Baccara Collection Band 498

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DAS LETZTE NEIN – DER ERSTE KUSS von ELIZABETH BEVARLY

„Heiraten Sie ihn nicht.“ Antonia ist fassungslos, dass ausgerechnet Roth Fortune sie vor ihrem Verlobten warnt, der größte Geschäftskonkurrent ihrer Familie. Als solcher ist er nicht gerade vertrauenswürdig – aber leider ist er auch sehr interessant und unwiderstehlich verführerisch …

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  • Erscheinungstag 13.06.2026
  • Bandnummer 498
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537810
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Elizabeth Bevarly, Debbi Rawlins, Carla Cassidy

BACCARA COLLECTION BAND 498

Elizabeth Bevarly

PROLOG

„Linc Banning ist tot.“

Kaum hatte Roth Fortune das Sommerhaus seiner Familie im texanischen Emerald Ridge betreten, da überfiel ihn seine jüngere Schwester Zara mit den Neuigkeiten. Er traf von seiner Familie als Letzter für das verlängerte Wochenende ein, weil er auch heute an einem Samstagvormittag noch einen wichtigen Geschäftstermin in Dallas zu erledigen gehabt hatte, bevor er die einstündige Autofahrt angetreten war. Bislang hatte er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, den Rest seiner Familie zu begrüßen. Verdammt, er hatte noch nicht einmal Zara Hallo sagen können, die immer noch die Eingangstür aufhielt, durch die er gerade eingetreten war.

„Was willst du damit sagen?“, fragte er, weil er glaubte, sich verhört zu haben. „Wir haben uns erst gestern Abend beim Dinner über ihn unterhalten. Wie kann er da …?“

Er konnte das Wort noch nicht einmal aussprechen. Zwar war Linc Banning der Sohn ihrer Haushälterin Delia gewesen, doch war er mit den Kindern der Fortunes aufgewachsen und gehörte sozusagen zur Familie. Er war sechs Jahre jünger als Roth, fast so alt wie ihre Schwester Priscilla und nur ein paar Jahre jünger als Zara. Trotz des Altersunterschieds hatten Roth und sein ein Jahr jüngerer Bruder Harris Delias Sohn unter ihre Fittiche genommen und ihm alles beigebracht, was man als heranwachsender Teenager wissen musste. Wie man einen perfekten Curveball beim Baseball warf beispielsweise und wie man keine schwitzigen Handflächen bekam, wenn man die Hand eines Mädchens hielt. Nein, Linc konnte einfach nicht tot sein.

„Man hat ihn umgebracht“, warf Zara mit tränenerstickter Stimme ein.

Fassungslos ließ Roth die Tasche fallen, die er für sein Wochenende hier gepackt hatte. Mit einem dumpfen Laut fiel sie zu Boden. Aus dem Wohnzimmer klang ersticktes Schluchzen. Erst jetzt bemerkte Roth seine übrigen Geschwister, seinen Cousin Kelsey und seinen Onkel Sander, die alle traurig und fassungslos wirkten.

„Sie haben ihn gestern Nacht im Fluss gefunden“, erklärte Priscilla, die sich ein Taschentuch vor die Nase hielt. „Während wir gestern in Dallas im Talia 469 noch einen lustigen Abend verbracht haben, hat jemand Linc einfach so in die Brust geschossen.“

Ungläubig schüttelte Roth den Kopf. Wer sollte Linc umbringen wollen? Und warum? Zugegeben, seitdem Delia vor fünf Jahren gestorben war, hatten sie alle nicht mehr so einen engen Kontakt zu ihm gehabt. Gelegentlich waren sie ihm begegnet, wenn sie Emerald Ridge besuchten. Weil Linc ihnen bei solchen Anlässen meist aus dem Weg gegangen war, hatten sie angenommen, dass er sich schämte, seine Lebensträume immer noch nicht verwirklicht zu haben. Seine eigene Villa zum Beispiel und einen Privatjet. So einen wie Roths Eltern Mark und Marlene einst besessen hatten und in dem sie vor zwanzig Jahren tödlich verunglückt waren. Allerdings hatten die Fortunes so lange nicht mehr mit Linc gesprochen, dass keiner von ihnen wusste, ob er möglicherweise eines seiner ehrgeizigen Ziele doch noch erreicht hatte und sie aus einem anderen Grund mied. Er war immer ein netter Kerl gewesen, der letzte auf Erden, dem jemand den Tod wünschen könnte. Er war immer ein guter Kerl gewesen, einer, der keine Feinde hatte.

„Im Augenblick kennen wir noch keine Details“, sagte Roths Bruder Harris. „Nur das, was uns ein paar Leute aus der Stadt erzählt haben. Ich bin sicher, dass die Cops mit uns sprechen wollen. Vielleicht nicht gleich heute, weil wir gerade erst angekommen sind, aber es dauert bestimmt nicht mehr lange.“

Was sollten sie ihnen auch erzählen, fragte sich Roth. Dass sie noch nicht einmal wussten, womit Linc seinen Lebensunterhalt verdient hatte? Oder wo er in der Stadt wohnte?

„Ich kann es wirklich nicht fassen“, bekannte Roth. „Wer wollte Linc tot sehen?“

„Das fragen wir uns alle“, pflichtete Kelsey ihm sanft bei.

Sander nickte. „Ja, wir und alle anderen in Emerald Ridge.“ Er wirkte ernster, als Roth ihn je gesehen hatte, und wesentlich älter als vierundvierzig Jahre. „Ich weiß ja, dass wir uns heute hier treffen wollten, um nach dieser ominösen Überraschung zu suchen, die unsere Leute hier irgendwo versteckt haben, Roth, aber wir haben uns vor deiner Ankunft schon ein wenig unterhalten. Wir sind uns alle einig, dass wir nirgendwohin gehen, bevor wir wissen, warum Linc sterben musste.“

Immer noch fassungslos von den Neuigkeiten nickte Roth. „Dann schließe ich mich euch natürlich an.“

1. KAPITEL

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du letzten Monat mit Linc aus gewesen bist, ohne uns etwas davon zu sagen“, sagte Roth Fortune mit gespielter Strenge zu seiner Schwester Priscilla und hob den Kaffeebecher an die Lippen.

Sie waren dem Chaos im Sommerhaus der Familie an diesem Samstagmorgen entflohen und genossen einen zeitigen Lunch in dem beliebtesten Café in Emerald Ridge, Texas. Im Hintergrund erklang leise Countrymusik, und die Luft war erfüllt vom verführerischen Duft frisch gebackener Köstlichkeiten. Nachdem die Geschwister ihre Sandwiches gegessen hatten, waren sie den Verlockungen des Kardamom- und Zimtduftes erlegen und hatten sich zum Nachtisch einen Korb mit Churros bestellt, der bereits halb leer war.

Priscilla war gerade im Begriff, eines der länglichen Gebäckteilchen zu essen, als sie verharrte und Roths Blick erwiderte. Sie trug ihr langes blondes Haar zu einem lockeren Zopf am Hinterkopf zusammengebunden, und am Ausdruck ihrer haselnussbraunen Augen konnte man deutlich sehen, wie sehr sie Roths Bemerkung ärgerte. Obwohl sie inzwischen achtundzwanzig war, kam Roth nicht umhin, in ihr immer noch das kleine Mädchen zu sehen, das sie gewesen war, als ihre Eltern bei dem Flugzeugunglück in den San Bernardino Mountains in Kalifornien ums Leben gekommen waren. Diese Tragödie hatte damals ihrer aller Leben in völlig neue Bahnen gelenkt.

Roth seufzte. Vermutlich nahm seine Schwester an, dass er in ihr immer noch ein Kind sah. Und ja, möglicherweise hatte er sich für einen Augenblick dazu hinreißen lassen. Wahrscheinlich würde er seine drei jüngeren Geschwister immer als kleine Kinder sehen. Dabei war er selbst beim Tod von Mark und Marlene beinahe noch ein Kind gewesen, wenn auch das älteste der Geschwister. Augenblicklich war ihr Onkel Sander für sie da gewesen und hatte sich um sie gekümmert. Doch der Älteste passte immer auf die Seinen auf, ganz gleich wie alt sie waren.

„Zunächst einmal“, stellte Priscilla klar, „muss ich dir gar nichts erzählen. Auch wenn du dich selbst für unseren Elternersatz hältst.“

„Das ist doch gar nicht …“

„Und zum anderen“, sprach seine Schwester ungerührt weiter, „war es nur ein Date. Linc und mir war gar nicht klar, dass daraus eines werden würde. Eigentlich wollten wir uns nur kurz zusammensetzen, weil wir uns zufällig in der Stadt begegnet waren. Doch dann war da dieser überraschende Kuss am Ende – und dann nichts mehr.“

Sie warf den Churro zurück in den Korb und griff nach ihrem Eistee.

„Die ganze Sache war wirklich total merkwürdig. Nicht nur dieser Kuss, der aus heiterem Himmel kam. Aber nur ein paar Stunden hat er mir eine Textnachricht geschrieben und mir gesagt, dass er mich nicht wiedersehen kann.“ Sie zeichnete mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. „Zu meinem eigenen Besten. Und dann hat er mich geblockt. Dabei hatten wir vorgehabt, uns am nächsten Abend wieder zu treffen.“

Priscilla hatte die Bombe mit ihrem einmaligen Date mit Linc an jenem Samstagnachmittag platzen lassen, an dem die Familie sich ursprünglich für ein verlängertes Wochenende hatte treffen wollen. Von Samstag, den zweiten August, bis Montag, den vierten, hatten sie ihren Aufenthalt in Emerald Ridge geplant. Doch angesichts dessen, was mit Linc geschehen war, hatte die Familie beschlossen, bis zum Labor Day am ersten Montag im September zu bleiben. Das machte es zwar nicht leichter für Roth, seine Firma in Dallas zu leiten, die eine Autofahrt entfernt von Emerald Ridge lag. Doch Familie ging vor, und Linc Banning war nun einmal so etwas wie ein Familienmitglied gewesen. Nun, zumindest bis zu jenem mysteriösen Treffen vor einem Monat, als er und Priscilla sich zufällig begegnet waren.

Als sie ihren Geschwistern von dem Treffen erzählt hatte, waren sich alle einig gewesen, dass sie die Sache der örtlichen Polizei nicht verschweigen durfte. So waren sie zusammen zum Büro des Sheriffs gefahren, um ihm von Priscillas Erlebnis zu erzählen und ihm gleichzeitig ihr Alibi zu präsentieren. Am Abend, an dem Linc ermordet worden war, hatten sie alle gemeinsam in Dallas in einem Restaurant vier Stunden lang zu Abend gegessen.

Inzwischen war eine Woche vergangen, und buchstäblich jeder in der Stadt zählte zu den Verdächtigen – mit Ausnahme der Fortunes, die zu ihrem Glück erst nach der Tat angereist waren.

Priscilla strich über den Rand ihres Glases. „Und dann haben wir diese Sachen über Linc gehört … Sie passen gar nicht zu ihm.“

Das stimmte. Roth hatte mitbekommen, wie sich ein paar Einheimische darüber unterhalten hatten, dass Linc sich erst vor Kurzem in Emerald Ridge Feinde gemacht hatte, doch keiner wusste genau zu sagen, um wen es sich bei ihnen handelte. Vermutlich typischer Kleinstadttratsch. Doch je mehr er über Lincs Kommen und Gehen in der letzten Zeit hörte, desto mysteriöser erschienen Roth die Umstände, die für den Mord an Linc verantwortlich waren.

„Ich weiß“, gab er zu. „Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Linc in derart dunkle Machenschaften verstrickt gewesen sein sollte, sodass ihn jemand tot sehen wollte. Auf der anderen Seite hat sich niemand in den vergangenen Jahren richtig mit ihm unterhalten – abgesehen von dir natürlich.“

„Und ich hatte nur den einen Abend mit ihm“, erinnerte ihn Priscilla. „Aber es schien ihm gut zu gehen. Ganz und gar der alte Linc, wie wir ihn aus der Kindheit kennen. Vielleicht manchmal ein bisschen zurückhaltend, was ich aber nicht weiter verwunderlich fand, immerhin hatten wir uns schon seit Jahren nicht mehr richtig unterhalten. Für mich gab es keinen Hinweis darauf, dass er sich in Schwierigkeiten befinden könnte.“

„Und er hat ganz bestimmt nichts Ungewöhnliches gesagt?“

„Nein“, erwiderte sie kopfschüttelnd. „Wir hatten wirklich Spaß zusammen.“

„Bevor er dich geghostet hat.“

Sie nickte.

„Was schon ungewöhnlich für ihn war, findest du nicht? Normalerweise hätte er so etwas doch nie getan.“

„Vermutlich hast du recht.“

Nachdenklich strich Roth sich durch das braune Haar und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Er trug ein kurzärmeliges, längs gestreiftes Hemd und die einzige Jeans, die er mit nach Emerald Ridge gebracht hatte – okay, eigentlich war es die einzige Jeans, die er überhaupt besaß. Klar, es mochte ein paar superreiche Finanzexperten in Cargoshorts und Fortnite-Shirts geben, doch zu denen zählte er nicht. Sein Lieblingsmentor an der University of Texas in Austin war einer der bestgekleideten Menschen gewesen, die er kannte. Allein durch sein Aussehen konnte er sich Respekt verschaffen und war Roths großes Vorbild. Gleich nach dem Studienabschluss hatte er den Stil seines ehemaligen Mentors kopiert und sich schon lange vor seiner ersten Million wie ein Millionär gefühlt. Heutzutage hatte er ein erstklassiges Büro im reichen Geschäftsviertel von Dallas und einen persönlichen Schneider in der Innenstadt. Selbstverständlich besaß er auch eine beeindruckende Sammlung von Stetsons. Sein Lieblingshut, ein rehfarbener Westernhut, lag auf dem Stuhl neben ihm.

„Hat Linc dir denn erzählt, was er seit dem Tod seiner Mutter gemacht hat?“, wollte Roth von seiner Schwester wissen. „Womit er sein Geld verdient? Wo er wohnt?“

„Nein. Ich weiß noch nicht einmal, ob er überhaupt in Emerald Ridge gelebt hat. Vielleicht war er auch nur auf Besuch – so wie ich.“

„Linc und seine Mutter hatten bei den Fortunes in Dallas gewohnt und waren der Familie jeden Sommer nach Emerald Ridge gefolgt, damit Delia auch hier den Haushalt führen konnte. Nach Delias Tod vor fünf Jahren war Linc ausgezogen und hatte große Reden darüber geschwungen, wie erfolgreich er werden würde. Er hatte sogar behauptet, dass er bei ihrem nächsten Wiedersehen genauso ein luxuriöses Leben führen würde wie die Fortunes.“

Priscilla sah nachdenklich aus. „Jetzt, wo du es sagst, hat er eigentlich an jenem Abend nicht viel über sich selbst erzählt. Meistens haben wir über mich geredet, und er hat mich gefragt, wie es euch allen so geht.“

„Vielleicht wollte er sich bei dir beliebt machen, um in unsere Familie einzuheiraten und auf diese Weise ein Vermögen zu machen“, sagte Roth halb im Scherz, denn das klang nun ganz und gar nicht nach dem Mann, an den er sich erinnerte.

„Vielleicht“, erwiderte Priscilla. „Allerdings vergisst du, dass er mich danach abserviert hat.“

Auch wieder wahr.

Sie seufzte. „Ich schätze, wir müssen bei unserer Entscheidung bleiben, die wir vor einer Woche getroffen haben: in der Stadt bleiben, abwarten, was passiert und helfen, wenn wir können. Ich bin nur froh, dass wir alle in der Lage sind, uns so eine Auszeit zu leisten.“

Das mag wohl auf dich zutreffen, hätte er am liebsten gesagt, verkniff sich die Bemerkung aber. Natürlich konnte er für eine kleine Weile auch remote arbeiten, und Dallas war auch nur eine Stunde mit dem Auto entfernt, falls etwas Dringendes anlag, doch er mochte es einfach nicht, wenn er nicht in seinem Büro sein konnte. Es gab Zeiten, da verbrachte er dort mehr Zeit als in seiner Luxuswohnung in Victory Park, die er vor zwei Jahren gekauft und noch immer nicht vollständig eingerichtet hatte. Was brauchte man schon groß außer einem Bett und einer Mikrowelle, wenn man sowieso zu beschäftigt war, um etwas anderes zu tun, als zu schlafen, zu essen und ins Büro zu gehen?

Priscilla lächelte. „Zumindest haben wir so länger Zeit, nach Moms und Dads geheimnisvoller Familienüberraschung zu suchen.“

Das war der andere Grund, warum sich die sechs überlebenden Fortunes in diesem Monat in Emerald Ridge getroffen hatten. Zum einen gedachten sie des zwanzigsten Todestages von Mark und Marlene, zum anderen wollten sie endlich den Schatz finden, der irgendwo auf dem Grundstück ihres Sommeranwesens verborgen sein musste. Bevor Mark und Marlene damals zu ihrer Reise aufgebrochen waren, um an der Westküste ein Baseballteam zu besuchen und es möglicherweise zu kaufen, hatten sie ihren Kindern von einer wunderbaren Überraschung erzählt. Sie freuten sich schon darauf, sie bei der Suche beobachten zu dürfen. Sie hatten Roth und seinen Geschwistern versprochen, ihnen nach ihrer Rückkehr die entscheidenden Hinweise zu geben. Doch das Schicksal hatte andere Pläne gehabt, und das Versteck der Überraschung blieb weiterhin ein Geheimnis.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatte die Familie stets ihr Bestes gegeben, um sich im Sommer in Emerald Ridge zu treffen und die Tradition aufrechtzuerhalten, mit der ihre Eltern bereits vor der Geburt ihrer Kinder begonnen hatten. Jedes Mal, wenn sie hier waren, suchten sie nach der ominösen Überraschung. Doch diese konnte auf dem großen Anwesen mit Haupthaus, vier kleineren Gästehäusern, in denen nun die Geschwister wohnten, einem Bootshaus, dem Anleger und den Dutzenden Hektar Grundbesitz überall verborgen sein.

Bevor er etwas entgegnen konnte, wechselte Priscilla das Thema. „Jetzt weißt du, dass es nicht unbedingt rosig um mein Liebesleben bestellt ist – aber was ist mit deinem? Triffst du dich immer noch mit Grace?“

Roth hatte Grace seit Monaten nicht mehr gesehen, seitdem sie begonnen hatte, darüber zu reden, was für ein wundervoller Vater er sein würde, nachdem sie ihn das erste und einzige Mal ihrer Familie vorgestellt hatte. Er wusste, als Workaholic würde er einen furchtbaren Vater abgeben. Außerdem waren Grace und er zu dem Zeitpunkt erst seit sechs Monaten zusammen gewesen. Es war ein fataler Fehler von Grace gewesen, ihn sich bereits nach so kurzer Zeit als Vater vorzustellen. Doch unbeirrt baute sie immer weiter an ihrem Traumgebilde, bis sie schließlich sogar vorschlug, ein Sabbatical von ihrem Job als Finanzanalystin zu nehmen und sich stattdessen zu Hause um ihre Kinder zu kümmern.

Ähm. Nein.

„Grace und ich machen eine Pause“, erklärte er diplomatisch.

Stirnrunzelnd sah seine Schwester ihn an.

„Ist ja gut“, gab Roth seufzend nach. „Wir haben uns getrennt.“

Das schien Priscilla nicht weiter zu überraschen. „Das wären dann drei Trennungen in den letzten zwei Jahren“, stellte sie fest. „Was war es dieses Mal? Wollte sie dich für sich alleine? Nein, das war Min. Hast du ihr nicht sagen können, was du für sie empfindest? Ach, das war ja Anjali. Also, was hat Grace falsch gemacht? Doch hoffentlich noch nicht so bald mit einem Ring gerechnet, oder? Nein, wirklich!“, rief sie aus, als Roth frustriert seufzte. „Sie hat schon an eine Hochzeit gedacht?“

„Nicht nur gedacht. Tatsächlich hat sie sich schon im Elternrat der – fiktionalen – Schule unserer Kinder gesehen.“

„Wow“, meinte Priscilla. „Das ist wirklich neu. Selbst für einen professionellen Frauenhelden wie dich.“

„Ich bin kein professioneller Frauenheld“, wehrte er sich. Dafür würde er noch Jahre brauchen. Bislang fühlte er sich wie ein Halbprofi. „Aber ich muss gestehen, dass die Frauen in Dallas und Emerald Ridge nicht besonders gut auf mich zu sprechen sind, weil ich mich nicht fest binden kann.“

„Kannst oder willst?“

Machte das einen Unterschied? Eine seiner Exfreundinnen hatte seinen Geschwistern gesagt, dass er einfach zu beschäftigt dazu war. Jedes Mal, wenn jemand aus der Familie Hilfe brauchte, ließ Roth alles stehen und liegen, um zu helfen. Roth hatte das bestritten, denn Sander, der Bruder seines Vaters, hatte die Geschwister unter seine Fittiche genommen, nicht Roth. Was zugegebenermaßen in den vergangenen Jahren zwar zu einigen Konflikten zwischen ihm und Sander geführt hatte.

Blabla. Inzwischen kamen Roth und sein Onkel wirklich gut miteinander aus. Normalerweise. Okay, manchmal ging ihm Sander wirklich auf die Nerven, aber nur wenn er sich zu sehr in ihr Leben einmischte. Was er nur zu gerne tat. Seit zwanzig Jahren. Trotzdem liebte und achtete Roth diesen Mann.

Wie auch immer.

Priscilla verschränkte die Arme und sah ihn lächelnd an. „Du weißt schon, dass du eines Tages der Frau begegnest, die dich einfach umhaut, ohne dass du weißt, wie dir geschieht. Ich hoffe nur, dass ich in der Nähe bin, um das zu erleben.“

Er wollte ihr gerade antworten, als ein lautes Lachen vom Nachbartisch ihn aufhorchen ließ. Charles Cabot war sehr zu Roths Verdruss kurz nach ihm und Priscilla in das Café gekommen. Dieser Mistkerl war seit Roths achtem Lebensjahr die Plage von Emerald Ridge schlechthin. Damals war Cabot im öffentlichen Freibad herumstolziert und hatte die fünfjährige Zara in das Schwimmerbecken gestoßen. Seine kleine Schwester hatte panisch um sich geschlagen und sich wasserspuckend an der Oberfläche gehalten, woraufhin Cabot nur lachend auf sie gezeigt hatte.

Nachdem Roth seiner Schwester aus dem Wasser geholfen und sich vergewissert hatte, dass es ihr gut ging, war er zu Cabot gegangen, um ihn nun seinerseits in den Pool zu schubsen. Was ihm auch gelang, sodass Cabot auf Señora Cardenas – die Frau des damaligen Bürgermeisters – fiel und sie mit sich riss. Was wiederum dazu führte, dass Cabot den restlichen Sommer jeden Freitag ohne Lohn den Rasen der Cardenas mähen musste und Roth als Held gefeiert wurde.

Ihm war zu Ohren gekommen, dass Cabot sich in den letzten zehn Jahren als schmieriger Immobilienmakler in Houston über Wasser gehalten hatte. Es war bezeichnend für Roths Glück, dass der Kerl zur selben Zeit wie er in Emerald Ridge war. Seit seiner Ankunft im Café war Cabot zu sehr in das lautstarke Gespräch mit einem anderen Mann verstrickt gewesen, als dass er Roths Anwesenheit bemerkt hätte.

Jetzt begann er gerade, über Antonia Leonetti zu sprechen, mit der Roth ihn in der letzten Woche ein paarmal zusammen in der Stadt gesehen hatte. Offensichtlich waren die beiden ein Paar, wobei es Roth rätselhaft war, was Antonia bloß in diesem schmierigen Typen sah.

Andererseits kannte er sie nicht besonders gut, denn Antonia war ein paar Jahre jünger als er, und hatte daher einen anderen Freundeskreis als die Fortunes während ihrer Sommeraufenthalte in Emerald Ridge. Doch soweit Roth es beurteilen konnte, war Antonia das Gegenteil von Cabot – elegant, wortgewandt und wunderschön. Außerdem war sie intelligent und die Finanzchefin des Weinguts ihrer Familie. Er wusste, dass sie unnachgiebig wie ein Hai sein konnte, denn seit fünf Jahren, nachdem er den Weinberg vor der Stadt gekauft hatte, war sie wie ein Dorn in Roths Fleisch. Denn die Leonettis hatten eigentlich selbst vorgehabt, den Berg zu kaufen und waren immer noch darauf aus – ungeachtet der Tatsache, dass er Roth gehörte.

Dabei hatte die Familie ihm immer wieder Angebote unterbreitet, die er jedoch allesamt abgeschlagen hatte. Dann hatten die Leonettis begonnen, ihm kleine blaue Mappen in sein Büro nach Dallas zu schicken, in denen Verträge lagen, die ihm versicherten, dass er den Weinberg gerne behalten durfte, aber die Leonettis ihn bewirtschafteten. Ach ja, und zu fragen, ob es ihm etwas ausmachen würde, den Namen von Fortune’s Vintages in Leonetti’s Vintages zu ändern. Oder ihnen den Berg gleich zu verkaufen.

Das würde aber nicht passieren. Seit Langem schon interessierte sich Roth für den Weinbau, seitdem er seinen Vater dabei beobachtet hatte, dessen Hobby die Weinkelterei gewesen war. Nachdem er an seinem sechzehnten Geburtstag unter strengen Blicken seiner Eltern das erste Mal probieren durfte, war es um ihn geschehen gewesen. Es war faszinierend, dass eine Traube sowohl ein gesunder Snack in der Pausenbox eines Kindes, aber auf der anderen Seite auch die Grundlage für ein derart köstliches Getränk für Erwachsene sein konnte. Nein, er würde Fortune’s Vintages weder den Leonettis noch jemand anderem verkaufen.

Trotzdem gefiel es ihm nicht zu hören, wie Cabot am Nebentisch begann, wenig schmeichelhafte Dinge über Antonia zu sagen. Dass sie sich mehr um ihr Kind als um ihn kümmerte zum Beispiel. Roth hatte ganz vergessen, dass Antonia alleinerziehende Mutter war, was ihren beruflichen Erfolg in seinen Augen umso beeindruckender wirken ließ. Was fand sie bloß an einem Typen wie Cabot?

Auch wenn Roth und Antonia nicht gerade Freunde waren, respektierte er sie jedoch sehr. Inzwischen hatte er genügend Einblicke in das Weingeschäft gewonnen, um zu wissen, wie stark der Wettbewerb und wie schwierig es war, Gewinne zu erzielen. Unter Weinkennern hatte sich Fortune’s Vintages inzwischen zu einem Geheimtipp gemausert, und mit ein bisschen mehr Arbeit würde es zu einem großen Erfolg werden. Vielleicht nicht so groß wie das milliardenschwere Fortune Capital, aber dennoch erfolgreich. Außerdem machte es ihm Spaß, denn es war ein erfrischender Gegensatz zu der schnelllebigen und riskanten Finanzwelt in Dallas.

„Also“, ließ Priscilla verlauten und riss Roth aus seinen Gedanken. „Wenn du dich in eine Frau verliebst, dann richtig.“

Genau. Sie hatten gerade darüber gesprochen, dass er in romantischer Beziehung keine Zusagen machen konnte. Was daran lag, dass er zu beschäftigt damit war, sich in Bezug auf romantische Beziehungen nicht festlegen zu wollen.

„Was soll ich deiner Meinung nach denn tun?“, fragte er. „Ich habe ein Milliardengeschäft in Dallas zu leiten und darüber hinaus ein paar weitere kleine Projekte, um die ich mich kümmern muss, wie beispielsweise Fortune’s Vintages hier. Ich muss meine Zeit zwischen Dallas und all den anderen Orten aufteilen, die keiner der Damen sonderlich zugesagt haben.“

„Wenn du stattdessen ein bisschen mehr Zeit in eine dieser Damen investiert hättest“, entgegnete Priscilla, wobei sie offensichtlich ein Lächeln unterdrückte, „dann hättest du das Problem möglicherweise nicht.“

„Ich glaube, die Frauen heutzutage stehen nicht auf so knallharte und rücksichtslose Männer wie mich.“

Jetzt gelang es seiner Schwester nicht mehr, ihre Belustigung zu verbergen. „Du?“ Sie lachte. „Knallhart und rücksichtslos? Du bist die größte Zimtschnecke, die ich kenne.“

Jetzt war es an Roth, ungläubig zu lachen. „Ich bin keine Zimtschnecke.“ Dafür war er nicht nur zu hart und rücksichtslos, sondern auch zu pragmatisch und emotionslos. So hatte ihn eine seiner Exfreundinnen nämlich auch genannt.

„Du kannst es meinetwegen bestreiten, solange du willst“, sagte Priscilla. „Aber ich weiß genau, dass tief in dir ein Herz so groß wie Texas schlummert. Das war ziemlich offensichtlich, nachdem Mom und Dad gestorben sind. Du warst wie eine Glucke und hast dich ständig mit Sander darüber gestritten, wer auf uns Kinder aufpassen sollte und wie. Dabei warst du selbst erst dreizehn und eines dieser Kinder, um das man sich hätte kümmern müssen.“

„Sander hat doch gar nicht gewusst, auf was er sich da einlässt“, erwiderte Roth mürrisch. „Er war ja selbst erst vierundzwanzig.“

„Womit er ein bisschen mehr Lebenserfahrung hatte als ein dreizehnjähriger Junge.“ Sie lächelte traurig. „Du große Zimtschnecke.“

Roth wollte gerade anfangen, mit ihr zu streiten, aber etwas, das Cabot sagte, lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Feind aus seiner Kindheit. Und zwar die Wörter Antonia, Verlobte und Hochzeit. Waren Cabot und Antonia etwa bereits verlobt?

Offensichtlich, wie Cabots nächsten Worte bewiesen. „Ich bin so dicht davor, in die ganze Kohle von den Leonettis einzuheiraten, dass ich bald wieder in den schwarzen Zahlen bin.“

Sein Gesprächspartner lachte nervös. „Ja, aber dann bist du verheiratet. Das wird eine schöne Umstellung für dich. Sag den Ladys schon mal Goodbye.“

„Nur weil ich verheiratet bin, heißt das doch nicht, dass ich keinen Spaß haben kann“, erwiderte Cabot prompt. „Hölle, die Ladys fliegen auf dich, wenn du einen Ehering trägst.“ Sein böses Lachen ließ Roth erschaudern. „Außerdem muss ich nur fünf Jahre durchhalten, bis der Ehevertrag in Kraft tritt. Glücklicherweise habe ich einen Anwalt, der wie ein Pitbull ist. Ich bekomme genau das, was ich will, von Antonia.“ Er lachte wieder sein ekelhaftes Lachen. „In mehrfacher Hinsicht. Ich wünschte nur, sie hätte nicht diese rotznasige kleine Ratte im Schlepptau. Ich sage dir, dieses Kind ist nichts weiter als eine Bazillenfarm. Aber sie ist genauso wie ihre Mutter Mittel zum Zweck, also muss ich wohl oder übel beide eine Weile ertragen, um den Topf mit Gold zu bekommen.“

Cabots Worte machten Roth fuchsteufelswild. Was dachte sich dieser Kerl eigentlich dabei, eine Frau wie Antonia zu benutzen, um sich zu bereichern? Wie unverschämt konnte man sein, gleichzeitig so schlecht über Mutter und Tochter zu sprechen? Die eigene zukünftige Familie? Dieser Widerling wollte Antonia nur heiraten, um sich so schnell wie möglich wieder von ihr scheiden zu lassen, damit er als reicher Mann aus der Ehe ging. Antonia hingegen hoffte vermutlich darauf, sich zu binden und außerdem einen Vater für ihre Tochter zu finden. Cabot beabsichtigte, nicht nur eines, sondern gleich zwei Leben zu ruinieren. Wenn Antonia die Wahrheit erfuhr, würde sie diesen Mann vermutlich nicht in einer Million Jahren heiraten.

Himmel. Wo waren ein Swimmingpool und die Frau des Bürgermeisters, wenn man sie brauchte?

Roth wollte schon aufstehen, um Cabot seine Meinung zu sagen und noch ein paar andere Dinge, doch der Mistkerl stand vorher auf, sagte etwas zu seinem Tischgenossen, dass es schon sehr spät sei und er sich beeilen müsse, um noch rechtzeitig zur Smoking-Anprobe zu kommen. Verdammt. Die Hochzeit musste schon ziemlich bald sein, wenn er jetzt schon diese Smoking-Sache machte. Cabot verließ das Café so hastig, dass Roth keine Chance hatte, ihn aufzuhalten.

Er sah zu seiner Schwester, weil er wissen wollte, ob sie etwas von dem Gespräch am Nachbartisch mitbekommen hatte, doch sie erging sich immer noch über Roths Liebesleben beziehungsweise die Abwesenheit eines solchen. Also teilte Roth ihr mit, was er eben belauscht hatte.

„Tja, was kann man von einem Dreckskerl wie Charles Cabot auch anderes erwarten?“, stellte sie daraufhin fest.

„Antonia Leonetti scheint anders darüber zu denken.“

„Antonia kennt ihn ja auch nicht schon seit ihrer Kindheit, so wie wir“, erinnerte Priscilla ihn. „Sie war immer die Ruhigste ihrer Familie und hat sich von uns ferngehalten. Und Charles hat sich bisher an die Partygirls gehalten, die genauso oberflächlich sind wie er. So viel ich gehört habe, macht er Antonia seit letztem Herbst den Hof, seit er in die Stadt zurückgekehrt ist. Sie scheint ganz hingerissen zu sein von ihm.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich dachte schon, dass er inzwischen erwachsen geworden sei und endlich was Festes will. Tja, offenbar ist das nicht der Fall.“

„Warum hat sie denn niemand vor ihm gewarnt?“

„Keine Ahnung“, erwiderte seine Schwester. „Der städtischen Gerüchteküche zufolge soll er als völlig veränderter Mann zurückgekehrt sein. Superfreundlich und charmant zu jedermann, aber ganz besonders zu Antonia. Vermutlich denken alle, dass er sich geändert hat.“

„Und jetzt will er sie dazu bringen, ihn zu heiraten.“

Priscilla nickte. „Nächsten Monat schon, glaube ich.“

Unfassbar, dachte Roth. Antonia Leonetti stand kurz davor, in einem Monat den größten Fehler ihres Lebens zu begehen, ohne es auch nur zu ahnen.

„Jemand muss sie warnen“, sagte er. „Bevor es zu spät ist.“

Jetzt sah seine Schwester ihn an, als sei ihm ein drittes Auge gewachsen. „Wieso kümmert dich das überhaupt? Du und Antonia – du und die Leonettis – geht euch doch gegenseitig an die Kehle, seitdem du ihr erstes Angebot für Fortune’s Vintages abgelehnt hast.“

Das stimmte zwar, denn Roth war von ihrem ersten Angebot schwer beleidigt gewesen, das so niedrig gewesen war, als hielten ihn die Leonettis für einen Amateur. Ironischerweise hatte dieses schlechte Angebot ihn derart motiviert, das Weingut zu einem Erfolg werden zu lassen. Je erfolgreicher er wurde, umso verzweifeltere Angebote hatten die Leonettis gemacht. Zwar versuchte Roth sein Bestes, sie zu ignorieren, aber allmählich begannen sie, ihm auf die Nerven zu gehen. Jedes Mal, wenn einer dieser verfluchten blauen Ordner auf seinem Schreibtisch in Dallas lag, schnellte sein Blutdruck in die Höhe. Es überraschte ihn eigentlich, dass er seit seiner Rückkehr nach Emerald Ridge noch kein weiteres Angebot erhalten hatte. Vielleicht hatte Antonia mit der bevorstehenden Hochzeit zu viel um die Ohren, um sich darum zu kümmern.

„Es geht hier nicht darum, dass Antonia und ihre Familie nervige Mitbewerber sind“, erklärte er, „sondern es geht um Anstand und Menschenwürde.“

Priscilla nickte. „Eine Zimtschnecke wie du tut halt immer das Richtige.“

„Ich bin keine Zimt ...“ Roth verstummte resigniert, weil er sehen konnte, wie sehr sich seine Schwester über seinen Protest freute. „Jeder Mensch sollte einfach das Richtige tun“, sagte er stattdessen.

Selbst diejenigen, die knallhart und rücksichtslos waren wie er. Pragmatisch und emotionslos wie er. Jemand musste Antonia Leonetti sagen, dass sie im Begriff war, einen gewaltigen Fehler zu begehen.

Und Roth wusste schon, wer dieser Jemand sein würde.

2. KAPITEL

Antonia Leonetti blickte in das Schaufenster des Brautmodengeschäfts Emerald Ridge Weddings und fragte sich, ob sie im Begriff war, einen Fehler zu begehen. Natürlich nicht weil sie Charles Cabot heiratete – seinem Heiratsantrag vor zwei Monaten zuzustimmen, war vermutlich die vernünftigste Entscheidung, die sie je getroffen hatte. Nein, es ging vielmehr um das Brautkleid, das sie sich für ihre in sechs Wochen stattfindende Hochzeit ausgesucht hatte.

Selbstverständlich hatte sie sich nicht für Weiß entschieden, schließlich heiratete sie zum zweiten Mal und war Mutter eines fast einjährigen Kindes. Auch hatte sie nicht so ein bauschiges Kleid gewählt, das besser zu einer zwanzigjährigen als zu einer fast dreißigjährigen Braut passte. Und selbst bei ihrer ersten Hochzeit mit Georgies Vater hatte sie nichts Bauschiges getragen. Doch jetzt konnte sie den Blick nicht von dem schlichten taubengrauen fast knöchellangen Kleid abwenden, das im Fenster ausgestellt war. Sie fragte sich, ob sie mit dem paillettenbesetzten elfenbeinfarbenen Brautkleid, das sie bestellt hatte, die richtige Wahl getroffen hatte.

Sie dachte daran, dass Charles glitzernden Kleidern, wie sie Filmstars trugen, den Vorzug gab. Hauptsächlich deswegen hatte Antonia dieses Kleid bestellt. Okay, okay, sie hatte sich deswegen von Charles zu diesem hier überreden lassen. Dabei passte ein verführerischer und glitzernder Look nicht unbedingt zu Antonia Leonetti. Schlichtes Taubengrau war viel eher ihr Stil. Sie könnte ihre Meinung ja noch ändern, überlegte sie. Natürlich nicht was ihre geplante Eheschließung mit Charles betraf, sondern in Bezug auf das Kleid.

Entscheidungen, Entscheidungen …

Wenn doch nur ihre Schwestern Bella und Gia ihre Einladung angenommen hätten, ihr heute beim Anprobieren Gesellschaft zu leisten. Antonia hatte sie heute Morgen angerufen, weil beide stets auf dem Laufenden waren, wenn es um aktuelle Modetrends ging. Ganz im Gegenteil zu Antonia, in deren Schrank sich lediglich taillierte Blusen, maßgeschneiderte Hosen und Bleistiftröcke befanden. Diese Dinge kamen nie aus der Mode, weswegen sie sich auch keine Gedanken darum machen musste. Schließlich hatte sie Wichtigeres, an das sie denken musste, als über die angemessene Höhe von Taillenabschlüssen, Säumen und Absätzen zu sinnieren. Immerhin war sie Finanzanalystin eines erfolgreichen Familienunternehmens in dritter Generation. An diesem Wochenende beispielsweise würde sie einen Quartalsbericht fertigstellen und neue Richtlinien studieren müssen, die Auswirkungen auf landwirtschaftliche Betriebe wie Leonetti Vineyards haben konnten. Bedauerlicherweise hatten Bella und Gia bereits andere Verpflichtungen, die sie davon abhielten, Antonia zu begleiten.

Ihre Schwestern machten keinen Hehl daraus, dass sie Charles nicht mochten. Sie hielten ihn für schmierig und schwer durchschaubar und hätten es gerne gesehen, wenn Antonia den Mann erst einmal richtig kennenlernte, um sicherzugehen, dass er der Richtige für sie und ihre kleine Tochter war. Ihr Bruder Leo hatte seiner Abneigung sogar noch deutlicher Ausdruck verliehen und gemeint, dass Charles Cabot ein Großmaul war, der vorgab, mehr zu sein als er war.

Was für eine lächerliche Vorstellung. Charles war wundervoll. Ansonsten würde Antonia ihn ja nicht heiraten. Ihre Familie kannte ihn einfach nicht so gut wie sie. Er reiste viel nach Texas wegen seines Geschäfts, sodass ihre Geschwister kaum eine Chance hatten, ihn kennenzulernen. Wenn sie erst einmal mehr Zeit mit ihm verbracht hatten, würden sie schon sehen, dass er die perfekte Wahl für sie und Georgie war.

Antonia wäre auch nie mit ihm ausgegangen, wenn er schmierig und schwer durchschaubar gewesen wäre, denn mit solchen Männern hatte sie genug Erfahrung gesammelt. Das erste Mal hatte sie aus Liebe und romantischen Vorstellungen heraus geheiratet und gehofft, dass sie glücklich bis an ihr Lebensende ein Paar bleiben würden. Und was war daraus geworden? Ohne dass sie es mitbekommen hatte, hatte Silvio begonnen, sie mit anderen Frauen zu betrügen, bevor sie überhaupt verheiratet gewesen waren. Und als sie sich trennten, kurz nachdem Antonia ihre Schwangerschaft bemerkt hatte, hatte Silvio bereits einen beachtlichen Harem auf allen Kontinenten der Welt angesammelt. Auf keinen Fall würde sie wieder aus Liebe heiraten, sie hatte gesehen, wohin das führte.

Charles war ein bodenständiger Mann. Ein guter Mann. Er war genauso praktisch und vernunftbegabt wie sie. Antonia war fertig mit ihrer impulsiven und gefühlsbetonten Seite. Charles und sie hatten die gleichen Vorstellungen vom Leben, von Finanzen und Familie – und eigentlich von allem. Darüber hinaus war er attraktiv, witzig und clever. Er würde der perfekte Ehemann und Vater sein.

Ja, vielleicht war sie nicht total verliebt in ihn, aber Liebe wurde sowieso überbewertet. Sie mochte Charles sehr – und er sie. Er hatte ihr sogar seine Liebe gestanden. Mit der Zeit würde sie zweifellos lernen, ihn auch zu lieben. Sie gingen beide mit offenen Augen in diese Ehe. Ein Treffen des Intellekts und der Herzen. Sie waren beide an einem Punkt in ihren Leben angelangt, an dem es Zeit wurde, sesshaft zu werden und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Antonia wollte ihr Leben nicht allein verbringen, und sie wünschte sich, dass Georgie mit einem Vater aufwuchs.

Antonia warf dem taubengrauen Kleid im Fenster einen letzten Blick zu, schloss die Finger um den Knauf der Eingangstür und wollte die Tür gerade aufziehen, als sie einen Mann ihren Namen rufen hörte – und zwar ihren vollen Namen: Antonia Leonetti. Es kam ihr so vor, als könnte sich der Mann nicht entscheiden, ob er sie mit dem Vor- oder dem Nachnamen ansprechen sollte.

Sie sah zur Straße und bemerkte Roth Fortune, der mit schnellen Schritten auf sie zukam, als wolle er etwas Wichtiges von ihr. Sie hatte nur keine Ahnung, was das sein könnte. Das letzte Mal hatte sie in Form einer E-Mail Kontakt zu ihm gehabt, in der Roth das Angebot der Leonettis ablehnte und drohte, irgendwas zu tun – ohne dabei genauer zu beschreiben was – sollten sie die Unverschämtheit besitzen, ihn noch einmal wegen der Angelegenheit zu kontaktieren.

In Emerald Ridge wusste man, dass Roth Fortune und Antonia Leonetti nicht gerade auf freundschaftlichem Fuß zueinander standen. Dabei kannten sie sich kaum. Vermutlich hatten sie in ihrer Kindheit weniger als ein Dutzend Worte miteinander ausgetauscht. Roth und seine Geschwister hatten immer mit den coolen Kids abgehangen – Antonias eigene Geschwister eingeschlossen – wenn sie die Sommer in der Stadt verbracht hatten. Antonia hingegen war immer der Bücherwurm gewesen, die Ruhigste der Leonettis, die stets auf Distanz zu … nun, zu fast allen gegangen war. Roth und die anderen Fortunes waren für ihren Geschmack zu stürmisch gewesen.

Roth war es für ihren Geschmack immer noch. Und zu hinterlistig. Und schmierig war ein überaus treffender Begriff, mit dem man Roth Fortune beschreiben konnte, der, welch Überraschung, sein Vermögen als Risikokapitalgeber gemacht hatte. Diese Typen machten doch nichts anderes, als mit dem Geld anderer Menschen um sich zu werfen. Wer sonst außer einer hinterlistigen und schmierigen Person würde den Leonettis ausgerechnet das Weingut unter der Nase wegschnappen, das ihrer Familie vom vorherigen Besitzer durch mündliche Vereinbarung zugesichert worden war? Wer außer Roth besäße darüber hinaus die Unverfrorenheit, alle Angebote der Leonettis abzulehnen und so zu tun, als wären sie nicht fair? Wen wunderte es da noch, dass Roth Fortune und die Leonettis nicht gut miteinander auskamen?

Vielleicht hatte er ja seine Meinung geändert, überlegte sie, während er mit großen Schritten auf sie zukam. Es war schon ein paar Monate her, dass sie ihm den letzten Preisvorschlag unterbreitet hatte – den er sichtlich ungeöffnet und mit einem gelben Post-it auf der blauen Mappe, auf dem Nein stand, wieder zurücksandte. Möglicherweise benötigte er jetzt doch Kapital für eines seiner anderen Projekte.

„Roth Fortune“, begrüßte sie ihn so förmlich, wie er es vorhin getan hatte. „Was kann ich für Sie tun?“

Er blieb ein bisschen dichter vor ihr stehen, als ihr lieb gewesen wäre, doch sie wich keinen Schritt zurück. Ganz im Gegenteil, sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von fast einem Meter und achtzig auf, was die meisten Männer nervös machte, weil sie mit ihnen auf einer Augenhöhe war. Roth Fortune war allerdings größer als eins achtzig, weswegen sie immer noch zu ihm aufsehen musste.

Verdammt. Diese Nähe zu ihm erinnerte sie daran, wie gut er aussah.

Vermutlich war sie noch nie so nah an ihn herangekommen. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, wie schön seine Augen waren. Selbst unter dem schattenspendenden Rand seines Stetsons, den er tief in die Stirn gezogen hatte, sah sie winzige grüne Sprenkel in seinen karibisch blauen Augen. Zusammen mit dem dunkelbraunen Haar, den hochgeschnittenen Wangenknochen und den sinnlich männlichen Lippen, die Frauen vergessen ließen, was sie taten, sah er viel besser aus, als sie in Erinnerung hatte. Er sah sogar ziemlich …

Unbedeutend, unterbrach sich Antonia selbst. Er sah ziemlich unbedeutend aus, und es gab Millionen von Männern, die wesentlich attraktiver waren – ihren Verlobten miteingeschlossen. Besonders ihren Verlobten. Charles. Cabot. Was zum Teufel war bloß los mit ihr? Weshalb erinnerte sie sich nur so schwer an seinen Namen? Sie kannte ihn doch in- und auswendig. Nur weil Roth Fortune so dicht vor ihr stand und viel attraktiver aussah, als gut für ihn war, würde sie sich doch noch an den Namen des Mannes erinnern können, den sie bald heiratete. Wie dem auch sei, wobei war sie gerade stehen geblieben? Ach ja. Sie hatte sich gewundert, was Roth Fortune wohl von ihr wollte.

Als ob er ihre Gedanken lesen könnte, fragte er: „Haben Sie eine Minute? Ich muss Ihnen unbedingt etwas sagen.“

Ihr etwas sagen, nicht sie etwas fragen. Wie beispielsweise, ob ihre Familie immer noch daran interessiert war, Fortune’s Vintages zu kaufen. Ihre Laune besserte sich. Vielleicht wollte er ihr sagen, dass er vorhatte, es zum Verkauf anzubieten.

„Es geht um Ihren Verlobten“, erklärte er.

Es war ganz und gar kein Geheimnis in der Stadt, dass Antonia und Charles nächsten Monat heiraten wollten. Bereits vor einem Monat hatte sie Einladungskarten verschickt, und obwohl es eine große Feier werden würde, boten Hochzeiten stets eine solide Gesprächsgrundlage in Emerald Ridge. Allerdings war ihr Roth Fortune bislang nicht wie ein Mensch vorgekommen, der viel auf Klatsch und Tratsch gab. Außerdem waren er und seine Familie erst seit einer Woche zurück in der Stadt. Was konnte er ihr also über ihren Verlobten schon erzählen?

„Charles Cabot“, fügte er hinzu, als müsste er Antonia daran erinnern, wen sie heiraten würde.

„Ich kenne den Namen meines Verlobten“, versicherte sie ... „Was ist mit ihm?“

Plötzlich wich Roth ihrem Blick aus und sah auf eine Stelle, die hinter ihrer linken Schulter lag. Ihm war sichtlich unbehaglich zumute, und er trat von einem Fuß auf den anderen, bevor er sich mit einer Hand in den Nacken fasste.

„Mr. Fortune?“, fragte Antonia.

Jetzt sah er sie wieder an. „Nennen Sie mich Roth.“

Sein Kommandoton wollte sie schon dazu verführen, ihn ganz anders zu nennen. Doch sie schwieg und erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

Roth holte tief Luft. „Ich hatte vorhin Lunch mit meiner Schwester Priscilla im Emerald Ridge Café“, erklärte er.

„Und?“, erkundigte sich Antonia ungeduldig, als er nicht weitersprach.

„Haben Sie dort schon mal die Churros probiert?“, fragte er völlig unvermittelt. „Die sind unglaublich lecker.“

Misstrauisch beäugte Antonia den Mann. Was zum Teufel war mit ihm los? Wenn es nicht erst Nachmittag gewesen wäre, hätte sie denken können, er war betrunken. Doch er kam ihr ziemlich nüchtern vor. Ein wenig abgelenkt von den Churros vielleicht, aber nüchtern.

„Sie haben wirklich leckere Churros dort“, pflichtete sie ihm bei und griff ein weiteres Mal nach dem Türknauf. „Und wenn Sie nichts weiter mit mir besprechen müssen, möchte ich mich entschuldigen. Ich habe einen Termin zur Anprobe.“

„Warten Sie“, sagte Roth.

Er legte eine Hand auf die ihre an der Tür, als wollte er sie davon abhalten, das Geschäft zu betreten. Offenbar verwirrte ihn seine Geste genauso sehr wie Antonia, und er warf ihr einen entschuldigenden und gleichzeitig beschwörenden Blick zu – ohne seine Hand wegzuziehen. Stattdessen umfasste er ihre Finger nur noch fester, und etwas, das sich wie ein elektrisierender, prickelnder Blitzschlag anfühlte, kribbelte an Antonias Wirbelsäule entlang. Doch auch sie zog ihre Hand nicht zurück.

„Mr. Fortune“, sagte sie, noch neugieriger als zuvor. „Was wollen Sie mir denn über Charles erzählen?“ Plötzlich kam ihr ein furchtbarer Gedanke, und sie zog die Hand unter seiner hervor und drehte sich um, um ihm ins Gesicht zu sehen. „Ist er okay? Ist er verletzt?“

Sofort schüttelte Roth den Kopf und ließ nun seinerseits die Hand sinken. „Nein, nichts dergleichen.“ „Allerdings würde ich auch nicht behaupten, dass er okay ist.“

„Wovon sprechen Sie?“, fragte sie kopfschüttelnd.

Er stieß einen verärgerten Laut aus. „Er und einer seiner Freunde haben am Tisch neben uns gesessen, und ich habe zufällig gehört, was er gesagt hat … nicht besonders schmeichelhafte Sachen.“

Irgendwie gelang es Antonia, nicht mit den Augen zu rollen. Das einzige Mal, das sie Charles etwas Schlechtes hatte sagen hören, hatte er sich über den Immobilienmarkt beschwert. Ein oder zwei Mal hatte er sich vielleicht verärgert über einen Mitbewerber oder einen widerspenstigen Kunden geäußert. Wer ärgerte sich denn nicht hin und wieder über Menschen, die einem das Leben schwer machten? Menschen wie Roth Fortune beispielsweise.

„Was für Sachen denn?“, wollte sie wissen. „Hat er sich über Klienten mit unrealistischen Vorstellungen geärgert?“

„Über die Arbeit hat er nicht geredet“, erwiderte Roth behutsam und schluckte sichtlich, bevor er in behutsamem Tonfall weitersprach. „Er hat über Sie gesprochen.“

Ein beklommenes Gefühl stieg in ihr auf, beinahe so, als befürchtete sie, wirklich glauben zu können, dass Charles schlecht über sie reden könnte. Doch das würde ihr Verlobter nie tun. Er liebte sie, das hatte er ein paar Millionen Mal beteuert. Obwohl sie diese Worte nie erwidert hatte, wusste sie, dass sie Charles auf eine gewisse Weise auch liebte. Irgendwie. Zumindest teilweise – vielleicht nicht mit dem Herzen, aber mit den Teilen, die wirklich zählten: Ihre Zugewandtheit und ihr Verstand waren sich da ganz sicher.

„Machen Sie sich nicht lächerlich“, sagte sie. „Charles würde nie etwas Schlechtes über mich sagen. Sie versuchen doch bloß, Ärger zu machen.“

Verwundert sah er sie an. „Weswegen sollte ich das?“

Ehrlich gesagt wusste sie darauf keine Antwort. Trotzdem würde Charles niemals schlecht über sie reden. „Keine Ahnung“, gab sie zurück. „Aber Sie und ich – unsere Familien – verstehen sich nicht gerade besonders gut.“

Er runzelte die Stirn. „Also, wenn Sie endlich aufhören würden, mich dazu überreden zu wollen, Ihnen Fortune’s Vintages zu verkaufen und mir ein lächerliches Angebot nach dem anderen zu schicken, dann würde ich …“

„Dann würden Sie was?“, unterbrach ihn Antonia. Wollte er ihr etwa sagen, dass er für den richtigen Preis verkaufen würde, nachdem er die ganze Zeit so getan hatte, als wäre das völlig undenkbar? Wenn dem so wäre, würde sie am Wochenende ein paar Zahlen überprüfen und ihren Bruder Leo davon überzeugen, dass es in diesem Fall auf lange Sicht auch profitabel wäre, Roth ein königliches Angebot zu machen.

Sie würde alles tun, um sich von dem Gedanken abzulenken, dass Charles etwas Unfreundliches über sie gesagt haben könnte.

Gerade als sie Roth mitteilen wollte, dass sie sich gern über ein neues Angebot verständigen könnten, kam er wieder auf sein Anliegen zu sprechen.

„Wissen Sie, ich möchte das wirklich nicht gern hier draußen auf dem Bürgersteig besprechen“, sagte er. „Können wir vielleicht irgendwohin, wo wir ungestört sind?“

Antonia schüttelte den Kopf. „Es gibt nichts über meinen Verlobten zu bereden. Was auch immer Sie zu hören geglaubt haben, Sie haben sich geirrt.“

„Vielleicht kennen Sie ihn nicht so gut, wie Sie denken.“

„Oh, ich bitte Sie. Ich kenne ihn in- und auswendig. Er ist überaus geeignet für mich.“

„Geeignet?“, fragte Roth irritiert nach. „Das ist nicht unbedingt das Wort, das man gebraucht, um einen Menschen zu beschreiben, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will.“

Okay, das war wirklich eine unglückliche Wortwahl gewesen. Wie war sie bloß darauf gekommen? „Er ist natürlich mehr als geeignet“, widersprach sie hastig. „Ich meine, er reist viel, aber wenn er hier ist, ist er völlig hingebungsvoll. Vielleicht hat seine Karriere aufgrund der ökonomischen Gegebenheiten einen kleinen Dämpfer bekommen, aber das wird sich wieder richten. Er wird ein ausgezeichneter Ernährer sein. Vielleicht sagt er auch nicht immer das Richtige in manchen sozialen Situationen, aber daran arbeitet er schon. Er ist nicht perfekt, okay?“, sagte sie rasch, als sie bemerkte, dass Roth den Mund öffnete. „Aber das ist schließlich niemand. Er ist perfekt für mich.“

Eine Weile betrachtete er sie schweigend. „Soll ich ehrlich sein?“, fragte er. „Das was Sie gerade über Ihren Verlobten gesagt haben, klingt eher nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung einer Finanzexpertin.“

Verdammt. Woher wusste er, dass Antonia genau das gemacht hatte, bevor sie eingewilligt hatte, Charles zu heiraten? Das machten eine Menge Leute, bevor sie heirateten. Das war einfach … vernünftig.

„Und Sie klingen wie meine Familie“, entgegnete sie, bevor sie darüber nachdenken konnte. Gia und Bella hatten ihr nämlich genau dasselbe gesagt. Mit dem Unterschied, dass Gia als Marketingexpertin behauptet hatte, dass Antonia eine Risikoanalyse vorgenommen hätte. Haha.

Das schien Roth sehr zu interessieren. „Ihre Familie mag ihn also auch nicht?“

Auch nicht? Was meinte er damit? „Sie kennt ihn einfach nicht so gut wie ich“, verteidigte sie sich.

„Oder vielleicht kennen Sie ihn nicht so gut, wie Sie denken“, entgegnete Roth. „Wenn selbst Ihre Familie Bedenken hat, sollten Sie möglicherweise einen prüfenden Blick auf ihn werfen. Meiner Erfahrung nach kann man sich auf seine Familie verlassen – sie weiß immer, was gut für einen ist.“

Oh, das konnte er leicht behaupten. Die Fortunes von Emerald Ridge hatten sich schon immer notorisch nahegestanden. Das traf nicht nur auf Roths Zweig der Familie, sondern auch auf den zu, der dauerhaft hier lebte. Was nicht bedeutete, dass sich die Leonettis nicht nahestanden, aber diese Fortunes … Die waren einfach unzertrennlich. So sehr Antonia ihre Familie liebte, musste sie gestehen, dass ihre Bande nicht so unverbrüchlich waren wie von Roth und seinen Geschwistern.

Mühsam richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die gegenwärtige Situation. „Sehen Sie, Mr. Fortune …“

„Roth.“

„Mr. Fortune“, wiederholte sie bestimmt. „Was auch immer Sie glauben von Charles gehört zu haben, es war …“

„Er nannte Sie einen Goldesel.“

„Das glaube ich Ihnen nicht“, erwiderte sie stirnrunzelnd. „Das hat er niemals gesagt.“

„Okay, er hat nicht genau diese Worte verwendet, aber …“

„Natürlich nicht.“

„Aber er hat seinem Freund erzählt, dass er Sie nur Ihres Geldes wegen heiratet. Dass er dank des Geldes Ihrer Familie aus den roten Zahlen herauskommt.“

Fassungslos sah Antonia ihn an. „Also, das ist dann wohl der Beweis, dass Sie sich verhört haben müssen“, stellte sie klar. „Denn Charles hat mehr Geld, als er ausgeben könnte. Seine Firma ist sehr erfolgreich, und seitdem wir uns treffen, hat er mehrere millionenschwere Deals getätigt. Das will was heißen angesichts der gegenwärtigen Marktlage.“

Doch Roth schüttelte bereits den Kopf. „Charles Cabot hat kein einziges Geschäft abgeschlossen, seitdem er sich mit Ihnen trifft. Wenn er etwas anderes behauptet, dann lügt er.“

Fassungslos sah Antonia ihn an. Wie kam Roth nur dazu, so etwas zu sagen? Er war derjenige, der log. Doch aus welchem Grund? Woher wusste er überhaupt von Charles wirtschaftlicher Lage?

All diese Fragen mussten sich in ihrem Gesicht widergespiegelt haben, denn er setzte zu einer Erklärung an. „Ich habe in den letzten Stunden ein bisschen recherchiert, weil ich ein paar Bekannte im texanischen Immobilienmarkt habe. Man sagt, dass Charles Cabot völlig pleite ist und dass er sein Vermögen bereits vor einigen Jahren durch ein paar ziemlich schlechte Investitionen verloren haben soll. Außerdem ist es mit seinen Moralvorstellungen nicht zum Besten gestellt. In Texas hat er wegen einiger unseriöser Machenschaften vor einigen Jahren sogar seine Maklerlizenz verloren.“

„Das glaube ich Ihnen nicht.“

„Ich wünschte, ich würde mich irren, Antonia, aber das tue ich nicht.“

Ein seltsames und gleichzeitig angenehmes Gefühl stieg in ihr empor, als sie hörte, wie er ihren Namen aussprach. Das war ihr bei Charles noch nie passiert.

„Sehen Sie, ich weiß nicht, warum Sie das tun“, erwiderte sie. „Vielleicht verbindet Charles und mich nicht die große Liebe, aber wir respektieren einander. Ich für meinen Teil bin mit diesem ganzen Blödsinn von Liebe und Romantik durch. Charles ist ein netter Typ. Witzig. Bodenständig. Er mag mich, und ich mag ihn. Er wird ein guter Vater für meine Tochter.“

„Er hat übrigens auch ein paar wenig schmeichelhafte Dinge über Ihre Tochter gesagt.“

„Die da wären?“

„Er nannte sie rotznasige kleine Ratte.“

„Verzeihen Sie? Was soll er gesagt haben?“, fragte sie fassungslos.

„Und eine Bazillenfabrik.“

Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Ich finde, Sie sollten jetzt gehen“, stieß sie wütend hervor, denn es bestand kein Zweifel mehr, dass Roth sie belog.

Überrascht sah Roth sie an. „Aber Anto ...“

„Wagen Sie es bloß nicht, mich mit meinem Vornamen anzusprechen. Und jetzt gehen Sie. Sofort.“

„Aber …“

„Ich meine, was ich sage, Mr. Fortune.“ Sie streckte das Kinn vor und trat einen Schritt dichter an ihn heran. „Ich habe keine Ahnung, was Sie dazu bringt, mir ausgerechnet dann, wenn ich mein Hochzeitskleid anprobieren will, zu erzählen, dass mein zukünftiger Mann ein Gauner sei.“

Er stemmte die Hände auf die Hüften. „Weil er einer ist.“

„Gehen Sie“, stieß sie hervor. „Und wagen Sie es nicht, mich nochmal zu belästigen.“

„Fein.“ Er schüttelte den Kopf. „Wenn Sie unbedingt einen Mann heiraten wollen, der Sie und Ihre Tochter in fünf Jahren, wenn Ihr Ehevertrag wirksam wird, ausnimmt wie eine Weihnachtsgans, dann nur zu. Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

Bevor sie etwas erwidern konnte, drehte er sich um und ging.

Wutentbrannt sah sie ihm nach. Wie konnte er nur so verletzende Dinge zu ihr sagen? Was dachte dieser Roth Fortune eigentlich, wer er war?

Und woher wusste er von der Fünf-Jahres-Vereinbarung in ihrem Ehevertrag?

Sie schnaubte leise. Vermutlich ein Zufallstreffer. Schwungvoll riss sie die Eingangstür auf, doch selbst der kühle Kuss der Klimaanlage vermochte ihre Wut nicht abzumildern. Gleichgültig wie sehr sie sich bemühte, sie konnte die Zweifel, die Roths Worte in ihr geweckt hatten, nicht zum Schweigen bringen. Als Carmen, die Geschäftsinhaberin, ihr das paillettenbesetzte Kleid zeigte, kam es Antonia mit einem Mal protzig und billig zugleich vor...

Autor

Debbi Rawlins

Endlich daheim – so fühlt Debbi Rawlins sich, seit sie mit ihrem Mann in Las Vegas, Nevada, lebt. Nach viel zu vielen Umzügen beabsichtigt sie nicht, noch ein einziges Mal den Wohnort zu wechseln. Debbie Rawlins stammt ursprünglich aus Hawaii, heiratete in Maui und lebte danach u.a. in Cincinnati, Chicago,...

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