Baccara Herzensbrecher Band 5

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LIEBESNACHT IM WÜSTENPALAST
von TESSA RADLEY

Bei ihrer Ankunft in Dhahara wird Megan nicht von ihrem Freund abgeholt, sondern von Prinz Shafir - der sie in seinen Wüstenpalast "entführt". Eine Flucht ist unmöglich, jeder Widerstand zwecklos. Aber will Megan ihrem äußerst verführerischen Entführer überhaupt widerstehen?

SINNLICHE WÜNSCHE
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Vom ersten Moment weiß Scheich Latif, dass Jalia die Richtige für ihn ist. Aber kann er die in England aufgewachsene Prinzessin vom Zauber des Orients überzeugen - und von seiner glühenden Liebe zu ihr? Fast gelingt es ihm, da taucht überraschend Jalias Verlobter auf …

HEISSE NÄCHTE - EISKALTE INTRIGEN
von NALINI SINGH

Für Jasmine wird ein Traum wahr: Sie heiratet ihre große Liebe, Scheich Tariq al-Huzzein. In seinem Wüstenpalast erleben sie sinnliche Nächte, doch sobald die Sonne aufgeht, will er nichts mehr von ihr wissen. Kann er ihr je verzeihen, dass sie ihn einst verlassen hat?

  • Erscheinungstag 27.09.2019
  • Bandnummer 5
  • ISBN / Artikelnummer 9783733725938
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tessa Radley, Kristi Gold, Nalini Singh

BACCARA HERZENSBRECHER BAND 5

1. KAPITEL

Prinz Shafir ibn Selim Al-Dhahara schritt mit rauschenden Gewändern durch die hohen Flügeltüren, die ein Palastdiener für ihn aufhielt. Stille erwartete ihn.

Im Privatgemach des Königs herrschte feierliche Stimmung. Drei Männer beugten sich über einen Laptop, der auf einem altmodischen runden Tisch stand.

Als Shafir eintrat, blickten sie auf. Seine Brüder schienen erleichtert zu sein, ihn zu sehen. Aber König Selim runzelte die Stirn.

Shafir setzte sich zu ihnen an den Tisch, lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und sah seinen Vater an. Angesichts dieser lässigen Pose schüttelte er missbilligend den Kopf. „Du kommst spät, Shafir.“

„Ich war in der Wüste. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.“ Er zeigte auf seine staubigen Stiefel. „Ich habe mich nicht einmal umgezogen.“

Shafir leitete das Ministerium für Tourismus von Dhahara. Die letzte Woche hatte er damit verbracht, einer internationalen Delegation zu zeigen, welche Möglichkeiten zum Abenteuerurlaub und Wandern es in dem kleinen Wüstenstaat gab. Dabei hatte er darauf Wert gelegt, den Vertretern der einzelnen Länder klarzumachen, wie wichtig es war, Dhahara für den internationalen Tourismus zu öffnen. Denn dadurch nahm das Land Geld ein, mit dem er die Wüste wild und unberührt erhalten konnte.

„Gibt es ein Problem, Vater?“

„Nicht direkt. Eher eine Herausforderung.“

„Eine Herausforderung?“ Shafir warf seinem älteren Bruder Khalid einen fragenden Blick zu – Seiner Königlichen Hoheit Khalid ibn Selim Al-Dhahara, um genau zu sein. Wenn sein Vater „Herausforderung“ sagte, dann meinte er meistens eine äußerst verzwickte Situation, die selbst seinen engsten Beratern Albträume verursachte.

„Es ist eine Herausforderung, die dir gefallen wird, Shafir.“

„Mir?“ Shafir runzelte die Stirn. „Was ist mit meinen Brüdern? Oder hast du ihnen bereits andere Herausforderungen übertragen?“

Khalid grinste. „Du bist als Letzter gekommen – du hast das kürzeste Hölzchen gezogen.“

„Das interessanteste Hölzchen – und die Chance, dich als Held zu erweisen.“ Seinem jüngeren Bruder Rafiq schien die Sache höllischen Spaß zu machen.

„Als Held?“ Shafir sah seine Brüder an. Sie sahen aus, als müssten sie sich sehr zurückhalten, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen.

Sein Vater dagegen sah streng aus. „Shafir, du bist ein Mann, den die Wüste Dhaharas gestählt hat.“

Shafir senkte respektvoll den Kopf. Als er wieder aufblickte, versuchte er den Gesichtsausdruck seines Vaters zu deuten.

Der König sah ihn aus dunklen Augen an. „Sohn, ich möchte keinen Skandal, deshalb muss sich einer von euch dreien darum kümmern. Rafiq ist schon versprochen, und seine Liebste würde es vielleicht nicht verstehen.“ Der König sah nach rechts. „Und Khalid ist der Kronprinz. Ich kann ihn nicht …“

Shafir unterbrach ihn. „Also, worum geht es hier? Was ist das für eine Herausforderung?“

„Es ist nicht so schwierig.“ Rafiq klickte ein Foto auf dem Laptop an. „Und ich würde auch nicht von einer Herausforderung sprechen. Du musst sie nur loswerden.“

Auf dem Monitor erschien das Bild einer Frau. Shafir sah dunkles Haar und mandelförmige glänzende Augen. Unzählige Fragen gingen ihm durch den Kopf, aber nur eine davon konnte er aussprechen: „Wer ist sie?“

„Sie ist die Frau, die dabei ist, Zaras Märchenhochzeit zu zerstören“, sagte Rafiq.

„Mach dich nicht über deine Cousine lustig.“ Der König blickte seinen jüngsten Sohn streng an. „Das wird die erste Hochzeit in unserer Familie seit fast zwanzig Jahren. Meine Söhne haben mich bisher enttäuscht.“

„Unsere Hoffnungen liegen auf Rafiq“, sagte Shafir schnell. Sein jüngerer Bruder wurde rot. „Er ist verliebt.“

„Aber noch nicht verlobt.“ Während der König sprach, sah er seine Söhne vorwurfsvoll an. „Im Moment steht nur Zaras Hochzeit fest. Die Medien wissen schon Bescheid. Ich kann es nicht zulassen, dass diese Frau hier die Träume unseres Volkes zerstört.“

Der Blick, den sein Vater „dieser Frau“ auf dem Foto zuwarf, erstaunte Shafir. Dass die Hochzeit seiner Cousine in Gefahr war, war neu für ihn. Aber das erklärte natürlich den Ärger seines Vaters. Der König hatte schon immer eine Schwäche für Zara gehabt. Sie war das einzige Kind seines toten Bruders.

Jacques Garnier, Zaras Zukünftiger, war ein französischer Geschäftsmann. Seine Familie war steinreich. Die Garniers importierten Teppiche und Olivenöl aus dem Mittleren Osten. Außerdem besaßen sie ein Schloss im Loire-Tal, und Jacques verkaufte den Wein aus der Winzerei seiner Familie in die ganze Welt. König Selim war mit der Verlobung sehr zufrieden gewesen. Vor allem, weil Zara sehr verliebt war.

Aber jetzt schien das Glück getrübt zu sein. Shafir unterdrückte einen Fluch und starrte auf den Bildschirm. „Wie heißt sie?“

„Megan Saxon.“

Es waren nicht nur ihre gleichmäßigen schönen Gesichtszüge, die Shafirs Aufmerksamkeit erregten. Es war auch die Lebenslust, die sie ausstrahlte. Aus ihren Augen strahlte der gleiche Sinn für Humor, der auch ihre Lippen umspielte. Joie de vivre nannten es die Franzosen.

Shafir sah weg. „Woher weißt du, dass sie Zaras Hochzeit verderben will?“

Sein Vater seufzte. „Garnier war in letzter Zeit so geistesabwesend, deshalb dachte Zara, dass etwas nicht stimmte. Dann sah sie auf seinem Handy die Anrufe dieser Frau. Sie wusste, dass die beiden geschäftlich miteinander zu tun haben, und vermutete das Schlimmste. Sie hat einen ganzen Tag lang geweint. Dann hat sie Garnier zur Rede gestellt.“

„Und?“

„Oje.“ König Selim schüttelte den Kopf. „Diese Frau stellt ihm nach. Garnier hat Zara nichts erzählt, weil er nicht wollte, dass sie sich Sorgen macht. Aber diese Frau gab einfach nicht auf. Und jetzt kommt sie nach Dhahara.“

„Sie kommt hierher?“ Shafir beugte sich vor. Das war natürlich etwas ganz anderes als Anrufe und SMS.

„Sie rief ihn an, kurz bevor sie ins Flugzeug gestiegen ist.“

Shafir atmete verärgert aus. „Und wann wollte er es uns sagen?“

Der König winkte ab. „Das spielt keine Rolle. Wir wissen es jetzt und können uns etwas einfallen lassen. Wir können dem Sicherheitsdienst Bescheid sagen, aber wenn diese Frau …“

„Zu viel für Shafir ist?“, unterbrach Khalid ihn. Seine Augen funkelten listig.

„Die Frau, die zu viel für mich ist, muss erst noch geboren werden“, entgegnete Shafir trocken. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Kein Sicherheitsdienst. Keine Polizei. Wir dürfen keinen Skandal riskieren.“ Er dachte an die Delegation, der er Dhahara als exotisches, aber sicheres Urlaubsparadies geschildert hatte. Zwei der Gesandten hatte er eingeladen, ihren Aufenthalt zu verlängern und Zaras Hochzeit mit der Familie zu feiern. Doch plötzlich war die Hochzeit in Gefahr.

Und Zaras Glück.

Wie seine Brüder mochte Shafir Zara sehr. Er hatte sein Bestes gegeben, ihr der Bruder zu sein, den sie nie gehabt hatte. Wie der König, der versuchte, den Platz ihres verstorbenen Vaters einzunehmen, so gut es ging.

„Shafir, wir müssen verhindern, dass diese Frau die Hochzeit zerstört“, sagte der König nachdrücklich.

„Sag ihr, dass sie ihre Zeit verschwendet. Jacques heiratet Zara“, schlug Rafiq vor. „Überzeuge sie davon, nach Hause zu fliegen.“

Shafir schüttelte den Kopf. „Wenn sie den ganzen Weg hierhergekommen ist und sich Jacques in den Kopf gesetzt hat, dann wird es nicht so leicht sein.“ Aber wenn diese Frau glaubte, dass sie Zara einfach den Mann ausspannen konnte, dann hatte sie nicht mit ihm gerechnet.

„Nein“, stimmte Khalid zu. „Schließlich könnte sie Zara einen Haufen Lügengeschichten erzählen.“

Shafir schüttelte wieder den Kopf. „Sie wird Zara nicht begegnen. Wir verschärfen die Sicherheitsmaßnahmen.“ Er würde selbst dafür sorgen. Niemand würde seiner sanftmütigen Cousine wehtun.

„Aber vielleicht verkauft sie ihre Lügen an eines dieser europäischen Skandalblätter.“ Der König schauderte. „Die nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau.“

„Das könnte sein.“ Shafir rieb sich gedankenverloren das Kinn.

„Du musst sie verführen, Shafir. Dann vergisst sie Jacques sofort.“ Rafiqs Augen glitzerten belustigt.

Khalid platzte fast vor Lachen. Sogar der König warf den Kopf zurück und kicherte.

War Shafir der Einzige, der das nicht lustig fand?

„Du verwechselst mich mit Khalid“, entgegnete er. „Er zieht die Frauen an wie das Licht die Motten.“

„Vor dir haben sie Angst“, sagte Rafiq. „Dein Ruf eilt dir voraus.“

Khalid nickte. „Frauen wollen umworben und umschwärmt werden. Die Wüste hat dich hart gemacht. Schau dich doch an, mit deinen staubigen Kleidern und deinem zerzausten Haar.“

Shafir sah ihn finster an. Er fuhr mit der Hand durch sein schulterlanges Haar. „Es schützt meinen Nacken vor der Sonne.“

„Hmmm … diese gefährliche, ungezähmte Ausstrahlung könnte dieser Frau natürlich auch gefallen.“ Rafiq legte den Kopf schräg. „Ich wette, du könntest sie verführen.“

Shafir sah ihn fest an. Er verführte keine Frauen. Es war nicht seine Art. Er war für klare Verhältnisse. Die Frauen sollten wissen, woran sie waren. Genau wie jeder andere, mit dem er zu tun hatte. „So tief kann ich gar nicht sinken.“

„Angst?“, neckte ihn Khalid.

„Vor einer Frau?“ Shafir zuckte gleichgültig die Achseln. „Niemals.“

„Söhne“, mahnte der König, „wir haben zu tun.“ An Shafir gewandt sagte er: „Halte sie davon ab, Unheil anzurichten. Egal wie. Rafiq kümmert sich darum, dass zwischen Zara und Jacques alles gut läuft.“ Er beugte sich vor und klopfte Shafir auf die Schulter. „Aber ich will keinen Skandal, hörst du? Die einzige Geschichte, die ich in den Magazinen lesen will, ist die von Zaras …“

„… Märchenhochzeit.“ Khalid verdrehte die Augen.

„Bei den ganzen Vorbereitungen wird es die Hochzeit des Jahrhunderts“, murmelte Rafiq.

„Höre ich etwa Sehnsucht in deiner Stimme, Bruderherz? Vielleicht ist es Zeit, dass du auch heiratest“, sagte Khalid listig.

„Heiraten?“ Der König straffte die Schultern. „Khalid, als Kronprinz ist es deine Pflicht, zuerst zu heiraten.“

Khalid sah wieder zur Decke.

Shafir achtete nicht auf das Geplänkel. Solange er nicht heiraten sollte, war alles in Ordnung. Die Frau, die mit der Weite und Schönheit der Wüste Dhaharas mithalten konnte, war noch nicht geboren worden.

Er warf noch einen Blick auf den Laptop. Seine Aufgabe war keine Herausforderung. Er musste Megan Saxon nur von Jacques Garnier fernhalten, bis Zara den Mann ihrer Träume geheiratet hatte.

Kein Problem.

Shafirs Wagen hielt vor dem Flughafen. Gleichzeitig setzte das Flugzeug auf, in dem Megan Saxon war. Der Sicherheitschef des Flughafens hatte ihm bereits bestätigt, dass das ihre Maschine war.

Es war so weit.

Eigentlich hatte Jacques sie am Flughafen treffen wollen, um sie davon zu überzeugen, wieder zurückzufliegen.

„Ich fühle mich verantwortlich“, hatte der Franzose vor zwei Stunden gesagt. Seine Miene, normalerweise unbekümmert, wirkte angespannt. „Meine geschäftlichen Verbindungen zu dieser Verrückten haben Zara schließlich erst in diese Lage gebracht. Ich muss klarstellen, dass ich meine Verlobte liebe.“

Doch obwohl Shafir Jacques für seine Entschlossenheit bewunderte, schüttelte er den Kopf. „Das kann ich nicht zulassen. Es ist zu riskant. Diese Frau ist besessen von dir. Vielleicht macht sie eine Szene.“ Genau davor graute dem König. „Oder sie versucht, dich anzugreifen. Das würde Zara noch schlimmer treffen.“

Er versicherte dem besorgten Jacques, dass er sich selbst um diese Megan kümmern würde. Schließlich gab der Franzose nach.

„Es muss meine Schuld sein“, sagte Jacques, als er den Palast verließ, „aber ich spiele unsere geschäftlichen Treffen immer wieder durch und kann mir einfach nicht erklären, was sie auf diese verrückte Idee gebracht hat.“

„Mach dir keine Vorwürfe. Sie ist verrückt.“

Als er gesehen hatte, wie erleichtert Jacques war, war Shafir unglaublich wütend auf diese Megan Saxon geworden. Jacques verdiente es nicht, dass man ihm derart nachstellte. Kein Mann verdiente so etwas. Außerdem hatte diese Frau Zara sehr unglücklich gemacht und die Beziehung des jungen Paars auf die Probe gestellt.

Als er nun aus seinem Wagen stieg, schwor er sich, Megan die Meinung zu sagen. Er hatte sein Haar zurückgekämmt und extra europäische Kleider angezogen. Er trug einen Maßanzug und ein blütenweißes Hemd. Schließlich wollte er sie auf keinen Fall erschrecken.

Sein harmloses Aussehen täuschte. Als zweiter Sohn des Königs hatte Shafir größere Freiheiten genossen als Khalid. Während Khalid als Nachfolger seines Vaters erzogen wurde, hatte Shafir einige Jahre mit der Großmutter in der Wüste gelebt. Er war dort zur Dorfschule gegangen und hatte viel Zeit mit den Beduinen verbracht. Das Volk von Dhahara nannte ihn den „Ungezähmten“.

Shafir war alles andere als ein braver Bilderbuchprinz.

Er spannte die Kiefermuskeln an und nickte dem Fahrer zu. Er und die Bodyguards sollten im Wagen auf ihn warten, bis er zurückkam. Mit lässig-eleganten Schritten ging er zum Terminal, in dem internationale Flüge starteten und landeten. Die neugierigen Blicke, die die Leute ihm zuwarfen, die ihn erkannten, beachtete er nicht. Er wusste, dass sein entschlossenes Auftreten sie davon abhalten würde, ihm zu nahe zu kommen.

Er wollte Megan Saxon allein begegnen. Sie würde den Tag noch verfluchen, an dem sie beschlossen hatte, Zaras Glück zu zerstören.

Die verschwenderische Ausstattung der riesigen Ankunftshalle des Flughafens von Dhahara beeindruckte Megan. In der gewölbten Decke waren Fenster, durch die helles Licht einfiel. Dadurch sah es aus, als ob die Luft glitzerte. Und dann die prächtigen marmornen Fußböden! Wenn sie nicht schon gewusst hätte, wie unfassbar reich das Land war, spätestens jetzt wäre es ihr klar geworden.

Knappe hundert Meter entfernt drängten sich Menschen hinter einem Bronzegeländer. Die meisten von ihnen trugen die traditionellen weißen arabischen Gewänder. Sie warteten auf ankommende Passagiere.

Auch Jacques würde da sein.

Auf ihrem letzten Zwischenstopp in Los Angeles hatte sie seine SMS bekommen: „Bis morgen. Kann es kaum erwarten!“

Megan ging schneller. Ungeduldig zog sie ihren Koffer hinter sich her. Plötzlich hatte sie Schmetterlinge im Bauch. Es waren drei Monate vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte – nur ganz kurz, in Paris, wo sie gemeinsam Silvester gefeiert hatten, bevor ihre Flugzeuge in verschiedene Richtungen gestartet waren. Er hatte Geschäfte in Dhahara zu erledigen, sie musste zurück nach Neuseeland.

Telefongespräche und SMS waren kein Ersatz für richtige Treffen. Deshalb schlug Jacques vor, dass sie etwas Zeit miteinander verbrachten. Und Megan war begeistert von der Idee, so einen romantischen, fürsorglichen Mann besser kennenzulernen. Sie hatte ein Hotelzimmer für sie beide in Katar gebucht, der Hauptstadt des Landes, von dem Jacques ihr vorgeschwärmt hatte.

Zwar wollte Jacques plötzlich lieber nach Oman, den Nachbarstaat. Aber Megan hatte es sich in den Kopf gesetzt, Dhahara zu sehen. Schließlich gab Jacques nach und war einverstanden, dass sie in einer luxuriösen Villa in der Wüste wohnten. Megan hoffte, dass sie in diesem Kurzurlaub herausfinden konnte, ob die Anziehung, die sie auf den internationalen Weinmessen des letzten Jahres gespürt hatte, auch dann noch anhalten würde, wenn sie sich besser kennenlernten.

Diesmal würden sie keine Arbeit und keine Termine voneinander ablenken. Sie hatten sechs ganze Tage nur für sich allein.

Megan hielt in der Menschenmenge nach ihm Ausschau.

Ihr fiel sofort das scharf geschnittene Gesicht eines Mannes auf. Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren bronzefarben. Undurchdringlich, abweisend sah er sie an.

Er hatte nichts von Jacques’ französischem Charme.

Eiskalt lief es ihr den Rücken hinab, und sie sah schnell weg. Aus dem Augenwinkel suchte sie weiter. Allmählich wurde sie unruhig und runzelte die Stirn. Keine Spur von Jacques.

Unwillkürlich sah sie wieder zu dem abweisenden Fremden. Sie hatte sich schon immer für Mode interessiert und erkannte sofort, dass sein teurer Anzug ein Modell von Dior war. Eine Krawatte trug er nicht. Sein strahlend weißes Hemd, dessen oberster Knopf offen stand, hob sich deutlich von seinem dunklen Teint ab.

Megan hob den Blick und sah, wie der Fremde sie prüfend musterte. Ihr hellgrauer Hosenanzug war ihr wie der ideale Kompromiss vorgekommen: eine angemessene Bedeckung in einem arabischen Land und leicht genug für die Hitze der Wüste. Jetzt kam er ihr viel zu dünn vor. Stattdessen hätte sie ihr schwarzes Kostüm tragen sollen, mit dem Stehkragen und dem langen Rock. Darin wäre es ihr zwar viel zu heiß gewesen, aber dann hätte sie sich nicht so nackt gefühlt, dem unerbittlichen Blick dieses unheimlichen Mannes ausgeliefert. Als sich ihre Blicke trafen, verzog er abschätzig die Lippen. So, als sei er nicht gerade beeindruckt von dem, was er sah.

Sein zurückweisender Blick überraschte Megan. Sie war nicht eitel, aber sie wusste, dass sie attraktiv war. Normalerweise mochten Männer sie, auch wegen ihrer aufgeschlossenen und freundlichen Art.

Zum Glück würde sie diesen Mann nie kennenlernen.

Sie warf den Kopf zurück und beachtete ihn nicht mehr. Stattdessen suchte sie weiter nach Jacques. Er war schon oft zu spät gekommen, was sie bisher nicht gestört hatte. Doch jetzt fühlte sie sich nackt und verletzlich und wünschte, er wäre nur dieses eine Mal pünktlich gewesen. Diesmal würden seine überschwänglichen Entschuldigungen, über die sie sonst lachte, nicht reichen. Mehr als alles andere auf der Welt wollte sie mit Jacques in seinem Auto verschwinden und diesem unangenehmen bronzefarbenen Blick entfliehen.

Megan seufzte. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sie nahm diesen Fremden zu wichtig. Suchend sah sie sich in der Ankunftshalle nach Jacques um.

Aber seine fröhlichen grünen Augen, sein lachender Mund … Er war nirgends in Sicht.

„Megan Saxon.“

Als sie ihren Namen hörte, fuhr Megan herum. Ausgesprochen hatte ihn eine tiefe unbekannte Stimme. Die Stimme des Fremden.

„Was wollen Sie?“ Sie sah ihn aus großen Augen an.

Alle Geschichten, die sie jemals über arabische Männer gehört hatte, schossen ihr durch den Kopf – Geschichten über ihren Chauvinismus, und dass sie dachten, jede westliche Frau gehöre ihnen.

Nicht dass es ihm schwerfallen würde, Frauen zu erobern. Er war kantig, aber sehr attraktiv. Umwerfend attraktiv sogar, wenn man auf Männer stand, die wild und finster aussahen. Megan tat das jedenfalls nicht.

Aber der Fremde kannte ihren Namen. Woher?

„Kommen Sie mit.“

„Ganz bestimmt nicht.“ Mädchenhändler kommen bestimmt nicht zum Flughafen, dachte Megan sarkastisch. Aber trotz ihrer gespielten Tapferkeit blickte sie sich rasch um. Immerhin waren viele Leute am Flughafen. Männer. Verschleierte Frauen. Auch eine Gruppe Sicherheitsleute in Uniform.

Kein Grund zur Beunruhigung.

Noch nicht.

Eine Hand griff nach ihrem Arm.

„Fassen Sie mich nicht an.“ Sie sagte es in ihrem kältesten Tonfall – sogar ihre Brüder schüchterte sie damit ein.

„Verzeihen Sie mir“, erwiderte er ruhig und zog seine Hand zurück. „Ich habe Sie erschreckt. Ich heiße Shafir.“ Er zögerte, dann fügte er hinzu: „Ich bin ein Freund von Jacques.“

Ihr Ärger verflog und wich Scham.

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“, fragte sie erleichtert, während sie ihn ansah. Alles Abweisende war plötzlich aus seinem Blick verschwunden. Hatte sie sich das womöglich nur eingebildet? Oder war das nur der normale abschätzende Blick eines arabischen Mannes gewesen, der eine Frau ohne Begleitung sah?

Er lächelte. Seine Miene hellte sich auf. Wow. Er war vorher schon attraktiv gewesen, aber jetzt, wo alles Düstere aus seinem Blick verschwunden war, sah er geradezu umwerfend aus.

„Äh … wo ist Jacques?“, stammelte Megan. Sie konnte den Blick einfach nicht von dem attraktiven Fremden abwenden. Unglaublich, was ein Lächeln für einen Unterschied machte. Er sollte immer lächeln. Oder lieber nicht. Keine Frau könnte in seiner Gegenwart dann noch klar denken. Trotzdem konnte sie den unangenehmen Blick nicht vergessen, mit dem er sie gemustert hatte. „Wo ist er?“, wiederholte sie.

„Jacques kommt nicht.“

Sie war wie erstarrt. Panisch blickte sie ihn an. Ihr wurde plötzlich eiskalt.

„Ihm ist nichts passiert“, sagte er schnell, so, als ahnte er, dass sie sich bereits das Schlimmste ausmalte.

Erleichtert atmete sie auf. „Sie müssen mich für verrückt halten. Aber mein Bruder ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und einen Moment lang dachte ich …“ Sie sprach nicht zu Ende. Nichts konnte die Verzweiflung und den Schmerz beschreiben, die sie nach Rolands Tod verspürt hatte. Außerdem schuldete sie diesem Mann keine Erklärung.

„Jacques geht es gut. Ihm fehlt nichts. Er hat mich einfach gebeten, Sie hier abzuholen.“ Seine Stimme wurde noch tiefer, und Megan kam es so vor, als sehe sie Mitleid in seinen Augen schimmern.

„Oh, vielleicht hat er mir eine Nachricht geschickt.“ Megan holte ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte es noch gar nicht eingeschaltet.

„Sie waren noch nie in Dhahara, oder?“

Megan warf dem Fremden einen zerstreuten Blick zu.

„Wenn Sie keine Sim-Karte von hier haben, dauert es ziemlich lange, bis Ihr Telefon ein Netz findet.“

Megan sah auf dem Display ihres Telefons, dass er recht hatte. Seufzend schob sie das Handy wieder zurück in die Tasche.

„Warum ist er dann nicht hier?“

„Er hatte einen Termin …“

„Mit einem persischen Teppichhändler, stimmt.“ Megan nickte. Jacques hatte es erzählt, als sie vor zwei Tagen telefoniert hatten. Da war sie noch auf dem Flughafen von Auckland gewesen.

„Der Termin zieht sich länger hin als geplant. Er bat mich, Sie abzuholen und ins Hotel zu bringen.“

Sofort schämte sie sich für ihr Misstrauen. Wenn er sie vorhin nicht so seltsam angesehen hätte, wäre Megan vollends erlöst gewesen. „Danke, dass Sie mich abholen.“

„Mit dem größten Vergnügen“, erwiderte er und nahm ihren Koffer.

Während sie neben ihm her zum Ausgang ging, fiel Megan auf, wie muskulös sein Körper unter dem maßgeschneiderten Anzug war.

Draußen schlug eine Woge unbekannter Düfte über ihr zusammen. Gewürze. Hitze. Staub. Der heiße trockene Geruch der Wüste Dhaharas. Ein warmer Schauer rieselte Megan den Rücken hinunter. Es war eine wilde ungezähmte Welt, die ihr, die sie aus einer ländlichen Gegend Neuseelands kam, völlig fremd war. Nomaden. Karawanen. Sie konnte es kaum erwarten, dieses Land mit Jacques gemeinsam zu entdecken.

„Hier entlang.“ Der heisere Befehl brachte sie zurück auf den Boden der Tatsachen.

Sie sah eine weiß glänzende Limousine, hinter der ein zweiter Wagen wartete. Ein Mann in Uniform, der gebaut war wie ein Kleiderschrank, lehnte an der Vordertür. Der Chauffeur hielt die Beifahrertür auf. Er trug ein weißes langes Gewand und eine Kopfbedeckung, die mit einer schwarzen Kordel zusammengehalten wurde. Im Flugzeug hatte sie in einem Reiseführer gelesen, dass sie „agal“ hieß. Das ist wirklich etwas ganz anderes als die schwarze Uniform und die Schirmmütze, die ich von Chauffeuren gewohnt bin, dachte Megan, als sie in den Wagen stieg.

Nach der Hitze und den fremdartigen Düften draußen wirkte die kalte Luft der Klimaanlage ernüchternd. Megan lehnte sich gegen die schwarzen Samtkissen und warf einen verstohlenen Blick zu dem Mann, der sich neben sie gesetzt hatte. In der Enge des Wagens wirkte er wie ein wildes Tier, das in eine Falle gelaufen war. Ein Wolf, vielleicht. Sie sah in seine bronzefarbenen Augen. Nein, kein Wolf. Er war ganz sicher kein Rudeltier. Ein Panther. Oder ein Jaguar. Wild. Und sehr gefährlich.

Sie spürte, wie ihr Puls plötzlich schneller ging. Dann lächelte er, und die Gefahr war gebannt. Er war wieder ein Mann von Welt, elegant, höflich, aus dem 21. Jahrhundert. Bis auf den wild flackernden Schimmer seiner Augen, den sie im dämmrigen Licht sehen konnte.

Vielleicht nicht ganz aus dem 21. Jahrhundert.

Megan verdrängte schnell das seltsame Gefühl, das sie bei seinem Anblick beschlich. Egal aus welchem Jahrhundert, das war nicht ihr Problem. Zum Glück. In die Stille hinein fragte sie: „Sie und Jacques sind also Freunde?“

Schweigend nickte er.

Megan schluckte. Sie wollte Jacques unbedingt wiedersehen. Er war so … unbekümmert … so charmant. Zivilisiert.

Alles, was dieser Mann hier nicht war.

Sie holte tief Luft und atmete langsam aus. „Es war ein langer Flug“, sagte sie, als er sie ansah. „Wie lange fahren wir bis zum Hotel?“ Sie wollte sich endlich frisch machen. Morgen früh wollten sie und Jacques zu ihrem Wüstenhotel aufbrechen.

Der Mann, der sich nur als Shafir vorgestellt hatte, beugte sich vor und öffnete die Tür eines kleinen, gut versteckten Kühlschranks. „Verzeihen Sie. Ich hätte Ihnen gleich etwas anbieten sollen. Möchten Sie ein Glas Champagner?“

Er konnte sich also benehmen, wenn er wollte. Erst jetzt merkte Megan, dass ihre Kehle staubtrocken war. „Vielen Dank. Ein Mineralwasser wäre toll.“

Sie hatte auf dem Flug kaum etwas gegessen, und sie wollte jetzt keinen Alkohol trinken. Sicher würde sie morgen mit Jacques auf ihrer Terrasse eine Flasche Champagner öffnen, während sie in die Wüste blickten. Sie würden auf ihr Wiedersehen anstoßen und darauf, sich endlich besser kennenzulernen.

Shafir zauberte eine kleine grüne Flasche und ein Glas hervor. Er schenkte ein und reichte Megan das kühle glatte Glas. Mit einem Plopp öffnete Shafir eine Dose Coca-Cola und führte sie sich an die Lippen.

Die schummrigen Deckenleuchten zauberten Reflexe auf sein Haar. Es reichte fast bis auf seine Schultern, was irgendwie nicht so recht zu seiner ansonsten konservativen Erscheinung passen wollte. Sie sah, wie sein Kehlkopf sich bewegte, während er durstig trank. Seine glatte Haut schimmerte golden.

Megan zwang sich wegzusehen und trank einen großen Schluck Wasser. Durch die getönten Scheiben blickte sie nach draußen. Die Straße schlängelte sich silbergrau durch die Wüste. Am Horizont sah sie unzählige, sanft gewölbte Sanddünen. Eine unbestimmte Erwartung stieg in ihr auf.

Hier war alles so aufregend und fremd.

Ganz anders als die saftig-grüne Bucht Neuseelands, in der sie aufgewachsen war. Wo sie – bis auf die eine oder andere Geschäftsreise – ihr ganzes Leben verbracht hatte.

Sie lehnte sich vor und genoss den Ausblick. „Das ist die Wüste von Dhahara, oder?“ Sie konnte die Aufregung nicht verbergen. „Fast zehntausend Quadratkilometer Sand, und im Vergleich dazu sehr wenig Einwohner.“

„Das stimmt. Aber sie ist nicht so öde, wie die meisten Menschen denken.“

Megan blickte auf die goldenen Dünen, die neben der Straße eine dramatische Kulisse bildeten, und sagte: „Ich habe gelesen, dass Dhahara in Zukunft mehr Touristen anlocken will.“

„Sie sind gut informiert.“ Er klang überrascht.

„Es interessiert mich.“

„Wieso?“

Plötzlich schien er sehr aufmerksam zu sein. Sie wandte den Blick von den Dünen ab. „Wieso nicht?“ Sie zuckte die Schultern. „Ich habe auch gelesen, dass Dhahara zwar einige Produkte aus der Europäischen Union importiert. Trotzdem kann es sich sehr gut selbst versorgen und exportiert vor allem Öl, Oliven und orientalische Teppiche.“ Sie merkte, dass sie klang, als würde sie aus einem Reiseführer zitieren, und schwieg.

„Was erhoffen Sie sich eigentlich von Ihrem Besuch hier?“

Misstrauisch sah er sie an.

„Was ich mir erhoffe?“, wiederholte sie verständnislos. „Was sucht jemand an einem Ort, an dem er noch nie gewesen ist? Das Fremde … Abenteuer … Romantik.“ Sein Blick verdüsterte sich bei ihrer unbedachten Antwort. „Gut, vor allem will ich mich entspannen. Ich hatte schon lange keinen Urlaub mehr.“ Und ich will mich wahnsinnig gern in Jacques verlieben. Aber das sagte sie nicht laut. Stattdessen fragte sie: „Wie lange dauert es noch, bis wir in Katar sind? Ich kann es nicht erwarten, mich frisch zu machen.“

Er blinzelte.

Sie spürte etwas Kaltes in ihrer Magengrube. Draußen verschwanden die Dünen, stattdessen breitete sich die Wüste weiter aus. „Sollten hier keine Gebäude sein? Hochhäuser?“

„Es gibt keine Hochhäuser in Dhahara. Wir sind stolz darauf, die traditionelle Wüstenbauweise zu bewahren. Auch in den Städten.“

Natürlich. Sie hatte davon gelesen. Die Bewohner Dhaharas waren stolz auf ihr Erbe. Aber wo waren die Industriegebiete, die es normalerweise vor jeder größeren Stadt gab?

Sie schwieg und blickte weiter hinaus auf die unendlich wirkende Wüste. Sie war überrascht, dass nur so wenig Verkehr herrschte. In ihrem Reiseführer stand, dass Katar mehrere Millionen Einwohner hatte. Aber sie hatten die Straße fast für sich allein. Megan fühlte sich immer unwohler.

Er hatte nicht auf ihre Frage geantwortet, wie lange es noch bis zum Hotel dauerte. Bis auf einige staubige Wege zweigten keine größeren Straßen von der Hauptstraße, auf der sie sich befanden, ab. Sie durchquerten geradewegs die Wüste.

Allmählich bekam sie Angst. Mit höflicher Fragerei war sie nicht weitergekommen. Normalerweise sprach sie aus, was sie beschäftigte. „Wir fahren gar nicht zum Hotel, oder?“

Er sah sie undurchdringlich an.

„Antworten Sie mir! Wohin fahren wir?“ Wie dumm war sie gewesen! Wieso war sie bloß in sein Auto eingestiegen? Alles, was sie von ihm wusste, war, dass er Shafir hieß. Und ein Freund von Jacques war. Was hatte sie getan?

„Ich will mit Jacques sprechen. Sofort.“ Ihr zitterte die Stimme ein wenig. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Er ist in einer Besprechung.“

Sein Tonfall klang unverändert, aber Megan glaubte ihm kein Wort mehr. „Sie lügen! Wo ist Jacques? Sie sind überhaupt kein Freund von ihm, stimmt’s? Was haben Sie mit ihm gemacht?“

„Beruhigen Sie sich.“ Sein Tonfall war schneidend. „Ich habe Jacques nichts getan.“

„Wer zum Teufel sind Sie?“ Sie überlegte fieberhaft, was sie alles über Dhahara gelesen hatte. Es war ein sehr reicher Staat, der von König Selim Al-Dhahara regiert wurde. Sie erinnerte sich nicht, etwas über politische Unruhen gelesen zu haben. Oder Entführungen. Andererseits hatte sie sich einfach nur auf Jacques gefreut. Sie hatte sich nur mit den romantischen und exotischen Seiten des Landes beschäftigt. Ein Fehler. War er vielleicht ein politischer Kämpfer? Oder ein gewöhnlicher Bandit? Oder, Gott bewahre, ein Terrorist? Um Himmels willen.

Sie sah ihn fassungslos an. Das Blut rauschte ihr in den Ohren.

„Sehen Sie mich nicht so an. Ich tue Ihnen nichts.“ Mit einer raschen Bewegung zerdrückte er die leere Coladose, aus der er getrunken hatte.

Megan betrachtete die Überreste der Dose wie gebannt. „Und das soll ich Ihnen glauben?“

Er murmelte etwas Unverständliches. Mit welcher Kraft er die Dose zwischen seinen Fingern zerquetscht hatte! Als wäre sie nur ein Blatt Papier.

Ein heftiges Vibrieren in ihrer Handtasche lenkte sie ab. Ihr Handy hatte endlich Empfang. Keine Sekunde zu früh. Megan fühlte sich unendlich erleichtert. Doch als sie das Telefon aus der Tasche zog, griff Shafir nach ihrer Hand.

„Geben Sie mir das.“

Auf keinen Fall! Trotz seiner Größe und Stärke packte Megan sein Handgelenk und versuchte ihn wegzudrücken. Sie würde ihre letzte Verbindung zur Außenwelt nicht so einfach aufgeben.

Mühelos griff er nach dem Telefon, nahm es in die andere Hand und hielt es weit weg von ihr. Verzweifelt warf sich Megan quer über seinen Schoß. Es war ihr Telefon, verdammt noch mal!

Sie spürte, wie er die muskulösen Oberschenkel anspannte, und wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Unsicher sah sie hoch.

Oh nein. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Unbarmherzig hielt er sie fest. Ihr Atem ging schnell und keuchend. Er dagegen schien überhaupt nicht zu atmen. Vergeblich versuchte sie sich zu beruhigen. Keiner von beiden sagte ein Wort.

Gefahr. Megan war nur zu deutlich bewusst, dass sie die Schwächere war. Sie rutschte von seinem Schoß und gab den Gedanken an ihr Telefon auf.

„Entschuldigen Sie“, murmelte sie leise, als ihr plötzlich bewusst wurde, wie leichtsinnig sie gerade gewesen war.

„Entschuldigen Sie sich nicht“, entgegnete er herrisch. Seine Wangenknochen zeichneten sich scharf gegen die Dämmerung ab. „Seien Sie vorsichtig.“

2. KAPITEL

War das etwa eine Drohung?

Wie hatte sie sich nur so sehr in Gefahr begeben können?

Die Gedanken überschlugen sich in Megans Kopf, während sie zusah, wie er das Fenster einen Spalt öffnete. Ruhig ließ er ihr Telefon nach draußen gleiten. Wütend wollte sie eingreifen – doch dann besann sie sich eines Besseren. Er hatte zwar gesagt, dass er ihr nichts tun würde. Doch das war, bevor sie sich auf ihn geworfen hatte, um ihr Handy zurückzubekommen.

Sie hatte jede Faser seines kräftigen Körpers gespürt. So fest, wie er sie umklammert hatte, war ihm sicher nicht entgangen, dass sie keine Chance gegen ihn hätte, sollte er sie irgendwie bedrängen. Sie waren ganz allein auf dem Rücksitz der dämmrigen Limousine. Was, wenn er plötzlich …

Alles, nur das nicht!

Schnell riss sie sich zusammen. Denk nach, ermahnte sie sich. Sie nahm ihr Wasserglas, um Zeit zu gewinnen, und nahm einen winzigen Schluck.

„Sie können Ihr Handy mitten in der Wüste sowieso nicht gebrauchen. Es gibt keine Mobilfunkmasten hier.“

So eine Aussage war ja zu erwarten gewesen.

Mistkerl.

Megan würdigte ihn keines Blickes. Sie nahm noch einen Schluck Wasser und begann innerlich zu zählen. Eins. Zwei. Sie würde ihm keine Antwort geben. Drei.

„Ich hasse es, wenn Frauen schmollen.“

Das war zu viel für Megan. „Ich schmolle nie!“, platzte es aus ihr heraus.

„Sie verziehen den Mund und halten das Glas so fest, dass es fast zwischen Ihren Fingern zerspringt.“ Er seufzte. „Wenn das keine untrüglichen Zeichen sind.“

Schlagartig wurde Megan noch wütender.

Sie drehte sich zu ihm und blickte ihn so hochmütig an, wie sie konnte. „Erst entführen Sie mich. Dann werfen Sie mein Telefon aus dem Auto. Und jetzt sind Sie auch noch Experte für Frauen. Ich wüsste nicht, wieso ich mit Ihnen sprechen sollte. Sie sind nichts weiter als ein gemeiner Bandit. Ein Dieb. Man sollte Ihnen die rechte Hand abhacken.“

Einen Moment lang war er ganz still. Seine Augen glühten vor unterdrückter Wut.

Dann richtete er sich in den weichen Kissen auf seinem Sitz auf.

Megans Überlebensinstinkt regte sich. Blitzschnell schüttete sie ihm den Inhalt ihres Glases mitten ins Gesicht.

Sofort bereute sie es. Er hatte sie in seiner Gewalt, und statt ihm zu gehorchen, stachelte sie ihn gegen sich auf. Jetzt brachte er sie sicher um.

Sie verkroch sich in die letzte Ecke ihres Sitzes und schützte sich mit beiden Händen gegen seinen Angriff. Er war so groß und stark. Und sie hatte keine Ahnung, wer er eigentlich war. Oder was er mit ihr vorhatte in dieser unendlichen kahlen Wüste.

Das kalte Wasser auf seiner Haut war wie ein Schock. Shafir wischte sich mit der Hand über die Augen und starrte ungläubig auf seine nassen Finger. Wut verschleierte seinen Blick noch zusätzlich zu dem Wasser. Keine Frau hatte es jemals gewagt, ihm so etwas anzutun. Ihm, einem Prinzen des Königshauses von Dhahara.

Er machte eine schnelle Bewegung. Sein verletzter Stolz schrie geradezu nach Rache. Sofort. Megan war trotzig, hatte ihn als Dieb bezeichnet und verlangte ständig, zu Jacques gebracht zu werden. Das alles brachte ihn dazu, dass er sich vor Zorn fast nicht mehr beherrschen konnte. Und irgendwo in dem Strudel seiner Gefühle spürte er Begehren aufsteigen. Ihr Po hatte sich auf seinen Oberschenkeln fest und verführerisch angefühlt. Sie duftete nach Blumen und Vanille, ganz Frau.

Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und geküsst, bis sie nachgab. Doch dann sah er, welche Blicke sie ihm zwischen den Händen, die sie abwehrend gehoben hatte, zuwarf.

Megan Saxon hatte Angst. Nein, Panik.

Vor ihm. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Wie war er nur in diese Situation geraten? Zum Teufel, die Aufgabe, die sein Vater als Herausforderung bezeichnet hatte, passte ihm nicht. Er wollte keine wehrlose Frau einschüchtern.

Obwohl. Das stimmte nicht ganz. Er musste zugeben, dass er sie absichtlich ein wenig erschreckt hatte, um ihr eine Lektion zu erteilen. Dafür, dass sie Zaras Glück bedrohte. Aber er wollte sie nicht zu Tode ängstigen.

Er streckte die Hand aus.

„Rühren Sie mich nicht an, oder Sie werden es bereuen!“

Als er die Verzweiflung in ihrer Stimme hörte, erlosch sein Ärger.

Verzweifelt. Aber auch tapfer. Shafir bewunderte sie dafür.

Er ließ die Hand sinken und sagte so sanft wie möglich: „Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich Frauen nichts tue.“

„Ach ja?“

Ihr sarkastischer Tonfall traf ihn. „Ja, das können Sie ruhig glauben“, gab er zurück. Manche Frauen hatten Angst vor ihm und machten einen großen Bogen um ihn. Andere wiederum fühlten sich von seiner gefährlichen Aura angezogen. Er war ein Scheich. Er war reich. Und ein Königssohn.

Es würde immer Frauen geben, die ihm näherkommen wollten.

Aber er fand nie das, was er suchte.

Er war davon überzeugt, dass es die Liebe, die seine Eltern verband, in seiner Generation nicht mehr gab. Aber natürlich hatten sie auch Glück gehabt. Schließlich waren sie einander schon bei ihrer Geburt versprochen worden. Sie hatten zueinandergefunden und liebten sich wahrhaftig.

Er war von so einem Handel verschont geblieben.

Stattdessen nahm er die Frauen, die sich ihm anboten. Freiwillig. Und kehrte dann in seine Höhle in der Wüste zurück, ohne sich noch einmal umzudrehen, wenn die Affäre zu Ende war.

Aber diese Frau … Megan Saxon war schön.

Und lebendig.

Shafir betrachtete sie aus leicht zusammengekniffenen Augen. Ihr langes dunkles Haar war seidig, sie hatte schöne Augen und blütenweiße zarte Haut. Er hatte schon auf dem Computerfoto gesehen, dass sie attraktiv war. Darauf hatte sie außerdem ein bezauberndes Lächeln gelächelt, das sie ihm noch kein einziges Mal gezeigt hatte. Aber kein Foto der Welt konnte ihre ganze Schönheit zeigen. Oder ihre ungezähmte Kühnheit. Als er am Flughafen zum ersten Mal ihren wilden Blick sah, verschlug es ihm den Atem.

Feuer und Eis.

„Sehen Sie mich nicht so an!“

„Wie sehe ich Sie denn an?“

„So berechnend. Es gefällt mir nicht.“

Sie war scharfsinnig. Und sie hatte immer noch Angst. Er sah, wie sich ihre Brust hob und senkte. Shafir merkte, dass der oberste Knopf ihrer Jacke fehlte. Wahrscheinlich hatte er sich in der Rangelei um das Telefon gelöst. Jetzt gab der Stoff den Blick frei auf den Schatten zwischen ihren Brüsten. Die Haut dort war zart und cremefarben. Shafir zwang sich, wegzusehen, und begegnete stattdessen ihrem zornigen Blick.

„Bringen Sie mich zu Jacques.“

Unmöglich. „Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen nichts tue“, sagte er sanft. „Sie sind sicher bei mir.“

Einen Moment lang sagte sie nichts. Dann murmelte sie: „Warum sollte ich Ihnen das glauben? Sie haben auch behauptet, dass Jacques Sie gebeten hat, mich vom Flughafen abzuholen und ins Hotel zu bringen. Aber Sie bringen mich nicht ins Hotel und auch nicht zu Jacques, oder?“

Shafir zögerte. Er überlegte, was er antworten sollte. Sie würde es sowieso bald merken.

„Nein, ich bringe Sie nicht zu Jacques.“

Erstaunt sah sie ihn an. Sie hatte erwartet, dass er wieder log.

„Also wohin bringen Sie mich?“ Es war bewundernswert, wie sie ihre Angst bezwang.

Überrascht bemerkte er, dass er plötzlich Mitleid mit ihr empfand. „Es wird Ihnen an nichts fehlen. Es ist besser als jedes Hotel.“

Entschlossen schob sie das Kinn vor. „Das ist mir egal. Ich brauche keinen Luxus.“

„Sie sind in Sicherheit. Ich verspreche es.“

Er ignorierte den ungläubigen Laut, den sie ausstieß, als die Limousine langsam zum Stehen kam. Kies knirschte unter den Rädern. Bevor sie protestieren konnte, sagte er: „Wir sind da. Sie können sich frisch machen und sich selbst davon überzeugen, wie luxuriös es hier ist.“

Megan drehte sich weg und beugte sich vor, um durch die dunklen Scheiben etwas zu erkennen. Er wusste, was sie sehen würde. Hohe Mauern mit Zinnen, runden Türmen und Kuppeln.

„Mein Gott, das ist ja ein Palast.“

Bevor er antworten konnte, öffnete sich die Wagentür. Ein Arm in einer goldverzierten Uniform tauchte auf.

„Willkommen, Eure …“

„Danke, Hanif.“ Shafir schnitt dem Diener das Wort ab, bevor er mehr verriet, als ihm lieb war.

Sofort drehte Megan den Kopf und warf ihm einen eindringlichen Blick zu. Offensichtlich war sie schon wieder wütend auf ihn. Diesmal, weil er in ihren Augen unhöflich gewesen war. Auch sein förmliches „Nach Ihnen“ veränderte nicht den unerbittlichen Ausdruck ihrer Augen.

Er folgte ihr in die sengende Hitze des Nachmittags. Die Sonne musste erdrückend sein, wenn man nicht daran gewöhnt war. Schützend legte er einen Arm um sie, um sie nach drinnen zu begleiten. Geschickt wich Megan ihm aus und zog den Riemen ihrer Tasche hoch. Seine Hand griff ins Leere.

„Wo sind wir? Was ist das für ein Ort?“

„Qasr Al-Ward. Der Rosenpalast.“

Megan stutzte. „Ich habe noch nie etwas gesehen, das weniger wie eine Rose aussieht. Wer lebt hier?“

Er selbst. Der Palast war das perfekte Heim für ihn, er nannte ihn gern das „Zuhause seines Herzens“. Aber er hatte nicht vor, ihr das zu sagen. „Der Palast gehört seit vielen Generationen meiner Familie.“

Er sah ihr an, was sie dachte: Wenn sie einmal hier hineinging, kam sie vielleicht nie wieder raus. Zumindest fragte sie nicht, wer seine Familie war. Nicht zum ersten Mal überlegte er, ob es ein Fehler war, sie hierherzubringen. Rafiq hielt es für eine bessere Idee, als sie in ein entlegenes Beduinenlager zu bringen. Hier würde sie nicht einfach davonlaufen. Mitten hinein in die Wüste.

„Ist Ihre Familie hier?“

„Nein. Alle sind in der Stadt beschäftigt – nur meine Angestellten und ich sind hier.“ Die anderen bereiteten in Katar Zaras Hochzeit vor, wie sie ganz genau wusste. Er presste die Lippen zusammen und wartete auf ihre Antwort.

„Da sollte ich auch sein.“

Sie hatte nicht mal mit der Wimper gezuckt, als er auf Zaras Hochzeit anspielte.

Seine Lippen wurden noch schmaler. Das Einzige, was sie im Kopf hatte, war nach Katar zu kommen und die Hochzeit zu verhindern. Shafir fühlte Wut in sich aufsteigen. Mit jedem Kilometer, den sie gefahren waren, hatte er gehofft, dass seine Familie falschlag. Dass Megan nicht diese selbstsüchtige Irre war, für die sie sie hielten. Leider schienen sie aber wirklich recht zu haben.

Sie wollte um jeden Preis in die Stadt zurück. Um Zaras Hochzeit zu sabotieren.

Aber sie hatte nicht mit ihm gerechnet! Er würde ihr keine Gelegenheit geben, ihren teuflischen Plan auszuführen.

„Kommen Sie“, sagte er ungeduldig.

Sie grub die hohen Absätze in den Kies und sah Shafir angriffslustig an. „Ich gehe nicht da rein. Ich will, dass Sie mich in die Stadt bringen. Sofort.“

Es schien ihr nichts mehr auszumachen, dass sie durstig und müde war. Megan war zur Limousine zurückgegangen und versuchte, die Tür zu öffnen.

Shafir verschränkte die Arme. Er wippte auf den Zehenspitzen auf und ab und wartete. „Sie ist verschlossen.“

„Geben Sie mir die Schlüssel.“

„Das kann ich nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Malik hat sie.“

„Malik?“

„Der Chauffeur.“

„Dann sagen Sie ihm, dass er mir aufschließen soll.“ Ihre Stimme klang verzweifelt, als sie sich umblickte und Malik nirgends entdecken konnte. „Wo ist er?“

„Wahrscheinlich …“ Shafir gestattete sich ein Lächeln. „… sucht er seine Frau.“

Schweigend sah Megan ihn an.

„Malik ist bei Aniya, seiner Frau. Er hat sie seit zwei Wochen nicht gesehen.“ Shafir konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Er vermisst sie, wenn er unterwegs ist.“

Megans Blick machte nur zu deutlich, dass sie ihn am liebsten in der Hölle schmoren sehen wollte.

Langsam folgte Megan Shafir die Treppe hinauf. Die Stufen waren aus Stein gehauen und führten zu der beeindruckenden Fassade des Palastes. Als sie durch die Tür ging, stockte ihr der Atem, so farbenprächtig war die Empfangshalle.

Sie vergaß darüber sogar ihre Wut auf Shafir und blickte fasziniert um sich. Die Decke bestand aus Bögen, die ein kunstfertiger Steinmetz fantasievoll verziert hatte. Die Wände waren in einem tiefen Burgunderrot gestrichen. Perserteppiche in allen Farben des Regenbogens bedeckten dunkle Fliesen. „Hier sieht es aus wie in Tausendundeiner Nacht“, murmelte sie. Die orientalische Pracht überwältigte sie. „Der Unterschied zur trockenen Wüste draußen könnte nicht größer sein.“

„Warten Sie, bis Sie die Gärten sehen.“

„Gärten?“ Megan drehte sich zu Shafir. Machte er sich über sie lustig? Doch seine Miene war ernst. „Gibt es in der Wüste etwa Gärten?“

„Oh ja. Üppige duftende Gärten mit Brunnen und Teichen. Es gibt sogar einen Palmengarten.“

Er klang überzeugend. Schließlich sagte sie: „Kann ich sie sehen?“

„Das werden Sie. Aber erst möchten Sie sich sicher frisch machen.“

Plötzlich stand eine junge Frau neben ihnen. Megan hatte nicht bemerkt, dass Shafir sie gerufen hatte. Die Ledersandalen, die sie trug, machten kein Geräusch auf dem Boden. Nur das Gewand, das sie von Kopf bis Fuß bedeckte, knisterte leise.

„Gehen Sie mit Naema.“

„Aber …“

Shafir hatte sich schon umgedreht und ging weg. Megan schluckte die tausend Fragen, die ihr auf der Zunge lagen, herunter und folgte Naema durch eine Tür, die unauffällig am Ende der Eingangshalle versteckt lag.

Sie fand sich in einer Art Ankleidezimmer wieder. Aber was für eines! Teppiche bedeckten den Boden. An den Wänden hingen Stoffe, die wie golddurchwirkte Seide aussahen.

In der Mitte des Raumes stand eine riesige Badewanne aus Marmor. Eine Wand war ganz mit Spiegeln bedeckt, die die üppigen Farne widerspiegelten, die in schmiedeeisernen Körben von der Decke herabhingen. An der Wand gegenüber war ein Waschbecken aus weißem Marmor, daneben stapelten sich frische Handtücher.

Naema öffnete einen Schrank über dem Waschbecken, der einen Haarfön, Cremes, Zahnbürsten, Puder, Make-up und verschiedene Körperöle enthielt. Alles sah sehr edel und teuer aus.

„Wenn Sie eine Massage nach dem Bad wünschen …“ Naema öffnete eine Tür und deutete auf ein Bett. „… es ist alles bereit.“

Es war zu verlockend. Aber sie wusste, sobald sie sich verwöhnen ließ, wurde sie unaufmerksam. Das konnte sie nicht zulassen.

Sie ließ ihre Tasche neben dem Waschbecken fallen und sagte: „Ich werde mir nur das Gesicht waschen und mich kämmen.“

„Das kann ich machen. Sie haben schöne Haare.“ Naema ließ nicht locker.

„Nein danke. Ich komme zurecht.“

„Ich kann Ihre Kleider holen, wenn Sie möchten.“

Ihre Kleider? Seit sie in den Wagen gestiegen war, hatte sie ihr Gepäck nicht mehr gesehen. „Wo ist mein Koffer?“

„Er wurde in Ihr Zimmer gebracht.“

Ihr Zimmer? Ihre Erleichterung darüber, dass ihr Koffer nicht verloren war, hielt nicht lange an. Dass es ein Zimmer für sie gab, hieß, dass man sie erwartet hatte.

Sie musste auf der Hut sein. Was wollte Shafir von ihr? Warum hatte er sie hierher gebracht?

„Ich hole ihn.“

Megan wollte dankend ablehnen, doch die Angestellte war bereits verschwunden.

Es kam ihr seltsam vor, dass Naema sie so zuvorkommend behandelte. Schließlich war sie die Gefangene von Shafir.

Als sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser wusch, kam ihr plötzlich der Gedanke, dass Shafir vielleicht Sex mit ihr wollte. Sie war vor Angst wie erstarrt. Doch dann dachte sie an den Moment in der Limousine, als sie quer über seinem Schoß gelegen hatte. Er hatte jede Gelegenheit gehabt, sie zu nehmen, sie zu allem zu zwingen.

Aber er hatte es nicht getan.

Stattdessen hatte er ihr das Telefon weggenommen. Aber nachdem sie ihm das Wasser ins Gesicht geschüttet hatte, hatte er sich nicht an ihr gerächt. Obwohl sie an seinem Blick gesehen hatte, wie sehr sein männlicher Stolz gekränkt war. Stattdessen hatte er ihr versichert, dass ihr nichts geschehen würde. Und später hatte er ihr von den Gärten erzählt. Der Mann, der sie gekidnappt hatte, wollte ihr seine Gärten zeigen, verdammt noch mal!

Er war rätselhaft wie eine Sphinx. Seufzend drehte Megan den Wasserhahn zu und griff nach einem der Handtücher. Was immer er wollte, es war sicher keine Sexsklavin. Und sie dankte Gott dafür.

Aber was wollte er dann?

Erpressung? Wusste er vielleicht, dass ihre Familie reich war? Vielleicht wollte er sie an Jacques zurückverkaufen. Brauchte er Geld? Sie strich über das marmorne Waschbecken. Es sah jedenfalls nicht danach aus. Nicht, wenn seiner Familie tatsächlich dieses prächtige Anwesen gehörte.

Wer um alles in der Welt war dieser Shafir?

Shafir blickte auf, als Megan Saxon in den holzgetäfelten Salon kam, den er gern als sein eigenes Reich betrachtete.

Sie hatte ihre Haare gebürstet, bis sie glänzten. Aber sie trug immer noch den grauen Hosenanzug.

Vielleicht dachte sie, dass sie klein beigab, wenn sie sich erst einmal umzog. Wahrscheinlich verlangte sie gleich wieder, dass er sie zu Jacques brachte. Oder es war das einzig dezente Kleidungsstück, das sie dabeihatte. In ihrem Koffer waren wahrscheinlich lauter knappe Fähnchen, mit denen sie Garnier verführen wollte.

Der Gedanke gefiel ihm nicht, und er musterte sie finster. Sie trug keinerlei Make-up. Ihre Haut strahlte dadurch noch mehr. Und sie sah noch unschuldiger aus.

Sie erwiderte seinen Blick, als sie vor dem Diwan stehen blieb, auf dem er saß. Sein Jackett lag neben ihm, die Beine hatte er weit von sich gestreckt und die Füße überkreuzt.

„Also, wer sind Sie, Shafir? Sie sehen nicht aus wie ein Bandit“, sagte Megan. – „Ein Bandit?“ Shafir spürte Ärger in sich aufsteigen. Aber seine gute Erziehung hinderte ihn daran, unbeherrscht aufzuspringen. „Sie glauben, dass ich ein Bandit bin?“

Sie legte den Kopf schräg und betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Ich bin mir nicht sicher.“

Normalerweise kleidete er sich bequem – er trug dann die Thobe, das traditionelle Gewand arabischer Männer. Den Anzug trug er nur ihretwegen. Er wusste, dass sie einem Mann in einem europäischen Designeranzug eher vertrauen würde. Und so war es auch. Er wusste, wie er aussah. Reich. Vornehm. Mächtig.

Nicht wie ein Bandit.

„Natürlich weiß ich nicht genau, wie Banditen aussehen. Manche ziehen sich vielleicht sehr gut an.“

Sie sah ihn von oben bis unten an. Das ärgerte ihn maßlos.

„Und warum denken Sie, dass ich ein Bandit bin?“ Shafirs leise Stimme verriet, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt war.

Aber Megan schien davon nichts zu bemerken, denn sie drehte sich weg und musterte die Sammlung antiker Säbel, die an der Wand hingen. Mit dem Rücken zu ihm sagte sie: „Sie verhalten sich wie ein Bandit. Auch wenn ich nicht weiß, was es Ihnen bringt, mich zu entführen.“

„Was es mir bringt?“ Verblüfft wiederholte er ihre anmaßenden Worte. Er war der Prinz von Dhahara. Sicherlich gab es nichts, was er von ihr brauchte. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Dann sagte er: „Was also glauben Sie, bringt es mir?“

Sie drehte sich zu ihm um. Ihr Blick war wachsam. „Geld. Ich glaube, Sie wollen durch mich Lösegeld erpressen.“

Fast hätte er gelacht. Aber er merkte, dass sie es ernst meinte. Sie hatte mehr Angst, als sie sich anmerken ließ. Er bekam ein schlechtes Gewissen.

„Aber das wäre ein großer Fehler. Ich bin eine ganz normale Touristin.“

Jetzt lachte Shafir tatsächlich. Auch wenn er es nicht lustig fand. Sein schlechtes Gewissen war wie weggeblasen. Hielt sie ihn für so einen harmlosen Trottel?

„Vielleicht nicht ganz normal“, sagte er ironisch. Er war ihr jetzt so nah, dass er ihren Atem spürte. Er roch ganz leicht nach Pfefferminze. „Sie sind Garniers Freundin, und seine Familie ist millionenschwer.“

„Also geht es doch um Lösegeld.“ Sie sah enttäuscht aus. „Er wird nichts zahlen, das kann ich Ihnen versichern. Ich bedeute ihm nichts. Ich bin nicht einmal seine Freundin.“

Jetzt wurde es interessant. „Das sollten Sie mir nicht erzählen.“ Hatte diese Frau denn keinerlei Selbsterhaltungstrieb? „Sie sollten so tun, als seien sie sehr wichtig für Jacques, damit Ihr Erpresser Sie am Leben hält.“

„Danke für den Tipp. Wollen Sie nun Lösegeld oder nicht?“

„Natürlich nicht. Wie ich schon sagte – ich bin ein Freund von Jacques.“

„Das könnte auch eine Lüge gewesen sein, damit ich mit Ihnen komme.“

Sie sah ihn wieder an. Bis auf den schicken Anzug war er Jacques überhaupt nicht ähnlich. „Und woher kennen Sie Jacques? Gemeinsame Geschäfte?“

Er nickte. „Und über die Familie.“

„Sie sind verwandt?“ Sie war überrascht. „Jacques hat nie gesagt, dass er Verwandte in Dhahara hat.“

„Jacques und ich werden bald zur selben Familie gehören. Es wird eine Hochzeit geben“, sagte er und sah sie durchdringend an.

Megan tat Shafirs zukünftige Braut leid. Die arme Frau würde ihr Leben mit einem arroganten, brutalen Mann verbringen – oder zumindest so lange, bis er genug von ihr hatte und sie verließ. Bestimmt war das Gesetz von Dhahara auf der Seite der Ehemänner und ließ geschiedene Exfrauen auf der Straße verhungern.

Wusste Jacques, wie gefährlich Shafir war? Warum ließ Jacques es zu, dass dieser Wilde eine seiner Verwandten heiratete? Vielleicht konnte sie ihn noch davon abbringen. War es eine Cousine von Jacques? Oder eine Stiefschwester? Megan erinnerte sich nicht daran, dass er eine Schwester erwähnt hätte. Er hatte nur etwas von einem Bruder gesagt. Das bewies, dass sie einander noch kennenlernen mussten – aber Shafir war drauf und dran, ihren entspannten romantischen Urlaub zu ruinieren.

„Der Ehevertrag wurde bereits aufgesetzt“, sagte Shafir und unterbrach damit ihre Gedanken. Er musterte sie immer noch mit finsterem Blick.

Megan schauderte und bekam eine Gänsehaut. Er liebte doch sicher seine zukünftige Braut? Vielleicht auch nicht. Bestimmt war es eine arrangierte Heirat. Sie hatte gehört, dass so etwas in Dhahara normal war. Die Frau tat ihr plötzlich noch mehr leid. Aber sie wollte jetzt nicht daran denken. Diese Hochzeit ging sie nichts an.

Es war jetzt wichtiger, ihm diese verrückte Idee auszureden, sie hier gefangen zu halten. Sie musste ihn davon überzeugen, dass er sie gehen ließ.

Wieder sah sie sich die Säbel an der Wand an. Sie sahen ziemlich echt aus. Wenn er sie nicht freiwillig gehen ließ, würde sie vielleicht einen davon benutzen. Und dann bliebe auch der armen Braut ein schlimmes Schicksal erspart.

Ihre Lippen zitterten.

Plötzlich ging die Tür auf und unterbrach ihre mörderischen Gedanken. Megan bemerkte den Diener von vorhin.

„Das Abendessen ist angerichtet, Eure Hoheit.“

Megan fiel die Kinnlade herunter. „Eure Hoheit?“

„Eure Hoheit?“ Ungläubig wiederholte Megan die zwei Worte. Sie saßen mittlerweile an einem polierten Tisch, der meilenweit in den riesigen Speisesaal zu reichen schien. Die Porträts finster blickender Scheichs starrten von den Wänden auf sie herab. Waren das seine königlichen Vorfahren? Sie schüttelte den Kopf, immer noch fassungslos.

Kaum merklich runzelte er die Stirn, aß aber weiter.

Vorsichtig spießte sie einen winzigen Bissen auf ihre Gabel. Es sah aus wie ein Fleischbällchen. Sie musste schließlich nicht in Hungerstreik treten.

Natürlich hatte sie auf dem Flug im Reiseführer etwas über die Königsfamilie von Dhahara gelesen. Aber wieso hatte sie einer dieser Scheichs entführt? Das hier war das 21. Jahrhundert, und es war schließlich nicht so, als habe er sie in der Wüste entdeckt und sei so fasziniert von ihrer Schönheit gewesen, dass er sie einfach gefangen nahm und für sich allein haben wollte.

Bei dem albernen Gedanken schauderte sie.

Verdammt.

Was hatte sie bloß für lächerliche Fantasien?

Nein, er hatte sein Vorhaben schon vorher geplant. Schon bevor er sie getroffen hatte. Es war alles eiskalt vorbereitet. Nicht die Tat eines Mannes, der von seiner Leidenschaft überwältigt war.

Offensichtlich gehörte er zur königlichen Familie und trug Verantwortung. „Sind Sie vollkommen verrückt?“

„Beleidigen Sie mich nicht.“ Shafir ließ die Gabel auf seinen leeren Teller fallen. Seine Augen blitzten. Sie witterte Gefahr. „Ich bin kein majnum. Kein Irrer.“

Aber sie ließ sich nicht zum Schweigen bringen. „Wie können Sie es wagen, mich zu entführen? Sie, ein Mitglied der Königsfamilie?“

Er presste die Lippen zusammen. „Ich habe es nicht gewagt. Und ich habe Sie auch nicht entführt.“

„Ach nein? Dann muss ich verrückt sein.“ Verbittert streckte sie das Kinn vor. „Es kommt mir nämlich so vor, als habe man mich gekidnappt.“

„Ich habe Ihnen keinen mit Chloroform getränkten Lappen auf den Mund gepresst und auch keinen Sack über den Kopf gezogen. Es gab keine Gewalt. Sie haben nicht mal einen blauen Fleck.“ Er beugte sich vor und strich über die Haut an ihrem Unterarm. Es fühlte sich fast zärtlich an.

Sie bekam wieder eine Gänsehaut. „Sie sind freiwillig mitgekommen.“

Sie schluckte. Warum hatte sie nicht geschrien und um sich geschlagen? Stattdessen hatte sie ihr Misstrauen unterdrückt und war einfach mitgegangen.

„Sie haben mich getäuscht und angelogen.“

„Aber ich habe Sie nicht gezwungen. Und ich habe Ihnen versprochen, dass ich Ihnen nichts tue, stimmt’s?“

Widerwillig nickte sie. Schweigend überlegte sie, was sie über die Königsfamilie gelesen hatte. König Selim hatte keine Töchter, nur Söhne. Drei, glaubte sie sich zu erinnern. Es gab den Kronprinz, einen Sohn, der mit dem Finanzministerium zu tun hatte und einen, der das Ministerium für Tourismus leitete. Mehr wusste sie nicht.

„Und welcher Sohn sind Sie? Der Erbe, der Geldtyp oder der mit dem Tourismus?“

„Ich bin der mit dem Tourismus, wie Sie es so schön ausdrücken.“

„Dann haben Sie ein ganz schönes Stück Arbeit vor sich.“

„Ach ja?“

Sie nickte heftig. „Ja, denn wenn bekannt wird, dass in Dhahara Leute entführt werden, werden Ihre Besucherzahlen ziemlich schnell abnehmen. Und das war’s dann mit dem Tourismus.“

Jede Spur eines Lächelns verschwand aus seinem Gesicht. „Soll das eine Drohung sein?“

Megan blickte ihn entsetzt an. „Nein, selbstverständlich nicht.“

„Gut“, murmelte er. „Dann verstehen wir uns. Denn niemand wird von dieser Entführung erfahren, ist das klar?“

Megan legte den Kopf schief. Er biss so fest die Zähne zusammen, dass sie seine Kiefermuskeln sehen konnte. Fasziniert sah sie zu, wie sich seine Haut spannte.

„Na ja, meine Familie wartet darauf, dass ich sie anrufe. Sie wollen wissen, ob ich gut gelandet bin. Wenn ich mich nicht melde, werden sie Fragen stellen, und Alyssa, meine Schwägerin, war einmal eine sehr gute Enthüllungsjournalistin.“

Megan zuckte lässig mit den Schultern. Sie bemühte sich, entspannt und unbesorgt zu wirken. Vielleicht merkte dieser Mistkerl dann nicht, wie viel Angst sie in Wirklichkeit hatte.

Sein Gesicht verdüsterte sich. „Sie drohen mir also doch!“

„Das ist keine Drohung.“

„Was dann?“

„Es ist eine Tatsache.“ Zufrieden sah sie, wie seine Augen sich dunkel verfärbten. Vielleicht merkte Prinz Shafir jetzt, dass die Sache eine Nummer zu groß für ihn war.

Plötzlich war sein Gesicht dem ihren ganz nah. So nah, dass sie die feinen Linien sehen konnte, die die Sonne in die Haut um seine Augen gegraben hatte. „Sie haben wirklich Glück“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Ihr Herz hämmerte wie wild. Eine Ahnung stieg in ihr auf.

„Ich habe Glück? Ich wurde entführt, werde in einem abgelegenen Palast in der Wüste festgehalten, und Sie nennen das Glück?“

„Ja. Wenn Sie einem anderen Mann so offen gedroht hätten, hätte er Sie vielleicht umgebracht.“

„Sie gehören zur Königsfamilie. Sie würden es nicht wagen, denn Sie können sich keinen Skandal leisten.“

Er kniff die Augen zusammen. „Wer weiß?“

3. KAPITEL

Megan wachte auf und blinzelte in das Sonnenlicht, das golden durch die Vorhänge schimmerte, die ihr Himmelbett umgaben.

Die halbe Nacht hatte sie sich schlaflos von einer Seite auf die andere gewälzt. Die Unterhaltung mit Shafir hatte sie nicht losgelassen, bis sie schließlich der Jetlag und die weiche Matratze in einen tiefen Schlaf fallen ließen.

Aber jetzt waren die beunruhigenden Gedanken wieder da. Trotz der Sonnenstrahlen bekam sie eine Gänsehaut.

„Sie würden es nicht wagen“, hatte sie Shafir gestern entgegengeschmettert. Aber mittlerweile befürchtete Megan, dass ihr Entführer mit den bronzefarbenen Augen sich nicht um die Regeln der zivilisierten Gesellschaft kümmerte. Er wagte, was immer er wollte.

Trotzdem kam es Megan so vor, als seien die gefährlich klingenden Worte keine richtige Drohung gewesen. Sondern ein Beweis für Shafirs Sinn für Humor. Für einen ziemlich schwarzen Sinn für Humor. Aber immerhin Humor. Megan versuchte krampfhaft, sich an Shafirs Gesichtsausdruck zu erinnern, als es an der Tür klopfte.

„Einen Moment“, rief sie. Sie stieg aus dem Bett und zog hastig eine Jogginghose über ihr knappes Nachthemd, bevor sie die Tür aufschloss. Zu ihrer Erleichterung stand eine kleine pummelige Frau mit freundlich blickenden Augen vor ihr.

Sabah ala-kheir. Guten Morgen. Ich bin Aniya.“

Das war also Maliks Frau.

Aniyas Kopf war von einem blauen Schleier, der hijab, bedeckt. Sie faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich. „Seine Hoheit lässt Sie zum Frühstück bitten.“

„Also lässt man mich nicht verhungern.“

Aniya blickte sie entsetzt an und hielt die Hand vor den Mund. „Oh nein, niemals. Seine Hoheit …“

„Das war ein Witz.“ Anscheinend kein besonders lustiger. Vielleicht war schwarzer Humor ansteckend. Andererseits … Megan sprach eigentlich immer aus, was sie dachte. Doch Aniya schien wirklich entsetzt über den Gedanken zu sein, dass Seine Hoheit ein Entführungsopfer verhungern ließ. Und Naema hatte sich gestern bemüht, Megan jeden Wunsch zu erfüllen.

Vielleicht wusste das Personal gar nicht, dass Shafir sie entführt hatte?

„Es tut mir leid. Sagen Sie Shafir, dass ich in zehn Minuten da bin.“

Aniya blieb unschlüssig vor der Tür stehen. „Soll Naema Ihre Kleider bügeln?“

„Nein!“ Anyia sah so betreten aus, dass Megan freundlicher hinzufügte: „Ich habe nichts dabei, das knittern könnte.“

„Es ist das erste Mal, dass Prinz Shafir eine Dame hierher gebracht hat. Wir sind so …“, Aniya suchte nach dem richtigen Wort, „… aufgeregt!“

Megan sah sie an. Wunderte sich denn niemand darüber, dass Seine Hoheit eine Frau mitgebracht hatte, die nicht seine Verlobte war? Sie schob den Gedanken zur Seite. Es ging sie nichts an. Es war wichtiger, dem Personal klarzumachen, wie ihre Beziehung zu Shafir tatsächlich aussah.

Sie wollte gerade anfangen, Aniya zu versichern, dass es keinen Grund zur Aufregung gab. Aber dann hielt sie inne. Ihr ging plötzlich auf, wie witzig die Situation war. Absurd, aber witzig.

Das Personal dachte also, dass es hier um Romantik ging.

Es geschah Shafir nur recht, wenn alle dachten, dass sie seine Geliebte war. Nach allem, was er ihr angetan hatte, konnte sie es kaum erwarten, ihn auch einmal ein wenig leiden zu sehen.

Vielleicht würde auch seine zukünftige Braut davon erfahren und sich die Sache mit der Hochzeit noch einmal anders überlegen. Megan würde es ihm so sehr gönnen, wenn seine Verlobte ihn sitzen ließ! Normalerweise waren Rachegedanken nicht typisch für sie, aber sein gestriges Benehmen hatte sie einfach unglaublich wütend gemacht. Außerdem hatte die arme Frau ein Recht darauf, zu erfahren, mit wem sie sich da eingelassen hatte.

Deshalb schenkte Megan Aniya ein strahlendes Lächeln. „Ich kann mich wirklich glücklich schätzen.“

„Oh ja!“ Aniya nickte begeistert. „Prinz Shafir ist so ein gut aussehender Mann, und so weise!“

„Weise?“ Megan kam ein Mann, der eine ausländische Touristin entführte, nicht besonders weise vor. Vor allem nicht, wenn dieser Mann zur königlichen Familie gehörte und das Ministerium für Tourismus leitete.

„Aber ja. Die Menschen durchqueren die ganze Wüste, um die Meinung des Scheichs zu hören. Und er nimmt sich für jeden Zeit.“

Aniyas Meinung von Shafir unterschied sich sehr von ihrer eigenen. Und Megan freute sich schon darauf, das positive Bild, das hier anscheinend alle von dem Prinzen hatten, ein wenig zu korrigieren. Sie hatte keine Angst vor ihm. Er würde es noch bereuen, dass er sie entführt hatte und sie hier gegen ihren Willen gefangen hielt.

Aniyas Stimme unterbrach ihre Gedanken. „Ich werde Seiner Hoheit sagen, dass sein schöner Gast ihm bald Gesellschaft leisten wird.“

Am Treppenabsatz blieb Megan abrupt stehen.

Shafir lehnte an der Brüstung eines Balkons, der sich von dem riesigen Speisesaal nach Osten hin öffnete. Und er sah überwältigend aus. Wie der mächtige Scheich, der er war. Er trug eine Robe, die sich weiß wie Schnee von seinem tiefschwarzen Haar abhob. Er hatte sie noch nicht bemerkt. Seine Hände lagen auf dem steinernen Geländer. Die Muskeln seiner sehnigen Unterarme traten deutlich hervor. Er blickte über die Palastmauern hinaus in die unendliche Weite der Wüste.

Hinter den Palmen im Garten waren keine Bäume mehr zu sehen, nichts Grünes … kein Leben.

Nur hartes karges Land.

Schon jetzt war die Hitze der goldenen Morgensonne zu spüren.

Megan sah sich um. Ihr Blick fiel auf das Frühstücksbüfett. Der Diener, den Shafir Hanif genannt hatte, wartete neben einem kupfernen Teekessel, und Aniya kam gerade mit einem Tablett voller Pfirsiche, Datteln und weißem Käse herein. Sie stellte es auf dem Tisch ab, wo bereits eine Schüssel mit Joghurt und ein Teller voller orientalischem Gebäck standen.

Shafir drehte sich bei dem Geräusch um und sah Megan mit seinem harten durchdringenden Blick an. Er machte einen Schritt in ihre Richtung, und Megan zuckte beinahe zusammen. Aber nur beinahe.

Innerlich schalt sie sich. Er hatte doch versprochen, ihr nichts zu tun, oder? Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Aniya neben ihr stand. Und Hanif schenkte gerade Tee in winzige Tassen. Gut. Sie hatte also Publikum.

Sie klimperte mit den Wimpern. „Oh Schatz, du bist schon auf.“

Shafir war wie erstarrt. Damit hatte er nicht gerechnet!

Bevor sie ihren Triumph genießen konnte, hob er den Kopf wie ein Raubtier, das Gefahr wittert. Seine Augen glitzerten gefährlich. Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu. Megan zuckte zurück, nun doch etwas ängstlich geworden.

„Entschuldigung“, stammelte sie, als sie Aniya anrempelte. Aber der unerwartete Körperkontakt erinnerte sie daran, dass sie nicht allein mit ihrem Entführer war.

„Guten Morgen, Megan Saxon“, sagte Shafir, als er nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt war.

Megan überlegte fieberhaft. „Sabah ala-kheir.“ Sie versuchte, die Worte richtig auszusprechen, mit denen Aniya sie vorhin begrüßt hatte.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, Anerkennung in seinem Blick zu lesen. Er nickte kaum merklich, und Megan entspannte sich ein klitzekleines bisschen.

„Haben Sie gut geschlafen?“

„Was glauben Sie?“, gab sie zurück.

Inzwischen hatten sie Platz genommen. Der Stuhl neben ihr quietschte, als er sich ganz nah zu ihr beugte. Sofort verkrampfte sich ihr Magen. Schmetterlinge tobten darin.

„Schlechtes Gewissen?“

Sie saß ganz still, während es ihr eiskalt den Rücken hinablief. „Was meinen Sie damit?“

Sie konnte jetzt seine Körperwärme spüren. Außerdem roch sie den Duft von Seife, Sandelholz und einem fremdartigen Gewürz, der von seiner Haut ausging. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Aniya die Hände faltete. Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Dienerin aus. Bestimmt dachte sie, dass Shafir und sie sich Zärtlichkeiten zuflüsterten.

Mit leiser Stimme zischte Megan: „Ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich bin schließlich das Opfer. Versuchen Sie bloß nicht, mir die Schuld an Ihrem unglaublichen Benehmen zu geben!“

„Hören Sie auf damit.“

Kein Zweifel, das war ein Befehl. Er erinnerte sie daran, wer er war und welche Macht er in diesem unendlich weiten Land besaß. Megan biss sich auf die Zunge und atmete tief durch.

Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, legte Megan die Hand auf seinen Arm und sagte sanft: „Würden Sie mir bitte den Saft reichen?“

Sie spürte, wie sich seine Muskeln unter ihrer Berührung anspannten. Fast hätte sie die Hand zurückgezogen, aber sie zwang sich, sie liegen zu lassen.

Sofort tauchte Hanif neben ihr auf. „Madame wünschen Orangensaft?“

Sie ließ ihre Hand auf Shafirs Arm liegen und lächelte den Diener an. „Sehr gern.“

Hanif bediente sie. Megan nahm einen Schluck und schenkte Shafir ein strahlendes Lächeln. „Ich kann es kaum erwarten, Ihre Familie kennenzulernen.“

Seine Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen, und er spannte die Muskeln noch weiter an. „Tatsächlich?“

„Oh ja.“ Sie versuchte, unbekümmert zu lachen. Hoffentlich merkte niemand, wie gekünstelt es klang. „Ich habe ihnen so viel zu erzählen.“

Der Mann neben ihr wirkte wie in Stein gemeißelt.

Bis auf die Haut unter ihren Fingern, die sich heiß und lebendig anfühlte.

Verschüchtert sah Megan in die andere Richtung. Dort stand Aniya, die sie so fasziniert anschaute, als ob sich vor ihren Augen die Romanze des Jahrhunderts abspielte.

Megans Mund wurde trocken. Sie hatte schließlich gewollt, dass Aniya diesen Eindruck bekam. Jetzt musste sie das Spiel weiterspielen.

Sie zwang sich, Shafirs durchdringendem Blick zu begegnen und sagte: „Ich werde Ihre Familie fragen, wie Sie als kleiner Junge waren.“ Um ihre Unsicherheit zu verbergen, lächelte sie. „Sicher waren Sie als Kind ganz reizend.“

Als Kind. Bevor er der ruppige unhöfliche Mistkerl wurde, der er heute war.

Seinem wütenden Blick nach zu urteilen, hatte er die Ironie in ihrer Stimme verstanden. Nur Aniya hatte nichts gemerkt. Megan hörte sie leise seufzen.

Plötzlich spürte Megan eine Hand auf ihrer. Shafir hielt sie jetzt in einem eisernen Griff auf seinen festen Unterarm gepresst. Sein Blick war feurig, und Megan spürte plötzlich, dass seine Berührung sie erregte.

Nein!

Wie konnte er nur solche Gefühle in ihr wachrufen?

Er hatte sie am helllichten Tag entführt, sie an diesen einsamen Ort gebracht und ihr immer noch nicht gesagt, was er von ihr wollte. Wie konnte sie unter diesen Umständen nur so etwas für ihn empfinden?

Sie schluckte.

Er sah sie aufmerksam an und sagte: „Haben Sie Durst? Vielleicht noch etwas Orangensaft?“

„Ja“, krächzte sie. Vergeblich versuchte sie, ihre Hand wegzuziehen. Sein Griff war fest.

Er war zu stark.

Megan wollte jetzt keine Szene machen, da sie schließlich diejenige war, die diese Situation heraufbeschworen hatte.

„Sie wollen also meine Familie kennenlernen?“

Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen? Aber sie durfte sich jetzt nicht einschüchtern lassen.

„Ja“, sagte sie im Plauderton. „Ich würde gern Ihre Brüder und Ihren Vater kennenlernen. Und Ihre Mutter! Es muss interessant sein, die Frau zu treffen, die so einen Sohn zur Welt gebracht hat.“

Er runzelte die Stirn. „Sie wollen, dass ich ein Treffen organisiere, nur, um Ihre Neugier zu stillen?“

„Warum nicht? Vor allem jetzt, wo es so aussieht, als würde ich hier länger bleiben. Sie werden mich ja nicht so bald gehen lassen, oder?“

Megan konnte förmlich hören, wie es in den Köpfen von Aniya und Hanif arbeitete. Sie zählten jetzt wohl eins und eins zusammen und dachten sich eine wilde Geschichte aus.

Liebe?

Heirat?

Ein Baby?

Doch als sie Shafirs lauernden Blick sah, fragte sie sich, ob sie zu weit gegangen war. Sie hatte ein Raubtier geweckt. Er schien Provokationen nicht zu schätzen.

„Wie läuft das Babysitting?“

Shafir war gerade erst im Palast seines Vaters angekommen, nachdem er mit der internationalen Tourismus-Delegation zu Abend gegessen hatte. Bis auf die zwei, die noch bis zur Hochzeit blieben, verließen die Gesandten mit einem Flug nach Mitternacht das Land. Das Essen in einem Fünfsternerestaurant war angenehm verlaufen. Seine Gäste waren alle von der Idee begeistert, Reisen nach Dhahara anzubieten.

Das Letzte, das Shafir jetzt brauchte, war sein älterer Bruder, der ihn an die Frau erinnerte, die zu Hause in seinem Palast saß. Den ganzen Tag lang hatte er versucht, nicht an sie zu denken. Doch er fragte sich schon die ganze Zeit, wie sie wohl reagiert hatte, als sie zur Mittagszeit entdeckte, dass er nicht mehr da war.

Miststück!

Er warf Khalid einen langen Blick zu, bevor er antwortete: „Das Baby macht mich wahnsinnig.“

Khalid lachte. „Wir wissen, dass sie eine Verrückte ist.“

Sogar sein Vater nickte. Er lag entspannt auf einer eleganten Lederliege. An der Wand über ihm hingen prächtige Gemälde, darunter ein Engel von Botticelli und ein Clown von Picasso.

„Ich bin mir da nicht mehr so sicher“, sagte Shafir. Er zog sein Jackett aus, bevor er sich auf das Sofa neben Khalid fallen ließ.

Autor

Nalini Singh
Seit Nalini denken konnte wollte sie schon immer Autorin werden. Als Kind, wenn sie nicht gerade ihren Tagträumen nachhing, schrieb sie ihre Ideen in ihrem Laptop nieder. Irgendwo auf ihrem Lebensweg fand sie heraus, dass die Tätigkeit eines Autors der eines professionellen Tagträumers gleich kommt. Schreiben wurde darum ihr Karrierewunsch....
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