Ransom Canyon: Christmas in Winter Valley

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Ransom Canyon 8: Christmas in Winter Valley

Weihnachten im verschneiten Ransom Canyon, wo die Herzensheimat ist, die Familie wartet und die Liebe das schönste Geschenk beschert.

Cooper Holloway liebt die Natur – und meidet Menschen. Als gleich drei muntere Cousinen ihren Besuch auf der Maverick Ranch ankündigen, beschließt er, sich in eine abgelegene Hütte im Winter Valley zurückzuziehen. Nur er und eine Herde wilder Mustangs … doch seine ersehnte Einsamkeit endet abrupt, als ein kleiner Ausreißer und eine ebenso kluge wie attraktive Tierärztin in sein Leben treten.

Sein Bruder Cooper ist weg – und so kümmert sich Elliot nicht gern, aber pflichtbewusst um alles: Familienbesuch, Buchhaltung, die Tiere. Frauen? Auf keinen Fall. Er hat Coop sogar versprochen, niemals zu heiraten! Aber dieses Versprechen gerät in Gefahr, als unvermittelt seine alte Liebe Jessica auftaucht …

Das Weihnachtsfest rückt näher, und mit ihm Entscheidungen, die sich nicht länger aufschieben lassen. Denn die Holloway-Brüder müssen sich fragen, was sie wirklich wollen: Abstand oder Nähe, Rückzug – oder Liebe?


  • Erscheinungstag 19.10.2026
  • Bandnummer 8
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538886
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jodi Thomas

Ransom Canyon: Christmas in Winter Valley

1. KAPITEL

10. Dezember

Cooper Holloway nahm die Schönheit seiner Ranch von seinen riesigen, nach Osten ausgerichteten Fenstern aus kaum wahr. Das Gras war bereits braun geworden, und Steppenläufer übersäten die Prärie wie geisterhafte Weihnachtskugeln, die auf dem Boden verstreut waren. Eigentlich war dies seine liebste Jahreszeit, doch der heutige Tag entwickelte sich gerade zu einem Albtraum, und dabei war es noch nicht einmal Mittag. Er blickte hinüber zu den Hügeln, die weit in der Ferne lagen. Dort befand sich Winter Valley, wo eine äußerst wichtige Aufgabe auf ihn wartete. Er musste es noch vor Einbruch der Dunkelheit bis zu diesen Hügeln schaffen.

Er warf zwei abgetragene Paar Stiefel zusammen mit einem halben Dutzend Hemden und Jeans in eine Reisetasche und murmelte dabei jedes erdenkliche Schimpfwort, das er in seinem Leben gehört hatte. Er stopfte eine Handvoll ungleicher Socken hinein und zog am Kordelzug der Tasche. Unterwäsche oder Rasierset? Keine Zeit. Er musste so schnell wie möglich aus der alten Ranchhütte verschwinden.

Die Cousinen waren im Anmarsch, und wenn sie ihn zu Gesicht bekamen, würden sie ihn sicherlich stundenlang aufhalten.

„Bist du bereit, Coop?“, rief ihm sein Bruder Elliot aus dem Foyer im Erdgeschoss zu. „Ich sehe schon die Staubwolke. Die Vans sind gerade von der Landstraße abgebogen.“ Elliots Worte hallten durch die geräumigen Zimmer und die breite Eichentreppe hinauf.

Coopers Reisetasche schlug auf den Saltillo-Fliesen am Fuß der Treppe auf, und das Geräusch hallte von den Wänden des Eingangsbereichs wider. „Hast du Hector gesattelt?“, rief Cooper, während er sich nach seinem Hut umsah.

„Ja, er steht hinten und ist bereit. Creed und ein paar Jungs sind schon mit dem Truck losgefahren, voll beladen mit Vorräten und Medikamenten. Sie haben noch ein zusätzliches Pferd mitgenommen, nur für den Fall, dass du es brauchst. Hoffentlich erwarten sie dich am Eingang zum Pass. Aber sie werden auf der Straße länger brauchen als du, wenn du über das offene Gelände reitest.“

Cooper kam die Treppe so schnell herunter, dass Elliot zurückspringen musste, um nicht von ihm überrannt zu werden. „Coop!“, schrie Elliot auf. „Du wirst nicht von einem Suchtrupp verfolgt. Es sind doch nur Sunlans Cousinen, die sich hier treffen, bevor sie zu Weihnachten nach Hause fahren. Wie schlimm können drei Frauen Anfang zwanzig schon sein? Mindestens eine von ihnen ist noch auf dem College, also wird sie wahrscheinlich für die Abschlussprüfungen lernen. Es ist ja nicht so, als wären es kleine Kinder, auf die wir aufpassen müssten. Als sie den Besuch geplant haben, haben sie sich für die Ranch entschieden, um Sunlan zu sehen, nicht uns. Und jetzt, wo Sunlans Vater krank ist … wer weiß, ob sie es überhaupt hierher schafft, bevor die Cousinen wieder abreisen müssen.

Griffin meinte, sie seien alle umwerfend schön und könnten es kaum erwarten, dich wiederzusehen.“

„College! Die Rothaarige macht ihr letztes Studienjahr zum dritten oder vierten Mal. Da könnte man doch denken, dass sie es mit dem Lernen nicht ganz so ernst nimmt.“ Cooper hob seine Tasche auf. „Sie halten mich für das Haustier der Ranch. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hat mich eine von ihnen tatsächlich hinter dem Ohr gekrault. Ich habe Sunlan bereitwillig in unsere Familie aufgenommen, als Griffin sie geheiratet hat, aber ich weigere mich, den Rest ihrer Verwandtschaft zu akzeptieren.“

„So schlimm können sie doch nicht sein.“ Elliots Versuch, einfach alles positiv zu sehen, überzeugte nicht einmal ihn selbst. Er sah genauso unglücklich aus, wie Cooper sich fühlte.

„Wenn du die Ranch jemals verlassen würdest, großer Bruder, würdest du lernen, wie Frauen heutzutage sind.“

Elliot schüttelte den Kopf. „Ich habe viel zu viel zu tun, um herumzureisen und mit Frauen zu reden, mit denen ich nichts gemeinsam habe.“

„Gut, dann kannst du ja genau hier mit ihnen Zeit verbringen. Ich war schon letzten Sommer an der Reihe, bei der Viehausstellung. Das mache ich nicht noch einmal. Nur weil sie eher in meinem Alter sind, heißt das nicht, dass ich derjenige bin, der den verrückten Verwandten meiner Schwägerin geopfert werden muss.“

Er stürmte zur Hintertür. „Ich habe sie in Fort Worth getroffen, ohne zu ahnen, was mich erwartete. Zuerst dachte ich, ich wäre nur dazu da, um Gepäck zu schleppen und sie in der Gegend herumzufahren, aber auf dem Weg zu ihren Zimmern versuchten zwei von ihnen, mir die Kleider vom Leib zu reißen. Eine behauptete, sie hätte noch nie einen echten Cowboy aus der Nähe gesehen.“ Cooper schüttelte den Kopf. „Glaub mir, Bruder, es war nicht leicht, meine Würde zu bewahren und gleichzeitig das Gepäck nicht fallen zu lassen.“

Sie erreichten die Hintertür, und der jüngste Holloway rannte sofort los. „Die Arbeit mit den wilden Mustangs oben in den Hügeln wird mir viel mehr Spaß machen.“

Elliot folgte ihm. „Aber du wirst allein dort draußen sein, Coop. Meilenweit kein Mensch. Kein Handyempfang. Wenn du in Schwierigkeiten gerätst, wird dir niemand helfen können.“

„Großartig. Dann kann Sunlan mich nicht anrufen und zu irgendetwas überreden. Warum musste Griffin nur jemanden heiraten, der so klug ist? Keiner von uns kann ihr irgendetwas abschlagen.“ Plötzlich blieb Cooper stehen. „Versprich mir, Elliot, dass du niemals, aber auch wirklich auf gar keinen Fall heiraten wirst. Ich glaube nicht, dass ich noch eine Schwägerin ertragen könnte. Schon gar nicht eine mit Cousinen.“

„Kein Problem. Ich hatte seit zwei Jahren keine Zeit mehr für ein Date. Sunlans Cousinen sind zu jung für mich. Ich glaube eher, ich werde allmählich zu dem seltsamen alten Onkel, den man an den Feiertagen immer ans hinterste Ende des Tisches setzt.“

Beide Männer wurden langsamer, als sie sich dem Waldstück näherten, das ihr Großvater hundert Meter hinter dem Ranchhaus angepflanzt hatte. Apfelbäume links vom Weg. Pfirsichbäume rechts. Bei jeder Heirat hatte er seiner jeweiligen Ehefrau erklärt, dass er zu den Mahlzeiten immer entweder einen Pfirsich- oder einen Apfelkuchen serviert haben wollte. Die ersten drei Ladys mussten sich ihm wohl widersetzt haben und ließen sich von ihm scheiden, aber Nummer vier war eine Köchin gewesen.

Ein Rancharbeiter reichte Cooper die Zügel seines Reittiers. „Viel Glück, Coop“, flüsterte er, als wäre es das letzte Mal, dass er seinen Chef sehen würde.

„Danke.“ Cooper nickte einmal. „Sieh mindestens zweimal am Tag nach den Stuten im Stall. Die, die sich am Stacheldraht verletzt hat, muss beobachtet werden, und die neue Stute sieht so aus, als würde sie schon sehr bald ihr Fohlen bekommen.“

Der Mann nickte.

„Viel Glück“, wiederholte Elliot. „Wie viel Zeit sollte ich dir geben, bis ich den alten Doc Westland hochschicke, um nach deinen Fortschritten bei den Mustangs zu sehen?“

„Gib mir ein paar Tage, um die Herde zusammenzutreiben. Wenn der Doc dann ankommt, werden wir alle markieren, die ich eingepfercht habe. Wer weiß, wie tief sie in den Canyon hineingeraten sind.“

„Ich könnte zusammen mit dem Doc hochreiten.“ Elliot klang genau wie ein großer Bruder. „Creed hat angeboten, ihn hinzuführen, falls es schneit. Er ist der Einzige außer Griffin, der den Ort finden kann. Ich bin nicht sicher, ob ich es selbst mit einer Karte schaffen würde.“

„Nicht nötig. Der Doc wird mich schon finden. Ich habe ihm nach dem letzten Jahr detaillierte Anweisungen hinterlassen. Außerdem werde ich auch nach ihm Ausschau halten. Zu viele Menschen würden die Mustangs verscheuchen. Das ist ein Job für einen Reiter, höchstens zwei. Die Herde ist wild, aber sie braucht trotzdem Pflege, um den Winter gesund zu überstehen. Ich kann von Glück reden, wenn sie mich akzeptieren. Letztes Jahr bin ich nicht einmal an ein Dutzend von ihnen herangekommen.“

Elliot gab dem Pferd seines Bruders einen Klaps, damit es loslief. „Du wirst genauso riechen wie die Pferde, wenn du zurückkommst, und kannst von Glück reden, wenn wir dich überhaupt ins Haus lassen. Sieh zu, dass du zu Weihnachten wieder da bist.“

Cooper gab Hector die Zügel frei, und sie preschten im vollen Galopp auf die Hügel zu, direkt in Richtung Winter Valley. Er sehnte sich nach der Einsamkeit. Er betrachtete diesen Job immer als eine Herausforderung, eine Mission. Ein Mann gegen die Wildnis. Ein Cowboy, der inmitten einer Herde Wildpferde ritt, von denen einige noch nie zuvor einen Menschen gesehen hatten. Das Timing musste genau richtig sein – Spätherbst, wenn die Weiden braun geworden waren, aber der Schnee noch nicht eingesetzt hatte. Genau wie die wilden Mustangs wusste auch Cooper, dass es jetzt an der Zeit war. Er spürte es in der Luft. Die Ankunft von Sunlans Cousinen hatte ihm einfach nur die Gelegenheit verschafft, ein paar Tage früher zu einem Abenteuer aufzubrechen, das er liebte.

„Wir sehen uns, wenn der Job erledigt ist.“ Er lachte, obwohl er wusste, dass er schon außer Hörweite war.

Griffin und Elliot könnten die Ranch schon eine Weile leiten. Alles, was Cooper wollte, war seine Ruhe.

Vor Einbruch der Dunkelheit würde Coop so tief in den Canyons sein, dass es sich fast so anfühlen würde, als würde er in der Zeit zurückreisen. Sein Urgroßvater hatte fast ein Jahrhundert zuvor eine Hütte meilenweit von jeder Straße entfernt gebaut. Die Mustangs hatte er im ersten Winter auf seinem Land entdeckt. Die Legende besagte, dass er es geliebt hatte, die wilden Pferde zu beobachten, die so tief in den rauen Canyons lebten. Seine vier Ehefrauen spielten da nur die zweite Geige. Er hatte versprochen, die Herde stark zu halten und sie vor Krankheiten und Viehdieben zu schützen. Jede nachfolgende Generation der Holloways hatte dieses Versprechen eingehalten.

Ein paar Wochen allein waren genau das, was Cooper brauchte. Frieden, Natur – und keine Frauen. Er hätte schwören können, dass der Dezember in Crossroads, der nächstgelegenen Stadt, die Eröffnung der Jagdsaison auf Ehemänner markierte. Partys, Abendessen, Spendenaktionen, Kirchenfeste. Sämtliche alleinstehenden Frauen aus der Gegend brauchten eine Verabredung, und er schien immer der erste ungebundene Mann zu sein, den sie fragten.

Der Dezember war also die perfekte Zeit, um zu verschwinden.

Er brauchte sich keine Sorgen um das Ranch-Haus zu machen. Wie viel Schaden konnten drei junge Frauen mit manikürten Händen schon anrichten? Außerdem hatte Sunlan versprochen, dass sie da sein würde, um zu helfen. Sobald ihr Vater sich erholt hätte, würde sie herunterfliegen und sich den Mädchen anschließen. Vielleicht würde sie mit ihnen einkaufen gehen oder so etwas. Nach den Kisten zu urteilen, die gestern auf sie herabgeregnet waren, hatten die Mädchen bereits mit dem Online-Shopping begonnen.

Cooper blickte zurück zum Hauptgebäude und sah dunkle Wolken von Norden heranziehen. Einen Moment lang dachte er, es könnten die Cousinen sein, doch dann wurde ihm klar, dass der erste Wintersturm hereinbrach.

Aber das war ihm egal. Dann würde er halt seine einsamen Tage im Schlamm verbringen. Er würde nicht zurückreiten.

Ein Gefühl von Freiheit pulsierte im Takt von Hectors Hufen durch seine Adern.

Elliot Holloway sah zu, wie sein Bruder in der Ferne verschwand. Cooper war zur falschen Zeit geboren. Er war groß, schlank und wild wie der Wind. Er hätte ein Texas Ranger sein sollen oder ein Gesetzloser, als das Land noch ungezähmt war. Die moderne Welt engte ihn ein.

Ein Teil von Elliot sehnte sich zwar danach, ebenfalls mit Coop wegzureiten, aber Elliot war schon immer der Vernünftige von ihnen gewesen. Er tat das, was richtig war, was getan werden musste. Griffin, der acht Jahre älter war, hatte die Ranch übernommen, als ihre Eltern gestorben waren. Elliot war vom College nach Hause gekommen und kümmerte sich seitdem um die Finanzen. Während seine Brüder auf der Ranch mit anpackten, hatte er Kurse in Programmierung, Aktienmarkt, Buchhaltung und Steuern belegt. Elliot mochte zwar Stiefel und Jeans tragen, doch er stieg selten auf ein Pferd.

Er ging zurück zu dem riesigen dreistöckigen Haus, das sie einfach nur „das Hauptgebäude“ nannten. Da seine beiden Brüder fort waren, fühlte sich Elliot allein. Sicherlich würden Griffin und Sunlan rechtzeitig zurück sein, um das Haus zu schmücken. Cooper tat vielleicht so, als wollte er oben im Winter Valley allein sein, aber in Wahrheit liebte auch er die Feiertage. Er würde rechtzeitig zu Weihnachten angeritten kommen, egal, ob die Cousinen noch da waren oder nicht. Bis dahin würde Elliot die Leitung übernehmen.

Er hatte es geliebt, auf der Ranch aufzuwachsen. Andererseits hatte er immer gedacht, sobald er mal aufs College ging, würde er nie wieder zurückkommen, außer zu Besuch. Sein Traum war die Großstadt. Die Wall Street vielleicht. Für ihn waren Zahlen, Muster, Programme weitaus interessanter als Pferde oder das Vieh von einer Weide zur anderen zu treiben.

Doch dieser Traum, durch die von Wolkenkratzern gebildeten Canyons von New York zu wandern, hatte sich nicht erfüllt. Man hatte ihn zurückgeholt, noch bevor er sein Studium abgeschlossen hatte. Sein Vater war gestorben, und seine Brüder brauchten ihn. Er hatte gedacht, er würde nur ein Semester fortbleiben, höchstens ein Jahr vielleicht, aber die Finanzen zu Hause waren in einem schrecklichen Zustand. Die Maverick Ranch bestand nicht nur aus Land und Vieh. Sein Vater hatte in Dutzende andere Unternehmungen investiert. Einige davon zahlten sich aus, doch die meisten schrieben rote Zahlen. In den ersten Jahren arbeiteten er und Griffin hart, nur um das zu erhalten, was drei Generationen von Holloways zuvor aufgebaut hatten. Als in einem Jahr eine Dürre herrschte und zwei Jahre später ein Feuer ausbrach, überlebten sie gerade noch so, bis auch Cooper endlich alt genug war, um seinen Teil beizutragen.

Dann hatte Griffin Sunlan geheiratet, die viel Geld in die Maverick Ranch gesteckt hatte. Sie hatte auch eigenen Grundbesitz in Colorado mit in die Ehe gebracht, den sie getrennt halten wollte. Aber sie schwor, dass niemand außer Elliot für sie die Bücher führen könne. Als Griffs und Sunlans Tochter geboren wurde, hatten alle drei Männer auf der Ranch in Colorado ausgeholfen, da sie wussten, dass sie eines Tages dem jüngsten Holloway gehören würde.

Oder den Holloways. Sunlan verbrachte viel Zeit mit ihrem Vater, vergewisserte sich, dass er sich von seiner Atemwegsinfektion erholte, und kam dann heim auf die Maverick Ranch. Ihre Eltern mochten von ihrer eigenen Ranch aus nach Washington, D. C., reisen, aber Sunlans Zuhause war jetzt hier.

Im Frühjahr würde sie einen weiteren Holloway zur Welt bringen.

Elliot fluchte. Sunlan würde ihm die Meinung geigen, wenn er so redete. Sie hatte die letzten zwei Jahre damit verbracht, Griffin zu lieben und an Elliot und Cooper herumzunörgeln, als wären sie noch formbar wie Ton. Griffin hatte seine beiden Brüder einmal als Masochisten bezeichnet, weil sie anscheinend gerne ihren Vorträgen lauschten.

Elliot redete sich ein, dass es ihm nichts ausmachte, die Finanzen beider Ranches zu regeln. Es blieb schließlich alles in der Familie.

Er streckte sich und bemerkte kaum den kalten Wind, der von Norden hereinwehte, als Cooper allmählich aus seinem Blickfeld verschwand. Während sein kleiner Bruder ein paar freie Tage hatte, musste Elliot versuchen, den drei Cousinen ein guter Gastgeber zu sein. Die Nächte wiederum würde er damit verbringen, sich mit dem Jahresabschluss herumzuschlagen.

Vielleicht würde er sie morgen ins Café in der Stadt ausführen. Vielleicht würde er das Monopoly-Spiel herausholen, oder falls das zu kindisch für sie war, würden sie vielleicht Poker spielen.

Als er ins Haus zurückging, bemerkte er, dass der Stapel von Versandkartons im Foyer noch höher gewachsen war. Elliot lächelte. Sunlan hatte gesagt, die Cousinen hätten sich für die Zeit ihres Aufenthalts ein paar Sachen herbestellt. Vielleicht hatten sie ihre eigenen Spiele mitgebracht. Oder Bücher. Dann wäre es ruhiger.

Er würde Creed bitten, sie auf einen Ausritt mitzunehmen. Der junge Vorarbeiter war ungefähr in ihrem Alter. Damit wäre schon mal ein Nachmittag totgeschlagen. Creed würde es zwar hassen, aber er war zu schweigsam, um sich zu beschweren, und Elliot würde niemand anderem zutrauen, auf Mädchen aus der Stadt aufzupassen.

„Ich schaffe das schon, und meine Arbeit wird trotz allem nicht zu kurz kommen. Alles gar kein Problem“, belog Elliot sich selbst. Seine Worte hallten im leeren Flur wider.

Letzten Endes war es nur ein kurzer Besuch. Sunlan hatte am Telefon sogar erwähnt, dass es ihrem Vater jeden Tag besser ginge. Als Elliot vor ein paar Tagen mit ihr gesprochen hatte, konnte er ihr Heimweh spüren, und ihr Heim war nun hier.

2. KAPITEL

10. Dezember

Wyoming

Tye Franklin lief durch die regenverhangenen Schatten des Rodeogeländes. Er war weit in seinen Vierzigern und zäh wie Leder, und die meisten waren sich einig, dass er normalerweise immer einen Drink zu viel intus hatte.

Er machte sich nie die Mühe, zu widersprechen. Überhaupt redete er nur selten mit jemandem. Es war seine Aufgabe, die Tiere für kleine Rodeos im ganzen Westen herbeizuschaffen. So hatte er dafür gesorgt, dass die Pferche voller schwer zu reitender Broncos und Bullen waren, in deren Augen das Höllenfeuer brannte.

Er hatte so lange im Schlamm und Blut des Rodeos gelebt, dass es für ihn mehr ein Zuhause war als jeder andere Ort, an dem er je gewesen war.

Während er sich in der Stille einer wolkenverhangenen Arena von einem Flutlicht zum nächsten bewegte, beobachtete er seinen eigenen Schatten neben sich. Lang und hager. Selbst nach Sonnenuntergang zog er seinen Stetson tief ins Gesicht. Sein Rücken war vor Erschöpfung leicht gekrümmt, und er trug sein Humpeln wie ein Zeichen des Scheiterns vor sich her.

Tye lächelte seinem Schatten zu. Manchmal fragte er sich, ob er selbst nur das Echo war und die dunkle Kopie, die mit ihm Schritt hielt, die Realität. So unterschiedlich waren sie nicht. Beide fast unsichtbar. Beide schweigsam. Beide gebrochen.

„Franklin“, rief jemand aus der Reihe der leeren Tribünen. „Sind Sie immer noch hier draußen?“

Tye erkannte Hardens Stimme. „Ja, Trooper, aber Sie können mich nicht dafür verhaften, dass ich ein wandelnder Betrunkener bin.“

Der Gesetzeshüter machte sich nicht die Mühe, darüber zu lachen. „Verdammt, Tye, Sie sind der am schwersten auffindbare Mann in diesem Staat. Wenn ich Ihre Blechdose von einem Truck nicht draußen gesehen hätte, hätte ich Sie nie gefunden. Ein Texas Ranger aus Austin, den ich kenne, lässt nach Ihnen suchen.“ Seine Worte waren ebenso schnell und scharf wie seine Schritte auf der Metalltribüne.

Tye rührte sich nicht. Er war davon überzeugt, dass ihn die Schwierigkeiten früh genug einholen würden, auch ohne dass er ihnen entgegenlief.

Harden war außer Atem, als er den Schlamm der Arena erreichte. „Verdammt noch mal. Wenn es heute Nacht wieder regnet, können wir das Rodeo morgen nicht veranstalten. Die Leute hier freuen sich schon das ganze Jahr darauf.“

„Sind Sie nur hier rausgekommen, um mir die Wettervorhersage zu überbringen, Officer?“ Tye schob seinen Hut zurück, damit er dem Trooper in die Augen sehen konnte. Auf eine seltsame Weise waren sie Freunde. Tye hatte sein Möglichstes getan, um die Gesetzeshüter in dieser Gegend bei Laune zu halten. Rote Ampeln überfahren. Trunkenheit und Ruhestörung. Gelegentlich eine Schlägerei in einer Bar anfangen, bloß um den Schmerz zu spüren.

Harden starrte ihn an. „Ich bin gekommen, um Ihnen das hier zu überbringen. Es hat auf der Suche nach Ihnen mehrere Staaten durchquert.“ Er schlug Tye mit einem braunen Umschlag gegen die Brust. „Heute Nacht bin ich anscheinend nur ein Postbote, weiter nichts.“

Tye grinste. „Sind die Texas Rangers wieder hinter mir her?“

„Nein, er ist von einem Anwalt. Ich glaube, die Rangers haben nur dabei geholfen, Sie zu finden.“

Tye rollte den Umschlag zusammen und steckte ihn in seine Jackentasche. Der Inhalt kümmerte ihn noch weniger als den Trooper.

Harden spuckte in den Dreck. „Verflucht. Ich komme den ganzen Weg hierher, und Sie wollen mir nicht sagen, was drin ist?“

„Nö.“

Er drehte sich um und ging davon, während Harden detailliert beschrieb, was er alles tun würde, wenn er den Cowboy das nächste Mal verhaften sollte.

Tye scherte sich weder um den Brief noch um die Drohungen oder um sonst irgendetwas.

Sein Körper war stark. Harte Arbeit hielt ihn fit, aber tief im Inneren wusste Tye, dass er im Sterben lag. Ein Mann ohne Herz konnte nur eine gewisse Zeit lang so tun, als wäre er am Leben.

Kein einziger Mensch würde um ihn trauern, wenn er starb. Tye hatte niemanden, dem er etwas bedeutete, und er beabsichtigte auch nicht, daran irgendetwas zu ändern.

3. KAPITEL

10. Dezember, später Nachmittag

Maverick Ranch

Cooper nutzte das zusätzliche Pferd, um medizinische Vorräte und Verpflegung zur Hütte am Weidezaun zu transportieren. Creeds Pick-up hätte es bis auf etwa eine Meile an das kleine Haus herangeschafft, aber Cooper hatte den Vorarbeiter schon am Eingang zum Pass getroffen und alles aufgeladen. Er konnte es kaum abwarten, endlich allein zu sein.

Die Luft war frisch, wo die Canyonwände sich weiteten und zum Himmel hinaufragten. Es war so still, dass er hätte schwören können, die vorbeiziehenden Wolken zu hören. In der Wärme des späten Herbsttages schien alles um ihn herum still zu sein, als ob sich die Natur in der lauen Luft vor dem Sonnenuntergang ausruhte.

Ein Falke schwebte lautlos über ihm, und das hohe Gras wiegte sich im Wind. Cooper spürte, wie dieses Land nach ihm rief. Es erinnerte ihn daran, dass er von hier stammte und ebenso ein Teil davon war wie der Boden und die Felsen. Hier draußen, unter freiem Himmel, brauchte er keine To-do-Listen, keine Fristen oder gar Gespräche. Er war ein Mann, der die Einsamkeit liebte, und dieses Land hieß ihn willkommen, hier in seinem Paradies.

Dieser Teil der Ranch war nicht gut zum Weiden – zu felsig und uneben, um Vieh hinzutreiben, und unmöglich, es mit dem Lastwagen hinein- oder hinauszubringen. Vielleicht liebte er diesen Ort deshalb so sehr. Er hatte keinen anderen Zweck, als einfach nur zu sein.

Er ritt zum Talgrund von Winter Valley, das versteckt zwischen den mit Pappeln und Wacholder bewachsenen Hügeln lag. Dazwischen verstreut wuchs buschiger, lästiger Mesquite. Am Fuß angekommen, kletterte er durch die Bäume auf den höchsten Hügel. Der weite Talkessel war am Grund in Herbstfarben getaucht. Spritzer von goldenen Blättern und satten Braun- und Orangetönen verteilten sich über Flecken von noch grünem Gras. Nahe der Nordwand wand sich ein Bach so lautlos wie eine riesige Schlange zwischen den Pappeln und dem Salbei hindurch.

Cooper entdeckte Spuren und wusste, dass die Wildpferde bereits angekommen waren. Sie würden hier überwintern, wo die Canyons ihnen Schutz boten. Und wenn er Glück hatte, würden sie ihm erlauben, sich um sie zu kümmern.

Es gab Gerüchte über Bären hier oben und vielleicht ein oder zwei Berglöwen, aber ein gesundes Pferd würde eher nicht zur Beute werden. Schlangen hatten sich inzwischen unter die Erde verkrochen. Die Pferde brauchten Impfungen, vielleicht die Behandlung alter Wunden, um den Winter zu überstehen. Sie würden ihn brauchen, obwohl sie ihn nicht gerade willkommen heißen würden.

Er ritt auf die Hütte zu, die sein Urgroßvater gebaut hatte. Die ursprüngliche Wand aus massiven Baumstämmen hielt noch immer den Nordwind ab, aber die anderen drei Seiten der Hütte waren eher um weitere Schichten ergänzt als neu aufgebaut worden. Blockwände, verkleidet mit breiten Eichenbrettern.

Der erste Holloway auf diesem Land hatte das Holz für die Hütte mit einem Maultier herangeschafft und dann genug Stämme zugeschnitten, um sich vor dem Winterwind zu schützen. Es hieß, er habe in dem Sommer damit begonnen, als seine erste Frau ihn verlassen hatte. Als die dritte ihn verließ, war er so oft aus dem Hauptgebäude geflohen, dass er genug Zeit hier verbracht hatte, um die Hütte solide aufzubauen. Coopers Vater hatte ihm einmal erzählt, er erinnere sich daran, dass die alten Cowboys es Holloways Versteck nannten.

Cooper hatte keine Ahnung, ob Frau Nummer vier ihn hierhergetrieben hatte oder ob der alte Mann sich bis zu der Zeit, in der er sie kennengelernt hatte, einfach an die Stille gewöhnt hatte. Coop überlegte gerade, ob er diese Eigenschaft wohl geerbt hatte, als sein Zuhause für die nächsten Wochen in Sichtweite kam.

Das Haus war nie gestrichen worden. Es gab keine richtige Veranda, nur ein niedriges Dach, das zwar die Eingangstür beschattete, aber die groben Holzstufen dem Wetter ausgesetzt ließ. Wenn eine Maklerin es je sehen würde, würde sie es wahrscheinlich als wertlos und rustikal beschreiben. Ein Zimmer ohne Bad, aber mit schöner Aussicht.

Grinsend dachte er, er sei im Himmel angekommen.

Vor Einbruch der Dunkelheit hatte er die medizinischen Vorräte ausgeladen, den Pferch für seine Pferde ausgebessert und alle Grundnahrungsmittel, die er brauchen würde, drinnen aufgestapelt – eine Kiste mit Suppen und Chili, eine Schachtel mit Gewürzen und Grundzutaten, eine Dose Cracker, Kaffee und eine Kühlbox, vollgepackt mit Erdnussbutterkeksen und mit Klebeband versiegelt.

Das war mehr Essen, als er brauchen würde, aber Dani Garrett, die neue Köchin, hatte darauf bestanden, sicherzustellen, dass er genug dabeihatte. „Vielleicht wirst du eingeschneit“, hatte sie gesagt, „oder du bekommst Gesellschaft zum Abendessen, und dann will ich, dass du vorbereitet bist.“

Cooper gefiel es, wie rührend sie sich um alle kümmerte. Er und seine Brüder hatten ihr den Namen „Momma Dani“ verpasst, seit sie im letzten Frühling eingezogen war. Sie konnte so ziemlich alles kochen, sogar dieses Zeug, das Sunlan gern mochte. Bohnen, die zu Hummus verarbeitet waren, und kleine Nudeltaschen, gefüllt mit einem Teelöffel Fleisch.

Wenn Sunlan zu Hause war, machte Dani komische kleine Vorspeisen mit rohem Fleisch oder Meeresfrüchten, aber an Abenden, an denen nur die Männer da waren, kochte sie Chicken-Fried-Steak oder Rippchen, die bis über den Tellerrand herabhingen.

Cooper würde lieber mehr Essen heranschleppen, als er brauchte, als ihre Gefühle zu verletzen. Wer weiß – bis Weihnachten wäre er vielleicht so fett wie ein Bär. Wenn er das Timing richtig abstimmte, konnte er den ganzen Vorweihnachtsstress verpassen und gerade rechtzeitig zur Bescherung nach Hause kommen.

Der Himmel hatte sich zugezogen und war fast dunkel, als er auf die Klippe hinter der Hütte kletterte und über das Tal blickte. Seit sein Vater ihn im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal hierhergebracht hatte, raubte ihm der erste Anblick von der Klippe jedes Jahr den Atem. Cooper setzte sich und beobachtete, wie sich der Abend langsam über das Land ausbreitete, bis es völlig dunkel war. Da wurde ihm klar, dass er die Klippe verlassen sollte.

Während er hinunterstolperte, verfluchte er sich dafür, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, eine Taschenlampe mitzubringen. Er würde wahrscheinlich auf die letzte Schlange des Jahres treten, die sich gerade in den Winterschlaf begeben wollte.

Gott sei Dank hatte er die Solarlampe an einen Nagel an der sonnigen Seite des Daches gehängt. Sie hatte nicht die nötigen sieben Stunden Sonnenschein erhalten, um sich vollständig aufzuladen, aber vielleicht würde sie hell genug leuchten, um ihm den Weg zur Hütte zu zeigen.

Er war fast von der Klippe herunter, als er ein schwaches Licht bemerkte. Obwohl es nur so schwach glimmte wie ein sterbendes Glühwürmchen, reichte es ihm, um sich zu orientieren.

Cooper schaffte es bis zum Vordach der Hütte und griff nach seiner Taschenlampe, die zusammen mit einem Colt in seinen Satteltaschen steckte. Notwendigkeiten wie Streichhölzer und Schusswaffen befestigte er immer an einem Haken im Schatten des Vordachs. Auf diese Weise wusste er bei Tag und Nacht, drinnen wie draußen, wo sie waren, falls er sie brauchen sollte.

Er hängte sich die Taschen über die Schulter, schaltete die Lampe ein und betrat die Hütte, in der er die Vorräte ausgeladen hatte.

Ein Schwenk des Lichtstrahls verriet ihm, dass jemand oder etwas hier drinnen gewesen war. Die Taschen waren umhergeworfen, seine medizinischen Vorräte und Konserven lagen überall verstreut.

Cooper trat langsam wieder nach draußen und griff nach seinem Colt. Wenn der Eindringling nicht das gefunden hatte, was er suchte, bestand die Möglichkeit, dass er immer noch in der Hütte war. Vielleicht war die Tür zugeschlagen, und wer oder was auch immer hier eingedrungen war, saß in der Falle.

Ein Mensch würde sich vielleicht verstecken, doch ein in die Enge getriebenes Tier würde kämpfen, wenn es sich bedroht fühlte.

Mit weit geöffneter Tür und seiner Waffe im Anschlag versuchte Cooper, sich einzureden, dass er vorbereitet war. Er würde jeden Fremden bedrohen, der in sein Haus eingedrungen war, oder hoffentlich ein neugieriges Tier verscheuchen.

Alles war still. Trockene Blätter raschelten im Wind und schienen in der Dunkelheit draußen von Gefahr zu flüstern. Eine Taube gurrte, und ihr Partner erwiderte den Ruf.

Cooper rührte sich nicht. Er atmete kaum, während ihm der Schweiß von der Stirn tropfte. Er hasste es, zu warten. Aber etwas war hier eingedrungen, und im Moment schienen sie sich beide voreinander zu verstecken, um zu sehen, wer den nächsten Zug machen würde.

Dann hörte er ein mahlendes Knirschen. Vielleicht hatte das Tier im Haus Futter gefunden, oder vielleicht nagte es sich auch einen Weg nach draußen durch die losen Bretter an der Rückseite der Hütte.

Das Geräusch ertönte wieder. Eines der Dielenbretter knarrte.

„Du kommst jetzt besser raus“, sagte Cooper und fühlte sich albern – wahrscheinlich sprach er gerade mit einem Waschbären. „Wenn ich dich holen muss, komme ich schießend rein.“

Stille.

„Ich zähle bis zehn.“ Cooper hätte sich beinahe mit dem Colt an die Stirn geschlagen. Waschbären konnten nicht zählen. „Eins … zwei.“

Nichts.

„Drei … vier … fünf.“ Cooper beugte sich vor und versuchte, etwas im Schatten zu erkennen, aber der Strahl der Taschenlampe glitt nur über Staub. Der Fremde könnte hinter dem alten Kanonenofen oder unter einem der beiden kleinen Betten stecken.

„Sechs … sieben … acht.“ Verdammt, er würde schießend reingehen müssen.

„Neun.“ Cooper machte einen Schritt, den Lauf des Colts vor sich gerichtet.

„Schießen Sie nicht, Mister“, ertönte plötzlich eine piepsige Stimme.

Cooper senkte den Colt, schwenkte seine Taschenlampe hin und her und sah zu, wie ein Kind unter einem der Etagenbetten hervorgekrochen kam. In der einen Hand hielt es eine Schachtel Cracker und in der anderen einen alten, zerbeulten Hut.

Cooper starrte den Eindringling an. Er war acht, vielleicht neun Jahre alt. Dreckig. Der Junge war so dünn, dass seine Kleidung an ihm hing, als wäre er nichts weiter als ein Kleiderbügel. Er hatte braunes Haar und hellblaue Augen und sah mit leuchtendem Blick zu Cooper auf, als stünde er dem Teufel persönlich gegenüber.

„Wie heißt du? Was machst du hier?“

„Tatum, Sir. Ich bin kein Dieb, Mister, das verspreche ich. Ich war nur so hungrig und konnte nicht mehr warten, ob Sie zurückkommen.“ Er hielt die fast leere Schachtel mit den Crackern hin. „Ich habe nicht alle gegessen. Sie können den Rest zurückhaben.“

Cooper ging zur Laterne und schaltete sie an. Er war dankbar, dass die Batterien neu waren.

Der Junge beobachtete jede seiner Bewegungen, als fürchtete er, dass der Cowboy sich jeden Moment umdrehen und zuschlagen würde.

Cooper hatte ein Dutzend Fragen, aber er vermutete, dass er den Jungen schon genug erschreckt hatte. „Willst du etwas Suppe oder Chili zu den Crackern?“

Tatum sah aus, als fürchte er eine Falle, doch der Hunger schien ihm Mut zu geben. „Haben Sie einen Dosenöffner? Ich habe nirgendwo einen gefunden. Ich bin mit allem zufrieden. Sie müssen es nicht einmal aufwärmen.“

Lächelnd entspannte sich Coop. „Setz dich, Kleiner. Ich mache dir eine Dose Suppe warm. Hier wird es kalt, sobald die Sonne untergeht, also wollte ich sowieso ein Feuer machen.“

Er warf ein paar Holzscheite in einen Kanonenofen, der dreimal so alt war wie er selbst, und zog dann einen Anzündstab aus seiner Satteltasche. Während das Holz Feuer fing, bewegte sich Cooper in dem kleinen Raum umher und verstaute die Vorräte: Lebensmittel auf die beiden oberen Regale, zu hoch für den Jungen oder irgendwelche wilden Tiere, um sie zu erreichen. Die Reisetasche mit Kleidung hing hoch an einem Haken, für den Fall, dass es regnete und die Hütte überflutet wurde. Sein altes Gewehr hatte er wieder über den Schrank geschoben. Die restlichen Vorräte kamen auf ein Regal in einem Schrank, den er gebaut hatte, als er angefangen hatte, hier draußen mit den Pferden zu arbeiten. Er hatte kein Schloss, doch der Riegel würde Ungeziefer fernhalten.

Zehn Minuten später reichte Cooper dem Jungen einen Becher Suppe. „Iss langsam, Kleiner.“

Während er aß, ließ Tatum den Topf nicht aus den Augen. Das sagte Coop alles, was er darüber wissen musste, wie hungrig der Junge war.

Als er aufgegessen hatte, kochte Cooper Kaffee und holte die erste Tüte Kekse hervor. Dani hatte für jeden Tag, den er hier draußen sein würde, eine Tüte eingepackt. Sobald die Kekse weg waren, sollte er sich also besser auf den Heimweg machen.

Cooper hätte darüber gelacht, aber ohne Handy und ohne Strom war es gut möglich, dass er sein Zeitgefühl verlieren würde.

Er nahm drei der Kekse heraus und gab sie dem Jungen, dann aß er seine eigenen drei als Abendessen.

Tatum gab ihm den leeren Becher zurück. Seine großen blauen Augen ließen nicht von Cooper ab.

„Ich spüle das Geschirr immer im Bach.“ Cooper hielt seine Stimme leise und freundlich. „Wenn du zum Frühstück hierbleibst, musst du morgen früh den Abwasch machen.“

„Lassen Sie mich bleiben, Mister? Ich mache keinen Ärger. Sie werden kaum merken, dass ich hier bin.“

Der Zweifel in der Stimme des Jungen brach Cooper das Herz, ebenso wie die Tatsache, dass diese Hütte seine beste Option war. Mit was für Leuten hatte dieser Junge zu tun gehabt, dass er einfacher Freundlichkeit skeptisch gegenüberstand? „Ja, du kannst gerne bleiben. Ich habe zwei Pritschen. So wie es aussieht, zieht ein Nordwind auf. Die Temperatur wird heute Nacht kaum unter den Gefrierpunkt fallen. Wahrscheinlich gibt es nur einen Hauch von Schnee, aber hier drinnen wird es wärmer sein als draußen.“

„Danke.“ Erleichterung durchzuckte den dünnen Körper des Kindes.

Hundert Fragen standen immer noch zwischen ihnen, aber Cooper dachte, der Junge sähe aus, als könnte er jeden Moment umfallen. Er warf ihm eine Decke und sein einziges Kissen zu. „Mach es dir lieber gemütlich, bevor ich die Lampe ausmache. Das Feuer wird genug Licht spenden.“ Er stellte die Taschenlampe auf den winzigen Tisch im Raum und schob den Riegel an der Tür vor. „Ich lasse die Taschenlampe hier, falls du nachts zum Plumpsklo musst, aber schalte sie unbedingt wieder aus, wenn du zurückkommst.“

„Welche Pritsche soll ich nehmen?“

Cooper trank seinen Kaffee aus. „Die, die näher an der Tür ist. Wenn dann ein Bär hier einbricht, frisst er dich zuerst.“

Tatum kroch auf die glatten, mit Rindsleder überzogenen Latten. „An mir hätte er nicht mehr als ein paar Bissen, Mister. Wenn ein Bär einbricht, wird er einfach über mich drübersteigen und direkt auf Sie losgehen.“

Cooper lachte. „Bei meinem Glück in letzter Zeit hast du wahrscheinlich recht, Kleiner.“

Er musterte das Kind. Seine Kleidung war seit mindestens einer Woche nicht gewaschen worden, und wahrscheinlich hatte sie von Anfang an aus kaum mehr als Lumpen bestanden. Sobald sein Kopf auf dem Kissen lag, war der Junge eingeschlafen. Cooper fragte sich, wie viele Tage er hier draußen gewesen war. Wahrscheinlich hatte er selten geschlafen und nie gegessen. Er war meilenweit von einer Straße oder einem Hof entfernt. Vielleicht war er mit einem Pferd ausgeritten und hatte sich verirrt. Aber wenn das der Fall gewesen wäre, würde jemand nach ihm suchen, und das hier war Holloway-Land. Wenn Männer auf seiner Ranch nach dem Jungen suchten, würden sie die Hütte wahrscheinlich nie finden. Coopers Ranch-Arbeiter würden die Männer entdecken, lange bevor diese das Winter Valley erreichten.

Morgen nach dem Frühstück würde der Junge ihm vielleicht alles erklären. Dann müsste Cooper einen Weg finden, ihn schnell zurück in die Zivilisation zu bringen, bevor er zu viele ruhige und stille Tage verlor.

Er streckte sich aus und versuchte, das Rätsel zu lösen.

Meilenweit gab es nichts, was sich zu stehlen lohnte, also konnte der Junge nicht mit Schmugglern oder Dieben hergekommen sein. Weiter südlich könnte ein Eindringling Holloway-Ausrüstung und Vieh finden, aber niemand konnte es unbemerkt bis dorthin schaffen. Auch Camper würden sich nicht versehentlich auf die Ranch verirren.

„Nirgendwo etwas von Wert, das man mitnehmen könnte“, flüsterte Cooper. Doch dann jagte ihm ein Gedanke einen Schauer über den Rücken.

Nichts außer Wildpferden.

Seine Muskeln spannten sich an. Wenn jemand hinter der Herde her war, musste er zuerst an ihm vorbei, und er hatte nicht vor, es ihm leicht zu machen.

4. KAPITEL

13. Dezember

Tye Franklin saß auf dem Bett in seinem Dreißig-Dollar-Hotelzimmer und starrte auf den Umschlag, von dem der Trooper gesagt hatte, er sei von den Texas Rangers. Er bekam nie Post. Soweit er wusste, hatte er keine lebenden Verwandten, abgesehen von ein paar alten Tanten, und bei denen hatte er sich seit Jahren nicht mehr gemeldet. Jedes Mal, wenn er durch Amarillo kam, schaute er bei seinem Postfach vorbei, um die Werbepost abzuholen. Er verschickte dann auch immer ein Dutzend Postkarten – alle waren an seinen ersten Chef adressiert. Mit neunzig hatte der alte Kerl sein Gedächtnis verloren. Er konnte sich nicht erinnern, wer Tye war, aber die Krankenschwestern im Veteranenheim sagten, er freue sich über die Karten.

In Tyes großen Tagen in der Rodeoszene, als er auf der Erfolgswelle ritt, war er hin und wieder gebeten worden, für ein Produkt zu werben oder bei einer Ladeneröffnung für zusätzliches Geld aufzutreten. Doch diese Tage waren längst vorbei. Es war nicht einmal nötig gewesen, dass er oft betrunken auftauchte, ehe es sich herumsprach. Die Angebote waren ungefähr seit dem Zeitpunkt ausgeblieben, als sein Glück beim Rodeo die letzte Runde einläutete.

Niemand hatte ihn je gefragt, warum er eigentlich trank, aber hätten sie es getan, hätte Tye sowieso gelogen. Das ging niemanden etwas an. Verdammt, an den meisten Tagen brachte er selbst nicht genug Verstand auf, um es herauszufinden.

Er legte die frisch zugestellte Post neben sich und zog seine Stiefel aus, doch dieses eine Mal griff er nicht direkt nach einem Bier.

Der Umschlag übte eine fast magische Anziehung auf ihn aus. Mehrere Adressen darauf waren durchgestrichen und neu geschrieben worden. Was konnte wohl so wichtig sein, dass ein Gesetzeshüter ihn persönlich aufgespürt hatte, um den Brief zuzustellen?

Langsam öffnete er den großen, ramponierten Umschlag und zog eine dicke Aktenmappe heraus.

Er ging zu einem wackeligen, zerkratzten Tisch an einem schmutzigen Fenster, schaltete die beste Lampe ein, die es in dem schäbigen Zimmer gab, und schob ein halbes Dutzend leere Bierflaschen beiseite. Langsam, als fürchte er, etwas könne herausspringen, öffnete er die Mappe.

Ein einzelnes Blatt Briefpapier lag auf etwas, das aussah wie ein vergilbtes Tagebuch.

Für Tyson Jefferson Franklin, einziges Kind von Jefferson Allen Franklin, dem einzigen Enkel von Adam Tyson Franklin.

Tye lächelte. Eines hatte er bereits gelernt: Er war nach seinem Großvater benannt worden. Sein Vater hatte ihm einmal erzählt, dass sein eigener Vater sowohl ein Gesetzloser als auch ein ausgemachter Säufer gewesen war. Tyes Vater musste wissen, woran man einen Säufer erkannte – schließlich erinnerte Tye sich nicht daran, seinen eigenen Vater jemals nüchtern erlebt zu haben. Der Legende nach hatte Adam Franklin in den Sechzigern Drogen von der Grenze heraufgeschmuggelt und mehr als einmal einen Freund umgebracht, der ihn verraten hatte.

Manche Leute sagten, er sei im Gefängnis gestorben. Andere behaupteten, er sei einfach irgendwo im Süden, in der Nähe von Big Bend, vom Erdboden verschwunden.

Tye war es egal. Adam war genauso wenig ein Großvater für ihn gewesen, wie Jefferson ihm ein Vater gewesen war. Tye war von seiner Mutter allein großgezogen worden, und er hatte seinen Vater immer als eine Art Katastrophen-Urlaubsvater betrachtet: Hin und wieder war er vorbeigekommen und hatte Tye für eine Woche mitgenommen, und obwohl die Ausflugspläne immer großartig klangen, wurde nie etwas daraus. Er hatte vergessen, ein Zimmer zu reservieren, und sie mussten im Auto übernachten, oder sie waren stundenlang unterwegs, um dann festzustellen, dass ihr Ausflugsziel geschlossen hatte. Einmal war sein Großvater mit in den Urlaub gekommen, und das war eine doppelte Katastrophe gewesen. Die beiden hatten für einen kurzen Drink angehalten und Tye schließlich die ganze Nacht und den größten Teil des nächsten Morgens im Auto zurückgelassen. Tyes Vater hatte sich nicht einmal entschuldigt, aber sein Großvater hatte ihm eine Tüte Erdnüsse aus der Bar mitgebracht.

Tye nahm das Tagebuch auf und versuchte herauszufinden, was so besonders daran sein konnte, dass es von Hand zugestellt werden musste. Das Notizbuch war nur eines dieser billigen Dinger, die in den Schreibwarenabteilungen von Discount-Supermärkten verkauft werden. Die Seiten waren vergilbt und die Ecken abgenutzt. Der Drahtring, der es zusammenhielt, war so stark verbogen, dass es schwierig war, das Buch flach auf den Tisch zu legen.

Immer noch gegen den Drang ankämpfend, nach einem Bier zu greifen, blätterte er durch die Seiten. Er musste stocknüchtern sein, um das hier zu verstehen.

Er schlug die erste Seite auf und las:

Das sind mein letzter Wille und mein Testament. Ich will, dass mein Enkel die einzige Person ist, die über diese Seite hinaus weiterliest. Ich verfluche jeden anderen Mann, der es tut.

Adam Franklin

Juni 1989

Tye glaubte nicht an Flüche. Er glaubte nicht einmal an Glück, nur an Pech.

Langsam schlug er die Seite um und entdeckte eine Bleistiftzeichnung. Offenes Prärieland mit grasenden Rindern. Das nächste Bild zeigte fast dasselbe Motiv. Ein Stacheldrahtzaun im Vordergrund, sanfte Hügel im Hintergrund.

Er blätterte weiter. Die Skizzen kamen ihm allmählich bekannt vor. Kleinstadtstraßen. Ein winziges Postamt. Ein großes, altes, zweistöckiges Haus. Ein dreieckig angelegter Stadtplatz. Die Fassade eines Cafés mit Fenstern, die den Blick auf die Tische freigaben.

Tye schloss das Buch und ging ins Bett. Wenn das sein Erbe von seinem Großvater war, war es wertlos. So wie es aussah, hatte sein Großvater wenig Talent.

Während er einnickte, begann die Schwarz-Weiß-Welt aus dem Notizbuch in seinem Kopf herumzuwirbeln. Irgendwo in seinen Träumen wurden die Zeichnungen zu einer Stadt. Ein realer Ort, nicht nur Skizzen. Es war, als ob er sich gut genug auskannte, um den Weg durch die Straßen zu finden, obwohl es keine Laternen gab.

Tye wachte bei Tagesanbruch auf. Sein Kopf schmerzte, wie üblich. Ausnahmsweise griff er nicht zu einem Drink, um sich zu betäuben. Er zog einfach seine Stiefel an und trat hinaus in die Herbstluft. Sein Hotel lag direkt gegenüber vom Rodeo-Gelände, somit hatte er einen kurzen Arbeitsweg. Er musste lediglich noch einmal nach dem Vieh schauen, dann würde er sicherstellen, dass das Rodeo stattfinden konnte, und seine Arbeit war erledigt. Ein anderer Kerl sollte den Job übernehmen, sobald das Rodeo diesmal weiterzog.

Eine Stunde später war er fertig und machte sich auf den Weg, um zu packen. Tye hatte zwei Tassen Kaffee getrunken und sich vergewissert, dass die Arena trocken genug war, damit das Rodeo beginnen konnte. Normalerweise blieb er, bis es vorbei war. Manchmal half er sogar beim Verladen der Tiere für die Rückfahrt nach Colorado Springs.

Aber dieses Mal gab es etwas anderes, worüber er nachdenken musste. Irgendeinen anderen Ort, wo er sein musste. Er ging zurück in sein Zimmer und sah sich mit klareren Augen die Buchseiten noch einmal an. Zeichnungen von alten Häusern. Ranch-Land, das von einem Tor mit dem Brandzeichen eines riesigen M begrenzt wurde. Pferde, die entlang der Zaunlinie neben einem Feldweg herliefen. Die Skizzen waren primitiv. Wertlos. Dieser Schauplatz könnte überall in der Prärie sein. Sie hätten vor einem Jahr oder vor einem Jahrhundert entstanden sein können, und sie sähen genau gleich aus.

Ein Kommentar war in der Mitte entlang des Falzes auf das Papier geschrieben:

Folge dem einsamen Stern. Finde Dusty Roads. Mein Geschenk für dich wartet schon.

Tye überlegte, seinem Großvater noch eine weitere Bezeichnung hinzuzufügen: verrückt. Er hatte den alten Mann nur ein paar Mal gesehen, als er gerade in die Grundschule gekommen war.

Tye war fünfzehn gewesen, als seine Mutter ihm erzählte, dass der alte Mann ins Gefängnis gesteckt worden war. Ein Jahr später erwähnte sie, dass Tyes Vater gestorben sei. Mehr hatte sie nie dazu gesagt. Als er nachgefragt hatte, hatte sie einfach erwidert: „Was macht das schon für einen Unterschied?“ Sein Großvater war im Gefängnis, und sein Vater war tot. 

Warum sollte ein Großvater, der nie an einem Geburtstag oder zu Weihnachten an ihn gedacht hatte, ihm jetzt ein Geschenk hinterlassen?

Während er jede Zeichnung studierte, war er sich sicher, einige der Szenen schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht in Western-Magazinen oder auf Postern an einer Wand. Oder vielleicht hatte er die realen Orte gesehen, die der Künstler dargestellt hatte. Aber nur eine der Zeichnungen enthielt einen Hinweis auf einen Ort, und selbst die zeigte lediglich ein Ortsschild eines texanischen Countys mit Einschusslöchern im Metall.

Einsamer Stern. Der Ort, den die Zeichnungen darstellen, musste sich in Texas befinden.

Ein weiteres Ranch-Tor befand sich in der Ecke einer anderen Zeichnung. Es sah alt und verfallen aus. Aber Tye konnte auf dem Querbalken deutlich die Umrisse von etwas erkennen, das einem sich aufbäumenden Wildpferd ähnelte.

Vielleicht wäre es eine Suche wert, dachte Tye. Schließlich hatte er bis zum Frühling, wenn die Rodeos wieder begannen, nichts zu tun.

Nachdem er eine Stunde damit verbracht hatte, sich die Zeichnungen einzuprägen, packte er seine Ausrüstung auf die Ladefläche seines Pick-ups und machte sich ein Sandwich aus den beiden Brotkanten und dem Rest der Wurst. Es war an der Zeit, nach Süden Richtung Texas zu fahren. Das Rätsel um das Notizbuch war wahrscheinlich nichts Besonderes, aber Tye hatte frei und wusste nicht, wohin er sonst gehen sollte. Er würde auf einer Ranch anfangen, auf der er schon einmal gewesen war. Wenn ihm die Zeichnungen bekannt vorkamen, könnte er vielleicht Glück haben. Das Brandzeichen an einem Tor könnte neben einer staubigen Straße auftauchen, und dort, mitten im Nirgendwo, würde eine riesige Kiste stehen. Sein Geschenk. Wohl kaum.

Er scherte sich nicht um eine Landkarte. Er würde einfach so lange fahren, bis er müde wurde. Dort, wo es Land und Vieh gab, würde er dann schon Arbeit finden.

Ihm dämmerte, dass der Künstler durch einen Ort gereist sein musste, während er zeichnete. Manchmal tauchte die Ecke am Ende einer Skizze auf dem nächsten Bild wieder auf.

Ein breites Ranch-Tor füllte eine ganze Seite aus. Tye hatte schon ein Dutzend Tore gesehen, die zu der Zeichnung passen könnten. Vielleicht würde er weiterfahren, bis er eines fand.

Auf einige Seiten des Buches waren Kartenausschnitte gekritzelt, aber es gab keinen Ausgangspunkt, kein Ende und keinen Maßstab: Markierungen wie eine Baumgruppe oder eine Windmühle konnten meter- oder kilometerweit voneinander entfernt sein.

Tye klappte das Buch zu, frustriert darüber, dass er sich selbst gestattet hatte, einen Traum zu verfolgen und weiterzuspinnen. Man sollte meinen, dass er nach über zwanzig Jahren, in denen er auf sich allein gestellt war, das Träumen aufgegeben hätte. Es gab kein „und wenn sie nicht gestorben sind“.

Autor

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.