Vernunftehe mit unerwarteten Hindernissen

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Sie soll ihn heiraten? Aislinn kann nicht fassen, was ihr guter Freund Liam spontan vorschlägt. Zwar soll es nur eine Zweckehe sein, weil sie völlig mittellos ist und er als Vermögensberater einen seriösen Ruf braucht. Doch ist es wirklich die Lösung oder ein zusätzliches Problem? Insgeheim ist Aislinn seit ihrer Teenagerzeit in Liam verliebt. Unter seinen ungewohnt zärtlichen Berührungen in der Öffentlichkeit erschauert sie sinnlich. Während sie sich bald immer mehr nach ihm verzehrt, muss sie fürchten, dass es für ihn nie mehr als ein Deal sein wird …


  • Erscheinungstag 12.05.2026
  • Bandnummer 2753
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541848
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Emmy Grayson

Vernunftehe mit unerwarteten Hindernissen

1. KAPITEL

Aislinn

Zu der Beerdigung meines Mannes sind viele gekommen. Nicht viele Menschen, die ihn vermissen – sondern von der Elite. Politiker, Banker und Investoren aus Washington, D.C., sind angeblich hier, um ihr Beileid zu bekunden. Aber sie tun nur so, als ob. Ich schüttle ihnen die Hände und höre mir an, was für ein großartiger Mann Dexter gewesen sei.

Als wären die meisten hier im Raum nicht froh, dass Dexter tot ist.

Ich merke, wie sie mich beobachten. In den Medien gab es reißerische Spekulationen darüber, ob Dexter Simpsons Frau – halb so alt wie er und nur wenige Monate zuvor in einer Blitzhochzeit mit ihm verheiratet – womöglich in sein Ende verwickelt war.

Doch ich fühle nichts als Leere. Diese Leere hat mir geholfen, die vergangenen zehn Monate zu überstehen, seit Dexter in mein Leben getreten ist und mich gezwungen hat, die zwei Menschen, die ich am meisten auf der Welt liebe, komplett aus meinem Leben zu streichen.

Mir steigen Tränen in die Augen. Diana hat mir jede Woche geschrieben. Ich hoffe, dass ich ihr eines Tages sagen kann, wie viel mir diese Nachrichten bedeuten. Wie sie mich durch einige der schlimmsten Momente meines Lebens getragen haben.

Und Liam …

Mein Herz zieht sich zusammen. Ich darf nicht an Liam denken. Ich schulde Dexter nichts. Aber an den Freund zu denken, in den ich seit meinem siebzehnten Lebensjahr heimlich verliebt bin, während ich auf der Beerdigung meines Mannes Beileidsbekundungen entgegennehme? Nein.

Meine Eltern stehen ein Stück abseits. Adoptiveltern, erinnere ich mich. Dexter drohte, sowohl Liams als auch Dianas Karriere zu zerstören, wenn ich unsere Freundschaft nicht kappe. Aber meine Eltern wollte er so nah wie möglich um sich haben. Sonst hätte er die Verbindung zu einem Senator nicht ausnutzen können.

Lange habe ich mich für das glücklichste Mädchen der Welt gehalten, weil sie mich kurz vor dem Ende meiner Zeit in wechselnden Pflegefamilien adoptiert haben. Ein bekannter Politiker und seine Frau. Ich dachte, Eric wäre ein Politiker mit Integrität im Dienst der Menschen.

Gott, war ich naiv.

Senator Eric Knightley ist kein Heiliger. Er hat dunkle Geheimnisse, die Dexter gesammelt und mir als Druckmittel vorgehalten hat. Und Erics Frau Stephanie ist in seine politische Arbeit eingebunden. Also kann ich mir kaum vorstellen, dass sie nicht Bescheid weiß.

Dann höre ich Liams tiefen, melodischen Tonfall.

So oft habe ich mir vorgestellt, dass er mir zärtliche Worte zuflüstert. Nicht brüderlich, wie in den vergangenen Jahren, sondern leidenschaftlich. Sein Geständnis, dass er so fühlt wie ich.

Aus dem Augenwinkel sehe ich ihn. Groß, sündhaft attraktiv in einem maßgeschneiderten schwarzen Anzug, markante Gesichtszüge. Wenn er seinen Charme einsetzt – was er oft tut –, strahlt sein Lächeln. Aber in den seltenen Momenten, in denen ich ihn wütend erlebt habe, wurden seine ebenmäßigen Züge bedrohlich.

Hätte ich Liam erzählt, dass Dexter mich erpresst und zur Ehe gezwungen hat, hätte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mir zu helfen. Aber ich konnte nicht riskieren, dass Dexter seine Drohungen wahr macht. Er hätte nicht nur die Geheimnisse meines Adoptivvaters offengelegt, sondern auch Liams und Dianas Leben zerstört.

Die Schlange rückt vor, und ich sehe Diana neben Liam. Ein neuer Schmerz packt mich. Ich habe andere Freundschaften geschlossen, aber Diana wird immer meine erste und beste Freundin sein. Sie hat mir ihre größten Geheimnisse anvertraut und ich ihr meine.

Bis auf eins.

Ich will nicht, dass meine Gefühle für Liam zwischen uns stehen. Und ich weiß, wie sehr sie uns beide liebt.

Doch selbst wenn er in mir je mehr als eine Schwester sehen sollte, hat er klar gemacht, dass er sich nicht binden will. In meiner Zukunft sehe ich Ehe und Kinder. Selbst in diesem Augenblick – nach allem, was passiert ist – hält ein Teil von mir an dem Traum fest.

Ich habe längst akzeptiert, dass zwischen uns nie etwas laufen wird. Ich bin immer noch seine Freundin – und Dianas – selbst nachdem ich sie monatelang ignoriert habe. Doch noch bin ich nicht frei. Dexter mag tot sein, aber ich weiß nicht, wer sonst noch über die Informationen verfügt, mit denen er mich erpresst hat.

Ob diese Informationen die politische Karriere meines Adoptivvaters zerstören, ist mir egal. Aber mir liegt das Gesetz am Herzen, an dem wir die vergangenen zwei Jahre gearbeitet haben. Es könnte das Leben von Pflegekindern im ganzen Land verbessern. Nur noch ein paar Monate. Wenn es verabschiedet wird, kann ich alles hinter mir lassen und vielleicht meine Freundschaft mit Liam und Diana wiederaufnehmen.

Es wird so gut sein, gleich mit ihnen zu reden. Wenn auch nur für ein paar Sekunden. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr fühlt es sich nicht mehr an, als würde die Welt untergehen.

„… herzlichen Glückwunsch zur Verlobung.“

Es dauert einen Moment, bis die Worte durch das Stimmengewirr zu mir durchdringen. Ich kämpfe gegen die flatternde Panik in meiner Brust an.

Das kann nicht sein.

Ich drehe mich um und sehe, wie Liam den Arm um Dianas Taille legt und sie an sich zieht.

Mein Herz zerbricht. Für einen Moment spüre ich alles. Trauer, Wut, Eifersucht.

Warum sie? Warum nicht ich?

All die Jahre habe ich mir eingeredet, dass Liam sich nie binden würde. Das hat es erträglich gemacht, den endlosen Strom von Frauen in seinem Leben mitanzusehen.

Und nun ist er mit meiner besten Freundin verlobt. Wie soll ich so tun, als würde ich mich für sie freuen, bei ihrer Hochzeit auftauchen, ihre Kinder im Arm halten …

Mir dreht sich der Magen um.

Ich habe alles verloren.

Dann, als würde mein Wille mein Herz niederzwingen, verschwindet alles. Der Schock, die Wut, der Schmerz. Zurück bleibt nur Leere.

„Aislinn?“ Meine Adoptivmutter Stephanie steht vor mir und greift nach meiner Hand. Ich will mich losreißen, zwinge mich aber, stillzuhalten. In ihren Augen flackert Schmerz. „Ist alles in Ordnung?“

Ich nicke. „Ja, ich bin nur müde.“ Für alle, die zuschauen, ringe ich mir ein halbes Lächeln ab, bevor ich meine Finger aus ihrem Griff löse. „Ich will es nur hinter mich bringen.“

Ich drehe mich weg, bevor sie weiter nachhaken kann. Dann wende ich mich Liam und Diana zu, während ich mich innerlich wappne.

Dianas unsicheres Lächeln bringt mich fast zu Fall.

„Hi, Aislinn.“

Stark. Ich muss stark bleiben.

„Hallo, Diana.“

Sie wirft Liam einen Blick zu, doch er sieht sie nicht an. Stattdessen fixiert er mich mit Misstrauen in den eisblauen Augen. Das hilft mir, mich zu sammeln und ihn als Gegner zu sehen statt als den unerreichbaren Helden meiner Träume.

„Unser Beileid“, murmelt er förmlich.

„Danke.“ Ich ringe mir die nächsten Worte ab. „Glückwunsch zu eurer Verlobung.“

Zwischen Dianas dunklen Brauen zeigt sich eine kleine Falte. „Du wusstest es nicht?“

Ich verschränke die Finger. „Nein.“

Diana schaut zu Liam, doch er starrt mich weiter an. Sein Blick ist prüfend. Ich halte stand und starre zurück.

Er hat mich seit der ersten Woche, in der wir uns kennengelernt haben, belogen. Damals hat er gesagt, er würde nie heiraten.

Ich klammere mich an die Leere. Ich muss das hier nicht nur überstehen, sondern jedes Gefühl auslöschen, das ich je für Liam Whitlock hatte.

Diana räuspert sich. „Vielleicht können wir uns in ein paar Wochen alle treffen.“

Ihre Einladung, ihr Lächeln und der Hoffnungsschimmer in ihren Augen bringen mich ins Wanken. Dann streicht sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und ihr Ring funkelt im Licht. Vielleicht hätte ich früher die Größe gehabt, Diana und ihr Glück mit Liam über meinen Schmerz zu stellen. Aber die Frau, die ich geworden bin, kann das nicht.

Ich deute auf die Schlange hinter ihnen. „Ich wünschte, wir könnten länger reden, aber …“

„Natürlich.“ Diana nimmt Liams Hand und zieht ihn weiter. „Wir sind immer für dich da, Aislinn.“

Ein letztes Mal begegne ich Liams Blick. Abscheu verstrickt sich mit Liebe. Erinnerungen überfallen mich: Filmabende, Abendessen und Festivals, nächtelange Gespräche, in denen wir unsere Träume geteilt haben.

Dann wende ich mich ab.

Sie sind kein Teil meines Lebens mehr.

2. KAPITEL

Liam

Vier Monate später

Ein Kellner im Smoking geht vorbei, sein Tablett ist voll mit Champagnergläsern. Am anderen Ende des Ballsaals spielt eine Jazzband. Erstaunlich viele Menschen sind auf der Tanzfläche. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen.

Normalerweise würde ich versuchen, mir ein Lächeln abzuringen, und so tun, als gehörte ich dazu. Aber ich will nicht. Nicht heute Abend. Nicht nach einem Jahr voller Nachforschungen, in dem ich immer wieder gegen Mauern gerannt bin. Nicht nachdem ich mein Vermögen in den Aufbau meiner eigenen Firma gesteckt habe – nur um dann von einem meiner wichtigsten potenziellen Kunden zu hören, dass meine geplatzte Verlobung vor ein paar Monaten meinem Ruf geschadet habe und er erwägt, unsere Zusammenarbeit zu beenden. Und er ist nicht der Einzige.

Ich atme tief durch, um die Spannung in meinen Schultern zu lockern. Ich habe so viel für Aislinn getan, auch wenn sie es nicht weiß.

Und ich bin bereit, noch mehr zu tun.

Ich schaue mich im Saal um und runzle die Stirn, als ich ihr Gesicht nicht entdecke. Ich habe unzählige Veranstaltungen wie diese besucht. Viele davon hat Aislinn für Spendenaktionen und Galas ihres Adoptivvaters organisiert. Normalerweise steht sie im Mittelpunkt und begrüßt die Gäste.

Ist das auch mit ihrem Mann so gelaufen? Hat sie ihn auf einer Veranstaltung getroffen? Hat er ihr das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein, und ihre Güte ausgenutzt?

Zwölf Jahre ist es her, dass ich genervt im Theatersaal unserer Highschool saß. Meine Beraterin Mrs. Scout hatte mich aus der Freistunde gezerrt, um zwei andere Pflegekinder kennenzulernen. Sie meinte, ich würde „einen Draht“ zu ihnen finden. Diana hatte nicht die gleiche Abwehrhaltung wie ich, aber sie war zurückhaltend. Dann kam Aislinn den Mittelgang heruntergehüpft, ihr blondes Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Diana taute auf, während das Mädchen mit den leuchtend grünen Augen und der hellen Stimme ihr sagte, dass sie sich riesig darauf freue, uns kennenzulernen.

Die Freundschaft, die an diesem Tag im Theatersaal mit den abgewetzten Sitzen begann … Es war das erste Mal seit acht Jahren, dass ich jemanden an mich herangelassen habe.

„Liam?“ Ich reiße den Kopf herum. Eric steht ein paar Schritte entfernt. „Ist alles in Ordnung?“

Ich zwinge meine Lippen zu einem Lächeln und nicke. „Glückwunsch, Senator.“

Auch Erics Lächeln ist angespannt. „Danke.“

„Wo ist Aislinn?“ Ich verkneife mir die Höflichkeiten. Über ein Jahr habe mit dem Versuch verschwendet, alles richtig zu machen und ja keinen Staub aufzuwirbeln. Damit ist nun Schluss.

Erics Blick huscht zu den Balkonen, die die Galerie säumen. „Irgendwo da oben.“ Er räuspert sich. „Vielleicht dringst du ja zu ihr durch.“

„Glaube ich kaum“, murmele ich, während Eric sich umdreht und davongeht, um jemanden zu begrüßen. Ich steuere auf eine Marmortreppe zu, die sich in den zweiten Stock hinaufschlängelt.

Seit der Beerdigung herrscht Funkstille. Diana schreibt Aislinn aber immer noch jede Woche. Neulich hat sie in ihrer Nachricht eine Einladung zur Feier ihrer Verlobung mit meinem Bruder angehängt.

Es fühlt sich immer noch merkwürdig an, dass Diana und mein Halbbruder Ari verliebt sind und heiraten wollen. Bis zum Frühjahr wusste ich nicht einmal, dass ich einen Halbbruder habe. Darum war es ein Schock, zu erfahren, dass er und Diana einen One-Night-Stand hatten. Noch schockierender war allerdings die Erkenntnis, dass sie sich lieben. Eine Situation, die durch Dianas und meine Scheinverlobung noch komplizierter wurde.

Ich nehme die Stufen im Laufschritt. Ganze drei Mal bin ich Dexter vor seinem Tod begegnet. Das erste Mal, nachdem Aislinn aufgehört hatte, sich mit Diana und mir zu treffen. Sie reagierte nicht mehr auf unsere Gruppenchats und schickte meine Anrufe direkt auf die Mailbox. Also fuhr ich hin, um nach ihr zu sehen.

Es war sieben Uhr morgens. Dexter kam an die Tür, und ich hasste ihn auf der Stelle. Zerzaustes silbergraues Haar, Hemd verknittert, Gürtel offen. Auch wenn er über zwanzig Jahre älter war als ich, hätten viele ihn attraktiv gefunden. Aber bei seinem selbstgefälligen Grinsen musste ich mich beherrschen. Er sagte, Aislinn sei unter der Dusche und würde sich später melden.

Das tat sie nie. Stattdessen sah ich jede Menge Fotos von ihnen in sozialen Netzwerken – und gelegentlich einen Artikel in der New York Times über ihren Auftritt bei irgendeinem Dinner oder politischen Empfang.

Oben angekommen, blicke ich über das Geländer und lasse meinen Blick durch den Saal wandern, bis ich Stephanie entdecke.

Eric und Aislinn hatten ein herzliches Verhältnis, aber wie Aislinn erzählte, gab es zwischen ihnen auch eine gewisse Distanz. Aber sie hatte Stephanie – die Frau, die sie Mom nannte und die ihre Liebe von ganzem Herzen erwiderte.

Als ich Stephanie nach Monaten kontaktierte, erfuhr ich, dass Aislinn auch zu ihr auf Abstand gegangen war. Zwar begleiteten Aislinn und Dexter ihre Adoptiveltern zu unzähligen Veranstaltungen in der Stadt, aber es war, als wäre Aislinns Seele verschwunden und durch Leere ersetzt worden.

Ich gehe die Galerie entlang. Dass Aislinn ihre Kindheit in mehreren Pflegefamilien überlebt und es trotzdem geschafft hat, mit einem Funkeln in den Augen durchs Leben zu gehen, habe ich immer für ein Wunder gehalten. Ich habe mir oft Sorgen um sie gemacht. Besonders, als sie im College anfing, mit Männern auszugehen. Ich hatte Angst, dass keiner gut genug für jemanden wie sie wäre, die so durch und durch gütig ist.

Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass sie einen fast doppelt so alten und für seine Rücksichtslosigkeit berüchtigten Unternehmer heiraten würde, der mit der Regierung Geschäfte machte. Einen Mann, den nur ein unerwarteter Herzinfarkt vor einer Anklage wegen Betrugs bewahrt hatte.

Ich passiere dicke Säulen und dunkle Nischen. Nach der letzten Nische geht die Galerie in drei Stockwerke Glas über und gibt den Blick auf den Hudson frei. Der Durchgang wird von tiefroten Samtvorhängen eingerahmt.

Ich bleibe stehen, die Hände in den Taschen, die Schultern gestrafft.

Und erstarre.

Ich kenne die Frau vor mir so gut. Die feine Form ihres Gesichts, die vollen Lippen, die großen grünen Augen, die immer das Gute sehen. Augen, die mich beruhigt haben, wenn ich am Ende war und mich brodelnde Wut im Griff hatte.

Jetzt sehen mich diese grünen Augen alles andere als beruhigend an. Sie sind eiskalt, ohne jedes Gefühl. Aislinns Lippen sind rot geschminkt. Der Ton passt zu ihrem glatt frisierten blonden Haar. Es ist kürzer als früher und betont ihre markanten Wangenknochen und das trotzige Kinn. Sie trägt Schwarz und liegt auf einem weißen Divan, den einen schlanken Arm über die Lehne gelegt, in der anderen Hand ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit. Sie hält den Blickkontakt, während sie das Glas an die Lippen führt.

Hitze fährt mir durch den Körper, als ihre Lippen den Rand umschließen.

Was zum Teufel?

In Gedanken trete ich einen Schritt zurück. Das ist Aislinn. Eine Frau, die ich kenne, seit sie siebzehn ist. Eine kleine Schwester, die man beschützt. Nicht begehrt.

„Du trägst Schwarz“, sage ich.

Sie nimmt einen langen Schluck. Die Hitze droht wieder aufzusteigen, aber ich dränge sie zurück. Es ist fast ein Jahr her, dass ich mit jemandem geschlafen habe. Meine Reaktion ist rein biologisch, das ist alles. Und, denke ich finster, wenn Aislinn meinen Vorschlag annimmt, wird es noch länger dauern, bis ich wieder Sex habe. Aber die Rendite wird die Kosten bei Weitem übersteigen. Eine Rendite, von der wir beide profitieren werden.

„Hast du nicht gehört? Ich trauere.“ Ihre Stimme klingt hart.

Ich blicke auf den Schatten der Aislinn, die ich kannte. Kalte Finger schließen sich um mein Herz und drücken zu. All die Monate habe ich mir und Diana eingeredet, dass etwas anderes dahintersteckt. Aber während ich Aislinns ausdruckslosen Blick sehe, frage ich mich, ob ich falsch lag.

„Ich habe von deiner Entlastung durchs Justizministerium gehört.“

Sie blinzelt. Diana und ich haben sie immer damit aufgezogen, dass sie kein Poker oder irgendein anderes Spiel spielen konnte, bei dem man seine Gefühle verbergen muss. Sie war immer ein offenes Buch. Aber jetzt kann ich sie nicht lesen. Ich komme nicht an sie heran, obwohl sie nur ein paar Schritte von mir entfernt ist.

Sie erhebt sich in einer fließenden Bewegung, die weichen Seidenfalten ihres Kleids schmiegen sich an die Kurve ihrer Hüften.

„Du und der Rest von New York.“

Sie rauscht an mir vorbei. Ein dunkler Duft streift mich, Rose mit einer würzigen Note. Das genaue Gegenteil des leichten, blumigen Parfums, das sie früher getragen hat.

Ich drehe mich um, mein ganzer Körper verspannt sich beim Anblick ihres nackten Rückens. Abgesehen von den Trägern an den Schultern ist da nichts. Nur glatte, helle Haut bis zum unteren Ende ihrer Wirbelsäule. Aber so, wie der Stoff sich anschmiegt, bleibt nichts der Fantasie überlassen.

Sie schlendert weiter zur Galerie, bleibt am Geländer stehen und blickt hinunter in den Ballsaal. Ich folge ihr, bleibe aber ein paar Schritte hinter ihr.

„Was wirst du tun?“, frage ich.

Sie dreht den Kopf so weit, dass ich ihr Profil sehe. Die sanfte Linie, die leicht aufgestellte Nase, die elegante Kontur ihres Kiefers, der lange Hals.

„Viel tun kann ich nicht.“

Wut schießt in mir hoch. Wie kann sie so gleichgültig sein? „Ist dir überhaupt klar, wie gewaltig ihre Entscheidung ist? Welche Folgen das für deine Finanzen haben wird?“

Sie dreht sich weg. Ich presse die Zähne aufeinander. Hat sie vergessen, was wir durchgemacht haben? All die Jahre, in denen wir uns gegenseitig gestützt haben, in der Schule, im College, auf dem Weg ins Berufsleben? Sie weiß nicht, wie weit Diana und ich gegangen sind, um sie zu schützen, und dass die Verlobung nur gespielt war. Aber verdammt, wir haben alles aufgegeben, damit sie in Sicherheit war. Und wofür? Damit sie so tut, als wäre das hier nur ein Spiel?

„Es geht nicht nur ums Justizministerium.“ Ich sollte den Mund halten, doch ihr Schweigen macht mich wütend. „Auch das FBI und die Steuerfahndung sind eingeschaltet. Dexters Immobilien wurden mit Geld gekauft, das aus seinen kriminellen Geschäften stammt. Du hast keine Wohnung. Und soweit ich weiß, war dein Vermögen mit seinem verflochten. Du hast also auch kein Geld.“

„Das ist mir klar.“

Meine Wut schlägt in Raserei um. Ich gehe den letzten Schritt auf sie zu, lege eine Hand auf ihre nackte Schulter und zwinge sie, mich anzusehen. Die Hitze ihrer Haut brennt in meiner Handfläche und schürt meinen Zorn. Und darunter, ganz tief, auch Angst. Sie steht direkt vor mir, zum ersten Mal seit Monaten – und doch war sie nie weiter weg.

„Also willst du gar nichts tun und einfach weitermachen?“

Sie hebt das Kinn. Dann, mit Trotz in den Augen, kippt sie ihr Glas und leert es in einem Zug. Whiskey – der Geruch von Karamell, Vanille und Eiche steigt mir in die Nase.

„Das habe ich nicht gesagt.“ Sie stellt das leere Glas aufs Geländer, dreht sich wieder zum Ballsaal. „Ich habe Eric heute Nachmittag meine Kündigung gegeben.“

Eric. Nicht Dad. Obwohl sie ihm nie so nah war wie Stephanie, hat sie ihn immer Dad genannt.

„Warum? Du liebst deinen Job.“

„Und meine persönliche Verbindung zu einem korrupten Mann könnte seiner Wiederwahl kommendes Jahr schaden.“

„Das hat er gesagt?“

„Nicht so deutlich, aber ja.“

Ich meine, einen Hauch von Zittern in ihrer Stimme zu hören. Doch als ich sie ansehe, ist ihr Gesicht immer noch eine ausdruckslose Maske.

Ich packe das Geländer mit beiden Händen. „Verdammt, Aislinn, du bist gut in dem, was du tust. Jeder weiß, dass du die treibende Kraft hinter dem Gesetz zum Schutz von Pflegekindern warst. Du kannst dich nicht von Gerüchten rausdrängen lassen.“ Am liebsten würde ich sie an den Schultern packen und schütteln. „Du kannst nicht aufgeben.“

Ich spüre mehr, als dass ich es sehe, wie ein Impuls sie ergreift. Fühle die Emotion, die durch sie jagt.

Gott sei Dank.

„Ich nenne es überleben.“

„Das ist Haarspalterei“, fahre ich sie an.

„Nenn es, wie du willst, Liam.“ Sie speit meinen Namen aus, als wäre er Gift. „Von außen ist es immer leicht, zu urteilen.“

In Gedanken trete ich zurück. Ja, ich bin wütend und verletzt. Diana und ich waren monatelang krank vor Sorge um sie. Aber sie hat uns immer wieder abgewiesen, eine falsche Entscheidung nach der anderen getroffen, während sie so schnell abgestürzt ist, dass wir sie nicht mehr erreichen konnten. Nicht mehr retten konnten.

Aber jetzt kann ich sie retten. Uns beide.

„Du willst nicht kündigen.“ Ich halte meinen Ton so sanft und freundlich, wie es mir möglich ist. Sie wird mir nie vertrauen oder meinen Plan auch nur in Erwägung ziehen, wenn ich sie in die Defensive dränge.

Ich warte. Unter uns wechselt die Musik von fröhlich und lebendig zu etwas Langsamerem, einem lasziven Rhythmus, der schwer in der Luft liegt.

Endlich ein Seufzer. So leise, dass er über der Musik kaum zu hören ist. „Ich weiß nicht, was ich will.“

Als ich sie diesmal ansehe, spüre ich die Trauer in ihren Augen bis in meine Knochen. Es war immer so, seit dem ersten Moment, als ich sie in unserem Highschool-Theater gesehen habe. Sie hat ihre Gefühle immer offen getragen, sie bereitwillig geteilt. Ich hasse es, sie so zu sehen und diese Traurigkeit zu spüren, die sie Diana und mir seit fast einem Jahr vorenthält. Aber ein kranker, egoistischer Teil von mir ist froh, dass sie mich endlich hineinlässt.

Ich folge ihrem Blick nach unten zu Eric und Stephanie. Diesmal richtet sich meine Wut gegen den Mann, von dem ich überzeugt bin, dass er maßgeblich in Aislinns Chaos verwickelt ist. „Er hätte deine Kündigung nie annehmen dürfen.“

„Es war die richtige Entscheidung. Die Finanzermittlungen haben mich zwar entlastet, aber das heißt nicht, dass die Öffentlichkeit es glaubt. Mehrere hochrangige Spender haben klar gemacht, dass sie unzufrieden sind. Eric musste eine Entscheidung treffen.“

„Du bist seine Tochter.“

Ihre Schultern sinken ein Stück. „Nicht wirklich.“

Ich lege meine Hand sanft auf ihren Rücken. Kurz spüre ich die Wärme ihrer Haut, dann ziehe ich sie wieder zurück, bevor die Geste zu vertraut wirkt. Ich habe das tausendmal getan. Aber jetzt fühlt es sich falsch an. Zu intim.

„Du musst das nicht allein durchstehen.“

Sie sagt nichts, doch ich sehe die Risse in der Maske.

„Ich habe einen Plan“, sage ich.

Ihr Gesicht verschließt sich sofort wieder. „Natürlich hast du einen Plan. Du hast immer einen Plan.“

Getroffen sehe ich sie an. „Früher mochtest du meine Pläne.“

„Okay, ich höre.“

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