Julia Sommerliebe Band 37

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WIE EIN SINNLICHER SOMMERNACHTSTRAUM … von CARA COLTER

Auf Gages Jacht vor Griechenland fühlt Hailey sich wie in einem Sommermärchen! Der gutaussehende Milliardär hat sie vor dem Ertrinken im nächtlichen Mittelmeer gerettet, und seitdem umwirbt er sie heiß. Aber ist Hailey wirklich frei für ihn? Sie hat ihr Gedächtnis verloren …


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  • Erscheinungstag 30.05.2026
  • Bandnummer 37
  • ISBN / Artikelnummer 0835260037
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Cara Colter, Heidi Rice, Sophie Pembroke

JULIA SOMMERLIEBE BAND 37

Cara Colter

1. KAPITEL

Gage trieb auf dem Rücken im schwarzblauen, herrlich warmen Wasser der Ägäis. Er hatte die Arme weit ausgebreitet und genoss die balsamische Luft der Sommernacht. Alle seine Sinne waren wach und lebendig.

Es war seit Langem das erste Mal, dass er sich so gut fühlte. So entspannt. So sorglos. Frei.

Endlich hatte sich das nagende Gefühl verflüchtigt, dass ihm etwas fehlte. Etwas, was er nicht näher definieren konnte. Ja, es war eine gute Entscheidung gewesen, sich auf seiner Jacht eine Pause zu gönnen und mit der Carpe Diem vor Kreta, genauer gesagt der kleinen Stadt Chania, zu ankern.

Hier konnte er jeden Tag genießen, getreu dem Motto der antiken Philosophen, das seinem Boot den Namen gab: Carpe Diem, nutze den Tag. Und am besten nutzte man ihn, indem man jeden Moment bewusst genoss.

Wie komme ich überhaupt darauf, zu denken, in meinem Leben würde etwas fehlen? fragte Gage sich. Er war doch die Verkörperung eines Erfolgsmenschen, was seine Jacht – vierzig Meter lang und mit vollständiger Besatzung – bewies, die wenige Meter neben ihm im Wasser schaukelte.

Auf einmal ärgerte er sich über sich selbst. Der Gedanke an dieses unbestimmte Verlangen nach mehr, wenn er doch alles besaß, hatte den Moment perfekter innerer Balance gestört.

Gage atmete tief ein, ließ alle Gedanken ziehen und gab sich dem Gefühl hin, vom Meer getragen zu werden und nichts tun oder sein zu müssen.

Da kam sie wieder, diese vollkommene innere Ruhe.

Tatsächlich? Wenn jemand wusste, dass es keine immerwährende Ausgeglichenheit gab, dann war er es. Er war neunundzwanzig, und mit seinem Beruf, den er mehr als alles geliebt hatte, war es endgültig vorbei. Für ihn gab es keinen professionellen American Football mehr. Keine Adrenalinschübe, keine Siegeseuphorie.

Vor achtzehn Monaten hatte er mal wieder eine Gehirnerschütterung davongetragen und war daraufhin von seinem Arzt gewarnt worden, dass auch nur ein einziger heftiger Schlag an den Kopf unheilbare Gehirnschäden hervorrufen würde. Oder tödlich wäre.

Obwohl er noch kein Symptom von chronisch traumatischer Enzephalopathie zeigte, wie das medizinische Fachwort lautete, war nicht mal er stur oder risikofreudig genug, die Warnung des Arztes in den Wind zu schlagen und es drauf ankommen zu lassen.

Es war egal, dass sein Unternehmen Touchdown zusammen mit den Einnahmen aus seiner Footballkarriere ihn zum Milliardär gemacht hatten. Egal, dass er in anderen Bereichen dieselbe Entschlossenheit bewiesen hatte, die ihn zum Helden in der Welt des amerikanischen Footballs gemacht hatte. Da war eine Leere in ihm, die sein geliebter Sport einmal ausgefüllt hatte.

Bevor er zum Football gefunden hatte, war ihm eine derartige Leere gar nicht bewusst gewesen. Damals hatte er sich auch nicht bei jeder Begegnung fragen müssen, was sein Gegenüber von ihm wollte und wozu derjenige bereit wäre, um genau das zu bekommen.

Manchmal sehnte Gage sich nach den einfachen Tagen seiner Jugend, bevor er zu Ruhm und Reichtum gekommen war.

Er runzelte die Stirn. Es war gar nicht seine Grübelei, die das Gefühl des Einsseins mit Sternen und Meer sabotierte, nein, es war ein Geräusch, das seine Suche nach perfekter innerer Ruhe störte.

Er lauschte angespannt. War es der Ruf eines Vogels? Gab es hier Vögel, die nachts noch am Wasser jagten? Das wusste er nicht, da er mit den griechischen Inseln zu wenig vertraut war.

Jetzt hörte er nichts mehr und versuchte, sich erneut zu entspannen, aber der Moment war unweigerlich vorbei, also richtete er sich auf und sah zur Jacht hinüber, während er auf der Stelle schwamm. Hatte sonst jemand etwas gehört? Die in der Dunkelheit erforderlichen Signalleuchten waren natürlich eingeschaltet, aber es war nach Mitternacht, also würde nur noch die Crew wach sein, die zur Nachtwache eingeteilt war.

An Land war die Silhouette des venezianischen Leuchtturms auszumachen, und sein Lichtstrahl blinkte, als würde er ihm zuzwinkern. Im Wasser spiegelte sich die illuminierte Altstadt des Städtchens Chania wie ein impressionistisches Bild.

Gage wollte gerade zurück zur Jacht kraulen, da hörte er das Geräusch wieder und hielt inne, um zu lauschen.

Das war kein Vogel! Es klang mehr wie das klägliche Maunzen eines neugeborenen Kätzchens, das seine Mutter suchte.

Er spürte, wie er sich unwillkürlich anspannte. Adrenalin flutete durch seinen Körper und er hieß das altbekannte Gefühl willkommen. So wie früher beim Match.

Da war es wieder, das Geräusch. Nur wie ein Flüstern, aber unverkennbar diesmal.

„Hilfe!“

Der Ruf kam nicht vom Strand her, denn der war zu weit weg. Also war jemand im Wasser. In der Nähe. In Not, wie es klang.

„Hallo!“, rief Gage laut. „Ist da jemand?“

Stille.

„Hallo, wo sind Sie?“, versuchte er es jetzt.

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass Seth auf dem zweiten Achterdeck der Jacht aus dem Schatten trat. Dass er dort gewesen war, hatte Gage bis jetzt nicht gewusst. Aber klar, Seth nahm seinen Job als Bodyguard – und allgemeiner Experte für Sicherheitsmaßnahmen – sehr ernst.

Ihre Freundschaft stammte noch aus der Zeit vor seinem Erfolg. Bevor ein millionenschwerer Vertrag direkt nach dem Collegeabschluss den jungen Gage Payton in eine Welt katapultiert hatte, auf die gewöhnliche Sterbliche nicht vorbereitet waren. Nichts an seiner soliden Erziehung hatte ihn darauf vorbereitet – auf so viel Geld, so viel Aufmerksamkeit, Ruhm und die Verehrung seiner Fans.

An der High School war Seth sein bester Freund gewesen. Sie hatten gemeinsam Sport getrieben, in den Sommerferien als Bademeister im örtlichen Schwimmbad gejobbt und dort Mädchen kennengelernt.

Dann hatten sich ihre Wege getrennt. Gage hatte ein Football-Stipendium an der Uni angenommen, was zu seiner Karriere als Profisportler geführt hatte. Seth war zur Marine gegangen, dann zur Spezialeinheit der SEALS, danach zu einer geheimen und schwer durchschaubaren Organisation. Bei einem Zwischenfall mit Sprengstoff hätte er fast ein Bein verloren und daraufhin diese Laufbahn beendet.

Sie waren immer in Kontakt geblieben, und Seth war einer der ersten gewesen, die in Gages Unternehmen Touchstone investiert hatten. Dass sie beide gezwungen waren, eine Laufbahn aufzugeben, die sie liebten, hatte sie wieder zusammengebracht.

Als seine Privatsphäre immer häufiger verletzt wurde und dann auch noch eine Person, der er vertraut hatte, etwas schockierend Hinterhältiges getan hatte, wurde Gage klar, dass es für ihn keine Normalität mehr geben würde, sosehr er sich auch danach sehnte.

Er konnte nicht einfach eine Kiste Bier im Supermarkt an der Ecke kaufen. Er konnte sich nicht spontan entscheiden, das Footballmatch einer High School oder eines Colleges zu besuchen. Er konnte in kein Restaurant mehr gehen, nicht mal vor die Tür von einem seiner drei Häuser, ohne dass er fotografiert wurde, verfolgt und belästigt.

Er konnte nicht nach Hause in die kleine verschlafene Stadt in Iowa zu seinen Eltern fahren, zu seiner Schwester und deren Familie – ihrem Ehemann, zwei lebhaften kleinen Söhnen und einer von Märchen besessenen Tochter –, ohne deren Leben in einen Medienzirkus zu verwandeln.

Außerdem konnte er nicht einfach jemanden aus seiner alten Heimat heiraten, sich niederlassen, eine Familie gründen und das Leben so führen, wie er aufgewachsen war. Ihm war erst klar geworden, dass er sich genau das wünschte, als er verstanden hatte, dass er es niemals haben würde.

Und diese Einsicht hatte er gehabt, ehe er seine jüngste Lehre hatte ziehen müssen: dass selbst die wenigen Menschen, denen er vertraute, ihn an die Medien verkaufen konnten, wenn der Preis stimmte.

Das Klatschmagazin Wheeple hatte ihm einen ausführlichen Artikel gewidmet und ihn darin als „Fang des Jahrhunderts“ bezeichnet, als wäre er ein Fisch, den man sich angeln musste.

Unglücklicherweise waren den Schreiberlingen die Fakten über sein Leben nicht deftig genug gewesen. Ein Mann, der eine geheime Vorliebe für Sandwiches mit Erdnussbutter und Zwiebeln besaß und in seinem privaten Kino fast ausschließlich ein bestimmtes Footballmatch in schier endloser Wiederholung laufen ließ, verkaufte keine Klatschmagazine.

Was den Absatz hingegen ankurbelte, waren Anspielungen und Halbwahrheiten, die Andeutung, zu seinem Schlafzimmer würde eine sprichwörtliche Drehtür führen. Es wurde behauptet, dass er in nur drei Monaten eine rothaarige Schauspielerin, eine schwarzhaarige Sängerin und eine Prinzessin mit einem gewissen Ruf „unterhalten“ hätte.

Seine Schwester Kate hatte nach der Lektüre des Artikels das Magazin auf den Tisch geknallt und gerufen: „Fang des Jahrhunderts? So, wie sie dich als herzlosen Weiberhelden darstellen, will doch keine Frau was mit dir zu tun haben, die auch nur ein Quäntchen Selbstachtung besitzt!“

Bisher hatte sie seine Entscheidungen, mit wem er zusammen war, immer frei heraus kritisiert und vermutlich ohnehin die Hoffnung aufgegeben, dass eine Frau mit Selbstachtung ihn jemals wollen würde.

Der eigentliche Schmerz traf ihn jedoch erst, als er entdeckte, wer die Quelle dieser „Informationen“ war, nämlich jemand aus seinem engsten Umfeld. Babba stammte aus seinem Heimatort, und er kannte sie seit seiner Kindheit. Deshalb hatte er sie als Haushälterin und Köchin eingestellt. Sie hatte seine Karriere von Anfang an begleitet. Es war fast, wie seine Großmutter im Haus zu haben.

Sie hatte sich der Herausforderung gestellt und war zu einer Expertin für die richtige Ernährung eines herausragenden Profisportlers geworden. Er hatte sie mit Respekt und echter Zuneigung behandelt, so wie er seiner Meinung nach jeden Menschen behandelte.

Er hatte sie wertgeschätzt. Er hatte ihr Boni bezahlt. Er hatte ihr Reisen spendiert und nicht nur ihr, sondern auch ihren Enkeln Weihnachtsgeschenke gemacht.

Einer von ihnen geriet regelmäßig in Schwierigkeiten. Gage war durchaus bereit gewesen, Babbas Familie zu unterstützen, indem er Nachhilfe bezahlte oder eine unerwartete Autoreparatur, ja sogar eine Summe für einen Hauskauf zu spendieren, aber bei den Problemen mit dem Gesetz, in die sich Sammy ständig verstrickte, hatte er die Grenze gezogen.

Babba war zu klug gewesen, um ihn nach Geld für die Schulden ihres Enkels zu fragen – Schulden, die der Junge bei Drogendealern hatte –, also hatte sie es sich auf anderem Weg beschafft.

Da er ihr vertraute, hatte er sich nicht vor ihr in Acht genommen. Niemals hätte er vermutet, sie würde heimlich Tonaufzeichnungen machen von dem, was er sagte, oder Fotos von den Leuten, die ihn besuchten. Und Fotos von ihm.

Diese Bilder, die sie dem Magazin verkauft hatte, waren extrem peinlich. Aufnahmen, wie er aus dem Badezimmer kam, nur mit einem Handtuch um die Hüften. Wie er sich aus dem Pool schwang, wie er völlig verschwitzt aus seinem Fitnessraum kam. Die Fotos vermittelten den Eindruck, er würde nichts weiter tun, als spärlich bekleidet durchs Haus zu schlendern und auf Frauen zu hoffen, die er vernaschen konnte.

Als er Babba auf diese Verletzung seiner Privatsphäre und die damit verbundenen Lügen zu seinem Lebensstil ansprach, sagte sie nur völlig reuelos: „Sex sells.“

Natürlich hatte er überlegt, ob er Babba und das Magazin wegen Verleumdung anzeigen sollte, aber ein sehr guter Anwalt hatte ihm abgeraten, außer er wolle noch mehr Aufmerksamkeit und die damit verbundenen Peinlichkeiten. Also hatte er Babba gefeuert und sich von dem Anwalt Erklärungen aufsetzen lassen, mit deren Unterzeichnung sich jeder Einzelne seiner anderen Angestellten zu absoluter Diskretion verpflichtete.

Dann hatte Gage sich die Jacht zugelegt. Die war für ihn ein Zufluchtsort, an dem er seine Privatsphäre schützen konnte. Seine Crew bestand aus handverlesenen Marineangehörigen, die von Seth ausgesucht worden waren. Das ganze Team wusste, wie man Dinge für sich behielt.

Hier auf der Jacht konnte er seine Familie und seine Freunde ungestört und unbelästigt treffen. An Bord herrschte für alle striktes Handyverbot, was seine Angehörigen kritisierten, aber respektierten.

Gage stellte nach und nach dankbar fest, dass er als Footballspieler nicht in der ganzen Welt bekannt war und dass es Länder gab, in denen die Menschen nicht von Promis besessen waren. Da konnte er manchmal sogar für kurze Momente das normale Leben genießen.

War ein normales Leben das, was er sich ersehnte und nicht haben konnte?

Seth hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um ihm möglichst viel Normalität zu ermöglichen. Gage hatte sich von ihm beibringen lassen, wie man sich unauffällig durch die Welt bewegte, nicht mittels Verkleidung, sondern indem man quasi mit der Umgebung verschmolz. Deshalb hatte er seine lockigen Haare wachsen lassen, die er als Sportler immer kurz getragen hatte, und er hatte sich zum ersten Mal im Leben einen Bart stehen lassen. Dazu eine Baseballkappe und eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, und schon sah er aus wie etwa neunzig Prozent der Männer seiner Altersgruppe. Vermutlich würde nicht einmal seine Mutter ihn auf der Straße erkennen.

Gestern waren Seth und er mit dem Dinghi an Land gegangen, durch die kopfsteingepflasterten Straßen von Chania geschlendert und hatten sich in ein kleines Café gesetzt, ohne dass man ihn eines zweiten Blicks gewürdigt hatte.

„Was ist los, Boss?“, erkundigte Seth sich nun vom Achterdeck aus.

„Ich bin nicht sicher. Ich habe etwas gehört.“

„Was denn?“

Da kam der Ruf erneut. Die Stimme einer Frau klang über das dunkle Wasser, gedämpft durch die Entfernung, aber voller Schrecken. „Hilfe!“

2. KAPITEL

War der Schrei schon schwächer als vorhin? fragte Gage sich. Kam er vielleicht aus größerer Entfernung?

„Ich höre Sie!“, rief er, so laut er konnte. Und er hatte eine ausgesprochen kräftige Stimme. „Sollen wir den Jetski nehmen?“, fragte er Seth.

„Nein! Der Motor ist zu laut, und es besteht in dieser Dunkelheit die Gefahr, dass wir die Frau überfahren, statt sie aus dem Wasser zu fischen.“

„Stimmt.“ Gage traf eine Entscheidung und rief aus voller Kehle: „Ich komme zu Ihnen. Rufen Sie weiter, damit ich Sie finden kann.“

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass Seth über das Deck rannte und einen Suchscheinwerfer einschaltete, mit dem er die Wasserfläche ableuchtete. Der Strahl traf auf etwas Dunkles, vielleicht war es nur eine Boje, vielleicht ein Kopf.

Dann sprang Seth ins Wasser, gleich vom oberen Deck aus. Zeit für Action!

Obwohl Gage seit eineinhalb Jahren nicht mehr Football spielte, hatte er seine Kondition nicht vernachlässigt. Fit zu bleiben war für ihn so selbstverständlich wie Luft zu holen. Trotzdem atmete er schwer, und seine Muskeln protestierten, als er entschlossen loskraulte.

Ihm wurde bewusst, dass Seth irgendwo hinter ihm schwamm, ebenfalls mit voller Kraft.

Er hielt kurz inne, lauschte.

„Wo sind Sie?“, rief er.

Seth, der vollständig angezogen war, erreichte ihn jetzt. Trotz des Suchscheinwerfers der Jacht und des Lichtstrahls vom Leuchtturm schien das Meer rings um sie dunkel, leer und schier endlos.

„Seth, siehst du was? Hörst du was?“

Der verneinte. Nun lauschten sie beide angespannt.

Nichts. Dann ein leises platschendes Geräusch.

„Schreien Sie!“, kommandierte Gage. „Helfen Sie uns, Sie zu finden.“

„Hier! Ich bin hier!“ Eine schwache Stimme.

Mit unverkennbar britischem Akzent, fand er. „Rufen Sie weiter!“

Kurz war es still, dann erklang ein Wort: „Marco.“

Ach ja, das alte Kinderspiel, wie Blindekuh im Wasser. Eigentlich rief der Sucher „Marco!“, und die anderen antworteten mit „Polo!“, um ihre Position zu verraten. Jetzt war es wohl umgekehrt.

„Polo!“, rief er nun, um zu zeigen, dass er verstanden hatte.

Da kam es wieder, ein wenig lauter: „Marco.“

„Weiter! Machen Sie damit weiter“, befahl er.

Nun zündete er den Turbo, als er auf die Stelle zu schwamm, von der der Ruf kam, und endlich entdeckte er einen Kopf im Wasser. Noch einmal mobilisierte er alle Energie und war in weniger als einer Sekunde bei der Gestalt.

Seine Augen hatten sich inzwischen an die schwachen Lichtverhältnisse gewöhnt, und er konnte mehr erkennen als vorher. Zuerst dachte er, die Frau würde eine dunkle Badekappe tragen, dann erkannte er, dass sie sehr kurze Haare hatte, die sich nass an ihren Kopf schmiegten und ihn an das Fell eines Fischotters erinnerten. Ihr Gesicht war blass und voller Schrecken vor dem dunklen Hintergrund des Meeres.

Gage wusste, wie man jemanden aus dem Wasser barg, schließlich war er seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Bademeister im Schwimmbad seiner Heimatstadt gewesen.

Man durfte Ertrinkenden nicht zu nahe kommen, um nicht mit unter Wasser gezogen zu werden. Ansprechen, die Situation beurteilen, die Person beruhigen, herausfinden, ob sie in der Lage war, Anweisungen zu befolgen. Erst wenn das alles erfolglos blieb, reichte man ihr etwas zum Festhalten. Doch er hatte nichts bei sich. Körperkontakt war nur das allerletzte Mittel, wenn sonst nichts blieb.

Das alles wusste Gage genau, sein Verstand erinnerte sich laut und deutlich, aber sein Herz sagte ihm etwas ebenso Wichtiges. Etwas, das gegen alle Regeln verstieß.

Endlich konnte Hailey ihn sehen. Sie winkte wild, aber immer schwächer, während der Schwimmer mit kraftvollen Bewegungen auf sie zukam.

Ihre Erschöpfung, die ihr fast zum Verhängnis geworden wäre, machte Euphorie Platz. Es war wahr. Die Stimme war real, der Mann, der auf sie zukam, war echt.

Es war ein Wunder. Gerade hatte sie sich mit dem unvermeidlich bevorstehenden Tod im Wasser abgefunden, da hatte jemand sie gehört. Sie würde gerettet werden!

„Marco!“, rief sie wieder, obwohl inzwischen klar war, dass der Mann sie entdeckt hatte … inmitten des schwarzen Wassers.

Und da war noch jemand. Sie kamen zu zweit, um sie diesem dunklen Abgrund zu entreißen.

Leider rief der zweite Mann dem ersten Anweisungen zu: „Kein Kontakt! Nicht, dass sie dich runterzieht. Sie soll sich auf den Rücken drehen. Ich zieh mein Hemd aus, nimm das, um es ihr zuzuwerfen.“

Ihr Verstand sagte ihr, dass dem zweiten Mann zu Recht die Sicherheit wichtiger war, aber sie wünschte sich Kontakt. Sofort. Ja, den brauchte sie.

Zum Glück ignorierte der Mann, der ihr näher war, die Instruktionen und kam, ohne zu zögern, auf sie zu. Seine Schwimmzüge wirkten mühelos und kraftvoll. Dann war er direkt vor ihr.

Inzwischen war der Mond aufgegangen, es war beinahe Vollmond und nun hell genug, um Einzelheiten zu erkennen.

Trotz ihrer prekären Lage waren ihre Sinne geschärft, und so registrierte sie, wie perfekt die Nase des Manns war und dass ihm Tropfen über den Bart an den Wangen und dem Kinn flossen.

Träume ich das nur? fragte Hailey sich. War es bloß ein Trugbild ihres erschöpften Geists? Ganz sicher konnte kein Normalsterblicher so großartig aussehen und direkt vor ihr aus dem Meer auftauchen.

Seine Augen waren von dichten Wimpern umrahmt, in denen Wassertropfen glänzten. Ebenso wie im Bart um seine vollen Lippen. Zerzauste dunkle Locken rahmten sein Gesicht ein und fielen ihm bis auf die breiten Schultern.

Letztlich gab es nur eine Möglichkeit, um sich zu überzeugen, dass dieser Mann kein Produkt ihrer Fantasie war – und zwar das zu tun, wovor der andere ihn eindringlich gewarnt hatte: Kontaktaufnahme.

Hailey warf sich ihrem Retter förmlich an den Hals und presste sich an ihn. Noch nie hatte sie solche Erleichterung gespürt wie jetzt, da sie sich an seinen festen Körper schmiegte. Es war herrlich.

Er schob die starken Arme unter ihren durch und verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken. Nun wollte sie nichts weiter, als sich ihm völlig zu überlassen, denn sie hatte keine Energie mehr. Doch in ihrem Kopf blinkte eine Warnlampe auf.

Wieso denn das? Sie wurde doch gerade gerettet, war also außer Gefahr.

Ja, genau. Also presste sie sich noch enger an den Mann und spürte die Wärme seines Körpers, was ihr bewusst machte, wie unterkühlt sie war. Tatsächlich klapperten ihre Zähne, wie ihr jetzt auffiel.

Was ihr auch auffiel, war sein stetiger Herzschlag, den sie an ihrer Brust spürte, und die kraftvollen Bewegungen seiner Beine, mit denen er sie beide über Wasser hielt und sie vor dem sicher geglaubten Tod bewahrte.

Dieser Mann war die pure Lebenskraft.

Warum also blinkte in ihrem Kopf diese rote Warnlampe, wie an einem unbeschrankten Bahnübergang, dem sie sich unaufhaltsam näherte?

„Lass nicht zu, dass sie dich runterzieht“, warnte der zweite Mann wieder. „Ich kann sie übernehmen.“

Ihr Retter ließ sie nicht los. „Sie stellt keine Gefahr für mich dar“, behauptete er.

Seine Stimme klang so stark, dass sie sich sofort beruhigt fühlte. Ja, er war real, keine Einbildung. Und natürlich war sie für ihn keine Gefahr.

„Sie haben keine Kraft mehr, stimmt’s, Darling?“, wandte er sich an sie.

Oh, ihr Retter war wohl Amerikaner. So wie er „Darling“ gesagt hatte, so warm und freundlich, mit diesem besonderen Akzent.

„Aber das, was Sie anhaben, schlingt sich mir um die Beine und zieht uns beide runter wie ein Anker“, fügte er hinzu.

„Ja, mein Kleid. Ich wollte es ausziehen, aber ich habe es nicht geschafft, weil dabei immer mein Kopf unter Wasser geriet“, erklärte Hailey stockend.

„Alles gut“, sagte er beruhigend. „Wollen Sie es loswerden?“

„Ja“, antwortete sie.

Mit der Entscheidung kam jedoch ihr ganzes Elendsgefühl zurück, und ihr Herz pochte rasend, als sich eine Erinnerung durch den Nebel in ihrem Hirn zu schieben versuchte. Ein Bild gleich einer alten Fotografie, sepiabraun und ungreifbar.

Ein Mann, aber sie konnte ihn nicht sehen. Es war nur ein Gefühl. Und da war Gelächter. Erkenntnis, dass etwas passierte. Dann etwas anderes, Dunkles. War es Zorn? Und wenn ja, ihrer oder seiner?

„Nein, ich will das Kleid doch nicht ausziehen“, informierte Hailey ihren Retter, so energisch sie es trotz der Schwere in ihren Gliedern und der klappernden Zähne konnte.

„Ja, gut, was immer Ihnen am angenehmsten ist“, sagte er sofort. Er schien ihren Gefühlsaufruhr zu spüren.

Das beruhigte sie, und ihr Verstand setzte wieder ein. Sicherheit ging vor, also musste sie das Kleid ausziehen. Sie löste eine Hand vom Nacken des Mannes und streifte sich einen Träger des Kleids von der Schulter, dann den anderen.

Ihr Retter verstand sofort, was sie vorhatte, und half ihr, indem er am Saum zog. Panik erfasste sie plötzlich. War es die Angst, dass der Stoff sich nun um ihrer beide Beine wickeln und sie nach unten ziehen würde? Oder steckte ein anderer Grund dahinter?

Immerhin schaffte sie es, sich aus dem Kleid zu befreien, und sie spürte große Erleichterung. Dann wurde ihr bewusst, dass sie nur noch Unterwäsche trug und sich an ihren Retter klammerte.

Ihre Nerven vibrierten. Es war ein Hochgefühl, noch am Leben zu sein.

Das war es, was ihre Sinne schärfte: Erleichterung, nicht gestorben zu sein.

Die Gefahr war vorbei.

Doch wieder meldete sich ihre Vernunft und warnte sie, dass es außer dem Ertrinken im nächtlichen Meer andere Gefahren gab, die noch nicht gebannt waren.

3. KAPITEL

Ihr Retter sah sie forschend an, und Hailey fragte sich, ob sie „Gefahren“ etwa laut gesagt hatte. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem anderen Mann zu, der ihn gerade informierte, dass er weitere Helfer angefordert hatte, die mit Jetskis das Rettungsfloß bringen würden.

Da klang auch schon das durchdringende Dröhnen von Motoren durch die Stille der Nacht. Und plötzlich kamen die Tränen, Tränen der Erschöpfung, der Verlorenheit, der Verwirrung.

„Es ist gleich geschafft“, beruhigte ihr Retter sie. „Wie heißen Sie?“, fragte er dann so gelassen, als würden sie in einem Lokal sitzen und er würde ihr einen Drink anbieten.

Hailey merkte ihm an, wie unangenehm ihm ihr Weinen war, also versuchte er wohl, sie abzulenken. Für einen Moment musste sie über seine Frage nachdenken.

„Hailey“, sagte sie schließlich, und es klang in ihren Ohren irgendwie seltsam. So als hätte sie bei einem Quiz zufällig die richtige Antwort erraten.

„Hailey also“, wiederholte er sanft. „Ich heiße Gage Payton.“

Wieso sieht er mich so eindringlich an, als würde er eine Reaktion erwarten? fragte sie sich. Ach so, sie sollte auch ihren Familiennamen nennen!

Sie holte Luft und … nichts weiter geschah. Die Stelle in ihrem Gedächtnis, an der sie den Namen gespeichert hatte, schien leer zu sein.

„Ich weiß meinen Nachnamen nicht“, stellte sie laut fest, und Panik überkam sie.

Der andere Mann schwamm zu ihnen heran. „Das ist nicht schlimm“, beschwichtigte er sie. „Sie haben vermutlich einen Schock. Ich bin übrigens Seth.“

Er nannte seinen Nachnamen nicht. Stattdessen schaltete er die Taschenlampe seines offenbar wasserdichten Handys ein und winkte damit in Richtung Jetski, der hörbar näher kam.

„Die sind gleich da“, versicherte Gage. „Dann sind Sie bald im Trockenen und Warmen.“

Sicher, trocken, warm. Was für herrliche drei Wörter, dachte Hailey.

„Woher sind Sie jetzt gekommen?“, wollte sie von ihm wissen, und ihre Stimme klang heiser. „Wie konnten Sie mich hören? Und im Dunkeln entdecken? Sie haben mir das Leben gerettet. Sie sind ein Held.“

„Sagen Sie ihm nicht so was.“ Seth stöhnte gespielt auf, um die Situation aufzulockern. „Er wird sonst noch ganz eingebildet.“

Hailey betrachtete Gages perfektes Gesicht, die makellose Haut, seine markanten Züge, die gemeißelten Muskeln. Er strahlte absolute Selbstsicherheit aus. Und das Alarmsignal blinkte erneut in ihrem Kopf auf, denn wenn einer eingebildet sein durfte, dann wohl dieser Mann.

Bestimmt zog er Frauen so mühelos an wie Blumen Bienen – oder wie Magnete Eisen.

So ein Mann kann einem schrecklich wehtun, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf, und sie fragte sich schuldbewusst, woher dieser Gedanke so plötzlich gekommen war. Sie konnte doch unmöglich wissen, wie Gage war, wenn sie nicht einmal ihren eigenen Nachnamen kannte!

Sie sollte ihm – und Seth natürlich – unendlich dankbar sein. Trotzdem blieb sie misstrauisch.

Tatsächlich fand sie Gage ungewöhnlich attraktiv. Nun wurde ihr bewusst, dass es nicht dieser Mann, sondern diese Tatsache war, die ihr gefährlich vorkam. Gegen die sie um jeden Preis ankämpfen musste. Dankbarkeit hin oder her.

Er durfte auf keinen Fall und niemals wissen, welches Verlangen er in ihr weckte, ein Verlangen nach etwas, das sie nicht haben konnte – nur daran erinnerte sie sich verschwommen.

„Ich würde gern wissen, woher Sie kommen“, erwiderte Gage, ohne ihre Frage von eben zu beantworten.

Hailey durchforschte ihr Hirn, aber sie fand nichts außer dem durchdringenden Bewusstsein, dass es Dinge gab, die sie nicht haben konnte. Ansonsten war alles wie eine leere Schultafel.

„Ich … ich weiß es nicht.“

„Waren Sie möglicherweise vorübergehend ohnmächtig?“

Sie überlegte. „Vielleicht ja. Ich weiß nicht, wie ich ins Wasser geraten bin. Ich erinnere mich, dass ich nass war, und ich habe gehustet, und dunkel war es. Die Strömung hat mich mitgerissen, immer weiter weg vom Land, und das Kleid hat mich nach unten gezogen.“

„Sie haben also Wasser geschluckt?“, wollte Seth wissen.

„Ja. Ganz bestimmt.“

Die beiden Männer tauschten einen Blick. „Sekundäres Ertrinken?“, meinte Gage.

Seth zuckte mit einer Schulter. „Möglich ist es.“

„Sind Sie irgendwie verletzt, Hailey?“, fragte Gage weiter. „Tut Ihnen etwas weh?“

Wieder musste sie überlegen. Vor lauter Euphorie, Erleichterung, Erschöpfung und Verwirrung war ihr nichts weiter aufgefallen. Jetzt ging sie alles durch.

„Mir tut der Kopf weh“, informierte sie Gage schließlich.

„Wie sind Sie bloß in diese Bredouille geraten, Darling?“, meinte er mitfühlend.

„Bredouille?“ wiederholte sie verständnislos, und das Wort hallte in ihrem Kopf nach wie in einer Echokammer.

„Sie steht unter Schock“, erklärte Seth, „und ist verwirrt aufgrund einer möglichen Kopfverletzung. Damit kennst du dich ja aus, Gage.“

Die Jetskis waren jetzt so nah, dass ihr Dröhnen alles übertönte. Kurz darauf erreichten sie ihre kleine Gruppe, das weiße Licht der Scheinwerfer fiel auf ihre drei Gestalten im Wasser. Plötzlich war das eben noch so endlose, fast leere Meer von Lärm und Aktivität erfüllt, als weitere Menschen ins Wasser sprangen.

„Ich helfe Ihnen auf das Rettungsfloß“, sagte eine fremde Stimme.

Hailey stellte peinlich berührt fest, dass sie Gage einfach nicht loslassen konnte.

„Schon gut, ich habe Sie“, sagte der. „Keine Sorge, Hailey, ich lasse Sie nicht los.“

Damit schob er sie zu einer Art kleiner Rettungsplattform, die an einem der Jetskis befestigt war.

„Und rauf mit Ihnen“, feuerte er sie an.

Starke Hände legten sich um sie, sie wurde hochgehoben und auf das Floß geschoben. Kühle Luft strich ihr über die Haut. Gage kletterte ebenfalls auf das Rettungsfloß, was es zum Schwanken brachte. Um nicht jetzt noch einmal ins Wasser zu fallen, klammerte sie sich an ihren Retter. Himmel, hatte der feste Muskeln!

Sie zwang sich, ihn loszulassen, obwohl sie es nicht wollte.

Das kleine Vehikel war wohl nur für eine Person gedacht, zu zweit mussten sie sich eng aneinanderpressen. Gerade als ihr wieder bewusst wurde, dass sie nur Unterwäsche trug, die dank der Nässe bestimmt durchsichtig war, warf man ihnen eine Decke zu.

Gage fing sie geschickt auf und hüllte sie darin ein, was sich sanft und fürsorglich anfühlte.

Plötzlich fand Hailey es albern, weiterhin Argwohn zu hegen. Es war auch zu anstrengend. Stattdessen genoss sie das Gefühl von Wärme und Sicherheit, ein solcher Gegensatz zur Verzweiflung, die sie noch Minuten vorher im Wasser verspürt hatte. Ja, das Leben konnte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen ändern.

Das Dröhnen der Motoren war so laut, dass ein Gespräch unmöglich wurde, aber Worte hätten sich jetzt auch unsinnig angefühlt nach allem, was sie gerade durchgemacht hatten. Also ließen sie sich schweigend übers Wasser ziehen.

Dann erreichten sie einen Lichtkreis, Stimmen klangen durcheinander, das Floß wurde an seinen Platz manövriert. Hailey vermutete, dass sie an einem Pier waren.

Sie konnte es kaum erwarten, den Fängen des Meeres endgültig zu entfliehen, das sie beinah vernichtet hätte. Festen Boden unter den Füßen zu spüren, das brauchte sie jetzt.

Und sie musste umgehend Abstand zu ihrem Retter gewinnen, denn sonst würde sie nie mehr von ihm loskommen, fürchtete sie. Als wäre er eine Droge und sie süchtig. Als wäre sie an unheilbarer Heldenverehrung erkrankt und könnte das Band zu ihm nicht durchtrennen.

Das war eine Komplikation, mit der sie momentan einfach nicht umgehen konnte.

Natürlich war sie Gage dankbar. Sie war sich seiner Attraktivität bewusst. Aber sie war auch misstrauisch und verletzlich. Müde, durcheinander, erleichtert. Diese chaotische Gefühlslage könnte sie dazu bringen, etwas Dummes oder Naives zu sagen oder zu tun, etwas für sie komplett Untypisches.

Zwar konnte sie sich im Moment nicht daran erinnern, was untypisch für sie war oder was ihr Wesen ausmachte, aber bestimmt war sie keine Frau, die einen Mann wie ihn – gegen seinen Willen – anhimmelte.

4. KAPITEL

Gage umfasste ihre Hand und zog Hailey auf die Füße. Das Floß wackelte gefährlich, aber da streckten sich auch schon andere Hände nach ihr aus, während er sie hochhob.

Nun ließ er sie los, zum ersten Mal, seit sie sich im Wasser an ihn geklammert hatte, und seine Berührung fehlte ihr sofort. Deshalb war es wichtig, sich so bald wie möglich von ihm zu verabschieden. Nach nicht mal einer Stunde mit ihm fühlte sie sich bereits wie ein Welpe, der von seinem Wurf getrennt wurde.

Sie sah sich um und versuchte festzustellen, wo genau sie sich befand. Da Seth per Handy Hilfe angefordert hatte, rechnete sie mit Blaulicht – einem Rettungswagen oder vielleicht Polizei. Einer Menge hilfsbereiter Menschen. Womöglich auch noch mit einer Musikkapelle? fragte eine innere Stimme spöttisch.

Allmählich wurde Hailey klar, dass sie sich gar nicht auf einem Pier oder einem Kai befand. Sie war nicht einmal an Land, was das Fehlen von Fahrzeugen und Menschen erklärte. Stattdessen war sie auf dem unteren Deck eines großen Boots, von dem aus man sowohl ins Innere des Schiffs gelangte als auch ins Meer hinausschwimmen konnte.

Wo war sie hier gelandet? Das Boot war anders als alle, die sie jemals gesehen hatte. Und das beschränkte sich ohnehin aufs Fernsehen. Sie ließ den Blick nach oben gleiten zu den goldenen Lettern des Bootsnamens: Carpe Diem.

Sie sah strahlend weiße Wände, mehrere Decks mit rostfreien Relings, scheinende Metallrahmen um Fenster und Bullaugen. Alles glänzte vor Sauberkeit, wie frisch poliert. Nein, das hier konnte man nicht einfach als Boot bezeichnen, es war viel prachtvoller.

Das hier war wie ein schwimmendes, verzaubertes Schloss.

Ist das alles überhaupt echt? fragte sie sich wie benommen. Oder war sie ertrunken und hier im Jenseits?

War Gage Payton gar kein Mann, sondern ein Engel?

In diesem Moment hörte sie seine Stimme: „Bringt sie in die VIP-Suite und lasst sofort einen Arzt kommen.“

Aha, doch ein Mann, kein Engel, und ein hochvornehmes Schiff, nicht das Jenseits.

Gage klang, als wäre er es gewohnt, Kommandos zu geben. Seth informierte ihn, dass ein Arzt bereits unterwegs sei. Hailey hatte das Gefühl, sie müsse darauf bestehen, dass man sie an Land brachte und nicht den Arzt zu ihr. Denn so würde sie zeigen, dass sie selbst über ihr Leben entschied.

Ja, sie war dankbar, dass man sie gerettet hatte, aber um den Rest würde sie sich allein kümmern.

Allerdings kam ihr diese Aufgabe so vor, als müsste sie einen Berg bezwingen. Das war zu viel Anstrengung. Die konnte noch warten.

Dann war sie plötzlich von Männern umgeben, die weiße T-Shirts und blaue Bermudashorts trugen. Von irgendwo wurde ein Rollstuhl zu ihr geschoben.

„Den brauche ich nicht“, protestierte Hailey.

Es war ein letzter Versuch, die Kontrolle zu behalten, aber dann hatte sie das Gefühl, die Beine würden unter ihr nachgeben, und sie ließ sich in den Stuhl sinken.

Man schob sie zu der Tür in der Mittelwand des Decks, diese öffnete sich … und dahinter befand sich ein Lift.

Hailey blieb buchstäblich der Mund offen stehen, während zwei der Männer sie in die Liftkabine schoben. Obwohl sie zu dritt waren, fühlte es sich nicht eng an. Bevor sich die Tür schloss, sah sie noch einmal nach draußen. Gage stand an der Reling, den Blick zum Meer gewandt. Wasser lief ihm in silbrigen Bächen aus den Locken über den breiten, muskulösen Rücken, die Badeshorts schmiegte sich eng an seine schmalen Hüften und betonte seine makellose Statur.

Dank Gages Rettungsaktion war sie jetzt nicht tot, und tot hätte sie sein müssen, um nicht zu registrieren, wie perfekt dieser Körper war. Perfekt wie Michelangelos David.

Hailey konnte den Blick nicht abwenden. Gages Haut war braun, seine dunklen Locken umschmeichelten seinen Nacken. Direkt über dem Bund seiner Shorts entdeckte sie zwei Grübchen links und rechts seiner Wirbelsäule. Und unter dem nassen Stoff seine festen Gesäßmuskeln …

Als würde er ihren Blick spüren, wandte Gage sich um und ertappte sie beim Starren. Er nickte ihr leicht zu, völlig selbstsicher, und lächelte, was seine vollen Lippen und die geraden, weißen Zähne zur Geltung brachte.

Hailey wurde seltsam zumute. Wollte sie nun am liebsten weglaufen? Oder sich ihm an den Hals werfen und ihn küssen, bis ihnen beiden die Luft wegblieb?

Zum Glück schloss sich in dem Moment die Tür des Lifts, der nur aus Glas und Stahl bestand. Rasch richtete sie den Blick auf die malerische Aussicht: den Leuchtturm und den Ort im Hintergrund. Es war überwältigend.

Als der Lift hielt, glitt die Tür lautlos auf, und man schob sie aus der Kabine.

Hailey atmete tief ein vor Staunen. Sie war in Hotels gewesen, die bei Weitem nicht so luxuriös waren und … Hotels? Welche Hotels? Und wo?

Ihr Kopf fühlte sich noch immer an, als wäre er mit Nebel gefüllt.

Nun ging es durch eine Lounge mit tiefen Ledersesseln, einer Bar, einem Billardtisch und einem riesigen TV-Monitor, der von der Decke hing.

Diese Opulenz hätte sie vorbereiten können auf das, was sie in der VIP-Suite erwartete, doch das tat sie nicht.

In der Suite sah Hailey sich begeistert um. Sie war umgeben von Luxus: Zwei tiefe Clubsessel standen vor einem offenen Kamin. Ein Kamin auf einem Boot war so unvorstellbar wie ein Lift. Und doch gab es hier beides!

Über dem Kaminsims hing ein Fernseher. Am anderen Ende des Raums stand ein rundes Bett mit unzähligen Kissen, der Bettbezug wirkte edel und war neutral gehalten. An den Wänden hingen echte Kunstwerke, moderne Reliefs und abstrakte Gemälde. Dicke Vorhänge verdeckten eine Wand. Sie waren zugezogen, vermutlich verbarg sich dahinter eine große Fensterfront.

Nein, das war jetzt alles zu viel! Eben noch wäre sie beinah im Meer ertrunken, jetzt war sie zu Gast auf einer Luxusjacht, die sich die meisten Menschen nicht mal vorstellen konnten. Es gab mehrere Stockwerke. Einen Lift. Einen Kamin. Wertvolle Kunst an den Wänden.

Aber selbst das alles war nicht so überwältigend für die Sinne wie der Anblick von Gage an Deck, dem Wasser über die nackte Brust floss.

„Miss?“, sprach einer der Männer sie an. „Ich bin Troy, und das ist Jason.“

„Ich heiße Hailey“, stellte sie sich vor und war froh, dass Troy nicht seinen Nachnamen genannt hatte, also musste sie das auch nicht tun.

„Ich bin der Sanitäter auf diesem Schiff“, erklärte er. Mit amerikanischem Akzent wie Gage und Seth. Dann hielt er seine Hand hoch. „Wie viele Finger sehen Sie jetzt?“

„Drei.“

„Stimmt genau. Und welches Jahr haben wir?“

„Welches Jahr?“ Das war schwieriger. Sie wusste es nicht sicher. Trotzdem antwortete sie selbstbewusst.

„Stimmt genau“, sagte er wieder.

Sie war erleichtert, aber nicht lange, denn die nächsten Fragen waren zu schwer. Sie wusste den Wochentag nicht und schon gar nicht, wer zurzeit amerikanischer Präsident war.

Das schien Troy jedoch nicht zu beunruhigen. „So, kann ich Ihnen jetzt ins Bett helfen, Hailey? Der Arzt ist unterwegs.“

Der Wunsch sich hinzulegen war fast übermächtig, und genau deshalb gab sie ihm nicht nach. Sonst verlor sie womöglich den letzten Rest an Kontrolle über ihr Leben.

„Ich bleibe im Rollstuhl“, teilte sie dem Sanitäter mit.

„Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis er da ist“, erwiderte Troy. „Ich würde gern eine Voruntersuchung machen, und es wäre einfacher für mich, wenn Sie sich dafür hinlegen.“

Sie blickte ihn misstrauisch an. Wollte er ihr einreden, sie würde ihm helfen, nicht umgekehrt?

„Es ist bequemer“, sagte er. „Wenigstens sollten Sie die nassen Sachen ausziehen. Ich habe hier ein T-Shirt für Sie. Wenn Sie möchten, rufe ich eine der Frauen der Crew, damit die Ihnen hilft.“

„Das ist nicht nötigt“, erwiderte Hailey, wieder alarmiert, und schnappte sich das T-Shirt. Sofort tat ihr die brüske Art leid. „Und vielen Dank“, fügte sie schnell hinzu.

Die beiden Männer verließen den Raum. Sie stand auf. Ihre Beine waren weich wie Gummi, und sie zitterte. Schnell wickelte sie sich aus der Decke, in die sie eingehüllt worden war, und zog die nasse Unterwäsche aus. Da sie kein Handtuch greifbar hatte, rubbelte sie sich mit der Decke ab, bevor sie das T-Shirt anzog. Es war riesig und ging ihr bis zu den Knien. Fast wie ein Kleid. Es war herrlich sauber und trocken.

Langsam ging sie zum Bett. Was befürchte ich denn, was passieren könnte, wenn ich nachgebe? fragte sie sich. Dann legte sie sich in die weißen Laken. Das Bett war so groß, bequem und extravagant weich, dass sie meinte, auf einer Wolke zu schweben. Es wäre so leicht, sich jetzt einfach treiben zu lassen, jemand anderen bestimmen zu lassen, fand sie. Genau das hatte sie befürchtet.

Sie konnte sich nicht erinnern, jemals in einem so herrlichen Bett geschlafen zu haben. Tatsächlich konnte sie sich an gar kein Bett erinnern. Auch nicht an das zu Hause.

Zuhause? Das war plötzlich nur ein Wort, mit dem sie kein Bild verband.

In diesem Moment kamen Troy und Jason zurück. Troy maß ihren Puls, ihre Temperatur, dann horchte er mit einem Stethoskop ihre Brust ab. Anschließend bewegte er sanft ihre Gliedmaßen und fragte, ob ihr etwas Schmerzen bereite.

Als er die Rückseite ihres Kopfs abtastete, zuckte sie zusammen.

„Tut das weh?“, fragte Troy.

„Ja, ganz schrecklich.“

Sie fasste nach hinten zu der Stelle und zog dann erschrocken die Hand zurück. Die war mit Blut beschmiert, aber schockierender waren die kurzen Haare, die sie unter den Fingern gespürt hatte. Hatte sie nicht lange Haare?

„Ja, da ist ein Kratzer“, sagte Troy ruhig und wischte ihre Hand sauber. „Kopfwunden können ganz schön stark bluten.“

Panik überfiel sie. Warum blutete ihr Kopf? Warum hatte sie so kurze Haare? Und wo, um alles in der Welt, befand sie sich?

Da wurde die Tür geöffnet, und Gage kam herein. Sofort spürte Hailey, wie die Panik etwas nachließ. Er war ihr Fels in der Brandung, auch wenn er einen Sturm verwirrender Gefühle in ihr weckte. Inzwischen hatte er sich umgezogen und trug nun eine sandfarbene Hose und ein marineblaues T-Shirt, auf das ein Football gestickt war.

Auch vollständig bekleidet war sein muskulöser Körper hinreißend. Die schulterlangen Locken waren noch feucht. Er hatte eine kräftige, gerade Nase und markante, hohe Wangenknochen. Der gepflegte Bart lenkte die Aufmerksamkeit zu seinen vollen Lippen und ließ die kleine Kerbe in seinem Kinn erkennen.

Aber es waren vor allem seine Augen, die Hailey so faszinierten: mandelförmig, eingerahmt von dichten Wimpern, die Farbe der Iris graugrün, wie ein von Moos überzogener Stein. Stärke und Entschlossenheit lagen in seinem Blick, aber auch ein humorvolles Funkeln.

Einem Mann wie ihm würde sie gern die Kontrolle über sich zugestehen. Aber das durfte nicht sein. Sie musste stark sein und über sich selbst bestimmen.

„Entspannen Sie sich“, bat Gage. „Alles wird gut.“

„Sie können das leicht sagen, aber ich weiß nicht, wer ich bin, wo ich bin und wie ich ins Meer geraten bin.“

„Tief einatmen, sonst hyperventilieren Sie gleich“, erwiderte er und schien genau zu spüren, wie aufgeregt sie war. „Durch die Nase einatmen. Stellen Sie sich vor, Sie würden an einer Blume riechen. Perfekt. Jetzt stoßen Sie den Atem durch den Mund aus, als wollten Sie eine Kerze auspusten.“

Widerstrebend tat sie, worum er sie bat. Noch mehr Kontrollverlust. Jetzt musste man ihr schon sagen, wie sie zu atmen hatte!

Ärgerlicherweise funktionierte es. Ihre Aufregung schwand.

„Alles wird gut, Hailey“, versicherte Gage wieder.

Sie atmete weiter tief ein und langsam aus. Ließ sich gegen die Kissen sinken. Entspannte sich bei dem gleichmäßigen Rhythmus. Das Bett wurde von den Wellen unter dem Boot sanft geschaukelt. So musste man sich in einer Wiege fühlen.

Langsam wurden ihr die Lider schwer.

Gage berührte ihre Schulter. „Nicht einschlafen!“

Hailey hätte das aber am liebsten getan. Sie wusste doch, dass es falsch gewesen war, der Versuchung nachzugeben, sich hinzulegen.

„Sie müssen noch wach bleiben. Bis der Arzt Sie untersucht hat“, erklärte er.

„Ach ja, der Arzt. Meinen Sie nicht, ich sollte in ein Krankenhaus gebracht werden?“, fragte sie. Allerdings wollte sie nicht aufstehen. Es fühlte sich gut an, hier zu liegen. Trotz des Kopfwehs und obwohl sie nicht schlafen durfte.

„Der Doktor ist gleich hier. Er entscheidet dann, wie es weitergeht.“ Gage neigte den Kopf. „Ich glaube, er kommt gerade an.“

Sie lauschte ebenfalls. Da war ein Brummen, das immer näher kam. Das war doch ein Hubschrauber!

Wo war sie, dass der Arzt mit einem Helikopter kam?

5. KAPITEL

Der Arzt hatte Hailey untersucht und keine Anzeichen von Drogen oder Alkohol bei ihr gefunden. Berauschtheit konnte also als Grund ausgeschlossen werden, warum sie im Meer gelandet war.

Gage hatte eine Liste von Anweisungen erhalten. Als ob er die brauchen würde, schließlich war er doch selbst Experte für Gehirnerschütterungen …

Hailey hatte zum Glück kein Wasser eingeatmet, litt allerdings an Gedächtnisverlust, zumindest momentan, als Folge der Kopfverletzung unbekannter Ursache und möglicherweise verstärkt durch das traumatische Erlebnis.

Sie hatte Schmerzmittel erhalten und sollte, so der Arzt, über Nacht auf der Jacht bleiben, wo sie es zum einen bequem hatte und zum anderen durch den Sanitäter der Crew gut betreut sein würde. Morgen könne er sich dann um eine Verlegung ins Krankenhaus kümmern.

Gage öffnete leise die Tür und blickte zum Bett. Er hoffte, dass Hailey jetzt schlief. Doch sie saß aufrecht da, mit einem Verband um den Kopf. Wie klein und zerbrechlich sie aussah! Ihre Haut war fast so weiß wie die Laken, ihre Augen – blau wie der Sommerhimmel über Iowa – wirkten fast übergroß und verrieten ihre Benommenheit.

„Ich bin nicht Mitwirkende in einem Mumienfilm“, sagte Hailey und sah dabei ein bisschen streitsüchtig aus.

Gage ging zu ihr und betrachtete sie. „Bestimmt nicht? Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, Sie im Fluch der Mumie gesehen zu haben. Sie waren die kleine Freche, vor der man sich ganz besonders in Acht nehmen musste.“

„Sah die schrecklich aus?“, wollte sie wissen.

„Na ja, eher niedlich, soweit eine Mumie das sein kann“, antwortete er.

Ihm wurde klar, dass er Hailey tatsächlich niedlich fand, sehr sogar. Aber das durfte nicht sein. Er musste Distanz wahren, so als wäre er ihr Arzt.

„Wenigstens ist mein Haar unter dem Verband versteckt“, stellte sie fest und schaute ihn leicht vorwurfsvoll an. „Wissen Sie, was damit passiert ist?“

„Etwas ist mit Ihren Haaren passiert?“, vergewisserte Gage sich und sah genauer hin. Aus den Lücken des Verbands standen kleine spitze Haarbüschel hoch, die ihn an ein Stachelschwein denken ließen.

„Sie sollten lang sein“, erklärte Hailey.

„Oh!“ Mehr fiel ihm nicht ein, so verwirrt war er jetzt.

Sie klang etwas lallend, und ihre Augen schienen in verschiedene Richtungen zu blicken. Sie war also mehr als benommen. Eher völlig high von den Medikamenten.

„Der Arzt meinte, es wäre okay, wenn Sie jetzt schlafen“, informierte er sie sachlich. „Aber wir müssen Sie jede Stunde wecken und Ihnen mit der Taschenlampe in die Augen leuchten, um zu prüfen, ob sich Ihre Pupillen dabei zusammenziehen. Wenn Ihnen übel wird oder Ihr Kopfweh wesentlich schlimmer, brauchen Sie es nur zu sagen. Es wird immer jemand hier bei Ihnen sein.“

„Wussten Sie schon, dass Sie wie ein Cowboy klingen?“, fragte sie ihn, als hätte sie kein Wort gehört.

„Nein. Ich stamme aus Iowa, da gibt es eher keine Cowboys. Wie klingen die denn, Ihrer Meinung nach?“

„Die sagen ‚Daahrling‘.“ Sie zog das Wort in die Länge. „Sie sind also keiner.“

„Nicht mal annähernd“, bestätigte Gage.

„Vielleicht klingen ja alle Amerikaner wie Cowboys“, entschied sie.

„Nein. Ich habe einen Cousin in Boston, der klingt anders.“

„Aha. Mögen Sie Cowboys, Gage?“

„Wenn davor noch Dallas steht, dann Ja“, erwiderte er und merkte, dass sie die Anspielung nicht verstand. Das hieß wohl, dass sie nichts über American Football wusste, was ihn seltsamerweise erleichterte. Warum eigentlich? Sie würde doch ohnehin morgen früh ins Krankenhaus gebracht werden, wie der Arzt gesagt hatte.

„Ein Cowboy ist das amerikanische Gegenstück zu einem Ritter“, erklärte sie geduldig. „Die retten junge Frauen aus Gefahren.“

„Aha.“

„Und das bin ich: eine holde Maid in Nöten.“ Sie kicherte.

„Danke für die Klarstellung. Ich bin aber kein Held, falls Sie das denken.“

Nein, kleine Lady, setzen Sie nicht Ihre Hoffnungen in mich, fügte er im Stillen eindringlich hinzu.

„Das denke ich gar nicht“, sagte sie schnell. Zu schnell. „Obwohl Sie mich ja gerettet haben. Dafür bin ich dankbar. Sehr dankbar. Echt. Aber ich muss weg von Ihnen.“

Der letzte Satz klang regelrecht vehement.

Das verblüffte Gage, denn normalerweise wollten Frauen nicht weg von ihm. Im Gegenteil. Nur welche Art von Frauen? Seine Schwester – die nie ein Blatt vor den Mund nahm – hatte ihn schon oft geneckt wegen seiner „Busenbrigade“, wie sie es nannte. Sie behauptete, um sein Interesse zu wecken, bräuchte eine Frau nur drei Dinge, die alle mit „B“ anfingen: Busen, blonde Haare und Blödheit.

Natürlich hatte er darauf reagiert, und zwar indem er vorgab, lieber zu sterben, als so ein Kleinstadtleben zu führen wie sie und ihre Eltern. Dabei sehnte er sich insgeheim nach etwas Ähnlichem. Einem ganz normalen Leben. Aber das würde ihm nun mal versagt bleiben. Das war ihm schon vor Babbas Verrat klar gewesen, doch jetzt war es in unerreichbare Ferne gerückt. Deshalb verschwendete er nicht unnötig Energie darauf, sondern steckte diese lieber in sein Unternehmen, das dadurch florierte.

Hailey seufzte. „Der Arzt sagt, ich leide an … äh …“

„Müdigkeit?“, half Gage aus.

Ihre Lider sanken gehorsam, dann gab sie sich einen Ruck. „Anästhesie!“, rief sie triumphierend. „Der Doc sagt, ich leide an Anästhesie.“

„Amnesie“, korrigierte er sie sanft. „Anästhesie ist ein anderes Wort für Narkose.“

„Ist doch egal. Jedenfalls wird die Erinnerung in einer Stunde zurück sein. Sagt er.“

Da er mit dem Arzt geredet hatte, kannte er die Diagnose: Es ging hier um vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden. Hailey hatte einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Zum Glück war nichts gebrochen, aber es war ein Trauma, verstärkt durch Schock, und so vermutlich die Ursache für den Gedächtnisschwund.

„Ich dachte, der Doc hört nie auf zu fragen“, beklagte sie sich. „Der war schlimmer als Troy. Es hat sich so angehört …“ Sie stimmte einen Singsang an, es klang ein bisschen wie ein Shanty. „Welcher Tag ist denn heute, heute? Wo kommst du her, her? Wo bist du denn zu Hause, zu Hause? Wieso warst du im Meer, Meer?“

Gage musste einfach lächeln. Sie fand es wahrscheinlich poetisch, die Worte zu wiederholen.

„Und was hat er noch gefragt?“

„Wie lange ich im Wasser war, wie ich mit Nachnamen heiße, ob ich verheiratet bin oder mit Freunden unterwegs. Mal überlegen, was sonst … Ja, ob ich denke, dass mich jemand vermisst und ob er jemanden benachrichtigen soll, dass man mich gefunden hat.“

Immerhin erinnert sie sich an die Fragen, dachte Gage.

„Wissen Sie, wie viele Fragen ich richtig beantwortet habe?“, fragte Hailey.

Er schüttelte den Kopf.

Sie presste Daumen- und Zeigefingerspitze aneinander. „Null. Komma. Null.“

„Oh, schade.“

„Ich hasse es, bei Tests zu versagen“, gestand sie kläglich. „Ich bin nämlich wirklich clever. Glaube ich jedenfalls. Bin mir aber nicht sicher wegen der Anastasia.“

„Bestimmt sind Sie klug“, beschwichtigte er sie. „Mir kommen Sie jedenfalls so vor.“

„Hat der Arzt meine Haare abgeschnitten?“, wollte sie unvermittelt wissen.

Wieder schüttelte er den Kopf.

„Vielleicht war es wegen des Films“, überlegte sie laut.

„Welcher Film?“

„Ich denke, ich könnte in einem Film sein. Nicht einem mit Mumien“, stellte sie klar. „Auch wenn ich wie die niedliche Freche aussehe. Nein, ein James-Bond-Film. Schauen Sie sich doch um. Totales Filmset, oder?“

„Da ist was dran“, stimmte Gage zu und versuchte, nicht zu lachen.

„Der Arzt kam mit dem Helikopter“, sagte sie, anscheinend der Meinung, sie müsse ihn noch überzeugen. „Vermutlich ist er an einem Seil aufs Boot gelassen worden.“

„Tatsächlich gibt es einen Hubschrauberlandeplatz hier.“

„Na bitte! Kann ich dann noch Boot sagen, wenn es einen Hubschrauberlandeplatz gibt? Ist das hier ein Boot? ...

Autor

Heidi Rice

Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt – mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie...

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Sophie Pembroke

Seit Sophie Pembroke während ihres Studiums der englischen Literatur an der Lancaster University ihren ersten Roman von Mills & Boon las, liebte sie Liebesromane und träumte davon, Schriftstellerin zu werden. Und ihr Traum wurde wahr! Heute schreibt sie hauptberuflich Liebesromane. Sophie, die in Abu Dhabi geboren wurde, wuchs in Wales...

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