Julia Weekend Band 147

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ICH LEG DIR DIE WELT ZU FÜSSEN von CATHY WILLIAMS

„Sie sind ein Snob – und ich hasse Snobs!“ Lizzy macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Louis Jumeau. Der arrogante Milliardär glaubt wohl, dass man mit Geld alles kaufen kann. Sie ist aber nicht käuflich! Nur woher kommt dann das sinnliche Kribbeln, sobald er sie ansieht?

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  • Erscheinungstag 02.10.2026
  • Bandnummer 147
  • ISBN / Artikelnummer 0838260147
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Cathy Williams, Melanie Milburne, Liz Fielding

JULIA WEEKEND BAND 147

Cathy Williams

1. KAPITEL

Louis Jumeau knallte die Fahrertür des Range Rovers zu und musterte den Wagen genervt. Wie dumm von ihm, einer Mietwagenfirma zu vertrauen, die sich brüstete, die einzige im Umkreis von fünfzig Meilen zu sein! Mangelnde Konkurrenz führte zwangsläufig zu mangelndem Service. Er hätte es viel bequemer haben können, wenn er den Helikopter genommen hätte und am Flughafen in einen seiner eigenen topmodernen Wagen umgestiegen wäre.

Doch er hatte die Transportmöglichkeiten vor Ort unbedingt persönlich austesten wollen. Seine verwöhnten Kunden würden erstklassige Verbindungen nach Crossfeld House erwarten, wenn sie auf die Idee kämen, mit dem Zug anzureisen und für die Weiterfahrt einen Wagen zu mieten, wie er es unglücklicherweise getan hatte.

Leise fluchend klappte er sein Handy auf. Kein Empfang.

Er sah sich um. Niemand weit und breit. Kalt und abweisend präsentierte sich das schottische Hochland in der hereinbrechenden Dunkelheit. Und es konnte jeden Augenblick anfangen zu schneien, damit musste man hier im Winter immer rechnen. Allerdings hatte Louis die Warnungen nicht ernst genommen. Wie hätte er auch ahnen können, dass ihn sein Mietwagen – „der beste weit und breit, mein Sohn!“ – mitten auf einer einsamen Landstraße in den Highlands im Stich lassen würde?

Entschlossen angelte er seinen Mantel vom Rücksitz. Es war höchste Zeit, dass die „einzige Autovermietung im Umkreis von fünfzig Meilen“ ernsthafte Konkurrenz bekam. Sonst konnten die verzweifelten Anbieter ihre Immobilie behalten.

Crossfeld House stellte eine nette, aber keineswegs notwendige Bereicherung seines auch jetzt schon sehr ansehnlichen Bestands an internationalen Komforthotels und englischen Landgütern dar. Der größte Pluspunkt des Anwesens war zweifellos der dazugehörige Golfparcours. In der Beschreibung wurde er euphorisch als äußerst anspruchsvoll ausgelobt, was Louis nüchtern mit verwahrlost bis unbenutzbar übersetzte.

Nun, er würde sich selbst ein Bild machen. Falls er zu Fuß je dort ankam. Dann würde er auch das andere kleine Problem aus der Welt schaffen, das ihn in Crossfeld House erwartete.

Dem eisigen Dezemberwind trotzend, hüllte er sich in seinen Mantel und marschierte los. Dass er kein Auto mehr hatte, war ärgerlich, aber momentan nicht zu ändern. Also konzentrierte er sich lieber auf jenes Problem, das er lösen konnte und würde: die beunruhigende Tatsache, dass sein bester Freund sich Hals über Kopf in eine Glücksjägerin verliebt hatte.

Louis war der Frau noch nie begegnet, aber er kannte die Sorte: bildhübsch, bettelarm und mit einer Mutter gesegnet, die alles daransetzte, ihre Tochter – in diesem Fall ihre fünf Töchter – reich zu verheiraten.

Ein siegessicheres Lächeln huschte über sein Gesicht. Er würde dieser Familie Sharp einen Besuch abstatten. Sein Freund Nicholas war wohlhabend und erfolgreich, aber entschieden zu gutgläubig. Wenn Mutter Sharp ihr reizendes Töchterlein geschickt auf ihn ansetzte, würde er früher oder später am Haken zappeln. In letzter Zeit hielt er sich verdächtig oft in Crossfeld auf, immer unter dem Vorwand, das Objekt begutachten zu müssen.

Aber Louis war nicht von gestern – und fest entschlossen, die Ehre und das Bankguthaben seines langjährigen Freundes mit allen Mitteln zu verteidigen.

Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er das herannahende Motorrad erst bemerkte, als es ihn beinahe über den Haufen fuhr. Schottersteine spritzten auf, ohrenbetäubender Lärm zerriss die Stille, als es mit quietschenden Reifen zum Stehen kam. Der Fahrer, ganz in Schwarz und mit einem schwarz glänzenden Helm auf dem Kopf, riss die Maschine herum um und kam in gedrosseltem Tempo auf Louis zu.

„Bravo“, sagte Louis wütend. „Versetzt Ihnen das einen Kick, oder betrachten Sie diese Straße als Ihre private Rennstrecke?“ Drohend und grimmig beugte er sich über die schmale Gestalt auf dem Motorrad.

Lizzy, im Begriff, ihren Helm abzunehmen, ließ die Hand wieder sinken.

Aus der Nähe betrachtet, war der Mann größer, kräftiger und Angst einflößender, als sie gedacht hatte. Und obwohl sie die Gegend und ihre Bewohner in- und auswendig kannte, war jetzt niemand in der Nähe, den sie zur Hilfe rufen konnte.

Das Gesicht des Fremden war in der Dunkelheit kaum auszumachen, aber sein Ton, scharf wie ein Peitschenhieb, weckte ihren Unmut.

„Ich hätte Ihretwegen nicht anhalten müssen“, erwiderte sie ungehalten.

„Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Helm abnehmen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe?“

Allein auf einer einsamen Landstraße, Auge in Auge mit einem Unbekannten, der aussah, als würde er ihr am liebsten den Kopf abreißen? Nein, der Helm blieb auf und das Visier heruntergeklappt. Sollte der Mann sie ruhig für einen Halbstarken halten, einen mit einer sehr hohen Stimme.

„Ist das Ihr Wagen dahinten?“

„Scharf kombiniert, Sherlock.“

„Ich muss mir das nicht anhören.“ Warnend ließ sie den Motor aufheulen, doch ihr Gegenüber verschränkte nur seelenruhig die Arme vor der Brust und musterte sie herablassend. Im Licht des aufgehenden Mondes war er jetzt deutlicher zu erkennen. Lizzy stockte der Atem.

Der Fremde mochte eingebildet, arrogant und unverschämt sein, aber er war zweifellos attraktiv. Dichtes schwarzes Haar, vom Wind zerzaust, umrahmte ein markantes Gesicht mit dunklen Augen, stolzen, regelmäßigen Zügen und einem Mund, der jetzt schmal vor Missbilligung war, aber immer noch große Sinnlichkeit verriet.

„Wie alt sind Sie?“

Die Frage traf Lizzy völlig unvorbereitet. „Was geht Sie das an?“

„Sie sind viel zu jung zum Motorradfahren, stimmt’s? Deshalb wollen Sie auch den Helm nicht abnehmen. Wissen Ihre Eltern, dass Sie hier im Höllentempo durch die Gegend rasen und andere Leute in Lebensgefahr bringen?“

„Sie sind der einzige Fußgänger weit und breit. Das kann auch nur einem Touristen passieren“, erwiderte sie gereizt. „Wenn Sie sich schon in diesen Teil der Welt vorwagen, sollten Sie wenigstens ein zuverlässiges Fahrzeug dabeihaben.“

„Erzählen Sie das dem Kerl von der Autovermietung am Bahnhof.“

„Oh, verstehe.“ Fergus McGintys Geschäftsmethoden waren zuweilen etwas fragwürdig, vor allem, wenn er mit Touristen zu tun hatte. Wer den Range Rover mietete, musste sich auf einen wilden Ritt gefasst machen. Der Wagen war sicher seit Urzeiten nicht gewartet worden.

„Ein Kumpel von Ihnen, nehme ich an. Dann kennt er ja sicher den Teenager, der hier auf einer schweren Maschine durch die Gegend brettert. Ich schlage vor, Sie bieten mir eine Mitfahrgelegenheit an. Sonst könnte es Ihnen passieren, dass Sie sich vor der Polizei wegen Fahrens ohne Führerschein verantworten müssen.“

Lizzy hätte ihn beinahe ausgelacht. Er schien sie tatsächlich für einen Jungen zu halten. Aber sie beherrschte sich. Der Mann sah nicht aus wie jemand, der sich gern auslachen ließ.

„Sie können den Wagen doch nicht einfach hier stehen lassen!“

Er sah sich demonstrativ nach allen Seiten um, bevor er seine dunklen Augen wieder auf sie richtete. „Und warum nicht? Lauert hier jemand hinter den Büschen, der die alte Karre klauen will? Nur zu, meinen Segen hat er.“

Lizzy zuckte mit den Schultern. „Wo wollen Sie eigentlich hin?“

„Steigen Sie ab, und lassen Sie mich fahren, dann werden Sie es sehen.“

„Absteigen? Wieso? Ich dachte, Sie wollen mitfahren.“

„Sagte ich das? Muss ein Versprecher gewesen sein. Ich bin doch nicht lebensmüde. Glauben Sie, ich lasse mich von einem Teenager herumkutschieren, der eigentlich zu Hause über den Hausaufgaben sitzen müsste?“

„Ich kann auch einfach weiterfahren.“

„Das würde ich Ihnen nicht raten.“ Das war eindeutig eine Drohung.

„Okay, wo wollen Sie hin? Wenn es allerdings ein zu großer Umweg ist, müssen Sie warten. Dann schicke ich jemanden vorbei, der Sie abholt.“

Dass ich nicht lache, dachte Louis. Er hatte genug von der grandiosen schottischen Landschaft bei Nacht. Und er war sich keineswegs sicher, dass der Junge tatsächlich seiner bürgerlichen Pflicht nachkommen und jemanden benachrichtigen würde, anstatt auf Nimmerwiedersehen davonzubrausen.

„Kommt gar nicht infrage. Ich will nach Crossfeld House, und Sie kommen mit.“

Crossfeld House!

„Das werden Sie doch wohl kennen? Allzu viele Herrenhäuser mit Golfplatz kann es ja hier nicht geben.“

„Ja, ich kenne es. Was wollen Sie dort?“

„Verzeihung?“

„Ich meine … Sie können da nicht wohnen, das Haus steht zum Verkauf. Und der Golfplatz ist auch nichts Besonderes. Ziemlich heruntergekommen.“

„Ach ja?“ Louis beobachtete, wie die schmale Gestalt geschmeidig vom Motorrad stieg. „Dann kann ich meine Golfschläger ja im Auto lassen.“

„Richtig. Können Sie so ein Ding überhaupt fahren?“

„Warten Sie’s ab. Ich will es mal so ausdrücken – wenn ich schon mein Leben riskiere, dann lege ich es lieber in meine eigenen Hände als in Ihre.“

Er wartete, bis der Junge sich hinter ihn gesetzt hatte, dann gab er Gas und genoss den satten Klang des dröhnenden Motors. Es war lange her, seit er zum letzten Mal auf einer Maschine wie dieser gesessen hatte. Er hatte ganz vergessen, wie frei und stark man sich darauf fühlte. Es würde eine angenehme Fahrt werden, auf der er ganz nebenbei seinen Beifahrer etwas aushorchen konnte.

Von Nicholas hörte er in letzter Zeit nur noch Lobgesänge auf das Sharp-Mädchen, gespickt mit ein paar dürftigen Fakten über das Anwesen. Dieser Junge aber war hier zu Hause und konnte ihm sicher etwas über die Familie Sharp erzählen. Klatsch und Tratsch war doch das Lebenselixier der Leute auf dem Land.

„Nun“, rief er aufmunternd über die Schulter, um den Lärm des Motors zu übertönen, „wenn Ihnen Crossfeld House ein Begriff ist, dann kennen Sie sicher auch den neuen Verwalter, Nicholas Talbot.“

„Schon möglich.“ Lizzy, die sich an ihm festhielt, spürte seine harten Muskeln unter dem Mantel, den er notdürftig hochgeschoben hatte. Die Leichtigkeit, mit der er die Maschine manövrierte, verriet, dass er kein Anfänger war. „Warum?“

„Ich bin hier, um ihm auf die Finger zu sehen. Seine Berichte fielen in letzter Zeit recht dürftig aus.“

„Sind Sie sein Boss?“

„Sozusagen.“

„Und Sie wollen ihn kontrollieren? Wie abscheulich von Ihnen. Nicholas arbeitet wirklich hart.“

„Das heißt, Sie kennen ihn?“

„Nicht direkt, aber er ist … Ich meine, dies ist eine Kleinstadt. Nicholas hat sich hier gut eingelebt.“

„So, hat er das?“

„Ich glaube, er hat sich mit einem der Mädchen hier angefreundet.“ Lizzy musste gegen den Lärm und den Fahrtwind anschreien, um sich verständlich zu machen. Ihr fiel auf, dass sie nicht einmal den Namen des Mannes kannte, an dem sie sich hier festklammerte. Aber er schien keine Gefahr darzustellen, zumindest nicht für sie. Für Nicholas schon eher. Würde der Ärmste seinen Job verlieren, nur weil er seinem Boss, diesem Kontrollfreak, nicht täglich Bericht erstattete?

„Stimmt, er erwähnte etwas in dieser Richtung …“, erwiderte Louis freundlich interessiert in der Hoffnung, seinem Beifahrer dadurch weitere Informationen entlocken zu können.

Lizzy überlegte, wie sie Nicholas beistehen konnte. Nicholas war sanft und gutmütig, würde verlegen herumdrucksen und damit seinen eigenen Untergang besiegeln. Dieser Mann war der Typ, der andere auflaufen ließ. Falls er überhaupt befugt war, hier den großen Boss zu markieren.

„Was hat er Ihnen denn erzählt?“ Sie fuhren jetzt langsamer, sodass sie nicht mehr schreien musste. Die nassen, unbeleuchteten Straßen waren tückisch für jemanden, der sie nicht kannte.

„Er bildet sich ein, verliebt zu sein“, kam die Antwort, von einem harten, spöttischen Lachen begleitet, das Lizzy maßlos ärgerte. Nicht, dass sie selbst die Liebe und die Ehe für das größte Glück auf Erden hielt, aber ihre Schwester tat es. Ihre Schwester war heiß und innig in Nicholas Talbot verliebt. Und Lizzy schäumte vor Wut auf diesen Fremden, der sich anmaßte, etwas zu verurteilen, wovon er nicht die geringste Ahnung hatte.

„So?“, erwiderte sie mühsam beherrscht.

„Ja. In ein Mädchen, das nur hinter seinem Geld her ist.“ Louis nahm mit Absicht kein Blatt vor den Mund. Die Leute im Ort sollten ruhig wissen, dass Nicholas keine leichte Beute darstellte.

Louis hatte genug von geldgierigen Glücksjägerinnen. Als Neunzehnjähriger war er auf eine Fünfundzwanzigjährige hereingefallen, weil er sich eingeredet hatte, er sei in sie verliebt.

Die Erinnerung an Amber Newson und ihre tränenfeuchten blauen Augen versetzte ihn noch heute in höchste Alarmbereitschaft. Während seine Altersgenossinnen an der Uni nur herumalberten, hatte ihn Amber mit ihrer Selbstsicherheit fasziniert. Eine Weile lang hatte er viel Spaß mit ihr gehabt, doch als es dann zu Ende war, wollte sie ihn nicht gehen lassen. Als sie ihre Felle davonschwimmen sah, hatte sie ihm weisgemacht, sie sei schwanger, nur um sich das erhoffte Vermögen nicht durch die Lappen gehen zu lassen.

Damals hatte er noch nicht gewusst, dass es klüger war, die Tatsache, Erbe eines riesigen Vermögens zu sein, nicht an die große Glocke zu hängen.

Für seine Unerfahrenheit hatte er einen hohen Preis bezahlt. Drei Monate lang hatte er in der Angst gelebt, eine Frau heiraten zu müssen, die er nicht liebte. Bis er zufällig herausfand, dass er einer Betrügerin auf den Leim gegangen war.

Nicht zu vergessen die Sache mit Giselle, seiner jüngeren Schwester, die um ein Haar einen Erbschleicher zu ihrem Ehemann gemacht hätte. Noch dazu einen, der bis dahin als enger Freund der Familie gegolten hatte.

Oh, ja. Louis wusste, wovon er sprach. Er hatte keine Lust, sich irgendwelches Gefasel über Liebe und Romantik anzuhören. Im Gegensatz zu Nicholas, der sehr viel leichtgläubiger war als er.

„Wie kommen Sie zu der Behauptung, sie sei nur hinter seinem Geld her?“ Lizzys Puls war sprunghaft angestiegen.

„Ich bitte Sie. Eine alternde Schauspielerin, die ihre Töchter an reiche Männer verschachern will. Welches Klischee!“, meinte er. „Sie kennen die Sharps?“

„Hier kennt jeder jeden. Hat Nicholas … ich meine, hat Mr. Talbot Ihnen das erzählt?“

„Nein, aber ich kann sehr gut zwischen den Zeilen lesen.“

„Und Vorurteile fällen können Sie auch gut“, versetzte Lizzy zornig. „Sie kennen die Familie doch gar nicht!“ Zum Glück kamen jetzt die ersten Ausläufer der Stadt in Sicht. Da Landbesitz in dieser Gegend kein Luxus, sondern die Regel war, lagen die Höfe oft weit voneinander entfernt, doch das Leben in der Kleinstadt war von reger Geselligkeit geprägt. Jenseits des Ortes lag still und dunkel der See. Zur Linken, auf einer Bergkuppe, thronte Crossfeld House.

Lizzy kannte das alte Herrenhaus nicht anders als in halb verfallenem Zustand, obwohl es im Laufe der Jahre diverse halbherzige Versuche gegeben hatte, es zu neuem Leben zu erwecken. Die jetzigen Besitzer waren reiche Geschäftsleute aus Glasgow. Passionierte Golfspieler, die Crossfeld House aus einer Laune heraus erworben, das Projekt aber wegen unerwartet hoher Restaurierungskosten auf Eis gelegt hatten. So war das Gebäude wieder in seinen Dornröschenschlaf versunken, bis sich vor drei Monaten überraschend ein neuer Kaufinteressent gefunden hatte.

„Die Nächste links“, sagte sie. „Und fahren Sie langsam, die Straße ist in keinem guten Zustand.“

„Wohnen Sie weit von hier entfernt?“

„Machen Sie sich um mich keine Gedanken. Ich finde schon allein nach Hause.“

Sollte man annehmen, wenn ein Junge auf einer Maschine herumrast, die doppelt so groß ist wie er, dachte Louis. Zum ersten Mal, seit er auf dem Motorrad saß, ließ er die Landschaft auf sich wirken. Es gab zwei Arten von Stille – eine angenehm friedvolle und eine, die von purer Einsamkeit herrührte. Hier war eindeutig Letzteres der Fall.

Er persönlich war nicht scharf auf einen längeren Aufenthalt in einer Stadt, in der Handy-Empfang reine Glückssache war. Aber er war sicher, dass es genug Leute gab, die sich hier nur allzu gern vom hektischen Großstadtalltag erholen würden. Und auch wenn er selbst kein großes Interesse am Golfspielen hatte, da er flottere Sportarten bevorzugte, wusste er doch, dass andere ganz versessen darauf waren. Crossfeld House barg also durchaus das Potenzial, sich zu einer Goldgrube zu entwickeln.

Dieser Umstand war vermutlich auch der alternden Schauspielerin nicht entgangen. Nur deshalb hatte sie eine ihrer Töchter auf den armen Nicholas angesetzt. Ob sie wusste, dass Nicholas gar nicht der Investor war?

Ein, zwei Dinge wollte Louis gern noch klären, bevor er seinen unwilligen Beifahrer mit der Nachricht von seiner Ankunft in die Stadt entließ. „Was halten die Leute im Ort eigentlich von dem anstehenden Verkauf des Herrenhauses?“

„Sie würden es begrüßen, wenn es endlich restauriert werden würde“, entgegnete Lizzy trocken. „Es ist schon so lange ein Schandfleck. Was nicht heißt, dass es diesmal gut gehen wird. Nur weil jemand Geld hat, muss er noch lange nicht in der Lage sein, ein erfolgreiches Projekt auf die Beine zu stellen.“

„Jemand wie Nicholas, meinen Sie? Nur zu Ihrer Information, Nicholas ist nicht der Käufer. Obwohl er natürlich wohlhabend genug ist, um hier als gute Partie zu gelten. Aber er ist nur der Gutachter, der sicherstellen soll, dass das Haus nicht zusammenbricht, sobald der letzte Scheck unterzeichnet ist.“

„Und wer sind Sie?“ Lizzy hatte sich so darauf konzentriert, ihn zu hassen, dass sie noch gar nicht auf die Idee gekommen war, ihn nach seinem Namen zu fragen.

„Ich bin Louis Jumeau. Der Mann, der dieses kleine Abenteuer finanziert.“

Lizzys Finger verkrampften sich.

„Nicholas ist ein enger Freund von mir“, setzte Louis freundlich hinzu. „Wir haben nicht viel gemeinsam, aber ich fühle mich für ihn verantwortlich. Ich habe ein schärferes Auge für Betrügerinnen als er.“

In diesem Moment erreichten sie Crossfeld House, das im blassen Mondschein majestätisch vor ihnen aufragte. Erst das grelle Tageslicht würde seine beklagenswerten Mängel wieder erbarmungslos zum Vorschein bringen. Ringsum erstreckte sich das hügelige Grün des Golfparcours wie eine dunkle, zu Eis erstarrte Wellenlandschaft.

Louis kannte sich im Immobiliengeschäft aus, obwohl es nur eine untergeordnete Sparte seines weitverzweigten Unternehmens darstellte. Trotz seines ansehnlichen Erbes hatte er es nicht versäumt, sich selbst einen Namen in der Finanzwelt zu machen. Inzwischen konnte er sich aussuchen, wo er sein Geld investierte. Was nicht hieß, dass er jemals unkluge Investitionen tätigte.

„Eindrucksvoller Bau“, bemerkte er, während er das Motorrad elegant zum Stehen brachte.

„Ja, allerdings.“ Lizzy wusste, dass sie ihren unerwünschten Begleiter früher wiedersehen würde, als ihr lieb war. Um die zarte Romanze zwischen Rose und Nicholas zu fördern, hatte jene ihm so sehr verhasste Mrs. Sharp nämlich einen festlichen Empfang in der Stadthalle organisiert, zu der die gesamte Lokalprominenz eingeladen war. Sogar Nicholas’ Schwestern würden anreisen. Und diese Mrs. Sharp war, wie Louis bald genug herausfinden würde, niemand anderes als Lizzys Mutter.

Lizzy graute vor diesem Abend. Ihre Mutter war zwar keine geldgierige Betrügerin, aber doch sehr angetan von der Vorstellung, Rose mit einem gut situierten Mann zu verheiraten. Ein Glück, das sie, wie sie freimütig herumerzählte, jeder ihrer fünf Töchter wünschte. Sollte Louis davon Wind bekommen, würde das eine Menge unangenehmer Fragen aufwerfen.

Du meine Güte, da kam sie extra aus London in ihren Heimatort, um den sagenhaften Nicholas kennenzulernen, von dem ihre Schwester ihr ständig vorschwärmte, und wer musste ihr über den Weg laufen? Ein eins neunzig großer Racheengel, der sich berufen fühlte, seinen naiven Freund aus den Fängen einer nicht standesgemäßen Frau zu retten.

Und der immer noch nicht ahnte, wen er vor sich hatte, wenn er es auch bald genug erfahren würde. Spätestens, wenn er jemandem von dem unbekannten Motorradfahrer berichtete, der ihn vor den Gefahren des schottischen Winters gerettet hatte. Schließlich hatte sie allen erzählt, wie sehr sie sich darauf freute, wieder auf ihrer Maschine durch die Highlands zu kurven.

„Haben Sie es noch weit bis nach Hause?“

Sie waren beide abgestiegen, und wieder bekam Lizzy weiche Knie, als sie aus der sicheren Deckung ihres Visiers heraus das schöne, markante Gesicht ihres Gegenübers betrachtete. Diesmal ließen ihr Kampfgeist und ihre Schlagfertigkeit sie jedoch im Stich. Resigniert öffnete sie den Verschluss ihres Helms.

„Oh, Sie wollen Ihre Identität doch noch lüften?“, fragte Louis spöttisch. „Eine weise Entscheidung. Keine Sorge, ich verrate Ihren Eltern schon nicht, dass Sie …“ Der Anblick der schwarzen Lockenpracht, die unter dem abgezogenen Helm hervorquoll, ließ ihn verstummen.

Er hatte einen Halbstarken erwartet, doch vor ihm stand eine junge Frau, die ihn aus dunklen Augen feindselig anblitzte. Sie hatte ein zartes, eigenwilliges Gesicht, volle Lippen, die sie in diesem Moment missbilligend geschürzt hatte, und die geschmeidige Figur einer Tänzerin.

„Sie sind gar kein Junge“, stellte er verblüfft fest.

„Nein.“

„Sie sind ein Mädchen auf einem Motorrad.“

„Ja. Zufällig liebe ich Motorräder.“

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“

„Warum? Hätte das etwas geändert?“ Ein eisiger Windstoß fegte über sie hinweg und ließ sie frösteln. „Außerdem fand ich es sehr interessant, was Sie mir über Ihren Freund erzählt haben.“

Louis fragte sich flüchtig, ob sie am Ende selbst Nicholas’ Angebetete war, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Nicholas hatte von einer bildschönen, sanftmütigen Blondine gesprochen. Eine Beschreibung, die auf diese Frau wohl kaum zutraf.

„Sie kennen seine Freundin?“

„Allerdings. Und Sie sind der arroganteste, überheblichste, unausstehlichste Mann, der mir je begegnet ist.“ Ihre Mutter hätte ihr den Hals umgedreht, wenn sie das gehört hätte. Louis Jumeau, dessen legendärer Ruf als märchenhaft reicher Mann natürlich längst bis zu ihr vorgedrungen war, sollte ihrem aufwendig arrangierten Fest neben Nicholas den nötigen Glanz verleihen.

„Wie bitte?“, fragte er pikiert.

„Sie sind ein Snob, Mr. Jumeau, und ich kann Snobs nicht ausstehen.“

„Warum so förmlich?“, erwiderte er gelassen. „Nennen Sie mich doch Louis. Wir sollten unsere Unterhaltung im Haus fortsetzen, es ist bitterkalt hier draußen.“ Fasziniert beobachtete er, wie sie ihre windzerzausten Locken zu einem dicken Zopf drehte, der lang über ihre Schulter herabhing.

Er hielt sich nicht für voreingenommen, aber von ein paar verstaubten Ansichten musste wohl auch er sich trennen. Warum sollte eine Frau keinen Spaß am Motorradfahren haben? Warum sollte sie dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer nicht ebenso genießen wie er damals zu seiner Studentenzeit? Und warum sollte sie ihm nicht offen ihre Meinung sagen? Obwohl, damit hatte er schon eher ein Problem …

„Nein danke. Ich werde nicht mit hineinkommen.“ Abwehrend verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Wie Sie wollen.“ Ein gefährliches Glitzern trat in seine Augen. „Sie halten mich also für einen Snob?“

„Weil Sie einer sind.“

„Das höre ich gar nicht gern.“ Sein Blick wanderte zu ihrem schönen, trotzigen Mund. Unter der Lederjacke, den Jeans und den wadenhohen Stiefeln waren kaum weibliche Formen auszumachen. Er ertappte sich bei dem Gedanken, wie sie wohl unter ihrer Motorradkluft aussehen mochte …

Aber er war nicht hier, um mit einer Dorfschönheit anzubändeln. Er war gekommen, um Crossfeld House zu begutachten. Und mögliche Glücksjägerinnen in die Schranken zu weisen.

Lizzy hätte ihm gern eine höhnische Bemerkung über reiche Snobs an den Kopf geworfen, doch dieser attraktive Fremde brachte sie völlig aus dem Konzept. Dabei galt sie als die Blitzgescheite, Vernünftige unter ihren Schwestern, die sich ganz bestimmt von keinem Mann den Kopf verdrehen ließ.

„Nicht mein Problem“, erwiderte sie spitz.

„Mag sein, aber da wir gerade von Vorurteilen sprachen, sollten Sie vielleicht einmal Ihre eigene Haltung überdenken.“

„Ich lasse mich ganz bestimmt nicht von Vorurteilen leiten.“

„Und doch haben sie mich gerade als Snob bezeichnet, obwohl Sie mich gar nicht kennen.“

Verlegene Röte überzog ihre Wangen. „Es ist wirklich bitterkalt hier draußen“, sagte sie steif. „Ich sollte jetzt lieber fahren. Die Nummer der Autowerkstatt finden Sie im Telefonbuch. Wissen Sie schon, wie lange Sie bleiben werden?“

Sie hatte die leise Hoffnung, die Panne mit dem Mietwagen würde ihn dazu bewegen, schleunigst in die Zivilisation zurückzukehren, doch da hatte sie sich wohl getäuscht. Sein überlegenes Lächeln ließ vermuten, dass er ihre Gedanken erriet und sich köstlich darüber amüsierte.

„Keine Ahnung.“ Er spähte über die Schulter auf das düster aufragende Gemäuer von Crossfeld House. „Kommt darauf an, wie lange ich brauche, um alle Räume zu inspizieren.“

„Ist das nicht Nicholas’ Aufgabe?“

„Man kann nicht vorsichtig genug sein.“ Er musterte sie forschend. „Haben Sie Angst, Sie könnten mir noch einmal über den Weg laufen? Damit müssen Sie tatsächlich rechnen. Und verbreiten Sie ruhig die Nachricht, dass ich jetzt hier bin und ein wachsames Auge auf diese Mrs. Sharp und ihre Brut haben werde.“

„Das können Sie Mrs. Sharp morgen Abend persönlich sagen.“ Stolz warf Lizzy ihr Haar in den Nacken. „Und was die habgierige Brut angeht … einem Mitglied davon haben Sie Ihren Standpunkt gerade unmissverständlich klargemacht.“

„Wie bitte?“

„Darf ich mich vorstellen?“ Sie machte keine Anstalten, ihm die Hand zu reichen. „Mein Name ist Elizabeth Sharp, und Rose ist meine Schwester.“

2. KAPITEL

„Er ist grässlich. Arrogant, anmaßend …“ Ungeduldig zerrte Lizzy am Schaft eines ihrer kniehohen Stiefel, den Blick in den Spiegel gerichtet. Rose, die perfekt gestylt und geschminkt auf dem Bett ruhte wie ein Model aus dem Modemagazin, fing ihren Blick auf und lächelte.

„So schlimm kann er gar nicht sein. Er ist immerhin Nicholas’ Freund.“

„Warum nimmst du immer alle in Schutz?“, murrte Lizzy. „Manche Leute haben dein Wohlwollen einfach nicht verdient, und Louis Jumeau gehört ganz sicher dazu.“

Während sie den zweiten Stiefel anzog, verglich sie sich heimlich mit ihrer älteren Schwester. Das war ihr zur Gewohnheit geworden, seit sie im Alter von fünfzehn Jahren einmal mitbekommen hatte, wie ihre Mutter sich einer Freundin gegenüber beklagte: „Unsere Lizzy ist viel zu kopflastig. Sie könnte viel mehr aus sich machen, wenn sie sich nur ein Beispiel an ihrer Schwester nähme!“

Im Gegensatz zu der blond gelockten, blauäugigen Rose, die aussah wie ein Engel, war Lizzy eher der dunkle, ernste Typ, genau wie ihr Vater. Die Kommentare ihrer Mutter zu ihrem Aussehen hatte sie stets überhört, aber ihrem Image als Schlaukopf war sie gerecht geworden, indem sie sich so bald wie möglich in England an der Universität eingeschrieben hatte. Rose war in der Gegend geblieben und hatte eine Stelle in einer Boutique in der nächstgrößeren Stadt angenommen.

Obwohl sie einander so unähnlich waren, standen sie sich doch sehr nahe. Louis Jumeaus Solidarität mit Nicholas war nichts im Vergleich zu der Entschlossenheit, die Lizzy an den Tag legte, wenn es darum ging, ihre Schwester zu verteidigen. Deshalb verschwieg sie ihr auch den wahren Grund für ihre Abneigung gegen Louis. Rose wäre schockiert, ja zutiefst verletzt gewesen, hätte sie gewusst, dass irgendjemand sie für fähig hielt, sich aus reiner Geldgier einem Mann an den Hals zu werfen.

„Heute Abend hast du mit deinem Outfit aber einen Volltreffer gelandet, Liz.“ Rose erhob sich elegant vom Bett, der Inbegriff weiblicher Schönheit, in smaragdgrüne Seide gehüllt und mit einer Stola aus schwarzem Nerzimitat um die Schultern. Ihre Füße steckten in zierlichen High Heels.

Lizzy hatte noch nie ein derart auffälliges Kleid besessen. Sie hielt sich lieber an gedecktere Farben, alles andere überließ sie ihren modebewussten Schwestern. Nur heute Abend hatte sie sich in einem Anfall von Wagemut ein eng anliegendes nachtblaues Kleid von Rose ausgeliehen.

Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel. Der tiefe, geraffte Ausschnitt ließ gerade noch die Mulde zwischen ihren Brüsten erahnen und betonte ihren langen grazilen Hals. Die hochhackigen Stiefel mogelten zu ihrer eher bescheidenen Größe von einem Meter siebenundsechzig glatte zehn Zentimeter hinzu. Und ja, sie hatte einen Hauch Make-up aufgetragen. Puder, Lidschatten, Mascara und Lipgloss, von Maisie geborgt, deren Vorrat an Kosmetikartikeln reichte, um eine Parfümerie zu eröffnen.

„Findest du?“ Ihre Wangen glühten. „Ich wollte nicht, dass Mum wieder einen Anfall bekommt, wenn sie mich sieht …“

„Bist du sicher, dass du nicht diesen grässlichen Mr. Jumeau beeindrucken willst?“, zog Rose sie auf, der nicht entgangen war, wie betont lässig ihre Schwester den Mann als „ganz gut aussehend, wenn man den großen dunklen Typ mag“ beschrieben hatte.

„Du spinnst“, meinte Lizzy. Doch das Kribbeln, das sie bei Louis’ Anblick verspürt hatte, war wieder da. „Er ist absolut nicht mein Geschmack. Ich mag ruhige, nachdenkliche Männer.“ Sie dachte an ihre letzte Romanze, die fünf Monate dahingeplätschert und dann in eine harmonische Freundschaft übergegangen war. Ihr Ex war nett und verständnisvoll gewesen. Vielleicht einen Tick zu nett?

Auf der Treppe war jetzt das Klappern von Absätzen zu hören, dazu Maisies und Leighs aufgeregtes Geplapper. Von unten drang die mahnende Stimme ihres Vaters herauf, der vermeiden wollte, dass sich die Nachbarn wieder beschwerten. Seine beiden jüngsten Töchter waren laut und lebhaft wie zwei ungestüme Welpen. Zum Glück war Vivian nicht da, die mit ihren ständigen Moralpredigten die Stimmung erst recht zum Brodeln gebracht hätte.

Es war ungewohnt für Lizzy, wieder in ihrem Elternhaus zu sein, nachdem sie nun schon lange ihr eigenes Leben führte. Ihren Schwestern ging es vermutlich ebenso. Maisie und Leigh kamen nur in den Semesterferien nach Hause, und Rose teilte sich in der Stadt eine Wohnung mit ihrer Freundin. In letzter Zeit hielt sie sich allerdings wieder öfter bei ihren Eltern auf, um Crossfeld House und Nicholas näher zu sein.

Lizzy genoss den häuslichen Trubel, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Louis Jumeau. Sie konnte ihn nicht leiden, fand seine Drohungen unverschämt und seinen Snobismus ärgerlich, aber er ging ihr nicht aus dem Kopf.

„Sieh mich gefälligst nicht so an!“ Schmollend warf sie ein Kissen nach Rose und war froh, als ihre Mutter von unten nach ihnen rief.

Die Fahrt zum Festsaal dauerte eine halbe Stunde. Sechs Personen, zusammengepfercht in dem treuen alten Familienvan, der fünfzehn Winter auf dem Buckel hatte und noch immer einwandfrei lief.

Grace Sharp war ganz aufgeregt vor Freude. Während der Fahrt erging sie sich zu Lizzys Leidwesen in wilden Spekulationen über ihren Ehrengast Louis Jumeau und äußerte sich immer wieder begeistert über die Verbindung zwischen Rose und Nicholas. Er war wohlhabend, seine Familie besaß ein stattliches Landgut irgendwo in Berkshire, kurz gesagt, er war der Traum jeder Schwiegermutter.

Lizzy malte sich aus, was passieren würde, wenn Rose stattdessen mit einem der Hilfsarbeiter von Crossfeld House durchbrannte. Ihre Mutter würde vor Schreck einen Herzanfall erleiden. Doch das stand nicht zu befürchten. Rose mochte ihre Gefühle nicht offen zur Schau stellen, solange sie nicht sicher war, dass Nicholas es ernst mit ihr meinte, aber sie war zweifellos in ihn verliebt.

Sie erreichten die lange, von zahlreichen Wagen gesäumte Auffahrt des Herrenhauses. Lizzys Magen zog sich zusammen bei der Vorstellung, Louis Jumeau wiederzusehen.

Mit dem Vorsatz, ihm aus dem Weg zu gehen, betrat sie die Eingangshalle, wurde aber von nachdrängenden Besuchern vorwärts geschoben und lief geradewegs in ihn hinein. Halt suchend klammerte sie sich an sein Jackett, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

„Ah, da sind Sie ja wieder. Und so anhänglich diesmal.“ Louis, der diesem Abend eher misstrauisch entgegengesehen hatte, fand seine Befürchtungen schon nach wenigen Minuten bestätigt. Die Gäste zeigten ein lebhaftes Interesse an Nicholas, dessen beiden Schwestern, die offenbar eingeladen worden waren, um Rose Sharp kennenzulernen, und an Louis selbst.

„Wenn Sie weitergehen würden, gäbe es hier keinen Stau“, zischte Lizzy ihm in einer Mischung aus Ärger und Verlegenheit zu.

„Ist es hier immer so voll, oder sind die Einheimischen so scharf darauf, ein paar Leuten aus dem Süden zu begegnen?“ Sein Blick blieb an ihrem reizvollen Dekolleté hängen. So also sah sie in einem Kleid aus.

„Sie sind unausstehlich.“

„Das sagten Sie schon. Sie wiederholen sich.“

Lizzy hielt es nicht für nötig, darauf zu antworten. Wütend ließ sie ihn stehen und eilte davon. An der Tür zum Festsaal drehte sie sich noch einmal um und beobachtete stirnrunzelnd, wie Louis erst Rose, dann den Rest ihrer Familie mit kritischem Blick empfing. Sie wusste genau, zu welchem Schluss er kam.

Das muntere Stimmengewirr im Saal konnte ihre Laune ebenso wenig heben wie die Aussicht, ihre alte Clique wiederzutreffen. Sie zuckte zusammen, als Rose sie von der Seite ansprach.

„Er macht doch einen sehr netten Eindruck. Ich weiß gar nicht, was du hast!“

„Er tut nur so.“

„Unsinn, warum sollte er? Hast du eigentlich Nicholas’ Schwestern schon kennengelernt?“ Lizzy folgte Roses Blick und entdeckte zwei missmutig dreinblickende Blondinen in Jeans und dicken Wollpullovern, die offenbar keine Lust hatten, sich unter die festlich gekleideten Gäste zu mischen.

„Die beiden hassen mich.“ Tränen glitzerten in Roses Augenwinkeln. „Das habe ich deutlich gespürt. Sie denken, ich bin nicht gut genug für ihren Bruder.“

„Nicholas kann von Glück reden, dass er dich hat“, sagte Lizzy energisch. Waren denn hier alle von der fixen Idee besessen, Nicholas vor einem schlimmen Schicksal bewahren zu müssen? Aus dem Augenwinkel sah sie Louis auf sich zukommen. „Geh du zu Nicholas, und ich rede inzwischen ein Wörtchen mit seinem Freund.“

„Mit Louis Jumeau? Aber du sagst ihm doch nichts, oder?“

„Keine Panik, Rose. Du weißt, wie taktvoll ich bin.“

Nicht minder fasziniert von seinem Anblick als beim ersten Mal, sah sie Louis entgegen, der sich mit der kraftvollen Geschmeidigkeit eines Athleten einen Weg durch die Menge bahnte. Er zumindest hatte sich Mühe mit seinem Äußeren gegeben: ein perfekt sitzender dunkler Anzug, vermutlich maßgeschneidert, und ein blütenweißes Hemd, dessen oberster Knopf offen stand. Trotz der arktischen Temperaturen draußen war es hier im Saal nämlich mollig warm. Er wusste, er sah gut aus, was sicher nicht unerheblich zu seiner Arroganz beitrug.

Um sich gegen ihn zu wappnen, trank Lizzy einen kräftigen Schluck von dem Weißwein, den Rose ihr in die Hand gedrückt hatte.

„Und, amüsieren Sie sich gut?“, fragte sie kühl, als Louis vor ihr stehen blieb und sie mit diesem ganz speziellen Blick bedachte, der ihren Puls zum Rasen brachte.

„Es ist immer aufschlussreich, die Leute zu beobachten.“

„Sie meinen, wie Bakterien in einer Petrischale.“

„Sie sind ganz anders als Ihre Schwestern“, bemerkte er.

„So, finden Sie?“

„Aber ja. Ihre beiden jüngeren Schwestern sind die reinsten Partygirls, locker und unbeschwert, und Rose …“

„Ja?“

„Rose ist reizend. Zumindest versucht sie, diesen Eindruck zu erwecken.“ Lizzy kochte vor Wut, doch ehe sie etwas einwenden konnte, setzte er spöttisch hinzu: „Und Ihre Mutter ist offenbar hocherfreut über Nicholas’ Interesse an ihr. Ich wette, sie hört schon die Hochzeitsglocken läuten.“

Mühsam hielt Lizzy ihre Gesichtszüge unter Kontrolle. Grace Sharp hatte ihr Leben lang nach finanzieller Sicherheit gestrebt. Sie war die treibende Kraft hinter ihrem Mann, immer darauf aus, ihn auf Erfolg zu trimmen.

Lizzy verstand das. Ihre Mutter war in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen. Sie hatte gelernt, sich mehr auf ihr attraktives Äußeres als auf eine gute Ausbildung zu verlassen. Folglich hatte sie ihr Glück als Schauspielerin versucht, aber es war ein harter Kampf gewesen, den sie sofort aufgab, als sie Lizzys Vater kennenlernte. Die Angst vor der Armut aber war geblieben. War es da ein Wunder, dass sie Nicholas mit offenen Armen empfing? Den Mann, der zumindest einer ihrer Töchter das Luxusleben ermöglichen konnte, das sie selbst sich immer erträumt hatte.

„Alle Mütter wünschen ihren Kindern, dass sie glücklich werden“, erwiderte Lizzy nervös. Sie stand mit dem Rücken zur Wand und Louis so dicht vor ihr, dass es garantiert niemand wagen würde, ihr Gespräch zu unterbrechen.

„Tatsächlich? Es scheint sie allerdings nicht sonderlich zu beunruhigen, dass es in Ihrem Leben keinen Mann gibt.“

„Sie haben sie über mich ausgefragt?“ Lizzy funkelte ihn wütend an.

„Nicht nötig, Ihre Mutter war sehr gesprächig“, erwiderte er seelenruhig. „Ich weiß alles über Ihre lebenslustigen Schwestern Leigh und Maisie, über Vivians heldenhafte Arbeit und natürlich über die überirdische Rose. Ihnen allen wünscht Ihre Mutter, dass sie möglichst bald eine gute Partie machen. Nur bei Ihnen, der Klugen, Zielstrebigen, fehlt dieser Punkt auf ihrer Liste. Woran mag das wohl liegen?“

Alles, was er gesehen und gehört hatte, sprach dafür, dass die Sharps auf der Jagd nach dem großen Geld waren. Grace Sharps Begeisterung über den reichen Kavalier ihrer Tochter ebenso wie die Tatsache, dass Rose bei all ihrem Liebreiz nicht gerade leidenschaftlich verliebt wirkte. Eigentlich hatte Louis vorgehabt, Lizzy schonungslos in die Enge zu treiben, doch zu seinem eigenen Erstaunen fand er die Auseinandersetzung mit ihr äußerst vergnüglich.

„Mein Privatleben geht Sie nichts an.“

„Nun sagen Sie schon, warum sind Sie solo?“ Er schwenkte sein Glas, legte den Kopf in den Nacken und leerte es in einem Zug. Während Lizzy noch fieberhaft überlegte, wie sie ihm entwischen konnte, um ihrer Mutter den Hals umzudrehen, stützte er sich an der Wand ab. Nun war sie endgültig in ihrer Ecke gefangen.

„Wie gesagt, das geht Sie gar nichts an.“

„Kleiner Tipp – Männer mögen es nicht, wenn Frauen ihre Krallen zeigen.“

„Ich zeige meine Krallen, weil ich Sie auf den Tod nicht ausstehen kann!“

Louis lachte. Niemand hatte je gewagt, so mit ihm zu sprechen.

„Außerdem frage ich Sie auch nicht über Ihr Privatleben aus“, setzte sie wütend hinzu.

„Fragen Sie ruhig. Was wollen Sie wissen?“

„Ehrlich gesagt, es interessiert mich kein bisschen, wie Sie leben. Aber ich kann es mir denken.“

„Na, dann erzählen Sie mal. Ich bin ganz Ohr.“

„Sie haben Affären ohne Ende“, versetzte sie, „vorzugsweise mit Supermodels, die nichts im Kopf, aber immer ein Lächeln auf den Lippen haben und Ihnen aufs Wort gehorchen. Reiche Männer wie Sie vergnügen sich gern mit allen möglichen schönen Frauen, aber wenn sie irgendwann heiraten, dann muss es eine Frau aus gutem Hause sein. Deshalb sind Sie auch gegen Rose. Sie stammt nicht aus den richtigen Kreisen.“

„Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe.“

„Und Sie meine.“ Ein Blick in seine faszinierenden dunkelbraunen Augen bescherte ihr solches Herzklopfen, dass sie schnell wieder wegsah. Im Hintergrund begann jetzt die Jazzband zu spielen, deren Mitglieder sie noch aus der Schule kannte.

„Wollen Sie tanzen?“, fragte Louis.

„Soll das ein Witz sein?“

Wieder lachte er. Er fand Lizzys kratzbürstige Art höchst amüsant. Aber sie hatte ganz recht: Seine Freundinnen waren in der Regel hübsch und oberflächlich, was den Vorteil hatte, dass sie ihn nicht von der Arbeit ablenkten. Und natürlich würde er nur eine Frau heiraten, die es ganz sicher nicht auf sein Geld abgesehen hatte, was am ehesten gewährleistet war, wenn sie aus denselben Kreisen stammte wie er.

Die junge Frau, die hier vor ihm stand und ihr leeres Weinglas zwischen den Fingern drehte, passte in keine dieser Kategorien. Eine begeisterte Motorradfahrerin, die selbst im Abendkleid noch einen Hauch ungezähmter Wildheit versprühte.

„Tanzen Sie nicht?“

„Doch, aber ich suche mir meine Tanzpartner gern selbst aus.“

Louis sah sich demonstrativ um. „Und, gefällt Ihnen hier jemand? Oder stehen da alte Geschichten im Weg? Ich wette, in dieser Kleinstadtidylle brodelt die Gerüchteküche. Sind Sie deshalb nach London geflohen?“

„Können wir nicht wie ganz normale Menschen über das Wetter reden?“, rief Lizzy erbost.

Er lächelte. Ein offenes, freundliches Lächeln, das nach all den Feindseligkeiten wie ein Friedensangebot wirkte. Der Mann sah wirklich ausnehmend gut aus, stellte sie wieder einmal verwirrt fest. Sündhaft gut.

„Ich glaube, ich sollte mich unter die Gäste mischen, bevor noch jemand auf falsche Gedanken kommt“, sagte sie rasch. „Rose sucht bestimmt schon nach mir, und außerdem …“ Sie trat einen Schritt vor, und er machte bereitwillig Platz. Offenbar wollte er sie genauso schnell loswerden wie sie ihn.

„Außerdem?“ Interessiert musterte er ihre geröteten Wangen und die vorwitzigen braunen Locken, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten.

„Außerdem wird Nicholas’ Schwester langsam ungeduldig, wie mir scheint. Sie starrt pausenlos zu uns herüber.“ Die langbeinige Blondine hatte sich noch immer nicht von der Stelle gerührt, vielleicht ja aus purer Langeweile.

Louis runzelte die Stirn und warf einen Blick über die Schulter.

„Ich glaube, sie ist eifersüchtig. Haben Sie etwas mit ihr?“, fragte Lizzy mit unschuldigem Augenaufschlag. Wie gefiel es ihm wohl, wenn man in seinem Privatleben herumschnüffelte? Nicht besonders, seinem finsteren Blick nach zu urteilen.

„Wenn Sie wissen wollen, ob ich derzeit liiert bin – nein, bin ich nicht. Aber ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“

„Danach habe ich auch nicht gefragt. Ich wollte nur sagen …“

„Ich hatte keine Ahnung, dass ich Nicholas’ Schwestern hier treffen würde.“

„Tja, die beiden scheinen Ihre geringe Meinung von uns Kleinstädtern jedenfalls zu teilen. Sie haben es nicht mal für nötig befunden, sich angemessen zu kleiden.“

Louis schwieg. Jessicas Anwesenheit in Crossfeld kam ihm äußerst ungelegen. Während der letzten zwei Jahre hatte sie immer aufdringlicher mit ihm geflirtet, obwohl er sie keineswegs dazu ermuntert hatte. Und das deutliche Missfallen, das sie hier zur Schau stellte, fand er mehr als peinlich.

Sich selbst hätte er nicht als Snob bezeichnet. Er war reich, er war vorsichtig, und er war auf der Hut vor geldgierigen Frauen, das stimmte. Aber Jessica und Eloise gehörten zu der Sorte reicher, verwöhnter Mädchen, die hochmütig auf andere herabsahen. Nein, er hatte keine Lust, sich mit ihnen abzugeben. Selbst Nicholas, nach außen hin ganz der loyale Bruder, hatte seine Probleme mit den Allüren der beiden.

„Sie haben ganz recht“, hörte er sich sagen. „Jessicas Verhalten ist unhöflich, verächtlich und absolut unverzeihlich.“

Lizzy sah ihn überrascht an. „Sie stimmen mir zu?“

„Warum so schockiert? Ich bin ein erwachsener Mann. Vielleicht passe ich ja nicht in die Schublade, in die Sie mich stecken wollen.“

Was hatte er doch gleich über ihre Familie gesagt? „Ich denke doch. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“

Der Saal hatte sich gefüllt, die Stimmung stieg. Lizzy wurde ganz mulmig zumute, wenn sie sich vorstellte, welche pikanten Details ihre Mutter nach dem Genuss von ein paar Gläsern Wein noch ausplaudern würde.

Irgendwo am Rand der Menge entdeckte sie Rose, die nervös an ihrem Weinglas nippte und sich mit Eloise zu unterhalten versuchte, während Jessica gerade von Louis in die Mangel genommen wurde. Ihrem Schmollmund nach zu urteilen, schien er ihr eine gehörige Standpauke zu halten. Und das, nachdem Lizzy ihn gerade ultimativ als Snob bezeichnet hatte!

Beschämt ertappte sie sich dabei, wie sie Nicholas’ Schwestern ebenso kritisch beäugte, wie Louis es mit ihrer Familie getan hatte. Für den Rest des Abends bemühte sie sich, angeregt mit allen möglichen Leuten zu plaudern, ohne auch nur noch einen einzigen Blick in seine, Jessicas oder Eloises Richtung zu werfen. Auch Rose und Nicholas verlor sie irgendwann aus den Augen.

Erst weit nach Mitternacht begann sich der Saal allmählich zu leeren. Adrian, Lizzys Vater, sah schon recht angeschlagen aus. „Wo ist Mum?“, fragte Lizzy, als sie ihn von seinen trinkfreudigen Freunden wegzog.

„Vor einer halben Stunde gefahren, zusammen mit Rose und Nicholas. Dein Louis wird Nicholas’ Schwestern später nach Crossfeld House mitnehmen.“

„Er ist nicht mein Louis. Warum ist Mum schon weg?“

„Sie wollte Rose beim Packen helfen.“

„Beim Packen?“

„Rose übernachtet in Crossfeld House.“ Ihr Vater räusperte sich verlegen. „Weißt du, Maisie und Leigh bringen ein paar Freundinnen mit zu uns. Damit es nicht zu eng wird, hat Rose angeboten …“

„Sehe ich das richtig? Ihr habt nichts dagegen, dass Rose bei Nicholas schläft?“

„Die Zeiten haben sich geändert, Busy Lizzy.“ Fleißiges Lieschen, so hatte er sie schon früher gern genannt. „Rose ist ein großes Mädchen.“

„Als Maisie letzten Sommer diesen Jungen von der Uni mitbrachte, wart ihr aber nicht so liberal“, sagte Lizzy scharf. „Der war wohl keine so gute Partie, oder? Mit seinen Tattoos, seinem Pferdeschwanz und seinen Revoluzzer-Freunden. Mum hat das eingefädelt, stimmt’s? Sie will Nicholas festnageln.“

„Ganz so krass würde ich es nicht sehen, Püppchen.“

Gut, dass Rose tatsächlich in Nicholas verliebt ist, dachte Lizzy. Vielleicht wollte ihre Mutter nur ein wenig nachhelfen, damit Nicholas die Signale nicht missverstand? Im Gegensatz zu Maisie und Leigh, die ihr Glück in die ganze Welt hinausposaunen würden, neigte die scheue, sanftmütige Rose nämlich nicht zu überschwänglichen Gefühlsausbrüchen. Aber war ihren Eltern diese Verbindung wirklich so wichtig?

Lizzy hatte Kopfschmerzen vor lauter Grübeln, als die ganze Gesellschaft endlich startklar war. Und im Hintergrund lauerte Louis – scharf beobachtend, argwöhnisch, das Schlimmste vermutend.

Draußen hatte es leicht zu schneien begonnen. In Schottland änderte sich das Wetter manchmal blitzschnell. Was gerade noch ein Hauch von Schnee gewesen war, konnte sich im nächsten Moment zum Blizzard auswachsen. Eine Aussicht, die sogar Lizzys ziemlich angeheiterte Schwestern und deren Freundinnen zum Aufbruch bewog.

Am nächsten Morgen war aus den vagen Vorboten einer Wetteränderung ein handfestes Schneechaos geworden. Die Flocken fielen schnell und dicht, der Himmel war so dunkel, dass man meinen konnte, es werde schon wieder Abend. Bald würde das Land unter einer knietiefen Schneedecke begraben sein.

Als Kind hatte Lizzy sich immer über so viel Schnee gefreut, weil es dann schulfrei gab, aber jetzt sank ihr das Herz. Sie stellte sich vor, wie Rose in Crossfeld House festsaß, während Louis und Nicholas’ Schwestern sie wie blutrünstige Haie umkreisten.

Gegen drei Uhr nachmittags hielt sie es nicht länger aus und verkündete, sie werde eine kleine Motorradtour unternehmen. „Nur nach Crossfeld House“, fügte sie beschwichtigend hinzu, als sie die entsetzten Mienen ihrer Eltern sah. „Meine Maschine hat erstklassige Reifen, und ich bin schon oft bei solchem Wetter gefahren.“ Was nicht ganz stimmte. „Rose fühlt sich da oben sicher sehr unwohl.“ Der leise Vorwurf in ihrer Stimme bewirkte, dass ihre Eltern einander schuldbewusst ansahen.

„Aber nimm dein Handy mit“, ermahnte ihre Mutter sie wohl ein Dutzend Mal, bevor sie ihre Tochter, mit einem Lunchpaket versorgt, gehen ließ.

Lizzy war froh, nicht länger tatenlos herumsitzen und der zu lauten Musik einer Horde neunzehn- und zwanzigjähriger Mädchen lauschen zu müssen. Leighs und Maisies Freundinnen hatten unbekümmert das ganze Haus in Beschlag genommen.

Bittere Kälte schlug ihr entgegen, als sie in voller Motorradkluft vor die Tür trat. Der Wetterbericht hatte vor fallenden Temperaturen gewarnt.

Lizzy verspürte das vertraute Kribbeln, als die starke Maschine unter ihr zum Leben erwachte. Vor drei Jahren hatte sie in weiser Voraussicht Spezialreifen aufziehen lassen, mit denen sie auch im Winter gut vorwärtskam. Ein Glück, denn die Straßenverhältnisse waren heute wirklich katastrophal.

An einem klaren sonnigen Tag war die kurvige Strecke hinauf nach Crossfeld House noch gut zu bewältigen, aber jetzt war es eine knifflige Angelegenheit. Als das Schneetreiben immer heftiger und die Sicht immer schlechter wurde, musste Lizzy zugeben, dass sie ein Problem hatte.

Aus weiter Ferne sah sie winzig klein die Lichter von Crossfeld House durch den dichten Schneeschleier blinken, was hieß, dass sie zwar noch auf dem richtigen Weg war, ihre Reifen aber längst nicht so viel taugten, wie sie gehofft hatte. Schieben kam nicht infrage, dafür war die Maschine zu schwer.

Nachdem sie eine weitere Stunde im Schneckentempo dahingekrochen war, begann die eisige Nässe ihre Kleidung zu durchdringen. Allmählich wurde die Lage brenzlig.

Jetzt kam sie gar nicht mehr weiter. Sie stieg ab, packte den von ihrer Mutter liebevoll zubereiteten Proviant aus, biss dankbar in ein Käsesandwich und spülte es mit einem Schluck heißem Kaffee hinunter.

Dann zog sie schweren Herzens ihr Handy hervor und wählte Roses Nummer.

3. KAPITEL

Lizzy sah, wie die Scheinwerfer langsam näher kamen und sie erfassten. Dies war nicht der klapprige alte Geländewagen, den Louis am Straßenrand hatte stehen lassen, sondern ein schwarzes, chromblitzendes Ungetüm. Und es war unschwer zu erkennen, wer am Steuer saß.

„Geh nur ja nicht zu Fuß weiter“, hatte Rose sie beschworen, als Lizzy ihr am Telefon die Lage geschildert hatte. „Louis holt dich ab. Mit seinem neuen Wagen ist er im Nu bei dir.“

Als sie jetzt winkend auf sich aufmerksam machte, wünschte Lizzy fast, sie hätte es doch noch einmal auf eigene Faust probiert.

„Sind Sie denn wahnsinnig geworden?“ Louis schwang seine langen Beine aus dem Wagen und stemmte sich gegen den eisigen Wind. „Was zur Hölle ist in Sie gefahren, einen solchen Stunt hinzulegen? Ab in den Wagen mit Ihnen!“

Lizzy biss die Zähne zusammen. Im Gegensatz zu ihrer ersten Begegnung, als sie ihn aufgelesen hatte, trug er diesmal wetterfeste Kleidung. Robuste Jeans, die in fellgefütterten schwarzen Gummistiefeln steckten, dazu eine dicke Wachsjacke, unter der sich vermutlich mehrere Lagen Pullis befanden. Er lernte schnell.

„Ich kann die Maschine nicht hier stehen lassen.“ Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Sie würde Schaden nehmen.“

„So ein Pech aber auch. Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie sich auf den Weg machten, Ihre Schwester zu retten. Die Ihrer Hilfe übrigens gar nicht bedarf.“ Er riss die Beifahrertür auf. „Ich zähle bis drei. Wenn Sie dann nicht im Wagen sind, können Sie hier Ihr Nachtlager aufschlagen.“

„Das würden Sie nicht wagen.“

„Provozieren Sie mich nicht. Ich wurde mitten aus einer Telefonkonferenz gerissen und bin nicht gerade in bester Laune.“

Ohne ein weiteres Wort kletterte Lizzy auf den Beifahrersitz. Eigentlich hätte sie sich bedanken müssen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. „Tut mir leid, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe“, war alles, wozu sie sich durchringen konnte.

„Sie sind wirklich wahnsinnig.“

„Ich bin schon öfter im Schnee Motorrad gefahren.“

Louis musterte sie von der Seite. Trotz Lederjacke, Stiefeln und Schal sah sie völlig durchnässt aus. Nur ihre dunkle Lockenmähne war unter dem Helm trocken geblieben.

„Es wundert mich, dass Ihre Eltern Sie überhaupt aus dem Haus gelassen haben.“

„Ich bin dreiundzwanzig. Ich kann tun und lassen, was ich will.“

„Und das gibt Ihnen das Recht, Ihre Familie in Angst und Schrecken zu versetzen?“

„Ach, hören Sie auf! Seit wann interessiert es Sie, wie es meiner Familie geht?“

„Sie sind stur. Eigensinnig. Arrogant. Und Sie reden, ohne nachzudenken. Kein Wunder, dass Ihre Mutter die Hoffnung aufgegeben hat, Sie jemals an den Mann zu bringen.“

Lizzy atmete tief durch und zählte in Gedanken bis zehn, bevor sie kühl erwiderte: „Denken Sie von mir, was Sie wollen. Vielleicht bin ich ein klein wenig eigensinnig, mag sein. Aber ich bin nicht arrogant.“

„Es war aber arrogant von Ihnen, zu glauben, Ihre Schwester könne keine Nacht in Crossfeld House überstehen, ohne dass Sie ihr zu Hilfe eilen.“

Lizzy unterdrückte das leise Unbehagen, das sie bei seinen Worten befiel. „Rose ist nicht wie ich“, hielt sie ihm entgegen. „Sie kann sich nicht wehren. Was ist falsch daran, für die Menschen zu sorgen, die man liebt?“

„Gar nichts. Nur dass diese Menschen manchmal ganz gut allein auf sich aufpassen können. Weil sie sich zwischenzeitlich weiterentwickelt haben, ohne dass man es bemerkt hat.“

„Wenn Rose auf sich selbst aufpassen kann, müsste dasselbe dann nicht auch für Nicholas gelten?“

„Da haben Sie recht. Vielleicht braucht er meine Unterstützung gar nicht.“

Wieder sah...

Autor

Melanie Milburne

Eigentlich hätte Melanie Milburne ja für ein High-School-Examen lernen müssen, doch dann fiel ihr ihr erster Liebesroman in die Hände. Damals – sie war siebzehn – stand für sie fest: Sie würde weiterhin romantische Romane lesen – und einen Mann heiraten, der ebenso attraktiv war wie die Helden der Romances....

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Liz Fielding

In einer absolut malerischen Gegend voller Burgen und Schlösser, die von Geschichten durchdrungen sind, lebt Liz Fielding in Wales. Sie ist seit fast 30 Jahren glücklich mit ihrem Mann John verheiratet. Kennengelernt hatten die beiden sich in Afrika, wo sie beide eine Zeitlang arbeiteten. Sie bekamen zwei Kinder, die inzwischen...

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