Julia Ärzte zum Verlieben Band 221

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ZWEI HERZEN AUF HAWAII von KATE HARDY

Auf der Party für die neuen Ärzte am Honolulu General Medical Center hilft Dr. Guy Sanders einer unbekannten Schönen aus einer peinlichen Lage heraus. Joanne entpuppt sich als seine neue Kollegin, und es knistert immer stärker zwischen ihnen. Aber er hat der Liebe abgeschworen …

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  • Erscheinungstag 19.09.2026
  • Bandnummer 221
  • ISBN / Artikelnummer 8031260221
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Kate Hardy, Traci Douglass, Susan Carlisle

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 221

Kate Hardy

1. KAPITEL

Hawaii: lange weiße Sandstrände, türkisblaues Meer, Surfer und Palmen. Wunderschöne Blumenketten und Hula tanzen. Tropische Brisen, Schildkröten und Vulkane.

Joanne konnte die Landung ihres Flugzeugs in Honolulu kaum erwarten. Das Allerbeste an der Tatsache, auf Hawaii zu sein, war jedoch, mit Jamie Robertson, ihrem besten Kumpel, im selben Krankenhaus arbeiten zu können – zum ersten Mal seit ihrem gemeinsamen Medizinstudium in Sheffield, das sie vor sechs Jahren abgeschlossen hatten.

Sie hatte das Angebot, ein Jahr am Honolulu General Medical Center zu arbeiten, entdeckt und sofort alles in die Wege geleitet, bevor sie Jamie den Link geschickt hatte. Zuerst hatte Jamie in der Notaufnahme gearbeitet, sich aber schon bald entschlossen, Facharzt für Tropenmedizin zu werden. Ein Arbeitsplatz in den Tropen drängte sich also förmlich auf.

Joanne hatte Jamie erzählt, sie habe sich als Kardiologin beworben, und ihm den Wechsel nach Honolulu schmackhaft gemacht. „Sonnenschein pur, du kannst beim Surfen grellbunte Surfanzüge tragen. Von den Wellen dort kannst du hier nur träumen.“

Sie wusste, dass Jamie den Arbeitsplatz wechseln wollte. Nicht nur, weil er die Gelegenheit nutzen wollte, sich auf seinem Fachgebiet weiterzubilden, sondern auch, um mit sehr belastenden Vorkommnissen in seinem Leben endgültig abzuschließen.

Nicht nur die Zusammenarbeit mit Jamie reizte Joanne, Hawaii stand auch seit Jahren auf ihrer Bucketlist.

„Du kannst Mauna Loa und Kilauea besichtigen“, schwärmte sie.

Bei Mauna Loa handelte es sich um den weltweit größten Vulkan, Kilauea war der aktivste Vulkan der Welt.

Joannes Großmutter war Grundschullehrerin gewesen und hatte in Joanne schon im Vorschulalter die Faszination für Vulkane geweckt und ihr sogar dabei geholfen, einen eigenen Vulkan aus Lehm zu bauen, rote Farbpigmente mit Natriumbikarbonat zu mischen, Essig hinzuzufügen, in den Lehmkegel zu gießen und eigene Lava zu produzieren, die sich über den Vulkanrand ergoss. Joanne hatte dieses Experiment geliebt. Leider hatte ihr Vater den Vulkan in betrunkenem Zustand an die Wand geworfen, und ihre Mutter hatte die Scherben entsorgt.

Jetzt war Joanne allerdings keine verängstigte Fünfjährige mehr.

Ihre Großeltern hatten sie damals wenige Wochen nach dem Vorfall zu sich genommen, als ihnen klar geworden war, wie katastrophal die Lage in Joannes Elternhaus tatsächlich war. Joannes Mutter hatte noch versucht, den Vorfall unter den Teppich zu kehren, doch Joannes Großeltern ließen sich nicht länger täuschen, erwirkten einen Gerichtsbeschluss, der Joanne unter ihre Vormundschaft stellte, zogen ihre Enkelin liebevoll auf und sorgten dafür, dass sie sicher und wohlbehalten aufwachsen konnte.

Die Großeltern hatten sie zu Besuchen bei den Eltern begleitet und Joannes Tränen getrocknet, wenn sie mal wieder von ihren Eltern versetzt worden war. Wie zum Beispiel, als sie fest versprochen hatten, zum in Joannes Schule stattfindenden Krippenspiel zu kommen. Doch wie immer tauchten sie nicht auf. Nicht einmal eine Glückwunschkarte zum Geburtstag hatten sie ihrer Tochter geschickt.

Als Joanne vierzehn geworden war, hatte sie mit Unterstützung ihrer Großeltern eine Kontaktsperre zu ihren Eltern erwirkt. Sie war zu oft enttäuscht worden und hatte einsehen müssen, dass für ihre Eltern Alkohol an erster Stelle stand.

Eigentlich hatte sie sich zum Ziel gesetzt, Vulkanologin zu werden. Dann war bei ihrem Großvater jedoch Vorhofflimmern aufgetreten. Da war sie sechzehn Jahre alt gewesen. Statt Vulkanologin hatte sie nun Kardiologin werden wollen, nicht zuletzt, um anderen Familien die Sorge um einen geliebten Menschen mit Herzproblemen zu ersparen. Sie hatte schon immer gute Noten nach Hause gebracht und wurde nach dem Abitur direkt zum Medizinstudium in Sheffield zugelassen.

Bereits am ersten Studientag hatte sie Jamie kennengelernt. Er belegte im Studentenwohnheim das Zimmer neben ihr und hatte spontan an ihre Tür geklopft. So war Jamie Robertson, spontan und witzig, während Joanne eher der nachdenkliche, ernste Typ war. Jamie war verrückt nach Kuchen. Joanne backte gern, um Stress abzubauen. Sie ergänzten sich prima und wurden sofort beste Freunde.

Ihre Kommilitonen nahmen ihnen nicht ab, dass ihre Freundschaft rein platonisch war. So etwas existiere nicht zwischen Mann und Frau, behaupteten sie. Doch sie irrten sich. Bis zum heutigen Tag waren sie und Jamie beste Freunde. Für Joanne war er der Zwillingsbruder, den sie nie gehabt hatte. Richtige Eltern hatte sie auch nicht gehabt. Dafür aber Großeltern, die ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. Ihre Großmutter hatte sie bestärkt, ein Jahr auf Hawaii zu arbeiten, auch wenn das hieß, dass sie Joanne ein ganzes Jahr lang nicht sehen würde.

„Lass dir das nicht entgehen“, hatte ihre Großmutter sie ermuntert. „Dann kannst du uns Fotos von dem unglaublich blauen Ozean und den Vulkanen schicken. Genieß die warmen Winde und den Duft der exotischen Blüten.“

„Ich bin zum Arbeiten dort, Gran.“

„Aber nicht rund um die Uhr. In deiner Freizeit kannst du Spaß haben.“ Ihre Großmutter hatte ihr vergnügt zugezwinkert. „Und wer weiß? Vielleicht wird dir und Jamie bei den romantischen Sonnenuntergängen bewusst, dass ihr doch mehr füreinander empfindet als nur Freundschaft.“

„Ganz bestimmt nicht, Gran. Wir sind und bleiben gute Freunde.“

Als Joanne jetzt aus dem Fenster sah und einen Blick nach unten warf, fragte sie sich, ob an den Worten ihrer Großmutter etwas dran war. Hawaii machte tatsächlich einen unglaublich romantischen Eindruck, mit seinen Vulkanen, die aus dem unfassbar blauen Meer ragten. Städte schmiegten sich an Buchten, die vulkanischen Felsen lagen unter einer saftig grünen Dschungellandschaft verborgen.

Nun begann der Sinkflug. Sie näherten sich Honolulu. Fasziniert betrachtete Joanne den Krater von Diamond Head. Er sah genauso aus wie die Vulkane, die sie als Kind gezeichnet hatte, nur dass im Zentrum Pflanzen wuchsen und keine Lava brodelte. Breite Sandstrände erstreckten sich entlang türkisblauen Wassers. Die weiß und silbern schimmernden Wolkenkratzer der Stadt weckten Joannes Aufmerksamkeit. Fast hatte es auf einmal den Anschein, als würde der Jet auf dem Meer aufsetzen, denn die Landebahn verlief parallel dazu.

Ihr Traum von Hawaii wurde vollends Wirklichkeit, als sie beim Verlassen des Flugzeugs die warme, nach exotischen Blüten duftende Brise einatmete.

Endlich war sie in dem tropischen Paradies gelandet, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte.

Kaum hatte sie ihr Handy wieder eingeschaltet, um ihren Großeltern und Jamie schnell mitzuteilen, dass sie heil gelandet war, da piepte das Telefon. Eine Nachricht von Jamie.

Willkommen auf Hawaii! Ich hoffe, du hattest einen angenehmen Flug. Willkommensumtrunk für die neuen Ärzte im Pirate and Spear heute Abend. Komme direkt von der Arbeit dorthin. Wir sehen uns dort. J x

In einer zweiten SMS teilte er ihr die Anschrift des Pubs mit und dass Freizeitkleidung erwünscht sei. Es folgte noch eine dritte Nachricht. Jamie schrieb, er habe den Concierge ihres Apartmentblocks überredet, ihn kurz in die Wohnung zu lassen, damit er ihr Kaffee und Lebensmittel in die Küche stellen konnte, um ihr gleich nach der Ankunft Einkaufsstress zu ersparen.

Joanne lächelte gerührt. Genau das hätte sie auch für Jamie getan.

Sie nahm ihr Gepäck vom Band, durchquerte den Zollbereich und stieg dann in ein Taxi, das sie zu dem Apartmentblock in der Nähe der Klinik brachte. Dort hatte sie eine kleine Wohnung in der dritten Etage gemietet. Tatsächlich war die sogar noch kleiner als ihr Apartment in London. Am Ende des Wohnzimmers befand sich eine winzige Küche. Dazu gab es noch ein Bad und ein Schlafzimmer. Da sie die meiste Zeit sowieso in der Klinik verbringen oder Oahu erkunden würde, machte es Joanne nichts aus, so beengt wohnen zu müssen.

Vor der Granitarbeitsfläche in der Küche standen vier Frühstückshocker auf dem gefliesten Boden. Jamie hatte eine Obstschale mit Ananas, Guave, Papaya und Drachenfrucht gefüllt. Im Kühlschrank fand Joanne Milch, Butter, Käse und Tomaten. Neben dem Wasserkocher auf der Arbeitsfläche entdeckte sie ein Paket frisch gemahlenen Kaffee, ein Laib Brot und ananasförmige Mürbeteigplätzchen.

Nachdem sie Kaffeewasser aufgesetzt hatte, erkundete sie den Rest der Wohnung.

Auf dem Parkettboden des Wohnzimmers lag mittig ein großer cremefarbener Teppich, der die Farbe des Sofas und zweier Sessel aufnahm. Vor dem Sofa befand sich ein Couchtisch aus hellem Holz. Durch Glasschiebetüren gelangte man auf den Balkon. Entzückt stellte Joanne fest, dass sie von hier aus die Berge sehen konnte und, wenn sie in die andere Richtung schaute, Palmen und den Ozean.

Sie schloss die Türen wieder und öffnete neugierig eine Tür am anderen Ende. Dahinter verbarg sich das Badezimmer. Durch die Tür daneben gelangte man ins Schlafzimmer.

Das Doppelbett machte einen bequemen Eindruck. Auch hier gab es Glasschiebetüren zum Balkon. Schränkte boten genügend Stauraum.

Bei einem Blick auf die Armbanduhr stellte Joanne fest, dass sie vor der Willkommensveranstaltung noch genug Zeit für ein erfrischendes Nickerchen hatte. Da sie fürchtete, sie könnte den Wecker ihres Handys überhören, weil die lange Anreise sie sehr erschöpft hatte, entschied sie sich jedoch dagegen. Stattdessen packte sie ihre Sachen aus, duschte, schlüpfte in ein hübsches Kleid, genoss in aller Ruhe einen Kaffee, zu dem sie sich ein Sandwich schmecken ließ, und machte sich auf den Weg zum Pirate and Spear. Die neuen Kollegen hätten sicher Verständnis dafür, dass sie nach dem langen Flug nicht lange bleiben würde – obwohl es Freitagabend war.

In der Willkommensmappe hatte Joanne auch die Nummern einiger Taxiunternehmen gefunden und sich eins für die Fahrt zum Pub bestellt.

Dort angekommen, fühlte sie sich wieder wie ein Erstsemester, das niemanden hier kannte. Sie setzte ein Lächeln auf und stellte sich den vielen Kollegen und Kolleginnen vor und machte Small Talk. Dabei versuchte sie, auch Informationen über Orte zu sammeln, die sie unbedingt besuchen musste. Allerdings war sie so erschöpft, dass sie gar nicht mehr aufnahmefähig war, und hoffte, nicht ständig denselben Leuten dieselben Fragen zu stellen.

Erleichtert atmete sie auf, als Jamie endlich eintraf, sie herzlich umarmte und ihr mit seinen blauen Augen vergnügt zuzwinkerte.

Schon fühlte sie sich viel behaglicher. Sie war hier unter Freunden, besser gesagt, unter Kollegen, zu denen eine Freundschaft entstehen konnte. Die köstlichen alkoholfreien Ananas-Kokosnuss-Cocktails brachten sie richtig in Stimmung. Eine Live-Band spielte die Musik, nach der sie schon immer gern getanzt hatte. Schon mischte Joanne sich unter die anderen Tanzenden und ging richtig aus sich heraus. Jamie meinte zwar, sie sollten mal kurz hinausgehen, doch sie schüttelte den Kopf. Sie kam jetzt ganz gut allein zurecht.

Noch ein Glas beschloss Guy. Dann hatte er wohl seine Pflicht getan, die Neuankömmlinge willkommen zu heißen. Und er hatte das seinem Bruder gegebene Versprechen eingelöst, Party zu machen und Spaß zu haben.

Ohne Beweisfoto würde Jordan ihm das allerdings nicht abnehmen. Also posierte Guy für ein Selfie, mit einem vollen Cocktailglas in der Hand, vor dem Hintergrund ausgelassen tanzender Kollegen und Kolleginnen. In der dämmrigen Beleuchtung würde seinem Bruder hoffentlich nicht auffallen, dass sein Lächeln aufgesetzt war.

Zufrieden schickte er Jordan unter dem Titel Hipahipa! das Selfie aufs Handy. Der reagierte sofort.

Freut mich, dass du dich amüsierst. Hipahipa?

Prost auf Hawaiisch.

Alles klar. Hoffe, du tanzt mit der bezaubernden Blondine.

Bezaubernde Blondine? Erstaunt betrachtete Guy das Selfie. Er war so darauf fokussiert gewesen, Jordan ein fröhliches Foto von sich zu schicken, dass er gar nicht auf die Frau im Hintergrund geachtet hatte.

Suchend ließ er den Blick über die Tanzfläche schweifen und entdeckte sie. In der Klinik hatte er sie noch nie gesehen. Und Jordan hatte recht: Sie sah bezaubernd aus. Guy wirbelte auf seinem Barhocker herum, um einen besseren Blick zu haben. Mit emporgereckten Armen und geschlossenen Augen tanzte die hinreißende Blondine selbstvergessen in der Mitte der Tanzfläche. Dieses strahlende Lächeln …

In diesem Moment schien alles andere in den Hintergrund zu rücken. Guy hatte das Gefühl, es gäbe nur noch sie beide. Die Blondine inmitten der bunten Lichtblitze und er. Unweigerlich fühlte er sich zu ihr hingezogen.

Energisch riss er sich zusammen. Schon gewannen der Lärm der vielen Menschen hier und die donnernden Bässe der Band wieder die Oberhand.

Vielleicht, simste er, obwohl es ihm fernlag zu tanzen.

Hör auf zu simsen, Guy. Geh jetzt tanzen!

Wird gemacht.

Da er seinen Bruder nicht belügen wollte, rutschte er vom Barhocker, machte drei Tanzschritte, wedelte mit den Händen, und das sollte es gewesen sein. Doch die bezaubernde Blondine bewegte sich jetzt direkt neben ihm.

„Wieso tanzt du hier ganz allein, wenn du mit mir tanzen könntest?“, fragte sie.

Guy hatte keine Chance abzulehnen, denn die Blondine umfasste seine Hand und zog ihn mit sich mitten auf die Tanzfläche.

Nein! So war das aber nicht geplant!

Doch dann tanzte er plötzlich richtig zur Musik, statt nur so zu tun, als ob. Tatsächlich bewegte er sich im Gleichklang mit der bezaubernden Blondine, und es machte ihm richtig Spaß.

Eigentlich stand er nicht auf Partys. Darüber hatte Imogen sich ständig beschwert. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so aus sich herausgegangen war.

„Wie heißt du?“, fragte er.

Sie antwortete, doch bei der lauten Musik verstand er kein Wort. Daher beugte er sich etwas vor, um besser zu hören. Dabei nahm er die Vanillenote wahr, nach der sie duftete. Sofort beschleunigte sich Guys Puls. Ihm stockte der Atem.

Bei der Lautstärke eine Unterhaltung führen zu wollen, war vollkommen sinnlos.

Vielleicht sollte er einfach nur lächeln und tanzen, so wie all die anderen es taten.

Hier handelte es sich ja um eine Willkommensparty für die neuen Ärztinnen und Ärzte an der Klinik. Wahrscheinlich war sie eine der neuen Kolleginnen. Es war okay für ihn, dass sie sich einander nicht vorgestellt hatten. Er hatte nicht vor, eine neue Beziehung anzufangen.

Er wollte nur ein wenig mit ihr tanzen und sich dann verabschieden. So hielt er das Versprechen, das er seinem Bruder gegeben hatte. Viel wichtiger war jedoch, dass er sich an seine eigenen Vorsätze hielt: keine Beziehung, keine Komplikationen, keine gebrochenen Herzen.

Also tanzte er einfach nur mit ihr.

Bis er bemerkte, dass sie ins Stolpern geriet. Offensichtlich hatte sie einige Cocktails vom Willkommenstisch genossen. Wenn sie nicht bald literweise Wasser oder Saft hinterherkippte, wäre sie dehydriert und würde morgen früh mit dem schönsten Kater aufwachen.

„Komm, ich gebe einen aus“, sagte er laut, zog sie von der Tanzfläche und führte sie in eine etwas ruhigere Ecke des Pubs.

„Ich kann mir selbst einen Drink kaufen“, nuschelte sie und hob das Kinn.

Sie ist betrunken, dachte Guy besorgt.

„Bitte, mach mir doch die Freude“, bat er lächelnd und bestellte ihr einen Fruchtsaft.

Sie probierte und sah lächelnd auf. „Schmeckt gut. Was ist das?“

„POG.“ Auf ihren fragenden Blick hin klärte er sie auf. „Passionsfrucht, Orange, Guave.“

„Mmh, lecker.“ Sie schwankte leicht.

Ein Glas würde natürlich nicht reichen, sie wieder nüchtern zu machen. Suchend blickte Guy sich um. Sie hatte vorhin mit einer ganzen Gruppe zusammen getanzt. Wieso kümmerte sich niemand um sie? In einer Gruppe achtete man doch aufeinander.

„Wo wohnst du?“, fragte er. Wenn es in der Nähe war, konnte er sie zu Fuß nach Hause bringen. Wenn nicht, würde er sie in einem Taxi begleiten und dafür sorgen, dass sie sicher nach Hause kam. Dort könnte sich dann eine Nachbarin um sie kümmern.

Joanne dachte eine Weile nach. Dann riss sie ihre großen grauen Augen weit auf. „Weiß nicht.“

Sie wusste nicht, wo sie wohnte? War sie tatsächlich so betrunken? Du liebe Zeit! Wenn sie so sorglos mit ihrer Gesundheit umging, wie würde sie dann ihre Patienten behandeln? Hoffentlich war sie nicht die Neue in seinem Kardiologieteam. Nicht auszudenken …

„Mein Handy.“ Es hatte eine Weile gedauert, bis sie darauf gekommen war. „Da isses drin. Wo ich wohn.“

Sie zog es aus der Glitzer-Clutch und betätigte es. Der Bildschirm blieb schwarz.

„Oh nein.“ Entsetzt sah sie auf. „Akku leer.“

Er hatte die gleiche Handymarke. Sein Ladekabel würde auch in ihr Handy passen. Dann sollte er sie wohl mit zu sich nehmen, ihr Handy aufladen, die Adresse herausfinden und Toast machen, damit sie nach den Cocktails etwas in den Magen bekam. Dann wollte er sie überreden, starken schwarzen Kaffee zu trinken, um wieder nüchtern zu werden. Erst dann konnte er sie sicher nach Hause bringen. Hier konnte er sie jedenfalls nicht allein zurücklassen, zumal die Tanzfläche inzwischen leergefegt war. Die Tänzer hatten den Pub verlassen.

„Keine Sorge, ich kümmere mich um dich. Als Arzt ist das sozusagen mein Job“, fügte er trocken hinzu.

Sie lächelte. „Meiner auch.“

Dann war sie also tatsächlich Ärztin. Und zwar eine, die sich so betrank, dass sie nicht mehr wusste, wo sie wohnte, und die ihr Handy nicht rechtzeitig auflud. Auf die Mitarbeit einer solchen Kollegin konnte Guy gut verzichten. Hoffentlich arbeitete sie auf einer Station, mit der er wenig zu tun hatte.

In spätestens zwei Stunden werde ich sie wieder los sein, dachte er und klopfte in Gedanken auf Holz.

„Gut, dann schlage ich vor, zu mir zu gehen, dein Handy aufzuladen, herauszufinden, wo du wohnst, und dich dann sicher nach Hause zu bringen.“

„Sehr freundlich von dir. Danke.“

Wieder schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln, auf das seine Libido sofort reagierte.

Energisch ignorierte er diese verräterische Reaktion. Kommt nicht infrage, dachte er frustriert. Beim letzten Mal hatte er seinen Gefühlen nachgegeben. Das war der größte Fehler seines Lebens gewesen. Eine Wiederholung würde es nicht geben. Er hatte seine Lektion bezüglich Beziehungen gelernt.

Ein Taxi war schnell organisiert. Nach kurzer Fahrt erreichten sie seine Wohnung. Dort setzte er die Kollegin aufs Sofa, verband das Handy mit dem Ladekabel, das er in die Steckdose steckte, um den Akku aufzuladen. Dann ging er in die Küche, machte Kaffee und Toast.

Als er wenig später mit einem voll beladenen Tablett ins Wohnzimmer zurückkehrte, fand er die Frau schlafend vor. Sie schlief tief und fest.

Missgestimmt stellte Guy das Tablett auf den Couchtisch und rüttelte die Schläferin leicht an der Schulter. Keine Reaktion.

Dann rief er: „Hallo.“ Sie schloss die Augenlider fester. Erleichtert atmete Guy auf. Bewusstlos war sie zum Glück nicht. Allerdings war es ziemlich offensichtlich, dass sein Dornröschen die Augen erst am Morgen wieder aufschlagen würde.

Was nun? Er könnte sie zudecken und sich in den Sessel setzen, um über ihren Schlaf zu wachen. Möglicherweise wachte sie mitten in der Nacht auf und wusste nicht, wo sie war. Oder sie musste sich übergeben.

Die Nacht im Sessel zu verbringen, kam allerdings nicht infrage. Er musste morgen früh ausgeruht im OP erscheinen. Das war er seinem Patienten schuldig. Daher blieb nur eine Option: Sie schliefen beide im Schlafzimmer. Dann hörte er sofort, wenn sie sich regte, und konnte ihr helfen.

Das Bett war riesig. Sie konnten genug Abstand halten. Zusammen im Bett zu liegen, bedeutete ja nicht zwangsweise, Sex zu haben.

So, die Würfel waren gefallen. Guy brachte das Tablett zurück in die Küche. Dann trug er Dornröschen ins Schlafzimmer. Vor dem Bett zögerte er. Es wäre sehr unbequem für sie, voll bekleidet zu schlafen. Wenn sie sich erbrechen musste, würde sie zudem alle Sachen beschmutzen. Es würde Stunden dauern, alles wieder zu reinigen.

Angenehm war es ihm nicht, eine schlafende Frau auszuziehen. Aber er sah keine andere Möglichkeit.

Schließlich beschloss er, sie wie eine bewusstlose Patientin zu behandeln. Er holte eins seiner T-Shirts aus der Kommode, zog Dornröschen das Kleid aus und das T-Shirt an. Dann deckte er sie sorgfältig zu, hängte das Kleid auf einen Bügel und verschwand im Badezimmer, wo er in Schlafshorts schlüpfte, bevor er sich ins Bett legte. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass sie ruhig und regelmäßig atmete, löschte er das Licht. Wenn sie morgen wieder nüchtern war, wollte er sie ermahnen, sich ihre Freunde sorgfältiger auszusuchen.

Zum ersten Mal seit der Trennung von seiner Verlobten teilte er wieder das Bett. So viele Erinnerungen wurden wieder wach, dass es lange dauerte, bevor er endlich einschlief.

2. KAPITEL

Joanne erwachte mit rasenden Kopfschmerzen. Ihre Mundhöhle fühlte sich pelzig an. Übelkeit plagte sie auch. Wieso hatte niemand sie gewarnt, dass Jetlag sich wie ein ausgewachsener Kater anfühlte? In ihrer Handtasche befand sich eine Schachtel Paracetamol. Hoffentlich half der Wirkstoff auch bei Übelkeit und Kopfschmerzen. Ein großes Glas Wasser zu trinken, wäre sicher auch nicht verkehrt. Vermutlich war sie nach dem langen Flug dehydriert und todmüde. Immerhin lag sie in einem sehr komfortablen Bett.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein in diesem Bett lag. Neben ihr schlief jemand.

Verzweifelt versuchte sie sich zu erinnern. Sie hatte niemanden mit nach Hause gebracht. Wann hatte sie den Pub verlassen? Sie wusste noch, dass sie einen alkoholischen Cocktail getrunken hatte, einen Mai Tai, ein typisch hawaiisches Getränk. Danach hatte sie nur noch alkoholfreie Chi-Chis getrunken, offenbar eine Art Piña Colada ohne Rum. Sie erinnerte sich auch an die kurze Begegnung mit Jamie, der jedoch verschwunden war, während sie noch getanzt hatte. Dann war da dieser schüchterne Typ am Bartresen gewesen, dem die Musik gefiel, der sich aber nicht traute mitzutanzen. Die Ähnlichkeit mit dem jungen Brad Pitt war frappierend: zerzaustes blondes Haar und faszinierende blaue Augen. Wieso war so einer eigentlich allein? Kurzerhand hatte sie ihn mit auf die Tanzfläche gezogen, damit er mit ihr und ihren neuen Freunden tanzte. An all das erinnerte sie sich. Und was war dann geschehen?

Alles war verschwommen. Hatte sie einen Filmriss gehabt?

Vorsichtig hob sie die Augenlider. Keine gute Idee. Zwar waren die Fenstervorhänge zugezogen, doch im Zimmer war es trotzdem viel zu hell.

Behutsam drehte sie den Kopf und öffnete ein Auge, um festzustellen, wer da neben ihr lag. Aha. Es war ein Mann, der ihr den Rücken zugewandt hatte. Das blonde Haar war verwuselt. Handelte es sich etwa um den Brad-Pitt-Doppelgänger? Oder einen anderen Mann, mit dem sie getanzt hatte? Keine Ahnung.

Jetzt stellte Joanne entsetzt fest, dass sie kein Kleid mehr trug.

Ach, du liebe Zeit!

Ein Erinnerungsfetzen schoss ihr durch den Kopf. Sie wäre vor Müdigkeit fast umgekippt. Der Mann hatte sie an die Bar geführt und einen Drink spendiert. Einen absolut köstlichen Drink – angeblich aus tropischen Früchten.

Stimmte das?

Oder hatte er Alkohol hineingekippt?

Wegen der Erfahrungen mit ihren Eltern rührte Joanne so gut wie nie Alkohol an. Wenn sie mal ein Glas trank, dann blieb es bei dem einen, anschließend nahm sie nur alkoholfreie Getränke zu sich. Nicht zuletzt, um sich zu beweisen, dass sie die Alkoholsucht ihrer Eltern nicht geerbt hatte. Deshalb blieb sie eisern, wenn es um Alkoholkonsum ging. Allerdings hatte dieses Verhalten auch eine Schattenseite. Sie vertrug keinen Alkohol mehr. Sollte dieser Mann ihr Fruchtgetränk also mit Hochprozentigem vermischt haben, dann wäre die Wirkung drastisch gewesen, weil sie eben nicht an Alkohol gewöhnt war.

War das der Grund für ihre rasenden Kopfschmerzen? Litt sie nicht unter Jetlag, sondern einem ausgewachsenen Kater?

Hatte sie denn völlig den Verstand verloren?

Sie hatte das Bett mit einem Mann geteilt und konnte sich an nichts erinnern. Sie hatte mit einem Wildfremden geschlafen. Hoffentlich hatte er wenigstens ein Kondom benutzt und sie nicht geschwängert oder sie mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt. Wie hatte sie nur so blöd und verantwortungslos sein können?

Sie war so wütend auf sich selbst, dass sie die Hände zu Fäusten ballte und auf die Matratze eindrosch.

Diese Aktion bedauerte sie sofort, als neben ihr eine tiefe Stimme ertönte: „Guten Morgen.“

Das Getrommel musste ihn geweckt haben.

Joanne wurde noch wütender auf sich selbst. Warum war sie nicht lautlos aufgestanden und hatte sich aus dem Staub gemacht?

„Ich …“ Was sagte man in so einer Situation? Sie hatte keine Ahnung.

„Hast du einen Kater?“, fragte ihr Bettgenosse. „Ich hole dir Wasser und Paracetamol.“

Machte er sich etwa lustig über sie? Das war ja wohl die Höhe, zumal er für ihren Zustand verantwortlich war.

Jetzt wurde Joanne richtig wütend. „Willst du damit etwa wiedergutmachen, dass du meinen Fruchtsaft mit Hochprozentigem versetzt hast, um mich gefügig zu machen?“, fauchte sie.

„Wie bitte?“ Sein Tonfall war eisig.

„Du hast mich schon verstanden. Es muss so gewesen sein. Ich vermute, dass dies dein Bett ist, aber ich habe keine Ahnung, wie ich hergekommen bin. Ich erinnere mich auch nicht, mein Kleid ausgezogen zu haben.“

„Ja, du bist in meinem Bett. Nein, niemand hat deinen Drink aufgepeppt. Du bist hier, weil du den ganzen Abend lang Cocktails in dich hineingeschüttet hast. Du warst so weggetreten, dass du nicht einmal mehr wusstest, wo du wohnst. Ich habe dir einen Fruchtsaft bestellt, weil ich gehofft habe, der würde dich wieder so nüchtern machen, dass du dich an deine Adresse erinnerst. Als das nicht funktioniert hat, habe ich dich mit zu mir nach Hause gebracht, damit du in Sicherheit bist. Du trägst mein T-Shirt statt deines Kleides, weil ich befürchten musste, du könntest dich nachts erbrechen und dein Kleid ruinieren. Dann hättest du heute Morgen nichts anzuziehen gehabt. Ich versichere dir, dass ich dich wie eine bewusstlose Patientin behandelt und deine Würde bewahrt habe. Ich habe dich ins Bett gelegt, weil es bequemer ist als das Sofa. Außerdem wollte ich über deinen Schlaf wachen, falls dir schlecht geworden wäre. Auf dem Fußboden habe ich nicht geschlafen, weil ich heute Morgen arbeiten und mich auf meine Patienten konzentrieren muss.“

Oh. Er hat mich gerettet! Joanne schämte sich ganz fürchterlich, weil sie ihm alles Mögliche unterstellt hatte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken.

„Vielleicht solltest du in Zukunft verantwortlicher mit deinem Alkoholkonsum umgehen“, fügte er in noch eisigerem Tonfall hinzu, bevor sie sich entschuldigen konnte.

Das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen! „Ich hatte einen einzigen Cocktail“, stieß sie wütend hervor.

„Du musst einige intus gehabt haben“, widersprach er.

„Ja, aber nur einen alkoholischen. Die anderen waren alkoholfrei.“ Als Tochter eines gewalttätigen Alkoholikers achtete sie sehr sorgfältig darauf, sich niemals zu betrinken. „Ich habe mich an den Kokosnuss-Ananas-Cocktail gehalten“, erklärte sie.

„Aus dem Glaskrug auf dem Willkommenstisch?“

Sie nickte und verzog das Gesicht vor Schmerz. „Ja“, bestätigte sie leise.

„Dann wundert mich gar nichts mehr. Das Zeug enthielt Alkohol. Und nicht zu knapp“, fügte er trocken hinzu.

„Aber das kann doch gar nicht sein. Ich habe mich extra genau erkundigt. Man hat mir versichert …“ Sie verstummte entsetzt. Hatte man sie etwa vorsätzlich angelogen? Oder hatte die Person, die ihr versichert hatte, in den Krügen befände sich alkoholfreier Cocktail, es nicht besser gewusst? Möglicherweise hatte irgendein verantwortungsloser Idiot aber auch hochprozentigen Alkohol in die Krüge geschüttet. Sie hatte mindestens drei solcher Cocktails getrunken! Kein Wunder, dass sie sich so elend fühlte.

Da habe ich meinem Bettgenossen wohl unrecht getan, dachte sie verstört. Er hat mich gerettet. Sie sah ihn an. „Ich muss mich bei dir entschuldigen“, sagte sie kleinlaut.

„Schon gut. Vielleicht solltest du dir deine Freunde in Zukunft besser aussuchen. Gut, das hätten wir geklärt. Wenn du duschen möchtest … du findest alles, was du brauchst, im Badezimmer. Auch frische Handtücher. Dein Kleid habe ich auf den Bügel gehängt, dein Handy aufgeladen.“

Jetzt erinnerte sie sich, dass er gefragt hatte, wo sie wohne. Sie wusste es nicht und wollte im Handy nachsehen. Leider war das Display schwarz geblieben. Kein Akku mehr.

Joanne wollte ihm gerade erklären, dass sie normalerweise nicht so schusselig war, biss sich dann jedoch auf die Zunge. Er würde ihr ja doch nicht glauben.

„Danke“, sagte sie stattdessen nur leise und sehr, sehr verlegen.

Nach der Dusche fühlte sie sich schon wieder halbwegs menschlich. Sie drückte etwas Zahnpasta auf einen Finger und putzte sich die Zähne.

Sie hatte sich wirklich bis auf die Knochen blamiert, hatte falsche Schlüsse gezogen und war rüde zu einem Mann gewesen, der ihr geholfen hatte.

Sie wusste nicht einmal, wie er hieß. Vermutlich war er Arzt in der Klinik, in der sie ein Jahr lang arbeiten würde. Die war so groß, hatte so viele Stationen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich wohl kaum je wieder über den Weg laufen würden, hoch war.

Joanne beschloss, sich bei ihrem Retter zu bedanken und schnell zu verschwinden.

Als sie sich der Küche näherte, stieg ihr aromatischer Kaffeeduft in die Nase. Was würde sie jetzt für einen Becher Kaffee geben …

Ihr Retter schien ihre Gedanken zu lesen und zeigte lächelnd auf eine Thermoskanne. „Die ist voll. Bedien dich.“

„Danke.“ Sie schenkte sich einen halben Becher ein und füllte ihn bis zum Rand mit kaltem Wasser, damit sie den Kaffee gleich trinken konnte. Dann riskierte sie einen schnellen Blick. Während sie unter der Dusche gestanden hatte, musste er sich angekleidet haben. Im schwarzen T-Shirt und verwaschenen Jeans ähnelte er erst recht dem jungen unwiderstehlichen Brad Pitt. Die Frauen mussten ihm zu Füßen liegen. Jede Wette …

Er wies auf den Frühstückstresen. Dort standen ein Teller mit zwei Tabletten und ein großes Glas Wasser. „Paracetamol“, erklärte er.

„Danke.“ Er war freundlich, höflich und umsichtig, und sie hätte vor Verlegenheit im Boden versinken mögen.

„Toast?“

„Nein, danke. Ich könnte jetzt nichts herunterkriegen.“

„Es könnte aber helfen, etwas in den Magen zu bekommen.“

Sie verzog das Gesicht. „Eher nicht.“ Sie holte tief Luft. „Danke, dass du mich gerettet hast. Das war wirklich sehr nett von dir.“

„Ich konnte dich ja wohl kaum im Pub zurücklassen, wo du offensichtlich niemanden kanntest.“

„Doch, das hättest du tun können. Woher wolltest du wissen, dass ich keine Betrügerin bin, die es darauf abgesehen hatte, dich auszurauben?“

„Dazu wärst du gestern Abend gar nicht in der Lage gewesen. Kannst du dich jetzt erinnern, wo du wohnst?“

„Ja“, antwortete sie kleinlaut. „Allerdings weiß ich den Code zum Öffnen der Haustür nicht mehr genau. Ich habe ihn bisher nur einmal benutzt. Aber er ist in meinem Handy. Selbstverständlich verschlüsselt“, fügte sie schnell hinzu und sah ihn an. „Du hast gesagt, du hast mein Handy aufgeladen?“

Er nickte, ging ins Wohnzimmer und kehrte mit dem Handy und ihrer Handtasche zurück.

Dankbar nahm Joanne ihre Sachen in Empfang. „Ohne mein Handy wäre ich wirklich aufgeschmissen gewesen.“

„Das glaube ich gern“, meinte er trocken.

Offensichtlich versuchte er immer noch, sie richtig einzuschätzen. Wie sollte sie ihn bloß überzeugen, dass sie normalerweise der vernünftigste Mensch auf Erden war? Müßig, dachte sie und schaltete ihr Handy ein. Jamie hatte ihr x SMS geschickt.

Wo bist du? Als ich wieder im Pub war, warst du verschwunden. Deine Wohnungstür hast du auch nicht geöffnet. Concierge hat nachgesehen, du warst nicht da. Ist alles in Ordnung? Melde dich, sowie du das hier liest!!! xx

Einem Gespräch mit Jamie fühlte sie sich noch nicht gewachsen. Daher antwortete sie auch mit einer Textnachricht.

Cocktails waren nicht, was ich dachte. Habe mich bis auf die Knochen blamiert. Der Kater kämpft mit meinem Jetlag. Jemand hat sich meiner angenommen. Es geht schon wieder. Werde jetzt schlafen. Bis später xx

Das kleine zärtliche Lächeln, als sie die Nachrichten überflog und schnell eine beruhigende Antwort tippte, brachte Guys Herzschlag aus dem Takt.

„Haben deine Freunde gemerkt, dass du nicht mehr da warst?“

„Ja. Ich habe Jamie geschrieben, dass ich mich blamiert habe, es mir aber gut geht.“

Jamie?

Vermutlich ihr Freund. Aber so genau wollte er das gar nicht wissen. Und wieso enttäuschte es ihn dann? Er war nicht an einer Beziehung interessiert. Und selbst wenn, die Tatsache, dass diese Frau kein Problem damit gehabt hatte, den Pub mit ihm zu verlassen, obwohl sie einen Freund hatte, machte sie genauso untreu wie Imogen.

„Wäre nicht verkehrt, wenn dein Freund dich in Zukunft im Auge behielte“, sagte er trocken.

Sie sagte nichts, doch ihre Miene sprach Bände. Offensichtlich mokierte sie sich über seine vermeintlichen Vorurteile.

Ha! Wer hatte denn so viele Cocktails in sich hineingeschüttet? Spätestens nach dem zweiten Glas musste sie ja wohl gemerkt haben, dass die nicht gerade alkoholfrei waren.

Diese Ansicht behielt er wohlweislich für sich. Er hatte wohl schon genug gesagt.

„Vielen Dank, dass du dich meiner angenommen hast, mich mit Kaffee und Paracetamol versorgt und mein Handy aufgeladen hast.“

„Gern geschehen“, antwortete er. Wahrscheinlich klang das etwas steif. Aber er wusste nicht, was er sonst hätte sagen sollen.

„Gut, dann lasse ich dich jetzt in Ruhe. Tut mir leid, dass ich dir so viele Umstände gemacht habe.“

Wirklich verletzt hatte ihn ihre Unterstellung, er hätte ihren Zustand ausgenutzt. Vielleicht hatte sie mal schlechte Erfahrungen gemacht. Dann hätte sie sich aber nicht volllaufen lassen, oder?

Ach, was ging es ihn an. „Keine Ursache. Äh, soll ich dich nach Hause fahren?“, erkundigte er sich halbherzig.

„Danke, aber du hast schon mehr als genug für mich getan. Ich wünsche dir noch einen angenehmen Tag.“

Gelassen ging sie aus seiner Wohnung … und aus seinem Leben.

Joanne rief die Stadtplan-App auf. Aha zu Fuß würde sie zwanzig Minuten bis zu ihrer Wohnung brauchen. Eigentlich kein Problem, aber auf High Heels nicht zu empfehlen. Sie wollte nicht riskieren, sich Blasen zu laufen und an ihrem ersten Arbeitstag am Montag durch die Klinikkorridore zu humpeln.

Also rief sie sich ein Taxi, das drei Minuten später eintraf und sie zu ihrem Wohnblock brachte.

Zuerst trank sie in der Küche drei große Gläser Wasser. Anschließend zog sie im Schlafzimmer die Vorhänge zu und legte sich ins Bett.

Meine Güte, hatte sie sich blamiert! Sie konnte nur hoffen, dass ihr Retter sich nicht als der Klinikchef entpuppte. Nein, dazu war er zu jung. Er musste etwa in ihrem Alter sein. Hoffentlich arbeitete er auf einer Station, auf der sie nur äußerst selten zu tun haben würde oder nie. Das wäre noch besser.

Sie schloss die Augen. Ihr war das alles schrecklich peinlich. Sie wusste ja nicht einmal, wie ihr Retter hieß.

Ihr Hawaii-Abenteuer fing ja gut an.

Nun blieb ihr nur zu wünschen übrig, ihre Blamage gestern würde sich am Montag nicht wie ein Lauffeuer auf den Klinikfluren verbreiten.

3. KAPITEL

Der Montag fing wenigstens besser an als der Sonnabend. Am Sonntag schlief Joanne sich richtig aus, um Kater und Jetlag zu vertreiben. Am Nachmittag fühlte sie sich gut genug für einen Spaziergang um den Block und stellte erfreut fest, dass die Supermärkte hier auch sonntags geöffnet waren. So konnte sie die Zutaten zu Blaubeer-Muffins einkaufen. Auf ihrer alten Station waren die leckeren Kuchen immer sehr gut angekommen.

Am Montagmorgen stand sie ganz früh auf, um die Muffins zu backen. Sie wollte sie zum Einstand mitbringen.

Nach einem fünfzehnminütigen Fußmarsch erreichte sie die Klinik. So, nun konnte ihr Abenteuer in den Tropen richtig beginnen.

Pünktlich um acht Uhr traf Joanne am Empfangstresen ein. Hier erhielt sie ihren Hausausweis und einen Spindschlüssel. Als alle Verwaltungsangelegenheiten erledigt waren, begab Joanne sich mit dem Kuchenpaket auf die Kardiologiestation.

„Hallo“, sagte sie lächelnd zu der hinterm Aufnahmetresen stehenden Frau. „Ich bin Joanne Meadows, die neue Kardiologin. Zum Einstand habe ich selbstgebackene Blaubeer-Muffins mitgebracht. Könnten Sie mir bitte sagen, wo sich der Aufenthaltsraum befindet? Um halb zehn habe ich das erste Patientengespräch.“

„Herzlich willkommen im GMC Honolulu! Ich bin Patty. Gehen Sie einfach den Flur hinter mir entlang. Der Aufenthaltsraum für das Personal befindet sich links, der Umkleideraum direkt gegenüber. Ganz am Ende des Flurs finden Sie die Ambulanz.“

„Vielen Dank.“

Joanne machte sich auf den Weg, stellte das Kuchenpaket neben dem Wasserkocher im Aufenthaltsraum ab. Auf einem Notizzettel erklärte sie: Hallo, ich bin Joanne, die neue Kardiologin, und habe diese Blaubeer-Muffins gebacken. Guten Appetit!

„Guten Morgen“, ertönte hinter ihr eine Männerstimme.

Lächelnd wandte Joanne sich um. Das Lächeln gefror ihr auf den Lippen, als sie ihren Retter erkannte. Musste der ausgerechnet auch in der Kardiologie arbeiten?

„Guten Morgen.“ Automatisch erwiderte sie den Gruß, während sie sich innerlich wand. Dann gewann jedoch die Vernunft die Oberhand. Offensichtlich mussten sie die nächsten Monate zusammenarbeiten. Da war es wohl am besten, noch einmal ganz neu anzufangen.

„Nochmals vielen Dank, dass du mich am Freitagabend gerettet hast“, sagte Joanne. „Ich glaube, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt.“ Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. Sie atmete tief durch. „Ich bin Joanne Meadows, die neue Kardiologin.“

„Guy Sanders. Herz-Lungen-Chirurg.“

Sein Akzent klang definitiv britisch. Stammte er aus Cornwall? Oder Bristol?

„Bist du auch hierher abgeordnet?“

Er nickte. „Ich bin seit sechs Monaten hier.“

„Ich habe einen Vier-Monats-Vertrag.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Jetlag und andere Unpässlichkeiten sind überwunden. Die Muffins habe ich heute Morgen zum Einstand gebacken. Greif ruhig zu.“

Sie hatte heute Morgen schon gebacken? Guy staunte.

„Wenig Zucker, viel Protein, mit Haferflocken“, erklärte sie.

Das Rezept einer Herzspezialistin. „Beta-Glucan“, sagte er.

Wasserlösliche Ballaststoffe, die sich positiv auf den Blutzuckerspiegel auswirkten und den Cholesterinspiegel senkten. Sehr empfehlenswert für ihre Herzpatienten.

„Klar. Wir müssen doch mit gutem Beispiel vorangehen, oder?“ Lachfältchen bildeten sich in ihren Augenwinkeln. „Die Blaubeeren als Anthocyane. Die Muffins sind noch warm.“

Er liebte warmes Gebäck. Deshalb lief er auch jeden Morgen fünf Meilen am Strand. Das Rauschen des Ozeans machte seinen Kopf frei. Überschüssige Kalorien wurden abgebaut, mentale Stärke für den Tag aufgebaut.

Gerade wollte er nach einem Blaubeer-Muffin greifen, als Joanne zerknirscht hinzufügte: „Ich kann mich wirklich nur noch einmal entschuldigen wegen Freitag. Darf ich dich vielleicht zum Abendessen einladen?“

Die Einladung hätte er gern angenommen, wenn er nicht ein Gerücht über Jamie Robertson gehört hätte, als er gestern den OP verlassen hatte. Er war der neue Facharzt für Tropenmedizin und seine Freundin war die neue Kardiologin. Mit anderen Worten Joanne Meadows und Jamie Robertson waren ein Paar.

Ihre Einladung zum Abendessen klang wie ein Date. Wollte sie ihren Freund betrügen? Guy sträubten sich die Nackenhaare. Niemals würde er sich darauf einlassen, schon gar nicht nach seiner Erfahrung mit der untreuen Imogen.

„Das ist wirklich nicht nötig“, wehrte er ziemlich abrupt ab.

Joannes Lächeln verblasste. Ihre wunderschönen grauen Augen strahlten nicht mehr. „Okay …“

Nun hatte er ein schlechtes Gewissen. Heute war ihr erster Arbeitstag in der Klinik. Er sollte sie willkommen heißen und sich nicht von seiner unschönen Vergangenheit mit seiner Ex beeinflussen lassen. Joanne war eine Kollegin. Sie mussten zusammenarbeiten. Entschlossen wechselte er das Thema.

„Du siehst heute Morgen schon deine erste Patientin, stimmt’s?“

„Ja, tatsächlich sind es sogar drei Patienten. Das ist mir sehr recht. Ich hatte schon befürchtet, den ganzen Vormittag mit Verwaltungskram verschwenden zu müssen. Es ist mir viel wichtiger, die neuen Kollegen kennenzulernen und mich auf die Patienten zu konzentrieren.“

Dem konnte er nur zustimmen.

„Die erste Kardioversion ist für halb zehn geplant. Ich möchte mich zunächst dem Team vorstellen und dann mit den Patienten sprechen, falls sie Fragen zum Verfahren haben oder ängstlich sind. Dann werde ich sie beruhigen.“

„Darf ich dich zur ersten Kardioversion begleiten?“

Joanne kniff die Augen zusammen. „Ich weiß, dass wir keinen guten Start hatten, aber was am Wochenende passiert ist, wird sich nicht wiederholen. Ich bin durchaus in der Lage, meinen Job zu machen. Ich bin Fachärztin für Kardiologie und habe mehrere Jahre Berufserfahrung.“

Das war deutlich, dachte Guy. Sie befürchtet, ich traue ihr nicht über den Weg und will sie beaufsichtigen. Na ja, ganz unrecht hatte sie nicht. Andererseits hätte die Klinikleitung sie nicht eingestellt, wenn Zweifel an ihrer Arbeit bestanden hätten.

„Es war lediglich eine Bitte, Joanne. Ich bin Chirurg, du Kardiologin. Wir haben noch nicht miteinander gearbeitet. Da dachte ich, es wäre ganz sinnvoll, wenn wir einander mal bei der Arbeit zusehen. Du wirst sicher immer mal wieder Patienten an mich überweisen, die ich nach der OP zu den Nachuntersuchungen wieder zu dir schicke. Da ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sehr wichtig. Heute ist dein erster Tag. Vielleicht erleichtert es dir den Einstieg, ein vertrautes Gesicht bei dir zu haben. Jemand, der dich dem Team vorstellt und dich herumführt. Ich würde mich auch freuen, wenn du bei einer OP zusiehst. Dann lernst du mein Team auch gleich kennen.“

Joanne errötete. Sie ist bildschön, dachte Guy und wandte schnell den Blick ab. Sie war in einer Beziehung und damit tabu für ihn, auch wenn die Anziehungskraft groß war. Er wollte keine Beziehung. Er wollte nur gut mit ihr zusammenarbeiten. Der Aufenthalt in Hawaii sollte ihm helfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Basta!

„Das ist sehr freundlich. Aber musst du nicht in den OP?“

„Nein, heute Vormittag muss ich mich um den Papierkram kümmern. Aber der kann noch etwas warten.“ Guy zuckte die Schultern.

„Okay.“ Damit konnte Joanne leben. „Wenn eine der Kardioversionen nicht erfolgreich ist, musst du sowieso übernehmen. Also ist es sinnvoll, wenn die Patienten dich auch gleich kennenlernen.“

Guy führte sie zu den Behandlungsräumen und stellte ihr das Pflegeteam vor. Dann begaben sie sich zu den Kabinen, in denen die Patienten auf die Kardioversion warteten.

Nach einem schnellen Blick auf die jeweiligen Patientenakten betrat Joanne mit Guy die erste Kabine.

„Guten Morgen, Mrs. Lee. Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Joanne lächelnd und schüttelte der Patientin die Hand. „Mein Name ist Joanne Meadows. Ich bin Ihre Kardiologin. Das ist mein Kollege Guy Sanders, unser Herzchirurg. Wie geht es Ihnen?“

Sie macht das wirklich gut, dachte Guy, der erfreut war über ihre offene empathische Art, mit der Patientin umzugehen, so wie er es von einer Kardiologin erwartete.

„Mir geht es gar nicht gut“, klagte Mrs. Lee. „Jeder Schritt strengt mich an. Wenn ich eine Treppe hinaufgehe, bin ich außer Atem. Ich kann mit meinen Enkelkindern nicht mehr auf dem Fußboden spielen und fühle mich wie neunzig, nicht wie fünfundfünfzig.“

„Das klingt hart“, sagte Joanne mitfühlend. „Wie ich sehe, nehmen Sie Medikamente ein, um Ihre Herzfrequenz zu regulieren. Haben die geholfen?“

Mrs. Lee schüttelte den Kopf. „Ich nehme die Tabletten jetzt seit drei Monaten und fühle mich schlechter statt besser.“

„Dann sollten wir die Medikamente nach der Behandlung umstellen“, beschloss Joanne. „Ich verschreibe Ihnen ein Präparat, das hoffentlich wirksamer ist. Ist es Ihnen recht, wenn ich Ihnen jetzt das Verfahren beschreibe, das ich gleich bei Ihnen durchführen werde?“

„Ja, das wäre gut. Der andere Arzt hat es mir schon beschrieben, aber ich war zu gestresst, es aufzunehmen. Mir war es nicht ganz geheuer, dass ich operiert werden muss und eine Narkose bekomme.“ Ängstlich biss sie sich auf die Lippe.

„Es ist verständlich, beunruhigt zu sein, wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt“, antwortete Joanne mitfühlend. „Aber Sie werden sich danach viel besser fühlen. Was ängstigt Sie am meisten? Ich würde Ihnen die Angst gern nehmen, Mrs. Lee.“

„Ich habe Angst, nicht mehr aus der Narkose zu erwachen. Ich habe mich gar nicht richtig von meinen Kindern und Enkelkindern verabschiedet.“ Traurig ließ sie den Kopf hängen. „Und von meinem Mann auch nicht. Er konnte nicht bleiben, weil er arbeiten muss. Ich hätte ihm einen Abschiedskuss geben sollen, falls ich …“

Falls sie nicht wieder aufwacht, dachte Guy. Viele Patienten trieb diese Sorge um.

„Ich verstehe Sie, Mrs. Lee. Aber ich kann Sie beruhigen. Das Verfahren der Kardioversion wird schon seit einem halben Jahrhundert durchgeführt. Ich selbst habe es auch schon etliche Male angewandt und noch nie einen Patienten verloren. Natürlich ist jeder Eingriff mit einem Risiko verbunden. Bei diesem Verfahren ist das Risiko jedoch geringer als eins zu tausend.“ Joanne warf Guy einen Blick zu.

„Meine Kollegin hat recht“, bestätigte er. „Das Risiko, an einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt zu sterben, ist wesentlich höher, wenn wir nicht dafür sorgen, dass Ihre Herzfrequenz und Ihr Herzrhythmus sich wieder normalisieren.“

Mrs. Lee legte die Arme um sich. „Ich habe gelesen, dass bei Übergewicht ein höheres Risiko besteht. Ich kämpfe schon mein ganzes Leben gegen mein Übergewicht. Es ist schrecklich. In den letzten drei Monaten habe ich fünfzehn Pfund zugenommen. Mir fehlt einfach die Energie, mich zu bewegen.“

„Wir hätten Ihnen niemals zu einer Kardioversion geraten, wenn wir irgendwelche Bedenken gehabt hätten“, versicherte Joanne. „Sie können also ganz beruhigt sein.“

„Außerdem werden Sie nach dem Eingriff definitiv wieder mehr Energie haben“, fügte Guy hinzu. „Allerdings würden wir Ihnen nicht empfehlen, sich heute Nachmittag direkt aufs Surfbrett zu stellen oder für den Ironman zu trainieren“, scherzte Guy und entlockte Mrs. Lee damit ein Lächeln.

„Das werde ich ganz bestimmt nicht tun.“

Joanne lachte. „Aber mal im Ernst: Während der nächsten beiden Tage sollten Sie sich schonen und sich von dem Eingriff erholen. Auch wenn die Anästhesie nur ganz leicht ist, dauert es eine Weile, bis Sie darüber hinweg sind. Danach können Sie langsam wieder Sport treiben. Noch eine Frage, Mrs. Lee: Sie haben seit zweiundzwanzig Uhr gestern nichts mehr gegessen und nur ein wenig Wasser getrunken, um Ihre Tabletten zu nehmen?“

Die Patientin nickte.

„Die Medikamente zur Blutverdünnung haben Sie in den vergangenen vier Wochen auch regelmäßig eingenommen?“, erkundigte sich Guy.

„Ja, ich nehme jeden Abend eine Tablette vor dem Zubettgehen.“

„Perfekt.“ Joanne war zufrieden. „Dann werde ich Ihnen jetzt erklären, wieso Sie sich in der letzten Zeit so erschöpft gefühlt haben.“ Sie zeichnete ein Herz. „Normalerweise löst eine spezielle Zellgruppe hier am Sinusknoten ein elektrisches Signal aus, damit das Herz regelmäßig schlägt und alle Abläufe koordiniert sind. Beim Vorhofflimmern geraten die Signale durcheinander, das heißt, Ihr Herz schlägt unregelmäßig und hat keine Zeit, sich zwischen den Schlägen mit Blut zu füllen und genug Blut durch Ihren Körper zu pumpen.“

„Deshalb sind Sie so erschöpft und außer Atem“, erklärte Guy.

„Wir setzen Pads auf Ihre Brust und Ihren Rücken und lösen einen Schock aus. So ähnlich wie in Fernsehserien, wenn ein Defibrillator zum Einsatz kommt. Der Schock bei Ihnen ist aber weit weniger stark und soll das gestörte Signal unterbrechen und Ihren Herzschlag wieder normalisieren. Manchmal sind zwei Schocks nötig.“

„Und wenn das nicht funktioniert?“, fragte Mrs. Lee besorgt.

„Dann wenden wir ein anderes Verfahren an. Eine sogenannte Ablation, mit der verhindert wird, dass das Signal fehlgeleitet wird. Falls das nicht wirkt, werden wir Ihnen wohl einen Herzschrittmacher einsetzen müssen“, sagte Joanne. „Das übernimmt dann Dr. Sanders. Ihnen stehen also mehrere Optionen offen, Mrs. Lee. Nun konzentrieren wir uns erst einmal auf die Kardioversion. Sie werden heute Morgen leicht sediert und bekommen nichts mit. Das wird nicht länger als fünf bis zehn Minuten dauern. Ich setze ein Pad auf Ihre Brust, direkt über Ihrem Herz, ein weiteres auf den Rücken. Sie sind durch Drähte mit dem Defi verbunden, damit wir beobachten können, was Ihr Herz macht. Dann lösen wir den Schock aus. Die Schwester hat ja auf Ihrem Handrücken bereits einen Zugang gelegt. Wir verabreichen Ihnen ein Mittel, das Sie in einen kurzen Schlaf versetzt. Das kann sich etwas kalt anfühlen, tut aber nicht weh. Dann drücke ich einen Knopf auf dem Gerät, um einen Schock auszulösen. Dann überprüfe ich, ob Herzrhythmus und -frequenz so sind, wie sie sein sollen.“

Joanne erklärt das wirklich gut, dachte Guy beeindruckt. Mrs. Lee wirkte schon viel entspannter.

„Der Anästhesist kontrolliert Ihre Vitalzeichen, achtet darauf, dass die Atemwege frei sind, und legt Ihnen zwischen den Schocks die Sauerstoffmaske an. Anästhesisten haben viel Kraft in den Händen. Möglicherweise fühlen sich Ihre Kiefer in den nächsten Tagen etwas schmerzhaft an, aber das vergeht schnell. Die Stellen, wo die Pads aufgesetzt waren, können auch etwas wehtun, so wie ein leichter Sonnenbrand. Sie können Aloe vera zum Kühlen verwenden. Nachdem wir uns vergewissert haben, dass es keine Komplikationen gibt, holen wir Sie wieder zurück und überwachen Sie in den kommenden zwei Stunden.“

„Sie werden sich noch etwas schläfrig fühlen“, warf Guy ein. „In den nächsten beiden Tagen dürfen Sie sich nicht ans Steuer setzen und Auto fahren“, warnte er. „Sie können aber noch heute wieder nach Hause, vorausgesetzt es ist jemand bei Ihnen, der Sie die nächsten vierundzwanzig Stunden im Auge behält.“

„Meine Schwester ist schon auf dem Weg hierher“, sagte Mrs. Lee.

„Prima. Ich kümmere mich um Ihre Medikamente. Den Blutverdünner müssen Sie auch nach dem Eingriff einnehmen. In einigen Tagen können Sie wieder mit Ihren Enkelkindern spielen, Mrs. Lee. Auch das Treppensteigen wird Ihnen viel leichter fallen.“

Eine Träne kullerte über Mrs. Lees Wange. „Mehr erwarte ich ja gar nicht. Ich möchte mich einfach nur wieder normal fühlen.“

Aufmunternd drückte Joanne ihr die Hand. „Das werden Sie, Mrs. Lee. Versprochen. So, jetzt muss ich mich noch mit meinen anderen beiden Patienten unterhalten. Der Anästhesist wird gleich bei Ihnen sein, um Sie für den Eingriff vorzubereiten. Bis später, Mrs. Lee. In einer Stunde trinken Sie schon wieder eine Tasse Tee und werden sich fragen, worüber Sie sich eigentlich solche Sorgen gemacht haben“, versicherte Joanne ihr lächelnd.

Guy war schwer beeindruckt. Auch den nächsten beiden Patienten erklärte Joanne das Verfahren eingehend und zerstreute auch ihre Bedenken. Joanne bezog auch ihn mit ein. Fast hatte er den Eindruck, als hätten sie schon jahrelang zusammengearbeitet. Eigentlich war Joanne eine perfekte Kollegin. Wäre da nur nicht der Freitagabend gewesen …

Auch das Verfahren beherrschte Joanne perfekt. Sie arbeitete gut mit den anderen Kollegen und Kolleginnen zusammen und sorgte dafür, dass jeder Schritt dokumentiert wurde.

Auch die Nachbesprechung mit den Patienten händelte sie sehr gut. Bei Mrs. Lee flossen Tränen, doch es waren Freudentränen.

„Es ist unglaublich“, sagte sie und trocknete sich die Tränen. „Ich fühle mich schon jetzt viel besser.“

„Das freut mich.“ Joanne schenkte ihr ein Lächeln. „Dann können wir Dr. Sanders ja jetzt zurück in den OP schicken.“

Guy lachte. Er hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. „Danke, dass ich so lange dabei sein durfte. Es macht mich sehr froh mit anzusehen, wie glücklich die Patienten nach dem Eingriff sind.“

„Ja, ich bin glücklich“, bestätigte Mrs. Lee strahlend.

„Trotzdem behalten wir Sie noch eine Stunde lang hier, um Sie zu überwachen“, sagte Joanne freundlich. „Ihre Schwester kann aber gern hereinkommen und mit Ihnen warten. Außerdem habe ich Ihnen einen anderen Betablocker verordnet. Der wird Ihnen nachher aus der Apotheke gebracht.“

„In Ordnung.“ Mrs. Lee lächelte unter Tränen.

„Kommen Sie, Dr. Sanders? Ich begleite Sie hinaus“, forderte J...

Autor

Traci Douglass
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Susan Carlisle

Als Susan Carlisle in der 6. Klasse war, sprachen ihre Eltern ein Fernsehverbot aus, denn sie hatte eine schlechte Note in Mathe bekommen und sollte sich verbessern. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann sie damals damit zu lesen – das war der Anfang ihrer Liebesbeziehung zur Welt der Bücher....

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