Baccara Collection Band 499

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FALSCHE KÜSSE, WAHRE LIEBE von TARA TAYLOR QUINN

Rancher Jax hat der Liebe abgeschworen. Doch nun braucht er eine Frau, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu behalten. Zum Glück ist seine Jugendfreundin Priscilla Fortune zu einer Scheinverlobung bereit! Aber warum wecken ihre gespielten Küsse plötzlich echte Leidenschaft?

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  • Erscheinungstag 11.07.2026
  • Bandnummer 499
  • ISBN / Artikelnummer 0855260499
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Tara Taylor Quinn, Brenda Jackson, B.J. Daniels

BACCARA COLLECTION BAND 499

Tara Taylor Quinn

1. KAPITEL

Ein Ententeich.

So was brauchte er noch auf seinem Grundstück – allerdings ohne Enten.

Alle fünfzehn Minuten frisch produzierter Biomüll? Keine gute Idee. Vor allem dann nicht, wenn man ein erkundungsfreudiges Kleinkind hatte.

Doch ein Teich mit einem ökologisch sinnvoll bepflanzten Grünstreifen, der half, die Wasserqualität aufrechtzuerhalten …

„Jax.“

Als er seinen Namen hörte, stand der wohlhabende Rancher Jax Wellington von der verzierten Bank auf, von der aus er den Teich im Park beobachtet hatte. So hatte er nicht seinen Ex-Schwiegereltern entgegensehen müssen, die dieses Treffen mit ihm anberaumt hatten.

Er blickte auf seinen drei Monate alten Sohn, der im Kinderwagen schlief, während er die Ankunft von Christas Eltern – Emma und Frank Novelty – erwartete. Als sie ankamen, setzte er sich mit ihnen auf die Bank, wobei Emma zwischen ihm und ihrem Ehemann Platz nahm.

Die akkurat gekleidete Emma griff sofort nach dem Kinderwagen und zog ihn an sich heran. Allein sein Respekt vor den trauernden Eltern hielt Jax davon ab, etwas dagegen zu sagen, und er verkniff sich eine Bemerkung. Er war der biologische Vater und hatte das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn, gleichgültig, wie sehr sich die Noveltys danach sehnten, sich dieses mit ihm zu teilen. Allerdings wollte er keine offene Konfrontation heraufbeschwören.

Zumindest unternahm Emma keinen Versuch, ihren schlafenden Enkel auf den Arm nehmen zu wollen. Das hätte Jax zu verhindern gewusst angesichts des zu erwartenden lautstarken und anhaltenden Protests seines Sohnes. Der kleine Mann verstand sich nämlich ausgezeichnet darauf, seinem Unmut nachhaltig Ausdruck zu verleihen.

Diese leidvolle Erfahrung hatte Jax jede Nacht des vergangenen Monats alle zwei Stunden machen müssen.

Dieser Gedanke erinnerte ihn daran, dass die Noveltys erst vor einem Monat ihr einziges Kind – ihre Tochter Christa – hatten zu Grabe tragen müssen.

„Es tut uns leid, dass wir dich von der Arbeit auf der Ranch abhalten, Jax, aber genau aus diesem Grund wollen wir heute auch mit dir reden“, begann Frank ohne Umschweife das Gespräch.

„Ihr habt gesagt, ihr wollt mit mir über Liam sprechen. Alles, was mit meinem Sohn zu tun hat, hat vor der Arbeit Vorrang“, klärte Jax den älteren Mann auf. Unter anderen Umständen hätte er Frank Novelty vielleicht gemocht. Doch dieser hielt nicht viel von Jax und machte auch keinen Hehl daraus, weswegen Jax ihm nicht über den Weg traute.

Auf alle Fälle sah er nicht zu ihm auf, wie er es bei seinem eigenen Vater getan hatte.

Frank und Emma tauschten einen vielsagenden Blick aus, der Jax verriet, dass er nichts Gutes zu erwarten hatte. Trotzdem blieb er augenscheinlich gelassen sitzen, als Frank weitersprach. „Also, das ist leider nicht ganz wahr, oder?“ Bevor Jax etwas darauf erwidern konnte, fuhr er auch schon fort: „Oder willst du etwa bestreiten, dass du einen drei Monate alten Säugling den ganzen Tag von einer fremden Pflegekraft betreuen lässt?“

Nicht jeden und nicht den ganzen Tag, stellte Jax im Stillen klar. „Wenn er betreut wird, schaue ich mehrere Male täglich zu Hause vorbei“, erklärte er. Wenn er weiter draußen auf der Ranch zu tun hatte, meldete er sich per Videocall, um Liam zu sehen und sich zu vergewissern, dass er ruhig schlief oder rundum zufrieden war, wenn er doch wach sein sollte.

„Also bist du etwa eine halbe Stunde pro Tag für deinen Sohn da?“, fragte Frank in oberlehrerhaftem Ton.

Christa hatte ihre Eltern vergöttert. Sie war so eng mit ihnen gewesen, dass sie ihnen nicht nur anvertraut hatte, dass sie daran zweifelte, dass Jax sie für immer lieben würde, sondern ihnen obendrein erzählt hatte, dass er in Erwägung gezogen hatte, ihre dreimonatige Beziehung zu beenden, als er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte.

Dass Jax letztendlich mit Christa zusammengeblieben war und sie sogar geheiratet hatte, spielte keine Rolle für ihre Eltern. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er angefangen hatte, Christa dafür zu bewundern, wie hingebungsvoll sie sich Liam widmete – und dem Familiendasein mit Jax.

Bedauerlicherweise war sie ihren Eltern nicht gleichermaßen offen gegenüber gewesen, was die Dinge betraf, die sie außerhalb ihrer Ehe getan hatte. Denn sie hatte sich mit einem anderen Mann getroffen. Jax hatte jedoch nicht vor, den Noveltys oder seinem Sohn jemals davon zu erzählen, dass Christa mit eben jenem Mann auf dem Boot gewesen, auf dem sie vor über einem Monat tödlich verunglückt war.

Auch wollte Jax sich Frank und Emma gegenüber nicht verteidigen, denn seiner Meinung ging es die beiden überhaupt nichts an, wie viele Stunden er täglich mit seinem Sohn verbrachte. Liam war gesund, wurde geliebt und ihm mangelte an nichts – das war alles, was zählte.

Frank beugte sich zu ihm herüber. „Diese mangelnde Fürsorge werden wir vor Gericht ansprechen. Du bekommst noch eine offizielle Vorladung, Jax, aber wir wollten dir schon einmal persönlich mitteilen, dass wir um das Sorgerecht für Liam streiten werden. Wir sind beide gesund und müssen nicht mehr arbeiten. Der Junge wird in einer glücklichen Familie aufwachsen.“ Er räusperte sich. „Außerdem wird ihn seine eigene Familie erziehen und nicht irgendeine bezahlte Fremde. Stattdessen wird er bei seinen Großeltern leben, die auch schon seine Mutter großgezogen haben. Du darfst ihn gerne so oft besuchen, wie du willst. Und wenn er groß genug ist, kann er dich regelmäßig auf der Ranch besuchen.“

Das Kind war Jax’ Sohn.

Frank lehnte sich zurück, als seine wohlformulierte Rede beendet war.

Tief einatmend rief sich Jax zur Ruhe auf. Er dachte daran, dass die Trauer über den Verlust ihrer Tochter Frank und Emma dazu brachte, so etwas auch nur zu denken.

„Ich hatte mich sehr gefreut, dass ihr beide Liam und mir hierher nach Emerald Ridge gefolgt seid“, sagte er, als er sich schließlich beruhigt hatte. „Ich hatte gehofft, dass wir als Familie gemeinsam für Liams Erziehung sorgen würden. Aber auf keinen Fall werde ich das Sorgerecht für Liam abgeben“, stellte er mit aller Entschlossenheit klar, zu der ihm seine Zeit als frischgebackener Vater und sein eigenes glückliches Elternhaus verholfen hatten. „Die meisten alleinerziehenden Väter müssen arbeiten“, sagte er. „Und die meisten von ihnen haben nicht das Glück, jederzeit nach Hause kommen zu können, wenn es nötig sein sollte.“

„Oh, ich glaube, du hast uns nicht richtig verstanden, Jax“, erwiderte Frank und stand auf. „Wir wollen uns nicht mehr mit dir das Sorgerecht teilen. Das haben wir schon versucht, und du warst nicht kooperativ. Nun sind wir gezwungen, das Gericht darum zu bitten, das einzig Richtige für unseren Enkel zu tun. Und wir werden alles nutzen, was wir über dich in Erfahrung bringen können, um dieses Ziel zu erreichen“, setzte er hinzu. „Wie zum Beispiel die Tatsache, dass du jetzt so viel Arbeit auf der Ranch hast, weil deine Stiefmutter so einen großen Schaden angerichtet hat, bevor man sie verhaftet und ins Gefängnis geworfen hat. Und dass du dich nicht um die Ranch gekümmert hast, nachdem dein Vater diese Frau geheiratet hatte. Oder dass du vier Monate vor Liams Geburt durch die Weltgeschichte gereist bist und überall Affären mit anderen Frauen hattest. Du ziehst eine Spur gebrochener Herzen hinter dir her. All das passt genau zu dem schlechten Ruf, den die Wellingtons haben und der uns nach unserem Umzug in diese Stadt zu Ohren kam. Dein Vater war drei Mal verheiratet. Diese Kriminelle hat er noch nicht einmal ein Jahr nach dem Tod seiner zweiten Frau geehelicht.“

Wieder bemühte sich Jax, seine Zunge im Zaun zu halten. Es stimmte, dass sein Vater zwei Frauen zu Grabe hatte tragen müssen. Die erste war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, an dem sein Vater nicht die geringste Schuld trug, und die zweite – die Mutter von Jax und seiner Schwester Annelise – war an Krebs gestorben. Allerdings war es für Jax und Annelise einem Schlag ins Gesicht gleichgekommen, als ihr Vater so schnell nach dem Tod wieder geheiratet hatte. Jax wusste nicht, was das über die Qualität der Ehe seiner Eltern aussagte, aber es hatte ihm die Lust auf diese gründlich verdorben.

Doch nichts von dem hatte einen negativen Einfluss auf seine Fähigkeit, ein guter Vater zu sein. Ein Mann, der nichts auf romantische Beziehungen gab, konnte dennoch seinen Sohn allein erziehen und aus ganzem Herzen lieben. Jax’ Vater mochte vielleicht kein guter Ehemann gewesen sein, doch er war ein fantastischer Dad gewesen.

„Ihr glaubt also, ihr tut Liam etwas Gutes, wenn ihr ihm sein Geburtsrecht verweigern wollt?“, fragte er ungläubig und konnte nicht fassen, was die Noveltys gerade gesagt hatten.

Eine Hand auf dem Kinderwagen drehte sich Emma zu ihm herum. „Ja, genau das tun wir, Jax, aber wir machen es nicht gern. Deswegen hoffen wir ja, dass du uns das alleinige Sorgerecht an Liam überlässt“, sagte sie. „Frank hat vielleicht eben ein wenig … groß geklungen“, gab sie zu. „Aber wir würden lieber mit dir zusammenarbeiten als gegen dich. Du musst einsehen, was das Beste für Liam ist. Du dürftest ihn jederzeit sehen, aber wir können ihm die Liebe und die Zeit geben, die du nicht hast.“ Ihre Augen schimmerten feucht. „Und bestimmt haben wir als seine Großeltern ein größeres Recht darauf als die fremde Frau, die du bezahlst. Wir wollen ihm doch nur unsere Liebe schenken.“

Jax bezweifelte nicht, dass Frank und Emma nur das Beste für Liam im Sinne hatten. „Ich möchte euch doch auch ausreichend Gelegenheiten geben, ihn zu lieben“, lenkte er ein. „Die letzten beiden Monate waren sehr anstrengend für uns alle – für mich, um die Ranch wieder auf Vordermann zu bringen, und für euch mit dem Hauskauf und dem Umzug. Ihr hattet sicher nicht so viel Zeit mit Liam, wie ihr gerne gehabt hättet. Aber das soll sich in Zukunft ändern. Ihr seid jederzeit auf der Ranch willkommen und könnt ihn besuchen, sooft ihr wollt. Aber er bleibt mein Sohn, und er lebt bei mir.“

Emma erhob sich nun ebenfalls von der Bank und stellte sich neben Frank. „Das werden wir ja noch sehen“, sagte dieser. „Wir hatten gehofft, vernünftig mit dir reden zu können, aber offensichtlich ist das nicht der Fall.“

Die Hände am Griff des Kinderwagens stand auch Jax auf. „Ich bitte euch, noch einmal darüber nachzudenken“, entgegnete er. „Christa hatte sich entschieden, mich zu heiraten und mit mir zu leben. Es war ihre Wahl, dass ich unseren Sohn aufziehe. Lasst uns ihren Wunsch ehren. Um ihretwillen.“

Liam würde eine große Familie haben, wenn Annelise von ihrer Überseereise zurückkehrte und Drake Fortune heiratete. Er würde Cousinen und Cousins haben, wie beispielsweise den kleinen Joey, der auf der Türschwelle der Fortunes gefunden worden und von Poppy und ihrem Verlobten Leo Leonetti adoptiert worden war. Jax kannte Leo ein ganzes Leben lang. Die Leonettis waren eine großartige Familie.

Liam würde eine Menge Vorbilder dort haben.

„Du machst einen großen Fehler, Jax“, sagte Emma und hakte sich bei ihrem Mann unter, bevor das Ehepaar sich zum Gehen wandte. „Wir sehen uns vor Gericht.“

Priscilla Fortune konnte kaum glauben, was sie eben mitgehört hatte. Sie stand hinter einer kleinen Baumgruppe rechts neben der Bank, auf der Jax Wellington saß. In einer Hand hielt sie die drei Leinen ihrer Schützlinge – allesamt Hunde aus dem örtlichen Tierheim –, die unablässig auf der Suche nach einem Plätzchen herumschnüffelten, an dem sie ihr Geschäft verrichten konnten.

Jax war drei Jahre älter als Priscilla und stets ein fester Bestandteil der Gruppe Teenager aus wohlhabenden Elternhäusern, die sich in den Sommern in Emerald Ridge traf. Eigentlich war Priscilla die Besucherin gewesen, denn Jax hatte das ganze Jahr über in Emerald gewohnt, was ihn zu einem Mittelpunkt der Truppe gemacht hatte.

Priscilla hatte ihn stets aus sicherer Entfernung beobachtet.

Als sie im Juli dieses Jahres mit einem Freund in ihrem Sommerhaus gewesen war, hatte sie gehört, dass Jax nach der dritten Hochzeit seines Vaters die Stadt verlassen hatte.

Zu jenem Zeitpunkt war sie davon ausgegangen, dass ihr Besuch im Juli der einzige dieses Jahr in Emerald Ridge sein würde, doch dann hatte ihr Onkel Sander kurz darauf in der ersten Augustwoche ein dringendes Familientreffen auf dem Anwesen von Priscillas Eltern anberaumt. Sander hatte Priscilla und ihre Geschwister gemeinsam mit seiner eigenen Tochter Kelsey aufgezogen, nachdem ihre Eltern vor fast zwanzig Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Vor ihrer Abreise hatten sie ihren Kindern von einer Überraschung erzählt, die sie auf dem großen Anwesen versteckt hatten und welche die Kids nach der Rückkehr ihrer Eltern suchen sollten. Da dies nie geschehen war, trafen sich alle Fortunes immer wieder, um für ein verlängertes Wochenende die Suche fortzusetzen.

Doch beim letzten Mal hatten sie gleich nach ihrer Ankunft die schreckliche Nachricht erhalten, dass es in der vorhergehenden Nacht einen Mordfall in dem idyllischen Städtchen gegeben hatte. Man hatte die Leiche von Linc Banning, dem Sohn der Haushälterin der Familie Fortune, erschossen im Fluss aufgefunden. Priscilla und ihre Familie hatten es kaum fassen können, als sie davon erfuhren, denn sie waren mit Linc wie mit einem Bruder aufgewachsen.

Auf keinen Fall würde Priscilla wieder abreisen, bevor sie nicht wusste, weshalb und von wem Linc ermordet worden war. Ihre Geschwister dachten genauso, und Priscilla, die sich gerne für andere engagierte, hatte sich in der Stadt danach erkundigt, wo man ihre Hilfe am besten gebrauchen konnte.

Das Tierheim hatte sich erfreut über ihr Angebot gezeigt – genau zu der Zeit, in der Jax mit seinem neugeborenen Sohn nach Emerald Ridge zurückgekehrt war, um die Familienranch zu übernehmen. Priscilla hatte gehört, dass er sich nach ein paar reinrassigen Hütehunden für seine Scheunen erkundigt hatte, und ihm vorgeschlagen, es stattdessen mit ein paar ihrer Schützlinge aus dem Shelter zu probieren. Sie wollte sie ihm persönlich vorbeibringen, damit er sich ein Bild von den Hunden machen konnte.

Jetzt stand sie hier und versteckte sich wie eine Stalkerin, um den Mann nicht in Verlegenheit zu bringen. Alle drei Hunde hatten inzwischen verrichtet, was sie verrichten wollten, und zwei hatten sich ins Gras gelegt. Der dritte im Bunde jedoch zog an der Leine und begann, leise zu jaulen.

Jax, der ihr immer noch den einzigen Weg aus dem Park heraus versperrte, würde den Hund bald hören. Er war auf der Bank sitzen geblieben und starrte auf das Wasser, als habe er seinen besten Freund verloren.

Priscilla brachte es nicht übers Herz, einen Menschen, der derart bekümmert schien, sich selbst zu überlassen.

„Hey“, sagte sie und ging mit den Hunden so langsam zur Bank, dass das schlafende Baby nicht gestört wurde. „Ich … habe dort drüben unfreiwillig mitgehört.“ Sie nickte zu den Büschen. „Das war eben ziemlich hart, was?“

Jax sah zwischen ihr und den Hunden hin und her. „Nichts, mit dem ich nicht klarkommen würde.“

Das bezweifelte sie auch nicht, doch der Man tat sich keinen Gefallen, indem er ein reiches Ehepaar, das nichts zu verlieren hatte, vor den Kopf stieß. Weil sie nicht von oben herab wirken wollte, setzte sie sich neben ihn auf das andere Ende der Bank. „Vielleicht hilft eine Mediation weiter“, schlug sie vor. „Die Gerichte haben für solche Dinge speziell ausgebildete Berater.“

Er sah sie weder besonders freundlich noch abwehrend an. „So was brauche ich nicht. Liam ist mein Sohn. Sie haben überhaupt kein Recht, ihn mir wegzunehmen.“

„Du weißt doch aber über die besondere Gesetzeslage für texanische Großeltern Bescheid, oder?“, fragte sie nach. „Wenn hier die Großeltern eines verstorbenen Elternteils das alleinige Sorgerecht für ihr Enkelkind beantragen, kann es durchaus sein, dass sie Erfolg damit haben. Ich bin zwar keine Anwältin, aber das trifft es im Wesentlichen.“

„Woher weißt du das denn?“, erkundigte er sich verwundert.

„Manchmal arbeite ich als Ehrenamtliche in Dallas in einer großen Kanzlei für Familienrecht“, erklärte sie. „Ich organisiere zum Beispiel Seminare für Familien oder begleite Besuchskontakte, wenn es nötig ist.“ Sie stockte kurz, bevor sie weitersprach. „Ich habe übrigens einen Abschluss in Human Relations und bin zertifizierte Umgangsbegleiterin. Ich nehme halt nur kein Geld für meine Arbeit.“

„Dann willst du mir damit sagen, dass die Noveltys mir Liam wegnehmen könnten, wenn sie dem Gericht beweisen können, dass er besser bei ihnen als bei mir aufgehoben ist?“

„Das liegt im Bereich des Möglichen“, gab sie zu. „Die Richter haben einen gewissen Handlungsspielraum bei ihren Entscheidungen. Obwohl es wahrscheinlicher ist, dass eine Mediation angestrebt wird und die Großeltern das Sorgerecht für den Tag erstreiten könnten – oder regelmäßige Besuchszeiten, so ähnlich wie bei geschiedenen Eltern. Dann könnte es sein, dass Liam einmal in der Woche und jedes zweite Wochenende bei ihnen übernachtet. So was in der Art.“

Mit offenem Mund sah er sie an, als sie weitersprach. „In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl sie als auch du wohlhabend seid, wird es wohl auf einen langen Prozess mit teuren Anwälten und viel schmutziger Wäsche hinauslaufen, die in der Öffentlichkeit gewaschen werden soll. Sie werden wohl alles aufbieten, was in ihrer Macht steht, um an ihr Ziel zu gelangen.“

Zwar kannte sie die Noveltys nicht, aber sie war ziemlich sicher, dass sie im Vergleich zu den Wellingtons eine blütenweiße Weste hatten. Zu allem Überfluss zog Jax seinen Sohn in einem Zuhause auf, das erst kürzlich noch von einer Kriminellen bewohnt worden war. Die vorherige Besitzerin der Ranch, Jax’ Stiefmutter Courtney Wellington, hatte sich mehrerer Straftaten schuldig gemacht und war letztendlich verhaftet worden. Nun verbüßte sie eine Gefängnisstrafe.

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, war die Frau in eine Affäre um illegal weitergegebene Adoptionsunterlagen verwickelt gewesen und hatte Behören bestochen, ein Baby nicht seiner leiblichen Mutter, sondern einer anderen Frau zuzuschreiben. Ein Baby, das nicht viel älter als Liam war und auf der Ranch von Jax das Licht der Welt erblickt hatte.

„Irgendwann entsteht der Eindruck, dass bei dem, der am härtesten kämpft, das Kindeswohl nicht unbedingt an erster Stelle steht“, meinte Jax.

„Oder, dass es ihm so viel bedeutet, dass er alles tut, um die Interessen des Kindes zu schützen“, widersprach sie und spürte, wie sich ihr Herzschlag bei Jax’ Anblick beschleunigte. In Jeans, Cowboystiefeln und kurzärmeligem Poloshirt wirkte der dunkelhaarige Rancher auch ohne sein Geld anziehend genug.

Sie wusste es aus eigener Erfahrung, denn ihr war es mit ihm ein oder zwei Mal schon so gegangen. Im Moment jedoch empfand sie nur Mitgefühl für ihn. In den vergangenen Jahren hatte er so viel verloren – erst seine Mutter, dann heiratete sein Vater nur ein Jahr später eine neue Frau und starb kurz darauf. Und in derselben Zeit, in der Jax’ Familienname durch den Schmutz gezogen wurde, erlitt seine Frau einen tödlichen Unfall und ließ ihn mit einem Säugling zurück.

Für jemanden, der in seinem Leben schon vielen benachteiligten Menschen begegnet war, ging Priscilla Jax’ gegenwärtige Situation erstaunlich nah.

Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, sah Jax von ihr zu Liam. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Vater werden würde“, sagte er nachdenklich. „Oder ein verheirateter Mann. Meine Beziehung zu Christa – Liams Mom – war einfach nur eine Affäre. Sie hat es genauso gesehen. Wir kannten uns ja erst ein paar Monate, hatten Spaß miteinander und das war’s auch schon. Deswegen hat es wohl funktioniert.“

Er schwieg, und Priscilla spürte, dass Jax ziemlich verzweifelt sein musste, wenn er ihr gegenüber sein Herz ausschüttete.

„Als sich herausstellte, dass sie schwanger war, hatten wir uns schon länger nicht mehr richtig was zu sagen gehabt.“ Er schüttelte den Kopf und blickte Priscilla an. „Wir haben verhütet. Jedes Mal. Nicht, dass es zum Schluss noch häufig gewesen wäre“, setzte er achselzuckend hinzu und sah wieder zu Liam. „Innerlich war ich schon bereit, in die nächste Stadt zu ziehen und mich meiner nächsten Herausforderung zu stellen, doch als ich herausfand, dass sie schwanger war, konnte ich einfach nicht mehr gehen. Ich konnte mein Kind doch nicht im Stich lassen.“

Das Baby hatte diesen Mann natürlich völlig verändert, was sie einleuchtend fand. Ihr Herz schien überzuquellen vor Mitgefühl für Jax, und sie sprach, ohne darüber nachzudenken. „Wenn du nur eine Frau finden könntest, die sich als deine Verlobte ausgibt, dann könntest du dem Gericht beweisen, dass dir Familie wirklich am Herzen liegt und Liam eine liebevolle Stiefmutter bekommt, die ihn nicht nur betreut, sondern in jeder Beziehung mütterliche Wärme erfahren lässt.“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie es bei Jax ankommen musste, was sie gerade gesagt hatte. Sprechen, ohne vorher nachzudenken – ihr größtes Problem. Das hatte sie zwar immer besser im Griff, doch bei diesem Mann … Er brachte sie neuerdings dazu, ihr Innerstes nach außen zu kehren.

Ihre Gedanken ergaben natürlich für sie einen völlig anderen Sinn als für Jax, und sie spürte, wie ihre Wangen vor Verlegenheit warm wurden. Rasch versuchte sie, das Missverständnis aufzuklären. „Versteh mich bitte nicht falsch, ich wollte damit nicht sagen, dass ich diese Frau sein könnte. Ich habe nur so vor mich hingeredet und will mich dir nicht an den Hals werfen. Keinesfalls.“

Was Jax dazu brachte, sie wieder anzusehen. Er schmunzelte.

„Nicht, dass du keine gute Partie wärst“, fügte sie rasch hinzu. „Das bist du natürlich. Aber ich bin nicht zu mieten … das ist niemand. Ich glaube, ich halte jetzt besser den Mund.“

In seinem Blick erkannte sie, wie sehr ihn ihr Verhalten belustigte. Eigentlich gut, dass sie ihn aus seiner Trübsal gerissen hatte – allerdings auf ihre Kosten, indem sie sich zur Närrin gemacht hatte.

„Ich würde auch gar nicht passend für diese Aufgabe sein“, quollen die Wörter unverdrossen aus ihrem Mund, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Zu stark war das Verlangen in ihr, ihm zu erklären, dass sie sich nicht selbst gemeint hatte. Denn für eine Sekunde oder so hatte sie das vermutlich getan. Was natürlich lächerlich war. „Ich meine, mein eigener Ruf … in diesem Sommer … hier mit Linc … Bestimmt hast du schon davon gehört.“

Konnte man eigentlich vor Verlegenheit sterben? Von selbst gewollter Erniedrigung einmal abgesehen?

Jax blickte wieder seinen Sohn an. „Ich weiß, dass man ihn einen Tag nach meiner Heimkehr hierher tot aufgefunden hat“, sagte er, ohne den Blick von Liam abzuwenden. „Und dass er einem Mann angeboten haben soll, ihm dessen Adoptionsunterlagen zu verkaufen.“

Sie nickte und konnte immer noch nicht fassen, wie ungeheuerlich dies alles war. Erleichtert ergriff sie die Gelegenheit, das Thema zu wechseln. „Vor ein paar Monaten bin ich mal mit ihm ausgegangen“, erklärte sie und erzählte Jax anschließend die ganze Geschichte, bevor es jemand anderes tun konnte. „Er hat auch mich sitzen gelassen“, sagte sie abschließend. Ohne ein Wort der Erklärung, setzte sie im Stillen hinzu.

Jetzt hatte sie Jax’ Aufmerksamkeit, und neugierig betrachtete er sie, als wäre sie ein Insekt unter einem Mikroskop. Priscilla wusste nicht, ob er interessiert oder abgestoßen war oder sich weit, weit weg von hier wünschte, um sie mit ihrem seltsamen Gebaren hinter sich zu lassen.

Priscilla hatte ihre Lebensaufgabe noch nicht gefunden, sondern überall im Land als Ehrenamtliche gearbeitet. Als Küken der Familie, das ohne Eltern aufwachsen musste, hatte sie früh gelernt, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen, indem sie sich unentwegt damit beschäftigte, anderen zu helfen. Sie ließ sich wie eine Nussschale auf dem Meer des Lebens hin und her treiben – und jetzt war sie ein bisschen zu weit in Jax’ Gewässer gesegelt.

Er sprach immer noch nicht, was ihre Verlegenheit noch verschlimmerte. Sollte sie ihm in Zukunft aus dem Weg gehen? „Wie auch immer“, erklärte sie. „Ich hoffe, du hast einen Anwalt, der nicht eher aufhört, bis du gewonnen hast, falls du vor Gericht musst. Weißt du, ich fühle mich mit Liam verbunden, seit ich von eurer Lage weiß. Ich habe meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren. Und die Mutter meiner Cousine, mit der ich aufgewachsen bin, ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich kann mir also vorstellen, wie es Liam gehen wird, und ich glaube, es ist wichtig, dass du für ihn da bist. Und wenn es irgendwas geben sollte, wie ich dir, wie ich euch helfen kann, dann lass es mich wissen. Mein Onkel ist damals für mich und meine Geschwister da gewesen, und ich würde das, was ich empfangen habe, gerne an andere weitergeben.“ Dieser Gedanke war ihr selbst völlig neu und das Ehrlichste, was sie seit Langem gedacht hatte.

Jax blinzelte. Er beobachtete sie, doch noch immer ließ er sich nicht anmerken, was er von ihrem verzweifelten Versuch hielt, ihm zu verdeutlichen, dass sie nicht im Geringsten interessiert an ihm war.

Obwohl sie befürchtete, dass sie es doch war.

Nur ein kleines bisschen.

2. KAPITEL

Jax mochte Priscilla. Das erste Mal war sie ihm vor fünfzehn Jahren oder so auf einer dieser exklusiven Feiern aufgefallen, die die Kids aus reichem Elternhaus in Emerald Ridge zu feiern pflegten. Es war eine Party zum vierten Juli gewesen, und einer der älteren Jugendlichen aus Emerald hatte sich über einen der jüngeren Sommerbesucher lustig gemacht, der um keinen Preis der Welt vom Sprungbrett springen wollte.

Die kleine Priscilla, die vermutlich drei oder vier Jahre jünger als der Unruhestifter war, hatte sich vor ihm aufgebaut und ihn gefragt, ob er denn auch vor ein fahrendes Auto laufen würde, denn genauso fühlte sich für manche Menschen der Sprung aus hoher Höhe ins Wasser an. Erst später hatte Jax erfahren, was auch die anderen Gäste mit Ausnahme von Priscilla zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hatten: Der junge Sommergast war als Kleinkind beinahe ertrunken, und obwohl er inzwischen schwimmen konnte, wollte er keinen Flashback riskieren.

Und nun saß dieser wunderbare Hitzkopf neben ihm und redete sich um Kopf und Kragen. Dabei war er ihr sogar dankbar dafür, dass sie ihn von der Trübsal ablenkte, in die er sich zu versenken drohte. „Ich weiß dein Angebot zu schätzen“, erwiderte er. „Obwohl ich denke, dass Liam und ich gut zurechtkommen und ich den besten Familienanwalt dieses Landes engagieren werde. Allerdings bin ich ein wenig enttäuscht, dass du mich nicht interessant findest.“ Er lächelte. „Ich hoffe nur, dass du ab jetzt nicht immer einen großen Bogen um mich machst?“

Es wäre so gut wie unmöglich, sich in Emerald Ridge aus dem Weg zu gehen. Außerdem hatte er nichts gegen einen Menschen, der ihm freundschaftlich zugetan war – wenn auch nur platonisch. Gedankenverloren blickte er wieder zu seinem Sohn und bemerkte zu seiner Überraschung, dass dieser ihn mit seinen braunen Augen ansah. Augen, die denen seines Vaters glichen.

Priscilla erhob sich, und Jax bereitete sich darauf vor, sich von ihr und gleichzeitig dem höchst unangenehmen Morgen verabschieden zu können. Sie würden einfach so tun, als wäre das nie passiert und könnten sich immer noch grüßen, wenn sie einander trafen. Mehr nicht. Erst jetzt sah er ihre perfekt manikürten Zehennägel in einem zarten Rotton in den teuren Leder-Flip-Flops hervorblitzen.

Die angeleinten Hunde, die es sich zwischenzeitlich im Gras bequem gemacht hatten, standen ebenfalls auf. Zwei von ihnen waren relativ klein und wogen nicht mehr als zehn Pfund oder so. Der dritte war ein Cockerspaniel-Mischling und etwas größer, sodass er über den seitlichen Rand des Kinderwagens schauen konnte.

Priscilla fasste ihn am Halsband, und erstaunt nahm Jax die Reaktion seines Sohnes wahr. Hund und Kind blickten einander an und schienen lautlos miteinander zu kommunizieren.

Dann begann der Hund, mit dem Schwanz zu wedeln, beinahe so, als wollte er spielen. Liam hingegen stieß einen Laut aus, den Jax noch nie bei ihm gehört hatte. Sprachlos starrte er sein Kind an.

„Er hat bloß gelacht!“, rief Priscilla aus, und verwundert sah Jax zu ihr. Ihm entging nicht, wie sehr sie sich freute, nachdem sie den anfänglichen Schock überwunden hatte.

Liam streckte die Ärmchen aus, als könne er es nicht erwarten, zu dem Hund zu gelangen.

„Er lacht“, wiederholte Jax fassungslos. „Das hat er noch nie gemacht.“

Priscilla kniete sich neben den Wagen. „Das ist ein Omen“, bemerkte sie. „Er will, dass sein Vater für ihn kämpft, weil er bei dir bleiben will.“

Plötzlich war Jax ihr unendlich dankbar. Er stand auf, denn er wusste, dass ihm lediglich ein oder zwei Minuten blieben, bevor Liam zu schreien beginnen würde. Der Junge wollte ständig eine neue Windel, doch wenn man sie ihm wechselte, war er auch nicht glücklich. Danach würde er etwas trinken wollen. Zwei Stunden ohne Nahrung waren schon mächtig viel für so einen kleinen im Wachstum befindlichen Menschen, und jetzt waren es beinahe schon drei.

„Ich hoffe, du hast recht“, meinte Jax. „Und vorzugsweise, ohne eine Verlobte mieten zu müssen. Nachdem ich gesehen hatte, wie wenig Glück mein Vater mit seiner letzten Ehe hatte, bin ich nicht unbedingt ein Fan vom Heiraten. Es scheint mir eher so etwas wie ein Todesurteil zu sein.“ Ganz entgegen seiner Gewohnheit überkam ihn ein Anflug von Redseligkeit. „Als Christa bei dem Bootsunfall ums Leben kam, war sie nicht alleine“, erzählte er Jax. „Ich habe es bisher niemandem erzählt – auch nicht den Noveltys. Aber sie hatte wieder eine Affäre mit einem Mann, den sie schon kannte, bevor wir uns getroffen hatten. Ich hoffe, dass es nie ans Licht kommt. Weder Christas Eltern sollen es wissen noch Liam.“ Er atmete aus. „Christa hatte mir damals von dem Mann erzählt. Er war ihre große Liebe gewesen, ich nur eine beiläufige Affäre. Bedauerlicherweise war sie schon mit mir verheiratet, als sie von ihm erfuhr, dass er ebenfalls tiefe Gefühle für sie hegte. Auf jeden Fall wollte sie den Kuchen haben und von ihm essen, wenn du verstehst, was ich meine.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich werde es wohl nie begreifen. Ich weiß nur, dass sie gemeinsam bei diesem Unfall gestorben sind.“

Bittend sah er Priscilla in die Augen. „Bitte sorg dafür, dass niemand außer uns beiden davon erfährt, okay? Sowohl die Noveltys als auch Liam wären tief getroffen, wenn sie von Christas Fehltritt erfahren würden. Und ich kann weiß Gott bestimmt auch nicht noch mehr negative Publicity brauchen.“

Die haselnussbraunen Augen weit aufgerissen, schüttelte Priscilla den Kopf. „Natürlich werde ich niemandem etwas davon verraten, Jax, ich bin ein guter Mensch.“

„Das weiß ich doch“, erwiderte er und lächelte schwach.

Sie nahm die Leinen der Hunde fest in die Hand, um sie zurück in das Tierheim zu führen. „Und denk dran“, meinte sie und lachte leise. „Ich bin da, wenn du Hilfe brauchst. Ich denke sogar daran, dauerhaft nach Emerald Ridge zu ziehen, nur für den Fall, dass du vor Gericht einen Leumundszeugen brauchst oder so etwas in der Art. In Dallas gibt es nichts, was mich hält, und ich habe mich inzwischen an mein eigenes Cottage am Fluss gewöhnt. Ein Zuhause, wo ich tun und lassen kann, was ich will. Das ist ziemlich nett.“

Als sie ihn daraufhin anlächelte, raubte ihm der Ausdruck von Wärme in ihrem Blick den Atem.

Ein Gefühl, das er bestimmt nicht vergessen würde.

In den nächsten Tagen ging Priscilla mit den Hunden spazieren, las Patienten des kleinen Privatkrankenhauses in Emerald Ridge vor und setzte die Suche nach dem geheimnisvollen Geschenk fort, das ihre Eltern für sie und ihre Geschwister vor ihrem tödlichen Unfall versteckt hatten.

Dabei versuchte sie, weder an Jax noch an Liam zu denken.

Doch bei den seltsamsten Gelegenheiten ertappte sie sich dabei, dass sie im Geiste Liams Lachen hörte – beim Morgentee oder am Nachmittag, wenn sie mit einem verspielten Golden Retriever spazieren ging. Oder wenn sie an ihren ältesten Bruder Roth dachte, der sich gerade erst mit Antonia Leonetti verlobt hatte und mit ihr deren einjährige Tochter Georgie großzog. Als sie Roth zum ersten Mal mit dem Kleinkind auf dem Arm gesehen hatte, wurde in ihr eine bis dahin unbekannte Sehnsucht wach.

Vielleicht der erste Wunsch danach, selbst Mutter zu werden?

Auf den anderen Teil, der normalerweise dazugehörte, konnte sie jedoch verzichten – den, bei dem sie sich in den Vater verlieben musste.

Man musste nicht verheiratet sein, um ein Kind zu adoptieren. Ihre Cousine hatte vor Kurzem den kleinen Joey adoptiert, der einfach entzückend war. Zugegeben hatte Poppy sich auch verliebt und war nun mit Leo Leonetti, dem CEO von Leonetti Vinyards verlobt, doch das war unabhängig von dem Baby geschehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits für den kleinen Jungen als Pflegemutter gesorgt.

Priscilla überlegte, ob das auch für sie eine Option sein könnte. Mit ihrer beruflichen Erfahrung in dem Bereich und der finanziellen Unabhängigkeit sollte sie eigentlich die notwendigen Überprüfungen spielend bestehen.

Sie ging zum Computertisch, der im Arbeitszimmer ihres kleinen Hauses stand, und begann mit den Recherchen, die sie schließlich zu einer kleinen Organisation und letztendlich dem Ausfüllen einiger Formulare führten.

Es war möglich, dass sie sich als Pflegemutter mit Aussicht auf Adoption des Kindes bewarb.

Sie wünschte sich ein Kind bis zum Alter von einem Jahr.

Moment, war sie in diesem Punkt vielleicht zu egoistisch? Was war mit anderen Kindern, die ebenfalls geliebt werden wollten? So wie sie selbst, als ihre Eltern gestorben waren?

Rasch änderte sie ihre Präferenzen in dem Formular.

Anschließend fuhr sie für den Lunch in die Stadt. Schon vor langer Zeit hatte sie etwas Wichtiges gelernt, an das sie ihre Begegnung mit Jax Wellington vor zwei Tagen schmerzlich erinnert hatte: Wenn sie sich von ihrem Herzen führen ließ, konnte sie nicht jederzeit springen, wenn etwas sie berührte. Auf diese Weise wurden Menschen verletzt, und zwar meist von jemandem, der Hilfe anbot, doch trotz aller Anstrengungen nicht bis zum Ende dabei sein konnte.

Sie musste sich jetzt also Zeit nehmen, um sich ihre Entscheidung gut zu überlegen, bevor sie die Sendetaste drückte, die sie der Mutterschaft näherbrachte.

Das fühlte sich gut an, und nebenbei konnte sie sich auf diese Weise von dem umwerfend gut aussehenden Rancher mit dem mutterlosen Kind ablenken, an den sie seit ihrer Begegnung im Park unentwegt denken musste.

Sie trug ihren lilafarbenen Lieblingsrock, ein luftiges ärmelloses Top sowie ein weiteres Paar aus ihrer großen Sammlung verspielter Luxussandalen mit Glitzersteinen, als sie das Captain’s betrat. Das Fischrestaurant befand sich im Penthouse des Emerald Ridge Hotels, und Priscilla sehnte sich nach der friedvollen Atmosphäre des Ausblicks und nach pochiertem Lachs.

Dieses Gericht hatte sie bereits auf der ganzen Welt gegessen, doch an keinem Ort schmeckte es so gut wie im Captain’s. Vielleicht lag es auch daran, dass es dieses Gericht war, das sie als letzte Mahlzeit zusammen mit ihrer Mom und ihrem Dad dort gegessen hatte.

Der richtige Ort, um eine so bedeutsame Entscheidung zu treffen, die ihr zukünftiges Leben beeinflussen würde.

Vielleicht war Lincs Tod daran schuld oder die Tatsache, dass ihr ältester Bruder endlich sesshaft wurde, doch Priscilla empfand ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten nicht mehr als lebensausfüllend. Sie brauchte mehr, eine wirkliche Verpflichtung. So eine, der man auch dann nachkommen musste, wenn man sich nicht gut fühlte.

Die Art, der man nachkommen wollte, gleichgültig, wie krank man war.

Nachdem sie gegessen hatte, bezahlte sie und blieb noch einen Moment an dem kleinen Tisch sitzen, um ihren Eistee auszutrinken, als ihr Telefon vibrierte.

Eine unbekannte Nummer aus der Gegend.

„Hallo?“, fragte sie leise, um die anderen Gäste nicht zu stören. Vielleicht brauchte das Tierheim oder das Krankenhaus ihre Hilfe.

„Priscilla?“

Beim Klang der Stimme, die ihr vertraut war, schien ihr Herz einen kleinen Freudensprung zu machen.

„Jax?“, fragte sie, bevor sie es verhindern konnte, denn gleich darauf wurde ihr klar, dass sie wie eine Stalkerin klingen musste, weil sie ihn bei ihrem ersten Telefongespräch sofort erkannte.

Wie peinlich …

„Ja, hör mal, es tut mir leid, dass ich dich störe, aber ich habe mich gefragt, ob du heute vielleicht etwas Zeit übrig hättest.“

Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, obwohl sie das Schicksal verfluchte, dass sich ausgerechnet der Mann bei ihr meldete, von dem sie sich eigentlich hatte ablenken wollen. Bat er sie etwa um eine Verabredung? Ja, er bat sie um eine Verabredung!

Nein. Moment mal.

Die Hunde.

Oder er brauchte einen Babysitter.

„Klar. Worum geht es denn?“, erkundigte sie sich. Vermutlich machte einer der Hunde, die sie bei hm gelassen hatte, Probleme, oder Jax brauchte noch einen weiteren.

„Ich würde gerne mit dir reden“, erklärte er und klang ziemlich aufgewühlt. „Könntest du zur Wellington Ranch kommen?“

„Wann?“ Als ob das eine Rolle spielte, schließlich hatte sie den ganzen Tag zur freien Verfügung. Sie brauchte nur Zeit, um die Adoptionsunterlagen abzuschicken.

„Wann immer es dir passt, da richte ich mich ganz nach dir.“

Seltsam.

Und sehr interessant.

„Wie wäre es dann in zehn Minuten?“, gab sie zurück, ohne darauf zu achten, nicht allzu eifrig zu klingen. Er hatte angerufen. Das Captain’s lag auf halbem Wege zwischen ihrem Zuhause und seiner Ranch. Wieso also Benzin verschwenden und die Umwelt noch mehr verpesten, indem sie denselben Weg zweimal fuhr? Doch nur, um sicherzugehen, dass sie nicht so begierig auf eine Begegnung mit Jax klang, wie sie war, setzte sie hinzu: „Ich hatte gerade Lunch im Captain’s und könnte gleich auf dem Heimweg bei dir vorbeischauen.“

Lunch im Captain’s klang danach, als wäre sie mit jemand anderem hier – vielleicht sogar mit einem Date. Das Restaurant war eine beliebte Location für erste Verabredungen und besondere Gelegenheiten.

Jax schritt im großen Foyer des Herrenhauses, in dem er aufgewachsen war, auf und ab. Dabei hätte sich die breite Treppe hinter ihm besser dazu geeignet, nervöse Energie abzubauen.

Bis zu dem Moment, in dem er herausgefunden hatte, dass er Vater werden würde, hatte Jax noch nie am Rande eines Nervenzusammenbruchs gestanden. Seitdem waren diese Erfahrungen an der Tagesordnung.

Einige waren völlig begründet, wie zum Beispiel jetzt. Er hätte nie ein Sterbenswörtchen zu den Noveltys sagen dürfen, bevor er mit Priscilla geredet hatte.

Ihr Ruf stand auf dem Spiel, und das Ansehen der Fortunes war in dieser Stadt höher, als Jax’ es jemals sein würde. Sie besaßen Ehre, die es hochzuhalten galt.

Seine Familie hatte immer weniger Geld als die Fortunes besessen, wenn auch nicht bedeutend weniger. Sie war weniger respektiert als der Fortunes-Clan, und es gab eine uralte Fehde zwischen den Familien. Ein Fortune hatte eine Braut aus dem Hause Wellington vor dem Altar stehen gelassen und anschließend noch Salz in die Wunde gestreut, indem er eine sündhaft teure Flasche als Entschuldigung sandte.

Und jetzt hatte Jax eine Fortune für sich in Anspruch genommen, ohne ihr vorher etwas davon zu sagen. Was zur Hölle hatte er sich bloß dabei gedacht?

Priscilla fuhr in einer schlichten blauen Luxuslimousine vor, und kaum hatte sie den Wagen geparkt, da öffnete Jax auch schon die Tür. Übereifrig zu wirken war gerade das geringste seiner Probleme.

Das Paar, das versuchte, ihm seinen Sohn wegzunehmen, anzulügen, war wohl eine eher wenig schlaue Entscheidung gewesen.

Selbst nach dem Tod seiner Mutter, über den er untröstlich gewesen war, hatte er sich nicht so verzweifelt gefühlt.

Er war immer noch in den Anzug gekleidet, den er im Gericht getragen hatte, als er Priscilla bei ihrem Auto abholte. Er hielt ihr die Tür auf und konnte es kaum erwarten, dass sie endlich ausstieg, sodass ihr kaum Platz blieb.

Stirnrunzelnd sah sie ihn über die Autotür an, ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. „Jax, was ist? Ist was mit Liam …?“

„Nein, es geht ihm gut“, stieß er atemlos hervor und trat einen Schritt zurück, um ihr Raum zum Aussteigen zu geben. „Er schläft oben im Kinderzimmer, und seine Nanny passt auf ihn auf. Wir können also in Ruhe reden“, versicherte er ihr.

„Was ist denn dann?“

„Ich habe was wirklich Dummes getan, Priscilla, und es tut mir furchtbar leid.“ Er sah ihr in die Augen und straffte die Schultern, als er die Wahrheit beichtete. „Heute Morgen habe ich mich mit meinem Anwalt getroffen. Wir wollten uns eigentlich vor der Verhandlung mit dem Richter treffen, weil wir gehofft hatten, den Fall außergerichtlich beilegen zu können. Aber es hat sich herausgestellt, dass dieser Fall der einzige zu sein scheint, der nicht fallen gelassen wird. Stattdessen findet die Verhandlung nächste Woche statt, weil durch meinen früheren unbeständigen Lebensstil angeblich vielleicht sogar das Kindeswohl gefährdet sein könnte …“

Die Worte sprudelten aus ihm heraus, als könnte er auf diese Weise den ungeheuren Schaden wieder beheben, den er angerichtet hatte.

Auf der Grundlage von etwas, das sie im Scherz gesagt hatte und von dem sie hastig Abstand genommen hatte. Deutlicher hätte sie nicht machen können, dass es ihr damit nicht ernst gewesen war. Lediglich ein sehr egoistischer Mann würde behaupten, das nicht zu wissen. Oder ein sehr verzweifelter.

„Mein Anwalt hat sich große Sorgen gemacht, dass sie zumindest das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen bekommen könnten“, sagte er. „Was wiederum bedeutet hätte, dass ich keine Entscheidung, die sein Leben betrifft, medizinisch oder anderer Art, ohne ihre Zustimmung treffen kann. Da habe ich Panik bekommen, Priscilla.“

„Oh, mein Gott, Jax!“, rief sie aus. „Jetzt sag bloß nicht, dass der Richter bereits ein Urteil gefällt hat, ohne dich anzuhören?“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist viel schlimmer.“

„Dann haben sie das alleinige Sorgerecht?“, stieß sie fassungslos hervor. „Wann werden sie ihn denn abholen? Habt ihr noch Zeit, euch voneinander zu verabschieden?“

„Ich habe noch im Anwaltsbüro Emma und Frank Novelty angerufen und ihnen erzählt, dass ich aus Respekt davor, dass ihre Tochter erst vor Kurzem verstorben sei, nichts gesagt hätte. Aber nach meiner Rückkehr nach Emerald Ridge habe ich mich in eine Jugendfreundin verliebt, und wir sehen uns seitdem täglich.“ Er räusperte sich. „Und dass, ähm, ich ihr gerne einen Antrag machen würde, aber nicht weiß, wie sie das aufnehmen würden …“

Mit offenem Mund sah sie ihn an. „Du triffst dich mit jemandem?“, fragte sie und wurde blass.

„Nein“, erwiderte er ein wenig zu laut. Gespannt sah sie ihn an, und er sprach weiter. „Frank und Emma wollten wissen, wer sie sei. Sie wollten einen Namen hören.“

Sie nickte und wartete darauf, dass er fortfuhr.

„Und ich habe ihnen deinen gegeben“, gestand er.

3. KAPITEL

Während sie immer noch auf der Einfahrt stand, versuchte Priscilla den Nebel zu durchleuchten, der sich, um ihre Gedanken gelegt zu haben schien. Ihre Gliedmaßen fühlten sich federleicht an, kalt und heiß zur gleichen Zeit.

„Du hast was?“, stieß sie atemlos hervor.

Jax rang die Hände. „Ich weiß“, sagte er niedergeschlagen. „Und es tut mir wahnsinnig leid. Ich hatte das wirklich nicht geplant – und ehrlich gesagt auch nicht überdacht. Ich bekam Panik, nahm das Telefon und habe drauflosgesprochen. Ich habe mich an alles erinnert, was du im Park zu mir gesagt hast, und als sie einen Namen wissen wollten, ist mir nur deiner eingefallen. Ich weiß, dass du das im Park nur als Scherz gemeint hast, Priscilla. Ich kümmere mich darum. Ich wollte dich nur warnen, denn du weißt ja, wie schnell Gerüchte hier die Runde machen.“

Sie hörte seine Worte und begann zu verstehen, obwohl sie sich immer noch so vorkam, als befände sie sich in einem Kokon. „Du hast ihnen also meinen Namen genannt“, wiederholte sie, nur um sicherzugehen, dass sie sich nicht verhört hatte.

Er nickte, und sie kam sich verletzlich und fasziniert zur gleichen Zeit vor.

Ihre Freundeskreise waren stets unterschiedlich gewesen, und ein Date hatten sie ganz bestimmt nie gehabt.

Jax sah verloren aus, als er die Arme ausbreitete und den Kopf schüttelte. „Ich kümmere mich darum, Priscilla, versprochen. Aber als ich befürchtete, dass sie mir meinen Sohn wegnehmen könnten, da habe ich das Erste gesagt, das mir in den Sinn gekommen ist. Ich habe den Noveltys auch schon eine Voicemail hinterlassen und sie um Rückruf gebeten. Dann werde ich ihnen die Wahrheit sagen.“

Sie konnte immer noch nicht glauben, dass er den Großeltern seines Sohnes gegenüber behauptet hatte, dass Priscilla seine Verlobte war.

„Ich war verzweifelt“, sagte er noch einmal, während sie nach einer passenden Erwiderung suchte.

„Was haben sie denn gesagt, als du ihnen erzählt hast, dass wir heiraten?“, erkundigte sie sich.

„Etwas in der Art: Wie, die entzückende junge Dame, die den gemeinen Onkel Edrick im Krankenhaus besucht und ihm vorgelesen hat? Der Onkel hatte sie wohl in ihrem neuen Zuhause besucht und dann einen Unfall gehabt“, erklärte Jax.

Einen Moment lang fühlte Priscilla sich höchst zufrieden. Das war genau das, wofür sie sich einsetzte: Patienten und ihre Familien ein bisschen glücklich zu machen.

„Und sie haben gesagt, wenn ich eine so fürsorgliche und liebevolle Frau wie dich heiraten würden, würden sie ihre Klage zurücknehmen. Fürs Erste.“

Oh. Sprachlos starrte sie ihn an.

„Sie haben noch hinzugefügt, dass ich dich lieben und ehren sollte, denn wenn diese Ehe nicht funktioniere, würden sie ihre Petition erneuern.“

Das hatten die Noveltys geschickt eingefädelt, dachte Priscilla, doch Jax schien nichts davon mitbekommen zu haben. „Und was hast du daraufhin gesagt?“, wollte sie wissen.

„Ich habe ihnen versichert, dass wir beide das perfekte Liebespaar sind“, gab er zu, und sie glaubte, vor Aufregung müsste ihr Herz stehen bleiben, bis er hinzufügte: „Was ja auch in gewisser Hinsicht stimmt, wenn man bedenkt, wie desillusioniert wir beide von der Liebe sind.“

Richtig. Ihr gefiel, dass er den Noveltys gegenüber in dieser Beziehung ehrlich gewesen war.

„Da du nicht begonnen hast, Dinge nach mir zu werfen, kann ich davon ausgehen, dass wir uns immer noch freundlich begrüßen können, wenn wir uns begegnen?“

„Na, klar“, erwiderte sie und versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Aber jetzt mal im Ernst, Jax. Was wirst du tun?“

„Mir bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten“, entgegnete er achselzuckelnd. „Entweder muss ich mich damit abfinden, meinen Sohn zumindest teilweise aufzugeben.“ Dem schmerzerfüllten Ausdruck in seinem Blick nach urteilen, war das für ihn keine Option.

„Oder?“, fragte sie in der Hoffnung, dass die zweite Möglichkeit eine bessere war.

„Dich fragen, ob dein Angebot, mir zu helfen, immer noch steht.“

„Selbstverständlich. Was kann ich tun?“ Die Noveltys schienen eine hohe Meinung von ihr zu haben. Vielleicht brachte es was, wenn sie mit ihnen über Jax sprach …

„So tun, als seist du meine Verlobte. Was wiederum bedeuten würde, dass du hierherziehen müsstest und dich auf eine Scheinehe einlässt, solange es notwendig sein sollte.“

Fassungslos sah sie ihn an. Natürlich musste sie Nein sagen. Doch angesichts seines aufgewühlten emotionalen Zustands brachte sie die Worte nicht über die Lippen. Stattdessen musste sie daran denken, dass sie die Chance erhielt, ihrem Leben einen wirklichen Sinn zu verleihen und ihr Herz aufzuwecken. Obwohl ihre Eltern sie mit Liebe überhäuft hatten, war Priscilla stets zurückhaltend gewesen. Doch Jax brachte in ihr Saiten zum Klingen, von denen sie vorher nichts gewusst hatte. Seine Zwickmühle, dieser kleine mutterlose Junge, ihr plötzliches Verlangen danach, Mutter zu werden – das alles strömte auf sie ein und ließ sie ihre Hand ausstrecken.

„Warum machst du das?“, fragte er und wirkte ein bisschen besorgt, als befürchtete er, sie könne plötzlich auf die Idee kommen, ihm eine Ohrfeige zu geben.

„In meiner Welt bedeutet das, dass wir einen Deal haben“, erklärte sie ihm und zerfloss beinahe vor Rührung, als sie den Ausdruck tiefer Dankbarkeit in seinem Blick sah.

Jax wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte. Über praktische Details sprechen oder Priscilla Fortune überglücklich in die Arme schließen und sie mit der Zuneigung bedenken, die er spontan für sie empfand. Es war eine überwältigende Erfahrung, dass jemand bereit war, etwas derartig Großes für ihn zu tun.

Und für Liam. Er wusste, dass sein Sohn der wahre Grund war, dass sie sich einverstanden erklärt hatte, ihm zu helfen. In dem Augenblick, als Priscilla im Park einen Blick auf seinen schlafenden Sohn geworfen hatte, war sie sichtlich seinem Charme erlegen.

Das wurde ihm erst jetzt richtig bewusst, doch geahnt hatte er es wohl, sonst hätte er heute Morgen im Büro seines Anwalts nicht so reagiert.

Er umfasste die Hand, die Priscilla ihm entgegenstreckte, und schüttelte sie. Legte dann seine andere Hand darauf und verharrte so. „Bist du sicher?“, fragte er. „Du würdest dein bisheriges Leben aufgeben …“ Während sie das seine noch kostbarer machte.

Das Haus, in dem sie zusammenwohnen würden, war riesig. Wenn es nicht um Liam ging, würden sie einander nicht begegnen müssen. Er würde die Nachtschicht übernehmen und sie den Tag.

Nun legte Priscilla auch ihre zweite Hand auf seine. „Das bin ich“, erklärte sie mit fester Stimme und sah ihm in die Augen. „Und ich gebe mein Leben nicht auf, Jax. Ganz im Gegenteil. Jetzt habe ich endlich einen Sinn gefunden. Ich glaube genauso wenig wie du an die Liebe, und ich hatte nie eine ernsthafte Beziehung. Ich habe sogar darüber nachgedacht, ein Pflegekind bei mir aufzunehmen oder eines zu adoptieren. Auf eine verrückte Weise ergibt das also alles einen Sinn. Ich fühle mich so glücklich wie schon lange nicht mehr. Falls ich umziehen muss, okay. Ich habe ja immer noch mein Cottage, gleichgültig, ob ich darin wohne oder nicht. Außerdem …“ Sie sah über seine Schulter zu dem Gebäude, in dem er aufgewachsen war. „Nach dem, was ich so sehen kann und darüber gehört habe, soll dieses Haus sogar noch schöner sein als unseres in Dallas.“

Ihr Lächeln zog ihn in den Bann, und er beugte sich zu ihr herüber, um sie auf den Mund zu küssen.

Das war nicht sinnlich gemeint, sondern als ehrliches Dankeschön – das ein bisschen zu lange dauerte.

Als er sich zurückzog, wirkte Priscilla einen winzigen Moment überrascht. Dann nickte sie und nahm ihr Handy aus der hinteren Tasche ihres Rocks.

Was seinen Blick auf ihre perfekt geformten langen Beine zog, die unter dem Saum zu sehen waren.

Ob Zweckehen wohl auch andere Vorzüge beinhalteten? Wie dem auch sei, er würde sie auf jeden Fall heiraten. Wenn Enthaltsamkeit der Preis war, den er zahlen musste, um seinen Sohn behalten zu dürfen, würde er ein Leben lang keusch bleiben.

„Man muss nach der offiziellen Antragstellung zweiundsiebzig Stunden lang warten, bevor man heiraten kann“, sagte Priscilla, zog die Hände zurück und brachte somit die praktischen Angelegenheiten zur Sprache, an die Jax eigentlich in erster Linie hätte denken müssen. „Du hast den Noveltys zwar schon erzählt, dass du mir einen Antrag gemacht hättest, was aber nicht bedeutet, dass wir schon übermorgen heiraten müssen.“

Sie war ihm um Längen voraus.

Während er seine Hände wieder in die Hosentaschen seiner Anzughose steckte, versuchte er, die aufbrandenden Wellen der Lust zu ignorieren, die seinen Körper durchströmten. Jetzt musste er sich unbedingt auf das Geschäftliche konzentrieren.

„Was hältst du davon hierherzuziehen? Ich besorge den Ring, und dann erzählen wir unseren Familien von der Verlobung. Wir könnten uns eine Woche oder sogar zwei Zeit nehmen, um uns einzugewöhnen. Du bist eine Fortune, und deine Familie erwartet bestimmt eine große Hochzeitsfeier …“

Heftig schüttelte sie den Kopf. „Das kann ich nicht, Jax. Keine Zeremonien und Gelöbnisse. Das könnte ich noch nicht einmal, wenn ich wirklich heiraten würde – aus Liebe.“

Sie wollte keinen Tag, an dem sich alles nur um sie drehte? Diese Frau war wirklich anders als alle, denen er bisher begegnet war.

Bevor ihn die Gefühle, die in ihm aufstiegen und ihn noch mehr verwirrten, völlig aus dem Konzept bringen konnten, redete Priscilla weiter. „Also, falls du natürlich denkst, dass das wichtig wäre, würde ich es tun, damit Liam auf jeden Fall hierbleiben kann. Ich wollte nur …“

„Schon okay“, unterbrach er sie und griff abermals nach ihrer Hand. „Das ist unsere Hochzeit. Wir können tun, was wir wollen, und wenn du nach drei Tagen schlicht und ohne Zeremonie standesamtlich heiraten willst, dann machen wir das einfach.“

Die Situation erschien ihm mit einem Mal surreal. Da standen sie in seiner Einfahrt, verlobten sich und besprachen ihre Hochzeit. „Möchtest du vielleicht reinkommen und dich umsehen?“, schlug er vor.

Als sie ihn daraufhin lächelnd ansah, kam es ihm so vor, als würde sein Herz einen kleinen Freudensprung machen. Sie schob einen Arm unter seinen, um mit ihm die Stufen seines eleganten Zuhauses hochzugehen, und Jax fragte sich, auf was er sich da eingelassen hatte.

Ohne zu wissen, wie ihr Vorhaben ausging, war er auf jeden Fall hundertprozentig mit an Bord und hoffte, dass alle unbeschadet die Fahrt ins große Ungewisse überstanden.

Die ausladende Treppe ließ Priscilla sogleich an spielende Kinder auf den mit Teppich ausgelegten Stufen denken, die neugierig die Köpfe durch die Zwischenräume des verzierten Geländers steckten, um zu sehen, was sich in der unteren Etage abspielte.

Vielleicht hatte sie so auf den Treppen ihres Hauses in Dallas gespielt, als sie selbst ein Kind gewesen war. Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Während Liam oben immer noch in seinem Zimmer schlief, das direkt neben dem seines Vaters lag, führte Jax sie durch das riesige Haus. „Hier könnten zwei Familien wohnen, ohne sich jemals über den Weg zu laufen“, sagte sie schließlich. „Unser Zuhause in Dallas ist auch ziemlich groß, aber es hat sich immer so angefühlt, als würde man sich ständig gegenseitig anrempeln …“

„Als Annelise und ich Kinder waren, ist es mir kleiner vorgekommen“, meinte er, als er ihr den zweiten Flügel auf der anderen Seite zeigte. „Die Haushälterin kommt regelmäßig, aber seitdem ich wieder zurü...

Autor

Brenda Jackson

Brenda ist eine eingefleischte Romantikerin, die vor 30 Jahren ihre Sandkastenliebe geheiratet hat und immer noch stolz den Ring trägt, den ihr Freund ihr ansteckte, als sie 15 Jahre alt war. Weil sie sehr früh begann, an die Kraft von Liebe und Romantik zu glauben, verwendet sie ihre ganze Energie...

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