Julia Extra Band 591

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IM TAL DER BLAUEN BLUMEN von MILLIE ADAMS

Zu ihrem Schutz hinter Klostermauern versteckt, führt Prinzessin Fern ein einsames Leben. Bis König Ragnar sie im Tal der blauen Blumen aufspürt und ein altes Eheversprechen einfordert. Was erwartet Fern: wieder ein Gefängnis – oder nie gekannte Leidenschaft?


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  • Erscheinungstag 15.09.2026
  • Bandnummer 591
  • ISBN / Artikelnummer 0820260591
  • Seitenanzahl 432

Leseprobe

Millie Adams, Dani Collins, Mariah Ankenman, Scarlet Wilson

JULIA EXTRA BAND 591

Millie Adams

1. KAPITEL

Alles war blau, leuchtend blau, ein Meer aus Glockenblumen, so weit das Auge reichte. Es war friedlich. Friedlicher denn je. So etwas hatte es im Palast von Kap Blanco, wo sie aufgewachsen war, nie gegeben. Hier, in der Stille der Natur, fand sie Ruhe. Hier im Kloster durfte sie endlich sie selbst sein.

Sie, Fern.

Die sich so anders fühlte als Fernanda Luisa Camila Esperanza Cortez, Prinzessin von Kap Blanco, einem kleinen Archipel am Rande des Alborán-Meers. Aufgewachsen mit fünf Brüdern, die alle nach Macht strebten. Juan, der ehrgeizige Thronfolger und gewiefte Politiker. Miguel, das eiskalte Finanzgenie. Julio, der Schauspieler … ausgerechnet. Rafa, der Schriftsteller, der seine eigenen Seelenqualen auskostete. Und dann war da noch Ricardo, männliches Model und unverbesserlicher Herzensbrecher, der Einzige in der Familie, der jemals das Gespräch mit ihr gesucht hatte.

Sie, Fern, war die Jüngste. Ihr einziger Anspruch bestand in dem Ehevertrag, den ihr Vater mit dem Führer von Asland ausgehandelt hatte. Asland war ein Inselstaat, der ursprünglich von Wikingern besiedelt und später eine Monarchie geworden war, bis diese durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Anschließend war entgegen aller Versprechen auf mehr Freiheit eine Ära autoritärer Herrschaft angebrochen.

Kurz nach ihrer Geburt hatte Ferns Vater mit dem damaligen Herrscher vereinbart, dass sie zu gegebener Zeit dessen von ihm handverlesenen Nachfolger heiraten sollte. Fern war stets gegen dieses Arrangement gewesen. Nichtsdestotrotz gehörte es ebenso unveränderlich zu ihrem Leben wie ihre grünen Augen, ihr schwarzes Haar und ihre zierliche Gestalt. Selbst wenn sie sich wünschte, ein Meter achtzig groß zu sein, konnte sie an ihrer Größe genauso wenig etwas ändern wie an der Tatsache, dass ihr Vater sie aus machtpolitischen Erwägungen dem illegitimen Herrscher eines autoritär regierten Landes zur Frau versprochen hatte.

Vor drei Jahren jedoch war dieses Regime durch eine unblutige Revolution – angeführt von dem lange tot geglaubten Thronfolger – gestürzt worden. Seither hatten sich die politischen Verhältnisse in Asland grundlegend verändert.

Ferns Vater, der den neuen König Ragnar für beeindruckend, aber auch für brandgefährlich hielt, befürchtete, dass der nach wie vor zwischen den beiden Ländern bestehende Vertrag sie alle in Gefahr bringen könnte. Deshalb hatte er die achtzehnjährige Fern kurz nach der Revolution in ein abgelegenes Kloster auf die Isle of Skye geschickt.

Seltsam, dass sie sich hier in der Abgeschiedenheit selbst so viel näher war als je zuvor im Palast von Kap Blanco. Hier genoss sie die Stille, den Wechsel der Jahreszeiten.

Ihr bisheriges Leben hatte sie in stummen Kämpfen mit sich verbracht, ohne je eine Vorstellung davon zu haben, wer sie eigentlich war. Im Palast war es für sie schier unerträglich gewesen. Sie besaß Verstand und Talent, war genauso intelligent wie ihre Brüder, aber niemand hatte sie je nach ihrer Meinung gefragt. Im Lauf der Zeit hatte sie gelernt, sich anzupassen, doch auch das hatte ihr nichts genützt.

Am Ende blieb nur eins: ihr Abscheu vor Männern. Sie verabscheute Männer und deren unstillbares Verlangen nach Macht. Männer wie ihren Vater und ihre fünf Brüder, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Ihr ältester Bruder – der Thronfolger – war genauso kompromisslos und fordernd wie ihr Vater und genauso verlogen. Die übrigen Brüder standen ihm in nichts nach. Sie verbrachten ihre Zeit in Europa, Afrika, Australien und Asien. Dort schmiedeten sie Allianzen, überboten einander in Intrigen und erkauften sich mit Bestechungsgeldern Einfluss. Das alles im Namen der Politik ihres Vaters, der stets behauptete, dass Diplomatie gerade für ein kleines Land überlebenswichtig sei. Nur dass das in Ferns Augen keine Diplomatie, sondern blanker Opportunismus, getarnt als Staatskunst, war.

Keiner von ihnen hatte ihre Mutter je als einen vollwertigen Menschen betrachtet. Sie war ein Anhängsel ihres Vaters, und falls sie darüber unglücklich war, ließ sie sich doch nie etwas anmerken. Fern hatte sich oft gefragt, wie diese es schaffte, trotz dieser ständigen Missachtung nie aus der Rolle zu fallen.

Vor fünf Jahren hatte Fern den damaligen Herrscher von Asland kennengelernt. Einen Mann in den Vierzigern, bei dessen Anblick sie am liebsten laut schreiend davongelaufen wäre. Damals war sie sechzehn und mit der Aussicht konfrontiert gewesen, in nur zwei Jahren diesen Mann heiraten zu müssen, der alt genug war, um ihr Vater zu sein.

Sie war zu der bitteren Erkenntnis gelangt, dass sie nie frei sein würde und ein selbstbestimmtes Leben für sie unerreichbar war und all das, was sie sich angeeignet hatte, um sich durch ihr von Minenfeldern durchzogenes Leben zu manövrieren, unnütz sein würde, weil sie in ihrem goldenen Käfig machtlos war.

Da war sie an einem Tiefpunkt gewesen, doch dann hatte Ragnar den Thron zurückerobert. Sie hatte grenzenlose Erleichterung verspürt, weil sie gehofft hatte, dass damit der sie betreffende Vertrag hinfällig sein würde. Bis ihr Vater sie informierte, dass Ragnar weiterhin auf dessen Einhaltung bestand, und so war sie am Ende hier im Kloster gelandet. Wohlbehütet inmitten von Frauen, die sich entschieden hatten, weltabgewandt zu leben und nicht den Menschen, sondern dem Göttlichen zu dienen.

So ein Leben hätte sich Fern früher nie vorstellen können. Anfangs hatte sie ihr Smartphone vermisst. Sie besaß es zwar noch, aber Empfang gab es kaum. Das einzige Internet im Kloster – ein Kabelanschluss im Büro der Mutter Oberin – diente allein der Kommunikation mit der Diözese. Auch das Ausschlafen hatte ihr gefehlt. Im Kloster begann der Tag um fünf Uhr früh mit dem Gebet, doch Fern durfte diese Zeit meditierend verbringen.

Nach und nach hatte sie aufgehört, das rasende Tempo der Welt zu vermissen, die flüchtige Befriedigung durch endlose Klicks. Stattdessen freute sie sich auf den Morgen, auf die Stunde, in der sie mit ihren Gedanken allein war.

Jetzt hatte sie Freundinnen. Sie erledigte Hausarbeiten, unternahm lange Spaziergänge. Sie las und musste keine Rolle mehr spielen, weil hier im Kloster nicht der Auftritt, sondern allein die inneren Werte zählten.

Und so hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, dass ihr Inneres und ihr Äußeres übereinstimmten. Sie brauchte kein Make-up und auch keine teure Garderobe. Hier trug sie nur schlichte Leinenkleider und Schürzen. Sie besaß ein Paar einfache Stiefel und ein Paar flache Schuhe. Sie war nicht mehr gezwungen, sich das Haar aufwendig zu stylen und benutzte auch keine aggressiven Haarprodukte mehr. Jetzt fiel es ihr in wilden dunklen Locken über die Schulter.

So wild, wie sie sich selbst fühlte. Vielleicht lag die Süße dieser Wildheit in dem Wissen, dass sie vergänglich war und es damit vorbei sein würde, wenn ihr Vater sie zurückholte.

Oder wenn König Ragnar sie fand. Sie durfte nicht zu viel darüber nachdenken, sonst würde sie wütend werden. Und das wollte sie nicht. Nicht hier, in der Sonne, in der Stille, im Einklang mit sich selbst.

„Schwester Fernanda.“ Als sie die Stimme der Mutter Oberin hinter sich hörte, drehte sie sich um.

Fern war keine Ordensschwester, aber die Mutter Oberin nannte sie Schwester, um den Umstand, dass sie hier alle gleich waren, zu betonen.

„Ja?“ Sie musste leicht blinzeln, geblendet von der Sonne.

„Würdest du bitte zum Bienenstock gehen und uns etwas Honig fürs Abendessen holen?“

„Ja, gern.“

Fern liebte die Bienen. Sie hatte festgestellt, dass sie sich für alle Bereiche der Landwirtschaft interessierte, aber die Honiggewinnung gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Sie ging in die Scheune, nahm die Imker-Ausrüstung und ein großes Glas aus dem Regal und machte sich auf den Weg über das weite Feld zu den Bienenstöcken. Anfangs hatte sie Angst vor den Bienen gehabt. Aber da hatte sie noch nichts über sie gewusst. Wie über so vieles andere auch. Sie verfügte zwar über perfekte Tischmanieren, doch ihre Beziehung zur Natur war gleich null gewesen. Das hatte sich inzwischen grundlegend geändert.

Um die Bienen zu beruhigen, setzte sie Rauch ein. Anschließend begann sie, die Waben einzusammeln und in ein Glas zu legen. Dann kehrte sie in die Scheune zurück und zog den Imkeranzug aus, bevor sie sich, das Glas fest an die Brust gepresst, auf den Rückweg machte.

Als sie an das bevorstehende Abendessen dachte, knurrte ihr Magen. Es würde Gemüse aus dem Garten geben: Kartoffeln, Karotten und Lauch. Außerdem Brot und Butter und jetzt auch Honig. Obwohl sie im Kloster nicht vollständig vegetarisch lebten, aßen sie nur sehr selten Fleisch. Das lag einerseits an den Kosten, andererseits auch an dem allgemeinen Unbehagen der Mutter Oberin, Lebewesen zu töten, ganz egal, welche.

Ein solch hohes Maß an Achtsamkeit und Mitgefühl war für Fern völlig ungewohnt gewesen. So ungewohnt, dass sie anfangs fast schockiert war. Inzwischen versuchte sie, diese Eigenschaften zu pflegen, sie in ihr Herz zu lassen. Diese tief empfundene Fürsorge für alles Leben.

Ringsum war es still, nur ein leiser Wind säuselte durch die Blumen und das Gras. Doch dann wurde die Stille plötzlich durch ein dumpfes, rhythmisches Stampfen unterbrochen. Fern fuhr herum und sah einen Reiter auf einem schwarzen Pferd in rasendem Galopp auf sich zustürmen. Das hatte es hier draußen noch nie gegeben. Noch nie war ihr einer der Bauern von einem der benachbarten Anwesen auf seinem Pferd entgegengekommen, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Sie atmete tief ein. Dann rannte sie, ohne nachzudenken oder stehen zu bleiben, los. Bloß weg hier! Sie fühlte sich, als wäre sie in eine andere Welt gestürzt oder aus der Zeit gefallen, obwohl das hier in den Highlands kein ungewöhnliches Gefühl war.

Aber ihre Reaktion war ungewöhnlich. Hier war immer alles friedlich gewesen, und jetzt rannte sie, erfasst von nackter Angst, panisch davon. Doch warum? Eine Sekunde später wurde es ihr schlagartig klar, und mit jedem donnernden Hufschlag wurde es noch klarer. Sie versteckte sich hier, weil sie in Gefahr war. Also rannte sie, als ob es um ihr Leben ginge, und vielleicht stimmte das ja. Sie rannte, als hinge ihre Freiheit davon ab, und das stimmte ja vielleicht auch.

Doch egal, wie schnell sie auch rannte, ein Pferd war immer schneller. Das stetig näher kommende Hufgetrappel verriet ihr, dass er hinter ihr her war.

Ragnar Gunnarson, der lange tot geglaubte Thronfolger und derzeitige König von Asland.

Ohne sich umzuschauen, lief sie weiter. Deshalb war es ein Schock für sie, als sie mitten in ihrem wilden Lauf gepackt wurde. Verzweifelt strampelnd versuchte sie, sich aus dem eisernen Griff des Reiters zu befreien, der sie, fest an seine harte Brust gepresst, vor sich in den Sattel hob.

Er roch gut.

Das war ein schwindelerregender, völlig unsinniger Gedanke, der alle folgenden Gedanken überlagerte, während sie dort wie erstarrt saß. Er roch nach Wald. Nach Meer. Nach Wildnis.

Wer immer dieser Mann auch sein mochte, er war ein Krieger.

Ihr Vater und ihre Brüder rochen nach teuren Parfüms. Nicht nach Wildnis.

Und dann schien es, als würde sich der Schleier, der sich über ihren Kopf gelegt hatte, plötzlich lüften. Wie konnte sie über seinen Duft nachdenken, statt sich aus seiner Gewalt zu befreien?

Unvermittelt beugte sie sich vor und brachte so Abstand zwischen sich und ihn. Als er vor Überraschung für einen Sekundenbruchteil seinen Griff lockerte, ließ sie sich seitwärts vom Pferd fallen. Nach einem harten Sturz rollte sie zur Seite, sprang auf und rannte weiter. Das Hufgetrappel hinter ihr verstummte. Das rettende Kloster war nicht mehr weit.

Sie musste nur noch …

In diesem Moment wurde sie wieder ergriffen und fand sich allerdings nicht im Sattel wieder, sondern in den Armen des Reiters, der vom Pferd gestiegen war. Beim Blick in sein Gesicht schlug ihr das Herz bis zum Hals. Mit den langen blonden Haaren, der geraden kräftigen Nase und dem blonden Vollbart sah er wie ein Wikinger aus der alten Welt aus. Seine Miene war grimmig.

Oh ja! Das konnte nur Ragnar, der König von Asland sein.

Er suchte ihren Blick und hielt ihn fest. Er hatte blaue Augen. Faszinierend blaue.

Mehr sah sie nicht, weil sich ihr Blickwinkel plötzlich dramatisch verengte und sie von einer Welle aus Angst und Erschöpfung erfasst wurde.

Dann wurde es dunkel um sie.

2. KAPITEL

Sie hatte sich tapfer gewehrt, was zumindest ein gewisses Maß an Respekt verdiente. Aber dann war sie ohnmächtig geworden. Womöglich hatte sie sich bei ihrem törichten Fluchtversuch auch noch verletzt. Was bei Ragnar nicht unbedingt positive Gefühle für seine widerspenstige Braut auslöste.

Er hob sie wieder aufs Pferd, während sein Körper immer noch massenhaft Adrenalin ausschüttete. Er hatte nicht vorgehabt, eine militärische Aktion zu starten. Inzwischen fühlte es sich jedoch definitiv wie ein Kampf an. Warum er geglaubt hatte, es könnte anders sein, wusste er nicht. Er wusste nur, dass es jetzt so war. Mit ihr im Arm wendete er sein Pferd, um zurück zu seinem Ausgangspunkt zu reiten. Dort stand sein Privatjet bereit, der sie nach Asland bringen sollte.

Natürlich würde er sie sofort von einem Arzt untersuchen lassen. Wahrscheinlich war sie vor Angst ohnmächtig geworden, auch wenn ein geringes Risiko bestand, dass sie sich bei ihrem vorsätzlichen Sturz vom Pferd eine Kopfverletzung zugezogen hatte.

Dummchen.

Es war lange her, dass er zuletzt eine Frau im Arm gehalten hatte. Diesen Gedanken erstickte er jedoch im Keim und damit auch jedes Verlangen. Dafür war keine Zeit. Er hatte allen Grund gehabt, sich seit seiner Thronbesteigung keinerlei Vergnügungen zu gönnen. Er musste wachsam bleiben.

Er spürte den exakten Moment, in dem sie erwachte, weil sie sich prompt versteifte. „Wage es nicht, wieder wegzulaufen“, sagte er barsch.

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn mit vor Wut blitzenden Augen an. „Lassen Sie mich sofort los!“

„Wir haben miteinander einen Vertrag.“

„Ich habe keinen Vertrag mit Ihnen.“

„Dein Vater hat ihn unterschrieben.“

„Aber ich habe nichts unterschrieben. Dieser Vertrag hat nichts mit mir zu tun, außer, dass mein Vater ohne meine Einwilligung über meine Zukunft entschieden hat. Deshalb ist das kein Vertrag mit mir, sondern höchstens einer mit dem Patriarchat.“

„Ein Vertrag ist ein Vertrag, und ich bestehe auf seiner Einhaltung.“

„Das ist typisch“, sagte sie.

„Typisch was?“

„Typisch Mann. In ihrem Machtstreben ignorieren Männer alles andere.“

„Ich ignoriere gar nichts, Kleine. Ich muss ein Land regieren, und du wurdest dem nächsten Oberhaupt von Asland zur Ehefrau versprochen, und das bin ich.“

„Ich habe aber nie zugestimmt.“

„Das interessiert mich nicht.“

Wenn sie glaubte, einen Schwächling vor sich zu haben, der sich zu Mitgefühl hinreißen ließ, war sie bei ihm an der falschen Adresse. Er war ein Überlebender und kannte nur den Kampf. Mitgefühl war seine Sache nicht.

„Wir fliegen noch heute Abend zurück zu meinem Land.“

„Wie haben Sie mich gefunden?“, fragte sie hochmütig.

„Dein Vater hat es anscheinend nicht geschafft, gegenüber deinen Brüdern dichtzuhalten. Obwohl es mich nicht wundert, dass er sich als der einstige Verbündete meines Feindes um seine einzige Tochter Sorgen macht.“

„Er wird Sie belangen, weil Sie mich entführt haben.“

„Das kann er nicht. Er hat dich verkauft, und ich werde ihm unverzüglich den vertraglich zugesicherten Brautpreis zukommen lassen.“

„Den Brautpreis?“

„Wusstest du das nicht? Es geht neben der Verbesserung der diplomatischen Beziehungen zwischen unseren Ländern natürlich auch um Geld.“

„Gut. Doch da er mich versteckt hat, war ihm meine Sicherheit offensichtlich wichtiger als das Geld.“

„So kann man es sehen. Obwohl ich glaube, dass er in Wahrheit Angst davor hat, ich könnte versuchen, einige der schändlicheren Dinge aufzudecken, die er zusammen mit meinem Vorgänger getrieben hat.“

„Man kann über meinen Vater sagen, was man will, aber Kap Blanco ist keine Diktatur. Unser Land hat keine Menschenrechtsverletzungen begangen wie Ihr Vorgänger.“

„Das stimmt. Dafür ist dein Vater wahrscheinlich zu gewieft. Doch wie auch immer, ich bin jedenfalls bereit, die Vergangenheit zum Wohl meines Landes ruhen zu lassen.“

Mehr konnte er nicht tun. Korruption war ein weit verbreitetes Übel bis hinein in die höchsten Eliten, und er konnte die Welt nicht ändern. Aber er konnte sein Land vor dem Untergang retten. Und dafür brauchte er Prinzessin Fernanda, egal, ob ihr das passte oder nicht.

„Reiten wir zurück nach Asland?“

„Werd jetzt nicht albern.“

Sein Flugzeug war mit einer Sondergenehmigung der schottischen Regierung in einer abgelegenen Gegend der Highlands gelandet. Er hatte argumentiert, es würde sich um eine diplomatische Angelegenheit handeln, und niemand hatte nachgehakt. Jetzt mussten sie nur möglichst schnell wieder abheben.

Die Ladeklappe der Maschine stand offen, und er ritt, Fernanda fest im Griff, die Gangway hinauf, direkt in den Stallbereich des Frachtraums.

„Wozu das Pferd? Hier hätte eine ganze Sportwagenflotte reingepasst.“

„Hätte.“

Er schuldete ihr keine Erklärung und gedachte auch nicht, ihr eine zu liefern. Bestimmt war sie nicht so töricht zu glauben, dass ihr Glück, ihre Wünsche oder sonst irgendetwas Einfluss auf den Lauf der Welt hatten. In gewisser Weise aber waren sie sich ähnlich. Sie war in eine Königsfamilie hineingeboren worden so wie er selbst auch. Und obwohl er außerhalb einer solchen groß geworden war, bestimmte doch die Tatsache, dass er König war, sein gesamtes Handeln. Niemand konnte ihm die Verantwortung abnehmen, die er gegenüber seinem Volk empfand. Das war Teil seiner Identität.

„Wollten Sie noch etwas sagen?“, fragte sie.

„Wenn du nicht sofort den Mund hältst, lasse ich dich hier unten mit dem Pferd zurück.“

„Nun …“

Sie wägte offenbar ihre Optionen ab. Ob sie ihn provozieren oder sich doch besser fügen sollte. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, sie hier unten zu lassen, aber wenn sie ihn dazu trieb, blieb ihm keine Wahl. Für ihre Widerspenstigkeit fehlte ihm die Geduld.

Er hatte sie noch nicht einmal richtig angesehen. Doch als sie jetzt so vor ihm stand und ihn mit vor Empörung funkelnden grünen Augen ansah, nahm er sie in den Blick. Sie war klein und zierlich. Wohlproportioniert. In ihrem schwarzen Haar, das ihr in ungebändigten Locken fast bis zur Taille reichte, hatten sich kleine Erdklümpchen, Blätter und Grashalme verfangen, als sie über den Boden gerollt war.

„Versorgt das Pferd“, befahl er den drei Männern, die ihm entgegenkamen. „Ich bringe die Prinzessin nach oben.“

Da sie sich nicht von der Stelle rührte, packte er sie mit seiner großen Hand am Arm. Sie folgte ihm widerstrebend und wütend die Gangway hinauf in die Passagierkabine. Er war mit einem kleinen Kontingent an Soldaten gekommen, während er die Generäle zurückgelassen hatte.

In seinem Land war inzwischen eine Atmosphäre relativer Stabilität eingekehrt. Da alle Freiheiten wiederhergestellt waren, brauchte er sich keine Sorgen zu machen, dass sich feindlich gesinnte Kräfte gegen ihn erheben könnten. Trotzdem durfte er kein Risiko eingehen.

Nie wieder.

Er führte sie direkt in die Schlafkabine, wo sich auch sein Büro befand. Als ihr Blick auf das Bett fiel, riss sie erschrocken die Augen auf.

„Keine Angst, dein Körper interessiert mich nicht. Ich will nur deine Blutlinie.“

„Oh. Das klingt aber überhaupt nicht beruhigend. Weil Sie dafür ja irgendwann zwangsläufig auf meinen Körper zurückgreifen müssten.“

„Das klären wir später. Sobald wir in meinem Land sind, könnte ich eine Pressekonferenz einberufen und uns für verheiratet erklären, das würde reichen. Aber ich brauche eine Zeremonie auf offener Bühne, damit dein Vater nichts gegen mich unternehmen kann, ohne dass es einen öffentlichen Aufschrei gibt.“

„Dafür benötigen Sie meine Zustimmung.“

„Hör mir genau zu. Du bist jetzt bei mir und hast keine Macht. Zwischen unseren beiden Ländern besteht diese Vereinbarung, aus der dein Vater nicht herauskommt. Diese Ehe ist vor über zwanzig Jahren arrangiert worden, und Vertrag ist Vertrag. Glaub mir, ich will deinem Land nicht schaden, aber für mich steht einfach zu viel auf dem Spiel. Ich kann es mir nicht leisten, hier halbe Sachen zu machen. Ich brauche eine Ehefrau und Königin an meiner Seite. Ich weiß zwar, wie man Krieg führt, aber ich verstehe wenig davon, wie man ein Land regiert und noch weniger von …“

„Diplomatie?“, fragte sie trocken.

„Stimmt. Ich bin kein Verhandlungsführer.“

„Das ist mir auch schon aufgefallen.“

„Du bist nicht in Gefahr“, versicherte er.

„Ich habe keine Angst vor Ihnen. Wenn Ihnen die öffentliche Meinung wirklich wichtig ist, brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Aber ich finde, Sie sollten sich eine andere Prinzessin suchen. Ich wette, dass sich mehr als genug geeignete Kandidatinnen finden lassen.“

„Aber ich möchte eine Allianz mit Kap Blanco. Ich brauche ein gutes Handelsabkommen mit deinem Land. Asland war unter dem alten Regime isoliert und wirtschaftlich am Boden. Meine wichtigste Aufgabe ist es jetzt, die Wirtschaft anzukurbeln, und das ist der einzige Weg.“

„Der einzige Weg ist es ganz sicher nicht.“

„Aber der einfachste. Und da ich bisher immer den schwierigsten Weg gewählt habe, scheint mir eine Ehe-Allianz eine gute Entscheidung zu sein.“

„Eine Ehe-Allianz! Etwas anderes fällt Ihnen wirklich nicht ein?“

„Was spricht dagegen? Die Ehe an sich bedeutet mir nichts. In deinem Fall ist sie nicht mehr als ein Mittel zum Zweck, und du bist nur ein Symbol. So, jetzt kannst du dich ein bisschen ausruhen.“

Dann drehte er sich um und ließ sie allein.

Erst nach einer Weile bemerkte Fern, dass sie ihr Smartphone nicht dabeihatte und damit auch keine Möglichkeit, sich mit irgendwem in Verbindung zu setzen. Sie war diesem Mann ausgeliefert, der stark wie ein Bär war … außerdem hatte er eine halbe Armee um sich geschart.

Doch Angst verspürte sie nicht. Sie wusste, was König Ragnar getan hatte, um sein Land zurückzuerobern: Er hatte das alte Regime gestürzt, die Anführer für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis gebracht, aufmüpfige Generäle verbannt und die Freiheit im Land wiederhergestellt.

Das alles hatte er für sein Volk getan.

Er war älter als sie, so in den Dreißigern, mit Augen, die kalt blickten und klar waren wie Polareis. Er war kein Diktator wie der andere Mann, dem sie ursprünglich versprochen worden war, doch das machte die Sache nicht besser. Es war unerträglich, eine Kriegsbeute, ein Druckmittel, ein Faustpfand zu sein. Plötzlich fühlte sie sich winzig, fast unsichtbar. Seit sie denken konnte, war sie eine Verhandlungsmasse gewesen. Dabei wollte sie unbeugsam und gleichzeitig unbedeutend sein, aber doch irgendwie groß.

Wie seltsam, dass sie schon bald eine politische Figur sein könnte, Königin gar. Und dass ihr das doch so viel weniger bedeutete, als morgens aufzuwachen, Eier einzusammeln und Honig zu ernten.

Ein kurzer Schmerz durchzuckte sie bei dem Gedanken an den Honig in einem wahrscheinlich zerbrochenen Glas irgendwo auf der Erde. Eine kleine sinnlose Vergeudung, anders als die letzten drei Jahre ihres Lebens, in denen sie so viel über sich gelernt hatte.

Dieser Gedanke gab ihr Kraft.

Jetzt wusste sie, wer sie war und was sie wollte. Obwohl sie drei Jahre lang so abgeschieden gelebt hatte, wusste sie ironischerweise mehr über die Welt als je zuvor. Ironisch war allerdings auch, dass Ragnars Revolution vor drei Jahren sie vor einem Schicksal bewahrt hatte, das sie gewiss zerstört hätte, und er nun gekommen war, um die Früchte zu ernten.

Aber sie war nicht darauf vorbereitet, eine Königin zu sein. Sie wollte nicht in der ganzen Welt herumgereicht werden, herausgeputzt vor Kameras stehen und nur noch für öffentliche Auftritte leben. Und als das Flugzeug in den Sinkflug ging, fiel ihr noch etwas ein.

Sie war auch nicht darauf vorbereitet, eine Ehefrau zu sein. Ihr war immer klar gewesen, dass sie einen Mann würde heiraten müssen, den sie nicht wollte. Deshalb hatte sie über Ehe und Intimität nie nachgedacht, geschweige denn darüber, dass sie irgendwann das Kind eines Diktators zur Welt bringen würde. Diesen Gedanken hatte sie immer verdrängt, weil er so schwerwiegend war. So unerträglich.

Aber jetzt ließ er sich nicht mehr beiseiteschieben. Ragnar brauchte nur vor die Öffentlichkeit zu treten und ihre Eheschließung zu verkünden, schon wäre sie Gesetz.

Und dann? Würde er die Ehe umgehend wie ein mittelalterlicher Herrscher vollziehen? Wäre das nötig, um sicherzustellen, dass sie an ihn gebunden war? Denn das war zweifellos sein Ziel. Wenn er sie entjungferte, könnte ihr Vater sie nicht zurückfordern, um sie an einen anderen Staatschef zu verkaufen. Dann wäre sie eine Ware ohne Wert.

Männer. Sie verabscheute sie alle zutiefst. Jeden einzelnen von ihnen.

Als das Flugzeug gelandet war und Ragnar die Tür zu der Schlafkabine öffnete, loderte in ihr blanker Hass. Wo war ihr innerer Frieden geblieben?

Am liebsten hätte sie sich auf ihn gestürzt, doch irgendetwas hielt sie zurück. Es war keine Angst, es reichte tiefer. Er war groß, hatte breite Schultern und war so männlich, dass sie es kaum wagte, ihm in die Augen zu blicken. Vielleicht lag es daran, dass sie jahrelang nur von Frauen umgeben war. Vielleicht aber auch an der Intensität, die er ausstrahlte. Oder an …

An seiner Attraktivität. Das Wort versetzte sie regelrecht in Panik.

Nein. Sie war nicht wie ihre Mutter. Sie würde sich kein gequältes Lächeln abringen, während sie innerlich zerbrach. Sie würde sich auch nicht an einen Mann verkaufen lassen, und sei er noch so attraktiv.

„Ich steige erst aus, wenn wir uns geeinigt haben.“

„Es ist mir ein Leichtes, dich hier hinauszutragen, Kleine.“

„Aber dann wird die ganze Welt sehen, dass Sie das gegen meinen Willen tun. Deshalb liegt es in Ihrem ureigenen Interesse, wenn ich dieses Flugzeug freiwillig verlasse.“

Sie blickte ihn finster an. Es war allein ihr Trotz, der sie aufrecht hielt.

„Also gut. Worüber willst du verhandeln?“

„Wenn ich schon verurteilt werden soll, erwarte ich wenigstens eine zeitliche Begrenzung.“

„Die Ehe ist lebenslänglich, meine Königin.“

„Das leuchtet mir nicht ein.“ Der Gedanke an ihre zu einem bedauernswerten Symbol erstarrte Mutter spornte sie an. „In meinem Fall soll Ihnen die Ehe mit mir doch nur helfen, Allianzen zu schmieden und Ihre Macht als Staatsoberhaupt zu festigen. Warum brauchen Sie mich da für immer? Sie können eine neue Königin finden. Eine, für die es nichts Schöneres gibt, als Ihnen einen Thronfolger und weitere Kinder zu schenken. Aber ich bin diese Frau mit Sicherheit nicht.“

„Du willst keine Königin sein?“

„Ich will frei sein.“

„Willst du dich auch von deinem Vater befreien?“

„Ja. Soweit es Ihr Bild in der Öffentlichkeit betrifft, bin ich mit allem einverstanden. Ich weigere mich jedoch, Ihr Bett zu teilen oder gar ein Kind von Ihnen zu bekommen. Angenommen, dass wir uns jetzt einigen, bin ich bereit, für die Welt da draußen die glückliche Braut zu spielen. Ich bin die Einzige, die Ihnen diesen öffentlichen Triumph verschaffen kann, aber dafür müssen Sie mir schon etwas geben.“

„Also gut“, stimmte er nach kurzer Überlegung mit undurchdringlicher Miene zu. „Zwei Jahre. Doch falls sich die Situation bis dahin ändert, müssen wir möglicherweise noch etwas verlängern.“

„Einverstanden. Aber Sie werden nicht … ich werde nicht …“

Sein eisblauer Blick tastete sie von oben bis unten ab. „Fürchtest du, ich könnte mich auf dich wie eine wilde Bestie stürzen?“

Seine Worte wirkten so verheerend auf sie, dass sie sich fühlte, als hätte man sie in Brand gesteckt.

„Ich mache mir nichts vor. Da ich umgeben von Männern aufgewachsen bin, weiß ich nur zu gut, wie verächtlich sie Frauen behandeln. Vor allem weiß ich, wie verächtlich sie mich behandelt haben.“

„Das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur, dass du mir nützlich bist. Wenn diese Vereinbarung den ältesten Sohn deines Vaters beträfe, wäre er jetzt an deiner Stelle hier.“

„Oh“, sagte sie leicht verunsichert.

„So leid es mir für dich auch tut, aber wir leben eben in einer sehr traditionellen Gesellschaft, und du warst im Angebot. Auch wenn ich zugebe, dass du mir als Verbündete entschieden lieber wärst, weil ich dich nämlich für ziemlich klug halte.“

So etwas hatte noch nie ein Mann zu ihr gesagt. Die Nonnen hingegen hatten ihre Intelligenz gelobt, anders als ihr Vater … und ihre Brüder. Und ihrer Mutter würde so etwas nie über die Lippen kommen, selbst wenn sie es dachte.

Sie musste gegen den Drang ankämpfen, ihren Entführer zumindest für einen kurzen Moment sympathisch zu finden.

„Aber selbstverständlich habe ich nicht die Absicht, dich zu zwingen, bei mir zu schlafen. Eine Suite für dich steht bereit.“

Sie spürte, dass ihre Wangen heiß wurden. „Das ist beruhigend zu wissen.“

„Bist du eine Nonne?“

„Nein. Aber ich wäre gern frei, um entscheiden zu können, ob ich eine werden möchte. Oder lieber eine Meisterin in Pole-Dance. Ich will einfach nur die Wahl haben.“

„Was für eine reizende moderne Idee. Es ist nur leider so, dass man im Leben sehr selten die Wahl hat, und wenn man glaubt, eine zu haben, ist es meistens eine Illusion.“

„Das ist nicht wahr!“, widersprach sie vehement.

„Versuchst du, mich zu provozieren?“, fragte er sichtlich schockiert.

Darüber musste sie fast lachen. „Wer weiß. Falls ja, scheine ich wohl die Erste zu sein, obwohl es wirklich langsam Zeit wird. Männer reden sich gern ein, keine Wahl zu haben, auch wenn das in Wirklichkeit bedeutet, dass sie einfach nur ihren Willen durchsetzen wollen. Doch es gibt immer eine Alternative. Zu behaupten, es gäbe keine, ist nur der Versuch, jede Diskussion im Keim zu ersticken. Sie haben Ihr Land nicht zufällig von einer üblen Diktatur befreit. Sie hätten sich auch anders entscheiden können.“

Er lachte. Laut. Tief. Doch es klang nicht belustigt, sondern verursachte ihr eine Gänsehaut.

„Fernanda …“ Jetzt nannte er sie zum ersten Mal bei ihrem Vornamen. „Dafür habe ich einen hohen Preis bezahlt. Vielleicht hätte ich mich ja wirklich anders entscheiden können. Doch für mich ist es eine Bestimmung, die mir in die Wiege gelegt wurde. So gesehen hatte ich keine Wahl.“

Sie schluckte schwer. „Das ist schon wieder typisch Mann. Sie benutzen mich als ein Werkzeug, um Ihr Ziel zu erreichen und um das zu rechtfertigen, behaupten Sie, dass Sie keine Alternative haben.“

„Dann findest du also, dass dein persönliches Glück wichtiger ist als das Glück eines ganzen Landes?“

„Solange ich denken kann, war ich völlig unwichtig, nicht mehr als ein Gegenstand, den man von einer Ecke in die andere schubst, und jetzt soll ich plötzlich unverzichtbar sein?“

„Ich habe nie behauptet, dass du unwichtig bist, sonst wärst du nämlich gar nicht hier. Und dein Vater glaubt das in Wahrheit auch nicht, andernfalls hätte er dich nicht im Kloster versteckt.“

„Na ja … ich weiß nicht“, sagte sie, nicht überzeugt. „Aber wenn Sie nur ein Fünkchen Anstand im Leib hätten, wären Sie mir nicht zu Pferde, sondern zu Fuß gefolgt, weil wir dann wenigstens nach denselben Spielregeln gespielt hätten.“

Er war nah daran zu lachen, und sie war froh, dass er es nicht tat. Weil sein Lachen alles andere als angenehm war. „Mit Anstand hat das hier gar nichts zu tun, Kleine. Ich will gewinnen, alles andere interessiert mich nicht. Mein Einsatz ist einfach zu hoch, um irgendetwas dem Zufall zu überlassen. Fürs Erste haben wir eine Abmachung.“

„Und wer garantiert mir, dass Sie sich auch wirklich daran halten?“

Er musterte sie wieder wie ein bloßes Objekt von oben bis unten. „Niemand. Es liegt an dir zu entscheiden, ob du mir vertraust oder nicht. Aber am Ende wirst du jeden Kompromiss, auf den wir uns einigen, meiner Großzügigkeit zu verdanken haben. Du bist meine Gefangene, und deshalb bleibt dir nichts anderes übrig, als mein Angebot anzunehmen.“

Von Wut übermannt, wich sie schnell einen Schritt zurück. Sie zwang sich jedoch, weiterhin in seine unergründlichen blauen Augen zu schauen. „Sie werden schon sehen, wie weit Sie kommen, wenn Sie mich unter meinem lauten Protestgeschrei aus diesem Flugzeug zerren müssen. Wie gut Ihr Plan funktioniert, wenn alle Welt sieht, dass Ihre Braut in Wahrheit Ihre Gefangene ist.“

„Du hast keine andere Wahl, als dich auf mein Wort zu verlassen“, erwiderte er erstaunlich ruhig. „Ich bin nicht dein Vater und auch nicht mein Vorgänger. Ich bin der rechtmäßige König und entschlossen, meinem Land seine einstige Größe wiederzugeben und noch mehr. Für mich ist es unerheblich, ob ich in einigen Jahren dich oder eine andere Frau an meiner Seite habe. Oder ob du mir einen Erben schenkst oder eine andere. Im Moment interessiert mich nur diese Vereinbarung.“

Und überraschenderweise glaubte sie ihm. Seine rohen Worte hätten sie verletzen können, aber sie berührten sie nicht. Sie war einfach nur froh, dass er letzten Endes nichts von ihr wollte und sie ihm persönlich völlig gleichgültig war. Normalerweise war es natürlich kein erhebender Gedanke, eine Schachfigur in einem politischen Spiel zu sein. In diesem Fall allerdings schon.

Er stand, die Schultern gestrafft, vor ihr und streckte seinen Arm aus. Fern sah ihn an, und es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was er von ihr erwartete. Dann machte sie einen Schritt auf ihn zu, legte ihre Hand auf seinen Unterarm und ließ sich von ihm aus dem Flugzeug führen.

Fern hielt Wort. Insgeheim hatte Ragnar befürchtet, sie würde sich widersetzen, aber am Ende blieb sie bei dem, was sie gesagt hatte. Sie war ein leidenschaftlicher Mensch, was ihn überraschte. Als er gehört hatte, dass sich die seinem Vorgänger versprochene Braut in einem Kloster aufhielt, hatte er sich eine in sich gekehrte fromme Frau vorgestellt.

Sie war nicht die Richtige, aber das spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass die Ehe Bestand hatte, bis die Handelsbeziehungen stabil abliefen und ein langfristiges Militärabkommen unterzeichnet war. Vielleicht konnte sie nach Ablauf der vereinbarten Zweijahresfrist ja statt als seine Ehefrau als Beraterin bleiben.

Als er die Tür des bereitstehenden Wagens öffnete und ihre Blicke sich kreuzten, fühlte es sich an, als würde ein D-Zug mitten durch ihn hindurch rasen. Sein Körper erkannte die Herausforderung auf Anhieb. So war er einfach: Er musste kämpfen, sonst wusste er nicht, wer er war. Kein Wunder also, dass er sich von dieser Frau angezogen fühlte, die sich von ihm nicht einschüchtern ließ, sondern ihn als ein Hindernis betrachtete, das es zu überwinden galt.

Die meisten Menschen hatten Angst vor ihm. Aus gutem Grund. Er war kaum zivilisierter als ein wildes Tier. Wie die Wölfe, die Asland einst durchstreift hatten. Frauen, denen er näherkam, waren meist genauso hartgesotten und abgestumpft wie er selbst.

Prinzessin Fernanda war anders. Sie hatte einen stahlharten Kern und war doch ungebrochen. Sie glaubte an die Freiheit und an ihr Recht, als freier Mensch zu leben. Sie war überzeugt, dass es für sie nichts Schöneres geben konnte, als völlig frei und ungebunden zu sein.

Er wusste, dass dies ein Irrtum war.

Das Verantwortungsgefühl holte einen immer wieder ein, und wenn man sich nichts und niemandem gegenüber verantwortlich fühlte, war da nur ein großes schwarzes Loch. Eine riesige Leere. Es wäre ein sinnloses Leben.

Dessen ungeachtet war sie wunderschön.

„Steig ein, Fernanda.“ Sie gehorchte, ohne den Blickkontakt mit ihm zu beenden. Er schlug ihre Tür zu und stieg dann auf der anderen Seite ein.

„Fern“, sagte sie dann.

„Wie bitte?“

„Ich möchte Fern genannt werden. Ich mag es nicht, wenn man mich bei meinem vollständigen Namen nennt. Das erinnert mich zu sehr an mein Leben im Palast. Im Kloster war ich einfach nur Fern, das würde ich auch hier gern beibehalten. Außerdem ist es jetzt wohl angemessen, wenn ich dich auch duze.“

„Ist das nicht der Name einer Pflanze?“ Noch während er es sagte, ging ihm durch den Kopf, dass ihre Augen dieselbe Farbe hatten. Dieses kühle Grün der Farne im tiefsten Wald. Es war eine Pflanze, die ganz ohne Sonnenlicht, sogar in der Dunkelheit leuchtete.

„Ja. Ich habe eine starke Verbindung zur Natur.“

„Königin Fern“, sagte er und lauschte seinen Worten nach. „Besonders eindrucksvoll klingt das ja nicht.“

„Das macht nichts. Es wird ohnehin nicht von Dauer sein.“

„Und du glaubst wirklich, dass du nach der Zeit hier ein Leben in der Anonymität führen kannst?“

„Ja. Warum denn nicht?“

„Weil es unrealistisch ist anzunehmen, dass man erst Königin eines Landes sein und ein paar Jahre später wieder in der Versenkung verschwinden könnte.“

„So wie man mich mein bisheriges Leben lang behandelt hat, bin ich vermutlich austauschbar genug, um sehr rasch in Vergessenheit zu geraten. Und gleichzeitig so wichtig, dass ich hier erst noch diese Mission erfüllen muss. Das ist die paradoxe Situation, in der ich mich als das jüngste Mitglied und einzige Tochter einer königlichen Familie befinde.“

„Von Familien verstehe ich nichts“, sagte er. „Ich habe keine.“

Es wurde still, als der Wagen vom Flugplatz weg- und die kurvenreiche Straße zum Schloss hinauffuhr, das sich auf dem Gipfel eines zerklüfteten Berges über der größten – und einzigen – Stadt des Landes erhob. Es war ein kleines Land mit einer beeindruckenden Geschichte. Zumindest bis vor dem Militärputsch.

„Natürlich“, sagte sie. „Entschuldige. Deine Eltern wurden getötet.“

„Ja. Es fühlt sich seltsam an, die eigene persönliche Tragödie in den Geschichtsbüchern zu lesen.“

Sie nickte. „Das kann ich mir vorstellen.“

Sie warf ihm einen fast mitfühlenden Blick zu, und das behagte ihm gar nicht.

„Aber das ist ein Problem, das wir beide teilen. Unser Leben wird nie nur uns allein gehören. Es gehört unseren Ländern.“

„Ich verstehe, dass du so denkst. Du bist der Erbe, der einzige Überlebende. Bei mir ist das etwas anderes. Ich habe fünf Brüder und bin als Frau in vielerlei Hinsicht komplett bedeutungslos. Wäre ich allerdings der sechste Sohn gewesen, hätte ich vermutlich noch weniger Möglichkeiten gehabt. So konnte mein Vater wenigstens noch meine Herkunft und meine Gebärmutter an den Meistbietenden verkaufen. Ich als Tochter habe mir nie eingebildet, für mein Land unersetzlich zu sein. Ich bin nur für den politischen Ehrgeiz meines Vaters wichtig. Würde ich diesen Ehrgeiz teilen, empfände ich vielleicht anders. Doch das tue ich nicht.“

„Kap Blanco ist ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Land, insbesondere, wenn man seine Größe bedenkt. Nach allem, was ich gehört habe, nennt man es ein zweites Monte Carlo.“

„Ja. Es ist durch den Tourismus so reich geworden und auch erfreulich stabil. Mein Vater achtet darauf, dass es sicher und attraktiv bleibt, aber eigentlich macht er das alles nur für sich selbst. Dass es den Menschen dabei auch noch gut geht, ist ein Nebeneffekt.“ Sie hielt einen Moment inne. „Das klingt vielleicht ungerecht. Natürlich ist er kein finsterer Diktator. Doch er hat einen Vertrag mit einem Putschisten abgeschlossen und nicht gezögert, ihm seine eigene Tochter zum Fraß vorzuwerfen.“

„Das klingt in der Tat ziemlich monströs.“

„Wie kannst du das sagen? Dir ist mein freier Wille ja auch egal. Du denkst sogar, dass ich gar keinen habe.“

„Das habe ich nie behauptet. Ich sage nur, dass niemand seiner Verantwortung entfliehen kann. Irgendwann kommt der Moment, in dem du erkennst, dass deine Möglichkeiten begrenzt sind, weil dich die Dinge, an die du glaubst, einfach nicht loslassen und dich auf dem richtigen Weg halten.“

Sie schaute aus dem Fenster. „Ich weiß ja nicht mal, welches der richtige Weg für mich ist.“

„Vielleicht wirst du es wissen, wenn das hier hinter dir liegt.“ Ihm fiel der eindringliche Ton auf, den er angeschlagen hatte. Weil er es ernst meinte. Weil es ihm vielleicht sogar wichtig war, obwohl ihn, oberflächlich betrachtet, nichts mit dieser Frau – dieser Prinzessin – verband, die sich über ihr Leben in einem Palast beklagte. Obwohl er sie andererseits auch verstehen konnte. Er war in ein Leben hineingeworfen worden, das ihm nicht gehörte, und gezwungen gewesen, sich den Weg freizukämpfen.

Es wäre zu einfach, sie als verwöhnt und egoistisch abzustempeln, nur weil sie bisher keine Gelegenheit gehabt hatte, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Vor allem, weil sie so entschlossen wirkte, in Zukunft genau das zu tun.

Und das erforderte einen Mut, den er nur bewundern konnte.

Die Limousine hielt jetzt vor dem schmiedeeisernen Tor, das den Palast vom Rest des Landes trennte. Die Sicherheitsvorkehrungen waren nach wie vor hoch, was diesen Ort zu einer Festung machte. Doch sie stellten eine neue Regierung dar, und er betrachtete nichts als gegeben. Im Moment waren die Menschen zufrieden, das Blatt konnte sich allerdings auch wieder wenden. Wenn es wirtschaftlich bergab ging oder sonst etwas passierte, würde man ihm die Schuld geben. Bald würden die Härten der Vergangenheit nicht mehr im Vordergrund stehen, dann war das alles nur noch Geschichte. Aber es war einmal passiert. Er müsste schon ein Narr sein zu glauben, dass es nie wieder passieren konnte und er unverletzlich wäre.

Er wandte sich zu Fern um, die staunend zu dem riesigen schwarzen Palast hochschaute.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte sie bewundernd.

„Hast du deinen Zukünftigen nie hier besucht?“

„Nein. Ich habe ihn nur ein einziges Mal getroffen, da war ich sechzehn und er um die vierzig. Es war im Palast von Kap Blanco. Allein sein Anblick hat mir einen eiskalten Schauer über den Rücken gejagt. Ich danke Gott, dass ich nie hierherkommen musste, um ihn zu besuchen. Wer weiß, was dann passiert wäre.“

„Warum solltest du Gott dafür danken? Wenn er dir wirklich hätte helfen wollen, hätte er das Problem ganz einfach beseitigen können.“

„Das hat er ja letzten Endes auch.“

Ihre Blicke versanken ineinander. Sie hielt seinem Blick stand und verzog die Lippen zu einem matten Lächeln.

„Und jetzt kommst du vom Regen in die Traufe, fürchte ich“, bemerkte er.

„Vielleicht bewege ich mich ja schnell genug, um nicht nass zu werden.“

Er atmete schwer. Als der Wagen anhielt, stieg er aus und ging auf die andere Seite, um Fern die Tür zu öffnen. Ihm selbst war jegliche Art von königlichem Protokoll immer noch fremd, deshalb lehnte er es auch ab, dass man die Türen für ihn öffnete. Doch als Prinzessin war sie daran natürlich gewöhnt.

Er war in Gedanken immer noch bei dem, was sie gesagt hatte. Der Widersprüchlichkeit ihrer Existenz. Sie war als Mitglied eines Königshauses privilegierter als der allergrößte Teil der Menschheit, aber sie war machtlos und sehnte sich nach Freiheit.

In diesem Moment fiel ihm zum ersten Mal auf, dass ihre Kleidung einer zukünftigen Königin nicht angemessen war. Zum Glück waren an diesem Tag keine Medien da, dafür gab auch keinen Grund. Die freie Presse seines Landes steckte noch in den Kinderschuhen. Jahrzehntelang hatten die Medien allein dem Regime gedient, jetzt ermunterte er sie, die Wahrheit zu sagen und freie Meinungsäußerung zuzulassen. Kritik an ihm war erlaubt, und es gab sie auch. Mehrheitlich jedoch verfolgte man seine Schritte mit unverhohlener Faszination.

Die Bekanntgabe seiner bevorstehenden Hochzeit mit Fern würde wahrscheinlich einen Sturm der Entrüstung auslösen. Doch noch war es nicht so weit. Und vielleicht war es ja tatsächlich so, wie sie gesagt hatte: Sie mussten sich nur schnell genug bewegen, um nicht nass zu werden. Auf jeden Fall aber würde sie sich standesgemäß kleiden müssen.

Er ergriff wieder ihren Arm und führte sie zu den schweren Eingangstüren des Palastes, der aus schwarzem Vulkanstein erbaut war. Drinnen herrschte dieselbe Düsternis. Wandleuchten warfen nur ein schwaches Licht in den Vorraum.

Andere Teile des Gebäudes hatte man mit hellen Materialien erneuert. Eingangsbereich und Thronsaal waren jedoch nahezu unverändert geblieben als Zeugnis einer Ära, die bis in die Wikingerzeit zurückreichte.

„Mittelalterlich“, flüsterte sie.

„Ja. Der Palast steht auch schon seit dem Mittelalter. Thoren der Blutrünstige war der erste Herrscher, der die Kontrolle über die Nation, so wie sie damals war, übernahm.“

„Heißt das, ihr seid Wikinger?“

„Ja. Thoren und seine Gefährten besetzten die Insel, während die irischen Mönche, die zuvor dort gelebt hatten, nach und nach verschwanden. Das Land war karg, aber sicher, ein Rückzugsort, an den die Wikinger ihre Frauen schickten und von dem sie zu ihren Raubzügen aufbrachen. Die Frauen stammten aus allen Teilen des Landes. Die Wikinger nahmen sie von überall, wo sie durchzogen, mit.“

„Du meinst, sie haben sie entführt und unterworfen.“

„Damals gründeten die meisten Ehen auf Entführung und Unterwerfung.“

Sie sah ihn vielsagend an. „Manche tun es immer noch.“

Er lachte leise, amüsiert über ihre Schlagfertigkeit. „Mag sein. Andererseits muss man zugestehen, dass Scheidungen bei uns erstaunlich einfach sind.“

Sie neigte den Kopf. „Im Ernst?“

„Ja. Eine Wikingerfrau konnte sich bereits im Mittelalter von ihrem Ehemann scheiden lassen. Sie musste es nur erklären, und daran hat sich bis heute nichts geändert. In meinem Land werden die alten Traditionen geachtet … zumindest jetzt wieder.“

„Gott hingegen scheinst du eher ablehnend gegenüberzustehen.“

„Das stimmt. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich auf jeden Fall lieber zu Odin beten.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass deine Erfahrungen in der Kindheit, der Verlust deiner Familie und das alles dich dahingehend beeinflusst haben.“

„Ich dachte, du bist keine Nonne.“

„Bin ich auch nicht.“

„Trotzdem scheinst du dir große Sorgen um mein Seelenheil zu machen.“

„Eigentlich nicht. Höchstens vielleicht um … deinen inneren Frieden. Ich selbst empfinde ein hohes Maß an innerem Frieden bei dem Gedanken, dass es da draußen etwas gibt, das größer ist als ich.“

„Und warum hat er das dann alles zugelassen?“

„Das weiß ich nicht, aber irgendeinen Sinn wird es sicher haben. Und jetzt bist du doch hier, oder?“

„Du wirst mich nie davon überzeugen, dass ich das alles durchmachen musste.“

Sie waren im Eingangsbereich stehen geblieben, und er ging weiter, ungeduldig, das Thema endlich zu beenden.

„Wie bist du damals eigentlich entkommen?“

„Warum willst du das wissen?“

„Wenn ich dir helfen soll, muss ich wenigstens ein bisschen mehr von dir wissen.“

„Du scheinst zu vergessen, dass du meine Gefangene bist.“

„Und du scheinst zu vergessen, dass wir eine Abmachung haben. Ich erwarte, nicht wie eine Gefangene behandelt zu werden, sondern auf Augenhöhe.“ Sie blieb stehen und sah ihn kampfbereit an.

Er seufzte schwer. „Ich erinnere mich nicht … an gar nichts. Auch nicht an meine Kindheit im Palast. Ich wusste kaum, wer ich war. Jahrelang. Irgendwie wusste ich es zwar, aber es sagte mir nichts. Ich habe mich wie in einem Nebel gefühlt. Erst mit etwa fünfzehn wurde mir klar, dass ich irgendetwas unternehmen muss, um mein Land zu retten. Von da an begann ich, Pläne zu schmieden, um im Untergrund Widerstand zu organisieren. Wobei niemand mitbekommen durfte, dass ich noch am Leben war.“

„Wie hast du das gemacht?“

„Ich musste sehr vorsichtig sein. Komm jetzt, ich zeige dir deine Suite.“

Diesmal folgte sie ihm widerspruchslos. Über eine Wendeltreppe betraten sie den moderneren Teil des Palastes. Der gut beleuchtete Flur war mit farbenprächtigen Tapeten ausgestattet, wodurch alles weniger bedrückend wirkte. Er selbst bevorzugte allerdings die Düsternis.

Die Suite, die man für sie vorbereitet hatte, war komfortabel eingerichtet. Mit einem Himmelbett, einer weichen Chaiselongue sowie einem Bistrotisch, an dem sie morgens frühstücken konnte. Im Badezimmer gab es eine große Wanne sowie eine geräumige Dusche.

Sein Zimmer war dagegen spartanisch eingerichtet. Er schlief immer noch in einem Schlafsack auf dem Fußboden. Ihn hatten Hunger und der starke Wunsch nach Veränderung hierher getrieben, ein Hunger, den er niemals verlieren wollte. Er war froh, dass das Haus am Meer, in dem seine Eltern ermordet worden waren, nach dem Putsch in Flammen aufgegangen war. Deshalb war sein eigenes Überleben so lange unbemerkt geblieben. Es bedeutete allerdings auch, dass er nie dorthin zurückkehren konnte. Seine Erinnerungen daran waren unwiederbringlich verloren.

Ihr Gesicht wirkte sanft und verträumt, während sie sich im Raum umsah. So viel Luxus hatte sie im Kloster wahrscheinlich nicht gehabt.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, wandte sie sich ihm zu und sagte: „Ich war im Kloster sehr glücklich. Obwohl es gelogen wäre zu behaupten, dass ich nicht ganz gern ein eigenes Zimmer gehabt hätte.“

„Du musstest dir ein Zimmer teilen?“

„Ja. Mit Schwester Mary Celeste. Ich habe sie wirklich gemocht. Sie hat nur leider geschnarcht. Außerdem war das Bett ziemlich schmal.“

„Dann kannst du das Bett hier ja jetzt einfach genießen. Wovon willst du eigentlich leben, wenn du irgendwann auf dich allein gestellt sein wirst?“

Es war vielleicht etwas voreilig, ihr so eine Frage zu stellen.

„Ich weiß noch nicht, aber irgendetwas wird mir schon einfallen. Oder ich gehe zurück ins Kloster.“

So eine schöne Frau, die ihr Leben ganz der Kirche widmen wollte … Er wehrte sich dagegen, über ihre Worte länger nachzudenken. Sie stand ihm ohnehin nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung, und seine Aufgaben duldeten keinen Aufschub. Er nahm ihre Schönheit einfach nur wahr, das war alles.

„Du hast ja noch etwas Zeit, um dir etwas zu überlegen. Jetzt musst du dich erst einmal darauf einstellen, meine Ehefrau zu werden. Ich werde noch heute Abend eine Presseerklärung abgeben. Die Trauungszeremonie soll morgen vor allen Bürgern, die daran teilnehmen möchten, auf dem Balkon stattfinden.“

3. KAPITEL

Obwohl das Bett herrlich bequem war, hatte Fern in der zurückliegenden Nacht kaum Schlaf gefunden. Noch immer hatte sie weder Handy noch Zugang zum Internet, um zu erfahren, welche Folgen Ragnars Ankündigung für die Welt – und ihre Familie – hatte. Vielleicht handelte man gerade Verträge aus. Vielleicht war durch ihre Entführung ein Krieg entbrannt. Doch warum sollte man sie informieren? Sie war nur die Schachfigur in einem fremden Spiel.

Außerdem gingen ihr Ragnars Worte über ihr Leben nach ihrem unfreiwilligen Aufenthalt hier nicht aus dem Kopf. Sie wusste, dass sie sich etwas Eigenes würde aufbauen müssen, doch ihr war ziemlich schleierhaft, wie. Vielleicht würde sie erst einmal als Kellnerin arbeiten, in einer kleinen Wohnung leben … in Spanien, Argentinien oder Kanada.

Das eigentliche Problem war, dass sie nie ein selbstständiges Leben geführt hatte. Eine Flucht aus dem Königshaus wäre sinnlos gewesen, man hätte sie überall aufgespürt. Als Prinzessin war sie privilegiert gewesen, aber das würde ihr in Zukunft nichts mehr nützen.

Das Kloster hingegen war unglaublich befreiend für sie gewesen: ein klarer Rhythmus, einfache Aufgaben, Zeit zum Denken, Lesen, Malen. Wenn sie die freie Wahl hätte, würde sie sich wahrscheinlich entscheiden, auf einem Bauernhof zu leben. Eine ehemalige Königin als Bäuerin … dieser Gedanke entzückte sie. Fast freute sie sich darauf, Ragnar damit zu verblüffen.

Mehr wollte sie nicht. Sich mit ihm zu messen war anders als alles, was sie bisher erlebt hatte. Wie anders konnte sie nicht sagen, irgendwie fehlten ihr die Worte dafür. Es war …

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Kaum hatte sie „Herein“ gerufen, trat auch schon ein Bediensteter ein, der einen mit Kaffee und Gebäck beladenen Servierwagen ins Zimmer schob. Dicht gefolgt von zwei Frauen, die eine mit einem großen Koffer, während die andere einen gut gefüllten Kleiderständer hereinrollte.

In Ermangelung eines Nachthemds hatte Fern die Nacht in ihrem Kleid verbracht und fühlte sich dementsprechend unwohl. Noch viel unangenehmer war das Gefühl, das sie beim Anblick der kostbaren Stoffe auf dem Kleiderständer überkam. Sie hatte es im Kloster nie vermisst, sich aufwendig zu kleiden, im Gegenteil. Es war eine Befreiung gewesen, diese Maskerade hinter sich zu lassen. Ihre Garderobe war stets von anderen ausgewählt worden, nie von ihr selbst.

Und daran würde sich auch jetzt wohl kaum etwas ändern.

„Guten Morgen, Hoheit“, wurde sie von einer der Frauen begrüßt. „Während Sie in aller Ruhe frühstücken, zeigen wir Ihnen gern einige Vorschläge für heute. Und anschließend kommen wir mit den Brautkleidern.“

„Oh?“

„Ja. Natürlich brauchen Sie erst einmal etwas für den Vo...

Autor

Dani Collins

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