Julia Extra Band 586

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  • Erscheinungstag 26.05.2026
  • Bandnummer 586
  • ISBN / Artikelnummer 0820260586
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Kim Lawrence, Dani Collins, Nina Milne, Melanie Milburne

JULIA EXTRA BAND 586

Kim Lawrence

PROLOG

Zwei Jahre zuvor

Mit gesenktem Kopf trat Lizzie in eine Pfütze. Reumütig dachte sie an ihre Jacke, die sie in der Eile vergessen hatte. Sie näherte sich den Stufen, die hinauf zu dem imposanten Portal des exklusiven Hotels führten. Hier fand der Empfang für die beiden Familien statt, die sich durch Heirat verbinden würden. Organisiert und bezahlt von Lizzies Vater.

Es war eine großzügige Geste, wo doch die Braut nicht seine Tochter, sondern nur seine Nichte war. Als Leiter einer erfolgreichen Kanzlei, die sich auf Seerechte spezialisierte, konnte er es sich leisten, und er erklärte oft genug, dass er auf Deb mindestens so stolz war wie auf eine eigene Tochter.

Lizzie, die seine Tochter war, ergatterte nie derart begeistertes Lob von ihrem Vater. Und das war schon so gewesen, ehe ihre Cousine, das Goldkind, beschlossen hatte, in die Reederfamilie Aetos einzuheiraten – die wichtigsten Klienten ihres Vaters.

Ihr Vater hätte es so direkt nie gesagt, aber Lizzie wusste, dass sie eine Enttäuschung war. Ihre Beziehung hatte sich verbessert, seit sie nicht länger versuchte, seine Zustimmung zu erringen, und sie begriff seinen Standpunkt. Anders als ihre Cousine war sie ihm beruflich nicht von Nutzen und auch nicht sonderlich dynamisch. Ihr Vater vergaß des Öfteren, dass sie sich im Raum befand, und das war ihr nur recht. Sie stand nicht gerne im Mittelpunkt.

Leise fluchend beschloss sie, den Schaden, den die Pfütze an ihren hellen Wildlederschuhen angerichtet hatten, nicht zu beachten. Ihre Stimmung hob sich, als sie den livrierten Türsteher sah, der ihr mit einem Schirm entgegeneilte, doch das Lächeln verschwand gleich wieder, als er an ihr vorbei auf jemanden zulief, den er offenbar für wichtiger hielt.

Jemanden, der nicht wie eine ertrunkene Ratte aussieht, dachte sie und wich mit stoischer Miene einem Paar aus, das die Treppe hinunterstürmte und dabei einen riesigen Schirm schwenkte.

Sie musste an ihr letztes Gespräch mit der Braut denken. Auf ihr Geständnis, dass sie sich fürchtete, Brautjungfer zu werden, hatte Deb mit verärgerter Langeweile reagiert: „Ich habe keine Ahnung, worüber du dir Sorgen machst. Dich sieht doch sowieso keiner.“ Damit hatte sie ihr glattes, silberblondes Haar zurückgeworfen und selbstzufrieden gelächelt, während sie die Wirkung an der Spiegelwand verfolgte. Diese hatte auch Lizzie in ihrem champignonfarbenen Kleid mit Puffärmeln gezeigt. Sie sah grässlich aus, aber sie bezweifelte, dass irgendwem diese Farbe stand.

„Man wird mich sehen, falls ich auf dem Weg zum Altar stolpere“, hatte Lizzie erklärt und die Massen von grauem Stoff vom Boden aufgehoben.

„Sei nicht albern. Das Kleid bekommt einen Saum, und du wirst keine Absätze tragen.“

„Nicht?“ Lizzie, die kaum eins sechzig groß war, kommentierte diese Information mit einer deprimierten Grimasse, ehe ihr einfiel, dass in diesem Kleid sowieso niemand ihre Beine sehen würde. Die hatten zwar keine Supermodel-Länge wie die ihrer Cousine, waren aber immerhin nicht schlecht.

„Und ich will dich als Brautjungfer. Du bist wie eine Schwester für mich.“ Mit einem Schmollmund küsste Deb sie auf die Wangen. „Jeder weiß das.“

Nicht jeder. Nur Lizzies Dad.

Manchmal fragte sich Lizzie, ob ihr Dad wirklich glaubte, sie wären wie Schwestern, oder ob das nur Wunschdenken war, weil Deb die Tochter war, die er sich insgeheim wünschte.

Ihr Vater hatte das Dilemma alleinerziehender Eltern perfekt gelöst, als Lizzies Mutter allzu früh gestorben war und Debs Mutter ihre Karriere als Model wieder aufgenommen und exotische Gegenden rund um den Globus bereist hatte.

„Deb kann bei uns bleiben. Sie kann Lizzie Gesellschaft leisten.“

Durch dieses Arrangement waren die beiden Mädchen praktisch zusammen aufgewachsen, und wenn Debs glamouröse Mutter mal zu Hause war, war Lizzie häufig bei ihnen gewesen.

Man behauptete, Gegensätze zögen sich an, aber im Fall von Lizzie und ihrer Cousine war das nicht der Fall gewesen. Auch deshalb hatte es Lizzie überrascht, dass Deb sie als Brautjunger wollte. Ihre Cousine hatte bekundet, sie wolle keine Horde nach Aufmerksamkeit heischender Brautjungfern, die versuchten, sie auszustechen.

Lizzie hatte dankend abgelehnt und erklärt, sie fühle sich für die Rolle ungeeignet.

In Tränen aufgelöst war Deb zu ihrem Onkel gegangen und hatte sich beklagt.

Ihr Vater war enttäuscht gewesen. Und Deb hatte herzzerreißend geweint, ohne dabei ihr Make-up zu ruinieren.

Welche Chance hätte Lizzie gehabt? Sie hätte dem Druck standhalten können, aber zu welchem Zweck? Es war besser, nachzugeben, denn sie wusste: Was Deb wollte, bekam sie, besonders, wenn es um etwas ging, das auch Lizzie wollte.

Zu den Dingen, die Deb im Laufe der Jahre gewollt hatte, hatte der junge Mann gehört, in den Lizzie verliebt war. So verliebt, dass sie ihn mit nach Hause brachte, um ihn ihrem Vater vorzustellen.

Schwerer Fehler.

Deb hatte nur ein paar Schmollmünder ziehen und ihr Haar werfen müssen, um ihn vergessen zu lassen, dass Lizzie existierte. Sie hatte sich eingeredet, der Flirt beim Abendessen wäre nur Geplänkel. Als sie aber ging, um nachzusehen, ob ihr Freund sich auf der Suche nach der Toilette verlaufen hatte, und ihn umschlungen mit Deb auf dem Boden des Badezimmers fand, war keine positive Deutung mehr möglich.

Inzwischen konnte sie fast darüber lachen.

Zumindest hatte sie frühzeitig gelernt, dass jemand, den man liebte, die Macht besaß, einen zu verletzen. Lizzie war nicht scharf darauf, verletzt zu werden. Umso weniger genoss sie den Schmerz, als sie kopfüber mit etwas zusammenstieß, das ihr hart wie aus Stein vorkam.

Durch den Aufprall wich sie zurück, verkrampfte sich vor Angst, nach hinten wegzukippen, und wedelte wie eine Comicfigur mit den Armen, um die Balance zurückzugewinnen. Dann aber schloss sich eine große Hand um ihren Unterarm und versuchte, sie wieder auf die Stufe zu ziehen. Lizzie streckte die Hand aus und umfasste ein Stück Stoff, das ihr durch die Finger glitt.

Bruchteile einer Sekunde später hatte sie das Gleichgewicht wiedergewonnen, und ihre Hand klemmte zwischen einer weit größeren Hand und einem harten, warmen männlichen Brustkorb. Sie fühlte den Herzschlag des Fremden, und in diesem sonderbaren Moment der Intimität passte ihr eigener Herzschlag sich diesem an.

„Passen Sie auf, wo Sie hintreten.“

Die Stimme war samtig, tief und dunkel, doch der scharfe Unterton darin verriet Ungeduld und riss sie aus dem seltsam verzauberten Moment.

Lizzie schüttelte den Kopf. Instinktiv hatte sie sich entschuldigen wollen, doch der Ärger in seiner Stimme hinderte sie. Die Neigung, sich für alles zu entschuldigen, war etwas, das sie sich abgewöhnen wollte.

Sie reckte ihr Kinn und blickte hoch über ihr in ein Gesicht.

Einerseits war es ihr vertraut. Man hätte die letzten Jahre auf einer einsamen Insel verbringen müssen, um es nicht zu kennen, doch sie kannte es keinesfalls aus solcher Nähe – so nah, dass sie den dunklen Schatten auf seinem glattrasierten Kinn erkennen konnte, der anzeigte, wo Bartstoppeln sprießen würden.

Nah genug, um sich im Kraftfeld seiner rohen Männlichkeit unwohl zu fühlen und sich der überwältigenden Sinnlichkeit bewusst zu sein, die er aus jeder perfekten Pore ausstrahlte. Im realen Leben wirkte alles an ihm stärker, von der Symmetrie seiner gemeißelten Züge, dem kantigen Kinn, der Adlernase und den scharfen Wangenknochen, bis zu den Augen unter schweren Lidern, langen Wimpern sowie dichten, pechschwarzen Brauen und der Erotik seines Mundes, von dem es hieß, er hätte Tausende von Fantasien beflügelt.

Während Lizzie den Schimmer seiner olivfarbenen Haut wahrnahm, zweifelte sie an dieser Behauptung nicht länger.

Adonis machte sich nicht die Mühe, zu analysieren, warum es ihm so seltsam widerstrebte, die kleine Hand loszulassen, die auf seiner Brust lag. Er betrachte das Gesicht, das zu ihm aufblickte.

Kein schönes Gesicht, aber herzförmig und mit verblüffend klarer Haut, was durch die Sommersprossen auf ihren glatten, runden Wangen und ihrer kleinen Nase noch betont wurde. Sie hatte Katzenaugen, die unglaublich blau und zu groß waren. Auch ihr Mund war zu groß, die vollen Lippen von einer geradezu unverschämten Sinnlichkeit.

Er fühlte sich, als wäre er in eine Wand aus betäubender, roher Lust getreten – etwas an diesem Gesicht rief Hunger in ihm wach. Er senkte den Kopf, und sein Blick landete auf dem gebauschten Stoff um ihre Körpermitte. Mit einem Schlag kühlte die Realität seine Sinne ab: Die Frau war schwanger.

„Alles in Ordnung mit Ihnen? In Ihrem Zustand sollten Sie wirklich vorsichtiger sein.“

Sie stellte fest, dass der Mann, der als erotischster Mann auf dem Planeten bezeichnet wurde, nicht länger in ihr Gesicht blickte.

„In meinem Zustand?“, begann sie und versuchte, sich von dem seltsamen Bann zu befreien, der sie am Boden festzunageln schien.

Insgeheim rechnete sie es ihm an, dass er nicht auf ihre Brüste starrte. Allzu viele Männer schlossen von der Größe der Brüste einer Frau auf ihre sexuelle Verfügbarkeit, und Lizzies Brüste waren nicht gerade klein. Sein Blick ruhte auf ihrer Mitte, wo der Wind ihr Kleid aufblies.

„Sie sollten in Ihrem Zustand besser Acht geben“, wiederholte er.

Aus Verwirrung wurde Erschrecken. Dachte er etwa, sie wäre schwanger? Das Gefühl der Demütigung schoss siedend heiß durch ihre Adern.

Die Veränderung ihrer Gesichtsfarbe beunruhigte ihn. Er hatte keine Lust auf eine schwangere Frau, die ihm zu Füßen in Ohnmacht sank. „Ist Ihnen nicht wohl? Wollen Sie sich setzen?“

Mit einer Geste wehrte sie ihn ab, obwohl er nicht versuchte, sie zu berühren. „Ich soll Acht geben?“, blaffte sie. „Na bestens. Sie haben doch mich angerempelt. Ich hasse es einfach, wenn Leute … Männer … sich benehmen, als müsste ihnen jeder aus dem Weg springen.“

Überrumpelt konnte er nicht sofort auf den Angriff reagieren. Während des kurzen Schweigens, das auf ihren zornigen Ausbruch folgte, erkannte er Wut und Verachtung in ihren hellblauen Augen.

„Dann ist es ja gut, dass ich Bescheid weiß.“

Von dem Sarkasmus in seiner sanften Stimme bekam sie Zahnschmerzen.

„Ehrlich gesagt haben aber Sie mich angerempelt.“ Er wusste nicht, ob ihr Ausbruch einer Persönlichkeitsstörung oder den Schwangerschaftshormonen entstammte, aber seine Bereitschaft, sie zu entschuldigen, war begrenzt. Für gewöhnlich erlaubte er niemandem, so mit ihm zu sprechen.

„Darüber ließe sich diskutieren“, warf sie zurück. „Aber ich habe Besseres zu tun.“

Er sah sie davonstapfen, wobei sich Strähnen ihres dichten, kastanienbraunen Haars aus dem Knoten in ihrem Nacken lösten und über den Rücken des grauenvollen, senffarbenen Kleides fielen. Die aggressive kleine Füchsin folgte eindeutig nicht dem Trend, einen Babybauch stolz in enganliegender Kleidung vorzuführen.

Schwanger … nicht zu fassen, durchfuhr es Lizzie, während sie wutschnaubend die in Gold gehaltene Empfangshalle betrat. „Und mir hat er auch noch leidgetan“, murmelte sie leise.

Sie atmete tief durch und erinnerte sich an das Gespräch, das dieses Mitleid ausgelöst hatte. Deb hatte ihr aus einem Hochglanzmagazin vorgelesen: sämtliche Schlagzeilen zu den Bildern von ihr und ihrem künftigen Ehemann, eine detaillierte Beschreibung ihrer Kleidung und die Namen der Designer, die sie mit Gratis-Produkten überhäuften, weil sie einen Aetos heiratete.

Lizzie hatte kaum zugehört.

„Ich hatte Sorge wegen der neuen Koloristin … aber sie ist uns sehr empfohlen worden.“

„Dein Haar sieht hübsch aus“, hatte Lizzie gesagt.

„Adonis dachte, ich mache Witze, als ich ihn gefragt habe, ob er nicht mal eine hellere Farbe versuchen will.“

„Er sieht blendend aus“, hatte Lizzie zugegeben und den Mann betrachtet, der ihr unglaublich attraktiv von den Zeitungsseiten entgegenstarrte. Niemand konnte so gut aussehen! Sie hatte geglaubt, es müsse am Licht und ein paar geschickten Filtern liegen, doch nun wusste sie, dass es anders war.

Sie erinnerte sich an Debs Antwort, empfand jetzt aber weit weniger Mitleid mit ihm: „Blendend? Nun ja, ich würde natürlich keinen hässlichen Mann heiraten, und wenn er noch so reich wäre. So hübsch wie Luke oder Stephan ist er nicht, aber die waren nichts auf Dauer.“

Lizzie hatte mehrere Sekunden gebraucht, um zu begreifen, dass das kein Witz war. Ihre Cousine zog allen Ernstes die zwei blond gesträhnten, wie geklonten Typen, mit denen sie ausgegangen war, dem Mann, den sie heiraten wollte, vor.

Es gab noch ein paar, an deren Namen Lizzie sich nicht erinnerte. Sie wusste nur, dass ihr Vater und ihre Tante froh gewesen waren, weil Deb sich amüsierte. Vermutlich schien ihnen alles besser als der verheiratete Mann, mit dem sie sich mit Anfang zwanzig eingelassen hatte.

„Ich weiß, er ist reich, aber du brauchst sein Geld nicht. Du musst ihn nicht heiraten, wenn du ihn nicht liebst.“

„Du bist manchmal so kindisch, Lizzie. Natürlich will ich ihn heiraten – er ist Adonis Aetos. Er hält mich für perfekt, und darauf kommt es an. Alle anderen wollten ihn, und ich habe ihn bekommen.“

In den Augen ihrer hübschen, oberflächlichen Cousine war das das Wichtigste, und deshalb hatte Lizzie flüchtig Mitleid mit ihrem Bräutigam empfunden. Jetzt, wo sie ihm begegnet war, fand sie, dass sie einander verdient hatten.

Nach der Begegnung mit dem ungehobelten Griechen hatte sie noch immer Herzklopfen. In einem goldgerahmten Spiegel erkannte sie ihr Spiegelbild.

Aus ihrer Wut wurde Entsetzen. In der senfgelben Seide – angeblich die Farbe der Saison – sah sie aus wie ein Ballon, der gleich abheben würde. Der Rock fiel von einem gesmokten Oberteil herab, das ihre Brüste flach drückte und sie zugleich noch größer erscheinen ließ.

Es war ihre eigene Schuld. Warum hatte sie der eleganten, spindeldürren Verkäuferin geglaubt, die etwas von schmeichelhaftem Licht gefaselt hatte?

Sie zuckte mit den Schultern, und ihr Humor rettete sie. Es war nur ein Kleid. Solange sie Spiegeln auswich, würde sie den Abend überleben.

Wenn es um Dinge ging, die ihr wichtig waren, konnte Lizzie zur Kämpferin werden, aber Kleidung bedeutete ihr nichts. Die Verkäuferin hatte behauptet, dunklere Farben würden füllige Frauen nicht schlanker machen, und zu dem Zeitpunkt hatte Lizzie ihren Kampfeswillen bereits verloren. Außerdem war sie mit dem neuen Illustrator verabredet, bereits spät dran, und auf sie würde sowieso niemand achten. Es war Debs Abend.

Aber natürlich würde man doch auf sie achten, und zwar nicht aus erfreulichen Gründen. Sie zwang sich zum Lächeln und dachte: Na komm schon, morgen spendest du den ganzen Rüschenkram einem Second-Hand-Shop. Und mit Kleidung war ihr schon Schlimmeres geschehen. Einmal waren ihr beim Volleyballspielen am Strand die Brüste aus den Körbchen ihres sich öffnenden Bikinis gequollen.

Den Rest des Urlaubs hatte sie in einem Kaftan verbracht, während ihre sogenannten Freundinnen ihre flachen Bäuche und kessen Brüste in knappen Oberteilen vorführten. Später war ihr klargeworden, dass man sie ohnehin nur mitgenommen hatte, um die Kosten für die Villa zu senken.

Das Kleid war zwar teuer gewesen, aber dafür würde ja ihr Vater bezahlen. Er hatte erklärt, er wolle nicht, dass die Familie Aetos sie für eine Angestellte hielt. Hätte Lizzie teure Kleider gewollt, hätte sie sie sich selbst leisten können. Ihr Vater hatte allerdings noch nicht begriffen, dass ihr „kleines Hobby“ sich auszahlte.

Als ihr erstes selbst veröffentlichtes Buch – Die Feministenkatze, die Geschichte der romantischen Katastrophen einer Mitzwanzigerin aus der Sicht ihrer Katze – über Nacht zum Erfolg wurde, war niemand überraschter gewesen als sie selbst. Inzwischen bestand die Reihe bereits aus vier Büchern, sie hatte einen Verleger und einen Agenten. Ihr Vater aber beharrte darauf, dass ihn ihr Hobby zwar freute, sie jedoch nicht so dumm sein sollte, ihren Job aufzugeben.

Eine Tür schwang auf, und sie entdeckte eine Reihe von geschmackvollen Toilettentischen. Eine gute Gelegenheit, um ihre vom Regen ruinierte Frisur und ihr Gesicht herzurichten. Vor dem Spiegel drückte sie die Rüschen, die ihre Schultern riesig wirken ließen, platt, atmete tief ein und erinnerte sich an Debs Worte: Niemand würde sie ansehen.

Selbst wenn sie ein hochgewachsenes Supermodel gewesen wäre, hätte niemand sie angesehen. Nicht, wenn Deb im Raum war. Ihre Cousine hatte etwas an sich, das andere Frauen unsichtbar machte.

Deb strahlte.

Sie strahlte auch, als Lizzie unauffällig in den Saal schlüpfte, wo die beiden Familien mit Champagnergläsern in der Hand versammelt standen, ehe das offizielle Kennenlern-Essen begann.

Lizzie hielt sich an Mineralwasser und stand an der Wand, wo sie mit dem Muster der Tapete verschmolz. Sie versuchte einzuschätzen, wie grauenhaft der Abend werden würde. Ein oder zwei Frauen trugen ebenfalls weite Kleider, eine sogar dieselbe Farbe wie Lizzie, aber damit endeten die Ähnlichkeiten.

Der Abend würde extrem grauenhaft werden.

Am anderen Ende des Saales stellte Deb eine Halskette zur Schau, von der sie Lizzie triumphierend erzählt hatte, sie wäre eine Million wert. Sie glitzerte an ihrem Schwanenhals, und der Diamantring an ihrem Finger passte dazu.

Ihr Leben war wirklich ein Traum – ihr Traum. Lizzie hätte für alle Diamanten der Welt nicht als Zielscheibe der Klatschreporter leben und ständig vor Paparazzi flüchten wollen.

Das konnte kein Mann wert sein und ganz sicher nicht der, der gerade durch den Raum ging und sämtliche Blicke auf sich zog. Sie sah, wie die hochgewachsene Gestalt graziös auf Deb zusteuerte, und musste an eine gutgekleidete, unglaublich attraktive Motte auf dem Weg zum Licht denken.

Seine Art, sich zu bewegen, war faszinierend – wie die einer Dschungelkatze auf Beutefang. Man wollte nicht hinsehen, aber man konnte nicht anders.

Die Leute, die nicht Deb anstarrten, betrachteten ihren künftigen Ehemann Adonis Aetos, den Erben eines griechischen Reederei-Vermögens. Sein dunkles Haar wuchs ihm auf charakteristische Weise in die breite, gebräunte Stirn. Seine markanten Züge waren perfekt, die hohen Wangenknochen, die Flächen und Kurven so symmetrisch, dass er feminin hätte wirken können, zumal noch die üppige Sinnlichkeit seiner vollen Oberlippe hinzukam. Nur wirkte er nicht so. Er war ganz rohe, unverdünnte Männlichkeit.

Ihr Magen drehte sich um, als ihr einfiel, wie sie ihm vorhin in die Augen gesehen und wie er angenommen hatte, sie sei schwanger.

Sie sah, wie er besitzergreifend den Arm um Debs Taille legte. Ihre Cousine neigte ihren schönen Kopf, um sich auf die Wange küssen zu lassen. Er murmelte etwas, das Deb silbrig auflachen ließ.

„Lizzie, ich muss mir die Nase pudern.“

Lizzie fuhr zusammen, zwang sich zum Lächeln und begrüßte ihre Taufpatin, die ihr Kleid begutachtete.

„Deine Mutter hatte so einen guten Geschmack“, klagte sie.

Lizzie zwang sich, weiter zu lächeln.

„Ich muss zur Toilette. Komm mit“, befahl ihre Patin. „Du solltest etwas mit deinen Haaren tun.“

Zehn Minuten später schlüpfte Lizzie wieder in den Saal mit dem Champagner-Empfang. Ihr Haar sah mehr oder weniger genauso aus wie vorher.

Sie hielt im Schritt inne. Vor ihr standen ihre Cousine und Adonis Aetos. Sie bemerkten sie nicht. Sollte sie vortreten und sich lässig vorstellen?

Nein, besser war es, sich leise zurückzuziehen, nicht aus Feigheit, sondern um ihre Kräfte zu schonen. Der heutige Abend würde ihre Ausdauer auf die Probe stellen.

Sie hatte ihren Fluchtplan noch nicht in die Tat umgesetzt, als Adonis’ tiefe, markante Stimme an ihr Ohr drang.

„Deine Cousine, die du gebeten hast, deine Brautjungfer zu sein.“ 

„Die arme, liebe Lizzie. Wir sind wie Schwestern.“

„Sie arbeitet mit euch im Familienunternehmen?“, hörte Lizzie ihn fragen.

„Leider nein, obwohl mein Onkel alles versucht. Er hat ihr sämtliche Türen geöffnet.“ Ihr theatralisches Seufzen ließ Lizzie die Fäuste ballen. „Aber du weißt ja, wie manche Leute sind – sie halten nichts lange durch. Lizzie blieb nur eine Woche. Manchmal ist es eben so bei diesen kleinen, unauffälligen Menschen – sie haben keinen Antrieb. Sie hat wirklich Angst vor ihrem eigenen Schatten. Ich sage es nicht gerne, aber …“

Aber du sagst es trotzdem, dachte Lizzie.

„Ich fürchte, sie ist einfach ein typisches reiches Mädchen. Ihr Daddy bezahlt ihre Rechnungen, ihre Miete, alles. Sie hilft irgendwo freiwillig aus, glaube ich, sie ist wirklich eine graue Maus und träumt wohl davon, Schriftstellerin zu werden.“

„Graue Maus?“

Lizzie sah, wie seine dunklen Brauen sich zu einer Linie zusammenzogen.

„Liege ich richtig, ist es die kleine Frau im gelben Zelt?“

Deb lachte über die Beschreibung. „Oh Gott, ja, das Kleid. Lizzie steht mit der Mode auf Kriegsfuß. Sie mag Zelte. Für gewöhnlich sind sie allerdings schwarz, braun oder dunkelblau. Ich habe sie immer ermutigt, etwas aus sich zu machen.“

„Mir ist klar, dass du sie gern magst, aber hältst du es wirklich für eine gute Idee, eine Schwangere als Brautjungfer zu haben? Am Ende kommt sie in der Kirche nieder.“

Debs grausames Kichern ließ Lizzie zusammenzucken. Sie atmete ein, sodass ihre Brüste gegen den engen, senffarbenen Stoff schwollen. „Sie ist nicht schwanger, Liebling. Sie ist nur, wie soll ich sagen … stämmig?“

Adonis blickte über Debs Schulter und fand sich Auge in Auge mit der grauen Maus von Cousine. Wenn ihr flammender blauer Blick hätte töten können, hätte er sich mausetot auf dem Boden wiedergefunden.

Wäre dies hier ein Film gewesen, hätte Lizzie eine Verwandlung à la Cinderella durchgemacht, zehn Kilo abgenommen und wäre mittendrin wieder aufgetaucht, um sich an dem Mann zu rächen, der sie hoffnungslos in sich verliebt gemacht und gedemütigt hatte. Natürlich hätte sie ihn abgewiesen, und er wäre als gebrochener Mann davongekrochen.

Der Triumph ihrer Fantasie verflog, und die Realität setzte ein. Das hier war kein Film. Es war die Wirklichkeit, und sie war kein Teenager mehr, der an Märchen glaubte.

Sie hatte länger als die meisten an Märchen geglaubt. Sogar noch, als sie sich ihren ersten Büstenhalter gekauft hatte, ein lang ersehntes Ereignis, denn sie war eine Spätentwicklerin gewesen.

Sie erinnerte sich an das erregte Flattern im Bauch, als sie die Reihen der hübschen Spitzenteile entdeckt hatte, auf die ihre Cousine zugestrebt war. Ihre Tante aber hatte sie an den bunten Auslagen vorbeigeschoben, hin zu einem Ständer, an dem es weder Farbe noch Spitze gab. Dies waren Verkleinerungs-Büstenhalter, hatte sie Lizzie erklärt, sie würden ihren Umfang um eine volle Größe reduzieren.

In der Wirklichkeit würde sie nicht abnehmen, zum einen, weil sie den Tabellen zufolge gar nicht übergewichtig war, und zum andern, weil sie gerne aß. Sie wandte dem glücklichen Paar den Rücken zu und griff nach einem Canapé.

1. KAPITEL

Adonis trat aus der Dusche und fuhr sich mit den Fingern durch die tropfenden Strähnen seines pechschwarzen Haars. Ein kurzer Blick in den beschlagenen Spiegel verriet ihm, dass es Zeit für einen Schnitt war. Die Wellen lockten sich in seinem Nacken, was ihn ärgerte.

Hastig trocknete er sich ab, streifte ein Paar Boxershorts über und griff nach seinem Rasierer, als sein Handy klingelte. Er sah, wer der Anrufer war, und ein halbes Lächeln umspielte seine sinnlich geformten Lippen.

„Ich dachte, du stehst im Urlaub erst mittags auf, Jack.“

„Es ist harte Arbeit, meinen Ruf als Hedonist aufrechtzuerhalten.“ Die lässige Antwort seines Freundes trieb Adonis ein Grinsen auf die Lippen. „Ich dachte, als dein bester oder eher dein einziger Freund …“

„Vielen Dank“, kam die trockene Unterbrechung.

„Man muss schon wild entschlossen sein, um sich durch den eisernen Ring deiner Leibwächter zu kämpfen. Ganz zu schweigen von deinen Vertrauensproblemen. Um aber auf den Grund meines Anrufs zurückzukommen: Ich wollte dir gratulieren. Ein bisschen beleidigt bin ich ja, dass ich es als Letzter erfahre.“ Hinter der frotzelnden Antwort stand ein hörbares Fragezeichen.

Adonis warf sich ein Handtuch um und trat vor die Fensterwand seiner Penthouse-Wohnung. Er rieb sich über die Stoppeln am Kinn, ehe sein Blick vom Schirm des Laptops auf seinem Schreibtisch zu der grandiosen Aussicht über die Stadt zu seinen Füßen schweifte.

„Der Letzte, der was erfährt?“ Seine Brauen zuckten. Hatte jemand Informationen über den Deal durchsickern lassen, den er letzten Monat abgeschlossen hatte?

„Das mit deiner Heirat. Steht der Termin schon fest?“

Adonis’ Augen verengten sich. Der Witz war nicht komisch, schon gar nicht, wenn man das Datum bedachte. Vor zwei Jahren hätte er mit seiner schönen Braut vor den Altar treten sollen.

Und Deb war schön gewesen, dachte er, während er sich mit aufrichtiger Trauer ihr Gesicht ins Gedächtnis rief. Sie hatte das ganze Leben vor sich gehabt und alles besessen, einschließlich ihn.

Ein selbstironisches Lächeln spielte um seine Lippen. Die schöne Deb hatte ihn zum Narren gehalten, was er erst nach ihrem Tod herausgefunden hatte: Neben ihr und dem Piloten des Helikopters war eine dritte Leiche im Wrack gefunden worden.

Er war als älterer Mann identifiziert worden, weder vermögend noch einflussreich, verheiratet, und wie sich herausstellte, ihr langjähriger Liebhaber. Es war Adonis ein Rätsel, wie sein Großvater diesen Umstand vertuscht hatte. Er musste eine Menge Gefallen eingefordert haben, um vor der Welt zu verbergen, dass sein Enkel ein Trottel war.

Adonis’ Stolz hatte einen enormen Schlag erhalten, als er erkannt hatte, dass mit ihm gespielt worden war. Die Gerüchte über seine Unfehlbarkeit waren übertrieben, stellte er mit einer zynischen Grimasse fest.

Dass er von ihrer Treue überzeugt gewesen war, erschien ihm nun lächerlich. Noch verstörender war, dass er ihr Wort so bereitwillig akzeptiert hatte, als sie ihren höchst zivilisierten Vertrag geschlossen hatten. Im Rückblick war das idiotisch. Wenn Deb das eine Kind, auf das sie sich in ihrem Arrangement geeinigt hatten, tatsächlich bekommen hätte, wäre es wohl kaum von ihm gewesen.

Aber das waren sinnlose Überlegungen. Es gab keine Ehefrau, kein Kind und nicht einmal eine Scheidung. Weniger als ihre Schönheit hatte ihn die Überzeugung geblendet, er habe seine perfekte Braut gefunden: schön, ehrgeizig, nicht anhänglich und vor allem nicht in ihn verliebt. Ein Umstand, den sie bereitwillig zugegeben hatte, als er ihr das erste Mal die Ehe vorgeschlagen hatte.

Er hatte offen bekannt, nicht in sie verliebt zu sein, und fühlte sich bestätigt, als sie ihm erklärte, das sei kein Problem.

Vor der Möglichkeit einer Scheidung war sie nicht zurückgeschreckt, und Adonis hatte sich gratuliert: Sie war die perfekte Braut. Für die meisten Leute bedeutete die Ehe, für immer zusammenzubleiben und Kinder aufzuziehen. Für Adonis war der Gedanke, zusammenzubleiben, völlig unrealistisch, aber wie stand es mit Kindern?

Er wäre gern ledig geblieben, aber sein Großvater hatte ihm als jungem Mann klargemacht, dass es seine Pflicht war, einen Erben zu zeugen, um den Namen der Aetos weiterzuführen. Natürlich konnte man auch unehelich ein Kind zeugen, aber es war nun einmal so, dass ein Ehevertrag die Rechte eines Vaters sicherte.

Er hatte nie nach einer Frau gesucht, die sich für seine Seelengefährtin hielt. Das Letzte, was Adonis wollte, war eine ergebene Liebe, wie seine Eltern sie teilten.

Diese Art romantischer Liebe glich seiner Meinung nach keiner Partnerschaft, sondern einer Obsession, die zu stürmischen Kämpfen und ebenso emotionalen Versöhnungen führte. Als Kind hatte er gelernt, sich niemals zu entspannen. Im friedlichsten Moment konnte ohne Vorwarnung ein gnadenloser Krieg ausbrechen.

Und er stand in der Mitte. Seine frühesten Erinnerungen bestanden darin, dass er gedrängt worden war, in ihrem jeweiligen Streit Partei zu ergreifen. Er hatte die Zeiten vorgezogen, in denen sie vergessen hatten, dass er existierte.

Er war froh gewesen, als sie ihn im Alter von sieben Jahren auf ein Internat geschickt hatten. Und er hatte nicht die ersten Wochen weinend verbracht, weil er seine Eltern vermisste. Sowieso hatte er meist mehr Kontakt mit dem Hotelpersonal als mit seinen Eltern gehabt. Lediglich das Essen im Internat entsprach nicht dem Standard, den er vom Zimmerservice in den Fünf-Sterne-Hotels gewohnt war. In jenen hatte er einen großen Teil seines jungen Lebens verbracht.

In den Ferien war er bei seinem Großvater abgeladen worden und hatte lange Wochen auf der privaten Insel seiner Familie verbracht, was allen Beteiligten entgegenkam. Während seine Eltern als Liebespaar von einem Badeort zum nächsten gezogen waren, war er auf der Insel herumgetollt und hatte zugleich die Verantwortung kennengelernt, die mit dem Namen Aetos einherging. Und die Privilegien, die er nie für selbstverständlich halten sollte.

Er hatte nichts gegen schöne Dinge oder Menschen. Er kannte den Reiz der Schönheit. Debs entzückendes Gesicht kam ihm in den Sinn. Die Ironie war ihm jetzt bewusst: Er war beeindruckt gewesen, als sie offen eingestanden hatte, dass sie den Status genießen würde, wenn sie mit ihm verheiratet war. Und den Sex bestimmt auch.

„Und da wir davon sprechen … ich bin sicher, Sex wird toll sein, aber da wir hier ja einen Vertrag schließen, möchte ich warten, bis die Tinte getrocknet ist.“

Diese Haltung war selbst ihm zu nüchtern gewesen, aber die Logik leuchtete ihm ein. Schließlich erhob er ja keinen Anspruch auf sie, wollte sie nicht besitzen wie sein Vater seine Mutter.

Zumindest hatte er sie nicht geliebt. Wie konnte ein Mann, der an die Liebe nicht glaubte, sich als deren Opfer betrachten? Er war ein Opfer seiner eigenen Arroganz und fehlenden Urteilskraft, und das war kein Grund, stolz zu sein.

Er hatte die Sache übel in den Sand gesetzt, aber er würde seinen Irrtum nicht wiederholen. Auch wenn sein Großvater zunehmend ärgerlicher wurde, würde er sich nicht in eine Ehe zwingen lassen.

Sein Freund unterbrach den Strom seiner Gedanken: „Es war also ein Geheimnis? Jetzt ist es keines mehr.“

„Schluss mit den kryptischen Andeutungen, Jack. Komm zur Pointe. Ich habe in einer Stunde ein Meeting, ich bin nicht im Urlaub.“ Resolut schloss er den Laptop.

„Keine Pointe, kein Witz. Ich halte den Beweis in der Hand.“ Durch die Leitung drang das Knistern von Papier. „Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als ich darauf gestoßen bin. ‚Die Familien freuen sich, die Verlobung zwischen Mr. Adonis Athan Aetos und Miss Elizabeth Rose Sinclair bekanntzugeben.‘

Mit dem Handy am Ohr betrat er den begehbaren Kleiderschrank und wählte einen Anzug aus. „Ich kenne gar keine Elizabeth Rose Sinclair.“

„Die Tochter von Rafe Sinclair?“

„Rafe Sinclair? Der hat eine Tochter?“ Damit wäre sie Debs Cousine. Ein Gesicht kam ihm in den Sinn: große Katzenaugen, runde Wangen, ein kleines Kinn, dieser Mund … die sogenannte Maus mit dem funkelnden Zorn in den Augen.

Keine Maus, wie er es sich vorstellte. Wurde es brenzlig für sie, jetzt, wo die Finanzen ihres Vaters den Bach hinuntergingen? Suchte sie nach einer neuen Einkommensquelle, um Daddy zu ersetzen?

Seine Gedanken überschlugen sich, während er nach einem frischen Hemd griff und in sein Schlafzimmer zurückkehrte.

„Sie war … Debs Brautjungfer, oder sie wäre es geworden.“

Stattdessen hatte er sie auf dem Begräbnis das letzte Mal gesehen. In einem schwarzen Zelt war sie vor ihn hingetreten, die Augen riesig in dem blassen Gesicht. Wie ihre Cousine spielte sie ihre Rolle gut. Ihre Lippen hatten gezittert, als sie ihre platte Floskel vorgetragen hatte: „Mein Beileid.“

Die restliche Zeit über hatte sie ihren Vater gestützt. Rafe Sinclair schien kurz vor einem Zusammenbruch. Und nun war seine Tochter wohl Teil eines Komplotts, um Adonis in die Ehefalle zu treiben. Natürlich hatte sie das nicht allein ausgeheckt. Er konnte die Hand seines Großvaters darin erkennen, und bei seinen Finanzproblemen steckte ihr Vater sicher auch mit drin. Wie viel Schuld trägt seine neue Braut? fragte er sich mit zynischem Lächeln.

Er war wütend.

Er war neugierig.

Hatte sie gewusst, dass ihre Cousine einen verheirateten Liebhaber hatte? Hatte ihr das die Frechheit verliehen, anzunehmen, er würde auf diesen billigen Trick hereinfallen?

„Ich bin also verlobt. Interessant. Danke für die Information und bis später.“ Er legte auf.

Sein nächster Anruf galt seiner Sekretärin, die für sein sorgfältig geplantes Leben zuständig war. Sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern platzte sofort heraus: „Verlobt! Warum hast du mir nichts gesagt? Ich werde hier überflutet und habe noch nicht einmal eine Erklärung.“

Er fiel ihr ins Wort. „Sag das Meeting ab.“

„Ist abgesagt.“

„Sag am besten den ganzen Tag ab, Jenna.“

„Ist es wahr?“

Adonis erwog die Möglichkeiten und hielt sich alles offen. „Das wird sich zeigen.“

Lizzie war spät dran. Sie rollte ihr dichtes Haar zu einem Knoten und steckte es am Kopf fest. Die dicken Strähnen, die sich lösten, ignorierte sie und sah nicht einmal in den Spiegel. Schließlich schnappte sie sich die Scheibe gebutterten Toast, die zu essen sie nicht geschafft hatte, und warf einen Blick auf ihr Handy, ehe sie es in ihre Tasche gleiten ließ.

Die Anzahl der verpassten Anrufe und Nachrichten brachte ihre dunklen Brauen zum Zucken.

„Keine Zeit“, murmelte sie und wich der verärgerten Katze aus, die ihr um die Beine strich und nach Aufmerksamkeit verlangte. Da sie dem erbärmlichen Miauen nicht widerstehen konnte, schüttete sie etwas Trockenfutter in den halbvollen Napf. „Du wirst fett.“

Die Katze sandte ihr einen vielsagenden Blick und ging mit zuckendem Schwanz davon.

Lizzies Handy klingelte. Sie sah die Nummer ihres Vaters und ignorierte sie. Sie würde ihn später zurückrufen. Sie hatte sich ein bisschen um ihn gesorgt, als er ihren Lunch am letzten Sonntag abgesagt hatte. Seit sie daheim ausgezogen war, waren diese Sonntage eine feste Tradition geworden. Und bei ihrem letzten Treffen hatte er sie überhaupt nicht nach ihrem Liebesleben ausgefragt. Außerdem hatte er gesagt, sie sehe hübsch aus, was sowohl ungewöhnlich als auch unzutreffend war.

Sie prüfte die Zeit auf ihrem Handy, ehe sie es wieder in die Tasche steckte. Sollte sie im Stall anrufen und Bescheid geben, dass sie sich verspäten würde? Sie beschloss, sich lieber auf den Weg zu machen.

Ihr Vater schätzte ihre Arbeitsmoral und auch, dass sie ihren Job behalten hatte. Anerkennung von ihrem Vater gab es selten, also hatte sie ihm nicht erzählt, dass sie im Reitstall für Menschen mit Behinderungen aushalf, in dem sie nach der Schule gearbeitet hatte. Zwar wurde sie nicht bezahlt, aber das berechtigte sie ihrer Meinung nach nicht, zu spät zu kommen.

Ihr viktorianisches Cottage bestand aus einem offenen Wohnbereich im Erdgeschoss sowie zwei Schlafzimmern und einem Bad oben. Sie eilte die Treppe hinunter, warf sich ihre Tasche über die Schulter und stieß die Tür auf.

Für gewöhnlich trat sie hinaus auf den Pfad zwischen dem kleinen Stück Rasen und dem Beet voll duftendem Lavendel. Jetzt aber war kein Rasen mehr zu sehen, und ihr Lavendel war zertreten. Vor ihr erstreckte sich ein Meer von Körpern und Gesichtern. Das Meer zog sich über ihren Garten und die Straße hinweg und erzeugte einen Wall aus Lärm.

Verwirrt stand sie da, während sie von allen Seiten mit Fragen bombardiert wurde. Wie ein umzingeltes Tier sah sie sich nach der Tür um, doch diese war nun hinter Menschen verborgen, die sich dazwischen drängten und ihr den Fluchtweg abschnitten.

Lizzie hasste Menschenmengen. Panik stieg in ihr auf, und sie kämpfte gegen das schreckliche Gefühl, unter dem Druck der Körper zu ersticken. Genauso hatten die Mäntel sie niedergedrückt, wenn Deb sie „aus Versehen“ im Kleiderschrank eingesperrt hatte.

„Entschuldigen Sie, Sie sprechen mit der falschen Person“, rief sie, doch mit Höflichkeit erreichte sie nichts. Also senkte sie den Kopf und versuchte, sich mit den Ellbogen einen Weg zu bahnen. Es war, als kämpfe man gegen eine Flutwelle.

Was immer sie sagte, hatte keine Wirkung. Womöglich kamen die Leute sogar noch näher. Lizzie hatte gewaltige Probleme mit Klaustrophobie. Sie konzentrierte sich auf ihren Atem, um nicht zu hyperventilieren. Vor ihren Augen tanzten rote Punkte.

Sie war noch nie ohnmächtig geworden, und dies war kein guter Moment für das erste Mal.

„Ich bin vom …“

„Exklusiv-Bericht!“

„Wo ist der Ring, Lizzie Rose?“

Ihr Blick flog hin und her und blieb an einem Mann hängen, der die anderen um gut einen Kopf überragte. Er bewegte sich mit lässiger Leichtigkeit durch das Gedränge, sein Gesicht hinter dem getönten Visier eines Helms verborgen.

Sie hatte seinen Weg verfolgt, und dennoch schrak sie zusammen, als er an ihrer Seite auftauchte. Als seine Hand sich um ihren Arm schloss, blickte sie zu ihm auf. Er war sehr groß, breitschultrig und athletisch-schlank.

Sie sah ihr Spiegelbild im Visier seines Helms. Von seinen Zügen waren nur ein kräftiges Kinn und ein sinnlich geformter, großer Mund zu erkennen.

Während sie ihn mehrere wilde Herzschläge lang ansah, schien die erregte Menschenmenge sich zurückzuziehen, als wäre die überwältigende Präsenz des Fremden zu viel für sie.

Lizzie hatte keine Ahnung, wie viele Sekunden verstrichen waren, ehe sie sich aus dem seltsamen Bann befreite.

„Ich habe nichts bestellt“, sagte sie.

Adonis, der nie zuvor mit einem Pizza-Lieferanten verwechselt worden war, kämpfte einen unerwarteten Lachreiz nieder. „Wenn Sie hier raus wollen, kommen Sie mit.“

Sein Selbstvertrauen war unglaublich. Er bot ihr einen Ausweg an, wo sie bisher nicht einmal fähig gewesen war, sich zu bewegen. Die Menge teilte sich, und mit seiner Hand auf ihrem Rücken führte er sie durch den Garten.

Sie waren noch immer umzingelt, aber sie war jetzt nicht länger die einzige Zielscheibe für den Strom der Fragen. Etwas anderes als seinen Namen bekam Lizzie jedoch nicht mit:

„Adonis … Adonis … Adonis!“

„Wann ist aus Trost Leidenschaft geworden?“

An seine Seite gepresst hob Lizzie den Kopf. Ja, die Linie des Kinns war unverkennbar, und der Mund, der unzählige Fantasien beflügelt hatte … Adonis Aetos. Natürlich war er es!

Um die Haltung zu bewahren und sich von den harten männlichen Muskeln und dem sinnlichen Duft nicht völlig verwirren zu lassen, starrte sie auf ihre Zehen, bis sie den Rand des Gehsteigs erreicht hatten.

Wohin jetzt?

Ihre Frage fand schon bald eine Antwort. „Oh, Gott!“

Instinktiv schloss sie die Augen, als er den Gehsteig verließ und sie mit sich zog. Wenn der Laster sie nicht erwischte, würde es der Doppeldecker-Bus dahinter tun.

Sie erreichten die andere Seite, während der Bus vorbeirumpelte.

„Jetzt machen Sie schon.“ Ohne Federlesens wurde ihr ein Helm in die Hand gedrückt.

Sie verkniff sich eine Antwort, so gern sie ihm auch gesagt hätte, wohin er sich das verdammte Ding stecken konnte.

Sie wurde oft missverstanden, weil sie den Weg des geringsten Widerstandes ging, wenn nichts auf dem Spiel stand, das ihr wichtig war. Aber das bedeutete nicht, dass sie angepasst war. Sie mochte wie eine graue Maus aussehen, aber sie war keine. Manchmal wirkte es sich zu ihrem Vorteil aus, wenn Leute sie unterschätzten. Allerdings glaubte sie nicht, dass das jetzt der Fall war.

„Steigen Sie auf.“

Lizzie entschied, dass dies kein Moment zum Streiten war. Also stülpte sie sich hastig den Helm über und stieg auf das glänzende Monstrum von einem Motorrad.

„Festhalten!“ Mit Höflichkeit hielt er sich nicht auf. Es war ein Befehl.

Sie starrte auf den lederbedeckten Rücken des Mannes, hielt den Atem an und spannte die Muskeln. Ein kleiner Laut entfuhr ihr, als sie mit lautem Röhren davonschossen.

Unter dem Leder war er hart und schlank. Sie saß auf dem Sozius hinter Adonis Aetos. Oder schlief sie vielleicht noch? Falls ja, dann war es ein höchst realer Traum – oder eher ein nicht endender Albtraum.

Wilde Emotionen bäumten sich auf und weckten Erinnerungen an das Grauen ihrer Kindheit. In dem Schrank, in dem sie sich beim Versteckspiel wiedergefunden hatte, gab es kein rettendes Narnia, und Deb hatte vergessen, dass es nur ein Spiel war.

Vor der Erinnerung zu fliehen, war nicht viel besser. Empfindungen stürmten auf sie ein, ihre Handflächen schwitzten, ihr Herz hämmerte, und ihre Finger klammerten sich um den Griff ihrer Tasche, der in ihre nassen Handflächen schnitt. Sie presste die Wange gegen das Leder auf seinem Rücken und schrie auf, als er in atemberaubendem Tempo um eine Kurve jagte.

Sie hörte sein Lachen und biss sich auf die Lippe, entschlossen, ihm keine Gelegenheit zum Spott zu bieten. Scharf bog er nach rechts in eine kopfsteingepflasterte Allee ein und umrundete eine Reihe von Hindernissen.

Zu behaupten, dass sie sich im Lauf der Fahrt entspannte, wäre übertrieben gewesen. Immerhin war sie aber nicht länger überzeugt, herunterzufallen oder zu sterben. Sobald sie nicht mehr um ihr Leben fürchtete, drängten andere Gedanken sich auf.

Sie hielt sich fest, nicht weil sie Angst zu fallen hatte, sondern weil sein männlicher Duft ihr gefiel und die Hitze seines schlanken, muskulösen Körpers ihre Sinne erfüllte.

Sie erlebte zweifellos etwas, das etliche Frauen sich erträumten. In einem ernüchternden Moment erinnerte sie sich daran, dass dies jedoch nicht ihr Traum war.

Er war rüde und arrogant, doch trotz ihrer Abneigung tat er ihr leid. Er hatte die Liebe seines Lebens verloren.

Zumindest aber hatte er diese Liebe gehabt.

Sie beneidete ihn nicht. Es war grauenhaft, den Menschen zu verlieren, den man liebte. Sie war zwölf gewesen, als ihre Mutter starb, nicht plötzlich, sondern allmählich, indem sie Tag für Tag einen Teil von sich verlor.

Früh einsetzendes Alzheimer war selten und grausam. Damals hatte Lizzie das nicht gewusst. Sie hatte nur gewusst, dass ihre Mum, ihre beste Freundin, die sie mit kindlicher Heftigkeit geliebt hatte, starb.

Früh hatte Lizzie herausfinden müssen, dass Liebe einen Preis hatte, und sie war nicht sicher, dass sie ihn noch einmal bezahlen wollte. Im Allgemeinen wurde behauptet, dass man keine Wahl hatte, ob man sich verliebte, aber Lizzie hielt nichts von diesem Mantra.

Sie hatte sich entschieden, diese Theorie abzulehnen, und bisher war es ihr gelungen. Natürlich hatte sie sexuelle Anziehungskraft erlebt, aber mehr hatte sie sich nicht gestattet. Warum das Risiko eingehen?

Wann immer Leute behaupteten, es sei besser, geliebt und verloren zu haben, dachte sie an ihre Mutter, empfand noch einmal, was sie mit zwölf Jahren empfunden hatte, und murmelte: „Ich denke nicht.“

Adonis wartete, bis er sicher war, dass er die beiden Journalisten, die ihnen in Autos gefolgt waren, abgehängt hatte. Auch dann fuhr er nicht direkt, sondern auf Umwegen zu dem Gebäude, in dem er seine Penthouse-Wohnung hatte. Zwar war es möglich, dass ein abenteuerlustiger Reporter vor ihm dort eingetroffen war, doch die Befürchtung erwies sich als nichtig.

Er fuhr in das unterirdische Parkhaus, wo er das Motorrad in die Lücke zwischen seinen Autos steuerte. Dann stieg er ab.

Weit weniger elegant, was bei ihren kürzeren Beinen und den zitternden Knien kein Wunder war, tat Lizzie es ihm nach.

Sie schwankte ein wenig, straffte sich aber und sah sich um, ehe sie die Finger vom Griff der Handtasche löste. Dann stellte sie die Tasche ab und zog sich den Helm vom Kopf. Dabei verlor sie die letzten Nadeln, die ihr Haar zusammengehalten hatten, sodass es ihr zerzaust über den Rücken fiel.

Adonis’ Blick folgte dem Spektakel der vollen, kastanienbraunen Wellen, die sich weich um ihr milchweißes, herzförmiges Gesicht legten.

„Wo sind wir?“

Ihre Stimme war sanft, überraschend leise und atemlos. Zumindest war sie nicht hysterisch, was von Vorteil war. Vielleicht hatte sie ihr Entsetzen nur gespielt, obwohl er geschworen hätte, dass es echt war. So echt, dass ein Beschützerinstinkt in ihm wachgeworden war, von dem er nicht gewusst hatte, dass er ihn besaß. Glücklicherweise handelte er jedoch nicht länger instinktiv.

„Ich wohne hier. Keine Sorge, das Gebäude wird bewacht, und außerdem habe ich sie abgehängt.“

„Und ich hätte um ein Haar mein Frühstück abgehängt“, versetzte sie.

Ihr drastisches Eingeständnis ließ ihn schaudern.

„Wen haben Sie denn abgehängt?“

„Das Pack von der Presse, das uns gefolgt ist.“

„Und warum sind sie uns gefolgt?“ Sein Schulterzucken steigerte ihre Erregung. „Warum waren sie überhaupt da, warum haben sie geglaubt …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Es schien allzu verrückt, doch dem, was sie gehört hatte, konnte sie nicht entkommen.

„Sie wissen nichts davon?“, fragte er und löste den Gurt des Helms.

Sie sah ihn an. Sein Ton, seine ganze Haltung war ihr zuwider. „Woher sollte ich es denn wissen? Aber da Sie dort aufgetaucht sind, wussten Sie wohl Bescheid.“

Er lachte. „Sie haben also keine Ahnung, sind nur eine schuldlose Unbeteiligte.“ Er gab sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen.

„Sicher doch, ich habe diese Horde zum Frühstück eingeladen.“ Ihr Sarkasmus verbarg ihre Feindseligkeit nur schlecht.

„Sie hatten also wirklich keine Ahnung?“

„Lieber Himmel, Sie können so viel spotten, wie Sie wollen, aber das ändert nichts daran, dass ich nicht den kleinsten Schimmer habe, wovon Sie reden. Wenn es hier eine Verschwörung gibt, hat niemand mich eingeweiht. Und ich gehe nirgendwohin, ehe Sie mir sagen, was zum Teufel gerade passiert ist.“

Eine Weile lang betrachtete er ihr Gesicht, ehe er kaum merklich nickte.

„Nicht hier“, sagte er knapp. „Führen wir dieses Gespräch oben fort … in meiner Wohnung.“

Sie sah ihn an, und ihre Augen waren noch unglaublicher blau als die von Deb. Trug sie die gleichen Linsen, die Deb gegen grüne ausgetauscht hatte, wenn es zu ihrer Kleidung passte?

„Das geht nicht. Erklären Sie einfach, was passiert ist, und dann muss ich zur Arbeit.“

Ihr Befehlston trieb seine dunklen Brauen in die Höhe. „Sie arbeiten?“

„Ich helfe freiwillig in einem Reitstall aus“, antwortete sie.

Das bestätigte, was Deb vermutet hatte. Sie wohnte in einem Haus, das ihr Daddy bezahlte, und striegelte Pferde. Außerdem eigneten sich ihre Lippen nicht zum Schürzen.

Sie eigneten sich zum Küssen. Er wischte diese nutzlose Erkenntnis beiseite und stellte fest, dass dieser üppige Mund in einem natürlichen Rosa schimmerte.

Gab es eine Frau, die überhaupt kein Make-up benutzte? Er kannte keine, aber er musste zugeben, dass Elizabeth Rose Sinclair es sich leisten konnte. Ihre Haut war von keltischer, milchweißer Blässe, gezeichnet nur von den Sommersprossen auf Nase und Wangen.

Lizzie spürte die Feindseligkeit, die in ihr aufwallte. Aber zum Teufel schicken konnte sie ihn nicht – sie brauchte ihn, damit er dieses Geheimnis aufklärte.

Was hatte die Horde von der Presse darauf gebracht, dass …? Gott, es war einfach zu irre. Sie fühlte sich, als wäre sie in das sprichwörtliche Kaninchenloch gefallen und hätte den Boden noch nicht erreicht.

„Also, was geht hier vor?“, fragte sie. „Sie sind doch nicht zufällig als moderner Ritter in Ledermontur bei mir aufgekreuzt.“

Sie hielt inne und bemerkte, dass die surrealen Ereignisse sie körperlich einholten. Plötzlich spürte sie den erstickenden Druck der Menschenmenge, und ihr Mund wurde trocken. Sie zitterte innerlich, während sie zusah, wie Adonis Aetos sich vorbeugte, um sich den Helm abzuziehen.

Sein Anblick hinderte sie, ruhig und logisch zu denken. Peinlicherweise konnte sie nicht aufhören, seine perfekten Züge in sich aufzunehmen. Die breite Stirn, die wie gemeißelten Wangenknochen und den Mund, der Tausende von Fantasien wachrief. Sein glänzendes, rabenschwarzes Haar war zerzaust und höchst sexy, und die dunklen Bartstoppeln trugen zu seiner gefährlichen Ausstrahlung bei.

Sie blinzelte, um die verrückten Gedanken zu vertreiben. Gefahr, so ermahnte sie sich, konnte nie attraktiv sein. Dann schüttelte sie den Kopf, um ihn nicht länger anzuglotzen. In dem Moment wandte er den Kopf, als hätte er ihren Blick gespürt.

In seinen nachtschwarzen Augen tanzten silberne Funken. Er hob eine Braue. „Nach Ihnen.“ Mit einem eleganten Schwung seiner langen, gebräunten Finger wies er auf die Türen der Fahrstühle. Es war, als hätte er ihr überhaupt nicht zugehört.

Lizzie konnte es hinnehmen, dass ihre Familie sie ignorierte, aber genug war genug. Sie richtete sich zu ihren vollen, nicht sehr beeindruckenden hundertsechzig Zentimetern auf. „Erklären Sie es mir einfach“, sagte sie.

Seine Miene verriet ihr, dass noch nie eine Frau eine Einladung in seine Wohnung abgelehnt hatte. Wobei die Einladungen in solchen Fällen vermutlich unter anderen Umständen ausgesprochen worden waren. „Sie sind …“

In ruhigem Ton fiel sie ihm ins Wort: „Ich habe noch nie begriffen, weshalb es schlechte Nachrichten besser machen sollte, wenn man sich dabei hinsetzt und Tee trinkt. Und ich brauche kein Genie zu sein, um zu wissen, dass das, was Sie mir zu sagen haben, mich in kein Freudengeheul ausbrechen lassen wird.“

Eine eiserne Faust schien sich um ihre Brust zu klammern. Sie kämpfte um Sauerstoff, geriet jedoch nicht in Panik. Inzwischen kannte sie die Symptome, erlebte diese klaustrophobische Enge nicht zum ersten Mal. Mit zitternden Händen griff sie in ihre Tasche und zog ihren Inhalator heraus. Sie setzte ihn an die Lippen, atmete so tief, wie sie konnte, und spürte, wie die Spannung sich löste.

Wieder beruhigt verschränkte sie die Arme vor der Brust und wartete auf Antwort.

„Sind Sie okay?“

„Okay?“, wiederholte sie. Der besorgte Ton in seiner Stimme missfiel ihr. „Wie zum Teufel soll man nach einem solchen Morgen okay sein? Aber falls Sie das meinen“, sie winkte mit dem Inhalator in seine Richtung, „ich habe Asthma. Mildes Asthma.“

Adonis nahm ihr das „mild“ nicht ab, und er unterschätzte auch nicht, wie ernst Asthma sein konnte. Er erinnerte sich an den Jungen aus seinem Schlafsaal, der mitten in der Nacht mit Blaulicht auf die Intensivstation gebracht worden war. Er war nie zurückgekommen, und für den Rest des Schuljahrs hatte Adonis geglaubt, er wäre gestorben. Erst später hatte er herausgefunden, dass die Eltern des Jungen ihn nach Hause geholt hatten.

„Was löst es aus?“

Lizzie starrte ihn an und fragte sich, ob er es ernst meinte. „Verschiedene Dinge, aber eine lebensgefährliche Fahrt auf einem Motorrad, das von einem Irren gesteuert wird, kann ich nun wohl dazuzählen.“

Getroffen von der wenig schmeichelhaften Beschreibung lachte er auf. Er hatte also Humor, und sein unglaublich attraktives Grinsen ließ ihn um Jahre jünger erscheinen. Lizzies Sarkasmus verebbte, und sie verspürte den Wunsch, in sein Lachen einzustimmen.

„Sie hätten es mir sagen sollen“, tadelte er sie.

„Ja, natürlich, ich beginne jedes Gespräch mit dem Satz: ‚Ach übrigens, ich habe Asthma.‘ Seien Sie nicht albern. Also nein, ich bin nicht okay. Ich bin ganz und gar nicht okay.“

„Dann fanden Sie die Fahrt nicht anregend?“

„Anregend?“ Sie schnaufte und beschloss, den verbotenen Reiz zu vergessen. „Ich bin doch kein durchgeknallter Adrenalin-Junkie. Ich hatte Angst um mein Leben.“

In Wahrheit war die Fahrt harmlos gewesen, verglichen mit dem Presse-Ansturm und dem intimen Kontakt mit einem Mann, der eine doppelte Dosis Pheromon abbekommen hatte.

Er wirkte amüsiert. „Sie waren nicht in Gefahr. Wenn ich natürlich gewusst hätte, dass Sie gesundheitliche Probleme haben, hätte ich darauf Rücksicht genommen.“

„Ich habe keine gesundheitlichen Probleme“, erwiderte sie wütend. „Und auf Ihre Rücksicht lege ich keinen Wert.“

„Das sehe ich.“

Es war nicht das Einzige, was er sah. Adonis sah das zornige Funkeln in ihren umwerfend blauen Augen und das trotzige Recken ihres Kinns.

Er hatte sie für eine etwas subtilere und daher gefährlichere Version ihrer Cousine gehalten, imstande, bei dieser Intrige mitzuspielen. Oder aber für eine arglose, schüchterne Person, die vor Glück überwältigt war, weil ihr Name im Zusammenhang mit seinem genannt wurde. Im Laufe der Jahre hatte es mehr als genug Frauen gegeben, die dergleichen versucht hatten, manche höchst erfindungsreich.

Solche Hartnäckigkeit konnte einen Mann dazu bringen, sich für unwiderstehlich zu halten und zu glauben, seine Anziehungskraft beruhe auf seinem Lächeln oder seinem Charme. Adonis aber ging nicht in die Falle seiner eigenen PR-Maschinerie. Ihm war nur allzu bewusst, dass sein Image, sein Lebensstil und sein Geld ihn unwiderstehlich machten. Wären das Schicksal und der Konstruktionsfehler eines Helikopters nicht eingeschritten, hätte er Deb geheiratet, die nichts als Geld und Lebensstil von ihm gewollt hatte, während sie die Affäre mit ihrem Liebhaber fortsetzte.

„Ich hätte jetzt gern eine Erklärung, und bitte machen S...

Autor

Dani Collins

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