Baccara Collection Band 502

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SO SÜSS SCHMECKT DIE RACHE von KATHERINE GARBERA

Nach Jahren im Koma will Rory ihre Welt zurückzuerobern. Ihr umwerfender neuer Nachbar Kit scheint der perfekte Mann an ihrer Seite zu sein – er gibt ihr Halt und lässt ihr Herz höherschlagen. Aber je näher sie ihm kommt, desto klarer wird: Kit weiß mehr über sie, als er zugibt …

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  • Erscheinungstag 02.10.2026
  • Bandnummer 502
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537858
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Katherine Garbera, Joanne Rock, B.J. Daniels

BACCARA COLLECTION, BAND 502

Katherine Garbera

1. KAPITEL

Die Gilbert-Schwester war der Schlüssel.

Wenn Kit Palmer an seinen Jugendschwarm dachte, deren Leben von seinem älteren Bruder und einem Familienzwist zerstört worden war, dann war es einfacher, so zu tun, als sei sie eine Fremde. Auf diese Weise konnte er sich vormachen, dass trotz ihrer tragischen Verbindung eine gewisse Distanz zwischen ihnen bestand.

Insgeheim wusste er jedoch, dass das nicht so war. Als sie, ihr Bruder und ihr Cousin damals nach Gilbert Manor gezogen waren, hatte er sich sofort in sie verliebt.

Auf den ersten Blick.

Als achtjähriger Junge hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht, dass er mit seiner Familie in einem der alten Fabrikhäuser am Rande von Gilbert Corners lebte oder dass sein Vater der Schichtleiter der alten Fabrik war. Als Kind war er sich der Unterschiede nicht bewusst gewesen, die seine Familie von ihrer trennten. Auf dem Sommerfest hatten alle Kinder ungeachtet ihres Standes miteinander gespielt und er war zum ersten Mal mit Rory allein gewesen.

Sie war mutig und furchtlos gewesen, und als die älteren Kinder, darunter auch sein Bruder, den Fluss überquert hatten, der durch die Stadt floss und Gilbert Manor umgab, hatte Kit gezögert. Er war Nichtschwimmer gewesen und wollte nicht zurückbleiben, aber … Rory hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: „Gemeinsam schaffen wir das.“

Und sie hatten es geschafft. In jenem Moment hatte sich sein Leben verändert.

Aus diesem Grund durfte er in ihr nicht die Heldin seiner Kindheit, sondern nur noch Dashs Schwester sehen. Um mit seiner Vergangenheit abzurechnen, brauchte er sie. Und solange er an sie nur als eine Gilbert dachte, konnte er sich vor allem anderen verschließen.

Kits Familie hatte nicht lange in den Fabrikhäusern gewohnt. Sein Bruder Declan und sein Vater waren ehrgeizig gewesen und eifrig die Karriereleiter hinaufgeklettert, bis Declan schließlich vom alten Lance Gilbert, Dashs Großvater, den Posten des Geschäftsführers von Gilbert Manufacturing versprochen bekommen hatte. Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht und waren eine ernst zu nehmende Größe in Gilbert Corners.

Doch der Autounfall hatte alles verändert. Die Firma war geschlossen worden, und in seiner Trauer hatte Kits Vater sein Haus verpfändet und Vermögenswerte veräußert, um Anteile an Gilbert Manufacturing zu kaufen, damit er die Firma und den Posten übernehmen konnte, der Declan versprochen worden war. Dash Gilbert hatte davon Wind bekommen und seinen Vater dazu gebracht, sich noch tiefer zu verschulden, bis von ihrem Vermögen nur noch die Besitzurkunde für die schäbige, heruntergekommene Doppelhaushälfte übrig war, die von dem Werk zur Verfügung gestellt worden war.

Als Kit jetzt in seinem Wagen vor dem Haus saß, das so viele Erinnerungen und gemischte Gefühle heraufbeschwor, und zusah, wie seine neue Nachbarin Rory Gilbert dort einzog, konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er endlich alles hatte, was er brauchte, um Dash Gilbert zur Strecke zu bringen.

Jemand klopfte an die Scheibe. Er drehte den Kopf und war überrascht zu sehen, dass Rory Gilbert vor ihm stand. Ihr Haar hatte sich im Laufe der Jahre verdunkelt und war nicht mehr so weißblond wie früher, sondern honigblond. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, schöne blaue Augen und eine zierliche Nase. Während sie darauf wartete, dass er die Scheibe herunterließ, legte sie den Kopf schief. Kit stellte den Motor ab und stieg aus.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, dafür habe ich Sie schließlich angeheuert“, sagte sie.

Ihn angeheuert? „Ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich bin kein Möbelpacker.“

„Oh, das weiß ich“, murmelte sie. Ihre Stimme war genauso hell und melodisch, wie er sie in Erinnerung hatte. „Aber Sie sind doch wegen der Sache hier, für die ich Sie eingestellt habe, nicht wahr?“

Er hatte absolut keine Ahnung, wovon sie sprach, aber bevor er ihr das erklären konnte, kam ihr Bruder Dash mit säuerlicher Miene aus dem Haus. Rory hakte sich schnell bei Kit ein und flüsterte: „Tun Sie einfach so, als seien wir alte Freunde und verraten Sie niemandem, warum Sie wirklich hier sind. Eigentlich hasse ich Lügen, aber ich ertrage es nicht länger, dass mein älterer Bruder und mein Cousin mich in Watte packen.“

Als sie seinen Arm berührte, durchfuhr ihn ein elektrisierender Schauer, den er jedoch ignorierte. Er hatte keinen blassen Schimmer, was Rory vorhatte, aber wenn es darum ging, Dash zu ärgern, war Kit mit von der Partie.

„Sicher. Ich heiße übrigens Kit.“

„Kit. Hervorragend. Spielen Sie einfach mit“, sagte sie.

Genau das würde er tun. Jahrelang hatte er versucht, ein Druckmittel gegen Dash zu finden, und hatte aus dem Bauch heraus entschieden, dass die Schwester sich bestens dafür eignen würde, doch bisher war er mit seinem Plan nicht weitergekommen.

„Gehst du schon, Dash?“

„Noch nicht. Wer ist das?“

„Das ist ein alter Freund. Er heißt Kit“, erklärte sie ihm. „Kit, dieser herrische Kerl ist mein Bruder Dash.“

Kit war Dash Gilbert nie begegnet. Am Abend des Balls, der mit dem Autounfall geendet hatte, bei dem sein Bruder ums Leben gekommen war, war er achtzehn gewesen. Kit streckte dem Mann, den er seit zehn Jahren vernichten wollte, die Hand entgegen. Als er jedoch Dashs Blick begegnete, entdeckte er nicht die erwartete Bösartigkeit, sondern ein nettes Lächeln und einen Anflug von Genervtheit.

„Ich bin nicht herrisch“, sagte Dash. „Zumindest nicht übermäßig. Aber sie meint, sie könne sechs Monate nachdem sie aus einem Koma erwacht ist, den Everest besteigen.“

„Es muss ja nicht gleich der Everest sein“, entgegnete Rory.

„Sondern?“

„Es würde mir schon ausreichen, wenn ich all das tun könnte, was mir in den letzten zehn Jahren entgangen ist. Und zwar alleine.“

Dash versteifte sich sichtlich. „Ich war damit einverstanden, dass du hier wohnst, aber …“

„Zu spät“, unterbrach Rory ihn. „Deshalb ist Kit hier.“

„Warum bin ich eigentlich hier?“

„Um mir dabei zu helfen, all das zu erleben, was ich in den letzten zehn Jahren verpasst habe“, erklärte Rory.

„Den Teufel wird er tun“, widersprach Dash.

In Anwesenheit von Kit wollte Rory sich nicht mit ihrem Bruder streiten. Der Mann war bei Weitem nicht das, was sie erwartet hatte, als sie ihn über eine Website engagiert hatte, die Menschen, die unter Angstzuständen litten oder nicht in der Lage waren, ihr Zuhause zu verlassen, diskrete Hilfe anbot. Diese reichte von ganz alltäglichen Dingen bis hin zu Sex. Rory war sich noch nicht sicher, welche Dienste sie in Anspruch nehmen würde, also hatte sie alle Felder angekreuzt. Nachdem sie zehn Jahre im Koma gelegen hatte, gab es so vieles, was sie nicht wusste. Zum Beispiel hatte sie keine Ahnung vom Umgang mit den sozialen Medien. Die Website versprach derartige Probleme zu beheben, indem die Betroffenen aus ihrer Komfortzone gezwungen wurden.

Obwohl sie sich sehnlichst wünschte, dass Dash und ihr Cousin Conrad – der wie ein älterer Bruder für sie war – sie nicht behandelten, als wäre sie aus Zucker, wusste sie im Grunde nicht, wie sie ihr Leben auf eigene Faust meistern sollte.

Nach Jahren im Koma war der Weg zur vollständigen Genesung beschwerlich. Sie musste zu Kräften kommen und stieß immer wieder an ihre Grenzen. Wenn sie es mit dem Gehen übertrieb, musste sie hin und wieder sogar einen Stock benutzen. Aber die körperlichen Einschränkungen waren leichter zu verkraften als die mentalen. Für eine Weile hatte Rory sich in ihrer Suite in Gilbert Manor verkrochen, wo das Personal ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. In diesem Elfenbeinturm hatte sie sich fast so gefühlt, als sei sie erneut ins Koma gefallen.

Damit sollte jetzt Schluss sein. Mit einem Teil ihres Erbes hatte sie diese Doppelhaushälfte gekauft und war fest entschlossen, sie auf Vordermann zu bringen und sich so etwas Eigenes aufzubauen. Im Zuge dessen hatte sie Kit engagiert. Der Mann sah um einiges besser aus als erwartet. Er hatte kurzes schwarzes Haar und einen Dreitagebart, der seinem Gesicht etwas Strenges gab, das jedoch verschwand, wenn er lächelte. Sie seufzte unwillkürlich auf, während sie ihn betrachtete. Und seine vollen Lippen machten Lust aufs Küssen.

Sie fragte sich, was für ein Gefühl es wäre, diese Lippen auf ihren zu spüren, und wurde schlagartig von einer Reihe von Empfindungen durchströmt, die eine Frau ihres Alters eigentlich nicht aus der Bahn werfen sollten. Obwohl sie achtundzwanzig war, fühlte sie sich mental immer noch wie achtzehn. Vor dem Unfall war Rory nicht sexuell aktiv gewesen, also hatte sie eine Menge nachzuholen.

Und Kit sollte ihr nun alles über die modernen Dating-Gepflogenheiten beibringen und ihr helfen, ihre Angst vor Berührungen zu überwinden. Zudem musste sie lernen, alltäglichere Aufgaben zu meistern, da sie es momentan nicht einmal schaffte, sich in Lulus Café etwas zu trinken zu bestellen oder in die Stadt zu gehen, um im Conrads exklusiv zu essen.

Einmal hatte sie ihren Cousin dort treffen wollen und hatte tatsächlich einen Versuch gewagt, das Haus zu verlassen. Doch es war ihr nicht gelungen. Zum Teil lag das daran, dass sie nach wie vor einen Gehstock benutzen musste und darum ständig das Gefühl hatte, von allen angestarrt zu werden. Und diese Angst war berechtigt, da sämtliche Einwohner von Gilbert Corners wussten, was sie durchgemacht hatte.

Rory war klar, dass sie sich schon viel zu lange von ihren Ängsten hatte beherrschen lassen. Als Dash ihr nun zu verstehen gab, dass er ihre Pläne mit Kit nicht guthieß, stellten sich ihr die Nackenhaare auf.

Sie löste sich von Kit und baute sich vor ihrem Bruder auf. „Dash, ich weiß, dass ich in deinen Augen immer noch die kleine Schwester bin, die zu lange geschlafen hat. Ich kann verstehen, dass du mich beschützen willst, aber du erdrückst mich. Ich brauche jemanden, der mir hilft, all die Dinge zu tun, vor denen ich zwar ein wenig Angst habe, die ich aber tun muss.“

„Und du glaubst, dass dieser Kerl der Richtige dafür ist?“, fragte Dash schroff.

„Ja, das tue ich“, versicherte Rory ihm. „Er ist schließlich kein Fremder. Ich sagte dir doch, dass wir alte Freunde sind.“

Sie warf einen Blick auf Kit, der die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengepresst hatte. Als sich ihre Blicke trafen, lag ein seltsamer Ausdruck in seinen Augen, den sie nicht ganz deuten konnte. Doch im nächsten Moment nickte er und zwinkerte ihr zu.

Er wandte sich an ihren Bruder. „Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ihr nichts zustoßen wird“, erklärte er.

„Das ist nicht nötig“, warf Rory ein. Wenn sie etwas von ihrer zukünftigen Schwägerin Elle und ihrer zukünftigen Schwippschwägerin Indy gelernt hatte, dann, dass Frauen keinen Mann brauchten. Rory wollte um ihrer selbst willen auf eigenen Füßen stehen. Nichtsdestotrotz wusste sie, dass es Momente geben würde, in denen sie in Panik geriet, und dann wäre es gut, Kit in der Nähe zu haben. Sie hatte bereits eine Panikattacke erlitten, als sie das Haus betreten hatte, das sie renovieren wollte.

Um sich wieder zu fangen, hatte sie ruhig und tief geatmet und dann das Lied gesungen, dass sie stets aufmunterte: „Island in the Sun“ von Weezer. Wie ein Mantra hatte sie es immer wieder vor sich hin gesummt, bis sie schließlich den Umzugswagen vor dem Haus gehört hatte. Dann hatte sie ihre Angst gedanklich in einer Kiste verstaut, wie die Therapeutin ihr geraten hatte, hatte ein Lächeln aufgesetzt und die Möbelpacker begrüßt.

Sie hoffte, dass sie sich mit der Zeit ein normales Leben würde aufbauen können, wenn sie Dinge mit Kit unternahm, allein in diesem Haus wohnte und langsam wieder zu Kräften kam. Eines Tages würde sie ihre Ängste überwinden und sich nicht mehr weinend und zitternd verkriechen müssen, während sie ihr Lieblingslied vor sich hin summte, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

„Also schön. Aber ich werde euch beide im Auge behalten“, sagte Dash mit warnendem Unterton. „Und, Kit, ich müsste noch Ihren vollen Namen erfahren.“

„Nein, das musst du nicht!“, protestierte Rory. „Er hat nichts mit dir zu tun.“

Dash lächelte Kit verkniffen an, bevor er Rory sanft, aber bestimmt am Arm packte. „Würden Sie uns bitte einen Moment entschuldigen?“

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern zog Rory außer Hörweite von Kit. „Du bist eine Gilbert und eine sehr wohlhabende Frau“, flüsterte er. „Es ist unverantwortlich, dass du deine Zeit mit jemandem verbringst, den wir nicht kennen. Ich will ihn nur überprüfen.“

„Nein. Dash, ich meine es ernst. Du weißt, dass ich ans andere Ende des Landes ziehen wollte, damit ich gezwungen bin, auf eigenen Füßen zu stehen. Dennoch bin ich in Gilbert Corners geblieben, weil ich dich liebe und will, dass wir wieder als Familie zusammenfinden. Aber ich kann deine Einmischung nicht gebrauchen und muss das auf meine Art regeln.“

Es wäre ein Leichtes, Dashs Forderungen nachzugeben und für den Rest ihres Lebens in Gilbert Manor hinter verschlossenen Türen zu wohnen. Sie könnte eine behütetes Leben führen, während alle sich um sie kümmerten, aber Rory wurde langsam klar, dass sie mehr wollte.

Als sie aus dem Koma erwacht war, hatte sie sich wie ein verängstigtes und unsicheres achtzehnjähriges Mädchen gefühlt. Während der letzten Monate hatte sie jedoch erkannt, dass sie eine achtundzwanzigjährige Frau sein wollte.

„Das Ganze gefällt mir gar nicht“, stieß Dash hervor.

Sie umarmte ihren älteren Bruder, denn sie wusste, dass er sie zwar nicht allein lassen wollte, ihr aber trotzdem nachgeben würde.

„Danke.“

Er erwiderte die Umarmung mit einem Knurren. Auf dem Weg zu seinem Wagen ging er an Kit vorbei und sagte etwas zu ihm, was sie jedoch nicht verstehen konnte. Dann fuhr er davon.

Und sie blieb mit einem Fremden zurück, von dem sie hoffte, dass er ihr helfen würde, sich selbst zu finden.

Kit bedachte Rory mit einem Lächeln, als ihr Bruder im Vorbeigehen kurz innehielt, um ihn zu warnen, dass er Kit den Garaus machen würde, falls er Rory irgendwie schadete.

Was nun? Er hatte keine Ahnung, worin genau die Aufgabe der Person bestand, die Rory angeheuert hatte. Obwohl er sie hatte benutzen wollen, um sich an Dash zu rächen, hatte er ein ungutes Gefühl dabei. Sobald ihr Bruder davongefahren war, erstarb Rorys Lächeln und sie murmelte etwas vor sich hin, was wie ein Lied von Weezer klang. In diesem Moment wusste Kit, dass er nicht imstande sein würde, Rory auszunutzen.

Zum einen mochte er sie immer noch, ungeachtet dessen, was zwischen ihren Familien vorgefallen war. Zum anderen wollte er ihr helfen, wieder zu Kräften zu kommen und sich in das mutige, furchtlose Mädchen zurückzuverwandeln, das sie einmal gewesen war …

Kit stieß frustriert den Atem aus. Jedes Mal, wenn er bereit war, sich an den Gilberts zu rächen, schien das Schicksal ihm einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen, indem es ihm vor Augen führte, dass sie sich bereits selbst ruiniert hatten.

„Hey, es ist alles in Ordnung“, sagte er und ging zu ihr. Sie hatte sich einen Arm um die Taille geschlungen und wirkte fast manisch, während sie das Lied immer schneller vor sich hin summte.

Da er seine Mutter mehr als einmal in einem ähnlichen Zustand erlebt hatte, wusste er, dass sie eine Panikattacke hatte, und legte einen Arm um sie. Rory schien seine Berührung jedoch nicht zu spüren, also zog er sie dichter an sich. Sie schloss die Augen, woraufhin er sie fest an sich drückte und sich bemühte, die Reaktion seines eigenen Körper zu ignorieren. Er begann, in einem gedämpften und ruhigen Tonfall auf sie einzureden.

„Wir befinden uns auf einer tropischen Insel, der feine Sand unter unseren Füßen ist so weiß, dass es fast scheint, als hätte nie jemand einen Fuß an den Strand gesetzt. Die Sonne wärmt auf wohltuende Weise unsere Haut. Ich halte Ihre Hand und wenn Sie aufblicken, sehen Sie die Wellen, die sanft ans Ufer branden. Eine Brise umweht uns, und wenn Sie langsam ausatmen, fällt der Stress allmählich von Ihnen ab.“

Er verstummte, als ihre Atmung sich beruhigte und sie aufhörte zu singen. Sie hob den Kopf und öffnete die Augen. Ihre blauen Iriden waren hell und klar, doch er wusste, dass sie innerlich noch mit dunklen Wolken zu kämpfen hatte. Er hatte angenommen, sie sei der Schlüssel zu Dashs Verderben, doch vielleicht würde sie stattdessen für ihn der Schlüssel sein, der ihm helfen würde, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Er hatte Vergeltung üben wollen, war jedoch nie fähig gewesen, seine Wünsche in die Tat umzusetzen.

Im Gegensatz zu Declan war Kit nach seiner Mutter gekommen und ein sanftmütiger Junge gewesen. Der Verlust seines Bruders, der dazu geführt hatte, dass sein Vater dem Alkohol verfallen war, hatte Kit verändert. Die Ereignisse hatten ihn gezwungen, seinen Mann zu stehen, obwohl er in den Augen seines Vaters nie etwas getaugt hatte. Nachdem Dash seine Familie ruiniert hatte, hatte Kit den Mädchennamen seiner Mutter angenommen.

Er wusste, dass er nicht einfach einen anderen Menschen benutzen konnte, um seine Ziele zu erreichen.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte er Rory leise.

„Nein, aber es geht mir besser. Danke“, flüsterte sie. „Ich habe keine Ahnung, ob Sie wussten, was auf Sie zukommt, als Sie den Job angenommen haben, aber so etwas wird häufiger vorkommen.“

„Das ist schon in Ordnung“, versicherte er ihr. „Aber ich muss Ihnen gestehen, dass ich nicht die Person bin, die Sie eingestellt haben.“

Sie riss die Augen auf. „Wirklich nicht?“

„Nein. Aber ich denke, wir können einander helfen, deshalb bin ich heute hier erschienen“, erklärte er. Seine Rache wäre bedeutungslos, wenn er sie weiterhin anlog. Er konnte sie nicht in dem Glauben lassen, dass sie ihn angeheuert hatte. Das wäre einfach nur niederträchtig.

„Nun … die Person, die ich angeheuert habe, ist ein Fremder. Ich war der Meinung, es würde mir die Sache erleichtern, wenn ich mich mit jemandem zusammentue, der mich und meine gesamte Familiengeschichte nicht kennt.“

„Das kann ich verstehen.“ Sein Gewissen meldete sich zu Wort, doch er beschloss, ihr nicht zu erzählen, dass sie sich vor Jahren schon einmal begegnet waren und dass sein Bruder in den Autounfall verwickelt gewesen war, der sie ins Koma versetzt hatte. Er wusste, dass sie ihn dann sofort von sich stoßen würde. Zu Recht? Möglicherweise.

„Die Umzugsleute sind fast fertig, und ich werde versuchen müssen, das Haus öfter zu verlassen“, sagte sie. Sie hielt kurz inne und wirkte plötzlich nervös. „Warum gehen wir nicht in Luluʾs Café und unterhalten uns bei einer Tasse Kaffee?“, fragte sie hastig. „Wenn Sie nicht der Mann sind, den ich angeheuert habe, was tun Sie dann hier?“

„Ich ziehe gerade in das Haus neben Ihrem“, antwortete Kit. Das war nur die halbe Wahrheit. Er hatte geplant, in sein Elternhaus zurückzukehren, in dem er zum letzten Mal wirklich glücklich gewesen war. Die Entscheidung war sicher nicht ohne Hintergedanken gefallen, aber nun, da er Rory Gilbert wiedergetroffen hatte, wusste er, dass seine Pläne sich ändern würden. Er hoffte nur, dass er bald herausfinden würde, was er als Nächstes tun sollte. „Wirklich? Nun, dann sind wir wohl Nachbarn. Das freut mich“, sagte sie und runzelte nachdenklich die Stirn. „Also … wie wäre es mit einem Kaffee?“

„Gern. Was meinten Sie, als Sie sagten, dass sie versuchen würden, das Haus öfter zu verlassen?“

„Ich … ich lag zehn Jahre lang im Koma. Tragisch, nicht wahr?“, bemühte sie sich zu scherzen, obwohl ihr sichtlich unbehaglich zumute war. „Wie dem auch sei, vor sechs Monaten bin ich aufgewacht und stellte fest, dass ich nicht in der Lage war, mein Leben einfach wieder aufzunehmen. Zu Anfang musste ich natürlich körperlich genesen, aber wie Sie gesehen haben, bin ich nicht gerade … in Bestform.“

„Ich habe nichts dergleichen gesehen. Sie haben sich gut geschlagen, als sie Ihrem Bruder die Stirn geboten und auf Ihren Wünschen beharrt haben. Und danach haben Sie einfach etwas Zeit gebraucht, um sich zu erholen.“

Sie atmete tief durch und nickte, wobei ein zaghaftes Lächeln ihre vollen Lippen umspielte. „Ich freue mich, sie als Nachbarn zu haben, Kit“, sagte sie.

„Ich freue mich ebenfalls.“

Sie vereinbarten, sich um vierzehn Uhr an diesem Nachmittag zu treffen und gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen. Während er beobachtete, wie sie auf die Möbelpacker zuging, verspürte er ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Er wusste, dass er ihr irgendwann beichten musste, wer er war, doch im Moment würde ihr das nicht helfen. Und ihm genauso wenig.

2. KAPITEL

Indy Belmont war Rorys zukünftige Schwippschwägerin. Und darüber hinaus war sie maßgeblich an der Wiederbelebung von Gilbert Corners beteiligt. Sie war vor etwa zwei Jahren in diese Stadt gezogen und hatte begonnen, ihre beliebte Sendung Hometown, Home Again, die auf dem Fernsehsender Home Living ausgestrahlt wurde, hier zu drehen. Zuerst hatte sie ihre Buchhandlung namens Indyʾs Treasures auf der Hauptstraße eröffnet und danach Stück für Stück weitere Projekte verwirklicht.

Als Rory beschlossen hatte, Gilbert Manor zu verlassen, hatten Indy und Elle voll und ganz hinter ihr gestanden. Dabei war es Indy gewesen, die ihr vorgeschlagen hatte, eine der viktorianischen Doppelhaushälften zu kaufen und sie umzugestalten. Die Arbeit sollte Rory helfen, sich wieder in der Welt zurechtzufinden.

Da sie Indy liebte und respektierte, war sie versucht sie anzurufen, sobald die Möbelpacker gegangen waren. Sie brauchte einen Rat in Bezug auf Kit.

Kit.

Er hatte so wundervolle braunen Augen, und Rory malte sich immer wieder aus, wie es wohl wäre, ihre Finger durch sein dichtes dunkles Haar gleiten zu lassen. Sie erinnerte sich daran, wie er sie im Arm gehalten hatte und mit seiner beruhigenden samtigen Stimme auf sie eingeredet hatte. Sein muskulöser Körper war wie ein Fels in der Brandung gewesen … und sie war nicht in Panik geraten.

Sie hatte sich davor gefürchtet, wie sie wohl auf die Berührung eines Mannes reagieren würde. Ihre letzte Erinnerung an die Nacht des Unfalls bestand darin, dass Declan Orr sie gewaltsam geküsst und gegen die Wand gedrückt hatte, bevor er aus dem Leben geschieden und sie im Koma gelandet war.

Aber in Kits Armen hatte sie keine Angst gehabt. Vielleicht war es seine Stimme gewesen oder der holzige Duft seines Rasierwassers. Möglicherweise lag es auch an dem regelmäßigen Herzschlag, den sie an ihrer Wange gespürt hatte. Was auch immer der Grund war … sie konnte nicht aufhören, an ihn zu denken.

Ein wenig enttäuschend war es schon, dass er nicht von der Agentur geschickt worden war, denn die Person, die sie angeheuert hatte, sollte ihr unter anderem auch mit intimeren Gefälligkeiten zu Diensten sein. Ihre Erfahrungen bisher beschränkten sich darauf, dass sie mit ein paar Jungs in der Highschool herumgeknutscht hatte.

Was sollte sie also tun? Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sich mit Kit zu verabreden.

Elle, die als Ärztin Hirntraumatapatienten betreute und sich auch um Rory gekümmert hatte, hatte Rory darauf vorbereitet, dass sie zwangsläufig Fehler begehen würde. Sie würde nur aus ihnen lernen und an ihnen wachsen müssen. Und was sollte schon passieren? Genau das fragte Conrad jedes Mal, wenn sie sich miteinander unterhielten. Ihr Cousin hatte in jener Nacht ebenfalls mit im Wagen gesessen. Zwar hatte er sich von dem Unfall erholt, aber er hatte eine Menge Narben davongetragen. Er hatte ihr gestanden, dass er Jahre gebraucht hatte, bis er sich wieder annähernd normal gefühlt hatte, wobei er sich seinen Ängsten gestellt hatte, indem er Dinge tat, vor denen er sich fürchtete. Er hatte ihr geraten, alles zu tun, worauf sie Lust hatte, solange sie nicht wieder im Krankenhaus landete.

Was konnte also schon passieren, wenn sie sich mit Kit traf?

Vielleicht würde er nicht zu dem Treffen erscheinen. Damit würde sie leben können. Aber vielleicht würde er ihr auch helfen und sich als ein Verbündeter erweisen. Auch gut. Möglicherweise würden sie sich sogar gut verstehen, dann würde sie ihn küssen wollen und … Ihr schwirrten sämtliche Möglichkeiten im Kopf herum. Sie stellte sich vor, wie sie in seinen Armen lag und er seine Lippen auf ihre drückte. Das wäre wunderbar. Irgendwann würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Mann wirklich küssen müssen … warum also nicht Kit?

Rory zog sich gemächlich an. Sie versuchte immer noch, sich mit dem Körper zu arrangieren, mit dem sie aufgewacht war. Im Spiegel betrachtete sie das Wickelkleid, das ihr bis zu den Knien reichte, und ihr Blick fiel auf die lange, gezackte Narbe an ihrem Bein. Sie sah all die Unvollkommenheiten, doch sie schüttelte den Kopf. Sie durfte ihre Makel nicht hassen, denn sie machten sie zu der Frau, die sie war. Und falls Kit sich davon abschrecken ließ … dann war er nicht der Mann, den sie sich erhofft hatte.

Sie schnappte sich ihre Handtasche, setzte ihre Sonnenbrille auf und warf sich einen Kuss im Spiegel zu, bevor sie die Haustür öffnete und nach draußen trat. Dies war der Moment, an dem sie ihr neues Leben beginnen würde, und sie würde jede Gelegenheit ergreifen, die sich ihr bot.

Nie wieder wollte sie sich unter der Bettdecke verkriechen und sich vor dem Rest der Welt verstecken.

Kit lenkte den Wagen in eine Parklücke auf dem öffentlichen Parkplatz in der Nähe des Parks. Dahinter verlief die Hauptstraße mit ihren vielen Geschäften. Er hatte daran gedacht, nicht zu dem Treffen mit Rory zu erscheinen. Aber tief im Inneren wusste er, dass er mit ihr reden musste.

Welchen Vorstellungen er sich im Laufe der Jahre auch hingegeben hatte, es war nichts im Vergleich zu dem, was er empfunden hatte, als er sie im Arm gehalten hatte. Dabei fühlte er sich nicht nur körperlich zu ihr hingezogen. Noch nie zuvor hatte er einen Gedanken an eine dauerhafte Beziehung oder an die Zukunft verschwendet, da er immer nur seine Rache im Sinn gehabt hatte. Dann hatte er einen Moment mit Rory verbracht und schon stellte er alles infrage. Lag es daran, dass er sich an die Gefühle seiner Kindheit erinnerte, oder steckte mehr dahinter?

Er konnte nicht leugnen, wie sehr er sich darauf freute, sie wiederzusehen. Sein Handy gab einen Piepton von sich und er warf einen Blick auf das Display, um festzustellen, dass er eine Nachricht von seiner Tante Mal erhalten hatte. Mallory war die Schwester seines Vaters und neben Kit das einzig andere noch lebende Mitglied ihrer engeren Familie. Die beiden hatten sich zusammengetan, um ihr Vermögen wieder aufzubauen, was ihnen auch gelungen war, obwohl Dash Gilbert ihnen nicht viel gelassen hatte, womit sie hatten arbeiten können.

Mal: Hast du die Schwester gefunden?

Kit antwortete lediglich mit einem Daumen-hoch-Emoji. Er wusste nicht, was er ihr sonst hätte schreiben sollen, da er im Grunde keine Neuigkeiten für sie hatte. Ganz sicher würde er ihr nicht mitteilen, dass er es sich anders überlegt hatte und Rory nun nicht benutzen würde. Er atmete tief durch. War er sich wirklich sicher, dass er seine Meinung geändert hatte?

Ja.

Kit und Tante Mal hatten das Unternehmen wiederbelebt und es Palmer Industries genannt. Das Geschäft florierte. Nachdem Gilbert Corners erneut einen Aufschwung erfahren hatte, hatten er und seine Tante sich darauf besonnen, was die Familie Gilbert ihnen genommen hatte. Sie hatten ein Interesse daran, die alte Fabrik zu kaufen, die Declan vor seinem Tod hatte leiten sollen, und wollten dort ihre eigene Produktionsstätte einrichten.

Sie wussten jedoch beide, dass sie mit Bedacht vorgehen mussten, wenn sie den Handel abschließen wollten. Aus diesem Grund war Kit in die Stadt zurückgekehrt, um ein Druckmittel zu finden, das er gegen Dash Gilbert würde einsetzen können.

Erneut erhielt er eine Nachricht von seiner Tante.

Mal: Ruf mich an, wenn du GC verlässt.

Kit: Es könnte eine Weile dauern. Ich schaue mich in der Stadt nach möglichen Investitionsobjekten um.

Mal: Wirst du mit dem Mädchen nicht weiterkommen?

Kit: Ich bin mir noch nicht sicher.

Schließlich verabschiedete Tante Mal sich: Wir unterhalten uns später.

Kit steckte sein Handy wieder in die Tasche. Mal war seine letzte lebende Blutsverwandte. Obwohl er ein paar entfernte Cousins und Cousinen hatte, stand er keinem von ihnen nahe. Solange Kit denken konnte, waren er und Mal füreinander da gewesen. Obwohl er hoffte, auf etwas zu stoßen, was sowohl ihm als auch seiner Tante zugutekäme, als auch der Familie Gilbert schaden könnte, hatten seine bisherigen Geschäftsbeziehungen noch nichts dahingehend ergeben.

Ihm war klar, dass ein Teil seines Widerwillens, Rory in seine Pläne einzubeziehen, daher rührte, dass er sie nicht auf dieselbe Weise benutzen wollte, wie die Familie Gilbert seinen Bruder benutzt hatte. Aber wäre das nicht die perfekte Rache?

Während er in seinem Wagen wartete und die Stadt beobachtete, die noch fröhlicher wirkte, als er sie aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte, wurde ihm einmal mehr bewusst, was er alles verloren hatte. Natürlich war Rory nicht direkt dafür verantwortlich, aber sie war ein Teil der Familie. Seinem Vater zufolge hatte sie seinen Bruder verführt und ihn dann beschuldigt, ihre Annäherungsversuche missverstanden zu haben. Dann hatte sie dafür gesorgt, dass er von der Party geworfen wurde, nachdem Conrad ihn verprügelt hatte.

Kit schüttelte den Kopf. Als er ihr vorhin zum erstem Mal seit langem wieder begegnet war, war er in seine Kindheit zurückkatapultiert worden und hatte das unschuldige Mädchen von damals vor sich gesehen. Heute war sie eine erwachsene Gilbert. Das durfte er nicht vergessen.

Er sah sie mit ihrem Stock auf das Café zugehen und stieg aus dem Wagen. Ihm stockte der Atem, als er beobachtete, wie ihr langes blondes Haar von einer Böe erfasst wurde und ihr um Gesicht und Schultern peitschte. Sie neigte den Kopf nach hinten und verzog die Lippen zu einem Lächeln. Als er ihr Kleid bemerkte, das sich an die Rundung ihrer Brüste schmiegte, musste er daran denken, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte.

Er erinnerte sich daran, wie sie den Kopf an seine Brust gelegt und ihre Arme um ihn geschlungen hatte. Ihr Haar hatte einen blumigen Duft verströmt, während er ihren Atem an seinem Hals gespürt hatte.

Er begehrte sie.

Sie war die Schwester seines Feindes.

Aber sie war auch sein Jugendschwarm.

Kit fuhr sich mit der Hand durchs Haar und stieß frustriert den Atem aus. Es wäre viel zu kompliziert, sich mit ihr einzulassen. Er wusste, dass es das Klügste wäre, auf dem Absatz kehrtzumachen und zu gehen, um Tante Mal das Spielfeld zu überlasen. Sie würde eine Möglichkeit finden, Rory zu benutzen, um an Dash heranzukommen.

Doch im nächsten Moment erblickte Rory ihn und winkte ihm zu. Plan B fiel also ins Wasser. Kit verriegelte den Wagen und ging über den gepflegten Rasen auf sie zu.

Er seufzte. Irgendwann würde er ihr die Wahrheit sagen und ihr seinen Namen verraten müssen, denn er wollte sie nicht so täuschen, wie ihre Familie seinen Bruder getäuscht hatte. Wenn er und Tante Mal endlich Macht über die Familie Gilbert hatten, wollte er guten Gewissens behaupten können, dass sie mit fairen Mitteln gekämpft hatten.

Kit schenkte ihr ein Lächeln. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie zu Fuß in die Stadt gehen, hätte ich Sie begleitet.“

Ach herrje, jetzt musste sie ihm gestehen, dass sie nicht fahren konnte. Allerdings könnte sie sich vage halten, was den Grund betraf. Er musste nicht wissen, dass sie es jedes Mal, wenn sie in einem Wagen saß, mit der Angst zu tun bekam und dass es sie nervös machte, unter Menschen zu sein.

Zumindest war sie mittlerweile fähig, selbst zu gehen. Sie würde es nicht unbedingt als magisch bezeichnen, denn sie hatte verdammt hart gearbeitet, um an diesen Punkt zu gelangen, aber es war dennoch etwas Besonderes.

Sie verzog die Lippen zu einem zaghaften Lächeln und bemerkte dann, dass Kit auf ihre Antwort wartete.

„Oh, nicht der Rede wert, ich fahre bisher noch nicht selbst“, erklärte sie.

„Wirklich?“

„Ja, Sie wissen doch, dass ich eine halbe Ewigkeit im Koma lag.“

„Das hatte ich wohl vergessen“, erwiderte er mit einem verschmitzten Lächeln. In der Highschool hätte sie mit ihm geflirtet. Da sie jedoch das letzte Mal vor zehn Jahren mit einem Mann gesprochen hatte, der nicht mit ihr verwandt war oder dem medizinischen Personal angehörte, war sie ziemlich eingerostet.

„Möchten Sie draußen oder drinnen sitzen?“, fragte er.

„Ich würde es vorziehen, draußen zu bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht …“

„Ich habe nichts dagegen. Warum suchen Sie uns nicht einen Tisch und ich hole unsere Getränke?“, schlug er vor.

Sie bat ihn, ihr den Eiskaffee des Tages mitzubringen und setzte sich etwas abseits an einen Tisch im Schatten. Ihr Handy gab einen summenden Laut von sich und sie zog es aus der Tasche. In ihrem Gruppenchat mit Indy und Elle wartete eine Nachricht auf sie. Indy hatte von ihrem Buchladen aus einen hervorragenden Blick auf das Café.

Indy: Wer ist der sexy Kerl?

Rory: Er heißt Kit und ist mein neuer Nachbar.

Elle: Ich habe in fünf Minuten einen Patienten. Aber ich will alle Details erfahren. Drinks in Indys Laden heute Abend?

Rory schickte ein Daumen-hoch-Emoji und steckte ihr Handy zurück in die Tasche. Indy und Elle hatten sie in ihren Kreis aufgenommen, als sei sie ihre Schwester. Je mehr ihr Gedächtnis zurückkehrte, desto bewusster wurde ihr, dass sie in Gilbert Corners nie wirklich Freunde gehabt hatte. Ihr Großvater hatte sie, Dash und Conrad absichtlich von den Einwohnern der Stadt ferngehalten.

Es missfiel ihr, dass sie sich einfach so seinem Willen gebeugt hatte. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass sie sich alle ein wenig vor ihm gefürchtet hatten.

„Der Eiskaffee des Tages ist ein Erdbeer-Mokka“, verkündete Kit, als er zurückkam.

„Großartig. Den habe ich noch nicht probiert. Lulu hat einen neuen Barista eingestellt, der gern herumexperimentiert. Bisher bin ich noch nicht enttäuscht worden.“

Er grinste. „Gut zu wissen. Ich bin Ihrem Beispiel gefolgt und habe das Gleiche genommen.“

Sie tranken beide einen Schluck. Rory schloss die Augen, als das süßlich fruchtige Aroma des Kaffees ihre Zunge traf. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass Kit sie anstarrte.

Oh.

Er betrachtete sie mit einem durchdringenden Blick, während er den Mund leicht geöffnet hatte. Seine Pupillen waren geweitet und seine Wangen gerötet.

„Schmeckt er Ihnen?“

„Mm-hm“, antwortete er. „Erzählen Sie mir von dem Mann, für den Sie mich gehalten haben.“

„Ja, richtig. Es hat sich herausgestellt, dass die Person den Termin abgesagt hatte, ich jedoch die Nachricht nicht erhalten habe. Ich entschuldige mich, falls ich Sie in Verlegenheit gebracht habe.“

„Nicht der Rede wert“, erwiderte er und trank noch einen Schluck Eiskaffee. „Aber Sie haben mir nicht verraten, wofür Sie ihn engagiert haben.“

Sie drehte den Strohhalm in ihrem Glas und starrte auf ihr Getränk, statt Kits Blick zu begegnen. „Ich habe einen Life-Coach eingestellt, der mir hilft, einige Dinge … äh … nachzuholen.“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei der Stoff seines schwarzen Hemdes sich über seiner Brust straffte. Sie könnte sich ewig an dem Anblick seiner Muskeln weiden. „Was zum Beispiel?“

Küssen, dachte sie. Sie wollte ihn küssen, aber sie wusste, dass sie sich dabei ungeschickt anstellen würde.

„Autofahren?“, fragte er, als sie nicht sofort antwortete.

„Ja, und andere Dinge“, sagte sie. „Alles Mögliche. Ich war achtzehn, als ich ins Koma fiel und habe viel verpasst. Ich will nicht darauf warten, dass das Leben endlich beginnt, sondern brauche eine Starthilfe. Daher dachte ich, es sei eine gute Idee, jemanden einzustellen, der mir dabei hilft.“

„Doch dieser Jemand hat Sie hängen lassen.“

„Ja. Oder Dash hat davon erfahren und ihn gefeuert“, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln. „Er hielt es für keine gute Idee. Aus diesem Grund habe ich ihm erzählt, dass Sie ein Freund sind.“

„Nun, falls es Ihnen hilft, wir sind uns als Kinder einmal begegnet.“

„Tatsächlich?“

„Ja, während eines Sommerfests auf Gilbert Manor.“

„Ich kann mich nicht an viele Details von früher erinnern, aber ich weiß noch, dass die Partys im Sommer immer lustig waren“, sagte sie. Es war lächerlich und frustrierend. Rory wusste, dass ihre Familie viele Feste gefeiert hatte. In der Bibliothek standen Fotoalben, die Schnappschüsse von den Partys enthielten. Sie machte sich jedoch nicht mehr die Mühe, sie anzusehen, nachdem sie festgestellt hatte, dass sie ihrem Gedächtnis nicht auf die Sprünge halfen.

„Das waren sie“, stimmte er zu und streckte die Hand aus, um mit dem Finger über ihren Handrücken auf dem Tisch zu streichen. „Was wollen Sie sonst noch lernen?“ Fast hätte sie es wieder mit der Angst zu tun bekommen und einen Rückzieher gemacht, doch stattdessen drehte sie ihre Hand um und verschränkte ihre Finger mit seinen, wobei ihr ein elektrisierender Schauer über den Rücken lief.

„Alles.“

Er beugte sich vor und begegnete ihrem Blick. Meine Güte, er sah so gut aus. Sie liebte die Bartstoppeln an seinen Wangen und seine dichten Wimpern. Sie atmete den Duft seines dezenten Eau de Cologne ein, als er einen Ellbogen auf den Tisch stützte und sich vorbeugte. Eine magische Stimmung schien zwischen ihnen in der Luft zu liegen. „Alles?“

Sie nickte. „Ich habe so viel verpasst.“

„Wie wäre es, wenn ich Ihnen helfe?“

„Sie wollen mir das Fahren beibringen?“, fragte sie. Momentan wagte sie sich noch nicht weiter vor.

„Unter anderem“, erwiderte er mit tiefer Stimme, die ihren ganzen Körper zum Vibrieren brachte. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet und sie leckte sich über die Lippen. Mit den Augen folgte er der Bewegung ihrer Zunge. Flirtete er etwa mit ihr?

„Was würden Sie mir sonst noch beibringen?“ Ach herrje. Die Worte waren ihr ungehindert über die Lippen gekommen. Sie hatte unbewusst die Stimme gesenkt und … Sie flirtete ebenfalls mit ihm.

„Ich denke, wir können uns duzen, Rory. Ich will ehrlich zu dir sein. Ich begehre dich.“

Er begehrte sie.

Sie schluckte und riss die Augen auf, als ihr klar wurde, dass sie keine Ahnung hatte, was sie als Nächstes tun sollte. „Ich … ich …“

Er drückte ihre Hand. „Mache ich dich nervös?“

Sie schüttelte den Kopf. „Erstaunlicherweise nicht. Du bist ein Fremder und ein Mann … aber du machst mich nicht nervös.“

„Ich bin froh, das zu hören. Wie wäre es, wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen? Wir können es langsam angehen lassen. Du gibst das Tempo vor. Ich bringe dir das Autofahren bei und was sonst noch auf deiner Liste steht“, schlug er vor. Dabei umhüllte sie seine tiefe, sonore Stimme und gab ihr das Gefühl, wieder in seinen Armen zu liegen.

„Und du willst das wirklich tun?“, flüsterte sie.

„Eines solltest du über mich wissen: Wenn ich etwas sage, dann meine ich es auch so.“

Wow. Nun, okay. Diese Art von Ehrlichkeit war genau das, wonach sie gesucht hatte. Sie hatte genug von Leuten, die nur ihren Gesundheitszustande bedauerten und deshalb nett zu ihr waren. Und Kit bot ihr die Chance, alles zu erleben, wovon sie geträumt hatte.

„Gut zu wissen. Oh, und was mich angeht, ich versuche, zu allem Ja zu sagen.“

„Dann sollten wie einfach ein bisschen Spaß haben, Rory Gilbert.“

Oh mein Gott. Eine Welle der Vorfreude durchströmte sie. „Einverstanden, Kit …“, sagte sie und hielt dann inne. „Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?“

3. KAPITEL

Wie lautete sein Nachname? Er hatte beschlossen, nicht zu lügen, und wenn er ihr die Wahrheit sagte, bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie ihn nicht mit seinem Bruder in Verbindung brachte. Aber er konnte kein Risiko eingehen. Selbst etwas so scheinbar Unbedeutendes wie ein Name würde vielleicht Erinnerungen in ihr wecken. „Palmer. Kit Palmer“, antwortete er schließlich.

Lügner.

Er hatte immer noch keine Ahnung, welche Rolle Rory in jener Nacht beim Tod seines Bruders gespielt hatte. Falls sie überhaupt etwas damit zu tun hatte.

„Palmer. Das gefällt mir. Deine Familie stammt also aus der Gegend?“, fragte sie.

Er stieß den Atem aus und ließ die Anspannung von sich abfallen. „Wir haben eine Weile hier gewohnt. Nachdem die Fabrik geschlossen wurde, sind wir umgezogen“, erzählte er. „Ich war damals auf dem College an der Westküste, daher hatte ich keine Gelegenheit, mich zu verabschieden.“

„Was hast du studiert?“

„Betriebswirtschaftslehre.“

Sie runzelte die Stirn.

„Mittlerweile bin ich Geschäftsführer meiner eigenen Firma, also hat es mich durchaus weitergebracht.“

Sie schüttelte den Kopf und trank einen Schluck von ihrem Kaffee. „Es erscheint einfach so praktisch.“

Aus ihrem Mund klang es, als hätte er den langweiligsten Job der Welt. Damit hatte sie nicht einmal unrecht. Da er seiner Familie hatte unter die Arme greifen müssen, hatte er nie wirklich eine andere Wahl gehabt. Es war nicht gerade ein Traumjob, aber im Gegensatz zu Rory hatte er nie ein Vermögen gehabt, auf das er hätte zurückgreifen können.

„Nicht alle von uns wurden in die Familie Gilbert hineingeboren“, erinnerte er sie.

„Du hast recht. Wie gedankenlos von mir. Es tut mir leid“, erwiderte sie zerknirscht. Sie wandte den Blick ab und wirkte plötzlich verunsichert.

„Was ist los?“

„Seit ich aus dem Koma erwacht bin, habe ich nicht viele Gespräche mit Menschen geführt, die nicht mit mir verwandt sind. Wahrscheinlich schiebe ich das ständig als Ausrede vor, aber ich wollte wirklich nicht klingen wie …“

„Ist schon gut“, unterbrach er sie. Er ergriff ihre Hand und streichelte mit dem Daumen über die Innenseite ihres Handgelenks. „Mach dir keine Gedanken. Wahrscheinlich reagiere ich etwas empfindlich, wenn es um meine Vergangenheit geht.“

„Wirklich? Und warum? Du erweckst den Eindruck, als hättest du dein Leben im Griff.“

„Wie jeder andere Mensch, habe auch ich mit Unsicherheiten zu kämpfen“, gestand er.

Sie drehte ihre Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen, wobei er von einer Woge unbändigen Verlangens durchzuckt wurde. Ihre Hände fügten sich perfekt ineinander, und er nahm an, dass es mit ihren Körpern nicht anders sein würde. Er war sich nicht sicher gewesen, was er von Dash Gilberts Schwester zu erwarten hatte, doch sie hatte ihn überrascht. Rory war charmant, schüchtern und kokett, aber auf eine unaufdringliche und fast unschuldige Art.

Diese Frau hatte etwas an sich, das ihn zutiefst berührte. Für einen Moment vergaß er, dass sie eine Gilbert war, und genoss einfach den Kitzel der Erregung. Als er einen Steifen bekam, überkreuzte er die Beine und begegnete ihrem Blick.

„Natürlich“, räumte sie ein. „Ich selbst habe das Gefühl, als würde ich mit einem seidenen Faden zusammengehalten, weshalb ich manchmal davon ausgehe, dass alle außer mir unverwüstlich sind. Meine Therapeutin hat mich jedoch daran erinnert, dass das nicht der Fall ist. Ich entschuldige mich nochmals.“

Kit hob ihre Hand und führte sie an seinen Mund. Er presste seine Lippen auf ihren Handrücken und murmelte. „Entschuldigung angenommen. Und in Zukunft musst du dich für rein gar nichts entschuldigen.“

Sie erbebte sichtlich und leckte sich über die Lippen, wobei sie ihm ein verlegenes Lächeln schenkte. Ganz sicher hatte sie keine Ahnung, wie sehr dieses Lächeln ihn berührte. Nichtsdestotrotz musste er sich auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren und damit aufhören, in Rory nur eine begehrenswerte Frau zu sehen. Er musste … Was eigentlich? Zum ersten Mal seit er denken konnte, wollte er jemanden nur für sich.

Aber sie ist die Falsche, du Idiot.

„Du wirst dich auch nicht entschuldigen müssen“, sagte sie.

Kit nickte. „Also, ich kann heute Nachmittag etwa zwei Stunden erübrigen. Steht auf deiner Liste etwas, was nicht so viel Zeit in Anspruch nimmt?“

Sie trank einen weiteren Schluck von ihrem Eiskaffee und schloss die Augen. „Hm. Der schmeckt wirklich gut“, murmelte sie, bevor sie innehielt, als hätte er ihr die wichtigste Frage ihres Lebens gestellt. „Eigentlich nicht. Heute war eigentlich nur geplant, dass wir einander kennenlernen. Was schlägst du vor? Was auch immer dir in den Sinn kommt, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es noch nicht getan habe.“

„Ich war schon eine ganze Weile nicht mehr hier. Wie wäre es mit einem Einkaufsbummel entlang der Hauptstraße?“

„Nein. Das habe ich tatsächlich schon hinter mir. Aber wie wäre es, wenn wir stattdessen am Fluss entlang spazieren?“ Ihre Augen leuchteten auf. „Ich habe gehört, dass am Ufer wilde Brombeeren wachsen. Vielleicht können wir welche pflücken und ich backe dir einen Kuchen.“

„Also schön. Weißt du mit Sicherheit, dass dort Brombeeren wachsen?“, wollte er wissen.

„Nein. Bisher hat sich noch niemand bereiterklärt, mit mir dort spazieren zu gehen. Laut Dash ist der Pfad ziemlich steil und ‚unwegsam‘, aber er denkt ohnehin, ich sollte überall hin getragen werden.“

Kit lachte, als sie um das Wort unwegsam Gänsefüßchen in die Luft zeichnete. Er würde ihr auf jeden Fall helfen, ihre Ziele zu verwirklichen, vor allem, weil er dadurch ihren Bruder verärgern konnte.

Sie tranken ihren Kaffee und gingen dann in Richtung Fluss, der ruhig und malerisch dahinströmte. Nachdem der Bahnhof und die umliegenden Geschäfte renoviert worden waren, kam langsam wieder Leben in die Stadt. Sein Blick fiel auf ein Kamerateam auf der anderen Straßenseite.

Laut seiner Recherchen drehte Conrad Gilberts Verlobte Indy Belmont für den Fernsehsender Home Living eine Show über alte Gebäude, die sie renovierte und umgestaltete.

Die asphaltierte Straße endete in der Nähe einer Brücke. Von dort aus führte ein steiler Pfad hinunter zu einem unbefestigten Weg. Er warf einen Blick darauf und sah dann Rory an. Auf keinen Fall wollte er sie in Gefahr bringen. „Jemand sollte hier ein Geländer anbringen.“

„Ich werde das Dash gegenüber zur Sprache bringen.“

„Oder du gehst direkt zum Stadtrat und sagst es ihm selbst“, schlug er vor. Sie verließ sich viel zu sehr auf ihren Bruder. Wenn Kit schon Zeit mit ihr verbringen würde, dann wollte er auch dafür sorgen, dass sie auf eigenen Füßen stehen konnte.

Sie nickte. „Du hast recht. Das werde ich tun.“

Rory war nicht bewusst gewesen, wie sehr sie jemanden wie Kit wirklich brauchte, bis er sie darauf hinwies, dass sie auch selbst mit dem Stadtrat würde reden können. Als sie beschlossen hatte, in ein eigenes Heim zu ziehen, hatte sie vor allem an die Dinge gedacht, die Dash ihr verboten hatte. Doch sie hatte nie daran gedacht, tatsächlich die Hauptrolle in ihrem eigenen Leben zu spielen.

Darüber konnte sie sich jedoch ein andermal den Kopf zerbrechen, denn im Moment musste sie erst einmal diesen Pfad bewältigen. „Hast du einen Vorschlag, wie ich am besten dort hinunterkomme?“, fragte sie. „Mein linkes Bein ist schwächer als das rechte.“

„Warte hier. Ich werde überprüfen, wie steil der Pfad wirklich ist.“

Voller Neid beobachtete sie, wie er geschickt die Böschung hinabstieg. Dabei ließ er sich Zeit, suchte nach Unebenheiten und prüfte die Festigkeit des Bodens. Als er unten ankam, ging er ein paar Schritte in die eine und dann in die andere Richtung, bevor er wieder hinaufkletterte.

„Okay. Auf dem Weg nach unten gehe ich voraus, sodass du dich mit einer Hand an meiner Schulter abstützen kannst. Du gibst das Tempo vor. Der Flusspfad ist eben und mit Pflastersteinen eingefasst, was bedeutet, dass ihn jemand instandgehalten hat. Nur der Weg zurück nach oben könnte sich als problematisch erweisen.“

Daran hatte Rory bereits gedacht. Sie hatte beobachtet, wie Kit mit großen Schritten den Pfad hinaufgeklettert war und hatte bezweifelt, dass sie dazu in der Lage wäre. Bei der Physiotherapie brachte sie nie mehr als zwei Ausfallschritte auf jeder Seite zustande, bevor ihre Oberschenkel zu zittern begannen.

„Ich werde dich einfach etwas mehr unterstützen müssen. Bist du damit einverstanden?“, fragte Kit.

Dank Conrad schämte sie sich nicht, andere um Unterstützung zu bitten. Obwohl ihr Cousin fast zwei Meter groß und ziemlich muskulös war, hatte er nach all den Operationen, die er nach dem Unfall über sich ergehen lassen musste, lange gebraucht, bis er wieder eigenständig leben konnte. Er hatte ihr versichert, dass sie ebenfalls wieder gesund werden würde, aber nur wenn sie ihre Grenzen respektierte.

„Ja. Wenn es dir nichts ausmacht“, fügte sie hinzu. Falls er ein Problem damit hatte, dann würde sie dieser Sache zwischen ihnen einen Dämpfer verpassen müssen, bevor sie richtig angefangen hatte, ungeachtet dessen, wie sexy er war.

Er strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Im Gegenteil. Es gefällt mir, deinen Ritter zu spielen. Also, bist du bereit?“

Sie atmete tief durch. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, bevor sie gen Himmel blickte und sich dann wieder Kit zuwandte, der sie mit einem geduldigen Blick beobachtete.

Schließlich nickte sie.

Wie versprochen setzte er langsam einen Fuß vor den anderen. Mit einer Hand an seiner Schulter hatte sie einen sicheren Halt. Als sie unten ankamen, glaubte sie, jeden Moment in Freudentränen ausbrechen zu müssen. Sie blinzelte dagegen an, zückte aber dennoch ihr Handy, um ein Foto von dem Pfad zu schießen, den sie gerade bewältigt hatte.

„Soll ich dich neben dem Pfad knipsen?“, fragte er.

„Ja, sehr gern.“ Sie reichte ihm ihr Handy. „Ich versuche, all meine Erfolge zu dokumentieren, damit ich an beschwerlicheren Tagen darauf zurückblicken kann.“

„Gute Idee.“

Für einen Moment betrachtete er sie nur, dann hob er das Telefon an. Sie fragte sich, was er durch den Sucher sah. In Kits Nähe fühlte sie sich nicht wie eine Schwester oder eine Patientin, sondern wie eine Frau. Er hatte ihr ohne Umschweife zu verstehen gegeben, dass er sie begehrte … Und als sie ihn nun beobachtete, während er versuchte, den richtigen Winkel zu finden, wurde ihr klar, dass sie ihn ebenfalls wollte.

Nachdem er das Foto geschossen hatte, stellte er sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter, wobei er darauf achtete, sie nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann machte er ein Selfie von ihnen beiden und drehte ihr den Kopf zu.

In dem Moment, in dem ihre Blicke sich trafen, schien die Luft zwischen ihnen elektrisch geladen. Was würde sie tun, wenn er sie küssen wollte? Natürlich hatte sie früher schon mit Jungs herumgeknutscht, aber das war schon so lange her. Dann kam ihr ein Gedanke, der noch viel beängstigender war. Was, wenn sie in Panik geriet, weil der Kuss sie an den Mann erinnerte, der sie angegriffen und bedrängt hatte, kurz bevor sie ins Koma gefallen war?

Sie biss sich auf die Unterlippe, während sie ihn betrachtete und einfach nur wartete. Doch dann räusperte Kit sich und reichte ihr das Handy. „Wo sind nun diese Brombeeren, von denen ich schon so viel gehört habe?“

„Dort entlang“, sagte sie und zeigte auf den Weg zu ihrer Linken. Während sie dahin schlenderten, hatte sie Schmetterlinge im Bauch. Seit sie aus dem Koma erwacht war, hatte sie sich nicht so lebendig gefühlt. Es war geradezu berauschend und sie wollte mehr.

Bis zu diesem Moment war ihr nicht bewusst gewesen, wie viel sie tatsächlich verpasst hatte.

Bis sie Kit getroffen hatte.

Nichts lief nach Plan. Ihm war bewusst, dass Tante Mal einen Bericht von ihm erwarten würde, sobald er nach Hause zurückkehrte. Doch er würde ihr nichts von diesem Nachmittag erzählen. Heute fühlte er sich wie … nun ja, wie schon lange nicht mehr.

Tatsächlich weckte Rory in ihm Empfindungen, die er noch nie zuvor verspürt hatte.

Er brauchte Zeit, um sich zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Aber das konnte warten. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, während er Rory beobachtete. Sie hatte eine Stofftasche mitgebracht und füllte sie nach und nach mit Brombeeren. Nachdem sie eine an dem Rock ihres Kleides abgewischt hatte, steckte sie sich die Frucht in den Mund und schloss die Augen.

„Perfekt. Sie schmeckt süß, aber auch ein wenig herb. Probiere eine!“, sagte sie, wischte noch eine Beere ab und steckte sie ihm in den Mund.

Er blieb wie angewurzelt stehen, während es ihn all seine Selbstbeherrschung kostete, eine Reaktion seines Körpers zu unterdrücken. Während er kaute, zwinkerte er Rory zu und bemerkte, wie sie errötete, als er sagte: „So süß wie du.“

Verlegen wandte sie den Blick ab. „Ich kann mich leider nicht daran erinnern, aber Dash und Con sagten, dass wir als Kinder oft auf unserem Grundstück Beeren gepflückt haben.“

„Wolltest du deshalb hierherkommen?“

„Ja. Aber als ich Dash neulich gebeten habe, mich zu begleiten, hat er abgelehnt.“

„Verbietet er dir oft etwas?“

„Ja. Allerdings muss ich zu seiner Verteidigung anführen, dass er nach dem Unfall lange allein war. Ich glaube, er weiß nicht recht, wie er damit umgehen soll, dass Con und ich wieder gesund und munter sind.“

„Was ist mit Con passiert?“, fragte Kit. Er hatte von seiner Tante nur gehört, dass er verletzt worden war, aber sie hatte ihm keine Einzelheiten nennen können.

Autor

Joanne Rock

Joanne Rock hat sich schon in der Schule Liebesgeschichten ausgedacht, um ihre beste Freundin zu unterhalten. Die Mädchen waren selbst die Stars dieser Abenteuer, die sich um die Schule und die Jungs, die sie gerade mochten, drehten. Joanne Rock gibt zu, dass ihre Geschichten damals eher dem Leben einer Barbie...

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