Romana Exklusiv Band 405

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DAS GEHEIMNIS DES ITALIENISCHEN PLAYBOYS von ANNIE CLAYDON

Warum Milliardär Gabriel DeMarco Beziehungen ablehnt, ist sein dunkelstes Geheimnis. Aber dass die schöne Clara ihn nach stürmischen Liebesstunden verlässt, passt dem italienischen Playboy überhaupt nicht! Zum ersten Mal beschließt er, um eine Frau zu kämpfen …

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  • Erscheinungstag 19.09.2026
  • Bandnummer 405
  • ISBN / Artikelnummer 0853260405
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Annie Claydon, Lucy Foxglove, Ellie Darkins

ROMANA EXKLUSIV BAND 405

Annie Claydon

1. KAPITEL

Gabriel DeMarco machte die Augen auf. Es war jedoch so anstrengend, dass er sie gleich wieder schloss.

„Wie geht es Ihnen?“, hörte er eine angenehm sanfte, warme und zugleich energische Frauenstimme fragen.

„Ich will schlafen …“

„Wachen Sie lieber auf. Sie liegen im Krankenhaus.“

Statt schockiert zu sein, fühlte er sich seltsam entspannt und so leicht, als schwebte er auf Wolken. Vorsichtig blinzelte er, und gleißendes Licht stach ihm in die Augen. Er schloss sie sofort wieder. „In welchem Krankenhaus?“

„Im Royal Westminster, auf der Privatstation.“

Der Sohn von Leo DeMarco, dem Vorstand einer der größten Pharmafirmen Europas, konnte sich eine Nacht in der exklusiven Klinik spielend leisten. Lag er schon länger hier? Er hatte keine Ahnung.

Vorsichtig spreizte er die Finger, strich mit einer Hand über die Brust und bewegte die Beine. Alles schien zu funktionieren. Er hatte keine Schmerzen. Ihm konnte nicht allzu Schlimmes zugestoßen sein.

„Machen Sie die Augen auf“, forderte die Fremde ihn auf, doch dazu hatte er keine Lust.

Er musste es laut ausgesprochen haben, denn sie legte ihm eine Hand auf die Wange. „Bitte. Öffnen Sie die Augen.“

Widerwillig gab er nach. Diesmal blendete das Licht ihn nicht so sehr, denn ihre Hand schirmte seine Augen ab. Er drehte den Kopf zur Seite und erblickte eine blonde Lockenmähne und strahlend blaue Augen. Plötzlich wollte er viel lieber erfahren, wer diese Schönheit war, als was ihm zugestoßen war.

„Wie heißen Sie? Sind Sie Krankenschwester?“ Dumme Frage! Ihr ärmelloses blaues Sommerkleid war viel zu sexy für eine Schwesterntracht.

„Mein Name ist Clara Holt. Ich verfüge zwar über eine medizinische Ausbildung, bin aber keine Krankenschwester. Ihr Vater schickt mich.“

Dad schickt mir eine Frau ans Bett? wunderte sich Gabriel. Zumindest hatte er seinen Geschmack getroffen: Clara Holt war perfezione, molto bella … Porzellanzarter Teint, glänzendes Haar … Ich würde alles für sie tun! schoss es ihm durch den Kopf.

Sie lächelte, was seinen Blick auf ihre verlockend vollen Lippen lenkte.

„Sprechen Sie Italienisch?“

„Nur wenige Worte.“

Hoppla! Hatte er seine Gedanken etwa schon wieder ausgesprochen? Dabei war er sonst so behutsam im Umgang mit Frauen. Was war nur mit ihm los? Unwillig schüttelte er den Kopf und versuchte, sich aufzusetzen. Stechender Schmerz durchzuckte seine Schläfen, und ihm wurde übel.

Die schöne Clara drückte ihn sanft in die Kissen zurück. „Langsam. Es wird Ihnen gleich besser gehen.“

Sie war ein Engel, er würde ihr bereitwillig auf ihre Wolke folgen … Stopp! Wieso fiel es ihm nur so schwer, einen klaren Gedanken zu fassen? Was war gerade eigentlich wichtig? Endlich fiel ihm eine logische Frage ein. „Was ist mit mir los?“

Clara wusste, dass Gabriel noch eine Weile unter den Auswirkungen der Droge leiden würde. Er hatte die Kontrolle über seine Impulse, seine Zunge noch nicht zurückerlangt. Deshalb beschäftigte ihn auch ihr Aussehen stärker als die Frage, was ihm zugestoßen war. Insofern sollte sie sich nicht so sehr über sein Kompliment freuen …

Sie beschloss, ihm zunächst nur die wichtigsten Fakten zu nennen. „Alles wird wieder gut. Sie werden noch eine Weile Kopfschmerzen haben und sich an nichts erinnern, was vergangene Nacht passiert ist …“

Aufstöhnend fasste er sich an die Stirn.

„Das wird wieder.“ Rasch zog sie eine Flasche Mineralwasser aus ihrer voluminösen Handtasche, öffnete sie, schob einen Strohhalm hinein und hielt ihm diesen an die Lippen. „Möchten Sie etwas trinken?“

„Ja, bitte.“ Er umfasste ihre Hand.

Die Berührung traf sie wie ein elektrischer Schlag. Reiß dich zusammen! ermahnte sie sich. Gabriel war ein Bild von einem Mann – und galt als Frauenheld. Zudem war er ein überaus wichtiger Klient, für den ihr Boss sie um ein Uhr morgens aus dem Bett geklingelt hatte. Dieser Auftrag war ihre große Chance!

„Langsam. Nicht zu viel auf einmal“, warnte sie und entzog ihm die Flasche behutsam.

Er umfasste ihre Hand fester. „Kann ich mehr haben?“

„Trinken Sie diesmal aber langsamer.“

Er befolgte ihren Rat, gab die Flasche aber erst wieder frei, nachdem er sie zur Hälfte geleert hatte. „Sie wissen, dass ich Arzt bin?“

„Ja.“ Es war in seiner Akte vermerkt – neben zahlreichen weiteren Informationen.

„Ich bin also imstande zu begreifen, was immer Sie mir über meinen Zustand berichten.“

Die Fakten würde er zwar verstehen, jedoch nicht das Wie und Warum. Da er jedoch unruhig zu werden begann, beschloss sie, ihm so viel zu verraten, wie er verarbeiten konnte, ohne in Panik zu geraten. „Gestern Nacht haben Sie unabsichtlich eine Droge konsumiert. Sie hinterlässt keine bleibenden Schäden, wird Ihnen aber noch eine Weile Kopfschmerzen bereiten.“

„Was für eine Droge?“ Als Clara zögerte, griff er nach dem Klingelknopf an der Seite seines Betts. „Wenn Sie es mir nicht sagen …“

„Schon gut.“ Je weniger Kontakt er mit Ärzten und Schwestern hatte, desto besser. Möglichst wenige Personen sollten sich an seinen Aufenthalt im Krankenhaus erinnern. „Es handelt sich um Flunitrazepam.“ Das ursprünglich als Beruhigungsmittel konzipierte Medikament war als K.-o.-Tropfen in Verruf geraten.

Nachdenklich massierte er sich die Schläfen. „Wie ist das möglich? Die Tropfen werden heutzutage blau eingefärbt, um Missbrauch vorzubeugen.“ Unwillkürlich ließ er die Hände über den Hals gleiten.

„Haben Sie Halsschmerzen? Das kommt von der Aktivkohle, die Ihnen verabreicht wurde. Ihre Freunde, Dr. und Mrs. Goodman, waren bis zu meinem Eintreffen bei Ihnen.“

„Ich war dort zum Essen eingeladen. Wo sind sie?“

„Ich habe sie nach Hause geschickt.“

„Und welche Funktion haben Sie?“

Als Engel betrachtete er sie offenbar nicht mehr, sein Denkvermögen schien rasch zurückzukehren, sodass sie ihre Anwesenheit vor ihm rechtfertigen musste. Das war ein gutes Zeichen, gleichzeitig verspürte sie einen Hauch leisen Bedauerns.

Erneut kramte sie in ihrer Tasche, diesmal nach ihren Papieren. „Ich arbeite für Gladstone und Sullivan Securities. Sie kennen die Firma?“

„Mein Vater nutzt ihre Dienste seit Jahren.“ Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Habe ich etwas angestellt?“

„Ganz und gar nicht.“ Clara reichte ihm die Dokumente, um ihn abzulenken. Sie wollte ihm den Grund für ihre Anwesenheit lieber erst später erklären.

Er betrachtete erst ihren Pass, dann las er das beigefügte Fax. „Mein Vater hat es um zwei Uhr morgens abgeschickt. Die Lage muss ernst sein“, traf er den Nagel auf den Kopf.

„Alles, was Sie betrifft, ist ihm wichtig“, versuchte Clara, ihn zu beschwichtigen. „Ich habe die Situation unter Kontrolle.“

„Ich hätte sie lieber selbst unter Kontrolle. Da Sie mir offensichtlich wichtige Details vorenthalten, werde ich jetzt aufstehen und jemanden suchen, der mir erklärt, was vor sich geht.“

Claras Klienten ließen sich gemeinhin in zwei Kategorien einteilen: In diejenigen, die den Kopf in den Sand steckten, und diejenigen, die alles ganz genau erfahren wollten. Ihr war die zweite Kategorie lieber, obwohl diese Kunden anstrengender waren. Gabriel DeMarco entpuppte sich als besondere Herausforderung.

„Ich werde Ihnen alles erklären, sobald wir in Ihrem Hotel eingetroffen sind …“

„Was ist mit meinem Haus? Ist es über Nacht eingestürzt?“

„Mit dem ist alles in Ordnung.“

„Dann fahren wir dorthin.“

„Davon rate ich dringend ab …“

„Ich fahre dorthin. Sie dürfen mich begleiten, mir erklären, was los ist, und mich beraten. Ich entscheide, ob ich Ihre Ratschläge annehme oder nicht.“

Vorsichtig setzte er sich auf, ungeachtet der Tatsache, dass ihm noch schwindelig war.

„Einverstanden. Ich bin mit dem Wagen hier und bringe Sie nach Hause.“

„Danke. Zunächst will ich aber duschen und mich anziehen …“ Er warf einen Blick zur Tür.

„Ich helfe Ihnen.“

„Nicht nötig, ich schaffe es allein.“

„Ich bin für Ihre Sicherheit verantwortlich, Dr. DeMarco. Ich kann nicht zulassen, dass Sie im Bad ausrutschen und sich verletzen.“ Fast hätte sie hinzugefügt, dass an ihm nichts dran sei, was sie nicht schon hundertmal gesehen hatte, das wäre jedoch eine Lüge gewesen. Unter dem fadenscheinigen Krankenhaushemd zeichneten sich muskulöse Arme und ein durchtrainierter Körper ab. Mit dem gepflegten dunklen Haar, den markanten Gesichtszügen und ausdrucksvollen braunen Augen war er der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war.

Unvermittelt lächelte er. „Wenn Sie Klartext mit mir sprechen, kommen wir gleich viel besser miteinander aus. Und nennen Sie mich bitte Gabriel. Wir können auch gleich zum Du übergehen, schließlich wissen Sie mehr über die letzten Stunden meines Lebens als ich.“

„Wie du willst.“ Clara öffnete den schmalen Schrank an der Rückwand des Krankenzimmers und zog einen Morgenmantel heraus, den sie ihm reichte.

Vorsichtig schwang Gabriel die Beine aus dem Bett, stand auf, schlüpfte hinein und band den Gürtel fest um die Taille. Dann machte er einige Schritte. „Gut so?“

Er wollte Klartext? Den konnte er haben. „Du schwankst.“

„Besser so?“ Deutlich sicherer durchquerte er den Raum, obwohl die Droge ihm sichtlich noch zu schaffen machte. „Könntest du einen Arzt bitten, mir etwas gegen Kopfschmerzen und Übelkeit aufzuschreiben, während ich dusche?“ Er zählte eine Reihe von Präparaten auf.

„Ich sage ihm besser, dass du unter Kopfschmerzen und Übelkeit leidest, und warte ab, welches Mittel er vorschlägt.“

„Sei so taktvoll, wie du willst.“

Gabriel ging ins Bad und schloss aufatmend die Tür hinter sich. Seine Selbstkontrolle kehrte langsam zurück, dennoch hätte er Clara beinahe zum gemeinsamen Duschen eingeladen. Hoffentlich entschlüpften ihm nicht noch weitere Dummheiten. Waren es möglicherweise Claras strahlend blaue Augen, die ihm die Sinne verwirrten, und nicht die Droge?

Seine Erleichterung hielt nicht lange an. Das Pochen in seinem Kopf wurde stärker, ihm wurde übel. Er sank vor der Toilette auf die Knie und würgte heftig, obwohl sein Magen leer war. Von kaltem Schweiß bedeckt und zitternd kam er nach einer Weile wieder auf die Beine. Am Waschbecken spülte er sich den Mund aus und betrachtete sich im Spiegel. Wieso musste er ausgerechnet in diesem desolaten Zustand der schönsten Frau begegnen, die ihm je über den Weg gelaufen war?

Wenig später kehrte er erfrischt von der Dusche ins Zimmer zurück. Auf einem Stuhl lag frische Kleidung, die Grant und Sara gebracht haben mochten. Sie besaßen einen Schlüssel zu seinem Haus.

Er zog sich an und öffnete die Zimmertür. Clara stand direkt davor, ein Klemmbrett in der einen, ein Röhrchen Tabletten in der anderen Hand. Als er instinktiv zurückwich, kam sie herein und schloss die Tür hinter sich.

„Du siehst schon viel besser aus.“

„Danke.“ Gabriel setzte sich aufs Bett, griff nach der halb leeren Wasserflasche auf dem Nachttisch und ließ sich einige Tabletten in die hohle Hand schütten. „Sobald die Wirkung einsetzt, werde ich mich auch so fühlen. Und wenn ich zu Hause bin.“

„Dazu brauchst du die.“ Sie zog seine Schlüssel und seine Brieftasche aus ihrer schier unergründlichen Handtasche.

„Danke. Und mein Handy?“

„Dein Vater hat uns gestattet, es einzuschicken. Wir lassen es auf … Manipulationen untersuchen.“

Gabriel verdrehte die Augen, und ein heftiger Schmerz durchzog seine Schläfen. „Wann bekomme ich es zurück?“

„Morgen.“

Die Situation war ihr sichtlich unangenehm. Er beschloss, es ihr nicht noch schwerer zu machen. Sie führte lediglich Anweisungen aus. „Können wir jetzt gehen?“

„Sofort. Ian Anderson erwartet uns draußen. Du kennst ihn?“

„Klar.“ Ian war der Chauffeur seines Vaters, wann immer dieser sich in London aufhielt. „Muss ich vor der Entlassung noch einen Arzt sehen?“

„Nicht nötig. Unterschreib einfach hier.“ Sie reichte ihm das Klemmbrett.

Gabriel las das Formular darauf durch. Es war eine Aufklärung über mögliche Komplikationen nach Drogengenuss, und er unterschrieb es mit dem Stift, den sie ihm reichte. „War’s das?“

„Ja. Bist du fertig?“

Clara ging voraus, er folgte ihr. An der Rezeption reichte sie der diensthabenden Schwester das Klemmbrett, dann traten sie ins Freie, wo Ian sie erwartete. Fast im selben Moment fuhr ein SUV mit getönten Scheiben vor. Ian riss die Hecktür auf, ließ Gabriel und Clara einsteigen, schlug sie hinter ihnen zu und setzte sich auf den Beifahrersitz.

Gabriel bewunderte den reibungslosen Ablauf. Insgeheim davon überzeugt, dass ein Irrtum vorlag. Sein Vater war vermutlich übervorsichtig, wie so oft, wenn es um ihn ging. Die Augen geschlossen lehnte er sich ins Polster zurück. „Ist die Klinikrechnung beglichen? Ich möchte nicht die Zeche prellen“, scherzte er und fühlte sich fast schon wieder normal.

„Ja. Wir belasten den Betrag deinem Konto.“

„Was hast du noch mal gesagt, wer du bist? Mata Hari?“ Sie war eine Schönheit, aber keine Femme fatale. Personenschützer versuchten gewöhnlich, nicht aufzufallen. In dem Sommerkleid und mit den flachen Absätzen sah Clara aus wie eine um ihn besorgte Freundin – eine überaus attraktive übrigens.

„Ich habe mich als deine Freundin ausgegeben.“

„Eine gefährliche, bewaffnete Freundin?“ Gabriel machte die Augen auf. Der Schmerz, der ihn durchzuckte, war ein geringer Preis für einen Blick auf die schöne Clara.

Sie lächelte vielsagend. „Waffen verdeckt zu tragen ist verboten. Außerdem bin ich auch ohne die gefährlich.“

Das glaubte Gabriel ihr aufs Wort. Schon ihr Lächeln war es, sogar wenn sie es nicht darauf anlegte.

2. KAPITEL

Gabriel schwieg, bis sie sein Haus, eine dreistöckige Stadtvilla in einem eleganten Viertel Londons, erreichten. Als er aussteigen wollte, hielt Clara ihn zurück.

„Bleib, bis Ian und mein Team das Haus durchsucht haben.“ Sie deutete auf ein am Straßenrand geparktes Auto, in dem vier Personen saßen.

Widerwillig übergab Gabriel dem Fahrer die Hausschlüssel. „Wenn wir drinnen sind, musst du mir einiges erklären …“

Es dauerte nicht lange, bis sie ins Haus gehen durften. Gabriel führte Clara durch die geräumige, helle Diele in die Küche.

„Wir trinken jetzt Tee.“ Das war keine Einladung, sondern ein Befehl.

Die Küche war gut ausgestattet. Über dem ausladenden Herd hingen Pfannen in allen erdenklichen Größen und Formen, daneben war ein gut sortiertes Kräuter- und Gewürzregal angebracht. Ein gläserner Weinkühlschrank an der gegenüberliegenden Wand war reich bestückt. In einem halbrunden Erker stand ein kleiner Tisch mit Stühlen vor einem bodentiefen Fenster. Gabriel ging dorthin, zog die Rollos hoch, und strahlender Sonnenschein flutete den Raum.

Er bot Clara einen Platz an, dann erst bemerkte er die Einkaufstüte, die ihr Team auf der Arbeitstheke abgestellt hatte. „Was ist das?“

„Wir wissen noch nicht, worin dir das Flunitrazepam verabreicht wurde. Deshalb betrachten wir sämtliche Lebensmittelvorräte im Haus als verdächtig.“

Kopfschüttelnd zog er Teebeutel und Milch aus der Tüte und bereitete Tee zu. Er füllte zwei Tassen, trug sie zum Tisch und setzte sich Clara gegenüber.

„Lass mich eines klarstellen: Ich weiß, dass du mich manipulierst. Sehr geschickt übrigens, das muss ich dir lassen, und ich verstehe durchaus, dass du es in Situationen wie dieser für angemessen hältst. Dennoch verlange ich, dass du es ab sofort unterlässt.“

Verblüfft blinzelte Clara. Aus der Akte, die ihr Chef über Gabriel zusammengestellt hatte, wusste sie, dass er der Sohn eines unvorstellbar reichen Mannes war, der Vorstand einer medizinischen Stiftung war, der er den Großteil seiner Zeit widmete. Darüber hinaus machte er, wonach ihm der Sinn stand. Seinen im Übermaß vorhandenen Charme versprühte er vorzugsweise an Frauen. Sein messerscharfer Verstand sowie sein ausgeprägter Eigensinn waren jedoch nirgends erwähnt worden.

Zum Glück war sie imstande zu improvisieren. „Zugegeben, ich manipuliere dich. Die Situation ist besonders … heikel.“

„Das ist mir bewusst, und genau aus diesem Grund muss ich sämtliche Fakten kennen. Auch die, mit denen fertigzuwerden, du mir nicht zutraust.“

„Also gut.“ Clara atmete tief durch. „Gestern warst du zum Essen bei Dr. und Mrs. Goodman eingeladen. Kurz nach der Ankunft bist du zusammengebrochen. Dr. Goodman erkannte sofort, dass die Symptome von Drogenkonsum stammen könnten, und ergriff geeignete Maßnahmen.“

„Und wo kommst du ins Spiel?“

„Mrs. Goodman kennt deinen Vater.“

„Sara hat ihn angerufen?“

„Es war eine gute Entscheidung. Wie sich herausstellte, gab es bereits Vorfälle …“

Erschrocken zuckte Gabriel zusammen. „Geht es meiner Mutter gut? Meinem Vater?“

„Ja. Bislang hat sich kein Vorfall gegen sie gerichtet. Dennoch machen sie sich natürlich Sorgen um dich. Wir stehen in engem Kontakt mit ihnen.“

„Danke.“ Nachdenklich sah er sie an. „Vielleicht ist dir bekannt, dass mein älterer Bruder mit siebzehn Jahren bei einem Unfall ums Leben kam. Seither sind meine Eltern in konstanter Sorge um mich.“

„Mr. Sullivan hat mich informiert. Er hat mir diesen Einsatz übertragen, weil ich als taktvoll und diskret gelte und einen beruhigenden Einfluss auf meine Klienten ausübe.“

„Versuche bitte, meinen Eltern die Sorgen zu nehmen.“

„Nicht dir?“

„Nicht nötig.“ Unvermittelt wirkte er müde und besorgt. „Wieso wurden mir Drogen verabreicht? Hast du dazu eine Theorie?“

„Weißt du von dem neuen Medikament, an dem die Firma deines Vaters gerade arbeitet?“

„Selbstverständlich. Es ist ein neues Mittel gegen HIV, das aufgrund der geringen Produktionskosten auch für Entwicklungsländer interessant sein wird.“ Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Kürzlich wurden in der Presse Fragen hinsichtlich der Produktionskapazität und einer gerechten Verteilung aufgeworfen. Das ist nicht ungewöhnlich. Jeder versucht, sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden.“

„Möglicherweise wollte jemand den Druck erhöhen, um sich ein größeres Kuchenstück zu sichern. Deinem Vater wurden auch finanzielle Unregelmäßigkeiten unterstellt.“

„Das ist mir neu! Der Ankläger kennt ihn schlecht. In puncto Finanzen war und ist mein Vater absolut korrekt.“

„Das glaube ich gern. Dennoch ist der Prozess bis zur Erteilung der Vertriebsgenehmigung für ein Medikament lang und aufwendig. Ein Skandal könnte alle Mühen zunichtemachen. Außerdem ist allgemein bekannt, dass du dich in der Firma engagieren wirst, wenn dein Vater in den Ruhestand geht.“

Gabriel dachte eine Weile nach. „Ich verstehe“, meinte er dann. „Eine Firma mit zwielichtigen Finanzen sollte ein so bedeutendes Medikament nicht vertreiben dürfen. Die PR-Abteilung meines Vaters wird die Vorwürfe jedoch abwehren können. Ich sehe auch keine Verbindung zu dem, was mir zugestoßen ist.“

„Das Timing ist aber interessant! Obendrein ist das Flunitrazepampräparat, das dir verabreicht wurde, nicht auf dem freien Markt erhältlich. Mrs. Goodman hat mir glaubhaft versichert, dass du keine Drogen nimmst. Bitte korrigiere mich, falls sie sich irrt.“

„Ich rühre keine Drogen an!“ Nachdenklich krauste er die Stirn.

Clara meinte, förmlich zu sehen, wie seine Welt in Trümmer zerbrach. „Das ist schwer zu verdauen. Es tut mir leid.“

„Schon gut. Danke, dass du so ehrlich bist.“ Er lächelte ihr matt zu, und ihr wurde seltsam zumute. „Mir fallen die Augen zu. Ich muss dringend schlafen. Darf ich dich am Nachmittag anrufen? Dann können wir weiterreden.“ Die Nachwirkungen der Droge machten ihm zu schaffen.

„Mein Team und ich bleiben bei hier.“

Verblüfft sah er sich um, als hätte er vergessen, dass sie nicht allein waren. Und so sollte es auch sein. Claras Team erledigte seine Arbeit still und leise. Der Klient fühlte sich in Sicherheit, ohne mit Details behelligt zu werden.

„Dann bedient euch …“ Er deutete auf den Kühlschrank, ehe ihm einfiel, dass er leer war. Ratlos zuckte er die Schultern.

So fing es oft an. Der Klient war sich seines Platzes in der Welt sicher gewesen, und plötzlich wurde alles infrage gestellt. Clara hatte diesen Prozess häufig miterlebt und wusste, wie schwer das war.

„Nimm etwas zu trinken mit.“ Sie stand auf, zog eine Flasche Wasser aus der Einkaufstüte und reichte sie ihm. „Ich rufe deinen Vater an und bringe ihn auf den neusten Stand. Es sei denn, du möchtest das tun?“

Gabriel schüttelte den Kopf und zuckte vor Schmerz zusammen. „Es betrifft die Firma, deshalb wird er dich sprechen wollen. Grüß ihn von mir, und sag ihm, ich melde mich später.“

Am Ende seiner Kräfte, schleppte er sich zur Küchentür. Seine Hand auf der Klinke zitterte. Clara überlegte, ob sie ihm ihre Hilfe anbieten sollte, ließ es aber bleiben. Stattdessen lauschte sie angespannt, während er nach oben ging. Erst als sie im Obergeschoss eine Tür ins Schloss fallen hörte, atmete sie auf.

Unvermittelt musste sie daran denken, wie sie in den frühen Morgenstunden an seinem Bett gesessen und sein attraktives Gesicht betrachtet hatte. Es war schlichtweg perfekt …

Statt mit seinem tollen Äußeren musste sie sich nun mit seiner Verletzlichkeit befassen. Mit den Ängsten und Sorgen, denen er ausgesetzt war. Die Lage war heikel, wenngleich Gabriel sich das noch nicht eingestehen wollte.

In seinem Zimmer angekommen, riss Gabriel sich die Kleidung vom Leib, ließ sie zu Boden fallen und sank aufs Bett. Die Sonne schien ihm ins Gesicht. Er stand wieder auf, schloss die Vorhänge und legte sich erneut hin.

Müde, wie er war, schlief er ein, sobald sein Kopf das Kissen berührte. Und er träumte …

Er war elf Jahre alt und allein im Dunkeln. Sein Bein schmerzte. Dennoch hatte er sich zu dem Felshaufen geschleppt, der den Höhleneingang versperrte. Verzweifelt versuchte er, die Steine beiseitezuschaffen. Vergebens. Sie waren zu schwer. Sein Bruder lag mit seinen Freunden darunter begraben. Immer wieder rief er nach ihnen, bekam aber keine Antwort. Er war allein.

Die Zeit verrann quälend langsam. Immer wieder nickte er für eine Weile ein, bis quälender Hunger und Durst ihn weckten. Irgendwann vernahm er das Plätschern von Wasser. Er folgte dem Geräusch, obwohl sein Bein grässlich wehtat, und konnte bald seinen Durst an einer unterirdischen Wasserader stillen. Das Wasser schmeckte köstlich, abgesehen von dem metallischen Beigeschmack seines eigenen Blutes, das von seinen aufgeschürften Händen stammte.

Erschöpft legte er sich auf den Höhlenboden und wollte hierbleiben, bei Pietro. Sein Geist schien ihm ein Zeichen zu geben …

Von kaltem Schweiß bedeckt, fuhr Gabriel aus dem Schlaf hoch. Atme, wach auf! befahl er sich. Mühsam kletterte aus dem Bett, taumelte ins Bad und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, um ganz zur Besinnung zu kommen.

Mittlerweile vergingen mehrere Wochen ohne diesen Traum. Dann passierte etwas, und er kehrte zurück. Er war realistisch und immer gleich. Dieses Mal war er vermutlich durch die Droge hervorgerufen worden. Oder durch die Unsicherheit. Gabriel fühlte sich gefangen und bedroht, wusste aber nicht, durch wen und warum.

An die Rettung aus der Höhle vermochte er sich nicht zu erinnern. Lediglich, dass beim Aufwachen seine Mutter an seinem Bett saß und Licht und frische Luft durchs Fenster ins Zimmer drangen. Damals hatte er sich geschworen, sich nie wieder irgendwo einsperren zu lassen.

Die verständliche Sorge seiner Eltern um ihn hatte es ihm anfangs schwergemacht, dieses Versprechen zu halten. Im Lauf der Zeit hatte er gelernt, seiner Mutter Frieden zu schenken und zugleich seine Freiheit zu wahren.

Mit einer Dusche versuchte er, die letzten Nachwehen des Albtraums abzuspülen und sich auf die guten Dinge im Leben zu besinnen. Dazu zählte das wunderbare Gefühl von Claras kühler Hand auf seiner Wange. Ein sehnsüchtiges Prickeln durchzog ihn.

Was würde sie zu seinem Freiheitsdrang sagen? Nicht, dass sein Lebenswandel sie etwas anging. Andererseits nahm sie gerade seiner Mutter die Sorgen … Er mochte Clara. Sie war ehrlich, von bewundernswerter innerer Stärke – und sah obendrein umwerfend aus.

Unter dem Einfluss der Droge war sie ihm wie ein Engel erschienen. Und hatte es nicht etwas von Agententhriller an sich, von einer tollen Frau gesagt zu bekommen, dass man Zielscheibe in einem Kriminalfall geworden war?

Ein Badetuch um die Hüften geschlungen, kehrte Gabriel in sein Zimmer zurück und sah auf die Uhr. Es war schon drei Uhr nachmittags. Er musste dringend mit Clara sprechen, um endlich ein realistisches Bild von der Brisanz der Situation zu bekommen.

„Du bist noch da!“

Clara sah auf. Ausgeruht, geduscht und rasiert sah Gabriel wesentlich fitter aus als am Morgen. Sie lächelte. „Hast du es bezweifelt?“

„Ich war mir nicht sicher, ob nicht doch alles nur ein böser Traum war.“

„Leider nein.“ Zweifel war Clara gewöhnt, nicht aber den scherzhaften Ton, den er anschlug. Zumeist beschworen ihre Klienten sie, ihnen zu sagen, dass lediglich ein Missverständnis vorliege.

„Schade. Am wichtigsten ist mir, dass meine Stiftung nicht unter der Geschichte leidet. Hast du von der Blaulichtstiftung gehört?“

Dass seine Sorge dieser Institution galt und nicht seinem Leben, kam für Clara unerwartet. Hielt er sich womöglich für unverletzlich, wie Reiche es gelegentlich taten? Immerhin wusste sie nun, was ihm am Herzen lag. Sie konnte es notfalls als Druckmittel einsetzen, um ihn zur Kooperation zu bewegen. „Ich habe davon gehört. Ein interessanter Name …“

„Wir sind für diejenigen da, die sich um uns kümmern, wenn wir in Schwierigkeiten stecken.“

„Großartig! Ich war selbst Rettungssanitäterin …“ Clara schwieg unvermittelt. Ihre Vergangenheit tat hier nichts zur Sache.

Es war zu spät. „Ich finde es unfair, dass du so viel über mich weißt, ich aber nichts über dich.“

Clara errötete. Er hatte ihr eine Falle gestellt, und sie war prompt hineingetappt. „Ich lasse dir meinen Lebenslauf …“

„Informationen beschaffe ich mir lieber persönlich.“ Er lächelte charmant.

„Was genau macht die Blaulichtstiftung“, kam sie verlegen auf das ursprüngliche Thema zurück.

„Wir bauen eine Datenbank auf, bieten Schulungen und Kongresse für Menschen im Rettungswesen … Alistair Duvall und ich haben die Stiftung vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Wir sind auf Traumata spezialisierte Ärzte. Er befasst sich mit Prothesen und physischer Rehabilitation, mein Gebiet sind PTBS, also posttraumatische Belastungsstörungen. Unsere kleine Klinik befindet sich direkt neben dem Stiftungsgebäude. Wir betreuen unsere Patienten ambulant, verfügen aber auch über einige Betten.“

„Ist die Klinik Angehörigen des Rettungswesens vorbehalten?“

„Wir helfen, wem wir helfen können.“

„Könnte jemand deinem Ruf oder dem von DeMarco Pharmaceuticals schaden, indem er die Blaulichtstiftung attackiert?“

„Mein Ruf wäre meine geringste Sorge. Juristisch gesehen, ist die Stiftung unabhängig von der Firma meines Vaters.“

„Und in der Praxis?“

„Mein Vater stellt uns gelegentlich Versammlungs- und Übungsräume zur Verfügung, und wir dürfen das Firmenflugzeug nutzen, sofern es verfügbar ist. Meine Mutter veranstaltet alljährlich eine Benefizgala, die uns großzügige Spenden einbringt. Ich bin nominell ein bezahlter Leitungsangestellter, beziehe faktisch aber kein Gehalt, sondern finanziere mich aus Privatvermögen.“

„Steckst du privates Kapital in die Stiftung?“

„Einige besonders gewagte Projekte finanziere ich persönlich.“

Das Glitzern in seinen Augen verriet ihr, dass er das Risiko liebte, was sich als Problem erweisen könnte. Damit würde sie sich jedoch später befassen. „Für die Öffentlichkeit hängen die Blaulichtstiftung und DeMarco Pharmaceuticals also zusammen. Wir müssen eure Büros überwachen lassen.“

„Dafür ist Alistair der richtige Ansprechpartner. Hast du seine Nummer?“

„Die habe ich. Außerdem sollten wir in deinem Haus Videoüberwachung und Bewegungsmelder installieren …“

„Nein.“ Energisch wandte er sich um und zog eine Schublade auf. Sie war leer. „Ihr wart fleißig. Wo sind die neuen Teebeutel?“

„Im Schrank dort drüben.“ Er schien weder die Untersuchung seiner Lebensmittel zu akzeptieren noch die dringend erforderliche Videoüberwachung.

Sie versuchte es erneut. „Die Kameras werden deine Privatsphäre nicht beeinträchtigen. Wir platzieren sie ganz diskret. Du wirst vergessen, dass sie da sind …“

Unbeirrt setzte er Wasser auf und gab Teebeutel in zwei Tassen, ehe er sich zu ihr umwandte. „Ich dulde keine Überwachung in meinem Haus.“

Das war ihr Stichwort. „Dann wird es dich sicher freuen zu hören, dass wir im Haus keine Wanzen entdeckt haben.“

Eine Ader an seiner Schläfe begann zu pochen. Offenbar wurde ihm erst jetzt bewusst, dass nicht nur Clara ihn beobachten oder belauschen wollte. „Wie seid ihr auf die Idee gekommen, danach zu suchen?“

„Weißt du, wie das Flunitrazepam in deinen Körper gelangt ist?“

Betreten blickte er zu Boden. „Nein.“

„Bis wir es wissen, müssen wir auf alles gefasst sein.“

„Oder wir gehen davon aus, dass alles gut ist, bis das Gegenteil erwiesen ist.“

„Was muss denn noch passieren? Du warst im Krankenhaus!“ Sie war lauter als beabsichtigt geworden. Wütend auf sich selbst, presste sie die Lippen zusammen.

„Keine Ahnung!“ Gabriel sah sie an, als könnte er in ihr lesen. Als wüsste er, dass sein Anblick im Krankenbett ihr Herz weit über das professionelle Maß hinaus berührt hatte.

„Morgen sind wir klüger. Bis dahin gehen wir vom Schlimmsten aus. Wenn du keine Videoüberwachung akzeptierst, bleiben ich und ein zweiter Wachmann über Nacht im Haus.“

Seltsamerweise stieß Gabriel sich nicht daran. „Ich freue mich immer über Gäste. Lass mich einige Anrufe erledigen, dann bereite ich das Gästezimmer vor.“

„Spar dir die Mühe.“ Eine auf einem Sessel verbrachte Nacht schreckte Clara nicht. „Und benutze für die Anrufe besser mein Handy. Deine Leitungen sind noch nicht überprüft.“ Sie legte ihr Telefon auf den Tisch.

Das Wasser kochte, Gabriel goss es in die Becher und stellte einen vor sie hin. Dann griff er sich ihr Handy und seinen Becher und verließ den Raum.

Du schaffst das, sagte Clara sich und atmete tief durch. Auf eine Chance wie diese hatte sie lange gewartet. Gabriels Vater war einer der wichtigsten Klienten von Gladstone und Sullivan Securities.

Das Leben hatte ihr manchen Stein in den Weg gelegt, dennoch hatte sie es weit gebracht. Als Scheidungskind zwischen den Eltern hin- und hergerissen, hatte sie sich früh ein eigenes Zuhause geschaffen. Dieses Glück war jedoch bald zerstört worden. Daran würde sie denken, wenn sie wieder einmal in den Bann von Gabriels attraktivem Gesicht geriet und an ihr Versprechen, sich nie wieder von einem Mann einwickeln zu lassen.

Es war sechs Uhr morgens, und sie war die ganze Nacht durchgefahren, um ihren Ehemann zu überraschen. Nach elf Monaten als Rettungssanitäterin an der Front kehrte sie endlich nach Hause zurück.

Sie schlüpfte aus den schweren Stiefeln, schlich die Treppe empor, um Tim nicht zu wecken, und öffnete die Schlafzimmertür behutsam.

Vor Schmerz zerriss es sie fast, als sie Tim im Arm einer anderen Frau schlummern sah. Einer Frau, die sie für ihre Freundin gehalten hatte!

Sie stürmte die Treppe hinunter, hörte die Stimmen von Tim und Sandra hinter sich, die aus dem Schlaf hochgeschreckt waren. Hektisch schnappte sie sich Schuhe und Reisetasche und war aus dem Haus, ehe Tim sie erreichte. Ihre Ehe lag in Trümmern, sie hatte kein Zuhause mehr …

Das war inzwischen vier Jahre her. Seither arbeitete Clara noch härter, plante jeden Schritt genau, um weitere unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Sie schuf sich ein neues Zuhause, das niemand ihr nehmen konnte, richtete es hübsch ein, suchte sich einen guten Job. Sie vertraute nur noch auf sich selbst. Daran würde auch Gabriels charmantes Lächeln nichts ändern.

Gabriel zog sich mit Claras Smartphone auf die Couch in seinem Arbeitszimmer zurück. Statt ihre Fotodateien auf Kinder- oder Hundefotos oder etwas anderes zu durchforsten, das Rückschlüsse auf ihr Privatleben zuließ, öffnete er lediglich ihre Kontaktliste, in der die Nummern seines Vaters, die von Sara und die seiner Stiftung gespeichert waren.

Der erste Anruf war unkompliziert. Sara und Grant waren froh zu hören, dass es ihm wieder gut ging. Anschließend kontaktierte er Alistair Duvall, den Mitbegründer der Blaulichtstiftung, der nicht so leicht zu beschwichtigen war und ihn einer intensiven Befragung unterzog. Schließlich rief Gabriel seinen Vater an.

Ganz der Firmenboss, erteilte dieser ihm mehrere Befehle. Die Lage sei ernst, er solle, um die Firma nicht zu gefährden, sämtlichen Anweisungen des Sicherheitsteams Folge leisten. „Mach deiner Mutter keinen Kummer. Sie hat bereits einen Sohn verloren …“, sagte er am Schluss.

Ich weiß, ich war dabei, dachte Gabriel. Seither bemühte er sich nach Kräften, seiner Mutter neues Leid zu ersparen, seine Eltern für den Verlust des Sohns zu entschädigen und in die Fußstapfen des älteren Bruders, seines Helden, zu treten. Er versicherte seinem Vater, dass er dazu bereit sei, und bat, seine Mutter sprechen zu dürfen.

Dieses Gespräch verlief weitaus angenehmer. Seine Mutter war froh, dass es ihm gut ging, wenngleich er sich noch angeschlagen fühlte.

Hinterher schloss Gabriel die Augen und rechnete nach, ob es Zeit für die Einnahme der nächsten Schmerztablette war. Clara könnte es ihm gewiss sagen: Sie hatte sein Leben unter Kontrolle.

Ab morgen bin ich wieder mein eigener Herr, schwor er sich. Morgen war ein neuer Tag, wie er seinem Bruder nicht vergönnt war. Damals hatte Gabriel sich geschworen, keinen einzigen Tag seines Lebens zu vergeuden.

3. KAPITEL

Hübsch ist es hier, war Claras erster Gedanke, als sie am nächsten Tag die Augen öffnete. Sonnenstrahlen drangen durch die nicht vollständig geschlossenen Vorhänge in das geräumige Gästezimmer, das sie auf Gabriels Drängen hin für die Nacht bezogen hatte. Sie fühlte sich frisch, erholt und der Aufgabe gewachsen, Gabriels Freiheitsdrang und die Gewährleistung seiner Sicherheit unter einen Hut zu bringen.

Sie duschte und schlüpfte in eine frische Hose und Bluse, die sie stets in einer Tasche mit Übernachtungsutensilien im Auto mitführte. Dann machte sie ihre Runde durchs Haus.

„Er ist auf“, teilte Molly, die Nachtwache im Eingangsbereich, ihr mit. „Und er war schon draußen …“

„Hast du ihn begleitet?“

„Er ist durch die Hintertür entwischt und durch die Haustür zurückgekommen. Es tut mir leid.“

„Ich rede mit ihm. Wo ist er jetzt?“

„In der Küche.“

Clara atmete tief durch. Sie musste ihm dringend den Ernst der Lage verdeutlichen und ihn zur Kooperation bewegen.

Gabriel saß Zeitung lesend am Küchentisch, ein süßes Teilchen und einen Kaffee zum Mitnehmen neben sich. In weißem Hemd, Krawatte und dunkler Hose wirkte er, als könnte er kein Wässerchen trüben.

„Guten Morgen“, begrüßte er Clara fröhlich. „Möchtest du Kaffee?“

Kopfschüttelnd nahm sie ihm gegenüber Platz. „Du hast deinen draußen geholt?“

„Ich verabscheue löslichen Kaffee.“ Er deutete auf das Glas Kaffeepulver, das ihr Team für ihn besorgt hatte.

„Da hast du gedacht, du machst einen Spaziergang und holst dir Kaffee. Und die Morgenzeitung.“

„Ich habe auch der Nachtwache Kaffee mitgebracht. Du hast leider noch geschlafen.“ Er lächelte gewinnend.

„Das kannst du nicht machen!“

„Du bist nicht meine Hüterin.“

„Genau das bin ich. Ich werde sogar dafür bezahlt. Dein Ausflug hat meinem Team gezeigt, dass es seinen Job nicht gut erledigt hat. Ein Kaffee für jeden macht das nicht wett.“ Sie wusste, Gabriel konnte sie aus dem Haus jagen, glaubte aber nicht, dass er es tun würde. Er hatte zwar noch nicht begriffen, in welcher Gefahr er schwebte, würde seiner Mutter aber keine Sorgen bereiten wollen.

„Ich übernehme die volle Verantwortung. Die Wache trifft keine Schuld …“

„So funktioniert das nicht. Wäre dir etwas zugestoßen, hätte man uns zur Verantwortung gezogen.“

„Es tut mir leid. Ich mag mein Haus nicht in eine Festung verwandeln lassen, die ich nicht zu verlassen wage. Das wäre, wie lebendig begraben zu sein.“

Aus seiner Akte wusste Clara, dass er genau das bereits erlebt hatte. Bei dem Unfall, bei dem sein Bruder ums Leben gekommen war, war er drei Tage lang in einer Höhle gefangen. „Ich respektiere deine Wünsche, solange du mit mir zusammenarbeitest. Ausnahmslos und ohne Diskussion.“

Zu ihrer Überraschung lenkte er widerspruchslos ein. „Also gut. Heute Vormittag muss ich zum Stiftungsbüro fahren, um mit Alistair zu sprechen. Ist das möglich?“

Erleichtert nickte Clara.

„In einer halben Stunde?“

„Ich gebe der Wache Bescheid.“

Vor der Abfahrt entschuldigte Gabriel sich persönlich bei jedem Mitglied ihres Teams, was Clara für eine nette Geste hielt.

Zehn Minuten später fuhren sie vor dem Sitz der Stiftung vor. Das moderne dreistöckige Gebäude lag an einem kleinen, von einem schmiedeeisernen Zaun eingefassten Park. Gabriel wartete geduldig im Wagen, bis Ian ihm die Tür öffnete, und eilte dann zum Eingang. Drinnen übernahm er die Führung, winkte freundlich der Empfangsdame zu und durchquerte zügig ein Großraumbüro.

„Hier befindet sich unsere Verwaltung“, erklärte er Clara, die ihm dicht auf den Fersen folgte. „Eine Etage höher liegen die Entwicklungsabteilung sowie ein Besprechungsraum. Die Klinik befindet sich im angrenzenden Gebäude sowie im obersten Stock dieses Hauses.“

Clara hatte sich die Pläne der Gebäude bereits angesehen, wollte den sich kooperativ zeigenden Gabriel aber nicht entmutigen. „Danke. Gut zu wissen.“

„Dort drüben liegen mein Büro und das von Alistair …“ Er deutete auf durch Glaswände vom Großraumbüro abgetrennte Räume. In einem saß ein Mann, der bei ihrem Eintreten aufgesprungen war und ihnen entgegenging.

„Alistair, das ist Clara Holt“, stellte Gabriel sie vor. „Sie ist mir näher als mein Schatten.“

„Sehr erfreut.“ Alistair schüttelte ihr die Hand, während Gabriel bereits auf sein Büro zueilte. „Wir müssen reden“, rief er ihm hinterher.

„Ich bin gleich bei dir.“ Gabriel raffte auf seinem Schreibtisch einen Stapel Unterlagen zusammen.

„Danke, dass Sie Ihre Kollegen gestern geschickt haben. Ich bin heilfroh, dass die Büros nicht verwanzt sind“, sagte Alistair zu Clara.

„Danke für Ihre Kooperation.“

„Sie werden sehen, auch Gabriel kann kooperativ sein, wenn er es will.“

Das bleibt abzuwarten, dachte Clara. Die Tatsache, dass die beiden so gegensätzlich wirkenden Direktoren der Stiftung gut zusammenarbeiteten, ließ sie Hoffnung schöpfen.

In diesem Moment kehrte Gabriel zu ihnen zurück. „Clara, du kannst gern an meinem Schreibtisch warten. Bist du so weit, Alistair?“

„Seit zehn Minuten.“ Die beiden gingen in Alistairs Büro. An der Tür wandte Alistair sich noch einmal zu Clara um. „Es wird vermutlich eine Weile dauern. Falls Sie eine Erfrischung wünschen, bedienen Sie sich dort drüben.“

Wachen vor dem Haus verwehrten Unbefugten den Zutritt, deshalb konnte Clara sich entspannt aufs Beobachten konzentrieren. Sie setzte sich so hin, dass sie die beiden Männer im Nachbarbüro durch die trennende Glaswand sehen konnte.

Der lebhaftere Gabriel bestritt den Großteil der Unterhaltung. Nach einer Weile sprang er auf, lief rastlos hin und her, setzte sich wieder. Alistair dagegen sagte deutlich weniger, blieb äußerlich ruhig und gelassen. Es kam Clara vor, als prallte eine explosive Kraft auf unverrückbaren Felsen. Wie lange würde es bis zur Katastrophe dauern? Plötzlich lächelte Gabriel, und Alistair nickte. Der Friede schien wiederhergestellt – nur um gleich darauf bei der Diskussion über das nächste Thema erneut zerstört zu werden.

Clara saß abwartend da, sorgenfrei und dennoch auf alles gefasst. So war sie es gewöhnt. Dennoch stellte ihr Klient Gabriel eine erfrischende Abwechslung dar. Seine Art, sich wie ein Raubtier zu bewegen, faszinierte sie. Sie mochte den Blick kaum von ihm lösen, um die Angestellten zu beobachten, die einer nach dem anderen ins Großraumbüro strömten, um die Arbeit aufzunehmen. Keiner nahm Notiz von ihr. Offenbar hatte Alistair seine Leute über die Situation in Kenntnis gesetzt.

Nach zwei Stunden war die Besprechung abgeschlossen. Sichtlich zufrieden raffte Gabriel seine Unterlagen zusammen und kehrte in sein Büro zurück.

„Wir haben beschlossen, wie wir mit dieser … Situation umgehen.“ Er setzte sich Clara gegenüber. „Ich wollte mich für eine Weile aus der Stiftung zurückziehen, damit sie keinen Schaden erleidet, aber Alistair ist dagegen. Er glaubt nicht, dass ich eine Belastung darstelle. Deshalb mache ich wie bisher weiter, behalte die Dinge aber im Auge. Was meinst du dazu?“

Ihre Meinung tat nichts zur Sache. Ihr ging es allein um seine Sicherheit. Dennoch beantwortete sie die Frage. „Wenn deine Leute zu dir stehen, solltest du deine Kernaufgaben nicht aufgeben. Die Arbeit bedeutet dir viel, wie ich sehe.“

„Hast du daran gezweifelt?“ Er lächelte schief. „Wegen meines Geldes?“

Clara errötete. Sein Reichtum ließ sie ihm gegenüber gewisse Vorurteile hegen, sein übermäßiger Charme trug seinen Teil dazu bei. Alles wirkte bei ihm spielerisch. Dass dem nicht so war, begann sie erst allmählich zu begreifen.

„Weißt du, wie mein Bruder ums Leben kam?“, wechselte Gabriel abrupt das Thema.

„Bei einem Steinschlag in einer Höhle nahe dem Sommerhaus deiner Eltern in Italien. Es war gewiss eine schreckliche Erfahrung.“

Gabriel nickte. „Sie ist der Grund dafür, dass ich etwas für diejenigen tun will, die sich in Gefahr bringen, um andere aus brenzligen Situationen zu retten.“

„In meiner Zeit als Rettungssanitäterin habe ich selbst erlebt, wie Kollegen beim Einsatz verletzt wurden.“

Dass sie seine Arbeit zu schätzen wusste, schien ihm zu gefallen, denn er lächelte zufrieden. „Da fällt mir ein, ich habe eine weitere Verpflichtung, von der du wissen musst. Ich gebe am Samstag eine Cocktailparty. Alistair wollte, dass ich sie absage, aber ich konnte ihn umstimmen.“

„Wo findet sie statt?“

„In meinem Haus. Mit handverlesenen Gästen.“

„Handelt es sich um eine Benefizveranstaltung für die Stiftung?“

„Genau. Ich erwarte Politiker, Firmenbosse, die Chefs anderer Stiftungen und weitere hochkarätige Gäste mit ähnlichen Anliegen. Keiner von ihnen wird mir eine Droge unterschieben.“ Er lächelte jungenhaft.

Zu einer Absage konnte sie ihn nicht bewegen, das war Clara klar. Er machte keine halben Sachen. Für ihn hieß es ganz oder gar nicht. „Wir werden uns einen Plan zurechtlegen. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“

„Demnächst fahre ich für einige Tage nach Italien. Zum Todestag meines Bruders. Ich verbringe ihn immer mit meinen Eltern.“

„Das lässt sich einrichten.“

„Ausgezeichnet.“ Er stand auf. „Dann besuchen wir jetzt mein Dream Team.“

„Wen?“

„Komm und sieh selbst. Es wird dir gefallen.“

Das Dream Team war in einem weitläufigen Raum mit drei Schreibtischen auf der nächsten Etage untergebracht. Dort befanden sich zahlreiche hochwertige Computer und weitere technische Geräte. An den Wänden hingen Poster, sich gegenüberstehende lilafarbene Sofas bildeten eine gemütliche Sitzgruppe. An einem der Schreibtische saß ein aufblasbarer Gorilla, an den anderen arbeiteten ein Mann und eine Frau, beide kaum den Kinderschuhen entwachsen. Die junge Frau blickte konzentriert auf den Bildschirm, der Mann tippte auf seinem Handy.

„Das sind Kaia und Alfie. Wo ist Ben?“, fragte Gabriel mit Blick auf den Gorilla.

Alfie schnitt ein Gesicht. „Wir haben ihn nach Hause geschickt, Schlaf nachholen.“

„Wie lange war er diesmal hier?“ Kaia und Alfie tauschten vielsagende Blicke, und Gabriel stöhnte auf. „Schon gut, keine Details. Sagt ihm, ich lasse ihn keine weiteren Nächte durcharbeiten.“

Kaia zuckte die Schultern. „Wenn er an etwas dran ist, verliert er jedes Zeitgefühl. Du kennst ihn ja …“

„Er ist großartig, darf sich mit der Arbeit aber nicht die Gesundheit ruinieren. Er muss lernen, regelmäßig zu essen, zu schlafen, sonst … Ich lasse mir etwas einfallen. Richtet es ihm aus.“

„Tun wir, Boss.“ Alfie grinste.

„Clara, sorgst du dafür, dass der Sicherheitsdienst ihn am Wochenende nicht mehr hereinlässt?“

„Ich veranlasse, dass er außerhalb der Arbeitszeit keinen Zutritt zum Haus erhält und dass meine Leute ihn taktvoll dazu bewegen, es abends zu einer vernünftigen Uhrzeit zu verlassen.“

„Danke.“ Gabriel wandte sich an Kaia. „Siehst du heute Abend nach ihm?“

„Das hatte ich vor.“

„In dem Fall …“ Gabriel zog seine Brieftasche aus dem Jackett und holte einige Scheine heraus. „Mach früher Schluss, und geh für ihn einkaufen. Mal sehen, ob wir ihn dazu bewegen können, Obst und andere gesunde Dinge zu essen.“

Kaia steckte das Geld in die Hosentasche. „Wird erledigt.“ Neugierig sah sie Clara an. „Hallo! Ich bin Kaia.“

„Ich heiße Clara. Hat Alistair euch erklärt, wer ich bin?“

„Er sagte, wir dürften Ihnen nicht in die Quere kommen.“

Gabriel lachte. „Ihr dürft mir nicht in die Quere kommen, sonst attackiert einer aus Claras Team euch.“

„Niemand wird von uns angegriffen.“ Clara warf Gabriel einen finsteren Blick zu. Wenn er weiter so herumalberte, würde sie ihn höchstpersönlich zu Boden ringen. „Wir sorgen dafür, dass es gar nicht erst so weit kommt.“

„Kaia, Alfie und Ben sind unsere Ideenschmiede und unser Entwicklungsteam“, wechselte Gabriel das Thema. Er deutete auf den aufblasbaren Gorilla. „Bens Alter Ego ist das einzig Gefährliche hier. Um mit ihm fertigzuwerden, brauchst du lediglich eine Nadel.“

„Gut zu wissen.“ Clara wandte sich an Kaia. „Arbeitet ihr mit den Rettungskräften zusammen?“

„Unter anderem. Wir machen so ziemlich alles, sofern wir eine gute Idee haben – und Gabriel zustimmt.“

„Manchmal kommt nichts dabei herum, ein andermal stoßen sie auf eine wahre Goldader“, erklärte er lachend.

Clara begriff, dass er von seinen riskanten Projekten sprach. Wenn sein kreatives Team so gut war, wie er glaubte, erschien es ihr klug, ihm freie Hand zu lassen. Nur so konnte es über den Tellerrand hinausschauen und neue Ideen entwickeln.

„Kaias aktuelles Projekt könnte dich interessieren. Sie versucht, Prothesen für Gliedmaßen mittels 3-D-Druck anzufertigen. Die Idee ist nicht ganz neu, liegt Alistair und mir aber besonders am Herzen. Kaia glaubt, einen wichtigen Beitrag leisten zu können, weit über das bislang Mögliche hinaus. Sie zeigt es dir sicher gern …“

Kaia nickte, doch Clara zögerte. Ihre Aufgabe war es, Gabriel zu beschützen. „Bleibst du hier?“

„Ja. Ich muss mit Alfie sprechen.“

„In dem Fall sehe ich mir gern an, was du tust, Kaia.“

4. KAPITEL

Wieso freute er sich so über Claras Lob bezüglich Kaias Arbeit? Gabriel hinterfragte es lieber nicht. Es war unlogisch.

In diesem Moment riss Alfie ihn mit einer Bemerkung aus seinen Gedanken. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, damit es besser funktioniert.“ Nachdenklich deutete der Junge auf das Modell auf dem Bildschirm.

„Womöglich ist das die Antwort: Nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung.“

„Schon …“ Verbissen starrte Alfie auf den Monitor.

„Du denkst, du findest noch eine?“

„Ja. Wenn du allerdings nicht noch mehr Zeit und Geld in die Sache investieren willst …“

„Lass das meine Sorge sein. Mach einfach weiter. Ende nächster Woche sehen wir, wo du stehst.“

„Danke.“ Alfie konzentrierte sich sofort wieder auf das Modell, und Gabriel sah zu Clara hinüber, die gerade eine Prothese in den Händen hielt und sie aufmerksam betrachtete. Sie schien zu begreifen, was sie für ein amputiertes Kind bedeuten mochte. Für zahlreiche Kinder sollte sein Traum Realität werden.

Unwillkürlich fragte er sich, weshalb Clara den medizinischen Dienst quittiert hatte. Ihren Job als Personenschützerin erledigte sie gut. Er schien sie jedoch nicht zu begeistern. Während ihm die Tätigkeit als Arzt Hoffnung und einen Grund zu leben schenkte, hatte sie der Medizin den Rücken gekehrt. Weshalb?

Das Paket aus dem Hauptquartier war zu Claras Händen in die Stiftung geliefert worden. Sie hatte den Inhalt geprüft, während Gabriel beim Essen mit Alistair sprach. Nun musste sie ihm die schlechten Nachrichten beibringen.

Sie wartete, bis sie sein Haus erreichten, das ihr nach dem Lärm und der Hitze der Londoner Straßen wie eine Oase der Ruhe und Kühle vorkam. Gabriel führte sie ins Wohnzimmer, bot ihr einen Platz an, schlüpfte aus dem Jackett und setzte sich ihr gegenüber. „Was ist los?“

„Hier ist dein neues Handy.“ Sie zog es aus ihrer voluminösen Tasche und reichte es ihm. „Es kann nicht so viel wie dein altes, ist dafür aber bedeutend sicherer. Deine Kontakte und alle weiteren Daten sind bereits aufgespielt. Es ist aufgeladen und bereit zur Benutzung.“

Er nahm es entgegen und hielt es gedankenverloren in den Händen. „Und das alte?“

Clara atmete tief durch. „Darauf haben wir eine Software gefunden, die deinen Standort bestimmen, deine Nachrichten mitlesen und es außerdem in ein Mikrofon verwandeln kann, selbst wenn du es gerade nicht benutzt. Es war quasi eine Abhörvorrichtung.“

Entgeistert sah er sie an. „Jemand hat meine Bewegungen verfolgt und jedes Wort mitgehört, das ich gesprochen habe?“ Die krasse Verletzung seiner Privatsphäre machte ihm deutlich zu schaffen. „Ist es normal, wenn ich gerade versuche, mir jedes Gespräch der vergangenen Wochen ins Gedächtnis zu rufen …?“ Fahrig fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht und schüttelte den Kopf.

„Das ist es.“ Wie sollte sie ihn nur trösten?

Mühsam rang er sich ein Lächeln ab. „Sonst noch was?“

„Wir wissen jetzt, woher das Flunitrazepam stammt. Eine leere Wasserflasche im Verpackungsmüll enthielt davon Spuren. Es handelt sich um eine andere Marke, als du üblicherweise trinkst. Weißt du noch, woher du die Flasche hast? Du musst sie kurz vor dem Essen geleert haben.“ Clara zog ein Foto aus dem Umschlag und reichte es ihm.

„Keine Ahnung … Halt, doch! Eine Frau hat sie mir gegeben.“ Er warf die Aufnahme auf den Couchtisch, als hätte er sich daran die Finger verbrannt, sprang auf und ging zum Fenster. Der Anblick der friedlichen Straße schien ihn zu beruhigen. Oder wollte er Clara seine Gefühle nicht sehen lassen? Kummer und Schmerz waren intime Angelegenheiten. „Ich jogge fast täglich nach der Arbeit im Park. Vom Sehen her kenne ich die meisten Läufer …“

Seufzend atmete er durch. „Es war heiß. Ich hielt an, um einen Schluck zu trinken. In dem Moment rempelte eine Frau mich von hinten an. Sie schlug mir die Flasche aus der Hand … Sie und ihre Freundin entschuldigten sich und bestanden darauf, dass ich stattdessen ihre Flasche nehme. Sie waren sehr nett.“ Er schüttelte den Kopf. „Ist es wirklich so einfach?“ Immer noch sah er aus dem Fenster.

„Einfach ist es gewiss nicht. Sie mussten zuerst deinen Tagesablauf kennenlernen und dir das Wasser unterschieben, ohne Verdacht zu erregen. Auch wenn es dir nicht so vorkommt, für uns ist das ein Riesenschritt! Wir wissen jetzt, woran wir sind.“

„Ich hätte nie gedacht … Wie kann man noch jemandem vertrauen, wenn man weiß, wie leicht er in dein Leben eindringen kann?“

Clara vertraute niemandem und nichts, was nicht mit ihrem Job zu tun hatte. Dennoch wäre es kontraproduktiv gewesen, das zu erwähnen. Sie schwieg lieber.

„Vertraust du jemandem?“ Er wandte sich um und sah ihr in die Augen.

„Ich verlasse mich auf mein Team und auf das, was ich weiß. Eines ist sicher: Du wirst dich nicht lange mit diesem Problem herumschlagen müssen. Wir helfen dir, dein Lebe...

Autor

Joss Wood

Joss liebt Bücher, Kaffee und das Reisen – vor allem in die wilden Gegenden des südlichen Afrikas und, nun ja, eigentlich überallhin. Sie ist Ehefrau und Mutter von zwei jungen Erwachsenen. Außerdem kümmert sie sich um zwei Katzen und einen Hund, der so groß ist wie eine kleine Kuh. Nach...

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