Atemlos vor Begierde

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Zwischen Heather und ihrem Stiefbruder Romeo Accardi brennt der Hass lichterloh. Der Milliardärssohn verachtet sie, die Tochter der Haushälterin, mit der sein Vater in zweiter Ehe verheiratet war, und Heather meidet ihn, wo sie kann. Doch der Tod des Vaters bringt sie beide auf dem Anwesen in den italienischen Alpen zusammen. Und unvermittelt schlägt ihre schwelende Feindschaft in Begierde um! Eine Nacht lang gibt Heather sich Romeo hin – überzeugt, dass sie ihn danach nie wiedersehen muss. Doch ihr atemloses Verlangen hat skandalöse Folgen …


  • Erscheinungstag 14.04.2026
  • Bandnummer 2748
  • ISBN / Artikelnummer 0800262748
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Millie Adams

Atemlos vor Begierde

1. KAPITEL

Hass war ein faszinierendes Gefühl. Es hatte einen Geschmack – metallisch und scharf –, lag wie ein schweres Gewicht auf der Brust und ließ ihr Herz schneller schlagen. Hass hatte auch einen Geruch: Whiskey, würziges Aftershave und altes Leder.

Zumindest für Heather Gray.

Denn Hass roch genau wie ihr Stiefbruder Romeo Accardi. Gott, sie wollte ihm am liebsten die Hände um den Hals legen und zudrücken, bis …

Wenn er tot wäre, müsste sie sich nie wieder so fühlen. Der Gedanke raubte ihr beinah selbst den Atem.

Okay, vielleicht war es geschmacklos, sich seinen Tod auszumalen, während sein Vater oben im Sterben lag. Aber als ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben war, hatte er nicht mal eine Träne für sie übrig gehabt. Und jetzt, da Giuseppe kurz davor war, seiner geliebten Frau zu folgen, zeigte Romeo noch immer keine Regung.

Da war nur dieser verdammte Geruch nach Aftershave, der sie zur Weißglut brachte.

Das war schon immer so gewesen.

Seit dem Tag, an dem sie und ihre Mutter zum ersten Mal die Schwelle des Accardi-Anwesens überschritten hatten. Damals war ihre Mutter bloß die neue Haushälterin gewesen und sie ein zwölfjähriges, schüchternes Mädchen – unbeholfen, überfordert und ohne jede Ahnung, was sie in dieser fremden Welt sollte.

Aber Giuseppe hatte sich von Anfang an große Mühe gegeben und ihnen mehr Unterstützung zuteilwerden lassen, als sie je zuvor erlebt hatten.

„Und wo soll das Kind zur Schule gehen?“, hatte Giuseppe damals gefragt.

„Auf die öffentliche Schule die Straße runter“, hatte ihre Mutter geantwortet.

„Unsinn, sie wird auf dieselbe Schule gehen wie mein Sohn. Fairfield wird ihr die Zukunft ermöglichen, die sie verdient.“

„Das könnte ich mir nie leisten …“

„Betrachten Sie es als Teil Ihrer Vergütung, Miss Gray.“

Und so war Heather nach Fairfield gekommen, mitten unter all die reichen Kinder. Ein Gänseblümchen zwischen Zuchtrosen.

Es war eine Feuertaufe gewesen. Als ihre Mutter den Job im Hause Accardi angenommen hatte, hatte das Heathers Chance für einen Neuanfang an einem anderen Ort dargestellt.

Sie hatte ihre Kindheit in einer New Yorker Wohnung verbracht, die kaum größer war als ein Besenschrank, während ihre Mutter auf der Upper East Side fremde Häuser geputzt hatte. Ihrer Tochter wollte sie etwas anderes bieten. Ein besseres Leben. Vielleicht hatte ihre Mutter sich auch selbst nach diesem anderen Leben gesehnt. Heather konnte ihr das nicht verdenken.

Über das Putzfrauen-Netzwerk hatte sie von diesem Job erfahren. Ein alleinstehender, reicher Italiener suchte eine Haushälterin für sein Anwesen in den italienischen Alpen, aber auch für gelegentliche Reisen zu seinen anderen Domizilen weltweit. Das Gehalt klang so großzügig, dass es fast wie Betrug wirkte. Möglicherweise sogar wie Menschenhandel.

Ihre Mutter hatte das Risiko trotzdem auf sich genommen.

Der Job hatte ihnen ein Häuschen auf dem Anwesen beschert. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Heather ein eigenes Zimmer. Trotzdem fiel ihr der Abschied von New York schwer. Auch wenn sie kaum etwas besessen hatten – die Stadt hatte ihren eigenen Puls, und der hatte immer in ihr nachgehallt. Zum Beispiel auf dem Schulweg oder beim Besuch eines Kiosks, wenn sie etwas zu essen brauchte, weil ihre Mutter wieder spät arbeitete.

Im Vergleich dazu waren die Weite und Stille des italienischen Anwesens ohrenbetäubend. Es war beängstigend und gähnend leer. Noch ungewohnter war nur, wie Giuseppe Accardi sie und ihre Mutter behandelte: wie gleichwertige Personen, wie Menschen.

Er sah ihnen in die Augen und sprach sie immer direkt an, blickte nicht an ihnen vorbei. Er behandelte sie nicht so, als wären sie fehl am Platz.

Sie kamen im Sommer an, noch vor dem Schulbeginn in Fairfield. Und Giuseppe erlaubte Heather, den Pool zu benutzen.

Da sah sie ihn zum ersten Mal.

Den Jungen, der mal ihr Stiefbruder werden sollte.

Romeo Accardi.

Zwei Jahre älter als sie und schon gebaut wie ein Mann. Im Nachhinein wusste sie, dass das nicht ganz stimmte, aber damals war sie einfach nur … komplett von ihm eingenommen.

Er stand mit freiem Oberkörper am Beckenrand. Durchtrainiert und muskulös, fast eins neunzig groß, das schwarze Haar glatt zurückgekämmt, eine dunkle Sonnenbrille auf der Nase. Er war der schönste Mensch, den Heather je gesehen hatte. Und da ihre Mutter für Promis gearbeitet hatte, hatte Heather genug attraktive Leute getroffen und kannte sich mit Glanz und Glamour aus. Trotzdem hatte Romeo Accardi schon mit vierzehn Jahren alle anderen lässig in den Schatten gestellt.

Nur mit seinem Vater hatte er nichts gemeinsam.

Als er Heather das erste Mal ansah, war er nicht so sprachlos wie sie bei seinem Anblick.

Stattdessen verzog er den Mund zu einem abfälligen Grinsen. „Wer bist du?“

„Ich … Heather. Meine Mom arbeitet hier.“

„Darfst du überhaupt an den Pool?“

„Dein Vater hat’s mir erlaubt.“

Romeo schob die Sonnenbrille von der Nase und sah sie mit tiefster Verachtung an. „Verstehe.“

Dann drehte er sich um und ging. Als wäre es ihm zuwider, dieselbe Luft zu atmen wie sie. Auch danach war sein Verhalten nicht besser geworden. Und als ihre Mutter sich auf eine Beziehung mit Giuseppe einließ, wurde es noch schlimmer. Und erreichte einen traurigen Höhepunkt, als die beiden schließlich heirateten.

Zugegeben, der Beginn dieser Beziehung war alles andere als perfekt gewesen. Giuseppes damalige Ehefrau Carla Accardi hatte wie ein eleganter Schatten im Haus existiert – körperlich anwesend, aber unerreichbar. Zumindest für Heather. Die schöne, statuengleiche Millionärsgattin war nicht unfreundlich gewesen, nur distanziert. So wie reiche Arbeitgeber eben mit ihrem Personal umgingen.

Als die Beziehung zwischen Heathers Mutter und Romeos Vater sich anbahnte, machte Giuseppe sehr deutlich, dass seine Ehe schon lange vorher vorbei gewesen war und nur noch auf dem Papier bestand.

Für Heather, damals dreizehn, war das alles unglaublich verwirrend gewesen. Ihr Leben hatte sich durch die Beziehung ihrer Mutter mit Giuseppe in jeder Hinsicht verbessert. Dennoch hatte sie gespürt, dass es auf die falsche Art passiert war. Aber sie hatte keinerlei Kontrolle über die Geschehnisse gehabt.

Und genau das war bis heute der entscheidende Punkt.

Heute, als Erwachsene, glaubte sie nicht mehr, dass ihre Mutter für das Ende der Accardi-Ehe verantwortlich war. Es musste schwerwiegende Probleme gegeben haben, damit eine Affäre überhaupt eine Chance hatte. Und Giuseppe war kein notorischer Fremdgeher. Er hatte Lisa Gray geheiratet, und sie waren zusammengeblieben, bis Lisa vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war.

Am Ende war es für Heather eine echte Liebesgeschichte gewesen. Keine perfekte – aber mit der Zeit war klar geworden, dass die beiden füreinander bestimmt waren. Zumindest aus Heathers Sicht.

Nur Romeo hatte die Sache nie aus einer anderen als einer negativen Perspektive betrachten können.

Als sein Vater ihre Mutter geheiratet hatte, war aus Romeos Verachtung und Distanziertheit regelrechte Grausamkeit geworden. Er machte ihre Mutter für das Unglück seiner eigenen Mutter verantwortlich, und er hasste Heather.

Beliebt und von allen Klassenkameraden vergöttert, machte er ihr das Leben in der Schule zur Hölle. Genau wie zu Hause. Wenn er überhaupt da war, meist war er bei Carla. Doch immer wenn er sich auf dem Anwesen aufhielt, machte er keinen Hehl daraus, wie sehr die Familiensituation ihn anwiderte.

Ihr Kleinkrieg lief im Verborgenen ab. Heather hätte sich nie beschwert und damit das Glück ihrer Mutter riskiert. Warum Romeo sich die Mühe machte, seine Abneigung zu verbergen, verstand sie nie. Freundlich waren sie in keiner Situation zueinander, aber vor ihren Eltern gingen sie – meistens – halbwegs zivilisiert miteinander um.

Hätte sich das im Erwachsenenalter geändert, hätte Heather gern ihre Meinung über ihn revidiert. Genau wie sie war auch Romeo damals jung und den Entscheidungen der Erwachsenen ausgeliefert gewesen. Aber er hatte sich nie verändert, war nie freundlicher geworden und hatte nie den Eindruck gemacht, als würde er irgendetwas von der Komplexität der Ehe seiner Eltern begreifen.

Kurzum: Ihr Stiefbruder war einfach das Letzte und hatte sie systematisch fertiggemacht.

Als hätten ihre Grübeleien ihn heraufbeschworen, marschierte Romeo in die Bibliothek, in der Heather am Computer saß. Sie spürte seine Gegenwart, noch bevor sie ihn sah. Die vertraute Unruhe vibrierte tief in ihrer Brust. Dann blickte sie auf.

Er trug einen makellos geschnittenen marineblauen Anzug, das dunkle Haar war aus der Stirn gekämmt, seine Kinnlinie hart und markant. Der Dreitagebart war mehr Versprechen als alles andere. Genauso wie seine vollen Lippen, die wirkten, als wären sie dazu gemacht, freundlich zu lächeln. Und das taten sie auch. Manchmal. Für andere Leute.

Nie für Heather.

Das war früher im Teenageralter das Schlimmste an Romeo gewesen. Er mochte alle, und wer ihn kannte, wollte in seiner Nähe sein. Er war wie die Sonne und brachte Wärme und Licht, wohin er auch ging.

Sie war die einzige Ausnahme.

Er hasste sie. Und wenn er sie ansah, fühlte es sich an, als würde man sie in eine Schneewehe stoßen.

Eiskalt.

Aber das war nur eins der schlimmen Dinge an Romeo.

Ein weiteres war, dass ihr erster bewusster Moment körperlicher Anziehung unwiderruflich mit ihm verbunden war.

Und nichts – weder der Hass zwischen ihnen noch ihre wachsende Verbitterung oder die Jahre, Weisheit und Reife – konnten ihre Reaktion auf ihn auch nur im Geringsten dämpfen.

Hass hatte einen Geschmack und einen Geruch. Das Gefühl ging ihr bis ins Mark.

Leider traf all das auch auf ihr Verlangen zu.

Für Heather war beides so eng miteinander verknüpft, dass sie nicht wusste, wie sie es trennen sollte.

Zum Glück würden sie nach dem Tod seines Vaters nichts mehr miteinander zu tun haben.

Welch furchtbarer Gedanke! Dass ihr einziger Weg in die Freiheit darin bestand, Giuseppe zu verlieren.

Er war die einzige Vaterfigur gewesen, die sie je gehabt hatte. Giuseppe war ihr Vater.

Aber er war so gebrechlich geworden, nachdem seine Frau gestorben war. Er hatte sich nie von Lisas Tod erholt. Und nach seiner Krebsdiagnose hatte er keinen Kampfgeist mehr gezeigt. Es tat ihr unglaublich weh, ihn so zu sehen. Sie wünschte sich, er könnte wieder mit seiner Frau vereint sein. Sie musste einfach daran glauben, dass sie auf der anderen Seite auf ihn wartete.

Heather wollte ihn nicht verlieren. Es war nur so …

Endlich auch das letzte Band zu Romeo zu durchtrennen wäre ein Geschenk.

„Wie geht es ihm?“ Manchmal, wenn sie das Gespräch nur auf seinen Vater beschränkten, gelang es ihnen, nicht zu streiten.

„So scharf darauf, dein Erbe einzustreichen?“

Okay, heute also nicht.

„Ja, Romeo, natürlich frage ich nur deshalb nach dem Befinden meines Vaters.“

„Er ist mein Vater, Heather. Nicht deiner.“

„Er ist in jeder entscheidenden Hinsicht mein Vater. Aber danke, dass du die Gelegenheit nutzt, in deiner Rolle zu bleiben. Ohne dein übliches Mistkerlgehabe wäre die Trauer kaum zu ertragen.“

„Ich hatte noch nie ein Problem damit, im Theaterstück deines Lebens der Böse zu sein, wie du weißt.“

„Ja. Weiß ich. Du hast meine Frage trotzdem nicht beantwortet.“

„Er stirbt“, sagte Romeo. „Daran hat sich nichts geändert.“

„Ich gehe gleich zu ihm.“

„Was machst du hier überhaupt?“

„Ich sitze hier und zähle mein zukünftiges Vermögen“, sagte sie und lächelte ihn ausdruckslos an.

In Wahrheit arbeitete sie. Heather war freie Lektorin, arbeitete für verschiedene Verlage und hatte einen Stapel Manuskripte zu lesen sowie Klappentexte zu schreiben. Aber den Versuch, ihn von ihrem guten Charakter zu überzeugen, hatte sie schon lange aufgegeben.

Sie erinnerte sich genau, wann das Fass endgültig übergelaufen war. An den allerletzten Tropfen. Romeo hatte kurz vor seinem Abschluss gestanden, sie war im zweiten Highschool-Jahr gewesen. Teil seines Abschlussstreichs war, alle in der Schule dazu zu bringen, so zu tun, als wäre sie unsichtbar. Einen ganzen Tag lang schauten sie durch sie hindurch, sprachen kein Wort mit ihr, rempelten sie an und kippten Getränke auf ihre Schuhe. Nur ihre Freundin Vera redete mit ihr. Und ein paar Lehrer. Aber selbst ein, zwei Lehrer machten mit.

Das war die Macht von Romeo Accardi. Er stellte das Ganze als geniale Aktion dar. Doch sein Blick sagte ihr ganz klar, dass er genau wusste, wie grausam es war. Dass es jeden ihrer wunden Punkte treffen würde. Ihre Angst, niemals dazuzugehören.

Von dem Moment an war der weise Spruch „Der Klügere gibt nach“ keine Option mehr gewesen. Ihre Bemühungen, ihn anzulächeln, um ihm zu beweisen, dass sie es wert war – was auch immer –, hatten an diesem Tag geendet. Sie hatte beschlossen, genauso zurückzuschlagen. Zwar hatte sie nicht seine Macht, nicht seinen Einfluss, aber in ihrem privaten Krieg schoss sie genauso viele Salven ab wie er.

„Ich nehme an, du bleibst zur Testamentseröffnung?“, fragte er.

Sein Gesicht war attraktiv, aber leer. Wie konnte er so etwas sagen, in diesem kalten Ton, wenn es um den Tod seines eigenen Vaters ging?

„Ja. Weil er es so will.“

Es hatte keinen Sinn, Romeo weiter zu provozieren. Ja, es machte ihr Spaß – aber das hier war kein Spiel. Sie war dabei, zur Vollwaise zu werden. Sie war siebenundzwanzig, also keine verwaiste Jugendliche. Aber in den ersten zwölf Jahren hatte es nur sie beide gegeben, Mutter und Tochter gegen den Rest der Welt. Und dann war Giuseppe in ihr Leben getreten. Ohne ihn und ihre Mom wäre Heather nicht die Person, die sie heute war. Und egal, was Romeo von ihr hielt – sie wusste, dass sie ein guter Mensch war.

Eine starke Frau, ehrgeizig, eine gute Freundin, hervorragend in ihrem Job.

Vielleicht würde sie eines Tages sogar ihr eigenes Buch fertig schreiben, statt die Geschichten anderer Leute zu lektorieren. Und wenn es so weit war, dann nicht nur wegen der Ausbildung, die Giuseppe ihr ermöglicht hatte, sondern auch wegen des Selbstvertrauens, das seine Liebe und Unterstützung ihr gegeben hatten.

„Es überrascht mich, dass du dir nicht längst einen reichen Mann gesucht hast, der dir alles bezahlt – so wie deine Mutter. Einen Dummkopf wie meinen Vater zu finden dürfte dir nicht schwerfallen. Er glaubt ja immer noch, dass du ein zerbrechliches Mädchen bist, das beschützt werden muss. Ich wette, eine ganze Reihe Männer würden sich um das Privileg reißen … dich zu beschützen.“

Nun hatte Heather endgültig genug von ihm. Energisch klappte sie ihren Laptop zu, stand auf und klemmte ihn sich unter den Arm. „Ich war mit meinem eigenen Leben beschäftigt. Aber weißt du – meine Mom hat deinen Dad erst mit fünfunddreißig geheiratet. Ich habe also noch Zeit.“

„Deine Mutter hat ein seltenes Kunststück vollbracht und sich mit Mitte dreißig den Status einer Trophäenjägerin gesichert. Ich würde nicht allzu sehr auf deine Reize setzen.“

„Und was ist mit dir? Warum bist du überhaupt hier, Romeo? Du hast deine eigenen Milliarden mit deiner Investmentfirma gemacht. Ich nehme an, du willst mit dem Unternehmen deines Vaters nichts zu tun haben. Es wird nicht länger in Familienhand bleiben und ist börsennotiert, mit jemand anderem als CEO. Ich nehme an, wir beide werden Aktienanteile bekommen. Dafür musst du nicht hier sein. Wartest du darauf, dieses Haus zu erben, das du so hasst? Willst du den letzten Atemzug eines Mannes miterleben, den du verabscheust …“

„Ich liebe meinen Vater. Wenn ich ihn verachten würde, wäre das alles hier leichter. Warum, glaubst du, komme ich an Feiertagen her? Warum, glaubst du, bin ich Teil dieser Familie geblieben? Weil ich ihn hasse?“

Das war ein viel komplexerer Gedanke, als sie Romeo je zugetraut hätte. Sie wollte, dass er der eindimensionale Mistkerl blieb. Egoistisch und grausam, einfach nur weil er so war. Sie wollte nicht, dass seine Gefühle genauso kompliziert waren wie ihre eigenen.

„Ich dachte immer, du tust das nur, um uns alle deinem tief empfundenen Ekel auszusetzen“, sagte sie und ignorierte ihre dämmernde Erkenntnis.

„Nein. Ich bin sein Sohn. Sein einziges Kind. Ich habe ein Recht, dabei zu sein. Ich habe ein Recht auf meinen Platz am Kopfende des Tisches. Genauso wie ich ein Recht auf mein Erbe habe und darauf, an seiner Seite zu sitzen, wenn er seinen letzten Atemzug tut – weil ich derjenige bin, dem dieses Recht von Geburt an zusteht. Du bist nichts, Heather. Und du bist nie etwas gewesen. Er wollte deine Mutter, und er hat sie bekommen. Er hat unsere Familie zerstört, nur um sein Verlangen zu stillen. Und um das Ganze zu rechtfertigen, hat er seine Affäre geheiratet und so getan, als wäre es etwas Echtes. Wenn ich ihn gehasst hätte, hätte ich einfach gehen können. Ich hätte ihm den Rücken kehren können und nie wieder zurückblicken müssen. Ich hasse meinen Vater nicht.“

„Aber du hasst mich“, sagte sie.

„Ich sehe nicht, warum ich Zuneigung für ein Kuckuckskind empfinden sollte, das die vergangenen fünfzehn Jahre damit verbracht hat, mich aus der Familie zu drängen.“

„Vielleicht wollte ich einfach nur einen Vater haben.“

„Deiner wollte nichts mit dir zu tun haben. Das hat dir kein Anrecht auf meinen gegeben.“ Er wandte sich ab und ließ sie vor Wut brodelnd stehen.

Sie hasste ihren Stiefbruder wirklich mit jeder Faser ihres Seins und konnte es kaum erwarten, ihn endlich los zu sein.

Doch an dem Tag, an dem sie Romeo Accardi für immer hinter sich lassen würde, wäre ihre Familie endgültig Geschichte.

Dann wäre Heather allein auf der Welt.

Mit nichts als dem brennenden Hass, den sie für Romeo empfand.

2. KAPITEL

Heather Gray zu hassen war Romeo zur Gewohnheit geworden.

Er wachte morgens auf, putzte sich die Zähne, rasierte sich – und hasste Heather Gray. So war es von Anfang an gewesen.

Schon so lange, dass er nicht mal mehr darüber nachdachte.

Er erinnerte sich noch genau an das erste Mal, als er sie gesehen hatte. Trotzig war sie gewesen, frech, die Winkel ihres vollen Mundes nach unten gezogen. Ein Kind. Und er hatte ihre Existenz einfach abgetan, weil sie unwichtig war.

Hätte er bloß geahnt, dass sie schon ein Jahr später zu seiner Stiefschwester werden würde. Zu seinem Problem.

Bevor sein Vater seine Mutter zugrunde gerichtet hatte, hatte Romeo Heather auf den Fluren von Fairfield schlicht ignoriert. Aber nach der Affäre, nach der Scheidung seiner Eltern und der Hochzeit von Lisa und seinem Vater war alles anders gewesen.

Er hatte ihre bloße Anwesenheit nicht ertragen.

Sein Vater war ganz offensichtlich vernarrt in sie. Er hatte sich immer eine Tochter gewünscht, aber nie eine gehabt. Und Heather war perfekt, denn sie war bedürftig. Sein Vater hatte sich als Retter aufspielen können. Und was eignete sich besser, um bewundernde Blicke ohne jede Kritik zu ernten, als sich selbst zum Helden zu machen?

Es hatte keine Rolle gespielt, wie oft er Carla und Romeo im Stich gelassen hatte. Dass er Romeo als Kind bestenfalls ignoriert hatte, weil er fast ausschließlich mit seiner Firma beschäftigt gewesen war. Dass er erst viel später Zeit für eine Familie gefunden hatte. Und da war seine Frau Lisa gewesen. Und das Kind Heather.

In mancher Hinsicht hatte Romeo das mit der Geschwisterrivalität vielleicht etwas weit getrieben.

Aber er war niemand, der Dinge halbherzig anging.

Sein Leben hatte ihm gehört, und dann war sie aufgetaucht.

Er hatte ihre Anwesenheit von Anfang an gehasst, aber es wurde noch schlimmer, als sie sich zu einer Schönheit entwickelte. Als aus dem trotzigen Mund eine Versuchung wurde und ihr Körper begann, weibliche Rundungen anzunehmen.

Heather vereinte das Schlimmste in einer Schwester. Aber sie war nicht seine Schwester.

Er war umgeben von Societyfrauen, die sich herunterhungerten. Er mochte Frauen in jeder Form, aber in seinen Kreisen war der drahtige Look angesagt. Heather war eine Ausnahme.

Selbst in der Fairfield-Schuluniform hatte sie es geschafft, irgendwie anders auszusehen. An ihrem Rucksack hingen Buttons, ihre karierten Strümpfe reichten bis zu den Knien und waren oft mit einer Sicherheitsnadel versehen, an der irgendetwas baumelte. Es war zum Verrücktwerden und schräg. Ihr rotes Haar war lockig und wild, nie gebändigt, und sie war …

Üppig.

Und ihre Kurven waren mit den Jahren immer ausgeprägter geworden.

Ihre Hüften waren herrlich rund. Mehr als einmal hatte er daran gedacht, wie es wäre, sich daran festzuhalten, während er sich in ihr bewegte. Ihre Taille war schmal, aber ihr Bauch hatte eine weiche Rundung, die ihn faszinierte. Und ihre Brüste … Ein Mann konnte ein ganzes Leben mit Fantasien verbringen, die sich nur um ihre Brüste drehten.

Irgendwie hatte Romeo das Gefühl, genau das getan zu haben.

Was für Gedanken! Und das ausgerechnet jetzt, da er vor der Tür zum Schlafzimmer seines sterbenden Vaters stand. Die Brüste seiner Stiefschwester …

Er konnte es kaum erwarten, sie aus seinem Leben zu schneiden wie einen Tumor.

Er stieß die Tür auf und setzte sich ans Bett.

„Romeo“, flüsterte sein Vater.

Sì, papà“, antwortete er leise auf Italienisch. „Ich bin hier.“

Er war wütend auf seinen Vater. Das würde er immer bleiben. Seit Lisas Tod vor zwei Jahren war da dieser seltsame Schmerz, der ihm jetzt die Kehle zuschnürte. Lisa war ganz plötzlich gestorben. Sie war da gewesen und dann auf einmal nicht mehr.

Es hatte erschreckend wehgetan, und bis heute konnte er kaum sagen, warum. Schließlich hatte er den Großteil der vergangenen anderthalb Jahrzehnte damit verbracht, sie zu hassen. Dafür, was sie seiner Mutter angetan hatte. Dafür, wie sie sein Leben auf den Kopf gestellt hatte. Aber Lisa war ein freundlicher und liebevoller Mensch gewesen. In mancher Hinsicht sogar besser für seinen Vater. Seine Eltern hatten eine turbulente Ehe geführt, das konnte er zugeben – hier, in der relativen Stille des Krankenzimmers. In seinen Gedanken.

Die Beziehung zwischen Lisa und seinem Vater war nie turbulent gewesen. Zwischen den beiden hatte echte, tiefe Zuneigung geherrscht. Auch das nahm er den beiden übel – dass man nicht leugnen konnte, wie viel ruhiger das Leben seines Vaters nach der Scheidung von seiner ersten Frau geworden war.

Aber Romeo war derjenige, der für seine Mutter da sein musste. Damals wie heute. Er war derjenige, der die Scherben hatte aufsammeln müssen. Und es waren verdammt viele gewesen.

„Du musst auf sie aufpassen“, sagte Giuseppe mit brüchiger Stimme.

„Auf wen?“

Er hatte an seine Mutter gedacht, aber er wusste genau, dass sie seinem Vater egal war. Er kannte die Antwort, noch bevor er sie hörte.

„Heather. Ich muss wissen, dass es ihr gut geht.“

Natürlich machte sich sein Vater keine Sorgen um ihn, seinen Sohn. Romeo hatte nie die Wahl gehabt, schwach zu sein. Sein Vater hatte immer erwartet, dass er funktionierte. Hart war. Ein Mann. Und das war er auch geworden. Selbstständig und erfolgreich.

An Heather liebte Giuseppe, dass sie sanft und verträumt war. Ein Bücherwurm. Auf Unterstützung angewiesen. Zumindest sah er sie so. Giuseppe hatte eindeutig einen Retterkomplex. 

Heather war deutlich gerissener, als sein Vater wahrhaben wollte.

„Ich nehme an, du hinterlässt ihr genug Geld, damit sie zurechtkommt.“

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