Baccara Weekend Band 56

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ENDLICH DER RICHTIGE? von JANE SULLIVAN

Der Richtige ist Nick Chandler sicher nicht!, glaubt Sara. Vorm Mikro liefert sie sich mit dem frechen Radiomoderator ein heißes Wortgefecht über Sex und Liebe. Sara ahnt nicht: Nick will sie überzeugen, dass der Falsche genau der Richtige sein kann. Fürs neue Jahr – für immer?

BIS HIERHER UND NICHT WEITER von KATHERINE GARBERA

Stopp! Prestons Küsse und seine erregenden Berührungen haben Lily den Atem geraubt, aber nicht den Verstand. Sie zögert, mit ihm zur Silvestergala zu gehen. Denn dann würde sie sich wirklich dem Mann hingeben, für den Liebe offenbar nur in Romanen existiert …

LIEB MICH JETZT – DIE GANZE NACHT! von MICHELLE CELMER

In der Silvesternacht hat sich Carrie einem atemberaubenden Fremden hingegeben – der sich kurz darauf als ihr neuer Kollege Robert Caroselli entpuppt. Ob sich der impulsive Macho auf ein rein berufliches Verhältnis einlassen kann?


  • Erscheinungstag 13.12.2025
  • Bandnummer 56
  • ISBN / Artikelnummer 9783751531092
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jane Sullivan, Katherine Garbera, Michelle Celmer

BACCARA WEEKEND BAND 56

Jane Sullivan

1. KAPITEL

Er ist ein Draufgänger auf dem Motorrad, ein Rebell, ein sorgloser Herzensbrecher oder ganz einfach ein geheimnisvoller Mann.

Er ist der attraktive Athlet mit dem göttlichen Körper oder ein tätowierter Rowdy. Er ist verführerischer Charmeur oder introvertierter Einzelgänger, eifersüchtig und besitzergreifend. Er lockt dich mit seinem Charisma an und hält dich zugleich auf Distanz.

Vom Jagdfieber gepackt, versuchst du, ihn mit Herz und Seele einzufangen, und spürst ihn dir entgleiten, wie Sand, der durch deine Finger rinnt.

Wider besseres Wissen erliegst du seiner Verlockung in der irrigen Annahme, den Rätselhaften zu zähmen. Und sobald er sein Ziel erreicht hat, lässt er dich fallen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Sara Davenport kannte solche Männer in- und auswendig. Sie konnte ihre Charaktere mit all ihren Macken, den üblichen Spielchen und Lügen mit Kapitel- und Zeilenangabe zitieren. Schließlich hatte sie es geschrieben, das Buch über „Die Jagd nach den bösen Jungs“. Der Titel war ihr ein bisschen unangenehm, aber gegen Erfolg ließ sich schlecht argumentieren.

Sie trank einen Schluck Kaffee, lehnte sich auf dem Sofa in ihrem Büro zurück und breitete den Terminplan auf dem Schoß aus. Karen, die neben ihr saß, las in ihrem eigenen Kalender und unterstrich die Termine für die kommende Woche.

„Ich habe für Mittwoch- und Donnerstagabend eine Signierstunde eingeplant“, sagte Karen. „Die findet hier in Boulder statt. Du hast also keine Anreise.“ Sie blätterte weiter. „Ich habe ein Telefoninterview mit einem Regionalmagazin in Charleston für dich arrangiert. Der Reporter schickt dir noch eine E-Mail wegen der genauen Zeit. Und am Freitagabend habe ich für dich einen Internetchat mit einer Lesergruppe aus Spokane vereinbart.“

Sara machte sich Notizen. „Du hältst mich ganz schön auf Trab.“

Karen erwiderte lächelnd: „Das muss sein. Nur so wirst du allgemein bekannt.“

Sara wusste, dass sie den raschen Erfolg ihres Buches vor allem dem PR-Geschick ihrer Freundin verdankte. Karen kannte die Zeitungen und Magazine, die Vorabdrucke bekommen mussten, damit über das Buch geschrieben wurde. Und Karens Vorschlag, eine kleine Vorlesungsreihe mit Signierstunde abzuhalten, hatte ihr viele neue Leser eingebracht und ein Porträt in der Zeitschrift Cosmopolitan.

Mit gerade mal dreißig war Sara zu ihrer eigenen Verwunderung beruflich am Ziel ihrer Träume.

Ursprünglich sollte ihr Buch nur eine Erweiterung ihrer Dissertation sein, eine ernsthafte Abhandlung über die psychologischen Gründe, warum Frauen sich zu bestimmten Männern hingezogen fühlten. Aber ein Jahr und drei Überarbeitungen und später war daraus ein populärwissenschaftlicher Ratgeber mit interessantem Titel geworden.

„Die Jagd nach den bösen Jungs“ erschien bereits in dritter Auflage, und ihr Verleger verlangte ein neues Buch von ihr. Durch den Erfolg erreichte sie mit ihren Thesen ein weit größeres Publikum, als sie das mit ihrer psychologischen Privatpraxis oder durch ihre Seminare je geschafft hätte.

„Ach ja, da ist noch was“, sagte Karen. „Ich habe heute Morgen mit dem Programmdirektor vom Lokalsender KZAP gesprochen.“

Sara merkte auf. „Wozu denn das?“

„Um dich für eine Radiosendung zu buchen.“

Sara war nicht gerade begeistert. „Radio? Danke, das ist nichts für mich.“

„Aber durch eine Radiosendung erreicht man eine Menge Leute. Und sie hat den unschätzbaren Vorteil, kostenlos zu sein.“

„Trotzdem. Radio ist unkalkulierbar. Man sagt zu schnell das Falsche und blamiert sich.“

„Komm schon, Sara. Du redest doch ständig vor Publikum.“

„Ja, ich halte Seminare ab. Da habe ich meine Notizen, und ich bin die Chefin im Ring. Ich mag diese unvorhersehbaren Situationen nicht, die riechen geradezu nach Katastrophe.“

„Du beherrschst das Thema, und du bist eine tolle Rednerin. Was zögerst du?“

„Ich will einfach nicht …“ Sara hielt inne. „Warte mal. KZAP? Ist das nicht der Sender mit Dr. Frieda?“

„Richtig.“

Ihr Buch auf medizinischer Grundlage zu diskutieren, auf physiologische Aspekte der Attraktivität einzugehen und Hörerfragen zu beantworten war vielleicht doch keine so schlechte Idee.

„Aber ich habe dich für die Sendung von Nick Chandler gebucht“, gestand Karen.

„Wie bitte?“, fragte Sara fassungslos.

„Okay, ich wusste, dass du ausflippst. Aber es wäre eine super Publicity.“

„Mein Buch in der Sendung von Nick Chandler vorzustellen? Bist du noch bei Trost?“

„Zugegeben, das klingt ein bisschen seltsam, aber …“

„Ein bisschen ist gut! Karen weißt du, was für Typen der in seiner Sendung interviewt? Kerle, die sich brüsten, mit tausend Frauen geschlafen und für jede eine Kerbe im Bettpfosten zu haben, oder Bardamen aus Oben-ohne-Clubs.“

„Ja, ich hab’s gehört. Aber …“

„Und dann war da noch der Typ mit der Website, wie man bei Bräuten punktet.“

Karen hob eine Hand. „Ich weiß, ich weiß, da kommt eine Menge Machogehabe zusammen, aber …“

„Ich habe die Klatschspalten gelesen. Ich kenne Nick Chandlers Ruf als Ladykiller.“

Karen zuckte die Schultern. „Na ja, er ist umtriebig.“

„Gelinde ausgedrückt. Gegen den ist der Typ mit den tausend Kerben im Bettpfosten ein Waisenknabe.“

„Und genau deshalb musst du in seine Sendung gehen.“

Sara atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Publicity war schön und gut, aber nicht um den Preis, dass sie mit einem Obermacho wie Nick Chandler reden musste.

„Tut mir leid, Karen, die Sendung mache ich nicht. Ruf den Produzenten an und sag ab.“

„Obwohl Nick Chandler hunderttausend Zuhörer hat?“

„Soll das heißen, hunderttausend Leute wollen diesen Mist hören?“, fragte Sara verblüfft.

„Wollen sie.“

„Garantiert Männer, und die haben kein Interesse an meinem Buch.“

„Von wegen. Zweiunddreißig Prozent sind Frauen, im Alter von achtzehn bis fünfunddreißig. Das heißt, zweiunddreißigtausend Frauen schalten am Donnerstagnachmittag die Sendung ein, ob du dabei bist oder nicht.“

„Warum tun die sich das an?“

„Sara, die schalten wegen Nick Chandler ein.“

„Ach, komm schon, was können Frauen an so einem Mann finden?“

„Diese Frage hast du in deinem Buch beantwortet.“

„Einen Punkt für dich.“

„Hast du ihn schon mal gesehen?“ Da Sara verneinte, beugte Karen sich zum Laptop auf dem Kaffeetisch vor, tippte etwas ein und drehte ihr den Bildschirm hin.

Mein lieber Schwan! dachte Sara, als sie auf der Website von KZAP einen freundlich und offen lächelnden Nick Chandler in seinem Studiosessel sitzen sah, das Mikro vor dem Mund. Das dichte braune Haar reichte ihm im Nacken bis auf den Kragen, und seine Augen waren von einem strahlenden Blau. Er wirkte charmant, doch die Körpersprache verriet auch ein übersteigertes Ego. Er war der draufgängerische Frauentyp, der es gewohnt war, dass man ihm erlag.

Zweifellos wurde er seinem Ruf als freiheitsliebender charmanter Ladykiller gerecht. Und bei dem Aussehen konnte er wohl den meisten Frauen gefährlich werden.

Sara wandte den Blick ab. „Er sieht ganz anständig aus.“

Karen ließ sich gegen die Sofalehne fallen. „Machst du Witze? Ich tausche jedes Sexspielzeug in meinem Nachttisch gegen fünfzehn Minuten mit diesem Mann.“

„Tatsächlich? Und was bleibt dir in der sechzehnten Minute?“

„Ein fantastisches Nachbeben.“

Sara verdrehte die Augen.

„Ich will ihn ja nicht gleich vor den Traualtar schleppen“, fuhr Karen fort. „Ich will nur fünfzehn Minuten wilden hemmungslosen Sex mit ihm.“

„Du kennst wenigstens den Unterschied zwischen dem Mann für eine Nacht und dem fürs Leben. Viele Frauen kennen ihn nicht. Sie bilden sich ein, die Einstellung solcher Typen zu Frauen ändern zu können. Und das ist ein fataler Irrtum.“

„Dann sag es ihnen, Sara!“

„Damit mir Nick Chandler jedes Wort im Munde umdreht?“

„Mit etwas Glück macht er genau das.“

„Ich höre wohl nicht recht!“

„Kontroversen verkaufen sich gut“, betonte Karen. „Wenn ihr in den Clinch geht, ist das ein gefundenes Fressen für die Presse. Braves Mädchen trifft bösen Buben, etwas in der Art.“

„Wie gesagt, ich bin nicht interessiert.“

„Was ist los? Hast du Angst, du könntest bei ihm den Kürzeren ziehen? Weil es Männer wie ihn gibt, hast du dein Buch geschrieben, und jetzt hast du Angst, den Stier bei den Hörnern zu packen?“, fragte Karen hinterhältig lächelnd.

„Habe ich nicht.“

„Gut, denn dazu besteht kein Grund. Bei deinem IQ überflügelst du ihn um mindestens dreißig Punkte.“

„Woher weißt du das?“

„Weil du jeden um dreißig Punkte überflügelst.“

„Danke für das Vertrauen, aber ich mache die Sendung trotzdem nicht.“

Karen lehnte sich seufzend zurück. „Okay. Wenn du es so willst.“

„Will ich.“

Karen trommelte mit den Fingern auf den Terminkalender und stellte mit beiläufigem Achselzucken fest: „Es ist natürlich auch viel bequemer, deine Thesen einfach zu predigen.“

„Was soll das denn heißen?“

„Du kannst weiterhin vor Frauen referieren, die üppig löhnen, um von dir zu hören, was sie sowieso schon wissen. Oder du rüttelst ein paar verirrte Seelen wach, indem du den Teufel direkt angehst.“

Karen hatte recht. Frauen zu helfen, die wussten, dass sie Hilfe brauchten, war keine große Kunst. Aber wer half denen, die es nicht wussten? „Bist du sicher, dass so viele Frauen seine Sendung hören?“

„Ja, über dreißigtausend.“

„Nick Chandler ist natürlich genau der Typ Mann, vor dem sie sich hüten sollten.“

„Richtig. Aber sie fliegen auf ihn, also braucht jede einzelne schmachtende Frau dich und deinen Rat. Gibt es eine bessere Möglichkeit, deine Zielgruppe zu erreichen?“

Sara fürchtete immer noch, dass es ein Fehler war, diese Sendung zu machen. Andererseits hatte Karen ihr noch nie einen falschen Rat gegeben. Ihre PR-Ideen waren unschlagbar … wie ihre Überredungskunst.

„Ich komme natürlich mit“, sagte Karen, „um dich moralisch zu unterstützen.“

„Okay“, stimmte Sara schließlich zu. „Ich mach’s.“

„Gott sei Dank bist du drauf reingefallen“, freute Karen sich erleichtert.

„Worauf?“

„Auf mein Getue, ich hätte nur deine PR-Interessen im Sinn. Eigentlich wollte ich nur Nick Chandler kennenlernen.“

„Um dir deine fünfzehn Minuten zu sichern?“

„Keine Bange. Ich lasse dir den Vortritt. Aber wenn er dir nicht gefällt, schick ihn zu mir.“

„Komm schon, Karen, wir sind beide zu klug, um auf so einen reinzufallen.“

„Ja, leider“, bestätigte Karen seufzend. „Deshalb wünsche ich mir ja manchmal, ein kleines Dummerchen zu sein.“ Sie sah auf die Uhr. „Ich muss los. In Kellys Bar wartet ein Hocker auf mich.“ Sie schloss ihren Terminkalender und stand auf. „Du hast heute keine Termine mehr. Warum kommst du nicht mit?“

„Geht nicht. Ich muss nach Hause und mein Gehirn martern. Ich brauche ein Konzept für mein nächstes Buch, und mir fällt nichts ein.“

„Dasselbe Thema, eine andere Perspektive?“

„Ja, so hätte mein Lektor es gern, aber ich weiß nicht, wie ich es anpacken soll.“

„Ein paar Martinis brechen vielleicht die Blockade.“

„Ohne mich.“

„Sei kein Frosch, Sara. Wann waren wir zwei das letzte Mal nach der Arbeit etwas trinken?“

„Ich hatte viel zu tun. Dank dir.“

„He, ich bin sehr für harte Arbeit. Aber man braucht auch Entspannung. Außerdem brauchst du mal wieder einen Mann.“

„Du weißt, ich mache mir nichts aus flüchtigem Sex.“

„Dann mach es eben nicht flüchtig, sondern so, wie es dir guttut.“

„Wie sind wir eigentlich Freundinnen geworden?“

„Das weißt du ganz genau. Wir haben die Hölle der Highschool zusammen durchlitten. Und da wir gerade von unserer Jugend sprechen, wie geht es überhaupt deiner Mutter?“

„Wir haben uns vor ein paar Tagen zum Lunch getroffen. Es läuft ganz gut zwischen uns, seit sie wieder hier ist.“

„Dann hat sie diesen Kerl in St. Louis tatsächlich für immer verlassen?“

„Sieht so aus. Diesmal werden es schöne Feiertage, Karen. Sie kommt nächste Woche an Heiligabend zu mir, und wir verbringen den ersten Weihnachtstag zusammen.“

„Gut“, erwiderte Karen mit leicht gezwungenem Lächeln. „Das ist gut.“

Sara bemerkte ihre Skepsis, die früher berechtigt gewesen war, inzwischen aber nicht mehr. „Es sind drei Monate vergangen. Ich glaube, meine Mutter sieht, was Männer angeht, endlich wieder klar.“

„Du bist die Psychologin, ich glaube dir.“ Karen sah noch einmal auf die Uhr. „Huch, die Happy Hour fängt ohne mich an.“ Sie eilte zur Tür.

„Danke für deine Hilfe, Karen.“

„Halte dich an mich, Darling, und ich mache dich zum Star.“ Sie warf Sara noch ein paar theatralische Kusshände zu und verschwand.

Sara blickte auf den Computerbildschirm. Allmächtiger, auf was hatte sie sich da nur eingelassen? Nick Chandler schien sie herausfordernd anzulächeln, als lauere er nur darauf, dass sie ihm ins Netz ging.

Als Profi am Mikrofon war er im Gegensatz zu ihr bestimmt gut im Improvisieren und lenkte eine Unterhaltung in die von ihm gewünschte Richtung. Ihre Gedanken schweiften womöglich ab, wenn sie in diese strahlenden blauen Augen sah. Ob sie ihn ablenken würde, fand sie eher zweifelhaft.

Aber sie hatte eine Mission zu erfüllen. Dreißigtausend Frauen hörten ihr am Donnerstag zu, und viele von denen jagten dem falschen Mann hinterher. Sie würde ihnen den richtigen Weg zeigen und nebenbei Nick Chandler eine Lektion erteilen.

Am Donnerstag vertrat Sara diese Überzeugung noch mit derselben Entschlossenheit, mit der eine Bulldogge ihren Knochen verteidigt. Leider war Saras Magen nicht ihrer Meinung und rebellierte seit Stunden. Zu allem Überfluss fiel auf dem Weg zum Sender auch noch der angekündigte Schnee in dichten Flocken, sodass Sara und Karen fast zu spät kamen. Sara blieb keine Zeit, sich zu sammeln. Sie war ein Nervenbündel, als sie sich in der Lobby des Senders beim Empfang meldeten. Sie klopfte den Schnee vom Mantel, zog ihn aus und hielt sich regelrecht daran fest.

„Jetzt mach nicht so ein angespanntes Gesicht“, tadelte Karen.

Sara schloss kurz die Augen. „Ich habe dir ja gesagt, dass ich die Sendung nicht machen will.“

„Lass bloß Nick Chandler deinen Angstschweiß nicht sehen.“

„Ich habe heue doppelt wirksames Deo benutzt!“

„Würdest du dich jetzt bitte entspannen! Bring deine Botschaft rüber, aber mit Humor.“

Wie sollte sie Spaß haben, wenn sie zum Schafott ging? Kurz darauf kam ein Mittvierziger in die Halle: schütteres Haar, schmutzige Kakihose und Sweatshirt.

„Das muss der Produzent sein“, flüsterte Karen. „Du bist gleich dran. Und dann rede gefälligst in deiner Muttersprache.“

„Und das heißt?“

„Wenn du nervös bist, redest du Fachchinesisch. Vermeide komplizierte Worte, sprich ganz natürlich.“ Sie strich über Saras Arm. „Ich warte hier draußen auf dich.“

Entspann dich, bleib ruhig, konzentriere dich auf deine Botschaft! Das konnte schwierig werden.

Der Mittvierziger stellte sich als Butch Brannigan vor. Nachdem er Saras Mantel an eine Garderobe gehängt hatte, führte er sie einen langen Flur hinunter. Als er die Studiotür aufmachte, bekam Sara Herzklopfen. Sie hatte geglaubt, für die Begegnung mit Nick Chandler gewappnet zu sein. Leider wurde ihm das Foto auf der Webseite nicht annähernd gerecht.

In Jeans und einem verwaschenen Baumwollpulli über einem weißen T-Shirt, dazu Stiefel, die aussahen, als käme er damit aus dem Krieg, und einem Bart, der in den letzten Tagen keinen Kontakt mit einer Rasierklinge gehabt hatte, wirkte er ausgesprochen lässig. Und dann diese Augen. Ach, du liebe Güte, im Kampf der Geschlechter waren das tödliche Waffen.

Nick Chandler erhob sich, als sie eintrat. „Hallo, Sie müssen Sara sein.“

„Ja.“ Sie reichte ihm die Hand. „Ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“

„Nein“, entgegnete er galant lächelnd und umschloss ihre Hand mit seiner, sodass Saras Haut zu prickeln begann, „das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.“ Er zog ihr einen Stuhl heran. „Setzen Sie sich. Wir sind gleich dran.“

Seine tiefe wohltönende Stimme passte perfekt zum verführerischen Lächeln und dem unglaublich guten Aussehen. Alles zusammen war eine pralle Ladung pure Versuchung, die eine schwache Frau mit wenig Selbstwertgefühl zur Liebessklavin mutieren lassen konnte. Glücklicherweise war Sara nicht schwach, und ihr Selbstwertgefühl ließ nichts zu wünschen übrig. Nick Chandler musste die Position der Liebessklavin woanders besetzen.

Butch verließ den Raum und ging in den Glaskasten jenseits der Studioscheibe. „Dreißig Sekunden, Nick.“

Sara setzte sich, und Nick reichte ihr einen Kopfhörer. Nachdem sie den aufgesetzt hatte, faltete sie die Hände vor sich auf dem Tisch. Als sie merkte, wie angespannt das wirkte, legte sie die Hände in den Schoß.

„Nervös?“, fragte Nick.

Sara wandte sich ihm zu. „Nein, kein bisschen.“

„Waren Sie schon mal im Radio?“

„Nein. Das ist meine erste Sendung.“

„Aha, eine Radiojungfrau.“ Er lächelte aufmunternd. „Keine Sorge, ich bin ganz sanft.“

Bei dieser Anspielung machte ihr Herz einen kleinen Sprung. „Ich habe schon viele Interviews gegeben.“ Sie setzte eine unbekümmerte Miene auf. „Das hier ist nur eines mehr, richtig?“

Er nickte immer noch lächelnd. „Richtig.“

Angenehmer Tonfall, freundlicher Ausdruck, zurückhaltende Körpersprache. Alles an ihm sagte: Du kannst mir vertrauen. Trotzdem hatte Sara Angst. Sie hatte seine Sendungen gehört und kannte seinen Standpunkt. Ein Exemplar ihres Buches lag neben ihm auf dem Tisch, und sie fragte sich, ob er mehr als den Klappentext gelesen hatte.

Nick betätigte einen Knopf an der Konsole und beugte sich zum Mikro vor.

„Als Nächstes hat Dr. Sara Davenport, Autorin des Buches ‚Die Jagd nach den bösen Jungs‘, auf dem heißen Stuhl Platz genommen. Hallo, Sara. Schön, dass Sie heute zu uns kommen konnten. Ich darf Sie doch Sara nennen? Wir geben uns hier nicht förmlich.“

Sie hätte sich gern hinter ihrem Doktortitel versteckt, wollte aber nicht steif wirken. „Natürlich dürfen Sie mich Sara nennen, wenn ich Nick sagen darf.“

„Sie dürfen mich nennen, wie Sie wollen“, erwiderte er mit strahlendem Lächeln, dass es Sara warm durchlief.

Reiß dich zusammen, Mädchen!

„Sara geben Sie uns doch eine kurze Zusammenfassung Ihres Buches, damit wir darüber reden können.“

Sie atmete durch. Also los.

„Die These meines Buches ist, dass manche Frauen gewissen Männertypen nicht widerstehen können. Den Athletischen aus dem Sportstudio mit den begehrenswerten Körpern, den Geheimnisvollen, die auftauchen und wieder verschwinden, und den blendend Aussehenden, die es bei jeder probieren und schon die Nächste anbaggern, sobald man ihnen den Rücken zukehrt. So anziehend solche Männer auch wirken, sie sind meist unreif, rücksichts- und verantwortungslos und haben Frauen rein gar nichts zu bieten.“

„Oha! Und auf wie viele Männer trifft das Ihrer Meinung nach zu?“

Sara stutzte verblüfft. Sollte sie etwa mit Zahlen aufwarten? „Das weiß ich nicht genau. Natürlich sind nicht alle Männer so.“

„Demnach sind auch ein paar Gute darunter.“

„Natürlich.“

„Also sind es nur wenige, die eine Menge Probleme bereiten.“

„Ich behaupte nicht, dass sie eine Menge Probleme bereiten, es ist nur …“

„Sara, Sie haben ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Also muss es eine Menge Probleme geben. In diesem Land fällen wir keine Bäume nur so zum Spaß.“

Sie schaute ihn verunsichert an. Was sollte das denn jetzt? Sollte sie den Holzfäller verteidigen, der die Bäume gefällt hatte, aus dem das Papier war, worauf sie ihre Gedanken drucken ließ?

„Okay kreisen wir das Problem ein“, schlug Nick vor. „Worin sehen Sie das größte Problem, wenn brave Mädchen auf böse Jungs fliegen?“

„Frauen glauben, männliche Denkweisen verändern und Männer zu etwas machen zu können, das sie nicht sind.“

„Demnach sind Männer starr in ihrem Verhalten?“

„Einige bestimmt.“

„Und Frauen sind das nicht?“

„Doch, einige Frauen schon.“

„Aber Frauen sind starr bei den richtigen Dingen, oder.“

„Nick, wir reden hier von Männern, die nicht daran denken, Bindungen einzugehen. Trotzdem sind die Frauen hinter ihnen her.“

„Weil sie die Herausforderung lieben?“

„Ja, genau.“

„Und Sie tun das nicht, Sara?“

„Was?“, fragte sie begriffsstutzig. Nick Chandler schien ihre Hirntätigkeit zu stören.

„Mögen Sie keine Männer, die eine Herausforderung darstellen?“, wollte er wissen.

Sara wurde unsicher. „Es geht hier nicht um mich.“

„Natürlich. Sie sind doch eine Frau, oder?“

„Ja. Schon. Aber …“

„Wollen Sie mir erzählen, dass Sie sich nie für einen dieser bösen Buben interessiert haben?“

„Natürlich nicht.“

„Vielleicht aus Mangel an Gelegenheit?“, fragte er provokant.

Reiß dich zusammen, oder er nimmt dich hier auseinander, ermahnte Sara sich, als sie spürte, dass seine Attraktivität sie verwirrte.

„Der Kern des Problems liegt in der körperlichen Reaktion von Frauen“, erklärte sie. „Sie empfinden es als besonders aufregend, mit einem Mann zusammen zu sein, von dem sie wissen, dass sie ihn nicht haben können. Es ist der Reiz des Unerreichbaren, der sie körperlich anzieht.“

„Körperlich?“, wiederholte Nick und sein Blick wanderte genüsslich über Saras Körper. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Ihnen folgen kann.“

Das war gelogen. Er folgte jedem Wort, jedem Atemzug und jedem Wimpernschlag. Er war die charmante Version des bösen Buben, der sich harmlos gab und mit Charme sein Opfer entwaffnete, um die Oberhand zu gewinnen. Sie durchschaute ihn, trotzdem machte er sie nervös.

„Es ist eine körperliche Reaktion“, sagte sie. „Die Wahrnehmung ist geschärft und der Pulsschlag erhöht.“ Nick Chandler nickte trotz verwirrter Miene.

„Es kommt zu einer verstärkten Tätigkeit der Neurotransmitter“, fuhr Sara fort, und Nick Chandler hob die Brauen, „und zu einer Erweiterung der Blutgefäße, sodass die Haut sich rötet. Dann werden die Schweißdrüsen angeregt …“

Nick unterbrach sie mit erhobener Hand. „Moment, Moment, Sara, ich fürchte ich kann Ihnen nicht folgen mit diesem ganzen … was auch immer.“

Fachchinesisch! Hatte Karen sie nicht ausdrücklich gewarnt? „Ich möchte lediglich zum Ausdruck bringen …“

„Sie möchten zum Ausdruck bringen …“, fiel er ihr ins Wort, beugte sich zu ihr herüber und zog das Mikro mit, „dass böse Buben brave Mädchen heißmachen. Richtig?“

Seine wunderbaren Augen sahen sie mit der Intensität von Laserstrahlen an. Plötzlich raste Saras Puls. Röte überzog ihr Gesicht, und sie hatte plötzlich feuchte Hände.

Sie räusperte sich und erwiderte: „Ich sage nur, dass Frauen bei solchen Männern körperliche Reaktionen haben, die schwer zu ignorieren sind.“

Ja, nicht wahr? schien sein Lächeln zu bestätigen.

„Es ist doch so: Wenn Männer mit den falschen Frauen zusammen sind, wissen sie das genau und betrachten es als Affäre. Frauen hingegen versuchen, Männer in ihrem Sinn zu verändern, was natürlich nie gelingt.“

„Ob es Ihnen gefällt oder nicht, Sara, Frauen wollen diese bösen Jungs, obwohl sie das Gegenteil behaupten. Angeblich wollen sie jemanden mit guten Manieren, der unaufgefordert den Müll runterbringt und sich mit ihrer Mutter versteht. In Wahrheit sehnen sie sich nach einem aufregenden geheimnisvollen Mann, den sie nie ganz durchschauen und dem sie atemlos hinterherlaufen. Sie wollen jemanden mit erotischer Ausstrahlung, der sie antörnt. Sie wollen jemanden, der ihnen … gefährlich wird“, fügte er verführerisch lächelnd hinzu.

Sara sah ihn mit offenem Mund an, doch es kam kein Ton heraus. Offenbar ein Kurzschluss im Sprachzentrum.

Nick blickte auf die Konsole. „Junge, Junge, alle Lampen brennen. Die Leitungen laufen heiß. Hören wir mal, was unsere Hörer dazu sagen.“ Er drückte einen Knopf. „Da ist Andy aus Alto Linda. Hallo, Andy. Was gibt’s?“

„Du hast sie noch nicht bewertet“, sagte Andy. „Ich bin ganz heiß drauf.“

Bewertung? dachte Sara. Was soll das denn?

„Ja, du hast recht, Andy. Danke, dass du mich daran erinnerst. Ich hole das sofort nach.“

Auf Saras fragenden Blick erklärte er: „Meine Hörer möchten wissen, wie Sie aussehen.“

„Ich sehe da keine Relevanz …“, begann sie abweisend.

„Für die Hörer ist es relevant, glauben Sie mir.“

Er kippte den Sessel nach hinten, legte die Füße auf den Tisch und zog sich das Mikro vor den Mund. „Okay, Leute, dann erzähle ich euch mal, was ich hier sehe. Sara Davenport ist mittelgroß, hat langes braunes Haar und herrliche grüne Augen. Jedenfalls glaube ich, dass sie grün sind. Durch die Spiegelung der Brillengläser ist das schwer zu erkennen.“

Sara schürzte lediglich die Lippen.

„Keine Bange, Sara“, fuhr Nick fort, „dafür gibt es keinen Punktabzug.“ Mit einem erotischen Unterton fügte er hinzu: „Entgegen anderslautenden Behauptungen finden Männer Frauen mit Brille durchaus attraktiv.“

Sara saß nur da und konnte nicht fassen, dass er all das vor hunderttausend Zuhörern sagte.

„Und ich schätze, sie ist so ungefähr …“ Nick machte eine nachdenkliche Pause. „So ungefähr zweiunddreißig?“

Unwillkürlich zog sie die Brauen zusammen.

„Oh, oh“, sagte Nick. „Das beschert mir gerade einen bösen Blick. Bei der Anzahl ihrer akademischen Titel war ich von einem gewissen Alter ausgegangen. Aber sie ist wohl besonders klug. Versuchen wir es also mit achtundzwanzig.“

Wieder irrte er sich um zwei Jahre, doch Sara ließ ihn. Sie wollte keinesfalls durch eine Korrektur den Eindruck erwecken, was er sagte, sei ihr wichtig.

„Okay, dann also achtundzwanzig“, wiederholte er und betrachtete sie von oben bis unten. „Vermutlich hat sie ganz hübsche Beine, aber da sie eine Wollhose trägt, ist das pure Spekulation. Und jetzt nach oben.“ Sein Blick lag so ungeniert auf ihren Brüsten, dass Sara beinahe die Arme verschränkt hätte. „Leider hat sie alles Hautenge heute zu Hause gelassen. Und die zugeknöpfte Baumwollbluse behindert den Blick.“

„Also, wie viele Punkte gibst du ihr?“, wollte Andy wissen.

Nick seufzte. „Auf einer Skala von eins bis zehn kann ich ihr leider nur eine Sechs geben.“

Sara fragte mit aufgerissenen Augen: „Eine Sechs?“ Verflixter Mist! Nick hatte ihr den Köder hingeworfen, und sie hatte ihn geschluckt, obwohl sie sein Manöver durchschaute.

„Moment, Sara“, fuhr Nick fort, „lassen Sie mich das klarstellen. Ich bin mir sicher, dass unter Ihrer Kleidung eine Zehn schlummert. Aber da ich nicht alles sehe, kann ich es nur vermuten. Wenn Sie sich entschließen könnten, einiges von der Wolle und der Baumwolle abzulegen, könnte ich eine Neubewertung vornehmen.“

Sara war sprachlos. Glaubte er ernsthaft, sie ziehe das in Betracht wie die Stripperinnen aus seinen berüchtigten Interviews?

Leider stellte sie sich bildlich vor, wie sie einiges vor ihm ablegte. Oh nein! Warum spielte ihr die Fantasie jetzt auch noch Streiche?

„Macht nichts, Sara“, verkündete Nick. „Zensuren sind ja nicht so wichtig. Nehmen wir noch ein paar Anrufe entgegen.“ Er drückte wieder einen Knopf auf der Konsole. „Ich habe Tawny aus Forest Heights in der Leitung. Hallo, Tawny, willkommen in der Sendung.“

„Meine Frage geht an Sara.“

Sara richtete sich auf und straffte die Schultern. Endlich eine Hörerin mit einer ernsthaften Frage. Sie beugte sich zum Mikro vor. „Ja, bitte.“

„Ich habe Nick nie persönlich gesehen“, begann Tawny. „Sieht er so fantastisch aus wie auf der Webseite?“

Sara blickte Nick an, der höchst selbstzufrieden lächelte. Was sollte sie tun? Bejahte sie die Frage, wurde er noch überheblicher. Bestritt sie es, wuchs ihr vom Lügen eine lange Nase wie Pinocchio. Aber sie konnte Feuer mit Feuer bekämpfen. Sara nahm das Mikro. „Hallo, Tawny. Um Ihre Frage zu beantworten, nehme ich besser auch eine Beschreibung vor.“ Sie betrachtete Nick, der sie, in seinem Sessel zurückgelehnt, herausfordernd anlächelte.

„Nick Chandler ist ein Mann, dem die Frauenherzen zufliegen. Als die Attraktivität verteilt wurde, hat er eine doppelte Portion abbekommen. Sein Lächeln ist so strahlend, dass es ganze Städte erhellen könnte. Sein athletischer Körper würde jeder olympischen Gottheit zur Ehre gereichen, und vermutlich hat sich so manche Frau ein Schleudertrauma zugezogen, als er an ihr vorbeiging, weil sie sich den Hals nach ihm verrenkt hat.“

Ein breites Grinsen erschien auf Nicks Gesicht. Er beugte sich zu seinem Mikro vor. „Tawny, ich muss sagen, diese Frau weiß, wovon sie spricht.“

„Moment, Nick“, sagte Sara. „Ich bin noch nicht fertig.“

„Oh, tut mir leid“, meinte er. „Habe ich Sie unterbrochen?“

Sara ging wieder näher ans Mikro. „Wegen seiner Wirkung musste er vermutlich nie irgendwelche inneren Qualitäten entwickeln. Deshalb moderiert er eine Radiosendung, die allein auf seinem Image als Frauenheld und seiner anziehenden, wenn auch mit Fehlern behafteten Persönlichkeit beruht. Sein Verhältnis zu Frauen dürfte von Egoismus und Oberflächlichkeit geprägt sein. Einer wie er würde niemals fragen: ‚War es für dich auch schön?‘, weil er sich nicht vorstellen kann, eine Frau nicht befriedigt zu haben. Und während sie sich Gedanken über eine gemeinsame Zukunft macht, überlegt er, wie viel Bier noch im Kühlschrank steht. Ohne ihn mit der Aufforderung zum Ausziehen zu demütigen, um mich zu vergewissern, dass er die Zehn plus für gutes Aussehen verdient hat, kann ich ihm, abgesehen vom Äußeren, für alles andere nur eine dicke fette Null geben.“

Einige Sekunden herrschte Schweigen. Nicks Verblüffung war Sara eine Genugtuung. Sie hatte ins Schwarze getroffen, sollte er zusehen, wie er damit fertig wurde!

Allmählich begann Nick jedoch zu lächeln. „Nun, auch wenn da ein paar Eisblumen an ihrem Fenster prangen, scheint das Feuer im Innern doch heftig zu lodern“, sagte er ins Mikro. „Also, wie wär’s, Jungs? Für alle, die auf Giftspritzen stehen, haben wir hier ein Exemplar, für das es sich lohnt, den Fernseher auszuschalten. Ruft an, und sagt mir, was ihr von ihr haltet.“

Als die Leitungsanzeigen aufleuchteten, stieg ein solcher Zorn in Sara auf, dass sie fürchtete zu explodieren. Eine Giftspritze hatte er sie genannt? Und wieso drehte sich dieses Interview plötzlich um sie?

Nick wollte einen Knopf drücken, um den nächsten Anruf anzunehmen, fasste jedoch an seinen Kopfhörer. „Oh, tut mir leid, Jungs. Butch sagt mir gerade, dass unsere Zeit vorbei ist.“ Er schwang herum und nahm Saras Buch vom Seitentisch. „Das Buch heißt ‚Die Jagd nach den bösen Jungs‘, von Sara Davenport. Kauft es, weil es euch gefällt oder auch nicht, aber kauft es auf alle Fälle.“ Er drehte das Buch um. „Und teilt Sara per E-Mail unter SaraDavenport.com eure Meinung mit. Bleibt bei unserem Sender, wir sind in ein paar Minuten mit den Sportnachrichten zurück.“

Nick drückte einen Knopf, setzte die Kopfhörer ab und wandte sich Sara zu. „Junge, Junge, Sie haben’s mir aber gegeben, was?“

Sara konnte den Vorwurf nicht fassen. Es war doch nicht ihre Schuld, wie sich das Interview entwickelt hatte. Er hatte sie geködert, geärgert und erniedrigt, und nun regte er sich auf, weil sie es ihm in gleicher Münze heimgezahlt hatte?

Sie setzte ebenfalls die Kopfhörer ab. „Nick, falls Sie eine Entschuldigung erwarten …“

„Soll das ein Scherz sein? Das war eine verdammt gute Sendung.“ Vertraulich fügte er hinzu: „Sagen Sie es nicht weiter, aber manchmal ist das besser als Sex.“

Wie bitte?

Er beugte sich zu ihr vor und fragte mit gesenkter Stimme: „Wie ist es, haben Sie auch das Prickeln gespürt?“

Wovon zum Teufel redete der? „Ich habe nur den starken Drang verspürt zu fliehen. Sie haben mich lächerlich gemacht.“

Nick wich zurück. „Niemand wurde lächerlich gemacht. Am wenigsten Sie.“

„Aber was Sie gesagt haben …“

„Ich habe eine Menge gesagt, und Sie haben gekontert. Wir haben uns die Bälle zugeworfen, das war gut.“

Sara stand auf. „War es nicht, weil Sie mich vorgeführt haben.“ Sie wandte sich zum Gehen.

Nick hielt sie am Arm fest. „He, nehmen Sie’s locker, okay? Ich möchte nicht, dass Sie verärgert gehen.“

Sie schüttelte wütend seine Hand ab. „Zu spät.“

„In Ordnung.“ Er hob beschwichtigend beide Hände. „Offenbar haben wir auf dem falschen Fuß miteinander angefangen.“

„Sie haben Talent zur Untertreibung.“

„Wie wär’s mit einem Neustart?“, fragte er lächelnd. „Sagen wir, bei einem Dinner heute Abend?“

Sara wich fassungslos zurück. „Das ist doch nun wirklich ein Witz.“

„Ich mache nie Witze übers Essen. Ich kenne da ein großartiges Steakhaus an der Campbell Road. Da gibt es ein Rib-Eye-Steak, für das ich meine Seele verkaufe.“

„Nein, vielen Dank.“

„Oje“, sagte er bekümmert. „Kein rotes Fleisch, was? Gehören Sie zu diesen Grünzeugjüngern?“

„Nein!“

Er seufzte erleichtert. „Gott sei Dank. Es gibt nichts Schlimmeres, als Vegetarier in ein Steakhaus auszuführen. Die bestellen Salat und stochern in ihren gebackenen Kartoffeln herum.“ Er fragte noch einmal: „Wie wär’s mit einem Abend im Steakhaus?“ Das war doch nicht zu glauben! Wie konnte er annehmen, dass sie darauf einging?

„Ich sagte doch, kein Interesse. Und Ihr Bemühen ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Warum sollten Sie sich mit bloßem Mittelmaß wie mir abgeben, wenn Sie Frauen mit einer glatten Zehn in der Bewertung in Ihrem kleinen schwarzen Buch stehen haben?“

„Sara, diese Bewertungen sind nur eine originelle Idee, die meine Hörer lieben.“

„Die vielleicht, ich nicht.“

„Okay, dann vergessen Sie es.“ Freundlich fügte er hinzu: „In Wahrheit habe ich bei Ihrem Eintreten gedacht: Was für eine schöne Frau!“

Das klang aufrichtig, trotzdem entgegnete sie: „Ihre Meinung über mein Äußeres interessiert mich nicht. Ich war gekommen, um Werbung für mein Buch zu machen, nicht, um Opfer Ihres pubertären Gequatsches zu werden. Aber ich bin selbst schuld. Obwohl ich wusste, was für eine Sendung Sie machen, bin ich auf Drängen meiner Agentin hergekommen. Sie können Ihr Leben darauf verwetten, dass mir so ein Fehler nie wieder passiert.“

„Nick!“, rief Butch. „Du hast noch fünfzehn Sekunden!“

Nick erwiderte resigniert: „Okay, Sara, ich habe verstanden.“

„Gut.“ Sie war im Begriff wegzugehen.

„Sara?“

„Was?“

„Sollten Sie Ihre Meinung ändern … Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“

Er setzte die Kopfhörer auf und drückte einen Knopf auf der Konsole. Als er im geübt flotten Plauderton ins Mikro sprach, verließ Sara wütend und frustriert das Studio und fühlte sich vor Tausenden Zuhörern blamiert. In der Lobby rauschte sie an Karen vorbei zur Tür.

„He, warte eine Minute!“, rief Karen. „Wohin willst du? Ich wollte doch Nick Chandler kennen …“

„Nein, willst du nicht! Glaube mir.“ Sara riss die Tür auf und stapfte im eisigen Wind durch den Schnee zu ihrem Wagen. Karen schlang sich den Riemen ihrer Laptoptasche über die Schulter und folgte ihr. Auf dem Parkplatz holte sie Sara ein und hielt sie am Arm fest. „He, was ist los?“

„Das fragst du? Hast du das Interview nicht gehört?“

„Jedes Wort.“

„Das war eine Katastrophe.“

„Wieso das denn? Du warst brillant.“

„Brillant?“, wiederholte Sara fassungslos. „Wovon redest du? Der Mann hat mich gedemütigt.“

„Unfug. Er hat es dir gegeben, du hast gekontert und ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen.“

„Nein, er hat mich zu sich in die Gosse gezogen.“

„Klar. Und während ihr euch da gesuhlt habt, habe ich die eingehenden E-Mails auf deiner Webseite gelesen. Ein halbes Dutzend.“

„Was?“

„Steig ein. Ich zeige sie dir.“

Sie stiegen ein. Karen öffnete den Laptop und rief die E-Mails auf. „Hör dir das an: ‚Ich habe Sie gerade in Nick Chandlers Sendung gehört. Sie haben absolut recht. Jemand muss Frauen vor Männern seines Schlages warnen. Gute Arbeit. Bleiben Sie dabei.‘“

Sara staunte nur.

„Hier ist noch eine“, sagte Karen. „‚Es hat mir gefallen, wie Sie es ihm gegeben haben. Hätte ich Ihr Rückgrat, wäre ich wohl nicht bei den Nieten geblieben, an die ich geraten war.‘“ Karen rief eine weitere Mail auf. „Wie wäre es damit: ‚Ich habe an einem Ihrer Seminare teilgenommen. Nachdem ich Sie heute in Nick Chandlers Sendung gehört habe, weiß ich, dass Sie praktizieren, was Sie lehren. Sie lassen sich von Männern nichts gefallen. Weiter so.‘“

„Diese Frauen haben mich tatsächlich gehört, obwohl sie Groupies von Nick Chandler sind?“, fragte Sara perplex.

„Wenn sie es vorher waren, sind Sie es jetzt nicht mehr. Sie haben dich gehört, darüber nachgedacht und reagiert. Und es gehen weitere Mails ein. Habe ich es dir nicht gesagt?“

„Ich kann es noch nicht glauben, Karen.“

„Glaub’s nur. Du hast dein Ziel erreicht, weil du sozusagen unter dem Radar angeflogen bist. Offenbar war Nick Chandler selbst sein größter Feind, und er weiß es nicht mal.“

Sara stimmte insgeheim zu. Nick Chandler hatte sie geködert und sich dabei selbst demaskiert. Das war gut.

Plötzlich kam ihr eine Idee, und Sara umfasste vor Aufregung das Lenkrad fester. „Karen, ich habe das Thema meines neuen Buches.“

„Was?“

„Vielleicht sollten Frauen endlich erfahren, was im Kopf eines Mannes wie Nick Chandler vor sich geht?“

„Wie meinst du das?“

„Mein erstes Buch war aus der Sicht von Frauen geschrieben, die auf die falschen Männer hereingefallen waren. Und wenn ich das zweite nun aus der männlichen Sichtweise schreibe?“

„Aus Nick Chandlers?“

„Mit ihm könnte ich anfangen. Frauen sollten Einblick in männliche Denkweisen bekommen und erfahren, wie bestimmte Typen es anstellen, sie zu dominieren und zu manipulieren.“

„Klingt vielversprechend, Sara. PR-mäßig könnte das eine Goldmine werden. Aber wie willst du Nick Chandler dazu bringen, seine Geheimnisse zu lüften?“

„Du hast es schon gesagt … er ist selbst sein ärgster Feind. Er sieht ja nichts Falsches in seiner Haltung, und bei seinem übersteigerten Ego müsste es ein Klacks sein, ihn zum Reden zu bringen.“ Listig lächelnd fügte sie hinzu: „Glaube mir, Karen, wenn ich wissen will, was Nick Chandler denkt, muss ich nur fragen.“

2. KAPITEL

Zwei Stunden später verließ Nick den Parkplatz des Senders und fuhr nach Hause. Es waren bereits vierzig Zentimeter Schnee gefallen, und es schneite weiter. Die Scheibenwischer schafften es kaum, die Flocken beiseitezuwischen, und er hatte Mühe, die Fahrbahn zu sehen.

Er hielt an einer roten Ampel und blickte zu Sara Davenports Buch auf dem Beifahrersitz. Warum er es mitgenommen hatte, wusste er nicht. Es hatte während der restlichen Sendezeit auf seinem Tisch gelegen und ihn abgelenkt. Als ihm beim Reden sogar zwei Mal der Faden gerissen war, hatte er es unter den Tisch verbannt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch prompt hatte er Sara Davenport vor seinem geistigen Auge gesehen.

Das Buch schien ihn vorwurfsvoll anzuschauen. Für ein unbelebtes Objekt konnte es erstaunlich heftige Schuldgefühle auslösen.

Nick seufzte. Sieh es ein, Chandler, du hast es vergeigt.

Sobald im Studio die Telefonate heiß liefen, reagierte er reflexartig wie ein Pawlowscher Hund. Sein Herzschlag erhöhte sich, er war super aufgedreht und puschte sich in den Gesprächen immer weiter hoch. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihm jetzt, dass er es heute auf Sara Davenports Kosten getan hatte.

Theoretisch hatte er alles richtig gemacht: Er hatte seine Hörer unterhalten, mit einer kleinen Kontroverse Aufmerksamkeit erregt und Saras Buch vorgestellt. Leider hatte Sara sich nicht dem Geiste seiner Sendung gefügt. Dass sie seine Einladung zum Dinner abgelehnt hatte, wurmte ihn vor allem, weil das bedeutete, dass sie einen Groll gegen ihn hegte. Und das mochte er nicht. Er war für viele Frauen schon alles Mögliche gewesen, aber niemals ihr Feind.

Sara Davenport war eine schöne Frau, was ihre Abfuhr doppelt schmerzhaft machte. Mit einem weiteren Blick auf ihr Buch nahm er sich vor, die Situation zwischen ihnen irgendwie zu bereinigen.

Kurz darauf fuhr er auf den Parkplatz an seinem Apartment und schaltete den Motor aus. Dass er nur fünf Minuten vom Sender entfernt wohnte, war ein Glücksfall. Das neue Apartment, das er sich dank einer Gehaltserhöhung leisten konnte, war groß. Der dazugehörige überdachte Parkplatz war im Winter in einer Stadt mit einer durchschnittlichen Schneehöhe von zwei Metern ein wahrer Segen.

Saras Buch unter dem Arm stapfte Nick durch den Schnee zur Tür seines Apartments. Beim Blick durch das Fenster ins Wohnzimmer entdeckte er seinen Freund auf dem Sofa. Kein Wunder, denn das Spiel begann in zehn Minuten, und Ted hatte in seiner Wohnung nur einen kleinen Fernseher, während Nick ein Gerät mit großem Flachbildschirm besaß. Nick schloss auf, schüttelte sich aufstampfend den Schnee von den Stiefeln und ging hinein.

„He, Mann“, begrüßte Ted ihn. „Wird Zeit, dass du kommst. Das Spiel fängt gleich an.“

Nick machte die Tür zu und warf das Buch auf den Kaffeetisch. „Ich hole mir nur ein Bier. Willst du auch noch eins?“

„Hab ich schon mal Nein gesagt?“

Nick holte die Flaschen aus dem Kühlschrank und setzte sich ebenfalls aufs Sofa.

Ted sah aus wie immer, was nicht verwunderte, da seine gesamte Garderobe aus drei Jeans und zweiundsechzig T-Shirts mit Konzert- und Radiosenderaufdrucken bestand. Und nur ein halber Meter Schnee konnte ihn dazu bewegen, seine Flip-Flops gegen die Stiefel zu tauschen, die er jetzt trug.

Nick kannte Ted seit seiner Volontärzeit beim Sender KPAT in Colorado Springs, wo Ted seinerzeit zusammen mit einem anderen genialen DJ die Morgensendung moderierte. Leider mangelte es Teds Partner aufgrund zu enger persönlicher Bindungen zu Whiskyflaschen an Zuverlässigkeit. Schließlich setzte Ted sich dafür ein, dass Nick dessen Stelle bekam. Gegenüber dem Sender argumentierte er damals, als Gegengewicht zur eigenen Visage ein hübsches Gesicht an seiner Seite zu brauchen. Anderenfalls müsste er bei Live-Übertragungen eine Skimaske tragen, was zu sehr nach Serienkiller aussähe. Die Sendung war für Nick eine große Chance geworden, was er Ted nie vergaß.

Sie wurden ein hervorragendes Team mit ausgezeichneten Einschaltquoten. Als sie dem Bürgermeister jedoch einen sehr schlimmen Streich spielten, wurden sie gefeuert. Sie trennten sich. Ted ging nach Monroe in Louisiana und Nick nach Dallas und dann nach Chicago, ehe er in Boulder landete. Er hatte seine Lektion gelernt, beschränkte seine Streiche auf ein Minimum, blieb am Ort und erarbeitete sich einen guten Ruf, der ihm letztlich eine eigene Sendung einbrachte. Ted hingegen sprang von Job zu Job und landete bei einem kleinen Lokalsender in Tupelo.

Als er Nick vor drei Monaten telefonisch informierte, er sei wieder gefeuert worden, war Nick nicht erstaunt gewesen. Ted tanzte immer irgendwie aus der Reihe. Mal weigerte er sich, eine bestimmte Musik zu spielen, mal war er aufmüpfig zu Vorgesetzten. Diesmal hörte Nick jedoch Verzweiflung in Teds Stimme und verschaffte ihm dank seiner Beziehungen bei KZAP ein Vorstellungsgespräch für einen Job als Produzent. Natürlich war Ted erst einmal ausgeflippt.

Ich spiele seit zwanzig Jahren überall Rock ‚n‘ Roll, und du willst, dass ich eine Gartensendung produziere? Doch dann war er vernünftig geworden, nahm die Stelle an und wohnte bei Nick, bis er wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.

„Ich habe deine Sendung heute gehört“, sagte Ted. „Tolle Sache. Amber, der Champion im Tanzen an der Stange, war super.“ Er schloss die Augen und imitierte die Stimme der Sängerin Madonna: „Du musst einfach eins werden mit der Stange. Du musst sie fühlen und lieben.“

„Jedem nach seinem Geschmack“, erwiderte Nick schmunzelnd. „Ihr Ding ist es nun mal, sich nackt tanzend vor betrunkenen Männern um eine Stange zu schlängeln.“

Nach der Sendung hatte Amber ihm ein eindeutiges Angebot gemacht, das er dankend ablehnte. Angesichts ihrer beachtlichen Kurven wunderte es ihn selbst, dass sie ihn eher ab- als angetörnt hatte.

Und dann war Sara Davenport aufgetaucht.

Er hatte sich umgedreht und sie an der Studiotür entdeckt, angespannt und zugeknöpft – und doch um einiges erotischer, als er es bei einer Psychologin erwartet hätte. Sie wollte ihre Nervosität verbergen, und er hatte sich gefragt, welche Schwachstellen es in ihrem schützenden Panzer geben mochte. Denn sie benutzte ihre Professionalität wie ein Schutzschild. Unwillkürlich hatte er sich vorgestellt, dass er Sara Davenport sehr langsam die Brille abnahm, sie in die Arme schloss und …

„Aber das Beste war die Psychologin“, fuhr Ted fort. „Sie hat dich nicht geschont. Mann war das gut! Solche Gäste sind Gold wert.“

„Ja, ich weiß. Leider hat die Lady das anders gesehen. Sie meint, ich hätte sie gedemütigt.“

„Soll das ein Scherz sein? Sie hat doch ihre Pfeile auf dich abgeschossen und getroffen.“

„Trotzdem hatte sie nach der Sendung keine hohe Meinung von mir. Als Friedensangebot wollte ich sie zum Dinner einladen, aber das hat sie abgelehnt.“

„Heißt das, du hast dir einen Korb geholt?“

„Nicht das erste Mal.“

„Aber das erste Mal, seit du zwölf warst.“ Ted langte auf den Kaffeetisch. „Ist das ihr Buch?“

„Ja.“

Ted blätterte es durch. „Sieh dir die Biografie an. Bildung vom Feinsten. Seit wann hast du ein Faible für Intellektuelle?“

„Hab ich nicht. Ich wollte nur nicht, dass sie wütend weggeht“, erwiderte Nick. „Das ist nicht gut fürs Image.“

„Und welche von beiden war sie? Die Sechs oder die Zehn?“

Nick dachte beklommen, dass er diese Bewertung zu weit getrieben hatte. Sara Davenport war weder Schlammcatcherin noch Penthouse-Mieze oder Chefin eines Nudistenclubs. Sie mochte solche Scherze nicht.

„Diese Bewertungen sind einfach dumm“, sagte er. „Ich glaube, ich lasse das in Zukunft.“

„Bist du noch zu retten? Mit dieser Masche bist du erfolgreich geworden. Du musst so viel aus ihr herausholen, wie es nur geht, sonst bist du eines Tages alt und klapprig wie ich und zu nichts mehr nütze.“ Nach einem Schluck Bier fügte Ted hinzu: „Außer eine Gartensendung zu produzieren natürlich.“

„Meine Güte, Ted, du bist erst einundvierzig.“

„In unserem Metier ist das so viel wie hunderteinundvierzig.“ Er zeigte mit dem Finger auf Nick. „Lass dir das eine Warnung sein, Junge. Dieses Geschäft frisst dich auf und spuckt dich wieder aus.“ Er winkte ab. „Wieso warne ich dich, wo du gerade auf einer Erfolgswelle schwimmst? Wenn deine Sendung landesweit ausgestrahlt wird, hast du es sowieso geschafft.“

„Es ist im Gespräch, aber ich rechne nicht fest damit.“

„Du hast das Zeug, ganz an die Spitze zu kommen. Das wusste ich von Anfang an. Und deshalb tu gefälligst alles, und ich meine, wirklich alles, um dahinzukommen. Hast du mich verstanden? Sonst endest du in zehn Jahren so wie ich. Weißt du noch, wie ich am Boden lag, als ich dich vor drei Monaten angerufen habe?“

„Du warst ohne Job, und das ist in der Radiobranche nicht gerade selten.“

Zu Nicks Überraschung starrte Ted ernst auf sein Bier. „Als ich gefeuert wurde, hatte ich das Ende der Fahnenstange erreicht. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ein paar Tage habe ich in Tupelo rumgehangen und die Wände angestarrt. Dann habe ich dich angerufen.“ Er sah Nick an. „Danke, mein Junge. Ich weiß nicht, was ich ohne dich getan hätte.“

„He, das war der pure Eigennutz“, überspielte Nick sein Mitgefühl.

„Wieso das?“

„Bei meinem Lebensstil schaffe ich es nie, eine feste Beziehung mit einer Frau einzugehen. Aber solange du da bist, wenn ich nach Hause komme, brauche ich die auch nicht. Du müsstest nur noch kochen und mir die Hausschuhe bringen, dann wäre alles perfekt.“

„Du kennst die Nummer vom Pizzaservice so gut wie ich. Und deine großen stinkenden Füße können meinetwegen erfrieren. Und jetzt schau dir das Spiel an“, erwiderte Ted finster.

Nick nahm lächelnd die Fernbedienung zur Hand, als das Telefon klingelte. Er legte sie wieder ab und griff nach dem Hörer. „Hier ist Nick.“

„Hallo, Nick. Hier ist Sara Davenport.“

Vor Verblüffung verschlug es ihm einen Moment die Sprache.

„Kommt mein Anruf ungelegen?“, fragte Sara.

„Nein, nein, gar nicht.“ Er richtete sich auf. „Ich … ich bin nur überrascht. Ich habe nicht erwartet, noch einmal von Ihnen zu hören.“

„Ich habe im Sender angerufen, und Ihr Produzent hat mir Ihre Privatnummer gegeben. Ich hoffe, das war in Ordnung.“

„Natürlich.“ Nick fragte sich, was sie wollte. „Ich hoffe, Sie haben sich das mit meiner Einladung zum Dinner noch einmal überlegt.“

„Nein, ich rufe nicht wegen des Dinners an. Aber ich möchte Ihnen etwas vorschlagen, etwas Berufliches. Könnten Sie morgen gegen zehn in mein Büro kommen?“

Nick überlegte kurz, aber er hatte um zehn frei. Und wenn nicht, hätte er für sie jeden Termin abgesagt. „Sicher, kein Problem.“

„Gut. Meine Büroanschrift lautet: 8442 Cavanaugh Court, Suite 214.“

Nick schnappte sich einen Kuli und kritzelte die Anschrift auf die Titelseite seiner Fernsehzeitung. „Verraten Sie mir, worum es geht?“

„Das würde ich lieber morgen machen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Natürlich nicht.“

„Bis morgen dann.“

„Ich freue mich.“ Nick hörte es klicken. Er nahm den Hörer vom Ohr, starrte ihn einen Moment an und legte dann auf. „Seltsam“, sagte er zu Ted.

„Was?“

„Das war Sara Davenport.“

„Die Seelenklempnerin aus deiner Sendung?“

„Ja. Sie möchte, dass ich morgen früh in ihr Büro komme.“

Ted zog verwundert die Brauen hoch. „In ihr Büro? Warum das denn?“

„Keine Ahnung. Sie sagt, es ist beruflich.“

Ted lächelte. „Beruflich? Haben Psychologen nicht Sofas in ihren Büros?“

„Zumindest die im Fernsehen.“

„Dann ist ja alles klar, Junge.“

„Was?“

„Ich sage dir, sie sucht ein bisschen Zerstreuung, Nick. So musst du ihr nicht mal ein Dinner spendieren.“

„Jetzt mach mal halblang, so was läuft da nicht. Als sie den Sender verließ, war sie kalt wie Eis. Und ich habe nicht das Gefühl, seither hätte Tauwetter eingesetzt.“

„Ach ja? Jede Wette, du kannst ihre Bürotür verschließen, die Vorhänge zuziehen und Sara Davenport in zwei Minuten ausziehen.“

Nick sah ihn ausdruckslos an. „Ted?“

„Was?“

„Schaff dir ein eigenes Liebesleben an.“

„Wozu? Gib mir ein Bier und lass mich an deinem Liebesleben teilhaben. Welche Frau mit Verstand will schon einen abgewrackten Vagabunden wie mich?“

Als Ted die Fernbedienung nahm und den richtigen Sender fand, lief das Spiel bereits. Nick blickte noch einmal zum Telefon und fragte sich, warum Sara ihn sehen wollte.

Dass er sie sehen wollte, war schlichtweg verrückt. Sara Davenport war völlig anders als die Frauen, mit denen er sich üblicherweise abgab. Sie betrank sich garantiert nicht und nahm kein Billardqueue in die Hand. Sie zeigte sich beim Mardi Gras nicht oben ohne, trug keine Stringtangas und war noch nie mit Brummschädel in einem Hotel aufgewacht, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt war. Stattdessen hatte sie eifrig für ihre akademischen Titel gearb...

Autor

Katherine Garbera
<p>USA-Today-Bestsellerautorin Katherine Garbera hat schon mehr als neunzig Romane geschrieben. Von Büchern bekommt sie einfach nicht genug: ihre zweitliebste Tätigkeit nach dem Schreiben ist das Lesen. Katherine lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem verwöhnten Dackel in England.</p>
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Michelle Celmer
<p>Michelle Celmer wurde in Metro, Detroit geboren. Schon als junges Mädchen entdeckte sie ihre Liebe zum Lesen und Schreiben. Sie schrieb Gedichte, Geschichten und machte selbst dramatische Musik mit ihren Freunden. In der Junior High veröffentlichten sie eine Daily Soap Opera. Ungeachtet all dessen, war ihr Wunsch immer Kosmetikerin zu...
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