher lesen konnte. „Das ist gut. Ich spiele auch in der Kindermannschaft. Aber nicht im Sommer.“

Oliver legte die Tragetasche auf den Boden vor dem Beifahrersitz. Stacy wollte gerade einsteigen, als Win zu ihr trat und eine Hand unter ihren Ellbogen legte.

„Lassen Sie mich helfen. Der Tritt ist ein bisschen hoch.“

Obwohl es eine ganz harmlose Berührung war, reichte die Wärme seiner Finger aus, um ihren Puls schneller schlagen zu lassen.

„Danke, Win.“

„Gern. Finden Sie den Sitzgurt? Der wird kaum gebraucht. Die Jungs sitzen immer hinten. Der Gurt ist wahrscheinlich zwischen die Sitze gerutscht.“

Er stand so nahe bei ihr, dass sie die Wärme seines Körpers und seinen männlichen Duft spüren konnte. Noch nie hatte ein Mann ihre Hände zum Zittern gebracht, aber als sie jetzt nach dem Gurt suchte, stellte sie fest, dass Win es geschafft hatte. Hoffentlich bemerkte er es im Dämmerlicht des Parkplatzes nicht.

„Ich habe ihn.“

Zufrieden schloss er die Tür und befahl Oliver, sich neben Joshua zu setzen, der die ganze Zeit im Wagen geblieben war.

Win setzte sich ans Steuer. „Ich glaube, Sie haben meinen Ältesten noch nicht kennengelernt“, sagte er, während er über seine Schulter nach hinten schaute. „Joshua, sag Miss Abernathy Guten Tag. Sie unterrichtet die zweite Klasse an der Grundschule.“

Stacy drehte sich in ihrem Sitz um. „Hallo, Joshua. Schön, dich kennenzulernen.“

„Hi.“

Mehr sagte er nicht, und Stacy fragte sich, ob der Teenager immer so still oder schüchtern war.

„Wir bringen Miss Abernathy nach Hause. Sie wohnt auf der Bonnie-B-Ranch“, erklärte Win seinem älteren Sohn.

„Oh. Wo ist die denn?“, wollte Joshua wissen.

„Ungefähr zehn Meilen von unserer Ranch entfernt“, antwortete Win.

Darauf sagte Joshua nichts, und Stacy hatte den Eindruck, dass der Junge aus irgendeinem Grund schmollte. Weil sein Dad einer Frau half und sie deshalb erst spät nach Hause kamen?

„Machen Sie sich nichts daraus, dass Joshua so still ist, Miss Abernathy“, sagte Oliver. „Er weiß nicht, wie man mit Frauen spricht – so wie ich.“

„Halt die Klappe, du Blödmann“, blaffte Joshua ihn an.

„Habt ihr vergessen, was ich euch eben gesagt habe?“, schaltete Win sich ein. „Kein Streit – vor allem nicht in Gesellschaft. Und jetzt seid still da hinten.“

Ein unangenehmes Schweigen entstand, bis Stacy sich ein wenig umständlich räusperte. „Oliver hat mir erzählt, dass Sie gerade dabei sind, die Ranch aufzubauen. Wie läuft es denn?“

„Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit. Aber jetzt, wo die Schule wieder angefangen hat … na ja, als Lehrerin wissen Sie ja selbst, wie wenig Zeit wir haben. Und wenn es dunkel ist, kann man auch nicht mehr viel im Freien machen. Trotzdem bin ich ganz zufrieden damit, wie es läuft. Ich habe eine paar Rinder und einige Pferde.“

„Wir haben auch Katzen und Hunde, Miss Abernathy“, fügte Oliver hinzu. „Und ein paar Esel, die auf das Vieh aufpassen.“

„Die sind bestimmt süß“, sagte sie.

„Die sind gemein“, warf Joshua ein. „Die beißen dich, wenn du nicht aufpasst. Wir hatten die schon in Whitehorn. Dad sagt, sie gehören zur Familie. Deshalb haben wir sie mit hierher genommen.“

„Verstehe“, murmelte sie, während sie Win aus den Augenwinkeln betrachtete. Er schien vollkommen auf den Verkehr konzentriert zu sein, aber sie fragte sich, ob er vielleicht an Whitehorn und das Leben dachte, das er dort mit seiner verstorbenen Frau geführt hatte. Ob die Erinnerung an sie für ihn immer noch so schmerzlich war, dass er so lange allein geblieben war? Dann würde er vermutlich keine andere Frau mehr haben wollen. „Warum sind Sie nach Bronco gezogen?“, fragte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich war bereit für etwas Neues, und als ich über Bronco recherchiert habe, schien mir das ein guter Ort für eine Ranch und zum Unterrichten zu sein.“

„Und Dad wollte wegen Tara weg von Whitehorn“, stieß Oliver hervor.

„Halt die Klappe“, brummte Joshua.

„Du solltest die Klappe halten.“ Jetzt schrie Oliver sogar.

Win drehte sich um und warf den Jungen einen warnenden Blick zu. Dann schaute er zu Stacy. „Ich entschuldige mich für das Benehmen meiner Söhne, Stacy. Sie werden es kaum glauben, aber normalerweise sind sie nicht so ungezogen. Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, dass alle meine Schüler so sind.“

Doch Stacy dachte weder an seine Söhne noch an seine Schüler. Stattdessen fragte sie sich, wer Tara war und was mit ihr und Win geschehen war. Aber er schien Olivers Bemerkung nicht kommentieren zu wollen, und Stacy würde ihn ganz gewiss nicht danach fragen.

3. KAPITEL

Oliver hielt die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, als Win das Einfahrtstor zur Ranch passierte und das stattliche Wohnhaus ansteuerte.

„Wow! Das ist ja wirklich riesig“, rief er. „Guck dir mal die große Scheune an.“

„Ja. Die ist größer als unsere“, antwortete Joshua. „Und in dem Haus wohnen Sie, Miss Abernathy?“

„Das ist das Haus meiner Eltern. Ich habe eine kleinere Hütte ungefähr eine halbe Meile von hier. Aber ich bin auch sehr oft bei meinen Eltern.“

„Warum?“, wollte Oliver wissen. „Weil das Haus so groß ist?“

„Na ja, so groß ist es ja nun auch nicht. Aber es ist sehr gemütlich. Da habe ich als Kind gelebt. Ich bin oft bei meinen Eltern, weil ich gerne Zeit mit ihnen verbringe. Und sie mit mir.“

Auch Win war beeindruckt. Eine so große Ranch wie die Bonnie B hatte er in ganz Bronco und Umgebung noch nicht gesehen. Doch es überraschte ihn nicht. Anthony hatte ihm ja erzählt, dass die Abernathys zu den wohlhabendsten Familien in der Gegend gehörten. Und Stacy hatte es wohl an nichts gefehlt.

Ein Grund mehr für ihn, Distanz zu der Frau zu wahren. Er war zwar nicht arm, aber mit dem Geld der Abernathys konnte er nicht mithalten. Und sie würde ihre Ansprüche gewiss nicht herabsetzen. Nicht einmal aus Liebe.

Liebe! Verdammt. Wahrscheinlich hatte er heute zu lange nichts gegessen. Sonst wäre ihm dieses Wort niemals in den Sinn gekommen.

„Da wären wir“, verkündete sie, als er vor einem Lattenzaun anhielt. „Ich würde euch und Ihnen gern ein paar von Moms Keksen anbieten – als kleines Dankeschön für Ihre Bemühungen.“

Win musste nicht lange über ihre Einladung nachdenken. Egal, wie harmlos sie gemeint war – er musste Distanz wahren. „Danke, das ist sehr nett, Stacy. Aber wir sollten jetzt wirklich nach Hause fahren.“

Oliver stieß einen jammernden Laut aus. „Ach, Dad, können wir nicht ein paar Minuten reingehen? Wir kriegen nie selbst gemachte Kekse. Nur wenn wir Grandma und Grandpa besuchen.“

„Ich würde auch gern ein paar Kekse essen“, schaltete Joshua sich ein.

Da seine Söhne unbedingt dafür waren, konnte Win sich schlecht weigern. Außerdem würde sie ihn wohl für einen Spielverderber halten, wenn er ihr Angebot ablehnte. „Na gut“, gab er nach. „Aber wir können nicht lange bleiben. Miss Abernathy hat noch einiges zu tun, und wir auch.“

„Ja! Selbst gemachte Kekse!“, jubilierte Oliver. „Das ist klasse!“

Sie stiegen aus. Win trug Stacys Tasche, und sie gingen nebeneinander her, während die beiden Jungen ihnen folgten.

Die Nacht war kühl. Der Wind raschelte in den Blättern der Espen, die in einer Ecke des Gartens wuchsen. Der Himmel war sternenübersät, und im Osten ging der Halbmond auf. Aus der Ferne klangen Hundegebell und das Muhen von Kühen zu ihnen hinüber.

Sie betraten eine Veranda, die um das ganze Haus herumging. Rechts und links von der Haustür standen gepolsterte Sitzgruppen, zahlreiche Blumentöpfe mit Chrysanthemen und zwei Hollywoodschaukeln.

Stacy wollte gerade die Tür öffnen, doch noch ehe sie den Griff fassen konnte, wurde sie aufgerissen, und eine groß gewachsene Frau mit hellen Haaren erschien im Türrahmen.

„Stacy, du bist’s. Ich dachte, ich hätte ein Auto gehört.“ Beim Anblick von Win und den beiden Jungen zog sie neugierig die Augenbrauen hoch. „Du hast Besuch mitgebracht.“

„Ja. Oder besser gesagt, sie haben mich nach Hause gebracht. Mein Wagen ist nicht angesprungen. Er steht auf dem Schulparkplatz. Win hat mich freundlicherweise nach Hause gefahren.“ Stacy zeigte auf ihn. „Mom, das ist Win Jackson. Er ist der neue Landwirtschaftslehrer an der Highschool. Und das sind seine Söhne, Joshua und Oliver. Und das ist meine Mutter, Bonnie Abernathy.“

Stacys Mutter trat auf die Veranda und ergriff lächelnd Wins Hand. „Schön, Sie kennenzulernen, Mr. Jackson. Es ist sehr nett von Ihnen, Stacy nach Hause zu bringen.“

Bonnies Händedruck war fest und selbstsicher – genauso wie der Blick ihrer Augen. Win fand sie sofort sympathisch. „Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Mrs. Abernathy. Und nennen Sie mich doch Win. Mr. Jackson höre ich den ganzen Tag in der Schule.“

Sie lachte. „Das glaube ich gern. Also, Win.“

Win schlang einen Arm über beide Söhne und schob sie nach vorn. „Jungs, begrüßt Mrs. Abernathy.“

„Guten Tag, Mrs. Abernathy“, sagten sie wie aus einem Mund.

Lachend nahm sie beide Kinder an die Hand und zog sie zur offenen Tür. „Viel zu förmlich. Nennt mich einfach Bonnie. So, dann kommt mal rein. Ich wette, ihr mögt Kekse?“

Verwirrt sah Oliver sie an. „Woher wissen Sie, dass Miss Abernathy uns zu Keksen eingeladen hat?“

Schmunzelnd betrachtete sie Win und Stacy und zwinkerte ihnen zu. „Ach, das habe ich irgendwie geraten.“ Sie legte die Arme um die beiden und führte sie ins Haus. Stacy und Win folgten dem Trio in einen kurzen Flur.

„Kommt mit mir in die Küche, Jungs“, sagte Bonnie. Dann drehte sie sich zu Stacy und Win um. „Stacy, geht ihr beide doch ins Wohnzimmer, während die Jungs ihre Kekse essen. Und keine Sorge, Win, ich verderbe ihnen nicht den Appetit. Sie bleiben doch zum Abendessen, oder? Ich habe für eine ganze Armee gekocht. Sie haben doch nicht etwa schon gegessen?“

Ihre unerwartete Einladung überraschte Win. Ein wenig unsicher schaute er zu Stacy. Doch sie lächelte nur, als ob sie ihm sagen wollte, das sei seine Entscheidung.

An Bonnie gewandt antwortete er: „Nein, wir haben noch nicht gegessen. Es ist sehr nett von Ihnen, uns einzuladen. Aber ich möchte keine Umstände machen. Ich werde Joshua und Oliver etwas kochen, wenn wir nach Hause kommen.“

„Unsinn! Das Essen ist reichlich. Ich lasse Sie nicht ohne Abendessen gehen. Vor allem nicht, nachdem Sie den ganzen Weg hier herausgefahren sind, um Stacy nach Hause zu bringen.“

Win wusste ihre herzliche Art zu schätzen. Aber er kannte Stacy kaum – und die anderen Abernathys überhaupt nicht. Es war ihm äußerst unangenehm, so sehr in diese Familie hineingezogen zu werden, und das ohne Vorwarnung.

„Bonnie, Sie brauchen sich wirklich nicht erkenntlich zu zeigen, weil ich Stacy geholfen habe, und …“

„Keine Widerrede“, unterbrach sie ihn energisch. „Sie und Ihre Jungs müssen etwas essen. Und das können Sie genauso gut mit uns machen. Stacy, biete ihm doch einen Drink an. Das Essen ist in einer halben Stunde fertig.“

Sie verschwand mit den Jungen, und Stacy warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu. „Ich verstehe, dass Sie nicht scharf darauf sind, zum Essen zu bleiben, Win“, sagte sie. „Aber Sie würden meine Eltern glücklich machen. Und meine Familie ist vollkommen unkompliziert. Außerdem ist meine Mom eine fantastische Köchin.“

„Das glaube ich gerne. Ich …“ Er unterbrach sich, als ihm klar wurde, dass jede Entschuldigung klang, als wollte er dieses Haus so schnell wie möglich verlassen. Genau so war es auch. Aber er wollte Stacys Gefühle nicht verletzen. Selbst wenn es bedeutete, dass er sich eine Stunde oder noch länger unbehaglich fühlen würde. „Ich weiß Bonnies Einladung sehr zu schätzen.“

Stacys volle Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und Win überlegte, ob sie wohl jemals einen Mann mit Hingabe geküsst oder voller Leidenschaft in seinen Armen gelegen hatte. In der kurzen Zeit, in der er sie erlebt hatte, war sie stets sehr reserviert gewesen. Dennoch war sie sehr sexy.

„Das freut mich“, erwiderte sie. „Denn ich schätze Ihre Gesellschaft.“

Ihre Bemerkung war ganz harmlos. Dennoch lief ihm ein Schauer über den Rücken. Was sollte er bloß darauf antworten? Höflicherweise könnte er sagen, dass dies eine gute Gelegenheit war, sie näher kennenzulernen. Aber vielleicht endete das ja dann genauso wie mit Tara, die mehr in seine Worte hineingelesen hatte, als gemeint war.

Er räusperte sie ausgiebig, ehe er sagte: „Sie werden meine Gesellschaft wahrscheinlich langweilig finden. Mein Leben ist nicht besonders spannend.“

Sie lachte leise. „Das Leben eines Lehrers ist niemals langweilig. Und wenn, dann macht er einen schlechten Job“, sagte sie. „Kommen Sie. Gehen wir ins Wohnzimmer.“

Sie betraten einen großen Raum mit hohen Decken, Parkettboden und Fenstern, die nach Norden gingen. „Das Haus ist ja wirklich riesig“, stellte Win staunend fest. „Entweder haben Sie viele Geschwister oder Ihre Eltern lieben es, viel Platz zu haben.“

Wieder lächelte sie. „Ich habe vier Geschwister. Drei Brüder, eine Schwester. Ich bin die Jüngste und am häufigsten hier im Haus. Meine Schwester lebt mit ihrem Mann in der Nähe der Broken Road Ranch. Die anderen haben Häuser hier auf Bonnie B. Dort haben sie ihre Privatsphäre und sind trotzdem in der Nähe.“

„Ich vermute mal, dass Sie nicht so viel Privatsphäre brauchen – so oft, wie Sie in diesem Haus sind?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Na ja, ich bin weder verheiratet noch verlobt wie meine Geschwister“, erklärte sie. „Außerdem lassen mir meine Eltern meine Freiheiten. Ich habe viel zu tun. Sie haben viel zu tun. Wir lassen uns alle viel Freiraum.“

Win sah sich um. In dem Raum standen drei Sofas und mehrere Sessel. An der Stirnwand brannte ein Feuer im Kamin. Bis auf das Knacken der Holzscheite war es ganz still.

„Setzen Sie sich doch“, forderte sie ihn auf. „Vielleicht beim Feuer. Manchmal ist es hier ganz schön zugig, vor allem, wenn es draußen windig ist.“

Er setzte sich auf ein Sofa in der Nähe des Kamins, nahm seinen Hut ab und legte ihn auf sein Knie. Sie ging zu einer kleinen Bar. „Was möchten Sie trinken? Was Alkoholisches?“

„Nein, danke. Ich muss ja noch fah...

Autor

Sasha Summers
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Christine Rimmer
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Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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