Zwischen Hass und heißem Verlangen

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Als Rosie zu einer Familienfeier nach Athen zurückkehrt, trifft sie ihren attraktiven Stiefbruder Aristotle Machairas wieder. Vor Jahren hat sie ihm verbotenerweise ihre Unschuld geschenkt – um danach zu erfahren, dass er sie wegen einer Wette verführt hat. Seitdem hasst sie ihn. Oder will es zumindest. Kaum steht Aristotle vor ihr, begehrt sie ihn insgeheim so sehr wie eh und je. Als er sie mit einem erregenden Kuss überrascht, kann sie nicht widerstehen und gibt sich ihm gegen jede Vernunft erneut hin. Mit ungeahnten Folgen …


  • Erscheinungstag 29.09.2026
  • Bandnummer 2772
  • ISBN / Artikelnummer 0800262772
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Clare Connelly

Zwischen Hass und heißem Verlangen

1. KAPITEL

Die große Geburtstagsfeier in Athen wurde für Rosie Richardson am Ende genauso nervenaufreibend, wie sie befürchtet hatte. Sie war einfach noch nicht bereit für das Wiedersehen mit ihrem Stiefbruder – vier Jahre nachdem sie zusammen ins Bett gehüpft waren. Wobei „gehüpft“ nicht ganz das richtige Wort war. Und ein Bett hatte es eigentlich auch nicht gegeben.

Zwischen ihnen hatte es damals gefunkt. Und trotz ihrer Unerfahrenheit hatte Rosie der Versuchung nicht widerstehen können, zumal sie von Aristotle Machairas träumte, seit sie ihn mit vierzehn das erste Mal gesehen hatte. Doch erst mit zwanzig, als sie die Hochzeit ihres Vaters mit der Mutter von Aristotle feierten, hatte sie das Gefühl gehabt, dass er sie als begehrenswertes weibliches Wesen wahrnahm. Zumindest hatte Rosie sich das eingebildet.

Insgeheim hatte sie schon immer von Aristotles dichtem braunem Haar und den dunklen Augen geschwärmt, die von langen Wimpern umrahmt waren. Sein Gesicht erschien ihr mit dem kantigen Kinn, der geraden Nase und den hohen Wangenknochen wie von einem Meisterkünstler geschaffen. Das Kinn war fast immer von einem Dreitagebart bedeckt, was den Eindruck seiner Männlichkeit noch erhöhte.

Und dieser Männlichkeit war Rosie hoffnungslos verfallen, auch wenn sie sich heute sehnlichst wünschte, es wäre anders gewesen.

Das Ganze war jetzt vier Jahre her. Vier Jahre, seit sie Himmel und Hölle zugleich erlebt hatte. Die unvergleichlichen Gefühle, die der spontane Sex mit Aristotle in ihr auslöste, waren der Himmel gewesen. Obwohl es ihr erstes Mal war – was er vorher nicht wusste –, hatte Rosie kaum einen Schmerz gespürt, so perfekt hatte er sie vorbereitet. Nachdem der erste Schock verflogen war, erlebte sie eine nie gekannte Lust, die sie für immer veränderte.

Die Hölle kam durch die Kälte, mit der Aristotle sie danach behandelte.

Vor allem aber durch die Entdeckung, dass alles nur eine Wette mit seinen grausamen Freunden gewesen war.

Rosies Vater war der Chauffeur der Familie gewesen, bevor er ein Jahr nach dem Tod von Aristotles Vater dessen Mutter heiratete. Es war eine ungewöhnliche Verbindung, von der Aristotles versnobte Freunde so wenig hielten, dass sie Aristotle dazu anstachelten, endlich die Tochter des langjährigen Chauffeurs zu verführen, die ihn schon seit Jahren aus der Ferne anschmachtete. Rosie hatte geglaubt, ihre Schwärmerei verborgen zu haben, aber offenbar hatten es alle um sie herum bemerkt und als großen Witz betrachtet. Immer noch hatte sie die grausamen Bemerkungen der jungen Männer im Ohr. Nicht ganz dein gewohnter Standard … Aber wenigstens hat sie große Brüste …

Am nächsten Morgen war Aristotle zu ihr gekommen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war. Nicht wegen der Wette, denn er wusste nicht, dass sie die Bemerkungen seiner Freunde gehört hatte, sondern weil es ihr erstes Mal gewesen war. Was sollte sie darauf sagen? Physisch war alles in Ordnung. Emotional? Das war eine ganz andere Sache.

Rosie war am Boden zerstört gewesen, aber entschlossen, es sich nicht anmerken zu lassen. Also legte sie eine oscarreife Vorstellung hin und tat so, als sei der Verlust ihrer Unberührtheit ihr vollkommen einerlei.

Noch nie war sie so froh gewesen, nach England zurückzukehren, in ein Leben, das sie wegen der emotionalen Kälte ihrer Mutter eigentlich hasste. Ihr Herz litt. Sie war entschlossen, diesen Mann nie wiederzusehen.

Und nun war Rosie hier in Griechenland, und all die alten Gefühle von Hass und Zorn flammten wieder auf. Ja, das waren ihre Gefühle – nicht Verlangen oder Sehnsucht. Wie sollte es auch anders sein bei einem Mann, der sich derart gemein verhalten hatte?

Allerdings war Aristotle ein ausgesprochen gut aussehender gemeiner Mann. Abgesehen von den perfekten Gesichtszügen hatte er auch noch den Körper eines Adonis, so als verbrächte er sein Leben damit, seine Muskeln geschmeidig zu halten. Sie wusste, dass das nicht der Fall war. Aristotle Machairas hatte wenig Zeit für persönliche Eitelkeiten oder Work-outs. Seit dem Tod seines Vaters vor fünf Jahren leitete er das Familienunternehmen und verwandelte eine bereits erfolgreiche Investmentfirma in einen noch erfolgreicheren Global Player. Er schien einfach in jeder Hinsicht auf Erfolg gepolt.

Schuft!

Es war ihr bisher stets gelungen, weitere Fahrten zu dem alten Anwesen in Filothei, einem von den Gutbetuchten bevorzugten Vorort von Athen, zu meiden. Die Villa war so an den Hügel gebaut, dass sie einen herrlichen Ausblick auf die alte Stadt gewährte. Zu dem Anwesen gehörten ein Tennisplatz, zwei Swimmingpools und ein Helikopterlandeplatz. Die Villa hatte nicht weniger als siebzehn Schlafzimmer, zudem eine Garage für zehn Wagen und einen wunderschön angelegten Garten, der an einen natürlichen Wald grenzte – eine ständige Erinnerung daran, dass die Natur jederzeit bereit war, sich zurückzuholen, was der Mensch ihr abgetrotzt hatte.

Als Rosie das erste Mal hierhergekommen war, meinte sie, gestorben und in den Himmel gekommen zu sein. In seinem früheren Job hatte ihr Vater als Chauffeur für einen Diplomaten gearbeitet, und wenn Rosie ihn in Athen besuchte, hatte er immer ein schönes Hotelzimmer für sie gebucht.

Doch das war nichts, verglichen mit Filothei. Hier war sie stets Gast in dem luxuriösen Cottage gewesen, das dem Chauffeur der Familie zustand. Auf Anweisung der Hausherrin hatte Rosie die Freiheit gehabt, sich überall umzusehen und sich „ganz wie zu Hause“ zu fühlen. Sie erinnerte sich noch gut an die warmen Worte der Frau, die später ihre Stiefmutter geworden war: „Ich habe nur einen Sohn, und er lebt jetzt sein eigenes Leben. Natürlich wünscht man sich das für sein Kind, aber manchmal fühle ich mich doch einsam. Stavros Machairas arbeitet sehr viel. Also bitte, Darling – erkunde das Haus, lies die Bücher. Sag mir, wenn du willst, dass ich Freunde für dich finde, um mit ihnen Tennis zu spielen.“

Schon vor dem Tod ihres Mannes und ehe in Aussicht stand, dass Melina Machairas so viel mehr für Rosie werden sollte, war die Frau ihr gegenüber die Freundlichkeit in Person gewesen.

Das machte die Kälte ihres Sohnes umso unverständlicher.

Es bedeutete aber auch, dass Rosie jetzt beim sechzigsten Geburtstag ihrer Stiefmutter nicht fehlen durfte. Schnell wurde deutlich, dass das angekündigte „kleine Familien-Beisammensein“ alles andere als ein kleines Fest war. Das Taxi, das sie sich genommen hatte, statt sich von einem Chauffeur abholen zu lassen, wirbelte noch Staubwolken auf der langen, gewundenen Straße auf, als sie das Heer uniformierter Angestellter registrierte, das zwischen Haus und Garten hin und her wuselte wie ein Haufen Ameisen, der ein Picknick witterte.

Rosie schob sich die Ärmel ihrer hellgelben Strickjacke bis zu den Ellenbogen – es war in Griechenland so viel wärmer als noch am Morgen in London – und ließ ihren kleinen Koffer im Eingang stehen, um sich in den Garten zu begeben. Dort war ein riesiges Zelt für die Party des Abends aufgebaut worden. Am Rande eines kleinen Innenhofes verweilte sie. Er wurde von drei Seiten von einer hohen grünen Hecke und auf der vierten von einer Mauer eingefasst, hinter der eine alte Statue stand, mit einer großen schmiedeeisernen Bank – dort hatte sie als Teenager oft gesessen und gelesen, wenn sie allein sein wollte. Sie trat dichter an die Hecke und sog den süßen Duft der Magnolien ein, während sie die Aktivitäten am Zelt beobachtete. Es waren gefühlt hundert Leute damit beschäftigt, Tische, Stühle und Blumen zu arrangieren.

Rosie schüttelte wie benommen den Kopf und wandte sich um, um ihren Koffer zu holen und ihren Vater zu finden. Dabei stieß sie ausgerechnet mit dem Mann zusammen, dem sie seit jenem Ereignis vor vier Jahren aus dem Weg gegangen war: Aristotle.

Sie war jetzt vierundzwanzig, er vier Jahre älter. Er sah noch genauso aus wie vor all den Jahren! Und Rosie fühlte sich noch genauso – linkisch und unerfahren, jung und nicht begehrt. Dabei hatte sie sich nach jener schrecklichen Nacht und allem, was seine Freunde gesagt hatten, intensiv um ein neues Image bemüht. Das einst kupferrote Haar hatte sie zu einem coolen Goldbraun gefärbt, und statt schulterlang trug sie es nun in weichen Wellen, die bis auf ihren Rücken hinabfielen. Ihre helle Haut ließ sich nicht so leicht ändern, aber sie hatte es gelernt, mit Make-up etwas nachzuhelfen. Die Farbe ihrer Kleidung unterstützte ihren Teint, und die Schnitte waren abgestimmt auf ihre relativ kleine, kurvige Figur. Sie wusste, dass sie nicht unattraktiv war. Es gab mehr als genug Männer, die sich für sie interessierten. Verglichen mit Aristotle würde sie sich aber wohl immer unscheinbar fühlen.

Ungenügend.

Sie wusste, ihre Wangen würden sich wieder röten, sie spürte die Hitze schon in sich aufsteigen.

Es ärgerte sie, dass sie sich wieder wie der unbeholfene Teenager verhielt, der sie gewesen war, als sie sich das erste Mal trafen und er sie unerwartet im Wohnzimmer der Familie angetroffen hatte, wo sie über einer Reihe alter Lexika brütete. Sie zwang sich zu einem angespannten Lächeln – und trat die Flucht an.

Sie hätte es besser wissen sollen.

Kaum war sie ein paar Schritte gegangen, als er sie zurückhielt.

„Rosemary, stopp!“

Sie biss die Zähne zusammen.

Er hatte sie immer so genannt, obwohl sie für alle anderen von Kindesbeinen an „Rosie“ war.

„Was ist?“ Sie drehte sich nicht um.

Er trat zu ihr, sodass ihre kleine Geste des Trotzes unterging.

Anfangs sagte er kein Wort. Langsam glitt sein Blick über ihr Gesicht und dann über ihren ganzen Körper.

Zweifellos, um seinen schrecklichen Freunden etwas zu berichten zu haben!

Sie trug ein schlichtes Sommerkleid unter ihrer Jacke – wohl kaum ein Traum-Outfit für diese Art von Begegnung. Sie hatte erwartet, noch Zeit zum Duschen und Umziehen zu haben, bevor sie diesem Mann wieder begegnen musste.

„Lange nicht gesehen …“ Seine Stimme war noch genau wie sie sie im Ohr hatte. Vor allem in ihren Träumen. Dort hatte sie sie öfter gehört, als ihr lieb war. Sie ließ sich jederzeit ohne Mühe wieder heraufbeschwören.

Diese Stimme jetzt real zu hören, ließ ihren Puls auf eine Art schneller gehen, die ihr zutiefst missfiel. Ihr Körper schien es darauf anzulegen, sie zu hintergehen.

„Meiner Meinung nach nicht lange genug.“

„Du bist immer noch sauer auf mich.“

Am liebsten hätte sie ihm laut und deutlich gesagt, was sie von einem Menschen hielt, der sich ihr gegenüber derart kalt und grausam verhalten hatte. Ihr Stolz kam ihr zur Rettung und erinnerte sie daran, dass sie ihn nicht wissen lassen wollte, wie sehr er sie verletzt hatte.

„Ich bin nicht sauer, Aristotle – ich habe dir einfach nichts zu sagen. Wir sind keine Freunde.“

„Wir sind immerhin Stiefgeschwister“, erinnerte er sie mit spöttischem Ton – sie wussten beide, dass die Bezeichnung nicht wirklich passte. Als sie sich das erste Mal trafen, war Rosie vierzehn und Aristotle achtzehn. Damals war sie einfach die Tochter des Chauffeurs gewesen. Erst sechs Jahre später hatten ihre Eltern geheiratet, da waren Rosie und Aristotle schon beide erwachsen gewesen.

„Stiefgeschwister? Dass ich nicht lache! Wir sind Fremde füreinander.“

„Fremde, die miteinander geschlafen haben.“

Sie atmete scharf ein. Es überraschte sie, dass er den Vorfall so offen ansprach.

„Dachtest du, ich hätte es vergessen?“, sagte sie leise, um dann etwas lauter hinzuzusetzen: „Na und? Das ist doch ewig her.“

„Vier Jahre“, korrigierte er sie.

„Und es hatte keinerlei Bedeutung.“

„Offensichtlich.“

Ja, offensichtlich. Wie sollte es anders sein? Wie konnte ein attraktiver, sexy Milliardär wie Aristotle, der immer nur mit atemberaubenden Schönheiten gesehen wurde, je eine Frau wie Rosie ansehen und ihr etwas abgewinnen können?

Ein Gefühl tiefer Demütigung stieg in ihr auf, aber sie drückte den Rücken durch und sah ihn trotzig an. „Ist das alles?“

„Nein.“

Ihr Puls ging schneller. Allein schon seine Nähe erregte sie.

„Wir müssen über das reden, was passiert ist.“

Sie wurde blass. „Wie bitte? Nein, das müssen wir ganz und gar nicht.“

Sein Blick verdunkelte sich. „Unsere Eltern haben keine Ahnung, was damals passiert ist.“

„Natürlich nicht. Oder dachtest du, ich erzähle es überall herum?“

„Das habe ich auch nicht getan.“

Ein netter Witz! Als hätte er vor seinen Freunden nicht damit geprahlt, eine Frau wie sie gehabt zu haben.

„Und? Wieso haken wir es nicht beide als den größten Fehler unseres Lebens ab?“ Sie machte erneut Anstalten zu gehen, aber diesmal packte er sie beim Handgelenk und zwang sie, stehen zu bleiben. Es war, als hätte seine Berührung die Wirkung eines elektrischen Schocks auf sie. Ihr Blick sprühte förmlich Funken.

„Rühr mich nicht an!“

Zu ihrer größten Enttäuschung ließ er sie sofort los.

„Im Interesse meiner Mutter sollten wir wenigstens so tun, als ob wir …“

Sie wartete und setzte eine Miene gespielter Ungeduld auf, während sie sich in Wahrheit von seiner Nähe wie hypnotisiert fühlte.

„… als ob wir einander zumindest tolerieren könnten.“

„Ich habe nicht die Absicht, so viel Zeit mit dir zu verbringen, als dass deine Mutter oder mein Vater sich irgendeine Meinung über uns bilden könnten.“

Seine Züge verhärteten sich, als sie ihren Vater erwähnte. Sie konnte sich denken, warum. Es gefiel ihm nicht, wie schnell seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes wieder geheiratet hatte. Dafür konnte sie ihm keinen Vorwurf machen – sie war auch überrascht gewesen.

„Du glaubst, wir können uns bei diesem verdammten Event aus dem Weg gehen?“

„Hallo!?“ Sie sah ihn empört an. „Es ist der Geburtstag deiner Mutter.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Ich weiß. Und sicher will sie Fotos von der ‚glücklichen Familie‘. Vor allem, nachdem du so lange nicht hier warst.“

„Wessen Schuld ist das wohl?“, fuhr sie ihn an und bedauerte es sofort, weil es ihm zu viel Macht über sie gab. Sie versuchte, den Schaden zu mindern, indem sie die Achseln zuckte. „Ich glaube, deine Mutter hat Wichtigeres zu tun, als sich Gedanken über uns zu machen.“

„Es gibt kein ‚uns‘!“, protestierte er.

Sie versuchte, den Schmerz zu ignorieren, den seine schroffe Abfuhr ihr verursachte.

„Wem sagst du das!“

„Aber für meine Mutter sollten wir wenigstens so tun, als könnten wir zivil miteinander umgehen.“

„Du weißt doch nicht einmal, was das überhaupt ist!“

Er drückte ihr warnend einen Finger auf die Lippen. „Vorsicht, Kleine. Je mehr du mich reizt, desto mehr Lust habe ich, dir zu beweisen, was für eine Lügnerin du bist.“

Sie wurde rot, und ihre Augen blitzten. Sie sah hilfesuchend zum Zelt hinüber, aber es war weit weg. Außerdem konnte sie hinter der Hecke niemand sehen.

„Ich lüge also, wenn ich sage, dass du kalt bist, unfreundlich und …“

„Und doch bist du in meinen Armen gekommen.“ Ehe sie sich’s versah, hatte er einen Arm um ihre Taille gelegt und sie abrupt an sich gezogen. Ihr Mund war plötzlich wie ausgedörrt.

„Ich wusste in dem Moment offensichtlich nicht, was ich tat.“ Sie versuchte, sich mit aufgesetztem Mut durchzubluffen, aber ihr Ton war nicht sehr überzeugend.

„Du willst also behaupten, schuld sei nur deine Unerfahrenheit gewesen?“

„Was sonst würde es erklären?“

Er drückte sie fester an sich. Ihr wurden die Knie weich.

„Vielleicht magst du mich nicht, Rosemary, aber du hast mich immer begehrt, stimmts?“

Es ließ sich nicht leugnen. Ja, sie hatte ihn immer begehrt. Zuerst als schwärmender Teenager und dann auch, als sie zur Hochzeit ihres Vaters gekommen war und geglaubt hatte, sie sei vielleicht endlich zu einer Frau gereift, die ihr Schwarm aus Teenagertagen wahrnehmen könnte. Bis sie dann erfahren hatte, dass alles nur einer brutalen Wette zuzuschreiben gewesen war.

Ihr Magen schien sich zu verknoten. „Wir sollten uns auf den ersten Teil beschränken – darauf, dass ich dich nicht mag. Nein, ich hasse dich“, fauchte sie. „Und alle, die so sind wie du.“

Ihr Ausbruch schien ihn nicht weiter zu berühren. Im Gegenteil, er wirkte entschlossener denn je. Bedrohlicher. Und attraktiver.

„Ach, tatsächlich?“ Er beugte sich zu ihr herab und küsste sie, hart und fordernd, so als hinge sein Leben davon ab. Es war ein Kuss, der jeden Widerstand bei ihr mit einem Schlag erlahmen ließ. Er brachte sie im wahrsten Sinne um den Verstand. Es war ein Kuss, der jenem ersten Kuss glich, der ihr ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt hatte. Sie konnte nur eines tun: sich ihm bedingungslos hingeben.

„Dann sag mir, dass ich aufhören soll!“, forderte er und sah ihr dabei in die Augen. „Sag es!“, wiederholte er und zog sie dabei mit sich außer Sichtweite hinter die hohe Mauer. Er drehte sie, sodass sie mit dem Rücken an der Mauer stand, deren Oberfläche trotz der Hitze des Tages angenehm kühl war. Der Schatten des Hauses war es, der sie schon früher oft hierhergelockt hatte, zum Lesen, weil hier ihre empfindliche Haut nicht so stark unter der Sonne zu leiden hatte.

„Also, Rosemary? Was ist?“

Sie sah zu ihm auf. Rang verzweifelt um eine vernichtende Antwort. Um all das, was ihr im Laufe der Jahre durch den Kopf gegangen war als Reaktion auf sein Verhalten in jener Nacht.

„Ach, geh doch zum Teufel!“ Das war alles, was ihr einfiel. Der Effekt wurde dadurch beeinträchtigt, dass sie gleichzeitig eine Hand in den Stoff seines Hemdes krallte, als ginge es um ihr Leben.

„Ich bin sicher, dass es dazu kommen wird“, bemerkte er trocken, bevor er seinen Kopf ein zweites Mal senkte und seine Lippen auf ihre drückte. Da sie nun vor allen Blicken geschützt waren, sah er keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten. Seine Hände glitten über ihren Körper, als sei er ein Verhungernder, der plötzlich an einem gedeckten Tisch saß. Er wirkte gierig. Fast fiebrig. Als wollte er sich alle Konturen für immer einprägen. Rosie kam nicht dazu, verlegen wegen ihrer Rundungen zu werden, die mit Sicherheit das Gegenteil dessen waren, was er sonst bei seinen Frauen gewohnt war.

Hör auf!, warnte eine Stimme in ihrem Innern, während sie bereits vor Lust stöhnte.

Als er leise fluchte, durchlief es sie heiß. Das sinnliche Feuer in Rosie erreichte Stellen, von denen sie gar nicht geahnt hatte, dass sie da waren. Es war Fluch und Versuchung gleichermaßen. Rosie konnte nicht anders – sie ließ ihre Hände mit der gleichen Gier über seinen Körper fahren, wie er es bei ihr tat. Zog sein Hemd aus dem Bund seiner Jeans, um ihre Fingerspitzen über seine Haut fahren zu lassen. Bald atmeten sie beide schwer.

Er zog mit seinen Lippen eine Spur heißer kleiner Küsse über ihr Kinn. Seine Bartstoppeln kratzten sie. Er schob ihren Rock nach oben, um seine Hände um ihren Po zu legen. Dabei ließ er sie seine Erregung spüren. Ihr Puls ging schneller. Sie stöhnte auf.

Ihre Blicke trafen sich. Sollte sie einen Rückzieher machen wollen, musste sie es jetzt tun, das wusste sie. Sein fragender Blick suchte nach einer Bestätigung. Sie legte den Kopf zurück und starrte in den leuchtend blauen Himmel. Das Ganze war einfach nur verrückt, aber das spielte im Moment keine Rolle. Sie wusste nur eines: Wenn sie ihrem Verlangen jetzt nicht nachgab, würde sie es ewig bereuen.

Vier Jahre war ihr erstes Mal her, und seither hatte sie diesen göttlich aussehenden Mann gehasst. Sie hatte Aristotle nie wiedersehen wollen. Aber hier und jetzt, in diesem Moment, spielte nur das eine Rolle, wonach ihr Körper sich sehnte. Zum Teufel mit allem, was danach kam!

Aber „danach“ würde nichts kommen, das wusste sie. Dies hier war für ihn ebenso bedeutungslos wie das, was vor vier Jahren passiert war.

Es war nicht einmal ausgeschlossen, dass er wieder nur hier war wegen irgendeiner dummen Wette seiner Freunde. Ja, und? Spielte das diesmal eine Rolle, wenn sie auch bekam, was sie wollte? Und es würde so viel besser sein als beim ersten Mal, weil sie sich sehenden Auges darauf einließ. Sie sah nicht mehr länger den romantischen Helden in Aristotle. Er war ein arroganter Bastard! Aber er war auch ein sehr guter Liebhaber. Wieso sollte sie sich das versagen? Seit ihrem ersten Mal waren vier Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hatte sie nur Dates mit zwei Männern gehabt, und keiner von ihnen hatte ihr inneres Feuer anfachen können.

„Nimm mich, Aristotle!“ Sie bekam einen Kick von der offenen Aufforderung. „Nimm mich jetzt, und dann lass mich in Ruhe!“

Er löste sich von ihr. Seine Augen blitzten. „Das klingt doch nach einer hervorragenden Idee!“

Eine Sekunde später öffnete er seine Jeans und befreite sich aus der Boxershorts. Gleichzeitig zog er ihr Höschen herunter. Es ging alles unfassbar schnell. Fast schon verzweifelt schnell. Aristotle hob sie hoch, und sie schlang automatisch die Beine um ihn, nahm ihn bebend vor Lust in sich auf. Vor Rosies Augen blitzten Sterne auf. Nein, keine Sterne, sie glaubte, das ganze Universum zu sehen in seiner strahlenden Schönheit.

Ihre Lust kannte keine Grenzen – und nichts anderes zählte in diesem Moment.

Es war das Letzte, was er erwartet hätte.

Und wahrscheinlich auch das Schlimmste. Rosemary Richardson war der sprichwörtliche Stachel in seinem Fleische, und nun hatte er sie schon Minuten nach ihrer Ankunft genommen – hart, schnell und fast schon mit so etwas wie Verzweiflung. Einfach an der Mauer im Innenhof. Er hatte sie genommen, als hätte er in den vergangenen vier Jahren an nichts anderes gedacht – wobei genau das Gegenteil zutraf. Er hatte überhaupt nicht mehr an Rosemary gedacht, abgesehen davon, dass er dankbar dafür war, dass sie sich rar gemacht hatte.

Er hatte einfach nicht an sie denken wollen. Und schon gar nicht an jene Nacht, als er mit ihr geschlafen hatte und dabei feststellen musste, dass sie mit ihren zwanzig Jahren noch unberührt gewesen war. Sie war so unfassbar süß und willig gewesen! Hatte seinen Namen auf eine Art geschluchzt, dass er förmlich dahingeschmolzen war.

Aber sie war nicht sein Typ, und es war sehr dumm von ihm gewesen, das zu vergessen.

Und nun waren vier Jahre vergangen, und er hatte denselben dummen Fehler noch einmal gemacht.

Und noch schlimmer, er hatte kein Kondom benutzt.

Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Wenn er eines von sich wusste, dann, dass er keine Kinder haben wollte. Niemals.

„Oh nein!“ Mit einem tiefen Stöhnen löste er sich aus ihr und stellte Rosie auf die Beine. Sein Ton war vorwurfsvoller als beabsichtigt. Sein Körper protestierte dagegen, so rasch von ihr getrennt worden zu sein. Er wollte mehr von ihr. „Ich habe keinen Schutz benutzt.“ Er fluchte leise. 

Ihre Augen wurden groß, und ihre Hände zitterten leicht, als sie sie vor ihr Gesicht schlug. Sie hatte ein schönes Gesicht. Er registrierte es fast beiläufig. Es stimmte. Rosemary hatte immer einen ganz besonderen Charme gehabt – schon als Vierzehnjährige, als sie zum ersten Mal nach Griechenland gekommen war. Ihre Züge strahlten angeborene Grazie und Klugheit aus. Ihre Augen blickten immer hellwach in die Welt.

Aber erst mit zwanzig hatte sie wirklich gezeigt, was für eine atemberaubende Frau sie war, mit dieser makellosen Haut, den großen grünen Augen, den reizenden Sommersprossen auf dem Nasenrücken und den vollen, rosigen Lippen. Wenn sie lächelte, erschienen in beiden Wangen bezaubernde Grübchen. Ihre Figur hatte all die Rundungen, die er liebte – an den Brüsten, an den Hüften und am Po. Es war, als sei in ihr eine alte Statue zum Leben erweckt worden. Seine Hände schienen ihren eigenen Willen zu entwickeln, wenn er sie berührte. Sie konnten gar nicht genug von ihr bekommen.

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