Historical Saison Band 126

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IRENE UND DER SKANDALÖSE DUKE von EVA SHEPHERD

Nachdem ihr Ruf beinahe von einem ruchlosen Verführer ruiniert wurde, flieht Irene nach Devon, um sich ihrer Kunst zu widmen. Ihre Aktzeichnung gelingt – bis der nackte Mann vor ihr offenbart, dass er nicht das erwartete Modell ist, sondern der Duke of Redcliff! Gegen jede Vernunft verzehrt sie sich nach ihm …

HEIMLICH VERLIEBT IN EINE LADY von ELIZABETH BEACON

Nie konnte Max seine beste Freundin Giorgia vergessen: Einst war er heimlich in sie verliebt, doch sie hat einen anderen geheiratet! Als die junge Witwe nach Jahren plötzlich wieder vor ihm steht, schlägt sein Herz wild wie damals. Damit sie ihre Töchter nicht verliert, bietet er ihr spontan eine Vernunftehe an. Ein Fehler?


  • Erscheinungstag 30.05.2026
  • Bandnummer 126
  • ISBN / Artikelnummer 8090260126
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Eva Shepherd, Elizabeth Beacon

HISTORICAL SAISON BAND 126

Eva Shepherd

1. KAPITEL

Joshua Huntingdon, Duke of Redcliff, betrachtete sich stirnrunzelnd im trüben Spiegel und lachte dann. Was immer ihm gestern Abend zugestoßen war, es würde sicher eine sehr interessante Geschichte abgeben. Leider wäre er nicht derjenige, der sie erzählen würde, da er nicht die blasseste Ahnung hatte, was geschehen war und wie er zu diesem merkwürdigen Aufzug gekommen war.

Er hatte sein Haus in einem schwarzen Abendanzug verlassen – Schwalbenschwanz-Frack, weißes Hemd, weiße Krawatte und mit goldfarbenem Faden bestickte kastanienbraune Weste. Irgendwie hatte er sich dann im Lauf des Abends in abgetragener brauner Baumwollhose, alten Lederstiefeln und einem kragenlosen Hemd wiedergefunden, das wohl irgendwann braun gewesen, aber inzwischen zu einer faden, verwaschenen Schattierung von Rotbraun verblasst war.

Nicht selten hatte er beim Kartenspiel sein letztes Hemd verloren, aber niemals im wörtlichen Sinne. Vielleicht war irgendein glücklicher Arbeiter jetzt ebenso unangemessen gekleidet wie er selbst oder hatte seine Kleidung im nächsten Pfandhaus gegen eine ansehnliche Summe ausgetauscht.

Oder seine Sachen waren nach einer Begegnung der amouröseren Art durcheinandergeraten. Er erinnerte sich vage an eine recht anmutige junge Frau, die ihm einige interessante Vorschläge gemacht hatte, wie sie die Nacht besonders unvergesslich für ihn gestalten könnte. Falls er auf ihren Vorschlag eingegangen war, dann fürchtete er, dass sie ihr Versprechen nicht gehalten hatte, denn er hatte alles vergessen, was vorgefallen war. Immerhin würde es erklären, warum er seine Kleidung abgelegt hatte, wenn auch nicht, warum er danach die Sachen eines anderen Mannes angezogen hatte.

Er sah sich in der leeren Spielhölle um, die noch alle Zeichen der gestrigen Lustbarkeiten aufwies. Stühle und Gläser waren umgeworfen worden, und in der Luft hing noch immer der Gestank von Zigarren, Zigaretten, Pfeifen und Alkohol. Mehrere schnarchende Männer lagen in der einen oder anderen Ecke des Raums, und eine ältere Frau schwappte Wasser aus einem grauen Metalleimer über den Boden.

Vor nur wenigen Momenten hatte auch er zu diesen schnarchenden Männern gehört und ähnlich misstönende Geräusche von sich gegeben. Er vermutete, dass er auch dazu beigetragen hatte, die Stühle umzuwerfen und einige der leeren Flaschen überall im Raum zu verteilen.

Er beschloss, seine Trinkkumpane weiterschlafen zu lassen, statt sie zu wecken und zu sehen, ob sie erklären konnten, was mit ihm geschehen war. Sie sahen sogar noch mitgenommener aus als er und konnten wahrscheinlich nicht einmal ihren eigenen Zustand erklären, geschweige denn den eines anderen. Also setzte er sich einfach die flache Mütze auf, die wohl jetzt ihm gehörte, und lächelte seinem Spiegelbild noch einmal zu.

Als er an der Putzfrau vorbeikam, steckte er die Hand in die Tasche, fand einige Münzen und legte sie ihr in die Hand.

Sie musterte das Geld ungläubig und versuchte, es ihm zurückzugeben. „Das ist freundlich von Ihnen, Sir, aber sind Sie sicher, Sie haben genug, um zu Ihrer Arbeit zu kommen? Ich möchte nicht, dass es Ihnen später meinetwegen fehlt.“

„Machen Sie sich da keine Sorgen. Ich fürchte, ich bin teilweise an dem Chaos schuld, das Sie aufwischen müssen, und nach der gestrigen Nacht wird mir ein Spaziergang an der frischen Luft nur guttun.“

Sie lächelte und zeigte ihm ihre zahlreichen Zahnlücken. „Gott segne Sie!“

Ihr Lächeln erwärmte ihm das Herz und bedeutete ihm sehr viel mehr als die wenigen Pennys, die er ihr geschenkt hatte, ganz besonders da sie dachte, er sei ein Arbeiter, dessen Arbeitstag begann, und kein wertloser Adliger, der eine durchzechte Nacht hinter sich hatte – ein Mann, dessen einziger Plan heute darin bestand, ein wenig zu schlafen, bevor er das Ganze am folgenden Abend wiederholte. Er runzelte die Stirn, ziemlich beschämt wegen seines ziellosen Lebens, dann zog er kurz den Hut vor der hart arbeitenden Frau, die bereits mit dem Putzen fortfuhr, und verließ die Spielhölle.

Das Tageslicht traf ihn wie ein Schlag vor die Stirn. War die Sonne immer so hell? Selbst in der schmalen Gasse schien sie in seinen Augen zu brennen und wurde schmerzhaft von den roten Backsteinen und den Pflastersteinen zurückgeworfen. Blinzelnd sah er sich um und versuchte, sich zu orientieren.

Gestern Abend hatte er sich auf den Weg zu einem seiner Clubs gemacht. So viel wusste er noch. Vage erinnerte er sich, dass er in jemandes brechend volle Kutsche gestiegen und quer durch London gefahren war. Eine junge Dame hatte auf seinem Schoß gesessen, wenn er sich nicht irrte. Wie hieß sie noch gleich? Minnie? Maisie? Wer immer sie auch gewesen sein mochte, sie musste eine Schönheit gewesen sein, weil er irgendwie noch zu wissen glaubte, dass er sie und ihre ebenso schöne Freundin auf sein Gut in Devon eingeladen hatte. Dann erinnerte er sich noch, vor einer anderen Schenke aus der Kutsche gestolpert zu sein, aber danach … nichts mehr.

Er las das Schild, das über der Tür zur Spielhölle hing: Königin Victoria. Sagte ihm nichts. Es gab viele Etablissements in London, die nach der jetzigen Königin benannt waren, wenn er auch vermutete, dass keins von ihnen einen solchen Mangel an majestätischer Würde aufbrachte wie dieses hier.

Vorläufig würden die vergangene Nacht und der Grund für seinen seltsamen Aufzug wohl noch ein Geheimnis bleiben. Er ging die Gasse hinauf und bog in ein geschäftiges Gewerbegebiet ein, wo die Läden bereits geöffnet waren, Frauen mit Weidenkörben ihrer täglichen Arbeit nachgingen, Kutscher mit Karren, angefüllt mit diversen Waren, ihre Lieferungen erledigten und Menschen mit einem Ziel in ihrem Leben taten, was immer Menschen mit einem Ziel im Leben eben taten.

Einige Droschken ratterten vorbei, aber keiner der Fahrer gab sich die Mühe, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Das war etwas ganz Neues. Gewöhnlich war ein Aristokrat auf dem Weg nach Hause ein unwiderstehlicher Fahrgast, den man sich nicht so leicht entgehen ließ. Vielleicht sollte ihm das zu denken geben. Vielleicht war es wirklich nötig, dass er versuchte, sich mit einem Spaziergang von den Ausschweifungen der vergangenen Nacht auszunüchtern und einen klaren Kopf zu bekommen.

Als er Piccadilly erreichte, wusste er immer noch nicht, wie er zu seiner Arbeiterkleidung gekommen war, aber die Morgenluft hatte ihn neu belebt und er freute sich auf das herzhafte Frühstück, das seine Köchin ihm immer nach einer seiner wilderen Nächte zubereitete.

Eier, Würste, Schinken … Joshua vermeinte fast, sie schon schmecken zu können, und es war genau, was er brauchte, um die restlichen Auswirkungen der gestrigen Nacht zu beseitigen.

Dieses Wohlbefinden löste sich jedoch in Luft auf, als er sich seinem Stadthaus näherte. Eine wohlbekannte Kutsche kam die Allee herunter und hielt vor seinen Stufen. Tante Prudence.

Glücklicherweise war sie direkt an ihm vorbeigefahren, ohne zu bemerken, dass der verlotterte Arbeiter, der die ruhige, tadellose Straße entlangging, in der er wirklich nichts zu suchen hatte, kein anderer war als ihr moralisch verkommener Neffe.

Joshua sah von der Ecke zu, wie der Diener die Kutschentür öffnete, die Stufen herabließ und seine gebieterische Tante ausstieg. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war eine Standpauke von Tante P. Tatsächlich gab es eigentlich keine Gelegenheit, bei der er eine Standpauke von dieser furchterregenden Dame willkommen geheißen hätte. Er bekam dieselbe Standpauke nun schon seit zehn Jahren zu hören, und zwar seit er mit zwanzig den Titel des Duke geerbt hatte, und der Sinn blieb immer derselbe. Er sollte heiraten, er sollte sich ändern, er brauchte eine Duchess, die ihm den richtigen Weg weisen würde, er sollte sich häuslich niederlassen und einen Erben zeugen.

Er ließ die Schultern hängen und setzte seinen Weg fort. Je eher er die Standpauke hinter sich brachte, desto eher konnte er sein Frühstück zu sich nehmen und sich schlafen legen. Und dann, wieder frisch und munter, konnte er die gestrige Nacht wiederholen und am darauffolgenden Abend noch einmal wiederholen. Niedergeschlagen stieß er einen Seufzer aus und zwang sich dann, die Schultern zu straffen. Das Nachtleben zu genießen, war nun einmal sein größtes Talent. Kein Grund für ihn, so zynisch zu klingen. Es musste daran liegen, was immer ihm gestern Nacht zugestoßen war, oder es war seine Reaktion auf Tante P. – die so früh am Morgen wirklich nicht leicht zu ertragen war?

Wieder blieb er abrupt stehen. Lady Gwendolyn Stanhope entstieg der Kutsche und folgte seiner Tante den Weg hinauf. Joshua machte auf dem Absatz kehrt und ging in die andere Richtung. „Es ist nur zu Ihrem Besten, Lady Gwendolyn“, murmelte er vor sich hin, während er sein Tempo beschleunigte und um die Ecke verschwand.

Am Ende rannte er sogar. Er musste so viel Abstand wie nur menschenmöglich zwischen sich und die Menschen bringen, die ihn in seinem Haus erwarteten. Es geschah nicht aus egoistischen Gründen. Nun, vielleicht schon, aber nicht nur. Er rettete Lady Gwendolyn und alle übrigen Debütantinnen, die ihn verfolgten, vor einem Schicksal, das keine von ihnen verdient hätte.

Wie so manche andere junge Dame träumte Lady Gwendolyn von einer Heirat mit einem Duke. Dass diese jungen Frauen sich so täuschen konnten, erstaunte Joshua immer wieder aufs Neue. Es war so offensichtlich, dass er keinen guten Gatten abgeben würde, und gerade sein Zustand heute Morgen war der Beweis. Und doch bestanden die kupplerischen Mamas dieser armen Frauen, genau wie seine Tante, darauf, ihm die unschuldigen Mädchen aufzudrängen und zu hoffen, dass eine von ihnen ihn einfangen würde. Und die unschuldigen Mädchen waren genauso übel. Sie verschlossen nur zu gern die Augen vor all seinen Fehlern. Weil er ein Duke war.

Aber er würde sich hüten, sich einfangen zu lassen. Er hatte gesehen, wie sein Vater Mama behandelt hatte. Und wie man ihm immer wieder in Erinnerung rief, war er ebenso ein Wüstling wie sein Vater, also war es das Mindeste, was er tun konnte, eine arme Frau vor einem Leben zu bewahren, wie es seine Mutter erlitten hatte.

Erst jetzt verlangsamte Joshua seine Schritte und ging, wenn auch zügig, normal weiter. Wenn Lady Gwendolyn und die anderen jungen Damen wüssten, vor welcher Zukunft er sie bewahrte, würden sie ihm bis an ihr Lebensende dankbar sein. Stattdessen zeigten ihm die Mütter verschmähter Töchter ihre Verachtung, und Tante P. rügte ihn, statt ihn zu bewundern, wie es sich gehört hätte. Denn seine Rechtschaffenheit ersparte den jungen Damen ein Leben voller Kummer und Elend.

Eine Droschke hielt neben ihm, nicht um zu fragen, ob er eine Fahrt brauchte, sondern um einen recht beschämten jungen Mann aussteigen zu lassen, der, die Schuhe in der Hand, Krawattentuch und Hut völlig verrutscht, den Weg zu seinem Haus hinaufschlich.

„Nach Paddington Station, und vielen Dank dafür, mein guter Mann“, rief Joshua dem Kutscher zu, während er in die Droschke stieg.

„Zuerst will ich mal Ihr Bares sehen“, sagte der Kutscher und packte seine Peitsche auf eine Weise, die wohl drohend wirken sollte.

Joshua steckte die Hände in die Hosentaschen, kehrte sie heraus und fand nichts als Leere. Er sah über die Schulter. Sollte er schnell nach Hause laufen, sich durch den Hintereingang hineinschleichen, um Geld einzustecken und vielleicht neue Kleidung anzulegen – und dabei wohlweislich Tante P. und Lady Gwendolyn ausweichen sowie all den Spionen, die sie, da war er sicher, unter seiner Dienerschaft platziert hatte? Schon der Gedanke verursachte ihm Kopfschmerzen.

Der Kutscher wandte sich um und schnippte mit den Zügeln.

„Warten Sie“, rief Joshua ihm zu, klopfte auf die Taschen seines Rocks und fand wie als Antwort auf sein Gebet einige Münzen. „Ich habe Geld.“

Der Mann zog sofort die Zügel an und beugte sich herab, um die Münzen anzunehmen. „Na gut, mein Freund. Springen Sie rein.“

Ein paar Tage auf seinem Gut in Devon war genau, was Joshua brauchte, um sich zu erholen – von dem, was immer ihm gestern Nacht zugestoßen war – und um vor seiner Tante und Lady Gwendolyn zu entfliehen. Zum Glück war die Saison vorbei, also würde seine Tante nicht länger versuchen, ihn zu zwingen, Bälle und diverse Soireen aufzusuchen. Allerdings sah es so aus, als würde sie von jetzt an dazu übergehen, die unvermählten jungen Damen zu seinem Stadthaus, das er bisher für einen sicheren Zufluchtsort gehalten hatte, zu zerren. Ja, was er brauchte, waren ein oder zwei Tage auf dem Land, wo er sich erholen und sich fassen konnte, um den Widerstand gegen seine Tante wieder aufnehmen zu können. Und vielleicht würde Maisie ja – oder Minnie, oder war es Marjorie – und ihre Freundinnen seine Einladung annehmen und seinen Aufenthalt auf dem Land noch ein kleines bisschen erfreulicher gestalten. Jene jungen Damen waren allerdings keine Debütantinnen auf der Suche nach einem Ehemann, wofür Joshua sie sogar noch mehr liebte.

Er erreichte den geschäftigen Bahnhof Paddington Station, wo der Höllenlärm aus lauten Stimmen, zischenden Zügen, heulenden Kindern, viel beschäftigten Gepäckträgern und die ständige Bewegung auf seine Sinne einstürmten. Je eher er aus diesem verwirrenden Krach verschwinden und die Stille des Landlebens genießen konnte, desto besser.

Er holte die letzte Münze hervor, reichte sie dem Fahrkartenverkäufer und ließ sich einen Platz dritter Klasse geben. Im Zug hielt er an der Tür zu seinem Abteil inne, das brechend voll war von Menschen und deren Gepäck. Sie waren nicht weit entfernt von den geräumigen Abteilen erster Klasse, die Joshua gewohnt war, aber es kam ihm vor, als hätte er eine fremde Welt betreten.

Seine Mitreisenden rutschten auf der harten Holzbank weiter, um ihm Platz zu machen. Nach einem Austausch von Höflichkeiten bemühte Joshua sich, es sich bequem zu machen und sowohl das Geheul der Babys und all jene Geräusche auszublenden, die Kinder unweigerlich von sich gaben, als auch den Andrang der Körper im überfüllten Wagon zu ignorieren, um zu ein wenig dringend benötigtem Schlaf zu kommen.

Irene Fairfax wartete unruhig auf dem hölzernen Bahnsteig, als der Zug dampfend in Seaton einfuhr. Türen wurden aufgerissen, und der fast leere Bahnhof füllte sich von einem Moment zum nächsten mit Menschen, Lärm und Betriebsamkeit. Passagiere erster Klasse schlenderten vom Bahnsteig herunter, während Gepäckträger herbeieilten und dafür sorgten, dass deren Reisekoffer zu den bereits wartenden Kutschen gebracht wurden. Passagiere der zweiten Klasse holten ihre Koffer aus dem Gepäckraum, und die dritte Klasse zerrte ihre Taschen ächzend aus dem Wagon heraus.

Irene bemerkte einen Mann, der wie Joshua aussah. Madeline hatte ihn als hochgewachsen, glatt rasiert und blond mit braunen Augen beschrieben. Sie hatte auch behauptet, er sei genau, was Irene brauchte. Sie sah zu, während er ein kleines Mädchen aus dem Wagon hob und auf den Bahnsteig stellte und dann mit ihren Eltern plauderte. Irene glaubte, noch nie ein großartigeres Beispiel männlicher Schönheit gesehen zu haben. Madeline hatte recht. Er war vollkommen.

Er tippte sich zum Abschied an die Stoffmütze und kam den Bahnsteig herunter. Trotz seiner Arbeiterkleidung und der leicht unordentlichen Erscheinung, besaß er eine vornehme Haltung und ein sorgloses Selbstbewusstsein, was ihn aus der Menge herausstechen ließ. Oh ja, Madeline hatte allerdings recht. Er war genau der Richtige für ihre Zwecke.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte sie gut aussehende, selbstsichere Männer gemieden, als hätten sie die Pest. Was ihrer Meinung nach auch zutraf.. Sie waren in jedem Fall in der Lage, große Zerstörung und schmerzliches Gefühlschaos bei jungen Damen anzurichten, die dumm genug waren, auf ihre erfahrene Schmeichelei hereinzufallen. Diese Lektion hatte Irene bereits in ihrer ersten Saison gelernt und bis heute nie vergessen. Aber im Moment brauchte sie jemanden, der den Inbegriff maskuliner Attraktivität darstellen konnte.

„Joshua“, rief sie, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Er wandte sich zu ihr um und ließ den Blick mit einem leicht verwirrten Stirnrunzeln über die Köpfe der Menge hinweg schweifen.

„Erlauben Sie mir, mich vorzustellen“, sagte sie, nachdem sie sich einen Weg zu ihm gebahnt hatte, und reichte ihm die Hand auf, wie sie hoffte, rein professionelle Weise. „Ich bin Irene. Miss Irene Fairfax.“

Er hob die Augenbrauen, als warte er auf weitere Erklärungen.

„Madelines Freundin. Sie hat mir gesagt, ich solle Sie heute am Bahnhof abholen.“

„Madeline“, brachte er hervor und nickte nachdenklich, als hätte sie gerade eins der Geheimnisse des Lebens enthüllt. Irene hatte keine Zeit, über diese merkwürdige Reaktion nachzudenken, ganz besonders da sie von dem Lächeln abgelenkt wurde, das daraufhin folgte.

Es war ein hinreißendes Lächeln, das ihr Herz veranlasste, einen Sprung zu machen. Was war nur mit ihr los? Es war doch offensichtlich ein routiniertes Lächeln, das keinen anderen Zweck hatte, als sie zu verzaubern. Nun, er würde feststellen müssen, dass solche Taktiken die gegenteilige Wirkung auf sie hatten.

„Eine Kutsche wartet auf uns, und es ist nicht weit bis zu meinem Cottage.“

„Zu Ihrem Cottage?“

„Ja, meinem Cottage.“

Er mochte ja ein wahrer Adonis sein, aber Madelines Bruder kam ihr ein wenig begriffsstutzig vor. Nicht, dass es etwas ausmachte. Sie hatte schließlich nach einem Mann verlangt, der gut aussah, und nicht nach einem, den sie intellektuell anregend finden würde.

„Hat Madeline es Ihnen nicht gesagt? Im Moment lebe ich dort.“

„Hm. Verzeihen Sie, ich habe einen entschieden merkwürdigen Abend hinter mir, und der heutige Tag scheint nicht viel besser zu werden. Er hat mich ein wenig vergesslich werden lassen. Aber gehen Sie ruhig voran, Miss Irene Fairfax. Führen Sie mich zu Ihrem Cottage.“

Er lachte leise, als wäre alles ein richtig guter Scherz. Ein wirklich seltsames Benehmen. Allerdings hatte Madeline gesagt, dass ihr Bruder ein recht unkonventioneller Mann sei, der ein ausgesprochen absonderliches Leben führte. Also war ein so befremdliches Betragen wohl nur zu erwarten. Es war schließlich kaum wahrscheinlich, dass ein konventioneller Mann auf ihren Wunsch eingehen würde, also musste sie wohl ein kleines bisschen Verschrobenheit in Kauf nehmen.

Sie gingen gemeinsam auf eine wartende Droschke zu, und er begann, seine Taschen abzuklopfen, aber Irene hob abwehrend die Hände. „Für die Droschke ist bereits gezahlt, und es ist auch nur eine kurze Fahrt.“

„Ich danke Ihnen.“ Er nahm ihre Hand und half Irene die Stufen zur Droschke hinauf. „Ich fürchte, ich bin ein wenig knapp bei Kasse, aber ich werde Sie entschädigen, sobald ich kann.“

„Das ist nicht nötig“, meinte sie stirnrunzelnd. Selbstverständlich war sie es, die die Droschke zahlen und ihn darüber hinaus sehr großzügig für seine Zeit entgelten würde – vor allem auch weil er bereit gewesen war, etwas zu tun, über das so viele Männer entsetzt wären, ja sogar beleidigt, hätte sie es gewagt, sie darum zu bitten.

Sie legten die Fahrt schweigend zurück, und er schien sogar kurz davor zu sein einzunicken. Irene runzelte die Stirn. Sie brauchte einen Mann, der aufgeweckt und energisch war. Bei dem Gedanken daran, worum sie im Begriff war, ihn zu bitten, zog sich ihr Magen nervös zusammen. Während sie durch das stille Dorf fuhren, musste sie mehrere Male schlucken, um den seltsamen Kloß in ihrem Hals loszuwerden, und rief sich in Erinnerung, warum sie zu solch drastischen Maßnahmen gezwungen war.

Sie hatte keine Wahl. Sie musste es tun. Und wenn sie das meiste aus ihrer Zeit gewinnen wollte, musste sie ruhig und gefasst bleiben.

Kein Grund, nervös zu werden. Nicht der geringste Grund. Männer tun so was tagtäglich, und niemand hält es für unangemessen.

Sie sah aus dem Fenster und betrachtete die respektablen Menschen, die ihrem täglichen Leben nachgingen und die empört sein würden, wenn sie wüssten, was sie vorhatte.

Nein, sie würde sich deswegen keine Gedanken machen. Wenn die Gesellschaft sich nicht so an ihre haarsträubenden Vorurteile klammern würde, wäre Irene nicht gezwungen, den Bruder ihrer Freundin ganz aus London kommen zu lassen. Sie würde sich nicht auf diese klammheimliche Weise verhalten müssen, sondern könnte vollkommen offen vorgehen.

Sie setzte sich aufrechter auf und schob leicht das Kinn vor. Sie brauchte überhaupt nicht nervös zu sein. Die Gesellschaft sollte Frauen nicht auf diese Weise behandeln. Jede Frau sollte die Möglichkeit haben, sich wie ein Mann zu benehmen, ohne dafür kritisiert zu werden.

Es waren sehr tapfere Gedanken. Aber es war nur ein Jammer, dass ihr aufgeregter Magen nicht besonders auf sie zu achten schien.

Die Kutsche fuhr vor ihrem Cottage vor. Joshua stieg aus und nahm wieder ihre Hand, um ihr herunterzuhelfen. Er sah wirklich sehr gut aus. Vielleicht schon zu gut. Wenn er nicht so verdammt gut aussähe, wäre sie nicht annähernd so nervös. Aber sie brauchte ja einen gut aussehenden Mann, und Madeline hatte ihr versichert, dass er tun würde, worum sie ihn bat, und ihr geben würde, was sie brauchte.

Sie öffnete die Tür zum Cottage, und er folgte ihr in den Salon.

Ihr war zu unbehaglich zumute, um ihm in die Augen zu sehen, also wies sie nur auf den Paravent in der Ecke. „Sie können sich dort drüben ausziehen. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie vollständig nackt sind.“

2. KAPITEL

Hatte er jetzt zusätzlich zu seinem Gedächtnis auch noch sein Gehör verloren? „Ich kann was?“

„Sie können sich hinter dem Paravent ausziehen. Ich habe Ihnen einen Morgenmantel hingelegt, aber den werden Sie ablegen müssen, bevor wir anfangen.“

Sie war nicht die erste Frau, die ihn dazu aufforderte, die Kleidung abzulegen, aber für gewöhnlich geschah das nach einem angemessenen Grad amouröser Vorspiele und meist mit viel Gekicher und einem reizenden Schmollmund von Seiten der jungen Dame, nicht auf diese nüchterne Weise. Aber wenn sie ihn nackt sehen wollte, warum sollte er es ihr ausschlagen? Wäre es nicht sogar unhöflich, sich zu weigern? Ja, unbedingt, und als Gentleman war er dazu verpflichtet, zu jeder Zeit makellose Manieren an den Tag zu legen. Also blieb ihm nichts anderes übrig. Er knöpfte seinen Rock auf, zog ihn aus und legte ihn über einen Sessel.

„Wollen Sie sich hier ausziehen?“, sagte sie und schnappte entsetzt nach Luft. „Vor mir?“

Unter den Umständen war das ein eher unerwarteter Ausbruch von Schamhaftigkeit, fand er, aber alles an dieser Begegnung war entschieden unerwartet. Wenn er sich an seine Unterhaltung mit Madeline erinnern könnte, die weder Maisie noch Minnie oder Marjorie hieß, wie er jetzt wusste, würde es vielleicht mehr Sinn ergeben. Es musste ein sehr interessantes Gespräch gewesen sein, aber leider erinnerte er sich noch immer nicht daran.

Andernfalls könnte er sich vielleicht in Erinnerung rufen, woher Madeline wusste, dass er nach Devon kommen würde, noch bevor es ihm selbst bewusst gewesen war, und wie es dazu kam, dass er die Kleidung eines Arbeiters trug – alles Geheimnisse, die fürs Erste wohl ungelöst bleiben würden. Bevor er die Antworten gefunden hatte, verlangte man von ihm, sich auszuziehen, also würde er es tun.

„Wenn Sie mich am Ende sowieso nackt zu Gesicht bekommen werden, ergibt es keinen Sinn, mich hinter einem Paravent auszuziehen, und warum sollte ich einen Morgenmantel überziehen, wenn ich ihn sofort wieder ablegen muss?“, fragte er – eine vollkommen vernünftige Frage, wie er fand.

Sie starrte ihn stirnrunzelnd an. Ganz und gar nicht, was er von einer Frau erwarten würde, die ihn gerade aufgefordert hatte, sich auszuziehen.

„Ja, da haben Sie wohl recht“, meinte sie, allerdings offensichtlich alles andere als sicher, ob er recht hatte oder nicht. „Es ist nur so, dass normalerweise …“ Sie blickte zum Paravent.

Er zog die Hose aus und warf sie mit einer schwungvollen Geste auf den Sessel. Er hoffte, Miss Fairfax würde sich an seiner von der Natur großzügig bedachten Statur erfreuen, aber sie hatte den Blick gesenkt, als ob diese Situation, die sie schließlich ganz allein verursacht hatte, ihr eher unangenehm wäre.

Sobald er seine gesamte Kleidung abgelegt hatte, hob er die Hände mit der Handfläche nach oben, als wollte er sagen: Hier bin ich in all meiner nackten Pracht. Tun Sie mit mir, was Ihnen beliebt.

Sie sah nicht auf.

„Wo wollen Sie es tun?“, fragte er schließlich, ebenso unromantisch und nüchtern wie sie gerade eben. Was sie auch wollte und wo immer sie es tun wollte, er war mehr als bereit, ihren Wunsch zu erfüllen. Er hoffte nur, dass er nach einer Nacht der Ausschweifung, die er zweifellos hinter sich hatte, selbst wenn er sich nicht daran erinnern konnte, der Sache überhaupt gewachsen sein würde.

Sie musterte ihn, als wäre er schwer von Begriff. „Natürlich hier in meinem Atelier. Und würden Sie bitte von der Staffelei zurück und ins Licht treten?“

Er sah sich um und lachte. Jetzt ergab alles Sinn. Warum war ihm nicht aufgefallen, dass er sich in einem Künstleratelier befand, als er hereinkam? Viele Leinwände lehnten an den Wänden, eine Staffelei stand in einer Ecke, die Regale waren vollgestellt mit Farbtuben – alles nur allzu offensichtliche Hinweise. Und im Raum hing der unverwechselbare Geruch nach Leinöl, Kohlestiften und Ölfarbe. Miss Fairfax hatte einen Malerkittel um ihr Kleid gebunden, und jetzt da sie ihre Handschuhe ausgezogen hatte, konnte er sehen, dass ihre Hände mit Farbe gesprenkelt waren. Diese Frau war Künstlerin und wollte ihn malen.

Er lachte wieder über diesen verständlichen, völlig verzeihlichen Irrtum. Denn wenn eine junge Frau einen in ihr Cottage einlädt und einen bittet, die Kleidung abzulegen, würden nur sehr wenige Männer sich die Zeit nehmen, die Innendekoration näher zu betrachten.

Sie stellte sich jetzt hinter die Staffelei und nahm einen Bleistift auf. „Bitte nehmen Sie die Pose von Michelangelos David ein.“

Joshua rief sich die berühmte Statue in Erinnerung, die er in Florenz gesehen hatte. Er verlegte das Gewicht auf ein Bein, hob den Arm, als hielte er einen Stein in der Hand, um ihn gleich auf Goliath zu schleudern, und sah über die Schulter auf den sich angeblich nähernden Riesen.

„Sehr gut“, meinte sie leise. Er lächelte. Sie war nicht die erste junge Frau, die beim Anblick seines nackten Körpers Worte der Anerkennung murmelte, obwohl sie für gewöhnlich ähnlich wenig am Leib trugen und von ihm sehr viel mehr erwarteten, als einfach mitten im Raum zu stehen und in die Ferne zu starren.

Er schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben, um alle Gedanken an eine Situation zu vertreiben, in der er und eine nackte Frau zusammen waren. Gerade eben noch hatte er gehofft, dass der gestrige Abend ihn nicht davon abhalten würde, sein Bestes zu geben – jetzt hoffte er das genaue Gegenteil. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, die Wirkung zu zeigen, die der Blick einer attraktiven jungen Frau auf seinen nackten Körper unwillkürlich bei ihm auslöste.

„Wie lange zeichnen Sie schon nackte Männer?“, fragte er in der Hoffnung, eine ungezwungene Unterhaltung könnte seine Gedanken von Miss Fairfaix ablenken – und von ihrem langen braunen Haar, das sie locker aufgesteckt hatte, von ihren großen blauen Augen, umrahmt von langen dunklen Wimpern, oder gar von ihrem verlockenden fraulichen Körper mit den aufregenden Rundungen.

Er hüstelte und ermahnte sich, unter keinen Umständen an diesen verlockenden Körper zu denken.

„Sie sind der erste.“

„Ich fühle mich geehrt“, meinte er und bemühte sich, keinen unangemessenen Ton mitklingen zu lassen. „Warum aber? Ich hätte gedacht, die Männer würden Schlange stehen, um sich für Sie auszuziehen.“

Sie lachte trocken auf. „Ich dachte, Madeline hätte Ihnen gesagt, warum ich gezwungen bin, meine Aktmalerei im Geheimen abzuhalten.“

Er zuckte die Achseln.

„Bitte tun Sie das nicht. Ich skizziere gerade Ihre Schultern.“

„Verzeihung.“ Er zwang sich, still zu bleiben. „Madeline hat es mir vielleicht auch gesagt. Ich erinnere mich nicht mehr.“ Wie an so vieles nicht. Offenbar hatte er Madeline gestern Nacht versprochen, für ihre Freundin nackt zu posieren. Es klang jedenfalls wie etwas, das er sich zutraute. „Erinnern Sie mich noch einmal. Warum sind Sie gezwungen, Ihre Aktmalerei im Geheimen abzuhalten?“

„Weil ich eine Frau bin.“ Sie seufzte tief. „Die Kunstakademie, an der ich eingeschrieben war, hält es für unangebracht, eine Frau an ihrem Akt-Unterricht teilnehmen zu lassen. Und das trotz der Tatsache, dass es sich um weibliche Modelle handelte und die Lehrer nichts dagegen einzuwenden hatten, ledige Männer zuzulassen.“ Er hörte den Zorn in ihrer Stimme. „Es schien ihnen auch gleichgültig zu sein, dass ich in der Lage sein muss, den menschlichen Körper zu zeichnen, wenn ich als Künstlerin jemals Fortschritte machen will. Aber das ist ja vielleicht auch der Sinn der Sache. Es geht ebenso sehr darum, die Frauen in ihre Schranken zu weisen, wie um ihr dummes Sittlichkeitsgefühl.“

Er sah sie an. Sie hatte aufgehört, ihn zu skizzieren, und starrte ihre Leinwand an. Die hübschen Lippen hatte sie fest zusammengepresst, und die Stirn war gerunzelt.

„Das tut mir leid“, sagte er, nicht ganz sicher, wofür er sich entschuldigte – dafür dass Frauen so behandelt wurden, für die Ungerechtigkeit, die sie erfahren hatte, oder dafür dass er ein Mann war und sich somit für alle Männer entschuldigte, die Frauen schlecht behandelten, einschließlich seines Vaters und sich selbst.

„Es ist wohl kaum Ihre Schuld, und ich weiß es zu schätzen, dass Sie bereit waren, mir auszuhelfen.“

„Das tue ich sehr gern. Wann immer Sie möchten, dass ich meine Kleidung für Sie ablege, brauchen Sie mich nur zu bitten.“

Sie sah ihn noch immer finster an, offensichtlich nicht angetan von seinem Versuch, die Stimmung aufzulockern.

„Bitte nehmen Sie wieder die richtige Position ein.“

Wieder sah er leicht über die Schulter zu seinem imaginären Feind hinüber, während er das Kratzen ihres Bleistifts auf der Leinwand hörte.

„Ich nehme an, Sie gehören nicht zu den Frauen, denen es genügt, Aquarelle von Blumen und Bäumen zu malen“, sagte er. War es nicht das, was man von jungen Damen erwartete, wenn sie unbedingt an den schönen Künsten teilhaben wollten? So manche Mama, die ihn für ihre Tochter gewinnen wollte, hatte ihm von deren einfach göttlichen Aquarellen vorgeschwärmt, als könne das ihn dazu bringen, sein geliebtes Junggesellenleben aufzugeben und sich an eine Ehefrau ketten zu lassen.

Sie schnaubte verächtlich. „Ein weiterer Grund, weswegen ich mich hier in Devon verstecke. Meine Mutter denkt, es sei zutiefst schändlich für eine Frau, mit Ölfarben zu arbeiten. Deine Hände, deine Hände! Wie willst du je einen Gatten finden mit diesen ölbefleckten Händen“, sagte sie erbost mit einer höheren, verstellten Stimme. „Sie hat mich sogar auf ein Mädchenpensionat geschickt, um mich in eine sittsame junge Dame zu verwandeln.“

„Nun, ich bin froh, dass es ihr misslungen ist.“

Sie schnaubte wieder, diesmal belustigt, wie er hoffte.

„Nicht, dass Sie keine sittsame junge Dame wären“, fügte er hinzu und sah sie an.

„Bewegen Sie Ihren Kopf nicht“, fuhr sie ihn in einer Weise an, die keine sittsame junge Dame je anwenden würde. Aber eine sittsame junge Dame würde auch nie einen wildfremden Mann darum bitten, sich für sie auszuziehen. Er musste zugeben, dass er ihren Mangel an Korrektheit bewunderte.

„Ich bin keine sittsame junge Dame, war nie eine und hoffe, auch niemals eine zu werden.“

„Bravo. Ich bin sicher, die Welt wäre besser, wenn nur mehr junge Damen lockerer wären.“

Das Kratzen des Bleistifts wurde wieder unterbrochen, und er hoffte, er hatte sie mit seiner ein wenig respektlosen Bemerkung nicht gekränkt.

„Die Welt wäre besser, wenn Männer den Frauen erlauben würden, sich zu verhalten, wie sie wollen, und nicht auf eine Weise, die aus ihnen lediglich eine gute Ehefrau macht.“ Der Hohn, mit dem sie das Wort „gut“ bedachte, hing in der Luft wie ein bitterer Vorwurf.

Auch dieser Bemerkung konnte Joshua von ganzem Herzen beipflichten. Seine reizende, liebenswürdige Mutter wäre gewiss sehr viel glücklicher gewesen, wenn man sie nicht von Geburt an allein für den Zweck trainiert hätte, eine gute Gattin abzugeben. Sie hätte die Freiheit haben müssen, zu leben, wie es ihr gefiel, und mit einem Mann, den sie liebte, statt sich mit seinem Vater verkuppeln zu lassen, den ihre Familie ausgewählt hatte, weil er eine angemessene gesellschaftliche Stellung und Reichtum aufweisen konnte, während sie die Augen vor seinen Frauengeschichten, seiner Spielleidenschaft und anderen Ausschweifungen verschloss.

„Das tut mir leid“, wiederholte er und entschuldigte sich für alles, was seine Mutter hatte durchmachen müssen, und für jede Frau, die auf ähnliche Weise gelitten hatte.

„Es ist wohl kaum Ihre Schuld“, sagte sie.

Das stimmte, aber er konnte nicht anders, als sich für das Schicksal aller Frauen wie seiner Mutter verantwortlich zu fühlen – für Debütantinnen wie Lady Gwendolyn, die alles opfern würde, um eine Duchess zu werden, und für all die übrigen jungen Damen, die ihn eine Saison nach der anderen jagten, ohne zu ahnen, was für ein elendes Leben sie erwarten würde, sollte es ihnen wirklich gelingen, ihn in die Ehefalle zu locken.

„Bitte stehen Sie gerader“, befahl sie.

Er tat es hastig. Ihm war nicht aufgefallen, dass er bei solch bedrückenden Gedanken angefangen hatte, die Schultern hängen zu lassen. „Ich vermute, Sie selbst haben nicht die Absicht, eine gute Ehefrau zu werden.“

Sie schnaubte lediglich missbilligend.

Ohne den Kopf zu bewegen, sah er sie aus dem Augenwinkel an. Dieses Schnauben deutete auf mehr als Missbilligung. Joshua ahnte, dass eine persönliche Geschichte hinter dem Zynismus dieser jungen Dame stecken musste.

„Nein, ich habe nicht die Absicht, eine Ehefrau zu werden, weder eine gute noch sonst irgendeine“, erwiderte sie bitter.

Er hoffte, sie war von keinem Mann verletzt worden, sodass sie zynisch geworden war, aber irgendetwas hatte ihr offensichtlich die Augen darüber geöffnet, wie eine Ehe aussehen konnte. Er wünschte nur, alle jungen Damen wären so vernünftig, allein schon weil es ihm das Leben sehr erleichtern würde.

„Madeline sagte, Sie selbst führen auch ein recht unkonventionelles Leben“, fuhr sie fort.

Er wollte schon nicken, erinnerte sich aber noch rechtzeitig daran, dass es ihr nicht gefiel, wenn er sich bewegte.

„Ich würde es nicht unkonventionell nennen. Ich habe nur gern Spaß und versuche, Verantwortung zu vermeiden, wann immer möglich.“ Es klang wie ein recht trauriges Zeugnis seines Lebens, aber wenn man ein enormes Vermögen und einen Titel besaß und nichts zu tun hatte, was blieb einem dann übrig, als sich unaufhörlich sinnlosen Vergnügungen hinzugeben?

„Es erstaunt mich, dass Sie Ihr Leben so beschreiben. Madeline redet von Ihnen in den höchsten Tönen, aber das war wohl zu erwarten, nehme ich an.“

Joshua wunderte sich, dass irgendjemand von ihm in den höchsten Tönen reden konnte. Vielleicht hatte er ja auf die Dame auf seinem Schoß einen unerklärlich guten Eindruck gemacht. Er konnte nicht verstehen, wie sie diese falsche Information an ihre Freundin weitergeleitet hatte, aber in jedem Fall musste er sie korrigieren. Schließlich hatte er nicht den Wunsch, jemanden zu täuschen, am allerwenigsten diese junge Dame.

„Es tut mir leid. Meine Erinnerungen an die gestrige Nacht sind ein wenig verschwommen, und es wäre mir sehr unangenehm, falls Sie oder Madeline den falschen Eindruck von mir bekämen. Die Tatsache, dass ich mich wirklich nicht einmal mehr entsinnen kann, wer Madeline ist oder was ich zu ihr sagte, beweist, dass ich nicht der Mann bin, für den sie mich hält.“

Das Kratzen ihres Stifts hörte auf. Alles war plötzlich still im Raum. Sie starrte ihn an und sah alles andere als glücklich aus. Tatsächlich spiegelte ihre finstere Miene mehr Gefühle wider, als er benennen konnte.

„Madeline ist Ihre Schwester“, sagte sie leise. „Sie schickte Sie nach Devon, um für mich Modell zu sitzen.“

„Aha“, konnte er nur erwidern. Jetzt ergab alles endlich einen Sinn. Er war der falsche Joshua. Er hatte keine Abmachung mit der vergessenen Madeline getroffen. Diese junge Frau hatte nicht ihn hierher eingeladen oder ihn gebeten, sich auszuziehen. Sie wollte, dass der andere Joshua all das tat. Und wenn er es recht bedachte, ergab auch das Sinn. Doch nach der Nacht, die er hinter sich hatte und an die er sich nicht erinnern konnte, ergab nicht vieles Sinn, und somit war sein Fehler vielleicht verständlich.

Er gab seine Pose auf und wandte sich lächelnd an sie. „Ich glaube, es handelt sich um einen recht amüsanten Irrtum, der auch Sie zum Lachen bringen wird, da bin ich sicher.“ Er war alles andere als sicher, konnte aber nur hoffen, dass sie über ungewöhnlich viel Humor verfügte.

„Wer sind Sie?“, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Offenbar verfügte sie über keinen Funken Humor.

Er trat vor und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich heiße Joshua Huntingdon, Duke of Redcliff. Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Fairfax.“

„Gehen Sie“, zischte sie, noch immer mit zusammengebissenen Zähnen. „Verschwinden Sie!“ Und sie griff nach allem, was in Reichweite lag.

Joshua hatte diesen Blick schon vorher gesehen und wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, vernünftig mit ihr zu reden. Stattdessen packte er also seine Kleidung und schlüpfte, so schnell er konnte, in seine Hose, doch nicht bevor ein wahrer Hagel an scharfen Bleistiften, Malpinseln, hölzernen Paletten und weiß der Himmel, was sonst noch, in seine Richtung geflogen kam.

3. KAPITEL

Irene starrte zu der Tür, durch die der Duke hastig gesprungen war. Wie in aller Welt war das geschehen? Sie dachte verwirrt an ihr Zusammentreffen am Bahnsteig zurück. Hatte er sich vorgestellt? Hatte er ihr gesagt, dass er Joshua hieße? Sie war sicher, dass er das getan hatte.

Sie erinnerte sich nicht, dass er erwähnt hätte, er sei der Duke of Redcliff. Wenn er es getan hätte, wäre es ihr Fehler gewesen. Und warum war ein Duke überhaupt in einem solchen Aufzug? War er verkleidet? Versteckte er sich vor irgendjemandem? Was für Gründe er auch für seine List haben mochte, Irene war sicher, dass es sehr anrüchige sein mussten.

Alles an ihm war anrüchig. Nur ein unehrenhafter Mann würde einer Frau, der er noch nie vorher begegnet war, erlauben, ihn zu sich nach Hause zu führen, ohne ihr auch nur eine Frage zu stellen.

Sie legte die Hände an die glühenden Wangen. Und nur ein Mann, der übler sogar als unehrenhaft war, würde sich am Ende dann auch noch ausziehen und nackt vor ihr posieren, ohne eine einzige Frage zu stellen. In dem Moment musste er doch spätestens erkannt haben, dass es sich um einen Irrtum handelte. Oder wurde er häufig von wildfremden Frauen angesprochen und gebeten, sich vollständig auszuziehen? Es war einfach zu demütigend.

Tief einatmend schlang sie die Arme um sich. Sie hatte nichts Falsches getan. Das war das Einzige, was zählte. Sie hatte einfach einen Fehler begangen, der jedem hätte passieren können. Er war genauso gekleidet gewesen, wie sie es von einem armen Kunststudenten erwartet hätte. Er reiste dritter Klasse und glich der Beschreibung, die Madeline ihr gegeben hatte – hochgewachsen, gut aussehend, mit blondem Haar und braunen Augen. Und um alles noch zu schlimmer zu machen, er hieß tatsächlich Joshua.

Nein, sie hatte nichts Falsches getan. Sie brauchte sich nichts vorzuwerfen – abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass sie einen wildfremden Mann zu sich nach Hause geführt und ihn dazu aufgefordert hatte, sich splitterfasernackt vor ihr auszuziehen.

Wieder zuckte sie zusammen und sah auf ihre Zeichnung. Aber er gab wirklich einen unvergleichlichen David ab. Dieses zerzauste Haar, die sinnlichen Lippen und der hinreißend muskulöse Körper – ihn zu skizzieren war ein endlich in Erfüllung gegangener Traum. Und wenn sie aufrichtig sein wollte, war es genauso aufregend gewesen, ihn anzusehen.

Immer noch betrachtete sie stirnrunzelnd die Skizze und hörte erst, dass Hetty, ihr Mädchen für alles, hereinkam, als sie das Atelier bereits betreten hatte.

„Guten Morgen, Miss“, begrüßte sie sie fröhlich. „Ich habe gerade etwas wirklich Merkwürdiges gesehen. Der Duke of Redcliff schlenderte im seltsamsten Aufzug, den Sie sich denken können, die Straße entlang, als wäre er irgendein verarmter Lohnarbeiter.“

Irene versuchte, ihre Skizze zu bedecken, aber es war bereits zu spät. Hetty stand hinter ihr, neugierig auf ihr neuestes Werk.

Für gewöhnlich zeigte Irene der Zofe nur allzu gern, was sie gezeichnet hatte. Aber nicht heute.

„Oh, du lieber Himmel. Oh … du … lieber … Himmel“, sagte Hetty und pfiff leise. „Ich habe mich schon oft gefragt, wie er wohl ohne seine Klamotten aussieht. Wahrscheinlich bin ich eine der wenigen Frauen, die ihn nicht im Adamskostüm gesehen haben, aber jetzt weiß ich, was mir entgangen ist. Tatsächlich viel besser, als ich mir vorgestellt habe.“

„Ich glaube, ich habe dir gesagt, dass ich noch Aktzeichnungen für mein Portfolio brauche“, murmelte Irene und wünschte, ihre Wangen würden sich nicht mehr so heiß anfühlen. „Und der Duke war so freundlich zu helfen.“

„Das überrascht mich nicht, dass er bereit war, für Sie Modell zu sitzen. Er ist ein ganz schöner Schlawiner, das können Sie mir glauben.“

Während sie die Zeichnung anstarrte, nahm Hettys Gesicht den Ausdruck an, den sie immer bekam, wenn sie im Begriff war, eine schöne Klatschgeschichte zum Besten zu geben. Irene ließ ihre Zofe nur selten gewähren, da sie weder die Zeit hatte noch Interesse an den jüngsten Geschehnissen des Dorfes. Aber heute konnte sie nicht widerstehen. Sie wollte mehr über den Mann erfahren, der ihr Haus unter Vorspiegelung falscher Tatsachen betreten und sich dann unbekümmert vor ihr ausgezogen hatte.

„Was meinst du damit?“ Irene versuchte, so gleichgültig wie möglich zu klingen.

„Nun ja, er ist ganz der Vater. Der alte Duke war ein sauberes Früchtchen, das können Sie mir glauben.“ Hetty schüttelte scheinbar missbilligend den Kopf, wenn ihr fröhliches Lächeln auch das genaue Gegenteil ausdrückte. „Ich bin zu gut erzogen, um in Einzelheiten zu gehen, aber lassen Sie mich bloß sagen, dass es in diesem Dorf nicht wenige Kinder gibt, die dem Vater des Dukes frappierend ähnlich sehen, wenn Sie verstehen, was ich meine“, fuhr Hetty fort, die offensichtlich allmählich in Fahrt kam. „Und die Geschichten, die einige der Dienstmädchen darüber erzählen, was alles im großen Haus und in seinem Stadthaus in London vor sich ging – da würden Sie bestimmt eine Gänsehaut kriegen. Und die arme Duchess.“ Sie schüttelte dramatisch den Kopf. „Sie war eine so liebe Frau und eine solche Märtyrerin mit dem alten Bock von Duke, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“

„Und was ist mit dem Sohn?“ Irene wusste nicht genau, weswegen sie sich überhaupt die Mühe machte zu fragen. Allein die Tatsache, dass er einer Fremden in ihr Cottage gefolgt war und sich dann ausgezogen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, sprach doch schon Bände über seinen Charakter.

„Nun, über ihn hat die Dienerschaft nichts Schlechtes zu berichten – jedenfalls nicht in seiner Eigenschaft als Herr“, antwortete Hetty. „Er zahlt immer gut, und keiner von ihnen wird überstrapaziert wie so viele andere, die in den großen Häusern arbeiten. Und er jagt auch keins der Dienstmädchen, wie es der alte Duke immer getan hat. Aber sie wissen interessante Dinge über sein Benehmen in London zu berichten und die jungen Damen, die manchmal zu Gast bei ihm sind. Sie sagen, es hätte keinen Zweck, sich den Namen der jüngsten seiner Eroberungen zu merken, weil er sie so schnell mit der nächsten austauscht.“

Hetty lächelte, den Blick noch immer auf die Skizze geheftet. „Man muss aber jene jungen Damen in gewisser Weise beneiden, oder?“ Sie zwinkerte Irene zu. „Sieht so aus, als hätten Sie auch Spaß gehabt.“

„Das ist Kunst“, sagte Irene in einem entschieden hochtrabenden Ton. „Er ist nicht mehr als eine Kombination aus Licht und Form. Wenn man eine Aktzeichnung anfertigt, sieht man die Person selbst kaum.“ Lügnerin. Sie erkannte an den unsicheren Strichen ihrer Skizze, wann sie den nackten Mann ganz eindeutig gesehen und sich bemüht hatte, ihre Reaktionen in den Griff zu bekommen. „Es unterscheidet sich in nichts von dem Zeichnen einer Obstschale.“

„Und was für ansehnliches Obst es doch ist“, scherzte Hetty lachend.

Irene warf ihr einen missbilligenden Blick zu. Sie hatte immer eine freundliche, lockere Beziehung zu ihrer Zofe aufrechterhalten, als wären sie ebenbürtig, weil ihr die hochfahrende Weise, mit der manche Leute ihre Dienerschaft behandelten, nicht gefiel. Aber jetzt fragte sie sich, ob das nicht ein Fehler gewesen war.

„Verzeihung, Miss“, sagte Hetty, die Irenes veränderte Stimmung spürte. „Ich mache mich dann jetzt an die Arbeit.“

Ein Anflug von Reue ließ Irene einlenken. „Danke, Hetty. Ach, und vielleicht wäre es besser, wenn du niemandem davon erzählst, dass der Duke für mich Modell gestanden hat.“

„Natürlich nicht, Miss“, meinte Hetty, bevor sie sich in die Küche zurückzog.

Irene war allerdings nicht so ganz sicher, dass es Hetty gelingen würde, eine so saftige Geschichte für sich zu behalten, aber sie konnte wenigstens hoffen. Sie hatte wenig mit den Dorfbewohnern zu tun, würde es aber vorziehen, nicht für eine weitere Frau gehalten zu werden, die so kurz zum Leben des Dukes gehörte, dass es sich nicht lohnte, sich ihren Namen zu merken.

Den Blick wieder auf die Skizze gerichtet, versuchte sie sich zu erinnern, ob sie dem Duke jemals zuvor begegnet war. In den vergangenen fünf Saisons hatte sie an mehr Bällen und Gesellschaften teilgenommen, als sie je in Erinnerung behalten wollte, aber sie hatte den Duke of Redcliff nie getroffen. Allerdings kam ihr sein Name ein wenig bekannt vor, denn er war im Zusammenhang mit jenen schwer fassbaren Dukes erwähnt worden, die jede kupplerische Mama und ehrgeizige Debütantin für sich gewinnen wollte. Es handelte sich um Klatsch, dem Irene selten Aufmerksamkeit schenkte. Und warum sollte sie auch? Sie war nicht auf der Suche nach einem Ehemann und interessierte sich ganz gewiss nicht dafür, sich zu den jungen Damen zu gesellen, die einen Mann mit Titel begehrten.

Warum Frauen an solch ausschweifenden Männern gelegen war, würde sie nie verstehen. Sie stieß einen langen Seufzer aus. Wem machte sie etwas vor? Sie wusste sehr gut, warum. Weil sie ahnungslose, unschuldige Mädchen waren und sich weigerten, die Wirklichkeit zu sehen. Genauso wie sie, bevor Edwin Fitzgibbon ihr die Augen geöffnet hatte.

Bis dahin war sie nicht nur blind gewesen, sondern auch dumm. Es war kaum zu glauben, dass sie je so naiv hatte sein können, sich vom guten Aussehen, dem Charme und der gesellschaftlichen Position eines Mannes blenden zu lassen, ohne dessen finsteren Charakter hinter der angenehmen Fassade wahrzunehmen. Bis es zu spät war.

Ein kleiner Schauder überlief sie. Und der Duke of Redcliff war genau wie Edwin. Aber sie war nicht mehr jene unschuldige junge Frau, die ihre erste Saison erlebte. Sie würde sich nie wieder von den Aufmerksamkeiten eines Mannes geschmeichelt fühlen oder jedem seiner verlogenen süßen Worte Glauben schenken.

Als Hetty sein Verhalten beschrieben hatte, hätte sie genauso gut von Edwin reden können. Auch er führte ein anrüchiges Leben, von dem Irene nichts gewusst hatte.

Der Duke schien wenigstens nicht darauf bedacht zu sein, seine anrüchige Seite zu verstecken. Im Gegensatz zu Edwin, der vorgab, ach so ehrenwert zu sein, während er den guten Ruf vieler Frauen ruinierte und eine verheerende Wirkung auf die Herzen junger Mädchen ausübte.

Sie nahm die Skizze von der Staffelei herunter. Ja, das war immerhin ein Punkt, der für ihn sprach, aber nur dieser eine. Nach allem, was Hetty gesagt und was auch sie selbst beobachtet hatte, verwandelte ihn die Tatsache, dass er ein ehrlicher Wüstling war, wohl kaum in einen Mann von Charakter. Solange er also in Seaton blieb, war es besser für sie, ihm aus dem Weg zu gehen.

Als sie die Skizze mit der Zeichnung zur Wand abstellte, kam ihr ein fürchterlicher Gedanke. Wenn der Duke der falsche Joshua war, was war dann aus dem echten geworden? Hatte sie den armen Mann, der so freundlich angeboten hatte, seine Zeit zu opfern, um ihr zu helfen, auf dem Bahnhof zurückgelassen?

Eilig lief sie zur Tür, griff nach Hut und Mantel und rief Hetty zu, dass sie für wenige Minuten ausgehen müsse.

Gerade als sie die Tür erreichte, wurde von außen der Klopfer betätigt, und Irene öffnete sie – natürlich in der Hoffnung, es sei diesmal der echte Joshua. Schon suchte sie nach angemessenen Worten, um sich bei ihm zu entschuldigen.

Doch vor ihr stand ein junger Mann in der eleganten Uniform des Telegrammdienstes. Mit einer Hand hielt er sein glänzendes schwarzes Fahrrad fest, und mit der anderen hielt er Irene einen Umschlag hin.

„Telegramm für Miss Irene Fairfax“, sagte er und schien sich seiner Bedeutung als öffentliche Figur nur allzu bewusst zu sein.

Irene dankte ihm, öffnete das Telegramm hastig und überflog die Worte. Das Geheimnis war kein Geheimnis mehr. Der echte Joshua hatte London nicht verlassen. Da ein Telegramm sehr teuer war, ging Madeline in keine Einzelheiten, sondern entschuldigte sich nur, ohne eine Erklärung abzugeben.

Also blieb Irene nur, dem Boten ein Trinkgeld zu geben und erleichtert aufzuatmen. Wenigstens würde sie Madeline und ihrem Bruder diesen peinlichen Fehler nicht zu erklären brauchen. Andererseits bedeutete es, dass sie jetzt kein Akt- Modell mehr hatte.

Wieder in ihrem Atelier angekommen, griff sie nach der Skizze und stellte sie auf die Staffelei. So ärgerlich es auch war, er gab wirklich einen vollkommenen David ab.

Vielleicht sollte sie über die bedauerliche Weise hinwegsehen, wie es dazu gekommen war, dass er für sie Modell stand. Schließlich war sie eine ernsthafte Künstlerin, und ernsthafte Künstler konzentrierten sich auf ihre Kunst. Sie ließen sich nicht von den Trivialitäten des Lebens ablenken, und der Duke war genau das, eine Trivialität, nicht mehr als eine Requisite. Er hatte gesagt, er wäre gern dazu bereit, weiterhin für sie Modell zu stehen, und sie brauchte ein Modell. Ihr Blick schweifte über seinen Körper. Wie sie Hetty gesagt hatte, war es ihr nicht wichtig, wer das Modell war – er war nur eine Kombination aus Licht und Form und nicht anders als eine Obstschale. Aber falls sie ihn tatsächlich bat, für sie zu arbeiten, würde sie in der Lage sein, Hettys Bemerkung zu ignorieren – was für ansehnliches Obst es doch sei?

Er hätte es nicht tun dürfen. Er hätte es auf keinen Fall tun dürfen. Im Innersten musste er gewusst haben, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Er hätte die Anzeichen dafür nicht übersehen dürfen. Im Gegensatz zu Madeline, die jetzt möglicherweise doch wieder eine Maisie oder eine Minnie war, gehörte Miss Fairfax offensichtlich nicht zu der Sorte von Frauen, die einen Mann beiläufig dazu aufforderte, seine Kleidung abzulegen. Doch obwohl er wusste, dass es falsch war, konnte Joshua nicht anders als gedankenverloren zu lächeln, während er die Landstraße entlangging, die ihn zu seinem Gut bringen würde.

Es war sicherlich ein interessanter und amüsanter Tag gewesen, und er pfiff eine Melodie vor sich hin, die er irgendwo gehört hatte – vielleicht in einem Varietétheater –, schlenderte neben den Hecken entlang und dachte weiter an die reizende Miss Irene Fairfax.

Sie war nicht sein bevorzugter Typ. Tatsächlich war sie trotz ihrer unkonventionellen Art und der heutigen recht außergewöhnlichen Begegnung genau die Art von Frau, der er aus dem Weg ging. Jene Geschosse, die in seine Richtung abgefeuert worden waren, als sie ihren Fehler erkannt hatte, hatten ihn gerade noch rechtzeitig daran erinnert. Die Frau, die er bevorzugte, liebte es genauso wie er, Spaß zu haben. Keine Bindungen, keine Erwartungen und eine völlige Missachtung der gesellschaftlichen Normen – nur zu den Frauen, die das verstanden, fühlte er sich hingezogen.

Künstlerinnen hatten den Ruf, ein freies Leben zu führen, und ein, zwei davon hatte er in der Vergangenheit kennengelernt, doch Miss Irene Fairfax war ganz offensichtlich nicht wie sie. Sie war keine junge Dame, mit der man leichtfertig umgehen konnte. Dazu war sie viel zu leidenschaftlich, viel zu gefühlvoll und, Gott sei Dank, vernünftig genug, ihn aus dem Cottage zu werfen, sobald sie erkannt hatte, was für eine Sorte Mann er war.

Sie mochte ja verlockend sein – nein, sie war verlockend –, aber manchmal ließ man sich besser nicht auf eine Verlockung ein. Falls Miss Fairfax je einen Mann brauchen sollte, so würde es ein ernsthafter Mann sein, der einen Zweck in seinem Leben verfolgte und über ebenso viel Leidenschaft verfügte wie sie. Kein Mann wie Joshua.

Plötzlich hallte die Stimme seines Vaters in seinen Ohren wider. „Du und ich, wir können uns glücklich schätzen, mein Sohn“, hatte er öfter gesagt, als Joshua zählen konnte. Meist mit einem herzlichen Klopfen auf den Rücken. „Wir haben Geld, wir haben eine wichtige Position, und es wird dafür nur von uns erwartet, Spaß zu haben.“ Für gewöhnlich hatte er ihm noch lüstern zugezwinkert. „Selbst wenn wir so hässlich wären wie die Sünde und strohdumm wie ein Esel, würden die Damen uns dennoch lieben und mehr als begierig darauf sein zu tun, was wir von ihnen verlangen. Du wirst es selbst feststellen, sobald du Duke bist, wie viel Spaß jene jungen Damen einem bereiten können.“

Was sein Leben anging, wurde von Joshua nur eins erwartet – sich so gut zu unterhalten, wie er nur konnte. Und was Frauen anging, hatte sein Vater ihn immer dazu ermutigt, sich die Hörner abzustoßen, so oft und wo immer er wollte. Und dann erwartete man von ihm, dass er eine süße, unschuldige junge Dame aus guter Familie zu seiner Duchess machte und mit ihr den nächsten Erben zeugte.

Mehr nicht. So sah Joshuas Leben aus, und bisher hatte er die Erwartungen seines Vaters erfüllt und sich überall im Land die Hörner abgestoßen. Nur in einem würde er den alten Duke enttäuschen. Es würde keine unschuldige junge Dame geben, die auf dem Altar der Ehe geopfert und die nächste Duchess of Redcliff werden würde.

Er blieb stehen und presste die Lippen zusammen, wie er es oft tat, wenn er an seinen Vater dachte. Die Erinnerung an andere Gespräche mit ihm schoss ihm durch den Kopf. Der alte Duke hatte damit geprahlt, dass er nie wieder etwas mit seiner Braut zu tun zu haben bräuchte, sobald der Erbe erst einmal gezeugt worden war.

Keinen Moment lang schien seinem Vater der Gedanke gekommen zu sein, dass Joshua gekränkt sein könnte, wenn er ihn so über seine Mutter reden hörte. Der alte Herr hatte offensichtlich nichts Falsches an der Art und Weise gesehen, wie er seine Frau behandelte. Sie sollte offenbar so froh darüber sein, eine Duchess zu sein, dass sie sich zufrieden damit abfinden würde, auf dem Land zurückgelassen und vernachlässigt zu werden, während man ihren Mann in London in der Gesellschaft einer nicht endenden Reihe von Geliebten zu sehen bekam.

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Autor

Elizabeth Beacon

Das ganze Leben lang war Elizabeth Beacon auf der Suche nach einer Tätigkeit, in der sie ihre Leidenschaft für Geschichte und Romane vereinbaren konnte. Letztendlich wurde sie fündig. Doch zunächst entwickelte sie eine verbotenen Liebe zu Georgette Heyer`s wundervollen Regency Liebesromanen, welche sie während der naturwissenschaftlichen Schulstunden heimlich las. Dies...

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