Vernunftehe mit unerwarteten Hindernissen

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Sie soll ihn heiraten? Aislinn kann nicht fassen, was ihr guter Freund Liam spontan vorschlägt. Zwar soll es nur eine Zweckehe sein, weil sie völlig mittellos ist und er als Vermögensberater einen seriösen Ruf braucht. Doch ist es wirklich die Lösung oder ein zusätzliches Problem? Insgeheim ist Aislinn seit ihrer Teenagerzeit in Liam verliebt. Unter seinen ungewohnt zärtlichen Berührungen in der Öffentlichkeit erschauert sie sinnlich. Während sie sich bald immer mehr nach ihm verzehrt, muss sie fürchten, dass es für ihn nie mehr als ein Deal sein wird …


  • Erscheinungstag 12.05.2026
  • Bandnummer 2753
  • ISBN / Artikelnummer 0800260010
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Amy Andrews

Gefährliche Nähe – verbotene Sehnsucht

1. KAPITEL

Zum ersten Mal seit fünf Jahren musste Edmund Butler nirgendwohin und nichts erledigen. Kein Pager führte in seinem Leben Regie. Diese Tatsache kostete er auf den Seychellen aus, an einem Strand mit heißer Sonne und kaltem Bier. Hier herrschte Frieden. Ruhe. Der Sand war blendend weiß und das Wasser so klar, dass es glatt einer schottischen Quelle hätte entspringen können.

Er brauchte das hier. Brauchte es wirklich.

Als er nach seiner zweiten der vier Bierflaschen im Eiskübel griff, registrierte er flüchtig das ferne Brummen von Rotorblättern. Hubschrauber flogen regelmäßig Touristen zu den Inseln dieses Archipels.

Ed öffnete die Flasche, trank drei lange Schlucke und zog am Hebel seines Liegestuhls, damit er sich ausstrecken konnte. Jemand hatte den Liegestuhl günstig platziert, unter sanft wiegenden Palmblättern an einem menschenleeren Strand. Da sich auf der winzigen exklusiven Insel nie mehr als zwei Dutzend Gäste aufhielten, war es im Grunde überall ziemlich menschenleer.

Er schloss die Augen hinter der Sonnenbrille, atmete tief und zufrieden aus und lauschte dem leisen Plätschern der Wellen, die auf den Strand trafen. Doch das gleichförmige Brummen der Rotorblätter wurde lauter und übertönte das milde Meeresrauschen. Ed spielte mit der Idee, seine Surfshorts auszuziehen und den Leuten im Hubschrauber einen wahrhaft sehenswerten Anblick zu bieten. Er tat es nicht, aber die Vorstellung entlockte ihm ein Lächeln, während er darauf wartete, dass der Hubschrauber abschwirrte.

Leider geschah das nicht.

Stattdessen wurde das Geräusch derart laut, dass Ed sich dazu aufraffte, den Kopf zu heben. Der Hubschrauber schwebte über der Landzunge am äußersten Ende des Strands. Ed stützte sich auf die Ellbogen und beobachtete, wie heftig sich die Wasseroberfläche unter dem Abwind kräuselte. Der elegante indigoblaue Hubschrauber mit den getönten Scheiben sah kostspielig aus. Auf dem Rumpf prangten keine Logos, anders als auf den Hubschraubern für Rundflüge.

Vielleicht handelt es sich um einen Privatflug? Einen prominenten Gast?

Wenig später setzten die Kufen des Hubschraubers auf dem Boden auf, und eine weiße Sandwolke stieg hoch. Sie senkte sich, als der Pilot den Motor ausstellte, und der Lärm ließ nach, aber die Brise trug das Geräusch der sich langsamer drehenden Rotorblätter nach wie vor in Eds Richtung.

Gleich nach der Landung ging die Seitentür auf. Ein muskulöser Mann im dunklen Tarnanzug stieg aus. Er hatte einen militärisch kurzen Haarschnitt, trug eine Fliegersonnenbrille, schwarze Stiefel und eine schwarze Pistole in einem Holster auf Hüfthöhe.

Ein Leibwächter? Ja, vermutlich sitzt eine Berühmtheit im Hubschrauber.

Der Mann drehte sich um und reichte jemandem die Hand. Eine Frau stieg aus. Sie trug keine Schuhe. Honigbraune Locken wehten um ihr Gesicht, und ein Kleid in fließendem silberfarbenen Stoff flatterte im Luftzug der Rotorblätter um ihre Beine. Ed erhaschte einen Blick auf bloße sonnengebräunte Arme, weil die Frau eine Hand zu ihren Haaren hob und mit der anderen ihren Rock bändigte. Der drohte sich wie in der berühmten Filmszene mit Marilyn Monroe selbstständig zu machen, während der Leibwächter die Frau vom Hubschrauber wegführte. Das zarte Kleid schien eher auf einen Pariser Laufsteg denn an diesen Strand zu gehören.

In einiger Entfernung vom Hubschrauber schüttelte die Frau den Kopf. Ohne den Luftzug fielen ihre Locken so, dass sie ihr Gesicht enthüllten. Wie ein Filmstar sah sie aus mit ihrer großen, coolen Sonnenbrille und dem knallroten Mund. Ihre Lippen wirkten genauso üppig und verführerisch wie die Kurven unter der silbrigen Seide, die im Sonnenschein glitzerte.

Das Neckholderoberteil des Kleids entblößte ihre Schultern und schmiegte sich um ihre vollen Brüste. Ein Gürtel hielt den Stoff in der Taille locker zusammen, sodass der weite Rock in der tropischen Brise wehte und die Rundungen der Hüfte und Oberschenkel der Trägerin zur Geltung brachte, während er hinter ihr flatterte wie der Schwanz eines Drachens.

Die Frau mit der karamellfarbenen Haut war eine Schönheit im klassischen Sinne. Alles an ihr deutete auf eine Prominente hin. Sie kam Ed nicht bekannt vor, aber das wollte nicht viel heißen, denn er las keine Boulevardmagazine. Auf jeden Fall bewegte sie sich so, wie sich vermögende Leute bewegten. Als wäre es selbstverständlich, dass man sie erkannte.

Ed trank einen weiteren Schluck Bier. Vermutlich wollte die Frau zur Rezeption des Resorts, und dafür musste sie an ihm vorbei. Mit ihrem bewaffneten Begleiter gab sie ein auffälliges Bild ab, doch wer sie auch sein mochte – sie war bestimmt nicht hier, um sich von Fremden begaffen zu lassen. Das Resort warb mit seiner Diskretion. Ed legte sich wieder auf den Rücken und schloss die Augen.

Dass die Frau vor seiner Liege stehen blieb, war das Letzte, womit er gerechnet hatte.

„Äh-hem.“

Überrascht öffnete er die Augen. Sie sah auf ihn hinunter, während ihr Begleiter in diskreter Entfernung stand und erst die Palmen, dann das Meer musterte, als würde er jede Sekunde mit einem Angriff rechnen.

Aus der Nähe wirkte die Frau noch hinreißender. Ihr leicht gebräunter Teint war makellos, ihre roten Lippen schrien förmlich nach Aufmerksamkeit, und aus irgendeinem Grund fand Ed ihre Rundungen sogar verlockender, wenn sie stand, als wenn sie sich bewegte.

Vielleicht, weil diese Rundungen nun in Reichweite waren.

„Es tut mir leid, dass ich Sie während Ihrer Erholung störe“, begann sie in geschliffenem Englisch mit leichtem Akzent. „Sie sind Edmund Butler, richtig? Dr. Edmund Butler?“

Er war froh, dass die Sonnenbrille sein Erstaunen verbarg. In manchen Teilen der Welt war er bekannt wie ein Rockstar und seine Expertise sehr gefragt. Allerdings nicht hier, auf dieser Insel im Indischen Ozean, wo man ihn einfach als Ed aus London kannte.

„Ja“, bestätigte er knapp, stellte die Rückenlehne seiner Sonnenliege aufrecht und deponierte die halb leere Bierflasche im Eiskübel.

Sie straffte die Schultern und trat einen Schritt zurück. „Perfekt.“ Erleichtert nickte sie. Dann streckte sie ihm die rechte Hand hin. „Mein Name ist Prinzessin Xiomara de la Rosa von Castilona, und ich brauche Ihre Hilfe.“

Eds Überraschung verwandelte sich in Argwohn. Er ignorierte ihre Hand, spähte nach links und rechts. Wo waren die Kameras? Man wollte ihn garantiert reinlegen. Ein paar Kumpel und er spielten dieses Spiel seit Jahren, aber das hier sprengte den Rahmen. Eine Prinzessin aus einem Land, von dem er nie gehört hatte und das daher vermutlich gar nicht existierte, landete in einem Hubschrauber und bat ihn um Hilfe? „Okay, witzig. Haha. Hat Julian Sie hergeschickt?“ Dr. Julian Bosworth war ein gestandener Endokrinologe, benahm sich aber noch immer wie ein Student in der ersten Woche an der Uni.

Mit einem gequälten Lächeln ließ die Frau ihre Hand sinken. „Tut mir leid, ich kenne keinen Julian, und ich kann nachvollziehen, dass es Ihnen ungewöhnlich erscheint …“

„Thacks steckt dahinter, oder?“, unterbrach Ed sie, nahm die Sonnenbrille ab und betrachtete die Palmen hinter sich noch eingehender als der Typ im Tarnanzug. „Du kannst rauskommen, Thacker, der Streich ist zu Ende.“

Harry Thacker war vielleicht der Klügste von ihnen allen gewesen, denn er hatte sich auf Dermatologie spezialisiert – kein Bereitschaftsdienst, keine Wochenenddienste und kein Mangel an Leuten, die Unsummen zahlten, damit ihre Haut jung aussah.

„Ich versichere Ihnen, Dr. Butler: Dies ist kein Streich, und ich bin diejenige, die ich zu sein behaupte.“ Sie drehte sich zu ihrem Leibwächter um und sagte etwas, das spanisch klang.

Der Mann trat vor, zog einen Reisepass aus der linken Hemdtasche, reichte ihn ihr und kehrte zu seiner Ausgangsposition zurück. Sie hielt Ed den Pass hin.

Er nahm ihn und las das Wort Diplomatenpass in dicken Goldbuchstaben. Zugegeben, das Ding sah echt aus, aber heutzutage konnte man so etwas leicht fälschen. Xiomara Maria Fernanda de la Rosa … Menschenskind, was für ein Name. Er betrachtete das Foto. Es zeigte die Frau vor ihm – und gleichzeitig aber auch nicht. Auf dem Foto waren ihre Locken zu einem ebenso strengen wie eleganten Dutt gesteckt. Kein einziges Haar tanzte aus der Reihe. Der Ausschnitt ihrer Bluse lag fast an ihrem Hals an, und ihre Lippen hatten einen sittsamen rosigen Farbton. Dann war da noch der Blick aus ihren grünen Augen. Selbstsicher und majestätisch und vielleicht sogar ein bisschen traurig.

„Netter Versuch“, sagte Ed und gab ihr den Pass zurück. „Aber so leichtgläubig bin ich nicht.“

Sie presste die roten Lippen zusammen, und als auch sie die Sonnenbrille abnahm, las Ed kaum verhohlene Ungeduld in ihren grünen Augen mit den goldfarbenen Sprenkeln. „Wie wäre es, wenn Sie mich googeln?“, meinte sie höflich, wobei ihre befehlsgewohnte Miene wenig Zweifel daran ließ, dass der Vorschlag unter ihrer Würde war. Sie verschränkte die Arme. „Ich warte so lange.“

Ed blinzelte. Wer auch immer diese Frau sein mochte: Sie war eine sehr gute Schauspielerin. Thacks hatte sich echt ins Zeug gelegt. Der Streich würde erst enden, wenn Ed mitspielte. Also schnappte er sein Handy, das auf dem Tablett neben dem Eiskübel lag, und googelte die angebliche Prinzessin. Zuerst stieß er auf ein offizielles Porträt des Königshauses de la Rosa. Die Frau blickte souverän und elegant – mit einer Tiara auf dem Kopf – in die Kamera. Laut Bildunterschrift war das Foto vor einigen Monaten bei der Krönung von König Octavio von Castilona aufgenommen worden. Bei Castilona handelte es sich anscheinend um eine kleine Insel vor der spanischen Küste.

Das Internet spuckte Fotos über Fotos aus. Einige von offiziellen Terminen, bei denen die Frau mit ihren in unterschiedlichen Rosatönen geschminkten Lippen ein perfektes königliches Lächeln zur Schau trug. Andere Bilder – grobkörnig, unscharf, deutlich weniger formell – stammten von Paparazzi. Wie jenes Foto, auf dem sie in einem stahlblauen Badeanzug knöcheltief im Meer stand und ihr die Locken ungezähmt um den Kopf fielen.

Er blickte vom Handy hoch und ließ es auf die Liege fallen. „Okay. Sie sind tatsächlich eine Prinzessin. Entschuldigung.“

Xiomara winkte ab. Ed vermutete, dass sie aus ihrer vergoldeten Kutsche auch Menschenmengen auf diese Weise zuwinkte. „Schon gut. Wollen wir noch einmal von vorn anfangen? Mein Name ist Xiomara de la Rosa. Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Dr. Butler.“

Wieder streckte sie ihm die rechte Hand hin, diesmal geradezu päpstlich. Ed hoffte schwer, dass sie keinen Handkuss erwartete. Er hatte nichts dagegen, diese atemberaubende Frau zu küssen, aber ihre Hand war nicht der erste Körperteil, den er mit den Lippen berühren wollte.

Als er die Beine von der Liege schwang und aufstand, legte ihr Begleiter eine Hand knapp über die Pistole. Ed ignorierte ihn, so gut man den Leibwächter einer Prinzessin ignorieren konnte, nahm Xiomaras Hand in seine und schüttelte sie kurz. Der Typ im Tarnanzug entspannte sich etwas und konzentrierte sich erneut auf die Umgebung.

„Verzeihung, sind wir uns schon mal begegnet?“ Ed hatte durch seinen Beruf viele Menschen kennengelernt, aber an eine Prinzessin, insbesondere an sie, hätte er sich erinnert. Warum sucht sie mich auf, wenn sie mich gar nicht kennt? Und, noch wichtiger, woher zur Hölle wusste sie, wo ich mich gerade aufhalte?

„Nein. Aber ich habe ein Problem, und Sie sind die Lösung. Mein Cousin, der König … Seine Ehefrau erwartet Zwillinge, und der neueste Ultraschall legt gravierende Komplikationen nahe. Ich möchte, dass Sie mich nach Castilona begleiten, das Paar beraten und die Königin behandeln.“

Normalerweise war sein Hirn fähig, eine Vielzahl komplexer Aufgaben – einschließlich Fetalchirurgie – zu bewältigen, doch jetzt streikte es. In seinem Kopf schwirrten so viele Fragen herum, dass er die erste aussprach, für die er Worte fand: „Woher wussten Sie, dass ich hier bin?“ Schließlich machte er Urlaub. Zwei herrliche Wochen. Seine ersten Ferien seit fünf Jahren. Danach würde er mit einer Nichtregierungsorganisation nach Afrika reisen, um Ärzte in Fetalmedizin zu schulen. Nur seine Eltern, seine engen Freunde, seine Assistentin und ein paar Mitglieder der Nichtregierungsorganisation kannten seinen Aufenthaltsort.

Sie hob eine nackte Schulter und ließ sie wieder sinken. „Mein Cousin ist ein König. Wir haben Mittel und Wege.“

Eds Blick glitt zum Leibwächter. Absurd. Wie in einem „James Bond“-Film. Doch dies war kein Film, sondern sein Leben. Er war Privatmann. Was auch immer den Zwillingen des Königspaars fehlte und wie sehr er Prinzessin Xiomaras Gesellschaft unter anderen Umständen genossen hätte – sie konnte samt ihrer Mittel und Wege nach Hause fliegen. „Tut mir leid, ich beschäftige mich mit einem hoch spezialisierten Bereich der Fetalmedizin.“ Obwohl er aus bescheidenen Verhältnissen stammte und ihm das Prinzip der vererbten Herrschaft missfiel, gab es keinen Grund, unhöflich zu sein. „Allerdings könnte ich Ihnen jemanden für Ihren Cousin und seine Frau empfehlen.“

„Dr. Edmund Butler“, sagte sie, und die goldenen Sprenkel in ihren Augen schienen aufzublitzen. „Mitglied des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists, Leiter der Intrauterine Surgical Alliance, Vorsitzender des World Symposium of Foetal Surgery, Gründer des Foetal Surgical Research Institute, Autor von mehr als siebenhundert Artikeln in Fachzeitschriften, führender Experte für die Laserbehandlung im Mutterleib beim Zwillingstransfusionssyndrom.“ Xiomara verschränkte die Arme. „Sie sind genau der Mann, den ich brauche.“

Also gut. Die Prinzessin hat ihre Hausaufgaben gemacht.

„Ich habe alle Details in einer Akte im Hubschrauber, aber kurz gesagt ist Königin Phoebe in der zwanzigsten Woche schwanger mit Zwillingen. Bei einer Routineuntersuchung hat der Ultraschall vor wenigen Tagen ein Transfusionssyndrom in Stadium I ergeben.“

Obwohl Ed sich gerade an einem Strand befand, unter einer Palme, in Surfshorts, im ersten Urlaub seit fünf Jahren, sprang sein Hirn an. In Stadium I konnte engmaschige Beobachtung ausreichen. Genauso gut konnte sich allerdings eine Situation ergeben, die unverzügliches Eingreifen erforderte. Um ein Gefühl für diesen Fall zu bekommen, würde er selbst einen Ultraschall machen müssen.

Stopp. Nein.

„Tja, wie Sie sehen können“, er machte eine ausladende Armbewegung, „habe ich gerade Urlaub. Aber ich kann Ihnen den Kontakt zu drei anderen Topchirurgen vermitteln. Bestimmt wäre jeder gern bereit, die Königin zu beraten und zu behandeln.“

Laut Google war Xiomara siebenundzwanzig, aber falls Ed gedacht hatte, eine verhältnismäßig junge Frau sei leicht einzuschüchtern, lag er falsch. Ihre selbstsichere, majestätische Art konnte es ohne Weiteres mit seinem durch harte Arbeit verdienten Expertenstatus aufnehmen. Wobei es vermutlich schwierig war, in geblümten Surfshorts wie ein Experte für irgendetwas zu wirken.

„Aber Sie sind der Beste, richtig?“

„Ja.“ Er sah wenig Sinn darin, die unbestrittene Tatsache zu leugnen.

„Dann will ich ausschließlich Sie.“ Entschlossen reckte sie das Kinn vor.

Zweifellos war Prinzessin Xiomara nicht daran gewöhnt, Absagen zu kassieren. Pech für sie, denn Ed wurde allmählich richtig sauer. Ein Zustand, der sich noch verschärfte, als sein Puls bei ihren letzten Worten in die Höhe schnellte. Unter romantischeren Umständen hätte ihm ihre Offenheit womöglich gefallen, doch jetzt störte es ihn, dass sich sein verräterischer Körper auf die Seite der kurvigen Prinzessin schlug. „Leider bin ich derzeit unabkömmlich. Die Auskunft hätte ich Ihnen auch telefonisch geben können, genau wie die Kontaktdetails meiner Kollegen. Da Sie wissen, wo ich mich aufhalte, kennen Sie vermutlich auch meine Telefonnummer.“

Sie lächelte schwach. „Ich wollte nicht, dass Sie ablehnen.“

„Ich lehne in der Tat ab, und zwar jetzt.“

Missbilligend betrachtete sie den Eiskübel mit den Bierflaschen. „Sie scheinen momentan nicht sonderlich beschäftigt zu sein.“

„Genau das ist ja der Sinn von Urlaub.“

„Um zehn Uhr morgens Bier zu trinken?“

Es reichte. Ed hatte fast ständig Bereitschaftsdienst, daher trank er selten Alkohol. Wenn er jeden Ferientag von morgens bis abends Bier trinken wollte, würde er das tun und sich nicht kritisieren lassen von einer feinen Dame, die vermutlich keinen einzigen Tag ihres Lebens gearbeitet hatte. „Hören Sie, gute Frau …“

„Die Anrede lautet Eure Königliche Hoheit“, unterbrach sie ihn, wobei ihr roter Mund beinahe unmerklich amüsiert zuckte.

Ed zog eine Braue hoch. So nannte er sie definitiv nicht. Trotz seines Unmuts war er beeindruckt von ihrer Arroganz. „Xiomara“, lenkte er ein. Sie mochte einen königlichen Stammbaum haben, aber seine medizinische Laufbahn war auch nicht zu verachten, und er ließ sich ebenfalls nicht leicht einschüchtern. „Ich fürchte, Sie haben Ihre Zeit hier verschwendet.“

„Natürlich sorgen wir dafür, dass Sie angemessen entschädigt werden.“

Er lächelte sarkastisch. „Ihr Geld brauche ich nicht. Ich habe selbst genug.“ Zugegeben, nicht so viel Geld wie eine Prinzessin, doch er bekam ein hohes Gehalt, besaß ein Apartment im Londoner Stadtteil Kensington, fuhr einen teuren Wagen und hatte klug investiert. Nicht schlecht für einen Jungen, der von seinen Eltern – beide Entwicklungshelfer – in allen möglichen Brennpunkten der Welt zu Hause unterrichtet worden war.

„Einhunderttausend Pfund.“

Ed blinzelte. Was zum …? Macht sie Witze? Sie hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. Er schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Zweihunderttausend Pfund.“

Er verschränkte die Arme und sah sie eisig an. „Nein.“

„Dreihunderttausend Pfund.“

„Nein.“

„Vierhunderttausend Pfund.“

„Xiomara.“ Genervt schüttelte er den Kopf. Er wusste nicht, ob er verärgert sein sollte oder ein bisschen erregt von dieser Frau, die mit ihrem Geld winkte, um sich durchzusetzen?

„Wollen Sie noch mehr?“

„Sie könnten mir eine Million Pfund bieten, und ich würde immer noch ablehnen. Sie dringen in meine Privatsphäre ein, stören meine Ruhe und missachten die Tatsache, dass ich im Urlaub bin. Und dann maßen Sie sich an, mir zu unterstellen, ich wäre käuflich? Die Antwort lautet: Nein.“

Sie zog eine dunkle, makellos gestylte Braue hoch. „Wollen Sie zusehen, wie die Zwillinge sterben, nur weil meine Methoden Sie irritieren?“

„Gut, dass es mehrere andere Spezialisten gibt, die Ihnen helfen können.“

„Fünfhunderttausend.“

Ed musste lachen. „Das kann nicht Ihr Ernst sein.“

„Sehen Sie mich an, Dr. Butler.“ Jetzt wirkte sie nicht mehr nur entschlossen, sondern unbeugsam. „Denken Sie, dass ich die Gesundheit der ungeborenen Kinder meines Cousins und künftigen Herrscher meines Landes nicht ernst nehme?“

„Offenbar tun Sie das nicht, da es ausgezeichnete Alternativen zu mir gibt.“

„Der König und die Königin von Castilona verdienen das Beste, und genau das werden sie bekommen. Siebenhundertfünfzigtausend Pfund.“

Er seufzte. „Nein.“

Sie presste die Lippen zusammen und betrachtete ihn einen langen Moment. Er wusste nicht genau, wie sie es fertigbrachte, auf ihn herabzusehen, obwohl er deutlich größer war als sie.

„Eine Million Pfund als Spende an Ihr Forschungsinstitut für Fetalchirurgie.“

Ed machte den Mund auf, um ein weiteres Mal abzulehnen, doch nach einer winzigen Pause klappte er ihn benommen zu. Mit so viel Geld könnte das Institut, das auf Spenden angewiesen war, viele wertvolle Projekte finanzieren.

Prinzessin Xiomara de la Rosa von Castilona hatte seinen wunden Punkt gefunden.

2. KAPITEL

Xiomara betrachtete die Korallenbänke um die Insel, die unter ihnen kleiner und kleiner wurde. Dank des Schallschutzes im luxuriösen Hubschrauber hörte man das Geräusch der Rotorblätter kaum. Der Indische Ozean glitzerte wie ein Juwel.

Gegenüber von Xiomara saß Xavier Torres auf einem weißen Ledersitz. Er trug Kopfhörer mit einem Mikrofon, um mit dem Piloten zu kommunizieren. Xavier stammte aus Castilona. Seine Mutter war Chefköchin im Palast gewesen. Er hatte als Soldat im Ausland gearbeitet, bis eine Explosion seine Sehkraft auf einem Auge beeinträchtigt hatte. Seitdem war er Mitglied des königlichen Personenschutzes und nun im dritten Jahr für Xiomara zuständig. Den Großteil der Zeit schirmte er sie gegen Paparazzi ab und begleitete sie zu offiziellen Terminen.

Neben ihr saß barfuß, mit Surfshorts und nacktem Oberkörper, ein weltberühmter Fachmann für Lasertherapie im Mutterleib bei Zwillingstransfusionssyndrom.

Auftrag erledigt.

Ihr Leben lang war Xiomara unterschätzt worden. Als Mädchen in einer Monarchie mit männlicher Erbfolge hatte man sie dazu erzogen, eine Prinzessin zu sein. Obwohl sie gebildet, wortgewandt und leistungsfähig war, musste sie sich damit begnügen, hübsche Einweihungsbänder durchzuschneiden, hübsche Reden zu halten und auf offiziellen Familienfotos hübsch auszusehen.

Ihr Vater, Mauricio, hatte viele Jahre als Regent für seinen jungen Neffen über Castilona geherrscht. Octavio war erst neun gewesen, als er seine Eltern, König Miguel und Königin Eleanora, bei einem Autounfall verloren hatte. Gemäß der Verfassung hatte Octavio erst mit achtundzwanzig Jahren König werden können.

Mauricio, Miguels wenige Minuten jüngerer Zwilling, war ein grausamer, verbitterter, unmoralischer Mann, ein distanzierter Vater mit hohen Ansprüchen. Er betrachtete Xiomara als Schachfigur. Wenn es ihm passte, gab er mit ihr an, wenn nicht, vernachlässigte er sie. Hätte ihre Mutter nicht interveniert, wäre Xiomara längst mit einem Mauricio genehmen Mann verheiratet gewesen und hätte königliche Babys zur Welt gebracht. Söhne, wenn es nach Mauricio ging, um die Thronfolge zu sichern, falls Octavio etwas zustoßen sollte. Jedes Mal, wenn ihr Vater das gesagt hatte, war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen.

Zum Glück war Octavio kürzlich achtundzwanzig geworden und hatte endlich den Thron besteigen können. Xiomara freute sich sehr für ihren Cousin, nicht zuletzt, weil mit seiner Krönung Mauricios Macht über ihn, das Land und sie selbst endete. Am meisten jedoch freute sie sich, weil Octavio ein guter, kluger, ehrbarer Mann war.

Sie und Tavi, wie sie ihn liebevoll nannte, standen einander nahe. Es machte Xiomara glücklich, ihn auf dem Thron zu sehen, wo er nur wegen der altmodischen Verfassung nicht bereits seit Jahren saß.

Entzückt hatte sie miterlebt, wie er sich in Phoebe verliebte und die beiden sich über die Schwangerschaft freuten. Als der letzte Ultraschall ein schwerwiegendes Problem ergeben hatte, war Xiomara fest entschlossen gewesen, es zu lösen.

Sie wollte zeigen, was in ihr steckte. Beweisen, dass man sie nie wieder unterschätzen sollte, bloß weil sie als Mädchen zur Welt gekommen war. 

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