Die geheimnisvolle Witwe von Soho

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Lady Althea schwört, nie wieder zu heiraten! Als Witwe mittellos zurückgelassen und nach einer skandalösen Affäre von der Familie verstoßen, hat sie sich ein neues Leben aufgebaut: Zusammen mit ihrem Hund wohnt sie in einem bescheidenen Haus in Soho und schreibt heimlich Liebesromane. Da taucht überraschend der gut aussehende Anwalt Hugo Guthrie mit ihren verwaisten Nichten auf und stellt ihr Leben auf den Kopf, denn die Mädchen brauchen ein Zuhause! Zudem weckt Hugo in Althea Gefühle, die sie längst vergessen glaubte. Verzweifelt fragt sie sich: Kann sie das Wagnis eingehen und nicht nur ihre Unabhängigkeit, sondern auch ihr Herz riskieren?


  • Erscheinungstag 29.09.2026
  • Bandnummer 460
  • ISBN / Artikelnummer 0814260460
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Elizabeth Rolls

Die geheimnisvolle Witwe von Soho

PROLOG

Anfang März

Althea Hartleigh hielt den Brief, den ihr Diener ihr gereicht hatte, zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete ihn aufmerksam. Ja, das war ihr Name und Titel, korrekt geschrieben in einer ordentlichen Handschrift. Auf der Rückseite – sie brauchte nicht noch einmal hinzuschauen, es war ihr ins Gedächtnis eingebrannt – standen der Name, der Titel und die Adresse des Anwalts ihres Bruders. Kein Poststempel.

„Wurde das Schreiben persönlich zugestellt, John?“

Ihr kleiner, zotteliger Terrier tauchte unter ihrem Schreibtisch auf, in der Hoffnung auf einen Spaziergang, zog sich aber sofort wieder zurück.

„Ja, Ma’am. Der Bote wartet, falls Sie ihm eine Antwort mitgeben möchten.“

In den letzten Jahren hatte sie sich bewusst von familiären Verstrickungen und Verpflichtungen befreit. Wer zum Teufel brauchte die auch schon?

Aber jetzt kehrten die Erinnerungen zurück und überfluteten sie wie ein kochend heißer Strom – Erinnerungen, die sie lieber vergessen wollte. Alles, was sie verloren und von dem sie beschlossen hatte, dass sie es auch nicht mehr haben wollte, ergoss sich in einer Flutwelle aus Wut und Schmerz in ihre Seele. Sie öffnete die Finger, und der Brief flatterte ins Feuer. Zufrieden beobachtete sie, wie der Brief in Flammen aufging. Zweifellos war Fredericks Anwalt, der unglückliche Mr. Hugh Guthrie, wirklich ein sehr netter alter Mann. Sie wusste, dass er ihr Fredericks letzte Nachricht an sie vor einigen Jahren nur widerwillig hatte zukommen lassen, und sie hatte Mitleid mit ihm gehabt, weil er sich sichtlich unwohl gefühlt hatte. Wenn Frederick mit ihr sprechen wollte, sollte er die innere Größe aufbringen können, sich ihr persönlich zu stellen, so zumindest war ihre Ansicht.

„Ma’am? Ist das Ihre Antwort?“

Sie starrte noch einen Moment lang auf den brennenden Brief. Das Wachs des ungebrochenen Siegels löste sich mit einem Zischen auf. Sie versuchte, ruhig zu bleiben.

„Das könnte man so sagen.“ Der arme Mr. Guthrie hatte ihr Gift nicht verdient. „Bitte teilen Sie dem Boten mit, dass ich zwar keine persönliche Abneigung gegen seinen Herrn hege, aber meinem Bruder Frederick kann gern mit all seinen Werken in der Hölle schmoren.“

„Ja, Mylady.“ John verließ den Raum.

Einen Moment lang fragte Althea sich, ob es eine kluge Entscheidung gewesen war, den Brief ungelesen zu verbrennen. Nun war es allerdings bereits geschehen. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, nahm ihre Feder und tauchte sie in die Tinte. Zurück an die Arbeit. Das war wichtig.

Zehn Minuten später starrte sie immer noch auf ein leeres Blatt Papier, ohne dass es ihr gelungen wäre, die durcheinanderwirbelnden Gedanken in ihrem Kopf zu ordnen. Die Tinte auf der Feder trocknete ein, während sie sich unerwünschter Erinnerungen erwehren musste. Bisher erfolglos.

Verdammt.

Sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Hatte sie das Richtige getan?

„Zu spät, wenn nicht, Puck.“

Ein Schwanz, der zu dem Hund unter ihrem Schreibtisch gehörte, schlug auf den Boden.

„Verdammt.“ Es laut auszusprechen, half auch nicht weiter.

Sie schaute unter den Schreibtisch und sah in hoffnungsvolle braune Augen. „Wir gehen zur Buchhandlung.“

Sie bückte sich und zog ihre Straßenschuhe an, die praktischerweise unter ihrem Schreibtisch standen.

Puck, der das Anziehen der Schuhe und das Wort „spazieren“ richtig interpretierte, sprang auf und lief zur Tür, wo seine Leine hing. Althea erhob sich ebenfalls. Eines der vielen schönen Dinge am Alleinleben war, dass es niemanden interessierte, wenn Haube und Umhang zusammen mit der Hundeleine an der Rückseite der Salontür hingen oder wenn die Straßenschuhe unter dem Schreibtisch standen. Das war nicht schlampig, sondern praktisch. Die Schuhe und der Mantel befanden sich genau dort, wo man sie brauchte, wenn man spontan beschloss, hinauszugehen, und niemand machte einem deswegen Vorwürfe. Sie holte ein Paar Handschuhe aus ihrer Schreibtischschublade und zog sie an. Ihr Haus, ihr Leben und ihre Entscheidungen. Niemand sagte einem, dass man unter keinen Umständen einen Hund haben dürfe. Einen Hund zu haben und ein Paar Handschuhe in der Schreibtischschublade aufzubewahren, waren vielleicht keine sehr wichtigen Entscheidungen, aber es waren ihre Entscheidungen.

Die Bücher, die sie ausgeliehen und bereits ausgelesen hatte, lagen schon auf dem Flurtisch. Selbourne’s Antiquarian Books, ein paar Straßen weiter, hatte eine Leihbibliothek. Eigentlich hätte sie ihre Arbeit für heute beenden sollen, bevor sie spazieren ging. Stattdessen würde sie sich neue Bücher ausleihen und frische Luft schnappen – nun ja, so frisch, wie die Luft in London eben sein kann – und endlich ihre Gedanken ordnen. Danach würden ihr die Worte leichter aus der Feder fließen.

Trotz des zügigen Spaziergangs hatte sie zwanzig Minuten später, als sie die Tür zu Selbourne’s aufstieß, immer noch einen Knoten im Magen. Warum fühlte sie sich so schuldig, weil sie einen Brief von Fredericks Anwalt verbrannt hatte? Welche gesellschaftlichen Vergehen ihr nicht besonders geliebter Bruder ihr auch immer vorwarf, sie musste sie nicht in der eleganten Handschrift seines Anwalts über sich ergehen lassen.

Althea lächelte der Besitzerin zu, als die sich von ihrem Schreibtisch erhob, und fragte: „Haben Sie etwas Passendes, um unliebsame Verwandte gedanklich in die Wüste zu verbannen?“

Miss Selbourne, eine Dame, die einige Jahre älter war als sie, hob die Augenbrauen, als sie einen Hundekeks aus einer Schublade ihres Schreibtisches holte. „Ich glaube, ich kann Ihnen eine schöne Übersetzung von Die Göttliche Komödie anbieten. Puck?“

Der Hund setzte sich sofort, und Miss Selbourne warf ihm den Keks zu. Er schnappte ihn sich aus der Luft, trottete zum Kamin, wo Miss Selbournes viel größerer, wenn auch ebenso zotteliger Hund ihm gleichmütig entgegenblickte, bevor Puck es sich neben ihm bequem machte.

Althea lächelte, und ein Teil ihrer Gereiztheit schmolz dahin. Sie mochte diesen Laden, und sie mochte seine Besitzerin. Sie hatte keine Ahnung, wie Miss Selbourne, deren Ehename Lady Martin Lacy lautete, es schaffte, Ehe, Familie und Geschäft unter einen Hut zu bringen. Manchmal wollte sie danach fragen, aber das hätte eine größere Vertrautheit erfordert, als sie bereit war zuzulassen. Beziehungen waren meistens viel zu kompliziert.

Eine Woche später

Hugo Guthrie verbrachte so wenig Zeit wie möglich in Gasthaushöfen. Vor allem an kalten Märztagen und ganz besonders im Bolt-in-Tun in der Fleet Street. Nach seiner zugegebenermaßen rein theoretischen Erfahrung waren Gasthaushöfe ein ausgezeichneter Ort, um bestohlen zu werden. Sie waren auch ausgezeichnete Orte, um eine Hure für die Nacht zu finden. Oft konnte man beides zum Preis von einem bekommen, wenn die Prostituierte der Wahl einem etwas ins Getränk schüttete und sich dann mit den Habseligkeiten aus dem Staub machte, die man bei sich hatte. Einschließlich der Kleidung.

So hatte man es ihm zumindest erzählt. Er hatte kein Interesse daran, solche Dinge am eigenen Leib zu erfahren. Das Bolt hatte einen besonders guten Ruf für Trinkgelage und andere ausgelassene Zusammenkünfte. Auch dies war Wissen aus zweiter Hand.

Mit diesen zweifelhaften Vergnügungen im Hinterkopf hielt er sich dicht an der Hauswand der Herberge und vergewisserte sich, dass seine Brieftasche und seine Uhr unangetastet in seiner Jacke steckten. Zur Sicherheit fügte er noch einen finsteren Blick hinzu, um jeden abzuschrecken, der es wagte, sich ihm zu nähern. Das galt vor allem für verdächtig wirkende Frauen.

Es würde seinem Ruf in der Anwaltsgemeinschaft nicht guttun, wenn sein Partner ihn nackt aus irgendeinem Schlamassel im Umfeld des Bolt retten müsste. Er warf zum x-ten Mal einen Blick auf seine Uhr – die Postkutsche hatte nun offiziell Verspätung.

Das war wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches. Als er vor ein paar Tagen hergekommen war, um den Wirt zu fragen, wann die Kutsche aus Hastings eintreffen würde, hatte man ihm das auch gesagt. Aber er hatte nicht gewagt, zu riskieren, sich zu verspäten. Nicht bei dieser bestimmten Kutsche. Also hatte er sich zeitig auf den Weg gemacht und die erste Stunde in der Gaststube mit einem Pint Ale verbracht.

Derart gestärkt hatte er beschlossen, trotz des leichten Nieselregens im Hof zu warten. Er erstarrte, als eine respektabel aussehende Frau den Hof betrat. Es war möglich, dass sie so respektabel war, wie ihre Kleidung vermuten ließ. Dass sie nur gekommen war, um einen Verwandten von der Postkutsche abzuholen … oder es war möglich, dass sie eine Bordellbesitzerin war, die nicht nach Kunden, sondern nach neuen Mädchen Ausschau hielt. Und wenn Letzteres der Fall war – er bemerkte, dass sie kurz mit einer viel jüngeren Frau sprach –, dann war es auch wahrscheinlich, dass sie gekommen war, um die Mädchen, die bereits für sie anschafften, zu kontrollieren.

Es herrschte rege Betriebsamkeit in der Durchfahrt, die zur Fleet Street führte. Botenjungen huschten hin und her, unter ihnen zweifellos auch einige Taschendiebe. Ein streunender Hund schnüffelte herum, rannte jedoch davon, als ein Stallknecht ihn mit einem Besen verjagte. Alle möglichen Leute verdienten ihren Lebensunterhalt rund um das Gasthaus, so weit war alles ganz normal.

Er fragte sich müßig, ob es interessant sein könnte, mehr Zeit an Orten wie diesem zu verbringen und das Treiben aus sicherer Entfernung zu beobachten, wenn er zuvor alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte.

Eine kleine rotbraune Katze lief über den Hof, eine große Ratte baumelte aus ihrem Maul, und verschwand in den Ställen. Hugo zog seinen Umhang etwas enger um sich, um sich vor dem Wetter zu schützen. Wenn er das noch einmal machen würde, würde er seinen Schal tragen.

„Da kommt sie!“

Ein Mann kündigte das Nahen der ersehnten Postkutsche an.

Hugo trat vor, sobald das Gefährt zum Stehen gekommen war, und achtete darauf, den Stallknechten nicht im Weg zu stehen, die sich um die vier kräftigen, schwitzenden Pferde kümmerten, die aussahen, als bräuchten sie dringend Futter und Ruhe.

Die Türen öffneten sich, und die Passagiere stiegen aus. Auf einen Blick sah er, dass keiner von ihnen das Paar war, auf das er gewartet hatte. Unruhe stieg in ihm auf. Was, wenn sie früher ausgestiegen waren? Was, wenn …

„Verzeihung, Sir.“

Er drehte sich um und trat zur Seite, um einen der Stallknechte vorbeizulassen. „Entschuldigen Sie bitte.“

„Kein Problem. Ich muss nur diesen kleinen Mädchen beim Heruntersteigen helfen.“

Kleine Mädchen? Beim Heruntersteigen helfen?

Hugo betrachtete das dunkelhaarige Kind, das nicht älter als acht Jahre alt war und dem der Knecht vom Dach herunterhalf. Ein weiteres Mädchen, einige Jahre älter, kam ihr hinterhergeklettert. Ihre Kapuze fiel zurück und gab den Blick auf ein blasses Gesicht und honiggoldene Locken frei.

„Warte mal, Fräuleinchen.“ Der Knecht setzte das kleine Mädchen ab und streckte eine Hand nach dem älteren Mädchen aus, das eine Reisetasche umklammerte. Sobald sie unten war, eilte das Mädchen zu dem kleineren Kind, das sich an ihrer Hand festhielt.

Hugo konnte es nicht glauben. Der Bastard hatte nicht einmal für Innenplätze bezahlt? Er schluckte. Was wusste er schon über junge Mädchen? Was sollte er ihnen sagen? Manchmal war das Offensichtliche das Beste.

Er räusperte sich. „Miss Price? Miss Sarah Price?“ Er wunderte sich über den heiseren Klang seiner eigenen Stimme.

Das ältere Mädchen, das seine Reisetasche so fest umklammert hielt, das ihm die Fingerknöchel weiß hervortraten, sah ihn an. Das kleine Mädchen mit den geröteten Augen schmiegte sich an sie. Hugo verspürte einen Stich im Magen.

„Ja. Wer … wer sind Sie?“

Der Trotz in ihrer Stimme und ihr erhobenes Kinn verrieten ihm alles, was er nicht wissen wollte. Und alles, was Sarah Price ihn nicht wissen lassen wollte – dass sie Angst hatte.

„Ich bin Mr. Guthrie, Mr. Hugo Guthrie. Der Anwalt deines Vaters. Ich bin hier, um dich und deine Schwester abzuholen.“ Er lächelte das kleine Mädchen an, das fast nun vollständig hinter seiner Schwester verschwunden war. „Hat euch niemand begleitet?“

Warum fragte er das überhaupt? Ein Mann, der sich geweigert hatte, sich um diese Kinder zu kümmern, und nur bereit gewesen war, ihnen Außenplätze auf der Postkutsche zu bezahlen, würde kein Geld für die Rückfahrt eines Dieners verschwenden, der sie zu ihrer Sicherheit begleitet hätte.

Das ältere Mädchen schüttelte den Kopf. Misstrauisch musterte sie ihn von oben bis unten. „Woher wissen wir, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben?“

Hugo holte den Brief hervor, den er erhalten hatte. Es war das Letzte, was er dem armen Kind zeigen wollte, aber er konnte nicht erwarten, dass sie ihm ohne Weiteres vertraute. „Das hat mir euer Großcousin, Mr. Price-Babbington, geschickt. Er bittet mich in dem Schreiben, euch heute abzuholen.“

Das Kind zögerte immer noch. Neben ihr begann das kleinere Mädchen zu zittern.

„Sarah?“ Die Stimme war nur ein Flüstern, als wagte das arme kleine Ding kaum zu sprechen. „Kannte er Papa?“

Hugo versuchte es erneut. „Sarah, deine Schwester – Kate, nicht wahr? – friert. Warum kommst ihr nicht mit mir ins Gasthaus? Ich … ich kann einen privaten Salon organisieren. Bestimmt gibt es dort etwas zu essen.“

Das kleine Mädchen sah ihn hoffnungsvoll an. „Essen? Wirklich? Der Kutscher hat sein Essen mit uns geteilt, denn wir hatten auf der letzten Etappe nicht mehr genug Geld, um uns etwas zu kaufen.“

Die Wut, die Hugo seit dem Erhalt von Price-Babbingtons Anweisungen, wie er mit diesen Mädchen umzugehen habe, unterdrückt hatte, flammte mit aller Macht auf. Verdammt sei dieser Bastard zur Hölle und zurück. Nein. Nicht zurück. Price-Babbington konnte für immer in der Hölle schmoren, wo er hingehörte.

„Dann wäre ein Abendessen doch genau das Richtige.“

Sarah Prices Gesichtsausdruck spiegelte immer noch Misstrauen wider. „Bringen Sie uns danach ins Waisenhaus?“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Nein.“

Er hatte die letzte Woche damit verbracht, so viele Mitglieder ihrer Familie wie möglich aufzuspüren. Er hatte zwar keine Hoffnung, dass ihre entfremdete – ganz zu schweigen davon, dass sie mittellos und in Ungnade gefallen war – Tante, Lady Hartleigh, sie aufnehmen würde – offenbar hatte sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, seinen Brief zu lesen –, aber es gab viele andere Verwandte, die das tun könnten. Er hatte gehofft, dass inzwischen einer dieser Verwandten mit einer Zusage geantwortet hätte.

Die nächsten Worte, die aus seinem Mund kamen, überraschten ihn selbst. „Es wird kein Waisenhaus geben.“

Er würde erneut an die gesamte Familie schreiben. Sie konnten doch unmöglich nicht antworten. In der Zwischenzeit betrachtete Hugo die Trümmer seiner vormals geordneten Welt, während er darauf wartete, dass sich irgendjemand dieser Mädchen erbarmte.

1. KAPITEL

Zwei Wochen später

Althea legte ihren Stift beiseite und bestreute die soeben niedergeschriebenen Zahlenkolonnen mit Sand. Nach vier Jahren harter Arbeit und strenger Sparsamkeit war sie solvent, und es sah so aus, als würde sie es auch bleiben. Sie hatte sogar ein nettes kleines finanzielles Polster. Geld, sicher angelegt, das ihr ein Einkommen einbrachte, von dem sie bequem leben konnte. Nicht so extravagant wie früher, aber sie brauchte sich nicht zu sorgen. Sie war in Sicherheit. Nun, so sicher wie nie zuvor. Auf jeden Fall sicherer als während ihrer Ehe, ganz zu schweigen von den ersten zwei Jahren ihrer Witwenschaft.

Weil sie sich gezwungen hatte, sich mit Zahlen zu beschäftigen.

Althea streckte den Zahlen auf dem Blatt Papier vor ihr die Zunge heraus. Sie verabscheute Buchhaltung, aber Erwachsene mussten oft Dinge tun, die sie hassten und langweilig fanden. Verantwortungsbewusste Erwachsene jedenfalls – diejenigen, die einen Überblick darüber haben wollten, wie viel Geld sie zum Leben hatten, um nicht im Schuldgefängnis zu landen. Sie mochte die Haushaltsbuchhaltung vielleicht hassen, aber sie mochte es, selbst zu wirtschaften und von niemandem abhängig zu sein.

Jetzt, da sie die dreimal verfluchte Buchhaltung beendet hatte, konnte sie sich wieder den Figuren widmen, die ihr neuerdings im Kopf herumschwirrten. Sie musste sie aus ihrem Kopf zu Papier bringen, damit sie herausfinden konnte, was sie vorhatten. Zumindest war sie sich ziemlich sicher, dass Miss Parker … Sarah? Sarah Parker? Das gefiel ihr. Es war ein recht schlichter Name. Nichts Ausgefallenes – keine Esmeraldas, danke schön –, und sie hatte den Namen Sarah schon immer gemocht. Hmm. Wenn sie Sarah zu Papier brachte, würde hoffentlich bald ein Gentleman auftauchen, der ihr den Hof machte und ihr dabei gehörig auf die Nerven ging. Sie holte ein Blatt Papier hervor und nahm einen Bleistift zur Hand.

Das war eine weitere Möglichkeit, wie sie die Kontrolle behalten konnte. Zumindest theoretisch taten die Menschen in ihrem Kopf das, was sie von ihnen wollte. Theoretisch. In Wirklichkeit waren sie genauso stur und unkooperativ wie alle anderen Menschen auch.

Sarah Parker …

Damit konnte sie vorerst arbeiten. Wenn es nicht passte, würde sie es schnell merken, denn Miss Parker würde auf dem Papier erstarren und sich weigern, sich zu bewegen. Mr. Nervig würde auch nicht auftauchen.

Sie streckte sich und lockerte ihre verspannten Schultern. Unter ihren Füßen gab es eine plötzliche Bewegung, und Pucks graubraune Nase tauchte unter dem Schreibtisch auf. Hoffnungsvolle braune Augen blickten sie flehend an. Das abstehende Ohr zuckte, und das herabhängende Ohr versuchte sein Bestes, sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht.

Sie seufzte. „Du hast völlig recht. Es ist Zeit, hinauszugehen. Ich sitze schon viel zu lange an diesem Schreibtisch. Wir können auf unserem Spaziergang über Miss Sarah und ihren potenziellen Verehrer sprechen.“

Puck neigte den Kopf zur Seite und winselte.

„Ich möchte dich darauf hinweisen, dass es bis vor Kurzem geregnet hat. Und ich habe die Buchhaltung gemacht. Um zu sehen, wie viel es kostet, dich zu füttern.“

Puck winselte erneut und legte ihr eine Pfote aufs Knie. Althea lächelte. „Oh, na gut. Leine. Wo ist deine Leine?“

Der Hund schoss durch den Raum, wedelte freudig mit dem Schwanz und schnappte sich seine Leine, die am Türknauf hing. Er lief zurück, ließ sie zu ihren Füßen fallen und setzte sich erwartungsvoll hin.

Althea lachte laut, als sie aufstand. „Guter Junge. Gib mir einen Moment, um meine Schuhe zu wechseln und – verdammt!“

Die Türklingel läutete.

Sie erwartete niemanden. Es kam sowieso kaum jemand vorbei, und die einzige Person, die zu dieser Stunde unerwartet zu Besuch kommen könnte – ihre Freundin Lady Rutherford –, war derzeit nicht in London. John würde den unwillkommenen Besucher wegschicken. Er wusste, dass er niemanden hereinlassen durfte, wenn sie sich um die Buchhaltung kümmerte.

Sie setzte sich wieder hin. Es war besser, nicht in die Eingangshalle zu gehen, während John lügen und dem Besucher erzählen würde, sie wäre nicht zu Hause.

Die Tür öffnete sich, und John kam herein. „Entschuldigen Sie, Ma’am. Ein Gentleman möchte Sie sprechen.“

Sie wusste, dass John sich niemals bestechen lassen würde, aber einige Gentlemen, die sie kannte, konnten unangenehm hartnäckig sein. „Ich bin nicht zu Hause, John. Sagen Sie ihm das bitte.“ Es war schon eine Weile her, dass ein Gentleman es für lohnenswert gehalten hatte, sie zu besuchen. Sie hatte gehofft, sie hätten aufgegeben.

John zögerte. „Ah, es ist dieser Anwalt, Mylady.“

Sie starrte ihn an. „Anwalt? Mr. Brimley?“

John hielt ihr ein Tablett mit einer Karte darauf hin. „Der, der Ihnen geschrieben hat, Ma’am.“

Ungläubig nahm sie die Karte entgegen.

Hugh Guthrie Esq

Guthrie & Randall Rechtsanwälte.

Lincoln’s Inn Fields.

Also nicht ihr eigener Anwalt, sondern der Anwalt ihres Bruders. Ihr verkrampfte sich der Magen, als sie den Namen auf der Karte las. Hatte ihre absichtlich unhöfliche Antwort auf den Brief neulich nicht ausgereicht? Sie erinnerte sich noch gut an Mr. Guthrie, obwohl das Debakel bei seinem letzten Besuch kaum seine Schuld gewesen war. Er war ein netter alter Mann und hatte nur seine Arbeit gemacht. Allerdings … „Ich bin definitiv nicht zu Hause. Auf gar keinen Fall.“

John nickte unbeholfen. „Die Sache ist die, Mylady …“ Er brach ab.

„Oh, spucken Sie es aus, John.“ Es war auch nicht seine Schuld.

„Er hat zwei kleine Mädchen dabei.“

Hatte sie sich verhört? „Zwei was?“

„Kleine Mädchen“, wiederholte er. „Nun, eines ist nicht mehr ganz so klein. Ich schätze, es ist etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt. Das andere ist das kleine Mädchen. Sie sehen ziemlich mitgenommen aus, Mylady. Sie sind wohl vom Regen überrascht worden.“

Sie biss die Zähne zusammen. Was könnte Fredericks Anwalt diesmal wollen? Und warum hatte er zwei Mädchen mitgebracht? Das würde sie nur herausfinden, wenn sie ihm gegenübertrat. Sie konnte schließlich nicht einen ganzen Anwalt, geschweige denn zwei kleine Mädchen, ins Feuer werfen.

„Na gut. Führen Sie sie herein.“ Was auch immer Mr. Guthrie wollte, sie würde diese Angelegenheit ein für alle Mal klären. Unwillkommenerweise regte sich ihr Gewissen, wenn sie an die beiden nassen, möglicherweise frierenden Kinder dachte. „Und bitten Sie Mrs. Cable, etwas Milch zu erwärmen. Ich nehme an, es gibt Kuchen? Und Kekse?“

„Ja, Mylady.“ John verbeugte sich und entfernte sich.

Althea sah Puck an. „Entschuldige.“ Der Hund ließ den Kopf hängen und stellte das Schwanzwedeln ein. „Den Brief zu verbrennen, hat nicht funktioniert. Ich werde die Sache erledigen, dann können wir rausgehen. Wer weiß, warum er mich überhaupt noch einmal aufsucht. Man kann doch sicher nur einmal enterbt werden?“

Das war … sie runzelte die Stirn und zählte kurz … vor sechs Jahren gewesen.

Als Althea einen Blick in den Spiegel warf, fluchte sie. Natürlich musste Fredericks Anwalt gerade dann auftauchen, wenn sie ihre Buchhaltung machte, nicht mit Besuch rechnete und ihre Haare nur notdürftig zusammengebunden hatte. Mit einem weiteren Fluch riss sie sich die Brille vom Gesicht, die sie nur zum Lesen und Schreiben aufsetzte.

Sie sah sich um, um sicherzustellen, dass das Zimmer aufgeräumt war. Warum sollte sie der Familie Anlass geben, schlecht über sie zu sprechen? Schlechter als ohnehin schon …

Das Zimmer war aufgeräumt, bis auf das überquellende Bücherregal. Nicht großartig, aber gemütlich und sauber. Und es war ihr Heim.

Sie warf Puck einen Blick zu. „Wir werden sehen, was er will, und ihn dann wegschicken. Vielleicht könntest du unseren Plan mit einem netten Knurren unterstützen?“

Puck wedelte zustimmend mit dem Schwanz, sah aber keineswegs wie ein Hund aus, der dazu in der Lage war, zu knurren.

Die Tür öffnete sich.

„Mr. Guthrie“, verkündete John.

Ihr stockte der Atem. Es war nicht der Mr. Guthrie, dem sie früher schon einmal begegnet war. Es sei denn, die Zeit hatte sich umgekehrt, und sie hatte es nicht mitbekommen. Dieser Mann war viel jünger. Obwohl sie fand, dass er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mann hatte, an den sie sich erinnerte.

Der andere Mr. Guthrie musste mindestens siebzig gewesen sein. Dieser hier sah aus, als wäre er in den Vierzigern. Kühle graue Augen schienen sie unter schweren Augenbrauen förmlich zu durchbohren. Zwei Mädchen folgten ihm.

„Lady Hartleigh? Geborene Miss Althea Price?“

Sie erstarrte bei dem eisigen Tonfall, der Missbilligung verriet – wer zum Teufel war er, dass er auf sie herabblickte? –, und setzte die Maske der vornehmen Lady auf, die sie heutzutage nur noch selten trug. „Genau die. Das ist eine ziemliche Überraschung, Mr. Guthrie. Entweder haben Sie den Jungbrunnen entdeckt – und wenn ja, wären Sie so freundlich, mir den Weg dorthin zu beschreiben – oder es war ein anderer Mr. Hugh Guthrie, der mich vor einigen Jahren besucht hat.“

„Mein verstorbener Vater, Ma’am.“

Innerlich zuckte sie zusammen. „Ah. Dann mein aufrichtiges Beileid.“ Verdammt! Jetzt sah der Kerl sie an, als wäre sie eine Wanze. Schlimmer noch, sie hatte es verdient.

„Danke, Ma’am. Ich habe Ihre Adresse in seinen Unterlagen gefunden.“

„Das wundert mich aber.“ Sie war nach jenem Besuch des früheren Mr. Guthrie umgezogen. Nachdem sie endlich akzeptiert hatte, dass das Stadthaus im schicken Mayfair weit über ihren äußerst begrenzten Möglichkeiten lag, war sie in dieses weitaus bescheidenere Haus in Soho gezogen. Vielleicht eine der besten Entscheidungen, die sie je getroffen hatte.

Er nickte. „Ich muss sagen, dass es keine leichte Aufgabe war, Sie zu finden.“

„Ich bin überrascht, dass Sie sich die Mühe gemacht haben. Ich hoffe, Frederick bezahlt Sie gut.“ Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Stimme zu versüßen.

„Papa ist tot.“ Das größere der beiden Mädchen schob die Kapuze ihres Umhangs zurück und hob das Kinn.

Althea unterdrückte einen Schreckensschrei.

Es war, als würde sie in den Spiegel ihrer Kindheit blicken. Helles honiggoldenes Haar, ein perfektes – wenn sie das selbst sagen durfte – herzförmiges Gesicht und, am beunruhigendsten von allem, ihre eigenen grünen Augen.

Tot. Frederick war tot? Also dieser Brief, den sie ungelesen verbrannt hatte … Oh, verdammt.

„Du bist Fredericks Tochter.“ Wer sonst hätte das Kind sein können, mit den gleichen Haaren und Augen, die sie und Frederick von ihrer Mutter geerbt hatten?

„Und Kate.“ Das Mädchen legte schützend einen Arm um ihre Schwester.

„Kate.“ Sie nahm an, sie hatte gewusst, dass es zwei von ihnen gab. Oder etwa nicht? „Und du bist …“ Sie kannte nicht einmal die Namen ihrer Nichten. Und Frederick war tot. Wie sollte sie sich dabei fühlen? Und was hatte das mit ihr zu tun? Frederick, dem der Rest der Familie pflichtbewusst folgte, hatte sie vor sechs Jahren enterbt und dafür gesorgt, dass die ganze Welt davon erfuhr.

„Sarah. Ich bin Sarah.“ Die grünen Augen hatten einen trotzigen Ausdruck.

Sarah? Oh, verdammt. Miss Sarah Parkers aufkeimende literarische Existenz flackerte, erlosch …

„Sarah.“ Bei Guthries sanfter, aber bestimmter Stimme schwand ein Teil des Trotzes oder wurde zumindest gezügelt.

„Ja, Sir.“

„Dürfen die zwei sich setzen, Lady Hartleigh? Es war eine schwere Zeit für sie.“

„Was?“ Sie nickte rasch. Offenbar hatte sie zu lange allein gelebt, wenn sie nicht daran dachte, zwei durchnässten, erschöpften Kindern einen Platz anzubieten. „Ja. Ja, natürlich. Kommt ans Feuer, Mädchen, und zieht eure nassen Umhänge aus. Puck! Ab ins Körbchen.“

Er schnüffelte gerade begeistert am Knöchel des kleineren Mädchens, sah aber mit einem „Muss ich wirklich?“-Blick auf.

Das Mädchen – Kate – gab sich ganz offenkundig einen Ruck. „Dürfen wir ihn streicheln? Wir mögen Hunde. Wir durften leider keinen haben.“

Althea lächelte, obwohl Erinnerungen sie überkamen. „Natürlich.“ Auch sie hatte nie einen Hund haben dürfen. Ihr Vater hatte Haushunde abgelehnt – „Frauen, die Tiere verhätscheln“ –, und ihr Mann hatte ihre Bitte rundweg abgelehnt. „Ein stinkendes Schoßhündchen im Haus? Auf keinen Fall.“ Sie ballte eine Hand zur Faust. Jetzt traf sie ihre eigenen Entscheidungen und hatte einen Hund. Dann wandte sie sich wieder dem eigentlichen Problem zu: Was taten Fredericks Töchter hier?

Kate machte sich nicht die Mühe, sich einen Stuhl zu suchen. Sie ließ sich direkt auf den Boden fallen, und Puck, der dies als Einladung auffasste, drängte sich so weit wie möglich auf ihren Schoß. Kleine Arme schlossen sich um ihn, und das Kind barg das Gesicht in seinem rauen Fell.

Sarah stand mit unsicherem Gesichtsausdruck da.

„Setz dich, Sarah.“ Guthrie sprach erneut. Ruhig, gelassen, männlich.

Althea nickte. „Ja. Bitte setz dich. John bringt warme Milch und Kuchen. Oder Kekse. Möglicherweise beides.“ Guter Gott! Sie plapperte. „Mr. Guthrie, ich verstehe nicht, warum Sie die Mädchen hierhergebracht haben. Sicherlich …“

„Niemand will uns. Sie wahrscheinlich auch nicht. Mr. Guthries Büroangestellter sagte, Sie hätten den Brief verbrannt, den er Ihnen geschickt hat.“

„Sarah.“ Der sanfte Vorwurf in Guthries Stimme ließ das Mädchen – ihre Nichte – rot werden.

„Es ist wahr!“, widersprach sie bitter.

„Aber es ist kein Gespräch, das du hättest mithören sollen, Sarah.“

Althea starrte ihre ältere Nichte schockiert an. Das hätte ihre eigene Stimme sein können. Hart und kalt, eine unangenehme Tatsache aussprechend, bevor jemand sie ihr wieder in den Hals stopfen konnte.

„Es tut mir leid, Sir. Ich wollte nicht lauschen. Es war ein Zufall.“

„Und wenn du etwas hörst, das nicht für deine Ohren bestimmt ist, Sarah, dann plauderst du es nicht aus.“

„Nein, Sir.“

Kate blickte auf, als Puck ihr das Gesicht ableckte. „Mama ist vor zwei Jahren gestorben. Und wir konnten nicht länger in Wellings leben.“

Althea starrte sie an, und eine kalte Gewissheit wuchs in ihr. „Deine Mutter auch?“ Nein, das konnte unmöglich wahr sein … Und warum um alles in der Welt hatte Frederick nicht wieder geheiratet? Wenn sie etwas über den Mann wusste, der er geworden war, dann war es, dass er verzweifelt versucht hatte, einen Erben zu zeugen.

Sarah setzte sich auf einen Stuhl. „Das wird ihr egal sein, Kate. Warum sollte es auch anders sein? Niemand interessiert sich dafür. Und selbst wenn, erzählst du es völlig falsch herum.“

Wieder traf Althea diese harte, bittere Stimme.

Die Tür öffnete sich, und John kam mit dem Dienstmädchen Milly herein, jeder trug ein Tablett.

Althea war froh über die Ablenkung. „Danke. John, die Milch und der Kuchen – oh, und die Kekse für die jungen Damen. Milly, bitte stell das Teetablett auf meinen Schreibtisch.“ Sie schob ihre Haushaltsbücher beiseite.

„Mag Puck Kuchen?“

Althea lächelte und unterdrückte die Panik, die in ihr hochzukochen drohte. „Ja, aber der Kuchen ist für dich und deine Schwester. Hier.“ Sie holte mehrere kleine, trockene Kekse aus ihrer Schreibtischschublade. „Die sind für ihn.“ Sie gab jedem Mädchen ein paar. Kate nahm sie begierig entgegen, Sarah mit einem finsteren Blick.

Althea ging zurück zu ihrem Schreibtisch und setzte sich. „Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Guthrie.“ Guthrie setzte sich. „Milch, Sir? Zucker?“

„Weder noch, danke.“

Nachdem der Tee serviert worden war – und ihre Nichten mit Puck, heißer Milch und Kuchen beschäftigt waren –, sprach Althea sehr leise. „Warum sind Sie hier, Sir? Und was meinte meine Nichte mit dieser außergewöhnlichen Bemerkung?“

„Dass niemand sie will?“ Der Anwalt nippte an seinem Tee. „Genau das hat sie gemeint. Kein Familienmitglied, weder aus der einen Familie noch aus der anderen, will sie aufnehmen. Ich habe an alle geschrieben, die mir bekannt sind.“ Er warf ihr einen kühlen Blick über die Teetasse hinweg zu. „Einschließlich Ihnen.“

Sie ignorierte seine letzten Worte und stellte ihre Tasse ab. „Sicherlich hat Frederick Vorkehrungen für sie getroffen und einen Vormund bestimmt?“ Da Frederick keinen Sohn gezeugt hatte, war ihr Cousin Wilfrid der nächste männliche Verwandte und somit der Erbe. Aber er musste für seine Kinder gesorgt haben … Und das Letzte, was er gewollt hätte, wäre gewesen, dass sie die beiden aufnahm!

„Ihr Bruder hat seinen Erben – Ihren Cousin Wilfrid Price-Babbington – zum Vormund der Mädchen ernannt. Wie Kate sagte, ist ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben. Sie … äh … erinnern Sie sich an Price-Babbington?“

„Ja.“ Nur zu gut.

Ein prahlerischer Junge, der sehr von sich selbst eingenommen war und immer nur lästerte. Vielleicht war sie zu unnachsichtig; Menschen entwickelten sich weiter. Man sah es an Frederick, der sich vom geliebten Bruder ihrer Kindheit zu dem Mann gewandelt hatte, der – nein, sie wollte nicht darüber nachdenken, was Frederick getan hatte. Aber wenn Wilfrid sich in all den Jahren gebessert hatte, warum war dann der Anwalt ihres Bruders mit ihren Nichten hier?

Guthrie runzelte die Stirn. „Lady Hartleigh, Ihr Bruder ist vor zwei Monaten verstorben. Wussten Sie das nicht?“

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Mr. Guthrie, ich bin das schwarze Schaf der Familie. Eine persona non grata. Sie ziehen es vor, meine Existenz zu ignorieren, und sie versorgen mich ganz sicher nicht mit den neuesten Nachrichten.“

Er strahlte Missbilligung aus. „Kaum die neuesten. Sie bemühen sich nicht, in Kontakt zu bleiben?“

Sie schnaubte. Wer war er, dass er ihre Entscheidung infrage stellte? „Wenn Sie meine alte Adresse in den Unterlagen Ihres Vaters gefunden haben – und es tut mir wirklich leid, dass er gestorben ist, ich mochte ihn –, dann haben Sie wahrscheinlich auch eine Kopie des Briefes gefunden, notariell beglaubigt, den mein Bruder ihm aufgetragen hatte, mir zu überbringen und vorzulesen. Darin wurde sehr deutlich erklärt, warum ich eine persona non grata bin.“

„Ich habe ihn gelesen.“

Sie nippte an ihrem Tee. „Ich bin sicher, Sie waren begeistert.“

„Angewidert trifft es eher.“

Sie verspannte sich, lehnte sich aber mit ihrem besten hochmütigen Lächeln zurück. „Wirklich? Nun, ich will Sie nicht aufhalten.“

Er starrte sie an. „Ich meinte, dass ich von Ihrem Bruder angewidert war, weil er einen solchen Brief geschrieben hat. Vor allem, weil er meinen Vater benutzt hat, um ihn zu übermitteln. Über den Rest werde ich mir kein Urteil bilden. Lady Hartleigh, diese Kinder verdienen Besseres von uns als dieses Gezänk.“

Sie holte tief Luft. „Sie haben recht. Ich bitte um Entschuldigung. Wenn Frederick Wilfrid zum Vormund ernannt hat, warum dann …“

„Er weigerte sich, die Verantwortung zu übernehmen, und wies mich an, die Mädchen in eine Wohltätigkeitsinstitution zu übergeben.“ Er zögerte. „Lady Hartleigh, wenn Sie nicht wussten, dass Ihr Bruder gestorben ist, dann können Sie die Umstände nicht kennen. Er hat den Großteil seines Vermögens verspielt.“

„Oh, mein Gott! Dieser Idiot! Dann …“

„Das Wenige, was übrig blieb, vermachte er seinem Erben. Zusammen mit der Bitte, dass Price-Babbington sich um die Mädchen kümmern solle.“

„Eine Bitte?“ Althea machte sich nicht die Mühe, ihre Verachtung zu verbergen. „War das eine Bitte im Sinne des Ehrenkodex von Gentlemen?“

Ein kleines zynisches Lächeln umspielte seinen Mund. „Genau.“

„Und wie kommen Sie ins Spiel, Sir?“

„Als Price-Babbington sich weigerte, als Vormund zu fungieren, schrieb ich an die anderen Verwandten der Mädchen. Sowohl mütterlicherseits als auch an Ihre Familie. Niemand war bereit, sie aufzunehmen.“

„Also sind sie obdachlos und mittellos.“ Sie atmete tief aus. Warum zum Teufel hatte sie sich nicht geweigert, ihn zu empfangen? „Wenn Sie sagen, niemand …“

„Dann meine ich niemand“, sagte er leise, aber eindringlich. „Ich habe mich erkundigt. Das habe ich getan, bevor die Mädchen in London ankamen. Sarah ist in einem Alter, in dem sie von einer Einrichtung für erwachsene Waisen aufgenommen würde.“

Erwachsene? Sie war ein Kind!

„Und Kate?“

„Sie ist noch nicht alt genug. Sie kann vielleicht im Waisenhaus für Mädchen in Lambeth unterkommen.“

Althea biss die Zähne zusammen. „Ich verstehe. Warum sind Sie dann hier?“ Es passte ihr nicht. Sie wollte das nicht. Sie mochte ihr jetziges Leben. Es war ihr Leben. Das Leben, das sie sich selbst aufgebaut hatte. Ein Leben ohne ihre verdammte Familie.

Nur … es waren Kinder. Nicht die Erwachsenen, die sich gegen sie gewandt hatten.

„Der Rest all Ihrer Verwandten hat eindeutig abgelehnt, die Mädchen aufzunehmen“, sagte er. „Da Sie Ihren Bruder buchstäblich in die Hölle geschickt haben, zumindest habe ich es so verstanden …“ 

Sie zuckte zusammen. Er wusste also, dass sie den Brief verbrannt hatte.

Er fuhr fort. „Ich vermutete, dass Sie keinen weiteren Brief von mir lesen würden.“ Er warf ihr einen kühlen Blick zu. „Ich hielt es für klüger, Sie persönlich aufzusuchen.“

Althea biss die Zähne zusammen. Sie würde diesem Mann nicht ihre Seele offenbaren und genau erklären, warum sie diesen Brief verbrannt hatte.

Er klang allerdings keinesfalls verärgert. „Nach dem letzten Besuch meines Vaters hielt ich Ihre Reaktion zumindest für verständlich.“

Seine Nachsicht ging ihr regelrecht auf die Nerven. Althea griff nach dem, was sich wie der letzte Strohhalm ihrer Geduld anfühlte. „Wenn Sie möchten, dass ich ihren – meinen, unseren Verwandten schreibe, kann ich Ihnen versichern, dass …“

„Sie brauchen ein Zuhause, Lady Hartleigh. Sie sind ihre nächste Verwandte. Ihre Tante. Die einzige Person, die nicht rundweg abgelehnt hat. Sie brauchen Sie.“

„Sie möchten, dass ich sie aufnehme.“

„Sie sind ihre einzige Hoffnung, Lady Hartleigh.“ Er blickte sie finster an. „Und trotz des Briefes, den mein Vater überbringen musste, sagte er, dass er Sie für sehr vertrauenswürdig und respektabel hält.“

Vor einer halben Stunde war sie noch so stolz auf ihr Erspartes gewesen. Diese riesige – hah! – Reserve von ein paar tausend Pfund. Sie blickte zum Kamin hinüber, wo die Mädchen ihre Milch tranken und Kuchen aßen. Kate saß immer noch auf dem Boden und hatte einen Arm um Puck gelegt, der sich an sie kuschelte wie ein Hund, der nach Zuneigung hungerte … und nach Kuchen.

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