Baccara Exklusiv Band 266

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WIE GLUT UNTER DEM SCHNEE von CATHERINE MANN

Ein plötzlich aufziehender Schneesturm zwingt die schöne Naomi, bei Royce Miller Unterschlupf zu suchen. Eigentlich ist sie zu dem Wissenschaftler gefahren, um alles über sein geheimes Forschungsprojekt herauszufinden. Auf keinen Fall darf Royce von ihrem doppelten Spiel erfahren ...

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  • Erscheinungstag 13.12.2025
  • Bandnummer 266
  • ISBN / Artikelnummer 9783751530972
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Catherine Mann, Kayla Perrin, Joanne Rock

BACCARA EXKLUSIV BAND 266

Catherine Mann

PROLOG

Naomi Steele war nicht naiv.

Das Leben hatte genug Herausforderungen für sie bereitgehalten, aus denen sie gelernt hatte – oder vielleicht sogar zynisch geworden war. Sie hatte damit gerechnet, dass die Schwangerschaft Veränderungen mit sich bringen würde. Hormonellen Aufruhr, natürlich. Aber zugleich überschäumende Gefühle und dass Träume wahr wurden.

Doch sie war nicht darauf gefasst gewesen, dass sie in ihrem Innern ein solch wildes Tosen spüren würde – den archaischen Drang, ihr Kind um jeden Preis zu beschützen.

Oder vielleicht ihre Kinder. Zwillinge waren in ihrer Familie keine Seltenheit, und die künstliche Befruchtung erhöhte die Wahrscheinlichkeit, zweieiige Zwillinge zu bekommen. Eine Welle der Nervosität – und Übelkeit – brach über sie herein.

Atme. Konzentrier dich.

Sie war gerade damit beschäftigt, den Bericht des Privatdetektivs mit den Informationen auf ihrem Computer abzugleichen. Es ging um einen bekannten Wissenschaftler, der ihr beruflich die Sicherheit bringen konnte, die sie für ihr Kind brauchte. Sie hatte zwar eine große, reiche Familie, auf deren Anwesen bei Anchorage sie lebte. Ihre Wohnung war weitläufig. Vom glasverschalten Balkon aus hatte man einen grandiosen Blick auf die Bucht und die Berge.

Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, wirklich einen Anteil am Familienunternehmen zu haben. Ein Erbe, das sie mit ihrem Kind teilen konnte. Da ihre Schwangerschaft Ergebnis einer künstlichen Befruchtung mit Spendersamen war, lag es an ihr allein, dieses Erbe zu schaffen. Das Stück vom Steele-Portfolio, das ihr keiner nehmen konnte.

Ihre Familie war in höchster Aufregung. Die bevorstehende Hochzeit ihres Vaters mit einer ehemaligen Konkurrentin und die Fusion ihrer Ölimperien sorgten dafür, dass in beiden Familien alle um ihre Position in der neuen Firma Alaska Oil Barons kämpften. Naomi musste einen Beitrag zum Unternehmen leisten, den ihr niemand absprechen konnte.

Und der Forscher Royce Miller sollte ihr dazu verhelfen.

Sie blätterte den Bericht des Privatdetektivs durch wie ein Daumenkino. Diese Informationen über Dr. Royce Miller kannte sie schon auswendig. Ihr Blick fiel auf den Monitor, auf dem eines der seltenen Fotos von ihm im Großformat zu sehen war. Er war brillant, ein eigenbrötlerisches Genie. Sein grüblerisches, ausdrucksstarkes Gesicht wurde von intensiven Augen dominiert. Seine Intelligenz war so unübersehbar wie seine breiten Schultern.

Sie brauchte ihn, um sich für das Familienunternehmen unersetzlich zu machen.

Ob der anonyme Vater ihres Kindes auch nur halb so klug war? Halb so stark? Nutzlose Überlegungen. Sie hatte sich entschieden, alleinerziehende Mutter zu werden.

Bis jetzt hatte diese Unabhängigkeit ihr gefallen.

Seit ihrem Kampf gegen den Krebs als Teenager kostete sie ihr Leben voll aus. Sie war immer ehrgeizig gewesen – erst nur im Sport, später als Anwältin für das Familienunternehmen. Feste Bindungen scheute sie, nur ihrem verwitweten Vater und ihren Geschwistern stand sie wirklich nah.

Sie ging noch immer ihren eigenen Weg, aber es stand jetzt mehr auf dem Spiel.

Sie hatte oft genug erlebt, wie schnell ein erfolgreiches Unternehmen den Bach runtergehen konnte. Und angesichts der turbulenten Fusion von Steele mit Mikkelson machte Naomi sich Sorgen um die Zukunft der Firma. Ihr größter Konkurrent, Johnson Oil United, war ihnen dicht auf den Fersen und würde die Übergangsphase nutzen, um Marktanteile zu gewinnen.

Naomi durfte nicht selbstzufrieden werden. Sie durfte nicht lockerlassen.

Im Moment waren der Privatdetektiv und ihre Internetrecherchekünste ihre größten Trümpfe.

Sie musste Miller finden und ihn überreden, ihrer Familie seine Forschungsergebnisse zur Verfügung zu stellen, damit ihre Firma die Pipeline-Sicherheit verbessern konnte. Ganz abgesehen von den Vorteilen für ihr Familienunternehmen konnten seine Studien der Schlüssel dafür sein, die Anzahl der Krebserkrankungen aufgrund von Umweltgiften zu verringern. Für das Thema interessierte sie sich genauso leidenschaftlich wie ihre Schwester, die Ökologin Delaney.

Dank ihrer unermüdlichen Suche nach Dr. Miller hatte Naomi nun endlich eine Spur zu dem einsiedlerisch lebenden Wissenschaftler. Er hatte sich in den Bergen in einen abgelegenen, aber luxuriösen Glasiglu zurückgezogen, um an seinem Forschungsprojekt zu arbeiten.

Jetzt musste sie sich nur noch überlegen, wie sie ihn treffen konnte – und dann ihre ganze Kreativität zum Einsatz bringen, um sich bei ihm einzuschmeicheln und sich den Deal ihres Lebens zu sichern.

1. KAPITEL

Royce Miller hatte kein Problem damit, vom Denker zum Alphamann zu werden, um eine Frau vor einem hungrigen Grizzly zu retten, der eigentlich noch im Winterschlaf hätte sein sollen.

Aber erst musste er sich etwas anziehen.

Er griff nach Jeans und Parka, um sich etwas über Boxershorts und T-Shirt zu streifen. Hinter der dicken Glaswand seiner entlegenen Ferienhütte tappte ein Braunbär auf einen SUV zu, der in seiner schneebedeckten Einfahrt hielt. Die Fahrerin – jemand in einem pinkfarbenen Parka – hupte mehrfach. Der Lärm hätte in der Stadt ganze Straßenzüge aufgeschreckt, aber seine Hütte lag fast hundertfünfzig Kilometer von der Zivilisation entfernt.

Na gut – eigentlich war es keine Hütte.

Er hatte sich diesen Glasiglu im Nirgendwo gemietet, weil er nicht widerstehen konnte, ein paar der seltenen alaskischen Sonnenstrahlen aufzusaugen, während er sich in die Entwicklung neuer Sicherheitsmaßnahmen für Pipelines vertiefte. Ihm war es zwar nicht wichtig, braun zu werden, aber Vitamin D war so weit nördlich Mangelware und unverzichtbar für die Gesundheit seiner Knochen, seine Muskelmasse und seine Kraft. All das würde er brauchen, wenn er sich hinauswagte, um dem riesigen Grizzly Hallo zu sagen, der sich immer weiter dem SUV näherte, in dem sein unerwarteter Gast saß.

Gast?

Mit dem Problem würde er sich später befassen.

Seine Privatsphäre war ihm eigentlich so heilig wie seine Pascaline, eine antike Rechenmaschine. Aber das hieß noch lange nicht, dass er zulassen konnte, dass der Bär über die zierliche Frau am Steuer des Wagens herfiel. Ihre Kapuze bewegte sich hin und her, als suchte sie nach einem Ausweg. Oder nach Hilfe.

Wenigstens war sie in einem Fahrzeug. Das verschaffte ihm ein paar wichtige Augenblicke, um sich vorzubereiten, statt halbnackt ins Freie zu stürmen.

Er trat von der Glaswand zurück und wäre fast über seine Bernhardinerin gestolpert. „Entschuldige bitte, Tessie.“

Die zottelige Hündin hob den schweren Kopf von den Pfoten und legte ihn schief. Sie war erschöpft, weil sie vorhin so lange draußen gespielt hatte. Er hatte viel Zeit mit ihr im Freien verbracht, weil er wusste, dass ein Schneesturm drohte. Ob die Fahrerin deshalb hier angehalten hatte? War sie auf dem Rückweg nach Anchorage hier gestrandet? Der Frühling war in Alaska immer nur einen Atemzug vom Winter entfernt.

Tessie musterte ihn aufmerksam. Sie schnüffelte, winselte leise und stand auf. Vielleicht hatte sie die Witterung des Bären aufgenommen. Nicht gut.

„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, neugierig zu sein, Mädchen.“ Hastig streifte er sich die Jeans über und schaltete im Vorübergehen den Computer aus.

Sensible Daten geschützt.

Vor einer Touristin auf Abwegen und einem Bären? Unwahrscheinlich.

Aber bei dieser Art von Arbeit konnte man nie vorsichtig genug sein. Wenn alles lief wie erwartet, war seine Forschung ein Patent wert. Und was seinen Job betraf, irrte er sich nie. Es stand zu viel auf dem Spiel – auch persönlich.

Sein Vater war Pipeline-Arbeiter gewesen, wie ein Großteil der Bevölkerung in dem kleinen Ort in Texas, in dem Royce aufgewachsen war. Es war eine eingeschworene Gemeinschaft gewesen. Wenn jemand starb, hatte das Auswirkungen auf alle.

Als der Vater seiner ehemaligen Verlobten bei einer Explosion ums Leben kam, hatte das auch Royces Welt erschüttert. Dann hatte seine Verlobte eine Fehlgeburt erlitten und das Land verlassen. Ihn verlassen …

Royce schüttelte die Vergangenheit ab und zog sich schnell und methodisch weiter an: ein fleecegefüttertes Holzfällerhemd, darüber einen Parka. Auf dem Weg zur Tür stieg er in seine Stiefel, um sich mit dem gewaltigen Ärgernis zu befassen, das über seinen Tag hereingebrochen war. Es wäre ein perfekter einsamer Nachmittag gewesen, um produktiv nachzudenken. Eine sichere, umweltfreundliche Ölpipeline zu entwickeln bedeutete ihm viel.

Unternehmen unterbreiteten ihm immer wieder Stellenangebote, aber er arbeitete lieber freiberuflich. Dank einiger Patente hatte er mehrere Millionen Dollar zur Verfügung, um zu seinen eigenen Bedingungen Innovationen zu entwickeln. Er konnte es sich leisten, hier draußen zu arbeiten. Allein.

So viel dazu …

Dünne Isolierhandschuhe waren alles, was er an den Händen tragen durfte, wenn er noch die Werkzeuge bedienen wollte, die ihm zur Verfügung standen, um die SUV-Fahrerin von dem Bären zu befreien: eine Leuchtpistole und als letztes Mittel ein Gewehr.

„Tessie“, sagte er fest, „bleib.“

Sie schnaufte sichtlich gereizt, rührte sich aber nicht.

„Gutes Mädchen“, lobte er sie.

Dann schloss er die Tür auf, die in einen kurzen Tunnel führte. Ein kalter Luftzug schlug ihm entgegen und ließ ihm den Atem in der Brust gefrieren. Er kämpfte sich in den heulenden Wind hinaus. Die Autohupe war fast lauter als das Brummen des Bären.

Royce stellte sich dem vollen Anprall des Sturms. Wenn er den Bären weglockte oder ablenkte, damit die Frau nach drinnen fliehen konnte …

Der Grizzly spazierte auf den SUV zu, der im Leerlauf neben Royces Truck stand. Hier draußen sah er, dass der SUV Schneematsch aufspritzen ließ: Die Hinterräder drehten durch, weil die Fahrerin vergeblich versuchte zurückzusetzen.

Brüllend stürzte sich die Bestie auf die Motorhaube des Autos. Die gewaltigen Tatzen schlugen auf die Windschutzscheibe ein. Selbst im dichten Schneetreiben sah Royce die langen, tödlichen Bärenkrallen.

Es war zu spät für Raffinesse.

Er rief: „Hey, Teddy, guck mal!“

Seine Stimme ging im Hupen unter, das sich mit dem Tosen des Sturms vermischte. Die Ohren des Grizzlys zuckten, aber er schüttelte weiter den SUV. Schneematsch blieb in seinem Fell hängen. Der Sturm wütete immer heftiger und trieb die Flocken wie kleine Eisgeschosse seitwärts. Royce hob die Leuchtpistole und schoss in die Luft, wobei er darauf achtete, nicht auf die eisüberzogenen Zweige zu zielen.

Der Bär brummte und wandte den gewaltigen Kopf.

„Ja, Paddington, so kommen wir ins Geschäft“, rief Royce und riss seinen aufgeknöpften Parka weit auf, um so groß wie möglich zu wirken.

Bären bevorzugten leichte Beute, deshalb konnte man sie manchmal verscheuchen, wenn man riesig wirkte. Aber er verließ sich nicht darauf. Er behielt das Gewehr in der Hand. „Ja, du da! Verschwinde, Balu.“ Warum gibt es bloß so viele nette Bären in der Literatur? Man sollte Kindern beibringen, sich von ihnen fernzuhalten, nicht, mit ihnen zu kuscheln! „In meiner Mülltonne ist kein Essen, und die kleine Dame da verspeist du auch nicht zum Abendbrot!“

Oder als Appetithappen. Die Frau wirkte ziemlich drahtig.

Sie hatte wirklich Mumm. Statt sich in Todesangst unter dem Armaturenbrett zu verkriechen, drückte sie weiter auf die Hupe und ließ den Motor aufheulen. Eine Abgaswolke stieg auf.

Das Fenster auf der Fahrerseite öffnete sich, und ein Kopf spähte hervor. Aus der Kapuze des Parkas hing ein schwarzer Pferdeschwanz. „Ich versuche zurückzusetzen, aber entweder stecken die Reifen fest, oder der Bär wiegt zu …“

„Wieder rein da, bevor Pu dir mit der Pranke den Kopf abhaut“, blaffte Royce. Eine rasche Berechnung verriet ihm, dass er den Bären binnen zwei bis drei Minuten weglocken musste. Sonst würde die Windschutzscheibe nachgeben.

„Ich bleibe im Auto“, rief sie zurück. „Ich wollte ja nur wissen, ob ich etwas anders machen muss. Aber ich rühre mich nicht von der Stelle, bis Pu sich wieder in den Hundert-Morgen-Wald trollt …“

Der Bär schlug den Seitenspiegel ab – nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Der zerbrochene Spiegel war im Nu unter einer Schneedecke verschwunden. So wütete der alaskische Sturm. Royce hatte es nicht nur mit dem Grizzly zu tun.

Die Frau schrie auf und zog sich in den SUV zurück, während der Bär sich vom Fahrzeug wälzte und auf dem Boden landete. Er richtete sich auf den Hinterbeinen auf, machte aber keine Anstalten, sich zu trollen.

Keine Spielchen mehr.

Royce hob das Gewehr.

Zielte.

Der SUV machte einen Satz nach hinten, dann einen nach vorn. Schnee spritzte auf. Anscheinend hatte ihn doch nur das Gewicht des Bären festgehalten. Royces Schuss ging daneben, und der Wagen schlitterte auf dem eisigen Boden dicht an ihm vorbei. Der glänzende silberne SUV war auf dem besten Weg, in seinen Iglu zu krachen.

Royce warf sich nach links, um dem Auto auszuweichen, behielt aber den Grizzly im Auge. Der Bär trottete in den nahen Wald. Offenbar hielt es Teddy-Balu-Paddington-Pu für besser, sich nicht mit dem pink Parka anzulegen.

Apropos …

Royce sah nach rechts und stellte fest, dass der SUV in einer Schneewehe feststeckte. Die Hupe war endlich still. Und die Fahrerin? Sie stieg gerade aus. Offensichtlich unverletzt.

Und nicht so drahtig, wie er erst gedacht hatte. Sie war zierlich, aber in ihrem taillierten Parka kamen ihre Kurven zur Geltung.

Ein verdammt süßer, aber trotzdem unwillkommener Anblick.

Was macht diese Frau hier draußen?

Und was will sie von mir?

Naomi Steele hasste es, für irgendeinen Mann das zarte Pflänzchen zu spielen.

Sie war in Alaska geboren, hatte dank ihrer verstorbenen Mutter Inuit-Wurzeln und hatte in ihrem rauen und schönen Heimatstaat an der Seite ihrer Brüder alles übers Überleben gelernt. Mit der Leuchtpistole in ihrer Ausrüstung wäre sie auch allein mit dem Bären fertiggeworden.

Aber sich von Royce Miller retten zu lassen war die Chance, seinen Argwohn zu zerstreuen.

Sie schirmte die Augen gegen die untergehende Sonne ab und beobachtete, wie der übellaunige Grizzly im Wald verschwand. Langsam drehte sie sich um und sah sich vor, nicht im Schnee auszurutschen. Und …

Wow, was für ein sexy Schneemann!

Sie hatte bei ihrer Internetrecherche Pressemitteilungen über Royce Miller gelesen. Vor einem Monat hatte sie sogar einen seiner Vorträge besucht. Aber weder die Porträtaufnahmen noch der Blick aus der letzten Reihe des Saals hatten sie darauf vorbereitet, wie viel Charisma er hatte. Er hatte mehr zu bieten als grüblerischen Charme und gutes Aussehen. Seine Reize beschränkten sich nicht auf seinen athletischen Körper, der unter dem offenen Parka zu sehen war. Und, ja, er bekam Bonuspunkte für das etwas zu lange dunkle Haar, das so zerzaust war, als wäre er eben erst aufgestanden. Aber es waren seine dunkelbraunen Augen, die sie fesselten. Diese Fenster zur Seele. Zu Royce selbst. Einem Mann mit messerscharfer Intelligenz, dessen Blick bis in ihr Innerstes drang und zu sagen schien: Nur zu, ich kann mithalten.

Schieres sexuelles Begehren knisterte so heiß in der Luft, dass sie fast damit rechnete, die Eiszapfen an den Bäumen schmelzen zu sehen.

Normalerweise hätte sie sich darüber gefreut. Aber das hier war schlechtes Timing. Sie musste sich auf ihre Mission konzentrieren und ihn dazu bringen, seinen brillanten Verstand für das Unternehmen ihrer Familie einzusetzen.

Und sie war im zweiten Monat schwanger.

Ihre Teenagerjahre, in denen sie gegen den Krebs gekämpft hatte, waren ihr manchmal surreal vorgekommen, aber sie hatte damals für alle Fälle einige Eizellen einfrieren lassen. Ihr Onkologe hatte einen Psychologen hinzugezogen, um ihr bei der schweren Entscheidung zu helfen.

Jetzt war sie bereit, Mutter zu werden. Sie hatte genug davon, auf einen imaginären Märchenprinzen zu warten. Ihre Anwaltskarriere und die Bindung an ihre Familie waren ihr wie ein solides Fundament erschienen, aber seit der Verlobung ihres Vaters stand ihre Welt kopf. Wie als Kind musste sie ihren Wert unter Beweis stellen. Für ihr Baby. Für ihre verstorbene Schwester. Sie blinzelte Tränen fort.

Schwangerschaftshormone. Natürlich. Das war die Erklärung für ihre heftige Reaktion auf diesen wildfremden Mann.

Sie fand ihn immer noch zum Anbeißen, als er das Gewehr senkte und vorschlug: „Gehen wir hinein, bevor der Bär zurückkommt – oder bevor wir hier einschneien.“

„Oh, ja, das stimmt.“ Wenn sie ihn noch eine Sekunde anstarrte, würde ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Sie brauchte einen Vorsprung, um ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Royce war nicht einfach nur klug. Er war ein Genie – und exzentrisch.

Den Eigenbrötler aufzuspüren war eine wahre Herkulesaufgabe für die Privatdetektive gewesen. Aber wenn diese Suche ihr Zugang zu seiner Pipeline-Forschung verschaffte, war sie jeden Cent wert. Falls ihr sogar das Undenkbare gelang und sie diesen einsamen Wolf überreden konnte, bei der Ölfirma ihrer Familie zu unterschreiben, war das ein Coup, der mit Geld nicht zu bezahlen war.

Royce öffnete die Tür zum Iglu – und die nächste Bestie kam auf sie zugeschossen. Ein riesiger Bernhardiner lehnte sich an ihn, schnüffelte und nahm die ganze Umgebung in sich auf. Der Duft nach Nadelbäumen und der Geruch der abgefeuerten Leuchtpistole lagen in der Schneeluft.

„Tessie“, befahl Royce, „rein mit dir.“

Hechelnd verschwand die Hündin von der Türschwelle.

Naomi stützte sich am Türrahmen ab und sah sich um. Der Glasiglu ähnelte denen, in denen ihre Familie früher immer Urlaub gemacht hatte. Es waren schöne Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester bei einem Flugzeugabsturz. Bevor Naomi Krebs bekommen hatte. Eine Zeit, von der sie damals geglaubt hatte, sie würde ewig dauern. Aber die Jahre waren so plötzlich vorbei gewesen wie ein Tag in Alaska.

Sie hob das Gesicht den Sonnenstrahlen entgegen. Die Glaskuppel des Iglus ließ das letzte Licht herein. Nur eine Wand, an der ein Bett stand, war undurchsichtig. Wahrscheinlich befanden sich dahinter das Bad und ein Einbauschrank.

Die Hälfte des Raums wurde von einem langen, bogenförmigen Sofa an der Glaswand eingenommen. Tessie hatte es sich darauf bequem gemacht. Sie musterte Naomi und Royce aus großen braunen Augen.

Abgesehen davon gab es noch eine Küchenzeile und einen Esstisch, auf dem im Moment ein Computer stand. Bestimmt waren darin seine Forschungsergebnisse abgespeichert.

„Na?“, riss Royces Stimme sie aus ihren Gedanken.

„Ja, also …“ Sie suchte nach Worten. Sie hatte so viel Zeit damit verbracht herauszufinden, wo er war, dass sie nicht lange darüber nachgedacht hatte, wie es sein würde, hier zu sein. Mit ihm. Allein. „Vielen Dank. Du hast mir das Leben gerettet.“

Er entlud das Gewehr so geübt, dass man sofort glaubte, dass er in Texas aufgewachsen war, und steckte die Munition ein. „Warum zum Teufel bist du bei diesem Sturm hier unterwegs?“

„Hey, nicht so feindselig! So redet man doch nicht mit dem Menschen, der einem neue Vorräte bringt, oder?“, fragte sie und ließ den Charme spielen, der schon Dutzende von hammerharten Geschworenen auf ihre Seite gebracht hatte. „Wenn ich nicht hergefahren wäre, wärst du verhungert. Und dir wäre bestimmt auch das Deo ausgegangen.“

„Vorräte?“ Er musterte sie misstrauisch, streifte seinen Parka ab und schüttelte den Schnee auf die Fußmatte.

Das Holzfällerhemd stand ihm.

Aber sie ignorierte es und redete einfach weiter: „Ja, du hast doch einen Lieferdienst beauftragt.“ Sie hatte dem Fahrer ein üppiges Trinkgeld zugesteckt, damit er sie diese Vorräte zu ihrem angeblichen Freund bringen ließ. Der war ein richtiger Romantiker und hatte sich schnell überreden lassen. Die rhetorischen Fähigkeiten einer Anwältin waren manchmal auch außerhalb des Gerichtssaals nützlich. „Ich bin hier, um deine Speisekammer aufzufüllen. Ich dachte, ich wäre früh genug dran, um dem Sturm zuvorzukommen, aber er ist schneller und heftiger als erwartet hereingebrochen. Hier bin ich nun.“

Natürlich war es etwas geschummelt, so zu tun, als würde sie für das Versorgungsunternehmen arbeiten, auch wenn sie es nicht ausdrücklich gesagt hatte. Aber wenn er gewusst hätte, dass sie zu einer Familie von Ölmoguln gehörte, hätte er sie wohl dem Bären überlassen.

„Und du bist?“

„Naomi.“ Sie nannte nur ihren Vornamen und spielte am Reißverschluss ihres Parkas herum. Dann ertappte sie sich bei der nervösen Geste und hörte auf. Ich lüge nicht direkt, rief sie sich ins Gedächtnis.

Sie musterte ihn, um festzustellen, ob ihm bei ihrem Namen etwas dämmerte. Nein. Nichts. Sie zweifelte nicht daran, dass sie seine Miene richtig deutete. Sie war die Beste ihres Juristenjahrgangs gewesen und hatte noch nie eine Schlacht im Gerichtssaal verloren.

„Naomi, danke für die Vorräte, die du mitten durch den Schneesturm hergefahren hast“, sagte er angespannt. „Aber was hast du jetzt vor?“

„Wir sollten die Vorräte ausladen, bevor alles gefriert.“

Seufzend griff er nach seinem Parka und machte sich auf den Weg zur Tür. „Setz dich. Ich hole sie.“

Sie hob eine manikürte Hand. „Vergiss die Leuchtpistole nicht, falls unser ‚Freund‘ wiederkommt.“

„Ich habe alles im Griff.“

„Wenn nötig, kann ich dir mit dem Gewehr Schützenhilfe leisten“, setzte sie hinzu und spürte im Voraus, dass er Nein sagen würde.

Er blieb an der Tür stehen. „Ich habe alles im Griff“, wiederholte er und ging nach draußen.

Wie erwartet glaubte er, dass sie so hilflos war, wie sie aussah. Dieser kluge Mann hatte eine Schwäche, und die hatte sie schnell ausfindig gemacht.

Er fasste Frauen mit Samthandschuhen an.

Einige hätten das sicher toll gefunden und ihm aus der Hand gefressen. Aber sie legte Wert auf ihre Unabhängigkeit. Ihre Kraft.

Ihre Gesundheit.

Als Teenager hatte sie erst gegen den Krebs um ihr Leben gekämpft und dann gleich schon wieder kämpfen müssen: gegen die überbehütende Art ihrer Familie. Manchmal war sie damit über das Ziel hinausgeschossen. Das hatte ihr den Ruf eingebracht, ein ziemlich wildes Leben zu führen. Sie war mutig, feierte gern und kostete jeden Tag voll aus. Und sie hatte zugelassen, dass sie inzwischen als frivol galt, frivoler, als es der Realität entsprach.

Die Entscheidung bereute sie mittlerweile, da es ihr jetzt wirklich darauf ankam, ein Teil des Familienunternehmens zu sein.

Und deshalb musste sie in die Hufe kommen, bevor Royce zurückkehrte. Die Zeit, in der er die Vorräte auslud, war kostbar. Sie musste seine Hütte ausspionieren. Sie würde jeden verfügbaren Hinweis brauchen, um seine Abwehr auszuhebeln.

2. KAPITEL

Royce duckte sich im eisigen Wind. Er trug die letzte Kiste ins Haus. Fünf Mal war er draußen gewesen. Diese Naomi war eine unglaubliche Lieferfahrerin. Er hatte jetzt genug Vorräte, um den Weltuntergang zu überstehen. Zumindest fast.

Das Schleppen hatte ihm Zeit verschafft, darüber nachzudenken, was er von dieser unerwarteten Wendung hielt.

Eine Besucherin in seiner Privathütte.

Eine Frau.

Eine umwerfend schöne Frau.

Drinnen begrüßte seine Hündin ihn schwanzwedelnd. Ihre braunen Augen schienen zu fragen, was es mit diesem Neuzugang auf sich hatte. Royce hatte keine Antwort darauf. Aber er würde bald eine haben.

„Das war die letzte Kiste“, sagte er.

„Tut mir leid, dass das Wetter so fürchterlich ist.“ Sie stand bei den anderen Kisten vor den Küchenschränken und packte Dosenmilch aus.

Naomi hatte den Parka abgelegt, und … Verdammt. In ihrer eng anliegenden Jeans mit den silbernen Nieten sah sie zum Anbeißen aus. Ihr flauschiger roter Pullover rief geradezu: Ich bin weich – fass mich an. Ihr dunkler, seidiger Pferdeschwanz schwang hin und her, als sie nach oben langte, um eine Dose abzustellen, und sich dann bückte, um eine Packung Müsli aufzuheben.

Starr ihr nicht auf den Po.

Er stellte die letzte Kiste auf einen der beiden bequemen Küchenstühle. Diese Art Stuhl konnte er auch im Büro oder im Wohnbereich einsetzen. Alles hier diente mehreren Zwecken. „Macht sich niemand Sorgen, wenn du nicht zurückkommst?“

„Ich habe einem meiner Brüder eine SMS geschrieben, während du draußen warst.“ Sie wackelte in ihren dicken Socken mit den Zehen und stapelte Dosen, um Platz für das Müsli zu schaffen.

Eine SMS? „Wie hast du das denn geschafft? Hier oben hat man doch kaum Empfang.“

Er konnte jederzeit Anrufe tätigen und Mails schreiben, aber seine Ausrüstung hatte Spitzenqualität und verfügte über eine tragbare Mini-Satellitenschüssel.

„Ich habe ein sehr gutes Handy“, antwortete sie und sah sich kurz um. Ihr tintenschwarzer Pferdeschwanz strich so über ihren Rücken, dass Royce sich fragte, wie es sich wohl anfühlen würde, den Weg ihrer Haare nachzuzeichnen und sie dann sanft in die Hand zu nehmen.

„Ziemlich fortschrittliche Technik für eine Lieferfahrerin.“

Sie drehte sich um und lächelte strahlend. Ihre vollen Lippen glänzten vor frischem Lipgloss. „Meine Familie ist großzügig. Und ich habe nur einem Freund mit der Lieferung geholfen, weil der Lieferdienst sich wegen des Sturms vor Bestellungen nicht retten kann.“ Sie zupfte am Saum ihres Pullovers. Ihre Wangen wurden rot. „Eigentlich arbeite ich nicht für die Versorgungsfirma.“

„Wenn du bei diesem Wetter die Fahrt auf dich genommen hast, bist du wirklich eine gute Freundin.“

Ein strahlendes Lächeln ließ ihre Wangen runder wirken. Ihre Augen funkelten im warmen Licht. „Wir haben alle unsere Gründe, bestimmte Dinge zu tun. Freundschaft ist ein Schatz – und eine wichtige Motivation.“

„Stimmt.“ Seine Eltern und ihre Nachbarn waren beste Freunde gewesen, fast wie eine Familie.

Sie waren begeistert gewesen, als Royce begonnen hatte, mit der Nachbarstochter auszugehen, deren Vater Seite an Seite mit seinem arbeitete. Weniger angetan waren seine Eltern, als sie schwanger wurde, da das Baby seine Promotionspläne gefährdete. Aber sie begannen mit den Hochzeitsvorbereitungen … bis eine Pipeline-Explosion die ganze Stadt erschütterte. Der Vater seiner Verlobten kam ums Leben.

Dann erlitt sie eine Fehlgeburt.

Noch bevor Royce über den Tod seines ungeborenen Kinds hinwegkam, löste Carrie Lynn die Verlobung und ging. Für immer.

Sich von diesem Verlust vor zehn Jahren zu erholen war schwieriger gewesen als alles andere, was er in seinem Leben hatte bewältigen müssen.

Seitdem konzentrierte er sich ganz auf die Aufgabe, künftige Pipeline-Tragödien zu verhindern. Er war ohnehin besser dran, wenn er sich nur mit dem befasste, was ihm lag.

Mit Wissenschaft und Fakten, nicht mit Emotionen und Stimmungen.

Die Leidenschaft für seine Arbeit hatte seine Beziehungen zerstört, aber er hatte kein Interesse daran, sich für irgendjemanden zu ändern.

Die müssen mich nehmen, wie ich bin. Punkt.

Also war auch diese Frau keine Bedrohung, sondern nur eine körperliche Verlockung. Beruhigt stieg er aus den Stiefeln. Seine Wollsocken ähnelten ihren – abgesehen davon, dass seine nicht lila waren.

Naomi schloss den Küchenschrank, setzte sich auf einen Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ein Fuß in einer lila Socke wippte vor sich hin. „Machst du Urlaub hier?“

„Ich arbeite.“ Nähere Erklärungen sollten sich erübrigen.

Sie lachte. „Wie ein Profi-Eisfischer siehst du aber nicht aus.“

„Das bin ich auch nicht.“

„Woran arbeitest du denn dann?“, fragte sie und trommelte mit den Fingern auf seinem Laptop herum. Sein Abakus-Schlüsselanhänger lag direkt daneben. „An deinen Memoiren über dein Leben in der Wildnis?“

„Du bist ziemlich neugierig.“ Er stellte die letzte Vorratskiste auf den Boden, setzte sich auf den anderen Stuhl und musterte Naomi.

„Ich mache nur Smalltalk. Wir müssen ja irgendwie die Zeit totschlagen, solange wir den Sturm aussitzen – oder hast du Netflix?“

Verdammt. Sie war nicht nur sexy, sondern auch noch humorvoll und selbstbewusst.

„Ich habe eine umfangreiche Bibliothek auf meinem Tablet. Du kannst gern lesen. Mach es dir da drüben auf dem Sofa bequem.“

So weit entfernt von seinem Arbeitsplatz entfernt, dass er nicht ständig ihren frischen Duft einatmen musste, der ihn an den Ozean erinnerte. Eisige Salzluft. Gab es das als Parfüm, oder roch sie von Natur aus so?

„Und du arbeitest inzwischen an …?“, hakte sie nach.

„Ich bin Naturwissenschaftler. Professor.“ Es war eine vage Antwort, aber die Wahrheit. Schließlich hielt er dann und wann Gastvorlesungen.

„Also musst du Hausarbeiten korrigieren?“, fragte sie, ohne sich zu rühren.

„Hm …“ Er zog sein Tablet aus der Computertasche und rief die Bibliothek auf, während er sich noch einmal vergewisserte, dass der Passwortschutz für den Rest seiner Daten aktiv war.

„Du bist nicht sehr gesprächig.“

„Nein.“

„Mit dem Bären vorhin hast du aber geredet.“ Sie spielte mit ihrem Pferdeschwanz. Glänzende schwarze Strähnen glitten ihr durch die Finger.

„Adrenalin.“ Ein Stoff, der im Augenblick schon wieder durch seinen Körper strömte. Bildete er es sich nur ein, oder flirtete sie mit ihm?

Und wenn ja, wollte er darauf eingehen?

Ja, zum Teufel!

Sie griff über den kleinen Teakholztisch. „Steht dein Angebot noch, dass ich den Lesestoff haben kann?“

Drei Stunden später funkelten die Sterne über ihnen, und ein Feuer prasselte im steinernen Kamin. Naomi hatte es sich mit einer Decke und Kissen bequem gemacht und tat so, als wäre sie in einen Krimi vertieft. Sie hatte das Buch schon vor Wochen gelesen. Falls Royce Fragen dazu stellte, konnte sie sie beantworten. Bis dahin behielt sie ihn im Auge und überlegte, wie sie am besten vorgehen sollte.

Bei genauerem Nachdenken war sie sich nicht mehr sicher, ob ihr Plan der allerbeste war. Sie war in aller Eile hergefahren, ohne über die möglichen Folgen nachzudenken.

Ihn zu überreden, für Alaska Oil Barons zu arbeiten, war eine wahre Herausforderung. Besonders wegen der Schlagzeilen, die ihre Familie machte, seit ihr Dad seine überraschende Verlobung mit der Witwe Jeannie Mikkelson verkündet hatte. Die Aktienkurse waren gefallen. Und dann hatte ihr Bruder sich auch noch ohne Vorwarnung mit einer Mikkelson verlobt.

Die Aktien waren danach vollends in den Keller gesackt. Der Aufsichtsrat beklagte, dass es keine tragfähige Strategie gebe. Niemand war sich sicher, wie die Fusion verlaufen würde – auch Naomi nicht.

Sie vertraute ihrer Familie. Aber den Mikkelsons? Sie war dazu erzogen worden, sie als Feinde zu betrachten. War die Fehde nun zu Ende, nur weil der Mikkelson-Patriarch gestorben war?

Unwahrscheinlich.

Sie musste ihre Position im Unternehmen festigen und so viele Verbündete wie möglich gewinnen. Royce Miller mit an Bord zu holen würde ihr loyale Unterstützer sichern und ihr berufliches Profil schärfen.

Aber es wäre dumm zu glauben, dass sie es schon heute Abend schaffen konnte. Sie würde sich hier erst einmal einleben, seine Körpersprache beobachten und abwarten, bis er sich entspannte. Noch so eine Taktik aus dem Gerichtssaal, die sich hier anwenden ließ.

Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran, wie wenig sie gegessen hatte: morgens ein paar Cracker und mittags eine Tasse Suppe.

Sie hatte einen Bärenhunger. In letzter Zeit waren ihre Geschmacksknospen so empfindlich, dass sie dazu neigte, Mahlzeiten zu überspringen, bis ihr fast schwindelig wurde.

Sie legte das Tablet beiseite, stand auf und ging zur Küchenzeile. Dabei machte sie einen Bogen um den Tisch, an dem Royce am Computer arbeitete. Er schaute auf, als sie den Kühlschrank öffnete.

Royce kippelte mit seinem Stuhl zurück und musterte sie. „Das ist mein Essen.“

„Ich bezahle gern diesen Pudding und die Birne.“ Sie warf die Frucht in die Luft und fing sie wieder auf. „Wir sitzen hier fest. Willst du mich verhungern lassen – oder mich zwingen, draußen beim Eisfischen zu erfrieren?“

Er lachte leise. Der Klang war berauschend wie Whiskey. „Wenn du Hunger hast, nimm dir gern, was du magst.“

„Ich bin am Verhungern. Die Bärenjagd war anstrengend.“ Sie biss in die Birne und machte sich auf die Suche nach einem Löffel. „Kann ich dir auch etwas bringen, um mich nützlich zu machen? Das Korrigieren ist sicher ziemlich stressig.“

„Es geht mir gut. Ich habe vorhin schon etwas gegessen.“ Er spielte mit seinem Abakus-Schlüsselanhänger und schob die Perlen hin und her. „Aber vielen Dank.“

Ihr kam eine Idee. Es würde sicher toll sein, Birnenstückchen in den Schokoladenpudding zu tauchen, also schnitt sie den Rest der Birne in Scheiben.

Sie setzte sich gegenüber von Royce hin, löffelte, genoss und beobachtete. Hier gab es so einiges, das zum Anbeißen aussah …

Seufzend schaute er ihr endlich in die Augen. „Was?“

Sie lächelte breit. „Tut mir leid. Störe ich dich?“

„Ich bin es gewohnt, allein zu arbeiten. Meine Ruhe zu haben.“ Sein Blick blieb an ihrem Snack hängen.

„Tut mir leid, dass der Schneesturm darauf keine Rücksicht nimmt. Echt. Es könnte Tage dauern, also ist es besser, wenn wir uns anfreunden und vielleicht ein bisschen reden. Du kannst doch nicht ständig arbeiten.“

Er schloss den Laptop. „Na gut. Reden wir. Machst du dir keine Sorgen, dass ich ein Serienmörder bin?“

„Und, bist du einer?“ Sie stellte die Frage flüsternd, um ihn weiter ins Gespräch zu locken und ein bisschen zu ärgern. Sie hatte genug Brüder, um zu wissen, dass die Taktik funktionieren würde.

„Meine Antwort spielt keine Rolle.“ Die Abakus-Perlen klickten zwischen seinen Fingern. „Das weißt du doch, oder?“

Er hatte nicht unrecht, aber er wusste nicht, dass sie nicht im Blindflug unterwegs war. Das würde sie nicht mehr lange durchziehen können, wenn sie ihn nicht vollends vergrätzen wollte. „Ich habe eine sehr gute Beobachtungsgabe.“

„Weil du bei der Arbeit viele Menschen triffst.“

Sie sah ihn scharf an. „Ja, genau.“

„Zu deinem Glück bin ich kein Serienkiller. Ich bin nur ein ungeselliger Wissenschaftler.“

„Das ist im Lehrbetrieb sicher gar nicht so einfach durchzuhalten.“

„In einem Vortragssaal funktioniert es ganz gut.“ Er legte den Schlüsselanhänger wieder zurück.

Sie musste daran denken, wie sie ihn in dem Hörsaal hatte sprechen hören. Er sah die Ölindustrie aus einer revolutionären Perspektive: Produktionssteigerung trotz erhöhter Sicherheit und mit verringertem ökologischem Fußabdruck. Sein Gehirn ist genauso sexy wie sein Körper …

Sie war abgelenkter denn je.

Sie sprang auf, warf ihren leeren Puddingbecher in den Müll und schob sich das letzte Birnenstück in den Mund.

„Ich dachte, du wolltest essen und lesen?“

„Ich glaube, ich gehe ins Bett. Du bist ja kein Serienkiller.“ Sie zwinkerte.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Brauchst du ein Sweatshirt oder so?“

„Ich komme ganz gut mit meiner Thermoleggings und meinem Unterhemd aus. Aber vielleicht nehme ich dein Angebot morgen an, wenn es Zeit wird, die Waschmaschine anzustellen.“ Sie bekam ein schlechtes Gewissen. Sie spielte wirklich nicht fair. „Danke, dass du so nett bist und mich hierbleiben lässt.“

„Bedank dich nicht zu früh. Ich bin vielleicht kein Serienkiller, aber mein Bett trete ich dir noch lange nicht ab.“

Und wieder machte er Witze, wie vorhin bei seiner Strafpredigt dem Bären gegenüber. „Darum habe ich dich doch gar nicht gebeten.“

Allerdings konnte sie nicht abstreiten, dass schieres Begehren in der Luft knisterte – so feurig, dass vor ihrem inneren Auge Bilder erschienen, wie sie das Bett mit ihm teilte. Irgendetwas davon blitzte wohl in ihren Augen auf, denn seine weiteten sich, bevor er sie zusammenkniff und Naomi unverwandt musterte.

Ihre Haut prickelte vor Nervosität. Das war selten. Sie bekam sonst nie kalte Füße. Sie schluckte und versuchte, sich von der Hitze in seinen dunklen Augen zu erholen. „Das Sofa ist mir mehr als recht. Danke.“

Er ließ die vorderen beiden Stuhlbeine wieder auf den Boden sinken. „Schon gut, Naomi. Nimm das Bett. Ich arbeite ohnehin bis spät in die Nacht.“

„Aber …“

Die Worte erstarben auf ihren Lippen, als er den Kopf schüttelte. „Etwas anderes würde meine Mama mir nicht durchgehen lassen. Gute Manieren und so. Ich mache es mir auf dem Sofa gemütlich. Gute Nacht.“

Gute Nacht? Das ist unwahrscheinlich.

Als Naomi aufwachte, hatten ihre Beine sich in der hellbraunen Satindecke verfangen.

Über ihr war es dunkel, aber das hatte in Alaska nichts zu bedeuten. Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr, und … Heiliger Strohsack! Es war längst Morgen. Sie hatte fast neun Stunden wie ein Stein geschlafen. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht.

Wann gewöhne ich mich bloß an diese Schwangerschaftshormone?

Langsam setzte sie sich auf und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Statt Royce entdeckte sie nur den Hund, der unter dem Tisch döste. Der Laptop war nicht zu sehen. Offenbar ließ Royce ihn nicht unbewacht.

Hinter der Wand am Kopfende des Betts hörte sie die Dusche laufen. Das erklärte, wo ihr Mitbewohner war. Und obwohl sie beide im Laufe des Abends schon das Bad benutzt hatten, war das hier etwas anderes. Sich Royce nackt in der Duschkabine vorzustellen ließ ihr einen Schauer über den Rücken bis in die Zehenspitzen laufen.

Sie musste sich ablenken. Sofort.

Naomi schlug die Decke zurück. Ihre Leggings und ihr Unterhemd ruhten weich auf ihrer Haut. Ein Glück, dass das Wetter in Alaska einen zum Zwiebelprinzip zwang! So hatte sie genug anzuziehen, wenn sie länger als erwartet bleiben musste. Ihr Rucksack enthielt das Wichtigste, und sie weigerte sich, nur aus Eitelkeit ihren Schrank voller Kleider und Make-up herbeizuwünschen.

Konzentrier dich.

Solange sie etwas Privatsphäre hatte, würde sie telefonieren. Sie fischte ihr Handy aus der Tasche und rief ihren ältesten Bruder Broderick an. Seit ihr Dad in der Hochzeitsplanung steckte, war Broderick das De-facto-Familienoberhaupt. Ihr Vater hatte ihn angewiesen, dafür zu sorgen, dass die Steeles und die Mikkelsons zu einer Familie und einer Firma zusammenwuchsen. Sie mussten miteinander auskommen – oder ihre Aktien verkaufen und neu anfangen.

Broderick hatte zusammen mit Glenna Mikkelson die Aufgabe bekommen, die Finanzen zu regeln. Die beiden hatten ihre Affäre aus Collegezeiten wiederaufleben lassen. Jetzt waren sie verlobt und zogen Glennas Tochter gemeinsam groß.

Wenn Broderick und Glenna Liebe und Arbeit unter einen Hut bekamen, warum konnten ihr Vater und seine neue Freundin sich nicht auch stärker einbringen? Der Rest der Familie konnte den Aufsichtsrat kaum beruhigen – ganz abgesehen davon, dass die Geschwister beider Familien um die einflussreichsten Posten konkurrierten. Der einzige Mikkelson-Sohn, der nicht im Rennen zu sein schien, war Trystan, der die Ranch der Familie leitete und keinen Job wollte, in dem er einen Anzug tragen musste.

Naomi achtete weiter auf die Geräusche in der Dusche, während sie auf das Freizeichen lauschte. Es klingelte. Dann schaltete sich die Mailbox ein. Sie versuchte es noch einmal, hatte aber kein Glück.

Sie sah das Display an. Das Netz hatte nur einen Balken. Die Chancen, jemanden zu erreichen, standen schlecht. Seufzend wählte sie die Nummer ihrer Schwester Delaney, der Umweltschützerin in der Familie.

Nachdem es zweimal geklingelt hatte, nahm Delaney ab. „Wie läuft’s?“

Naomi spazierte zum Sofa, um die Badezimmertür besser im Blick zu haben. „Ich lerne ihn kennen, aber sein Hund ist redefreudiger als er.“

Delaney lachte. „Aber du sprichst immerhin mit dem großen Dr. Royce Miller. Das ist mehr, als sonst irgendjemand je geschafft hat. Ich bin beeindruckt.“

„Ich bin eben eine verdammt gute Anwältin.“ Sie legte mehr Aggressivität in ihren Ton, als sie empfand. Ihr ging die Energie aus. Was für eine seltsame Wendung ihre Expedition doch genommen hatte.

„Stimmt.“

„War das tatsächlich mal ein Kompliment?“, witzelte Naomi und ließ sich in die Vertrautheit des Gesprächs mit ihrer Schwester fallen. Sie hatte Glück, eine große Familie zu haben: drei Brüder und eine Schwester. Sie standen immer hinter ihr.

Aber beim Gedanken an ihre Familie erinnerte sie sich zwangsläufig auch an ihre Mutter und an ihre Schwester Brea, die nicht mehr da waren. Sie zu verlieren hatte eine Lücke in ihrem Herzen hinterlassen – und ein Bedürfnis nach Stabilität.

„Hey, bist du etwa verunsichert, Naomi?“ Delaneys Ton war alles andere als spöttisch. Eher verblüfft.

Die wenigsten wussten, dass die schüchterne Delaney eine viel größere Kämpfernatur war als Naomi. Delaney sagte Geschäftsleuten die Meinung, denen die Umwelt gleichgültig war. Die letzte Zielscheibe ihrer vernichtenden Kritik war der einflussreiche Investor Birch Montoya gewesen. Das war nicht unproblematisch, die Firma brauchte seine finanzielle Unterstützung – vor allem wenn sie Royces Veränderungspläne umsetzen wollte.

Falls Naomi Royce an Land ziehen konnte.

„Verunsichert? Niemals. Es ist nur schön, Bestätigung zu hören.“ Vor allem, weil sie sich derzeit selbst hinterfragte. So viele Veränderungen. So viele Hormone. Und sie hatte der Familie noch nichts von ihrem Baby erzählt. „Wie waren Dad und Jeannie gestern beim Abendessen? Tut mir leid, dass ich mich so früh zurückgezogen habe.“ Die Schwangerschaft machte sie schläfrig.

„Dad und Jeannie? Wie immer: wie Teenager, die ihre Hochzeit planen. Und sie lassen auch jetzt schon nichts anbrennen. An dem Tag, als Glenna und Broderick sie unter der Dusche erwischt haben …“

„Hör auf“, bat Naomi lachend. „Das Bild versengt mir das Gehirn.“

„Stell dir bloß vor, wir wären selbst dabei gewesen.“ Delaney kicherte. „Aber wenn es Dad und Mom gewesen wären, hätten wir es romantisch gefunden, trotz aller nackten Tatsachen …“

„Hörst du bitte auf, von nackten Leuten zu reden?“ Ihr Blick ging zurück zum Duschbereich. Zu Royce.

Sie ließ die heiße Stirn an die kühle Glaswand sinken. Die Lichter an der Grundstücksgrenze waren im Schneesturm kaum zu erkennen.

„Seit wann bist du so prüde?“

Aua, das tut weh. Aber das würde sie sich vor Delaney nicht anmerken lassen. „Du steckst ja auch nicht gerade mitten in einer heißen Affäre.“

Das Schweigen zwischen ihnen zog sich in die Länge.

Und machte Naomi stutzig. „Oder?“

„Mein Liebesleben ist zahm. Du hast nur eine blühende Fantasie, weil du deiner Freundin damals geholfen hast, Onlinedating-Profile aufzumotzen.“

Naomi hörte in der Stimme ihrer Schwester mehr als bloße Neckerei, aber es war nicht der beste Zeitpunkt nachzuhaken. „Wie kommst du damit voran, bei Birch Montoya Schönwetter zu machen?“

„Ich arbeite daran. Es fällt mir aber nicht leicht. Ich habe das Gefühl, dass wir Geld vom Teufel annehmen würden, wenn man bedenkt, wie er zu Umweltfragen steht.“

„Dann ist es umso wichtiger für mich, Royce an Bord zu holen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.“ Naomi biss sich auf die Lippen, bevor sie hinzusetzte: „Es ist alles so kompliziert.“

„In der Firma wie in der Familie.“ Delaney seufzte tief. „Es ist ja nicht so, dass ich nicht will, dass Dad in die Zukunft blickt. Ich habe bloß ein Problem damit, dass er sich ausgerechnet für ein Leben mit ihr entschieden hat.“

Anscheinend waren auch Jeannie Mikkelsons Kinder über diese Liebesgeschichte schockiert. Jeannies Mann war vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Aber die Familien waren schon länger verfeindet. Es hatte sogar Gerüchte gegeben, die Mikkelsons hätten bei dem Flugzeugabsturz, der Brea und ihrer Mutter zum Verhängnis geworden war, die Hand im Spiel gehabt. Die waren zwar völlig unglaubwürdig, aber den Investoren würde es schwerfallen, diese in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten zu vergessen.

Naomi spielte mit einer Haarsträhne. „Broderick heiratet auch eine Mikkelson, und sie haben ein süßes Baby.“ Ein Baby, das Glennas Mann mit einer Geliebten gezeugt hatte, kurz bevor sein Bauchspeicheldrüsenkrebs ihn dahingerafft hatte. Die Mutter hatte das Baby im Stich gelassen. Doch Glenna und Broderick liebten Fleur von ganzem Herzen und waren gerade dabei, sie offiziell zu adoptieren.

Naomi strich sich über den Bauch und fragte sich, ob ihr Kind eines Tages einen liebenden Vater haben würde.

„Fleur ist wirklich toll.“ Das Lächeln in Delaneys Stimme war nicht zu überhören.

„Sing ihr ein Schlaflied von Tante Naomi, ja?“

„Du bist total unmusikalisch.“

„Deshalb musst du es ja auch für mich singen.“ Die Dusche im Bad verstummte. Naomis Herz schlug bis zum Hals. Sie brauchte einen Plan, wie sie mit dem sexy Wissenschaftler umgehen sollte, wenn er herauskam. „Ich muss jetzt auflegen. Ich habe dich lieb!“

Sie stellte das Handy ab und beugte sich vor, um es in ihren Rucksack zu stecken. Dabei vergewisserte sie sich noch einmal, dass der Bildschirm mit einem Zugangscode gesichert war. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, als würde sie beobachtet. Sie warf einen Blick auf den Hund. Tessie schlief noch, und das hieß …

Naomi richtete sich langsam auf. Royce. Groß und wach und sexy stand er in einer tiefsitzenden Trainingshose da und trocknete sich die Haare. Er beobachtete sie. Sein Blick war so feurig, dass sie kaum dem Drang widerstehen konnte, mit dem Finger übers Glasfenster zu fahren, um festzustellen, ob Dampf daran kondensierte.

Delaney Steele hatte ein Geheimnis.

Sie steckte ihr Handy ein und hoffte, dass das, was sie tat, den Plan ihrer Schwester nicht torpedieren würde. Aber sie brachte es einfach nicht über sich, Naomi die Wahrheit zu sagen.

Sie stieg aus ihrem SUV und ging über den verschneiten Parkplatz auf das Steele-Hauptquartier zu. Der Wind peitschte frostig von den Bergen herunter. Sie schlug die Kapuze ihres Parkas hoch.

Vielleicht war Delaney zu gut darin, Dinge für sich zu behalten – mittlerweile tat sie es instinktiv. Etwa dass sie gar nicht so schüchtern war. Oder dass sie auf der High School den Freund ihrer Schwester geküsst hatte. Oder dass sie Angst vor Hunden hatte.

Oder dass sie bis heute Schuldgefühle hatte, überlebt zu haben.

Vor dem schicksalhaften Flug, der ihre Familie zerstörte, hatte sie so getan, als wäre sie krank. Ihre Mutter war ihr auf die Schliche gekommen. Delaney hatte sie angefleht zu bleiben. Aus einem albernen Grund: Sie hatte mit ihr Make-up kaufen gehen wollen. Naomi hatte angeboten, Delaney stattdessen zu begleiten. Ihre Mom und Brea waren zu ihrem Flug aufgebrochen – mit Verspätung. Wenn sie rechtzeitig dort gewesen wären …

Die Frage „Was wäre, wenn?“ konnte einem das Leben zur Hölle machen.

Die Tasche unter den Arm geklemmt senkte Delaney den Kopf und stapfte weiter. Die Eiskruste, die weder Streusalz noch Schneeschippen an einem klaren Morgen wie diesem entfernen konnte, knirschte unter ihren Stiefeln. Vorwärts war der einzige Weg, den sie kannte.

Sie war nicht das brave Mädchen, für das ihre Familie sie hielt. Durch ihren Einsatz für den Umweltschutz wollte sie Spuren hinterlassen und anderen Menschen ersparen, das Leid durchzumachen, das die Steeles erlebt hatten.

Sie hoffte nur, dass ihr Geheimnis Naomis sorgfältige Planung nicht über den Haufen warf. Denn Delaney steckte jetzt schon so tief in der Sache, dass sie nicht wusste, ob sie noch aufhören konnte, selbst wenn sie es versuchte.

3. KAPITEL

Royce hätte nie damit gerechnet, dass Thermounterwäsche an einer Frau verführerischer aussehen konnte als alle Dessous.

Nicht, dass er im Moment an eine andere Frau als Naomi denken konnte.

Und das war nicht gut, weil sie sich auf unbestimmte Zeit einen Ein-Zimmer-Iglu teilen mussten. Er konnte nicht zum Joggen nach draußen, um seinem aufgestauten sexuellen Begehren davonzulaufen. Der Schneesturm tobte immer noch. Es war schon schwer genug, Tessie zu überzeugen, nur kurz im Freien Gassi zu gehen. Sie sauste durch den Iglutunnel, brauchte draußen gerade einmal eine Sekunde und war in Rekordzeit wieder in der Hütte. Sie schüttelte sich die Flocken aus dem Zottelfell und sorgte so für ein Minischneetreiben im Haus.

Was für ein Pech, dass wir nicht einfach Winterschlaf halten können.

Gestern Abend hatte er den Blick abgewandt, als Naomi aus dem Bad gekommen war. Schon das Geräusch ihrer Bewegungen und ihr Geruch waren Ablenkung genug. Später hatte er ihr, auf dem Sofa ausgestreckt, beim Schlafen zugesehen. Sie hatte die Decke bis an die Schultern hochgezogen, aber das Mondlicht hatte ihr Gesicht beschienen.

Es war lange her, dass er mit einer Frau geschlafen hatte. Er bekam durchaus Angebote, aber in letzter Zeit dominierte die Arbeit sein Leben. Er hatte keine Zeit für eine Beziehung, da er bei seinen Forschungen kurz vor dem Durchbruch war, und das gerade noch rechtzeitig.

Es eilte, weil die Errichtung der Pipeline von Alaska durch Kanada nach Dakota früher als erwartet in Gang kam. Die Steele-Mikkelson-Fusion beschleunigte den Prozess. Der Hauptkonkurrent der beiden Firmen, Johnson Oil United, machte Druck. Und je erbitterter das Rennen wurde, desto größere Sorgen machte Royce sich. Die Johnsons schienen es sich ein bisschen zu einfach zu machen. Schon die kleinste Fehlberechnung konnte tödlich enden oder zu einer Umweltkatastrophe führen. Er konnte sich keine Ablenkung leisten.

Und Naomi war eine gewaltige Ablenkung.

Sie hatte etwas an sich, das er nicht benennen konnte, das ihm aber zu schaffen machte. Sie verbarg etwas. Bedeutete das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Er wusste es nicht.

Aber er wusste sehr wohl, dass er auf der Hut sein musste.

Er zog sein Sweatshirt über, das die Aufschrift MIT für das Massachusetts Institute of Technology trug. Als er sich weiter ins Zimmer wagte, spürte er ihren scharfen analytischen Blick.

„Du bist also in Alaska aufgewachsen?“, fragte er sie.

„Ja.“ Sie bog die Zehen in ihren Socken und setzte sich auf die Sofakante.

„Wärst du allein mit dem Bären fertiggeworden?“

„Höchstwahrscheinlich“, sagte sie lächelnd, wippte aber nervös mit den Knien. „Doch ich habe es genossen zuzusehen, wie du die Zügel in die Hand genommen hast.“

„Wie großzügig von dir.“ Sein trockener Tonfall verscheuchte ihr Lächeln.

Sie verlagerte ihre Sitzhaltung. So kamen ihre Kurven noch viel besser zur Geltung.

„Du scheinst ein großes Ego zu haben.“ Sie musterte ihn unverwandt.

Er ließ sich am Ende des Sofas nieder und sah forschend in ihre dunkelbraunen Augen. „Was ist wirklich los? Warum bist du hier?“

Sie starrte ihn ganze sechzig knisternde Sekunden lang an und sprang dann plötzlich auf. „Ich muss ins Bad.“

In aller Eile flüchtete sie, zog die Badezimmertür hinter sich zu und schloss ab.

Naomi war noch nie so froh über ein Schwangerschaftssymptom gewesen.

Im Moment musste sie mindestens doppelt so oft wie sonst ins Bad. Das machte die Situation hier etwas schwierig, aber als Royce ihr mit Fragen zugesetzt hatte, war sie froh gewesen, eine Ausrede zu haben, das Zimmer zu verlassen.

Sich die Zähne zu putzen half ihr, ihre benebelten Gedanken zu klären. Jetzt war sie völlig wach und hatte einen Plan.

Sie hatte beschlossen, ein kalkuliertes Risiko einzugehen.

Royce war ein Mann der Logik. Also wollte sie ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Skandalöse Bemerkungen hatten ihr in der Vergangenheit immer geholfen, Leute aus der Rese...

Autor

Kayla Perrin
<p>Kayla Perrin wollte schon immer Schriftstellerin werden, versuchte es jedoch zuerst mit einer Karriere als Lehrerin und studierte Englisch und Soziologie. Als nach ihrem Studium immer mehr Lehrer entlassen wurden und kein Job für sie in Aussicht war, entschied Kayla, sich ihren Traum vom Schreiben zu erfüllen. Kayla erhielt zahlreiche...
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Joanne Rock
<p>Joanne Rock hat sich schon in der Schule Liebesgeschichten ausgedacht, um ihre beste Freundin zu unterhalten. Die Mädchen waren selbst die Stars dieser Abenteuer, die sich um die Schule und die Jungs, die sie gerade mochten, drehten. Joanne Rock gibt zu, dass ihre Geschichten damals eher dem Leben einer Barbie...
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