Bianca Weekend Band 44

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  • Erscheinungstag 18.04.2026
  • Bandnummer 44
  • ISBN / Artikelnummer 8053260044
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Claire Baxter, Annette Broadrick, Christine Rimmer

BIANCA WEEKEND BAND 44

Claire Baxter

1. KAPITEL

„Bitte nicht Tom Dermont!“, murmelte Della Davis, als ihr Handy klingelte.

Sie griff mit einer Hand in ihre Handtasche und lenkte den Wagen mit der anderen gekonnt um die Kurve. Noch ein Anruf von Tom Dermont war das Letzte, was sie jetzt brauchte. Der Mann war ein Albtraum: Er ging ihr schon den ganzen Tag auf die Nerven und brachte sie langsam, aber sicher um den Verstand.

Della hielt in einer Seitenstraße und wühlte in ihrer großen Ledertasche. Wie immer lag das Handy ganz unten. Sie holte tief Luft, bevor sie aufs Display schaute. Wenn es tatsächlich Tom war, musste sie schreien. Oder kündigen.

Das Handy hörte in dem Moment auf zu klingeln, als sie es aufklappte. Toll. Della verdrehte die Augen. Sie schloss es unsanfter als nötig, ließ es auf den Schoß fallen und war versucht, es auszuschalten. Ihr Gewissen hielt sie davon ab. Natürlich wollte sie nicht wirklich kündigen, dazu hatte sie zu viel zu verlieren. Einschließlich der Beförderung, für die sie so hart gearbeitet hatte.

Trotzdem, heute wollte sie nichts mehr von Tom Dermont hören. Er war selbst an angenehmen Tagen ein unsympathischer Kunde, in einer PR-Krise wie dieser war er absolut unerträglich.

„Sag mir, warum ich meinen Job liebe“, bat sie sich selbst laut.

Als die Antwort ausblieb, zuckte Della mit den Achseln und verzog sofort vor Schmerz das Gesicht. Ihr ganzer Nacken war verkrampft! Was sie jetzt brauchte, war ein heißes Bad mit viel Schaum und Lavendelduft. Das wirkte fast immer.

Vorsichtig ließ sie die Schultern kreisen und malte sich aus, wie sie ins Bett fiel – aber nicht, um zu schlafen. Keine Chance, sie hatte eine Unmenge an Aufgaben aus dem Büro mitgenommen und würde wieder einmal arbeiten, bis ihr der Kopf vor Erschöpfung auf den Laptop fiel.

Das Handy piepte, und Della zuckte zusammen. Sie hörte die Mailbox ab und seufzte erleichtert, als sie die fröhliche Stimme ihrer besten Freundin Lyn hörte. Della rief sofort zurück. Genau danach sehnte sie sich jetzt: nach einer kleinen Aufheiterung.

Lyn meldete sich nach dem ersten Läuten. „Ich bin im Auto.“

Della hörte vertraute Stimmen im Hintergrund. Jamie, vier Jahre alt, sang aus vollem Hals, während Cassie, sechs Monate, ihn mit ihrem Krähen zu übertönen versuchte.

„Ich habe eine tolle Neuigkeit“, verkündete Lyn.

Della verdrehte die Augen, musste aber lächeln. „Wohin fahren wir dieses Mal?“

„Wohin wir fahren?“

„Ich habe mehr als genug Schuhe, Lynnie. Also kann ich nur hoffen, dass es nicht wieder …“

„Nein, nein. Kein Sonderverkauf. Dieses Mal nicht. Luke kommt nach Hause. Für immer.“

Es dauerte einen Moment, bis Della begriff. „Was hast du gerade gesagt?“

„Ein Schock, oder? Aber ein angenehmer. Ich kann es kaum abwarten, ihn wiederzusehen.“

Della brachte kein Wort heraus. Womit hatte sie das verdient? Als wäre dieser Tag nicht schon schlimm genug! Ausgerechnet heute.

Schock? Das war untertrieben. Sicher, sie hatte gewusst, dass Luke irgendwann heimkäme. Er hatte immer gesagt, dass er nicht auf Dauer in Übersee bleiben wollte. Aber sie hatte mit einer Vorwarnung gerechnet. Um sich darauf vorzubereiten, ihn wiederzusehen. Ihn und seine Frau.

„Della? Bist du noch da?“

Della riss sich aus ihren Gedanken. Nach all den Jahren, in denen sie ihre Gefühle vor Lyn verborgen hatte, durfte sie sich jetzt nicht verraten.

„Er kommt nach Hause?“ Ihre Stimme klang fast normal. „Du meinst, er und Yvonne wollen hier leben?“

„Offenbar hat er genug von Indien und will zurück ins kleine alte Adelaide und zu seinen Lieben.“ Lyn lachte. „Es ist unglaublich, stimmt’s?“

„Es ist …“ Dellas Zunge schien am Gaumen zu kleben. Sie unternahm einen zweiten Versuch. „Wann?“

„Du kennst meinen Bruder“, erwiderte ihre Freundin. „Er liebt Überraschungen und hat aus Melbourne angerufen. Vom Flughafen, während er auf den Anschlussflug wartete. Also, Mum will, dass du heute Abend zum Essen kommst.“

„Heute Abend …“ Dellas Gehirn war überfordert. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Ich bin gerade auf dem Weg zu meiner Mutter. Punkt halb acht. Einverstanden?“

„Aber …“ Della schaute auf die Uhr am Armaturenbrett. „Da kann ich gar nicht erst nach Hause fahren.“

„Dann lass es. Komm gleich her. Auf dem Beifahrersitz habe ich Tequila und alles, was man für Margaritas braucht. Ich werde dich mit einem leckeren Drink empfangen. Ich weiß doch, wie gestresst du nach einem langen Arbeitstag bist.“

„Nicht immer“, murmelte Della und überlegte, ob sie ablehnen sollte. Aber es ging nicht. Lyns Mutter hatte sich liebevoller um sie gekümmert als ihre eigene. Eine Einladung von Dawn hatte sie noch nie ausgeschlagen, und sie würde jetzt nicht damit anfangen.

Aber Luke wird da sein.

„Oh, Mist. Das habe ich ganz vergessen“, rief Lyn. „Ich rede und rede, und …“ Sie klang plötzlich sanfter. „Du hattest heute deinen Termin, nicht wahr?“

Das Mitgefühl in Lyns Stimme raubte Della einen Moment den Atem.

„Ja“, brachte sie schließlich heraus.

Sie war noch nicht dazu gekommen, ihre Wunden zu lecken. Dazu hatte sie zu viel um die Ohren gehabt.

„Was hat die Ärztin gesagt?“

Es war noch so frisch, so schmerzhaft. „Nicht jetzt“, bat sie. „Ich erzähle es dir später.“

Sie hörte Jamie laut singen, dann wieder Lyn: „Ich mache dir eine besonders große Margarita.“

Della beendete das Gespräch und ließ das Handy in die Tasche fallen. Den Drink brauchte sie. Tom Dermont. Dr. Morgan. Und jetzt auch noch Luke und Yvonne. Was für ein Tag!

Sie musste sich zusammenreißen. Zum Glück trug sie eins ihrer besten Business-Kostüme und hatte etwas Make-up dabei. Wenigstens würde sie präsentabel aussehen. Zudem hatte Luke keine Ahnung davon, was sie für ihn empfand. Sie hatte sich vor ihm noch nie eine Blöße gegeben und würde es auch heute nicht tun.

Della griff nach dem Zündschlüssel, um loszufahren, dann zögerte sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Nein. Sie wollte nicht kneifen.

Sie konnte es. Sie war eine Krisenexpertin – eine, auf die ihre Firma sich verließ, wenn es galt, Ordnung in das Chaos zu bringen. Sie musste nur ihr Arbeitsgesicht, ihre Maske, aufsetzen.

Wie sie es immer getan hatte, wenn Luke in den letzten zehn Jahren hin und wieder nach Hause gekommen war.

Wie sie es getan hatte, als er vor ein paar Jahren seine neue Frau mitgebracht hatte, damit sie seine Familie kennenlernen konnte. Della hatte gelächelt und ihm gratuliert, als empfände sie für ihn nicht mehr als schwesterliche Zuneigung.

Sie hatte ihm damals etwas vorgemacht und konnte es auch dieses Mal.

Wenn ich nur mehr Zeit hätte, mich darauf vorzubereiten!

Della wendete den Wagen und fuhr nach Osten. Lyns Eltern wohnten immer noch in dem eindrucksvollen Haus, in dem Lyn und Luke aufgewachsen waren. Es lag in einer ruhigen Allee in einem noblen Vorort. Welten entfernt von der Straße, wo Della als Kind gelebt hatte – kein Slum, aber auch nicht sehr viel besser.

Ihre Eltern waren Arbeiter und meistens nicht besonders fleißig gewesen, und Della konnte kaum glauben, dass sie tatsächlich von ihnen abstammte. Sie hatten nie akzeptiert, dass ihre Tochter mit jemandem wie Lyn befreundet war, und kein Verständnis für ihren Ehrgeiz gehabt. Aber was war denn falsch daran, auf die Universität zu gehen und sich einen gut bezahlten Job zu suchen?

Sie seufzte. Selbst nachdem ihre Eltern für immer aus ihrem Leben verschwunden waren, hatte sie das Gefühl, ihnen etwas beweisen zu müssen – sie wusste nur nicht genau, was.

Als Teenager hatte sie jede freie Minute bei Lyn verbracht. Dort fühlte sie sich wohl. Es war ein glückliches Zuhause – nicht nur weil die Brayfords Geld hatten, sondern weil Dawn und Frank Brayford sich wirklich für ihre Kinder interessierten. Und die beiden hatten sie behandelt, als gehöre sie zur Familie. Von den Brayfords hatte sie mehr Unterstützung und Ermutigung bekommen als von ihren eigenen Eltern.

Della parkte am Straßenrand vor der Villa und blieb noch einen Moment sitzen. Luke war bestimmt noch nicht da, also hatte sie nichts zu befürchten. Nicht, dass sie Angst vor Lyns Bruder hatte. Es waren ihre eigenen Gefühle, die sie erschreckten.

Dreizehn Jahre. War es tatsächlich so lange her, dass er Adelaide verlassen hatte, um in seinem Traumberuf zu arbeiten? Warum waren ihre Gefühle für ihn selbst nach all diesen Jahren so stark? Sie hatte erwartet, über ihn hinwegzukommen. Sie hatte es sich fest vorgenommen. Aber jetzt saß sie hier, dreizehn Jahre später, und bemühte sich, das mulmige Gefühl in ihrem Bauch zu unterdrücken.

Dass er für immer heimkehrte, war schwer zu glauben. Er war nicht der Typ, der sich irgendwo niederließ, jedenfalls bisher nicht. Vielleicht tat er es seiner Frau zuliebe, obwohl Della nicht den Eindruck gehabt hatte, dass sie und Lukes Eltern sich besonders nahestanden.

Vielleicht hatte Lyn auch einfach etwas falsch verstanden. Oder Dawn hatte in ihrer Freude zu viel in Lukes Worte hineingedeutet. Bestimmt war es nur ein ganz normaler Besuch, mehr nicht.

Doch plötzlich kam Della der schreckliche Verdacht, dass er und seine Frau eine Familie gründen wollten. Bei der Vorstellung drehte sich ihr fast der Magen um, und sie musste tief durchatmen.

Ganz tief, ganz langsam.

Falls die beiden planten, ein Kind zu bekommen, war Adelaide der ideale Ort dafür. Und sie, Della, müsste damit leben. Sie wusste, dass sie das konnte, auch wenn es sie innerlich fast zerriss.

Als Della sich ein wenig beruhigt hatte, stieg sie aus ihrem Mercedes und schloss ihn ab, obwohl in dieser Gegend selbst ein so teurer Sportwagen nicht weiter auffiel. Luxusautos waren hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Sie war kein impulsiver Mensch. Im Gegenteil, sie überlegte lange und gründlich, bevor sie eine Verpflichtung einging, und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Aber dieses Auto hatte sie in einem schwachen Moment erwischt. Ein Blick, eine Berührung, und sie hatte es nicht mehr vergessen können.

Mit einem wehmütigen Lächeln gestand sich Della ein, dass es ihr bei Luke ebenso ergangen war. Sie gab sich einen Ruck, straffte die Schultern und lief durch den gepflegten Vorgarten zur Haustür.

Lyn öffnete ihr. „Du solltest die Küche sehen“, sagte sie kopfschüttelnd. „Mum versucht, sämtliche Lieblingsgerichte von Luke zu kochen. Ich freue mich riesig, ihn wiederzusehen, aber ehrlich …“

Als Della eintrat, zeigte Lyn mit dem Daumen auf eine Tür, die vom großzügigen Flur abging. „Komm mit. Ich habe mein Versprechen gehalten, dein Drink wartet.“

„Vielleicht sollte ich Dawn meine Hilfe anbieten?“ Unsicher schaute Della in Richtung Küche.

„Bloß nicht.“ Lyn zog sie mit sich. „Sie will ihren Sohn nach Herzenslust verwöhnen, da lassen wir sie besser allein.“

Della folgte ihrer Freundin ins gemütliche Wohnzimmer. Kaum hatte sie auf der Couch Platz genommen, reichte Lyn ihr die größte Margarita, die sie jemals gesehen hatte.

„Wo hast du denn dieses Glas her? Bist du sicher, dass es keine Vase ist?“

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern. „Falls es eine ist, haben wir zwei davon.“ Sie griff nach ihrem Glas und nippte daran. „Lecker. Meine Margaritas sind wirklich nicht zu verachten.“

Della nahm einen Schluck und stimmte ihr zu. Gerade genug Limette und reichlich Tequila.

„Ich weiß, du möchtest jetzt nicht über deinen Arzttermin sprechen“, begann Lyn und setzte sich mit ihrem Drink auf die Couch gegenüber. „Aber wenn es so weit ist, bin ich für dich da. Jederzeit. Cassie hält mich Tag und Nacht auf Trab.“

„Danke. Aber ich brauche noch etwas Zeit, um alles zu verarbeiten. Was hältst du davon, wenn wir diese Woche zusammen ausgehen? Dann können wir essen und reden“, schlug Della vor.

„Gute Idee. Ich frage Patrick, wann er auf die Kinder aufpassen kann. Vielleicht klappt es ja schon morgen Abend. Oder ist dir das zu früh?“

Della schüttelte den Kopf. Sie hoffte in den nächsten vierundzwanzig Stunden auf ein paar Minuten für sich allein, um in Ruhe nachzudenken. Um sich mit ihrem Schicksal abzufinden.

Ein leises Wimmern unterbrach das Gespräch. „Pech gehabt.“ Lyn seufzte. „Cassie ist wach. Ich hatte gehofft, dass sie bis nach dem Essen schläft.“

„Wo ist Jamie?“

„Bei Dad. Sie sehen sich seine Modellflugzeuge an. Ich glaube, ich schaue besser mal nach Cassie.“

Della sah ihr nach, stellte das Glas ab und nutzte die Gelegenheit, um kurz im Bad zu verschwinden. Während sie ihr Make-up auffrischte, dachte sie zum Millionsten Mal, wie froh sie war, eine Freundin wie Lyn zu haben. Dafür war sie dankbar seit jenem Tag am Strand, als sie beide vierzehn gewesen waren und Lyn sie aus einer peinlichen Lage gerettet hatte: Della hatte Fish and Chips bestellt und erst danach gemerkt, dass ihr Geld nicht reichte. Zutiefst verlegen, aber unendlich dankbar ließ sie Lyn das Essen und auch noch ein kaltes Getränk bezahlen. Seitdem waren sie unzertrennlich.

Della lächelte wehmütig. Sie erinnerte sich so deutlich daran, als sei es erst gestern gewesen. Lyn hatte es vermutlich längst vergessen.

Damals hatte sie sich die Adresse ihrer neuen Freundin notiert, um ihr das Geld zurückzugeben, sobald sie es zusammenkratzen konnte. Doch als es so weit war, stand sie vor dem schmiedeeisernen Tor der Villa und wagte nicht, die schwere Klinke herunterzudrücken.

Und dann war Luke gekommen. Nur ein Jahr älter als sie, war er ihr so erwachsen erschienen. Schon damals eine imposante Erscheinung: hochgewachsen und durchtrainiert vom Football. Beeindruckend gerade für sie, die so winzig gewesen war. Er hatte sie überragt und hätte ihr wahrscheinlich sogar Angst gemacht, wenn er nicht gelächelt hätte. Dieses atemberaubende Lächeln, das ihre Knie in Pudding verwandelt hatte.

Della steckte das Make-up in die Handtasche. Als sie das Bad verließ, hörte sie eine laute Stimme an der Haustür.

„Ein Taxi! Sie sind da!“

Es war Megan, Lyns jüngere Schwester. Dann rief Poppy, mit fünfundzwanzig das Nesthäkchen der Brayfords, ihrer Mutter etwas zu, und Dawn lief zur Haustür.

Della schloss sich ihnen nicht an. Dieser Moment gehörte der Familie. Einer richtigen Familie. Auch wenn man sie hier herzlich aufgenommen hatte, sie zählte nicht dazu, jedenfalls nicht richtig. Zurück im Wohnzimmer, nahm sie ihr Glas und ging auf die Terrasse. Sie stützte die Arme aufs Geländer, trank ein paar Schluck und schaute über den großen Garten. Dichtes Grün begrenzte ihn zu den Nachbarn hin, und in den geschwungenen Beeten wuchsen niedrige Stauden.

Den Garten hatte sie immer geliebt. Er war so anders als der ihrer Eltern: von Unkraut überwuchertes Gras zwischen rostigen Drahtzäunen. Hier herrschte Frieden, und genau den brauchte sie jetzt mehr denn je.

„Da bist du ja, Della.“

Sie zuckte so heftig zusammen, dass ein wenig von der Margarita auf den Rasen unter ihr schwappte. Lukes Stimme war tief, ein wenig spöttisch und so vertraut. Sie wirkte, wie sie es immer getan hatte, beschleunigte Dellas Herzschlag und machte sie mit einem Schlag hellwach – bereit, auf jedes herausfordernde Wort aus seinem Mund zu reagieren. Langsam drehte sie sich um.

Du meine Güte, er sieht unglaublich gut aus! Als sie ihm das letzte Mal begegnet war, hatte er das dunkelblonde Haar kurz getragen, aber danach hatte er den Job gewechselt, und jetzt reichte es ihm bis über den Kragen. Lässig wie in seiner Jugend. Vermutlich war sein Look inzwischen für den Job nicht mehr so wichtig, denn er arbeitete nicht mehr fürs Fernsehen.

Sein Lächeln wurde breiter, als sein Blick auf das riesige Glas in ihrer Hand fiel. Sie hielt es fester als nötig, und ihr Magen zog sich zusammen. Zweifellos hatte das Lächeln ihm in seinem Beruf geholfen. Selbst ein abgebrühter, bis an die Zähne bewaffneter Rebell könnte ein Interview nicht verweigern, wenn der Reporter ihn so anlächelte.

Lukes graue, aber warme Augen funkelten, als er ihr ins Gesicht schaute. „Du musst ziemlich durstig sein“, sagte er.

Della widerstand der Versuchung, sich in seine Arme zu werfen. „Stressbewältigung“, erwiderte sie und bereute es sofort, denn er runzelte die Stirn.

„Ich habe einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir“, fügte sie rasch hinzu.

Die Falten wurden tiefer. „Gefällt dir dein Job nicht?“

„Doch, natürlich. Ich brauche dir wohl nicht zu erklären, wie stressig eine Arbeit auch dann sein kann, wenn sie Spaß macht.“

Wer wüsste das besser als Luke? Als Auslandskorrespondent war er von einem Brennpunkt des Weltgeschehens zum nächsten gereist, überwiegend in Asien, und hatte über Kriege und Katastrophen berichtet. Er galt als Pionier der schnellen Vor-Ort-Berichterstattung, arbeitete völlig allein, reiste und berichtete ohne Team. In seinem Rucksack trug er alles, was er an Ausrüstung brauchte, um die Reportagen zu erstellen und an die Redaktionen zu schicken. Dabei war er nie auf Schlagzeilen aus gewesen und nicht im Rudel aufgetreten wie viele Kollegen, sondern hatte vor allem Hintergrundgeschichten über die betroffenen Menschen geliefert.

Della hob das Glas und nahm einen großen Schluck. Einen so großen, dass sie sich fast daran verschluckte. „Und was ist mit dir? Wie geht es dir?“, fragte sie.

„Gut.“ Er musterte sie kurz. „Wo bleibt mein Kuss? Meine Umarmung? Alle anderen haben mich herzlich begrüßt. Ich war eine ganze Weile nicht hier, falls es dir nicht aufgefallen ist.“

„Oh. Ja.“ Sie beugte sich vor, hielt das Glas zur Seite und legte verlegen und unbeholfen einen Arm um ihn.

Er erwiderte den Druck, fester als nötig, und als sie die Wärme seines Körpers spürte, wurde ihr heiß. So war es also, wenn man einen Mann anziehend fand. Luke küsste sie auf die Wange, und sie wich hastig zurück.

Er lächelte. Ahnte er etwa, was er bei ihr auslöste? Nein, unmöglich. Zwischen ihnen war nie etwas Körperliches gewesen, nicht das Geringste. Er konnte es nicht wissen.

Della betrachtete sein Gesicht. Seine Nase wies noch immer die winzige Narbe auf. Lyn hatte einmal mit ihm gewettet, ob er sich traute, mit dem Skateboard ein Geländer hinunterzufahren, und sich schuldig gefühlt, als er dann mit dem Gesicht auf einer Betonstufe gelandet war. Dabei hätte sie wissen müssen, dass er vor keiner Herausforderung zurückschreckte. Damals nicht und später auch nicht.

Luke wich ihrem forschenden Blick nicht aus. „Du siehst großartig aus. Man könnte meinen, dass du keinen Tag älter geworden bist, seit ich das erste Mal fortgegangen bin.“

Von ihm ließ sich das nicht behaupten. Das aufreibende Leben, das er führte, hatte viele Falten um die Augen hinterlassen. Falten, die sich vertieften und noch markanter wurden, wenn er lächelte. Aber gerade das verlieh dem einstmals perfekten Gesicht etwas Charaktervolles.

Della schnaubte leise. „Gibt es dort, wo du gewohnt hast, keine Optiker?“

Er ignorierte ihren Einwurf. „Mir gefällt, was du mit deinem Haar gemacht hast. Es ist raffiniert. Kurz steht dir. Bei meinem letzten Besuch war es noch lang, oder?“

„Ich habe es erst kürzlich abschneiden lassen.“ Nicht, dass ihre Frisur ihn vor drei Jahren interessiert hatte. Er hatte nur Augen für seine Ehefrau gehabt.

Luke war unrasiert, wahrscheinlich wegen des langen Flugs. An ihm wirkten die Stoppeln jedoch nicht ungepflegt, sondern sexy. Erneut spürte sie ein Kribbeln. Was war los mit ihr? Die Männer, mit denen sie in den letzten Jahren ausgegangen war, hatten sie nicht sonderlich gereizt. Fast hatte sie sich dazu zwingen müssen, sie attraktiv zu finden, und befürchtet, dass sie zu mehr nicht fähig war. Musste ausgerechnet Luke ihr das Gegenteil beweisen?

Sie ließ den Blick über seine zerrissene Jeans und die verblichene Denimjacke wandern und kam sich in ihrem eleganten Kostüm plötzlich zu förmlich vor. „Ist das die Jacke aus unserer Kindheit?“

Er nickte.

„Dein Job muss schlecht bezahlt sein, wenn du dir keine anständigen Sachen leisten kannst.“ Seit er den Journalismus aufgegeben hatte und ein Waisenhaus leitete, verdiente er vermutlich deutlich weniger. Aber arm würde Luke nie sein. Dafür hatte sein Großvater mit einem stattlichen Treuhandkonto gesorgt.

„Von dieser Jacke werde ich mich niemals trennen. Ich hänge an ihr.“ Ihr skeptischer Blick ließ ihn auflachen. „Außerdem ist sie bequem.“

„Und Bequemlichkeit ist dir offenbar wichtig. Warum solltest du sonst durch die Berge des Kaukasus wandern?“

„Luke, du ärgerst Della doch nicht schon wieder?“

Della drehte sich zu Dawn um.

„Davon hatten wir schon genug, als ihr noch Kinder wart“, fuhr seine Mutter streng fort.

„Ich habe ihr nur gesagt, wie sehr mir ihre neue Frisur gefällt.“ Er legte den Arm um Dawn und drückte sie an sich. „Aber sie glaubt mir einfach nicht, dass sie toll aussieht.“

Dawn strahlte ihn an. „Kein Wunder. Schließlich hast du dich immer über sie lustig gemacht. Aber der Look steht ihr, nicht wahr?“ Sie wandte sich Della zu. „Ich finde, sie sieht damit aus wie Audrey Hepburn.“

„Klar.“ Della lachte. „Du hast Halluzinationen, Dawn. Und du, Luke, bist der Letzte, dem ich ein Kompliment abnehme.“

Sie war stolz auf sich. Sie klang kühl, ruhig und gefasst. Niemand käme auf die Idee, dass sie sich alles andere als selbstsicher fühlte. Oder darauf, dass sie ihr halbes Leben lang jeden anderen Mann mit diesem hier verglichen hatte – und keiner von ihnen hatte ihrem Ideal entsprochen.

„Ich dachte, du wolltest Yvonne mitbringen“, wechselte seine Mutter das Thema. „Du hast sie doch nicht etwa in Indien gelassen?“

Luke schaute auf den Garten hinunter. Als er den Blick wieder hob, war seine Miene ausdruckslos.

„Doch. Und soweit ich weiß, ist sie noch dort. Ich erkläre es euch, wenn wir alle zusammen sind.“

Dawn zögerte. „Na, dann lasst uns essen. Kommt rein.“

Als sie sich an den großen Eichentisch setzten, wünschte Della sich, wirklich zu dieser Familie zu gehören. Das war es, was sie immer für ihre eigenen Kinder gewollt hatte – ein Zuhause voller Wärme und Lachen.

Sie starrte auf ihren Schoß, breitete die Stoffserviette darauf aus und blinzelte, als ihre Augen feucht wurden.

Der Traum war ausgeträumt.

2. KAPITEL

„Bleibst du dieses Mal wirklich hier?“, fragte Poppy, den Mund voll Salat.

Luke sah seine kleine Schwester an. Er konnte kaum fassen, wie sehr sie seit seinem letzten Besuch gewachsen war. „Wie oft muss ich es denn noch wiederholen?“, entgegnete er mit gespielter Verärgerung.

„Ja, ich weiß, aber wirklich?“, beharrte Poppy. „Langweilst du dich denn nicht hier?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht.“

„Aber hier gibt es keine Kriege. In Adelaide passiert nie was Schlimmes.“

„Gott sei Dank“, warf Dawn ein. „Wir haben das große Glück, in einer der sichersten Städte der Welt zu leben. Bestimmt hat Luke genug von Gewalt und Armut, und wenn er den Verstand nutzt, mit dem er geboren wurde, hält er sich ab jetzt davon fern.“

Luke lächelte seiner Mutter zu. Sie hatte ihn immer für verrückt erklärt, weil er sich einen Beruf ausgesucht hatte, in dem er tagtäglich mit so viel Leid konfrontiert wurde. Aber sie hatte ihren Sohn nie kritisiert. Zwar verstand sie seine Entscheidung nicht, hatte sie jedoch stets respektiert.

Genauso wie sein Vater. Er schaute zu ihm hinüber – sein Haar war inzwischen grau. Hoffentlich hatte er ihm in all den Jahren nicht zu viele Sorgen gemacht.

Neben ihrem Dad war seine Schwester Megan in ein Gespräch mit ihrem Schwager Patrick vertieft. Lyns Ehe schien nicht nur überlebt zu haben, sondern glücklich zu sein. Unauffällig betrachtete Luke das Baby in Lyns Armen und den kleinen Jungen an ihrer Seite. Seine Nichte und sein Neffe. Jetzt hatte er endlich Zeit, die beiden kennenzulernen.

Lynnie hatte zugenommen, was ihr gut stand. Als ihre Blicke sich trafen, zwinkerte sie ihm zu. Er erwiderte ihr Lächeln. Fast gleichaltrig, waren sie beide immer auch gute Freunde gewesen. Und nicht nur Lyn und er, denn zusammen mit Della hatten sie als Kinder ein unzertrennliches Trio gebildet.

Seine Schwestern hatten sich äußerlich verändert, doch bei Della war es mehr als das. Sie war noch immer klein und schmal, wirkte jedoch wesentlich selbstbewusster. Irgendwie … souverän. Als könnte nichts sie erschüttern. Und sie war sehr hübsch. Das kurze Haar gab den Blick auf die anmutigen Züge und den schlanken Hals frei. Früher hatte sie es lang getragen, und es war ihr oft ins Gesicht gefallen, wie ein Vorhang, den sie zwischen sich und die Welt zog.

Offenbar hatte Della ihre Schüchternheit abgelegt und versteckte sich nicht mehr. Nun ja, eigentlich war es nicht Schüchternheit gewesen, sondern eher Verlegenheit. Als hätte sie sich dafür geschämt, wer sie war und woher sie stammte.

Jetzt hob sie den Kopf, um Lyn anzusehen, und Luke starrte fasziniert auf ihre Augen. Sie waren groß und dunkel. Della hatte sie mit Make-up betont. Ohne das lange Haar, das sie vor anderen verbarg, boten sie einen faszinierenden Anblick.

Luke konnte nicht anders, er musste sie betrachten. Lächelnd plauderte sie mit Lyn, streichelte Jamie, scherzte mit Poppy. Doch die Augen … Sie lächelten nicht. Als wäre sie traurig. Aber warum? Sie schien doch Erfolg zu haben!

Trauerte sie um ihre Eltern? Wohl kaum. Die beiden hätten es nicht verdient. In Luke zog sich etwas zusammen, als die Erinnerungen wach wurden. Er dachte daran, wie seine Mutter Della einmal zum Arzt gebracht und ihm später erzählt hatte, warum sie so klein und schmächtig war – sie hatte in ihren ersten Lebensjahren zu wenig zu essen bekommen.

In den letzten Jahren hatte Luke viele unterernährte Kinder gesehen, und dass es Della hier, in Australien, einem der reichsten Länder der Welt, so ergangen war, machte ihn noch immer wütend. Er wusste, dass seine Eltern überlegt hatten, sie zu adoptieren, aber irgendetwas musste das verhindert haben. Sonst hätten sie es mit Sicherheit getan.

Als Della Jamie zulächelte, dabei den Mund leicht öffnete und die Lippen mit der Zungenspitze befeuchtete, durchzuckte Luke etwas, das er nicht recht deuten konnte. Es fühlte sich an wie Verlangen, doch das konnte nicht sein.

„Also, was hast du jetzt vor, mein Junge?“

Luke riss den Blick von Della los, lehnte sich zurück und sah seinen Vater an. „In welcher Hinsicht?“

„Beruflich.“

Er lächelte. „Man hat mir einen Job angeboten.“

„Tatsächlich?“ Frank wischte sich den Mund ab.

Luke nickte. „Tatsächlich. Aber es ist noch in der Schwebe, deshalb möchte ich nicht darüber reden. Wenn es klappt, arbeite ich für die Organisation, für die ich in Indien aktiv war.“

„Hier in Adelaide?“

„Ja.“

Etwas fiel zu Boden, und Luke sah, wie Della mit geröteten Wangen ihre Gabel aufhob.

„Da wir gerade von Jobs reden: Wann verlässt du endlich den Feind und wechselst auf die richtige Seite?“, fragte er Della.

„Feind?“, wiederholte sie erstaunt.

„Na gut, Feind ist vielleicht ein wenig zu hart.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ihr PR-Leute seid der Filter. Ihr hindert schwer arbeitende Journalisten wie mich daran, den Dingen auf den Grund zu gehen.“

Della runzelte die Stirn. „Ohne PR-Leute wie mich müsstet ihr Journalisten noch schwerer schuften. Wir nehmen euch die meiste Arbeit ab, indem wir euch mit den Informationen versorgen, die ihr braucht.“

„Mit denen, die wir bekommen sollen, meinst du wohl.“

„Ohne uns müsstet ihr eure Hintern bewegen und euch eure Geschichten selbst suchen.“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, regte sich ihr schlechtes Gewissen. Der klassische Vorwurf, mit dem die PR-Branche sich gegenüber den Medien rechtfertigte, traf auf Luke am allerwenigsten zu. Er hatte es sich nie leicht gemacht, nie zu den Journalisten gehört, die nur vom Schreibtisch aus recherchierten. Aber sie wurde das Gefühl nicht los, sich verteidigen zu müssen.

„Die meisten Themen, die in den Nachrichten auftauchen, kommen von PR-Abteilungen. Ob nun von den Firmen selbst oder von externen Beratern …“

„Oh, ich gebe zu, es gibt einige faule Kollegen, und die sollten sich schämen. Sie schreiben Pressemitteilungen um und setzen ihren Namen darunter. Nein, ich meine diejenigen von uns, denen an der Wahrheit liegt. Leider bringen wir sie nicht ans Licht, weil die PR-Leute dauernd vertuschen, was ihre Firmenkunden anrichten.“

„Also wirklich, Luke.“ Dawn drohte ihm mit dem Finger. „Du weißt, er meint es nicht so, Della. Er will dich nur provozieren, wie immer. Lass dich nicht darauf ein.“ Sie wandte sich wieder ihrem Sohn zu. „Della ist sehr gut in ihrem Beruf, also hör auf, sie zu ärgern. Man hält viel von ihr, und bald wird sie sogar befördert.“

„Und außerdem bist du gar kein Journalist mehr“, mischte Lyn sich ein. „Wie lange nicht mehr? Seit drei Jahren?“

Luke lächelte. „Aber ich darf meinen alten Berufsstand noch verteidigen.“

Seine Mutter hatte nicht unrecht. Es machte ihm Spaß, Della herauszufordern, aber er meinte es nicht ernst. Dass sie zu denjenigen gehörte, die im Auftrag ihrer Geldgeber die Wahrheit manipulierten und der Öffentlichkeit Sand in die Augen streuten, wollte er sich nicht vorstellen. Aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, das brisante Thema anzusprechen. Er lächelte ihr zu, und sie erwiderte das Lächeln, bevor sie Jamie half, sein Fleisch zu zerschneiden.

„Du wolltest uns von Yvonne erzählen“, begann Dawn. „Reist sie allein? Oder holst du sie nach? Was ist los?“

Er trank einen Schluck Wein, stellte das Glas ab, stützte die Ellbogen auf den Tisch und schob die Hände ineinander. „Leider habe ich eine schlechte Nachricht für euch. Yvonne und ich haben uns getrennt. Sie wird nicht herkommen. Ich weiß nicht, wo sie im Moment ist, und ehrlich gesagt, es ist mir auch egal.“

Luke schaute auf seinen Teller, während die anderen betroffen schwiegen. Er verschränkte die Hände so fest, dass die Finger zu schmerzen begannen. Für ihn war das alles nicht neu, trotzdem fiel es ihm schwer, darüber zu sprechen.

„Ihr lasst euch scheiden?“, fragte seine Mutter irgendwann.

„Ja. Es ist bereits eingeleitet.“

„Aber es kommt so plötzlich. In deiner letzten E-Mail hast du geschrieben, dass es euch beiden gut geht.“

Er verzog das Gesicht. „Na ja, es ging uns gut, wir waren nur nicht zusammen. Es tut mir leid, dass ich es euch erst jetzt erzähle, aber wir sind schon eine ganze Weile auseinander.“

„Habt ihr es mit einer Paartherapie versucht?“

„Nein.“ Luke schnaubte. „Glaub mir, es wäre sinnlos gewesen.“

„Oh, Luke. Was ist denn passiert? Ihr wart so verliebt. Ich kann mich noch erinnern, als du sie damals mit nach Hause gebracht hast, hatte ich dich noch nie so glücklich gesehen.“

„Mum, erspar mir die Einzelheiten“, bat er. „Wir waren einfach nicht füreinander bestimmt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Findet euch damit ab, dass es vorbei ist, einverstanden?“

Dawn zögerte. „Natürlich, aber es tut mir so leid. Trotzdem, wenn es sich nun nicht ändern lässt, ist es ein Segen, dass du keine Kinder hast.“

An Lukes Wange zuckte ein Muskel. „Ich halte das nicht für einen Segen.“

Seufzend griff er nach seinem Glas und leerte es. Er hatte nicht darüber sprechen wollen. Er hatte seine Gefühle nicht offenlegen wollen, auch nicht vor seiner Familie, sosehr er sie auch liebte.

Seine Mutter brach das angespannte Schweigen. „Wo ist dein Gepäck? Hast du es am Flughafen gelassen?“

„Nein, es ist im Hotel. Ich habe mich auf dem Weg hierher eingecheckt.“

„In einem Hotel? Warum willst du im Hotel wohnen, wenn du hier ein Zimmer hast?“, fragte Dawn erstaunt.

„Ich will euch keine Mühe machen, zumal mein Besuch so überraschend kommt.“

„Unsinn“, entgegnete sie mit Nachdruck. „Wozu ist dieses Haus da, wenn nicht für die Familie? Du checkst gleich morgen wieder aus und ziehst hier ein. Wir wollen dich hier haben, damit wir uns um dich kümmern können.“

Luke lächelte dankbar, schüttelte jedoch den Kopf. Er wollte nicht, dass man sich um ihn kümmerte. Er war jahrelang allein zurechtgekommen. Daran war er gewöhnt. Wenn seine gescheiterte Ehe ihm eine Lektion erteilt hatte, dann die, dass es für ihn besser war, allein zu sein.

Obwohl Della nach dem Essen versucht war, zum Kaffee und den selbst gemachten Schokolade-Pfefferminz-Plätzchen zu bleiben, schob sie entschlossen den Stuhl zurück. „Es tut mir leid, so eilig aufzubrechen, aber ich muss noch arbeiten.“

„Arbeiten?“, wiederholte Dawn. „Du arbeitest entschieden zu viel, Della. Bist du sicher, dass du keine Zeit mehr hast?“

„Leider ja. Es gibt in der Agentur eine Krise, die wir bewältigen müssen.“

„Doch nicht etwa das Feuer bei Dermont Chemicals?“, fragte Frank. „Ich habe im Radio davon gehört.“

Sie nickte. „Genau das. Tom Dermont ist mein Klient. Zum Glück für mich.“

„Ich hoffe, sie wissen zu schätzen, wie viele Überstunden du für sie machst“, warf Dawn ein. „Aber ich bezweifle es.“

Luke sprang auf. „Hey, du kannst mich mitnehmen in die Stadt. Geht das?“

Verdammt. Die Arbeit war nur der eine Grund, aus dem sie fort musste. Sie wollte auch weg von Luke. So zu tun, als ginge seine Nähe ihr nicht unter die Haut, war zu anstrengend, fast schmerzhaft. Dass er sich scheiden ließ, machte alles nur noch schlimmer. Sie war nicht sicher, was stärker war – ihr Mitgefühl oder die Erleichterung darüber, dass er wieder frei war. Und sie schämte sich dafür, dass es vielleicht Letzteres war.

„Willst du wirklich schon gehen?“ Della warf Dawn einen Blick zu. Warum drängte seine Mutter ihn nicht, länger zu bleiben?

„Bestimmt bist du nach der langen Reise erschöpft“, sagte Dawn und erhob sich, um ihren Sohn zu umarmen.

So viel dazu, dachte Della betrübt und schlüpfte aus dem Haus, während die anderen sich von Luke verabschiedeten. Nach all den Neuigkeiten drehte sich ihr der Kopf. Er ließ sich nicht nur scheiden, ab sofort wollte er auch noch in Adelaide leben und arbeiten.

Nicht, dass sich dadurch für sie etwas änderte. Jedenfalls nicht äußerlich. Sie war entschlossener denn je, ihre Gefühle zu verbergen. Die Freundschaft zu Luke war ihr wichtig. Jetzt, da er angeschlagen war und seine Freunde brauchte, durfte sie ihre Beziehung nicht aufs Spiel setzen. Erst einmal musste sie alles, was sie heute erfahren hatte, verdauen. Sobald sie darüber geschlafen hatte, könnte sie ihm eine gute, vertraute und verlässliche Freundin sein. Natürlich gäbe Luke es niemals zu, aber mit Sicherheit war er auch deshalb nach Hause zurückgekehrt, weil er in seiner Situation emotionale Unterstützung brauchte.

„Ich dachte schon, du wärst ohne mich gefahren“, sagte Luke, nachdem er die Beifahrertür geöffnet hatte und eingestiegen war. „Schönes Auto. Sehr schönes Auto. Du hast Geschmack.“

Sie startete den Motor des silberfarbenen Cabrios. „Was für einen Wagen hast du erwartet – einen Volvo? Sicher und solide?“

Er lachte. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber wenn ja, hätte ich mir dich vermutlich in einem … Mini vorgestellt.“

„In einem Mini?“

„Ja. Der würde zu dir passen.“

„Ach, halt den Mund.“

„Du fährst gut“, lobte er nach einem Moment.

„Danke.“ Sie fuhr gern Auto. Wahrscheinlich hatte sie sich deshalb für dieses Modell entschieden.

„Also, was ist aus deinen Idealen geworden, Della?“

„Aus meinen Idealen?“

„Aus denen, über die wir gesprochen haben, als wir noch auf der Universität waren. Du warst genauso versessen darauf, die Welt zu retten, wie ich.“

„Ich war jung und naiv und dachte, ich wüsste alles.“

„Und jetzt bist du alt und naiv und weißt, dass du nichts weißt?“

Sie warf ihm einen Blick zu. „So ungefähr.“ So idealistisch wie Luke war sie nie gewesen. Sie hatte ihn immer dafür bewundert, aber für sie war es wichtiger gewesen, sich eine feste finanzielle Basis zu verschaffen, als eine Welt zu verbessern, die nicht verbessert werden wollte. „Wo soll ich dich absetzen?“

Er schaute aus dem Fenster. „North Terrace“, sagte er, bevor er sich wieder zu ihr drehte. „Wir beiden haben einiges aufzuholen. Es ist eine Weile her, dass wir zusammen etwas unternommen haben.“

„Eine Weile? Es ist eine Ewigkeit her.“

„Stimmt. Wie wäre es mit morgen?“, fragte Luke. „Du könntest dir einen Tag freinehmen.“

„Das würde ich gern tun, aber wir haben eine Krise, schon vergessen?“

„Ach ja. Dermont. Ein leuchtendes Vorbild an gesellschaftlicher Verantwortung. Morgen Abend?“

Della schüttelte den Kopf. „Da gehe ich mit Lyn aus. Hoffentlich.“

„Hoffentlich?“

„Vorausgesetzt, Patrick kann auf die Kinder aufpassen.“

„Übermorgen Abend?“

„Den muss ich mir freihalten, falls Lyn unsere Verabredung verschiebt.“

Sie konzentrierte sich darauf, am Straßenrand zu halten. Eigentlich durfte sie hier gar nicht stehen, weshalb Luke rasch die Beifahrertür öffnete.

„Danke“, rief er über die Schulter. „Einen schönen Abend noch.“

Kaum war er ausgestiegen, gab Della Gas. Obwohl sie es nicht wollte, schaute sie mehrmals in den Rückspiegel, um ihm nachzusehen, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwand. Diesen Abend zu überstehen, ohne sich zu verraten, hatte viel Kraft gekostet. Sie konnte sich nicht erinnern, dass es jemals zuvor so anstrengend gewesen war.

Eine Sekunde lang fragte sie sich, ob es irgendwann möglich sein würde, ihm ihre wahren Gefühle zu offenbaren. Er war geschieden und für immer heimgekehrt, was hinderte sie also daran?

Ihre Freundschaft.

Er war so glücklich gewesen, als er Yvonne seiner Familie vorgestellt hatte. So verliebt. Vielleicht liebte er sie noch immer. Wenn ja, wäre ihr Geständnis das Letzte, was er brauchte.

Vielleicht galt das für den Moment, aber was war mit der Zukunft?

Hastig verdrängte Della die Frage. Warum sollte sie sich darüber den Kopf zerbrechen? Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie für Luke nie mehr als eine gute Freundin sein würde.

Aber konnten sie beide dort weitermachen, wo sie aufgehört hatten? Oder gab es zwischen ihnen eine Distanz, die nicht existiert hatte, bevor er ins Ausland gegangen war?

Bei seinen kurzen Besuchen war er immer abgelenkt, gar nicht richtig zu Hause gewesen. Auf der Durchreise, mehr nicht, in Gedanken noch bei seiner letzten Reportage. Oder schon bei der nächsten. Und später, als er seine Ehefrau mitbrachte, gab es für ihn nur Yvonne, sonst niemanden.

Ja, sie hatten jede Menge nachzuholen. In seinem Leben war seitdem viel passiert. Aber auch in ihrem, doch darüber wollte sie nicht reden. Vor allem nicht über ihre Krankheit und über die Folgen, die sich daraus ergaben. Das Thema war absolut tabu. Nein, auch wenn Luke jetzt zurück war und offenbar bleiben wollte, zwischen ihnen beiden konnte nichts wieder so werden, wie es gewesen war.

Am nächsten Morgen erwachte Della mit Kopfschmerzen. Ein ganz bestimmtes, unvergessliches Lächeln hatte sich in ihre Träume geschlichen und für einen unruhigen, viel zu kurzen Schlaf gesorgt. Erst nach dem Duschen ging es ihr besser, und trotz des Pochens hinter den Schläfen fühlte sie sich wohler als am Abend zuvor. Sie goss sich ein Glas Orangensaft ein und ging damit auf die vordere Veranda, um den Panoramablick auf den St. Vincent Golf zu genießen. Über dem türkisfarbenen Wasser erstreckte sich das tiefe Blau des wolkenlosen Frühlingshimmels.

Ein kleiner Park mit einer saftig grünen Rasenfläche trennte sie vom sandigen Strand. Die Straße führte nicht bis hierher und würde so bald nicht verlängert werden, denn das Haus stand unter Denkmalschutz. Della setzte sich in die altmodische Hollywoodschaukel, nippte am gekühlten Saft und dachte über den vorherigen Abend nach.

Wenn Luke jetzt hier lebte und arbeitete, würde sie ihm nicht aus dem Weg gehen können. Und das wollte sie auch nicht. Hätte sie die Wahl, ihn nie wiederzusehen oder ihn zu lieben und es zu verheimlichen, wäre die Entscheidung klar. Seine Nähe schmerzte, aber sie wollte sie.

Schon als Kind hatte Della gelernt, dass man die Wahrheit verbergen musste, wenn es schädlich war, sie zu offenbaren. Das machte sie nicht zu einem unehrlichen Menschen, sie war nur gut darin, ihre Gefühle zu verdrängen.

Gestern Abend hatte sie gemerkt, dass sie Luke immer noch so attraktiv fand wie früher. Aber sie war auch seine älteste Freundin. Soweit sie wusste, war er mit keinem seiner Schulkameraden in Kontakt geblieben. Wenn er über das Scheitern seiner Ehe reden wollte, musste sie für ihn da sein. Und das würde sie.

Falls sie mit ihrem Verdacht richtig lag und er seine Frau noch liebte, musste er schrecklich unter der Trennung leiden. Sie hatte den Schmerz in seinen Augen gesehen, als er seiner Familie davon erzählte. Dabei war Luke jemand, der seine Gefühle nicht zur Schau trug. Dass er sie nicht verheimlichen konnte, bewies, wie sehr er litt.

Bestimmt würde es ihm helfen, über Yvonne zu sprechen, und dann wäre sie da, um ihm zuzuhören. Wenn er sich das nächste Mal mit ihr verabreden wollte, würde sie sich nicht davor drücken. Sie würde ihre Gefühle tief in sich verschließen und tun, was zu tun war.

Als sie über sich heiseres Kreischen hörte, hob Della den Kopf und sah eine Minute lang den Seemöwen zu, bevor sie aufstand, um ins Haus zu gehen. So gern sie auch draußen geblieben wäre, sie hatte keine Zeit. Sie musste eine Pressekonferenz organisieren.

Auf dem Weg von der Tiefgarage zu ihrem Büro blieb Della am Empfang stehen, um Bonnie zu begrüßen und sich zu erkundigen, ob jemand nach ihr gefragt hatte.

Eingerahmt von Blumenarrangements saß die Sekretärin an ihrem geschwungenen Schreibtisch. „Hi, Della. Ja, Marvin hat dich gesucht.“

„Schon? Ist er in seinem Büro?“

„Ja. Jason ist bei ihm.“

„Tatsächlich?“ Weder Marvin, ihr Chef, noch Jason, ihr Assistent, waren Frühaufsteher. Offenbar machte die Krise die beiden panisch. Della deponierte einen Stapel Unterlagen in ihrem Zimmer, stellte Aktenkoffer und Handtasche ab und eilte über den Korridor zu Marvins Eckbüro. Das Vorzimmer war nicht besetzt, daher klopfte sie kurz an seine Tür und trat ein.

„Da bist du ja“, sagte Marvin mit einem Blick auf die Uhr. „Della, wir haben ein Problem mit der heutigen Pressekonferenz.“

„Ein Problem?“ Della setzte sich neben Jason. Er lächelte ihr zu.

„Tom Dermont hat mich heute früh zu Hause angerufen. Offenbar war dein Handy ausgeschaltet.“ Ihr Chef zog die Augenbrauen hoch.

„Ich hatte Kopfschmerzen und …“

„Schon gut.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Der Punkt ist, er will selbst vor die Presse.“

Della schloss die Augen. „Oh nein!“

„Genau. Was zum …“ Er lockerte seinen Hemdkragen. „Was zum Teufel willst du jetzt tun?“

Sie holte tief Luft. „Ich werde mit ihm reden, Marvin“, versprach sie so ruhig wie möglich.

„Mit ihm reden? Der Mann hat einen solchen Dickschädel, dass du einen Presslufthammer brauchen wirst.“ Nervös schaute er zur Tür, als hätte er Angst, dass jemand sie belauschte. „Mach es am besten gleich und lass mich wissen, wie es gelaufen ist.“ Er griff nach dem Telefonhörer, und Della stand auf.

„Keine Sorge, Marvin“, sagte Jason. „Ich werde Della unterstützen.“

Ungläubig starrte sie ihren Assistenten an. Was fiel ihm ein? Am liebsten hätte sie ihm klargemacht, dass sie durchaus auf seine Mitwirkung verzichten konnte, aber Marvin telefonierte bereits. Mit forschen Schritten ging sie zur Tür, und Jason folgte ihr geflissentlich.

Erst auf dem Korridor überholte er sie und versperrte ihr den Weg. „Nicht, dass du mich falsch verstehst, Della. Ich wollte nur helfen. Es sollte nicht so klingen, als könntest du es nicht allein schaffen.“

Nein, natürlich sollte es das nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie dabei war. Seit sechs Monaten, das wusste sie, arbeitete er im Hintergrund an seiner Beförderung. Und Della hätte kein Problem damit, wenn er ihre Position übernähme – vorausgesetzt, er wartete, bis sie ihren Schreibtisch ausgeräumt hatte.

Denn wenn alles nach Plan lief und sie wie erhofft Teilhaberin der PR-Agentur wurde, wäre es für sie von Vorteil, jemanden zu haben, der sie auf ihrem alten Posten ersetzen konnte. Dann würde sie Jason ohne Zögern als ihren Nachfolger empfehlen. Aber wenn er weiterhin solche abfälligen Bemerkungen machte, würde sie vielleicht vorschlagen, sich anderswo nach einem neuen Chefberater umzusehen.

Jetzt ignorierte sie seine geheuchelte Entschuldigung und kam sofort zur Sache.

„Fang schon mal damit an, die Pressemappe zusammenzustellen“, sagte sie. „Ich habe dir gestern am späten Abend die Presseerklärung gemailt. Hast du sie gelesen?“

„Ich habe meine Mails noch nicht gecheckt.“

„Na, dann tu es. Alles andere, was du brauchst, müsstest du schon haben. Und ruf Catherine an und sag ihr, dass wir eine Verlautbarung für die Mitarbeiter brauchen. Ich rede inzwischen mit Tom Dermont.“

„Soll ich …“

„Ich werde mit ihm fertig“, unterbrach sie ihn scharf.

„Natürlich.“

Sie entließ ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung und kehrte in ihr Büro zurück. Seufzend umrundete sie den Schreibtisch. Es machte ihr keinen Spaß, die Vorgesetzte herauszukehren, aber sie kannte Jason. Zu glauben, dass man mit Typen wie ihm anders umgehen konnte, wäre naiv. Sie selbst hatte energisch sein müssen, um es in der Agentur so weit zu bringen, und wenn sie Partner wurde, würde sie sogar noch energischer sein müssen. Auch wenn es nicht ihrer Natur entsprach, ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit war in dieser Branche unverzichtbar.

Della setzte sich und las den Zettel, der vor ihr lag. Er kam von Melanie Crowe, die bei Dermont Chemicals für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Wahrscheinlich nichts Gutes. Besser, sie sprach mit Melanie, bevor sie sich Tom Dermont vornahm.

Melanie war mit einer derartigen Krise überfordert und tat Della leid. Tom hatte versucht, Personalkosten zu sparen, indem er sie frisch von der Universität eingestellt hatte, anstatt einen erfahrenen Praktiker zu engagieren.

Wäre Tom ein fähiger Geschäftsmann, hätte er sein Geld dafür ausgegeben, das Verhältnis zu den Anwohnern zu entspannen und Notfallpläne zu entwickeln. Dann hätte er viel schneller auf das gestrige Feuer reagieren können. Natürlich hätte das Unternehmen auch dann nicht auf externe PR-Spezialisten verzichten können, aber zumindest hätte ein solches Vorgehen verhindert, dass die Journalisten ihre Berichte mit Gerüchten und unsachlichen Kommentaren füllten.

Allerdings lag es nicht in ihrem Interesse, Tom Dermont so etwas vorzuschlagen. Der Vertrag mit ihm brachte ihrer Agentur ein ansehnliches Honorar ein, und da er mit niemand anderem als Della zusammenarbeiten wollte oder konnte, hatte ihr Wort bei den Teilhabern großes Gewicht.

„Melanie, du hast um einen Rückruf gebeten.“

„Oh, Della. Gott sei Dank.“ Melanie klang atemlos, dabei war es erst halb neun. „Der Brand breitet sich aus.“

„Ich dachte, die Feuerwehr hat ihn unter Kontrolle.“

„Das hatte sie, aber er hat einen der Tanks mit Chemikalien erfasst, und es gab eine Explosion. Zwei Feuerwehrleute sind im Krankenhaus.“

„Sind sie schwer verletzt?“

„Ihr Zustand ist stabil. Das Problem ist, dass giftige Dämpfe austreten. Die Polizei evakuiert die Anwohner.“

Della fluchte leise. Das hier war das Letzte, was sie brauchten – noch mehr Munition für die Bürgerinitiative, die seit Jahren gegen die Chemiefabrik protestierte. Wenn sie die Regierung des Bundesstaats dazu bewegen konnte, das Werk als Schwerindustrie einzustufen, müsste die Firma es an den Stadtrand verlegen, weit entfernt von den Wohngebieten. Der Umzug würde ein Vermögen kosten und vielleicht sogar zur Stilllegung des Betriebs führen, falls Tom Dermont sich entschied, lieber die Produktion einzustellen, als neues Geld zu investieren.

„Danke, dass du mich informiert hast, Melanie. Ich werde jetzt mit Tom sprechen. Er will unbedingt selbst auf der Pressekonferenz auftreten, und ich muss es ihm ausreden.“

Melanie schnaubte. „Viel Glück.“

„Ich dachte mir, ich schlage vor, Dan Barlow hinzuschicken.“

„Perfekt. Der kommt bei den Medien besser an. Außerdem weiß er, wovon er redet, und wird gar nicht erst versuchen, große Töne zu spucken.“

An diesem Nachmittag blätterte Della in einer der Mappen, die Jason zusammengestellt hatte. Außer ihrer Presseerklärung lagen Hintergrundinformationen über die Produktpalette von Dermont, ein Text über die volkswirtschaftliche Bedeutung des Unternehmens, einige Fakten über die geplante Modernisierung der Produktionsabläufe – falls Tom Dermont die Ausgabe jemals genehmigte – und einige weitere Informationen darin. Sie hatten einen großen Saal in einem Hotel in der City gebucht und die Medien rechtzeitig eingeladen. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass Tom sein Versprechen hielt und nicht doch noch dort auftauchte.

Als Dan Barlow den Raum betrat, lief sie ihm entgegen. „Danke, dass Sie eingesprungen sind, Dan.“

„Kein Problem. Ich bin froh, dass ich helfen kann.“

Sie unterhielt sich noch eine Weile mit ihm. Als sie sich dann umdrehte, um zu überprüfen, ob genug Stühle für die bereits hereinströmenden Journalisten da waren, entdeckte sie Luke, und ihre Blicke trafen sich. Während er sich in die letzte Reihe setzte, lächelte er ihr zu. Und das auf leeren Magen, dachte sie und ging nach hinten.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

Er wandte sich ihr zu. Unverhohlen ließ er den Blick von ihrem Gesicht zu den Füßen und wieder nach oben wandern. Sie hielt den Atem an. So hatte er sie noch nie angesehen.

„Mit gefällt, wie du dich zur Arbeit anziehst“, erwiderte er. „Sehr elegant, aber nicht zu konservativ. Man sieht noch einen Hauch von früher.“

Sie wollte sich nicht über das Kompliment freuen und strich über den schwarzen Rock und die Seidenbluse, bevor sie das Kinn hob. „Wie ich sehe, hast du deinen Stil ein wenig verfeinert.“

In der olivgrünen Hose und dem weißen Oberhemd sah er aufregend gut aus. Er hatte sich rasiert und war beim Friseur gewesen.

„Du hast mir noch nicht erzählt, was du hier willst“, fuhr sie fort.

„Ich will mich nur über die örtliche Nachrichtenlage informieren.“

„Du arbeitest nicht, oder?“

Luke schüttelte den Kopf.

„Woher wusstest du dann von dieser Pressekonferenz?“

Er zögerte. „Ich habe so meine Kontakte.“

„Natürlich.“ Della schaute auf die Uhr. Sie musste pünktlich beginnen, damit die Berichte der Reporter rechtzeitig für die Abendnachrichten in den Redaktionen vorlagen. „Wir müssen jetzt anfangen.“

„Bis nachher.“

„Ich gehe heute mit Lyn aus.“

„Richtig.“

So gelassen wie möglich schlenderte sie nach vorn. Sie hätte wissen müssen, dass Luke sich eine so brisante Pressekonferenz nicht entgehen lassen würde. Er war in aller Welt dafür bekannt, dass er Fälle von Ausbeutung und Unternehmerwillkür schonungslos aufdeckte. Hier in seiner Heimatstadt wurde er von allen Kollegen bewundert, daher wunderte es Della nicht, dass er über den wichtigsten Termin des Tages informiert war.

Während der Konferenz schaute sie immer wieder in seine Richtung – jedes Mal ertappte er sie dabei und quittierte es mit einer hochgezogenen Braue, einem Zwinkern oder einem verschmitzten Lächeln. Sie musste sich zwingen, ihn zu ignorieren, denn sonst hätte sie laut aufgelacht und damit nicht nur die Pressekonferenz, sondern auch ihren Ruf als souveräner PR-Profi ruiniert.

Als die Medienvertreter nach der Veranstaltung hastig aufbrachen, verlor sie Luke aus den Augen. Erst nachdem sie mit Dan Barlow über den Aktionsplan für die nächsten Tage gesprochen hatte und in ihr Büro zurückgekehrt war, sank ihr Adrenalinspiegel. Sie überflog die Nachrichten auf ihrem Schreibtisch und seufzte laut, als sie sah, dass eine davon von einem Klienten aus dem Weinbau kam. Dessen Jahresbilanz stand an – sie musste diese Aufgabe delegieren, damit er rechtzeitig gedruckt werden konnte.

Ihr Handy meldete sich, und sie warf einen Blick aufs Display. Es war eine SMS von Lyn. Sie hatte heute Abend Zeit und bat Della, sie um sechs abzuholen.

Mit gemischten Gefühlen löschte sie die Nachricht. Sie war gern mit Lyn zusammen, aber dieses Mal graute ihr ein wenig davor.

3. KAPITEL

Bevor Della zu Lyn fuhr, erledigte sie so viel wie möglich von der Arbeit, die sich auf ihrem Schreibtisch türmte, damit sie guten Gewissens Feierabend machen konnte. Als sie die Villa der Brayfords erreichte, sah sie in der Einfahrt einen unbekannten Wagen stehen. Es war ein Saab. Hatten sie Besuch? Würde Lyn zu Hause bleiben müssen? Fast hoffte Della es....

Autor

Annette Broadrick

Bis Annette Broadrick mit sechzehn Jahren eine kleine Schwester bekam, wuchs sie als Einzelkind auf. Wahrscheinlich war deshalb das Lesen immer ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Mit 18 Jahren, direkt nach ihrem Abschluss an der Highschool, heiratete sie. Zwölf Monate später wurde ihr erster Sohn geboren, und schließlich wurde sie in sieben...

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Christine Rimmer

Christine Rimmers Romances sind für ihre liebenswerten, manchmal recht unkonventionellen Hauptfiguren und die spannungsgeladene Atmosphäre bekannt, die dafür sorgen, dass man ihre Bücher nicht aus der Hand legen kann. Ihr erster Liebesroman wurde 1987 veröffentlicht, und seitdem sind 35 weitere zeitgenössische Romances erschienen, die regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten landen....

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