Gefangen zwischen Sünde und Sehnsucht

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Nie wieder wollte Ivy etwas mit ihrem berechnenden Stiefvater zu tun haben! Doch jetzt kontaktiert sie ihn. Er muss ihr endlich das Erbe auszahlen, das sie für ihre Wohltätigkeitsorganisation braucht. Typisch: Er knüpft daran eine skandalöse Bedingung. Sie soll das Leben seines Sohnes, des berüchtigten Playboys Giaco Tavian, in ruhigere Bahnen lenken. Um ihn endlich aus den Schlagzeilen zu bekommen! Ivy lässt sich sogar auf eine Scheinehe ein, obwohl sie Giaco nie ausstehen konnte. Aber sie hat die Rechnung ohne seinen verführerischen Sex-Appeal gemacht …


  • Erscheinungstag 15.09.2026
  • Bandnummer 2770
  • ISBN / Artikelnummer 0800262770
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Caitlin Crews

Gefangen zwischen Sünde und Sehnsucht

1. KAPITEL

Ivy Amis hatte einmal erklärt – nachdem sie bei der Beerdigung ihrer Mutter zu viele selbstgefällige Reden von Leuten ertragen hatte, die besser respektvoll geschwiegen hätten –, sie würde erst dann in das pompöse italienische Schloss ihres ehemaligen Stiefvaters zurückkehren, wenn sie vorher auf Händen und Knien quer durch England gekrochen wäre. Über Glasscherben. Und zwar zweimal.

Um fair zu sein: Genauso fühlte es sich an, als sie nach fünf Jahren zurückkehrte.

Selbst die sanft geschwungenen Hügel der Toskana mit den in Nebel gehüllten Weinbergen und Zypressen konnten Ivys Gefühl, Splitter würden sich in ihr Fleisch bohren, nicht mildern. Ihre typische Reaktion auf alles, was mit der Familie Tavian zu tun hatte.

Umso schlimmer war es jetzt, wo sie tatsächlich wieder in deren Nähe war.

Ein einziges Telefonat hatte genügt, um Ivy mitten in ihre Teenagerjahre zurückzukatapultieren. Umbertos schmierige, bevormundende Stimme. Das wissende Schmunzeln in seinem Tonfall, als hätte er diesen Anruf die ganze Zeit erwartet – was wahrscheinlich auch so war. Als wären all ihre Bemühungen, diesem Ort und diesen Menschen den Rücken zu kehren, völlig nutzlos gewesen.

Nur der dumme Versuch eines Mädchens, der Realität zu entfliehen.

Sie hätte ihm fast gesagt, wohin er sich auf der Stelle scheren solle. Sie hatte die Zähne so fest zusammengebissen, dass ihre Wangenmuskeln schmerzten.

Doch als sie jetzt auf dem Rücksitz eines von Umbertos protzigen Range Rovern saß, versuchte sie, sich zusammenzureißen und es nicht an sich heranzulassen. Er hatte darauf bestanden, sein Flugzeug zu schicken, um sie abzuholen. Sie sollte keinen Finger rühren, um in die Toskana zu kommen. Jemand, der Umberto nicht kannte, hätte es vielleicht für Freundlichkeit gehalten.

Aber Ivy kannte ihren ehemaligen Stiefvater leider viel zu gut – den Mann, der ihre bezaubernde Mutter so schrecklich unglücklich gemacht hatte.

Es gab nicht eine Sache, die dieser widerliche alte Mann tat, bei der es nicht um Kontrolle ging. Ganz besonders, wenn er etwas als fürsorgliche Geste tarnte.

Sie blickte aus dem Fenster und erinnerte sich nur zu gut daran, wie man sie gezwungen hatte, ihr Zuhause hinter sich zu lassen, um einer Laune ihrer Mutter zu folgen. Aber sie war schon lange nicht mehr das unbeholfene Mädchen, das man gegen seinen Willen hierhergeschleppt hatte.

Ganz im Gegenteil. Heute war Ivy die Frau, die dieser Ort aus ihr gemacht hatte. Sie besaß nun eine große Stärke.

Außerdem war sie aus einem ganz bestimmten Grund hier.

Und zwar nicht wegen ihrer schwärmerischen Mutter, die sich Märchen erträumt hatte. Die Leinwandlegende Alana Amis war für ihre romantische Ader bekannt gewesen. Damals hatte sie sich von einem mächtigen, geheimnisvollen Italiener bezaubern lassen – und dabei ihre Tochter in den bald folgenden Abgrund mitgerissen. In vieler Hinsicht war Alana wunderbar gewesen, aber sich Grenzen aufzuerlegen, hatte nie zu ihren Tugenden gehört.

Ivy lächelte, als sie daran dachte, was ihre Mutter dazu gesagt hatte: „Liebes, ich bin Schauspielerin. Mein Leben dreht sich darum, Grenzen zu überschreiten, nicht mich durch sie einengen zu lassen.“

Dieses Mal war Ivy aus eigenem Antrieb hierher zurückgekehrt. Denn sie hatte beschlossen, Umbertos Spiel mitzuspielen – und ihn darin zu schlagen.

Sofern das überhaupt möglich war, da Umberto seine Machtspiele schließlich schon lange vor Ivys Geburt begonnen hatte.

Der Range Rover schnurrte die Auffahrt hinauf und hielt vor der imposanten Eingangstür des uralten Schlosses. Das Anwesen tauchte regelmäßig in Architekturmagazinen auf. Jede einzelne Entscheidung Umbertos wurde verherrlicht, als hätte ihn sein finanzielles Urteilsvermögen auch zu einer Stilinstanz gemacht.

Als würde ein Wirtschaftsmagnat wie Umberto wirklich seine Zeit damit verbringen, über nebensächliche Details seiner vielen Immobilien nachzudenken, geschweige denn über die Inneneinrichtung dieses Schlosses, das gern als das Fundament der Marke Tavian bezeichnet wurde. Dieser Mann betrachtete seinen Besitz und seine Familie als Marketinginstrument und setzte beides auch genauso ein.

Natürlich ließ er seine Mitarbeiter immer weiteres Personal einstellen, das sich um all diese Dinge kümmerte und der Welt seine Bedeutung vermittelte.

Das wahre Fundament der Marke Tavian war Umbertos bodenlose Gier.

Sobald der Wagen stand, strömte die übliche Schar der Angestellten herbei, um Ivy zu begrüßen. Sie nahmen ihr die kleine Tasche ab und geleiteten Ivy hinein, als würden sie sich für ihre Wünsche und Bedürfnisse interessieren. Dabei zählte nur, welche Vorgaben Umberto gemacht hatte, wie man behandelt werden sollte.

Ivy war fast überrascht, als man sie nicht direkt in die Verliese warf.

Sie war von Anfang an überzeugt gewesen, dass es im Schloss irgendwo welche gab. Echte Zellen, nicht nur all die Psychospiele, die man hier so trieb, wie manche Familien abends eine Runde Karten spielten.

„Sie können hier warten“, sagte eine Frau mit unbewegter Miene, während sie Ivy in einen Raum im Erdgeschoss des Schlosses führte, weit entfernt von den prunkvolleren Empfangszimmern und einem Ballsaal, der ebenso berühmt dafür war, wer nicht auf der Gästeliste stand, wie dafür, wer darauf zu finden war.

Umberto liebte es, wann immer möglich, seine ganz eigenen manipulativen Machtspiele zu veranstalten. Die Frau neigte sogar leicht den Kopf, als sie sich zurückzog.

Keiner der Angestellten kam Ivy bekannt vor, was sie nicht überraschte.

Es war schwer, eine persönliche Beziehung zu einem wütenden, despotischen alten Mann aufzubauen, der sich für schlauer hielt als alle anderen, nur weil er reicher war. Für ihn zu arbeiten, musste eine Qual sein.

Ivy sah sich in dem Zimmer um, in dem man sie zurückgelassen hatte. Es war einer von den vielen salonartigen Räumen dieses Schlosses. Absurd reiche Menschen langweilten sich offenbar zu schnell, wenn sie sich nur an einen einzigen Ort zurückziehen konnten.

Sie schlenderte weiter durch den Raum und registrierte unbeteiligt die hochkarätige Kunst an den Wänden. Die Antiquitäten, bei denen ein Christie’s-Auktionator in Tränen der Begeisterung ausbrechen würde.

Wie es in Häusern dieser Art als geschmackvoll galt, waren hier einige sorgfältig arrangierte Objekte wie zufällig verteilt, dort lagen einige Bücher scheinbar beiläufig herum, als würden die Bewohner all diese Werke tatsächlich lesen oder hätten die Stücke auf einer Reise gesammelt, statt sie einfach nur zu kaufen, weil sie teuer waren.

Ivy ging zu einer Reihe von Glastüren, die in diesem Raum eine ganze Außenwand ersetzten, und blickte hinaus. Sie erwartete gepflegte Blumenbeete, jedes leuchtender und üppiger als das nächste.

Stattdessen blieb sie abrupt stehen.

Denn dieser Raum zeigte nicht auf die Weinberge, die Felder oder die Gärten. Er ging hinaus auf eine halb beschattete Terrasse mit einem Ensemble von Pools. Soweit Ivy sich erinnerte, hatte jeder eine andere Temperatur, und alle waren so angeordnet, dass man in ihnen treiben und dabei in die Landschaft hinausblicken konnte, als wäre man ein Teil von ihr.

Doch was sie in genau diesem Moment sah, war kein Teil der Landschaft, auch wenn es etwas … Ursprüngliches hatte.

Ein Mann stieg umgeben von Dampf aus dem heißen Becken, sodass es wirkte, als würde er selbst die Hitze erzeugen, die diesem Frühlingsmorgen etwas fast Mystisches verlieh.

Ivy erstarrte und konnte kaum begreifen, was sie da sah.

Aber sie konnte sich auch nicht abwenden.

Langsam kletterte er die Leiter an der Seite des Beckens hinauf, mit einer achtlosen, athletischen Anmut, die Ivy einen Moment lang den Boden unter den Füßen wegzog. Sie meinte kurz, dass sie auf einem der Sofas eingenickt war, Opfer bislang unbekannter Folgen eines Jetlags nach einem neunzigminütigen Flug von London nach Italien. Anders konnte sie sich das nicht erklären.

Sein Rücken war ihr zugewandt. Ihr Mund wurde trocken, als ihr Blick über die unglaublich kraftvollen Bewegungen schlanker Muskeln unter goldener Haut glitt, während er sich aus dem Wasser erhob. Er stieg eine weitere Stufe hinauf, und sie blinzelte, weil sie plötzlich etwas sah, das der vollkommenste nackte Hintern sein musste, der nicht aus Marmor gehauen in einem Museum verborgen war.

Noch immer stieg er die Leiter hinauf wie ein zum Leben erwachter antiker Gott, als wären die alten römischen Heroen nie wirklich verschwunden. Als wäre er die ganze Zeit hier gewesen, Neptun selbst, geformt aus Staunen und Verlangen, Wasser und Begierde.

Oben auf der Leiter angekommen, sah sie, wie er mit einer kräftigen Hand durch sein dunkles Haar fuhr, das ihm nass am Kopf klebte. Eine normale, alltägliche Geste, die dieser Mann in Poesie verwandelte. Falls er ein Mann war und keine Einbildung.

Ivy stand noch immer wie erstarrt da, während alles in ihr dahinschmolz. Und heiß wurde. Sie fühlte sich, als würde sie kochen, als könnte ihr Körper das nicht aushalten, denn welcher Sterbliche könnte das?

Er drehte sich um, und wie ein langsames Aufgehen der Sonne sah sie den Rest von ihm. Die breiten Schultern, die muskulöse Brust, noch mehr goldene Haut mit dunklem Haar an den richtigen Stellen, die schmalen Hüften und seine beeindruckende Männlichkeit, die keinerlei Reaktion auf die kühlere Luft außerhalb des heißen Beckens zeigte.

Oder vielleicht, was noch beunruhigender war, hatte das, was bei ihm als Folge des Temperaturwechsels galt, bereits stattgefunden.

Bei dem Gedanken bekam sie eine Gänsehaut am ganzen Körper.

Trotzdem starrte sie ihn weiter an. Seine Oberschenkel waren kraftvoll, sie verrieten ein Maß an Training, das Ivy beeindruckte. Aber nicht so sehr wie der deutliche Beweis, dass dieser makellos gebräunte Körper wohl nie von einer Badehose bedeckt worden war.

Es war, als wäre er aus römischem Gold geschaffen, aus tanzendem Sonnenlicht und reiner Lust.

Ihr Atem beschlug die Glasscheibe vor ihr, und plötzlich konnte Ivy sich wieder bewegen. Sie merkte, dass ihre Hand zitterte, als sie das Kondenswasser wegwischte – ihm direkt in die Augen sah.

Erneut erstarrte alles in ihr. Dann fluteten Licht, Geräusche und Empfindung mit einer Wucht wieder ihr Bewusstsein, als hätte man sie quer durch den Raum geschleudert. Es war verwirrend, dass Ivy sich gar nicht bewegt hatte. Doch der größere Schock war sein Blick, der sie durch das Glas festhielt.

Ivy kannte dieses Gesicht. Sie kannte diese dunklen, jadefarbenen Augen, wie immer von Belustigung und Spott erhellt. Diese perfekte Nase, die auf antiken Münzen nicht fehl am Platz gewesen wäre, und diesen grausamen Mund, der sich so oft – wie jetzt – verächtlich zu einer Seite verzog.

Er starrte zurück, und sie konnte sich nur vorstellen, wie sie aus seiner Perspektive aussehen musste. Keuchend vor einer Glastür, an die sie sich klammerte, als wäre sie das Einzige, was sie noch aufrecht hielt.

Oh ja, sie kannte dieses Gesicht. Sie kannte ihn. Leider.

Ivy kannte diesen Mann aus einer Zeit, als er jünger gewesen war, noch wilder, an ihm alles irgendwie schärfer. Mit zweiundzwanzig war sein Gesicht schön gewesen wie eine tödliche Waffe.

Jetzt war es kein bisschen weniger Waffe, aber es besaß nicht mehr die achtlose Schärfe der Jugend, sondern die Verfeinerung der Jahre.

Natürlich tat er absolut nichts, um sich zu bedecken. Stattdessen starrte er einfach zurück, als wäre sie diejenige, die an einem hellen Aprilmorgen nackt herumspazierte. Er sah sie an, als wäre sie wieder das dumme Mädchen von damals, als sie hier gelebt hatte, stets überfordert und nicht in der Lage zu begreifen, was um sie herum geschah, erst recht nicht, wenn er im Spiel war.

Sein Blick rief Bilder aus ihrer Jugend wach, die sie längst als unwillkommene Erinnerungen verbannt geglaubt hatte.

Er sah sie an, und als sie nicht reagierte, hob er eine dunkle Braue.

Er forderte sie heraus.

Ivy hätte nicht einmal sagen können, wozu genau. Selbst wenn ihr Leben davon abgehangen hätte, und zu ihrem Entsetzen fühlte es sich genauso an.

Irgendwie gelang es ihr, sich loszureißen und so schnell sie konnte von den Glastüren zurückzutreten, ohne ihm die Genugtuung zu geben, sie davonlaufen zu sehen.

Erst als sie auf der anderen Seite des Raumes angekommen war, merkte sie, wie weich ihre Knie waren. Sie musste sich auf den nächstbesten pompösen Sessel sinken lassen und dann eine zutiefst beschämende Bestandsaufnahme all dessen machen, was mit ihr geschah. Sie zitterte. Sie bebte. Ihr ganzer Körper war von einer Gänsehaut überzogen. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass ihr leicht übel wurde.

Und zwischen ihren Beinen war sie heiß und feucht – eine Demütigung, von der sie sich vielleicht niemals erholen würde.

Kurz gesagt: Sie war vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten, und sie verstand nicht, wie das überhaupt möglich war.

Denn dieser Mann war kein römischer Gott. An ihm war nichts auch nur im Entferntesten heilig. Falls es das jemals gewesen war, hatte er es systematisch ausgemerzt, getrieben von seiner lebenslangen Jagd nach den tiefsten, dunkelsten Abgründen aller erdenklichen Laster.

Er war Giaco Tavian. Der Giaco Tavian.

Einst ihr Stiefbruder. Für immer der Fluch ihrer Existenz.

Leider war er sehr viel mehr als das. Es war unmöglich, an einem einzigen Klatschmagazin vorbeizugehen, ohne sein schockierend schönes Gesicht zu sehen. Ganz zu schweigen von diesem international berühmten Körper, den er mit besonderer Vorliebe so oft wie möglich zur Schau stellte. In manchen Jahren schien es, als würden alle Jachten im Mittelmeer auf der Stelle sinken, wenn er nicht persönlich vor Ort wäre, um sie mit seinen Eskapaden über Wasser zu halten.

Es gab viele Worte für einen Mann wie Giaco: Lothario. Romeo. Casanova.

In moderner, weniger poetischer Sprache: ein Playboy.

Wäre er eine Frau gewesen, hätte man ihn schlicht Hure genannt.

Schon in erstaunlich jungem Alter hatte Giaco Tavian sich dadurch hervorgetan, in jeder Hinsicht unzuverlässig und lasterhaft zu sein. Als einziger Sohn seines Vaters war er der Erbe von Umbertos riesigem Imperium. Von seiner jüngeren Tochter erwartete Umberto lediglich potenzielle Gewinne durch die Heirat eines lukrativen Kandidaten.

Giaco hatte seinen Reichtum, seine Privilegien und sein erstaunliches Aussehen genutzt, um zur Verkörperung der Sünde zu werden. In manchen Ländern nannte man ihn den Teufel. Was ihn für die Leute nur noch interessanter machte.

Bis heute blieb Giaco womöglich das zügelloseste Geschöpf, das je durch die Schlafzimmer Europas flaniert war, und das mit einer Häufigkeit, dass manche die Theorie aufstellten, er könnte buchstäblich mit allen geschlafen haben. Er war ein Skandal in Gestalt eines betörend schönen Mannes, den Ivy nun am eigenen Leib erfahren hatte.

Obwohl sie früher wunderbar immun gegen ihn gewesen war.

Ivy verstand nicht, wie das möglich war. Obwohl ihr eigener Körper sie verraten hatte, blieb eine Tatsache: Sie hatte Giaco immer verabscheut. Seine glühende Intensität. Seine völlige Missachtung der Gefühle von absolut allem und jedem. Sein offensichtliches Vergnügen daran, so viele Menschen um sich herum wie möglich in Verlegenheit zu bringen. Er ließ streunende Gassenkater wie Mönche wirken. Er war krankhaft schamlos, provokativ und zutiefst zufrieden mit der Empörung, die ihm folgte wie seine heulenden Rudel von Möchtegern-Geliebten.

Er verkörperte eine ganz bestimmte Art von Fantasie, das ließ sich nicht leugnen. Doch wie er aus den Lenden seines Vaters hervorgegangen sein sollte, war Ivy unbegreiflich.

Die Gene waren vermutlich ein Geschenk seiner persischen Mutter, einer weiteren berühmten Schönheit, die viel zu früh gestorben war, zweifellos durch dieselbe Vernachlässigung, die auch Ivys Mutter zerstört hatte. Denn eins war sicher bei Umberto: Er liebte es, schöne Frauen zu sammeln und sie dann zu zerstören. Wenn er so etwas wie ein Hobby hatte, dann war es das.

Ivy stieß den Atem aus und war froh, dass ihr Herz wieder etwas langsamer schlug. Dass sie wieder normal wurde. Sie war nicht wegen … was auch immer das gerade gewesen war, hier. Giaco war vor allem eins: Zerstreuung. Sie war sich ziemlich sicher, dass das sein ganzer Lebenszweck war. Aber sein Unsinn hatte nichts mit ihr zu tun.

Sie zwang sich, langsamer zu atmen. Sie hatte nicht damit gerechnet, heute ihrem ehemaligen Stiefbruder zu begegnen. Ganz bestimmt hatte sie nicht damit gerechnet, so viel von ihm zu sehen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam es ihr vor wie ein Sprung direkt vom Zehnmeterbrett ins tiefe Wasser. Wahrscheinlich tat ihr das sogar gut.

Es konnte ihr nur helfen, sich wieder klarzumachen, mit wem sie es hier zu tun hatte. Und warum.

Dann dachte Ivy an ihre eigene Mutter. Die weltweit berühmte Alana Amis, die so schön gewesen war, dass Männer auf der Straße ins Stolpern geraten waren. Doch sie hatte auch eine Unsicherheit in sich getragen, die ihre Schönheit und ihre Erfolge weit überstieg. Und wenn niemand hinsah, konnte sie auch einfach ein fröhlicher Mensch sein. Ihre wunderbare, ungeheuer begabte Mutter, die auf der Leinwand so leuchtete, dass eine einzige Träne von ihr das Publikum tagelang schluchzen ließ, und die trotz ihres Ruhms und ihrer unvergänglichen Legende am Ende nur die einfachsten Dinge gewollt hatte.

Geliebt zu werden. Umsorgt zu werden. Jemandem etwas zu bedeuten.

Ivy würde ihrem Stiefvater niemals verzeihen, dass er Alana in jedem einzelnen dieser Punkte im Stich gelassen hatte.

Die Tür öffnete sich. Ihr Blick schnellte hoch, ihr Herz machte einen Sprung. Sie war sicher, jeden Augenblick noch mehr von Giaco Tavian zu sehen. Stattdessen trat ein weiteres Mitglied des Personals ein. Der Mann bedeutete ihr, ihm zu folgen, und führte sie tiefer in das Schloss hinein, direkt zu Umbertos privatem Arbeitszimmer.

Sie ging hinein und fand den Stiefvater, den sie nie wieder hatte sehen wollen, in einer Haltung vor, die fast entspannt wirkte – ein sicheres Zeichen dafür, dass er dies als eine Art blutigen Sport betrachtete. Nichts an Umberto Tavian war je entspannt, und doch saß er jetzt in einem der Sitzbereiche, die in dem großen Raum verteilt waren, mit einem Drink in der Hand und diesem vertrauten, verächtlichen Blick.

„Was für eine wunderbare Überraschung“, sagte er langsam auf Englisch, als wäre Ivy begriffsstutzig. „Du warst dir so sicher, niemals in den Schoß der Familie zurückzukehren, Ivy. Und doch bist du hier. Genau, wie ich es schon immer wusste.“

Die Ivy von vor fünf Jahren, die diesen Ort nach der Beerdigung ihrer Mutter verlassen hatte, hätte ihm gesagt, wohin er sich das stecken konnte.

Aber mittlerweile war sie klüger geworden. Ging strategischer vor.

Es gab Dinge, die ihr sehr viel wichtiger waren, als zu versuchen, gegen einen Mann wie Umberto einen Treffer zu landen, wenn sie ganz genau wusste, dass er nichts fühlte. Sie nahm an, dass nicht nur das schwere Essen, das er bevorzugte, und der ausschweifende, zügellose Lebensstil dazu beitrugen, sondern auch all das Geld, das er aus jedem Unternehmen gezogen hatte, das er je an sich gerissen hatte.

Er nannte sich selbst einen Finanzier.

Aber sie wusste, dass er lieber Königsmacher spielte. Wenn sich die Gelegenheit bot, stürzte er Regierungen, einfach nur, weil er eine gute Show liebte. Er hatte seine dicken, fleischigen Finger in jedem denkbaren Topf und saß hier in seinem Schloss wie eine große, fette Spinne, die ihre Netze in alle Richtungen auswarf.

Die junge Ivy hatte sich erdrückt und eingeengt gefühlt und darauf reagiert, indem sie um sich schlug – was ihr absolut gar nichts gebracht hatte. Aber daraus hatte sie gelernt.

Heute setzte sie sich einfach in den Sessel ihm gegenüber und lächelte ihn ununterbrochen an, egal, was er sagte oder in welchem Ton.

„Ich will nicht zu viel von deiner Zeit in Anspruch nehmen“, erklärte sie höflich.

Auch das hatte sie gelernt. Die Kunst der Unterhaltung mit unangenehmen Menschen. Sie hatte Jahre damit verbracht, herauszufinden, wie sie ihren Status als berühmtes Nepo-Baby nutzen konnte, um die Dinge zu erledigen, die erledigt werden mussten. Sie hatte Jahre damit verbracht, für Männer wie ihn hell zu leuchten. Das war der einzige Weg, sie dazu zu bringen, ihr Geld herauszurücken.

Und Ivy liebte nichts mehr als einen Mann, den man durch Schmeichelei zu hohen Spenden für ihre Wohltätigkeitsorganisation bewegen konnte. Den Waisen war es egal, wie sie an das Geld kam. Sie profitierten nur, wenn sie es hatte. Es war Ivys Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie jederzeit so viel wie möglich davon hatte.

„Ja, ja“, sagte Umberto. Er schwenkte sein Getränk im Glas. „Du bist wegen deines kleinen Vermögens hier, ich weiß.“

Eine der interessanteren Folgen der letzten fünf Jahre war gewesen, dass Ivy inzwischen sehr viel mehr Menschen kannte als damals. Viele aus vollkommen anderen Lebenswelten als der, in der sie aufgewachsen war.

Ihr kleines Vermögen, wie Umberto es nannte, belief sich auf mehrere Millionen Pfund. Ein Teil davon war das Geld, das ihre Mutter nach dem Tod von Ivys Vater geerbt hatte. Auch er war Schauspieler gewesen und stammte aus dem englischen Adel. Dazu kam das Vermögen, das ihre Mutter als Leinwandlegende verdient hatte.

Kein vernünftiger Mensch würde dieses Erbe als klein bezeichnen.

Aber für einen Mann wie diesen war es nichts.

Ivy schluckte ihre Wut hinunter, genau wie all die anderen Emotionen, die dieser Ort und dieser abscheuliche Mann in ihr hervorriefen.

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