Julia Collection Band 157

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Die Scheichs Najib, Haroun und Ashraf aus dem fernen Bagestan sind es gewohnt, zu bekommen, was sie wollen! Doch in der Nähe der richtigen Frau schmelzen sie dahin wie Wachs unter der sengenden Wüstensonne …

Mini-Serie von Alexandra Sellers

GANZ ODER GAR NICHT
Als der unglaublich erotische Scheich Najib sie bittet, mit ihm in sein Emirat Barakat zu kommen, ahnt Rosalind, dass sie einen großen Fehler macht. Trotzdem folgt sie diesem Mann, in dessen zärtlichen Händen sie wie Wachs ist. Nur er versteht es, sie auf den Gipfel der Lust zu führen …

DER EROTISCHE FREMDE
Als die Undercover-Agentin Mariel ein Büro durchsucht, wird sie von einem exotischen Fremden überrascht, der sich als „Harry“ vorstellt. Gemeinsam müssen sie vor Kriminellen fliehen! Harrys heiße Liebe lässt Mariel die Angst vergessen – doch sie ahnt nicht, wer ihr glutäugiger Begleiter wirklich ist!

DUNKLE AUGEN – HEISSE BLICKE
Geküsst – und schon verheiratet? Seit die schöne Dana auf einem Ball sehr eng mit Scheich Ashraf Durran getanzt hat, steht ihr Leben Kopf! Erst stürzt sich die Presse auf sie. Dann gibt Ashraf ihre Verlobung bekannt und entführt Dana in seine königlichen Gemächer …


  • Erscheinungstag 01.04.2021
  • Bandnummer 157
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502696
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alexandra Sellers

JULIA COLLECTION BAND 157

1. KAPITEL

Es war geradezu beklemmend still im Raum. Schweigend sahen die drei Männer zu, als der Bankdirektor den Schlüssel drehte und die dicke Stahltür öffnete. Sie tauschten einen kurzen Blick aus, sagten jedoch kein Wort.

Die drei Männer waren ziemlich jung, so um die dreißig, schätzte der Bankdirektor, aber sie hatten etwas an sich, was er nicht recht definieren konnte. Eine Ausstrahlung, die für dieses Alter ungewöhnlich stark war, ein Selbstbewusstsein, das geradezu hoheitsvoll wirkte. Sie schienen miteinander verwandt zu sein; besonders im Ausdruck ihrer Augen ähnelten sie sich sehr. Einer von ihnen hatte den Toten, dessen Tresorfach geöffnet werden sollte, als ihren Cousin bezeichnet.

Der Bankdirektor holte eine lange Schatulle aus glänzendem Metall aus dem Safe. „Seit fünf Jahren wurde dieses Schließfach nicht mehr geöffnet“, erklärte er wichtigtuerisch.

Doch ein solches Vorkommnis war keineswegs ungewöhnlich. Im Laufe des entsetzlichen Krieges von Kaljuk hatten viele Familien Angehörige verloren, ohne etwas von deren Bankschließfächern zu ahnen, bis sie von den jeweiligen Banken wegen des Zahlungsrückstandes für die Miete des Safes angeschrieben wurden. Natürlich kam es auch vor, dass die Bank auf ein solches Schreiben keine Antwort erhielt.

Keiner der drei Männer erwiderte etwas. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen“, sagte der Bankdirektor, nahm die Schatulle, führte die Männer zum Ausgang des unterirdischen Saferaums und überließ es einem seiner Angestellten, Safe und Stahltür wieder zu verschließen.

Der Bankdirektor ging voran durch einen schmalen Gang, an dessen Seiten mehrere kleine Besprechungsräume lagen, in denen normalerweise seine Kunden Einblick in den Inhalt ihrer Kassetten nahmen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, ging er daran vorbei und die Treppe hinauf zur Schalterhalle, in der emsige Betriebsamkeit herrschte.

Von dort aus ging er auf eine Tür mit der Aufschrift „Konferenzraum“ zu und öffnete sie. „Hier sind Sie ganz ungestört“, erklärte er den drei Männern und bedeutete ihnen, einzutreten.

Der Bankdirektor stellte die Schatulle auf dem glänzend polierten Tisch in der Mitte des Raumes ab und drehte sich zu den drei Männern um. Immer noch hatte keiner von ihnen etwas gesagt. Sie wirkten äußerlich ganz ruhig. Doch es lag eine merkwürdig angespannte Atmosphäre im Raum, ganz anders als sonst, wenn Hinterbliebene darauf hofften, Reste ihres Familienerbes zu finden, die von den Kriegswirren irgendwie verschont worden waren. Der Bankdirektor fragte sich, was wohl in dieser Schatulle sein mochte.

„Vielen Dank“, sagte einer der drei Männer und hielt ihm mit einem Ausdruck kühler Höflichkeit die Tür auf.

Zögernd, fast als ob er sich wünschte, bei dem folgenden Drama mitspielen zu dürfen, verbeugte der Bankdirektor sich schließlich und ging hinaus.

Najib al Makhtoum schloss die Tür hinter ihm. Einen Augenblick lang sahen sich die drei Männer schweigend an. Helles Sonnenlicht fiel durch die Fensterscheiben und ließ die Ähnlichkeit ihrer Gesichtszüge besonders deutlich werden. Alle drei hatten die gleiche hohe Stirn, ausgeprägte Wangenknochen und volle, sinnliche Lippen.

„Nun, hoffen wir, dass die Kassette das enthält, was wir suchen“, sagte Ashraf.

Wie auf ein Signal setzten sich alle drei gleichzeitig an den Tisch. Einer streckte die Hand aus und hob den Deckel der Kassette. Alle drei stießen einen Seufzer aus.

„Leer“, sagte Ashraf. „Nun ja, man konnte wohl nicht damit rechnen, dass …“

„Aber es muss doch …“, begann Haroun und wurde von Najib unterbrochen.

„Sie ist nicht ganz leer, Ashraf.“

Die anderen beiden hielten unwillkürlich die Luft an. Zwei Briefumschläge lagen am Boden der Kassette, die im Schatten kaum sichtbar waren.

Einen Moment lang blickten die drei Männer schweigend darauf.

Schließlich richteten Haroun und Najib den Blick auf Ashraf, und dieser griff zögernd nach dem großen braunen Umschlag von der Art, wie man sie für geschäftliche Korrespondenz verwendet, und dem schmalen weißen Kuvert.

„Es ist ein Testament“, stellte Ashraf überrascht nach einem Blick auf den braunen Umschlag fest. „Und ein Brief an Großvater.“ Er legte das weiße Kuvert aus der Hand und brach das Siegel auf, mit dem das Testament versehen war.

„Welcher Notar hat das Testament aufgesetzt?“, fragte Najib. „Doch nicht etwa der alte Ibrahim?“

Ashraf schüttelte den Kopf. „Jamal al Wakil“, las er und blickte auf. „Schon mal von ihm gehört?“

Die anderen beiden verneinten.

„Was bringt einen Mann dazu, sich an einen Fremden zu wenden, um am Vorabend eines Krieges sein Testament aufzusetzen?“, bemerkte Ashraf stirnrunzelnd und begann zu lesen. „Er erwähnt Großvater … seine Mutter …“, murmelte er, während er las. Plötzlich verstummte er und starrte verblüfft auf das Dokument.

„Was ist?“, fragten die beiden anderen wie aus einem Mund.

„‚Vermache ich meiner …‘“ Ashraf brach ab und blickte seinen Bruder und seinen Cousin an. „‚Meiner Frau‘. Jamshid war verheiratet. Er muss wohl …“

„Verheiratet!“, riefen die anderen beiden. „Mit wem?“

Ashraf las vor: „‚Meiner Frau, Rosalind Olivia Lewis‘. Mit einer Engländerin also. Er muss sie geheiratet haben, als er in London war.“ Schweigend las Ashraf weiter. Plötzlich stutzte er von Neuem. „Sie war schwanger. Sie hofften auf einen Sohn.“

„Allah! “, flüsterte Haroun. Erschüttert blickten er und Najib sich an. „Sie hätte doch sicher Kontakt mit unserer Familie aufgenommen, wenn es dieses Kind wirklich gäbe“, sagte Haroun schwach. „Vor allem, wenn es ein Junge wäre.“

„Oder vielleicht auch nicht“, gab Najib zu bedenken. „Was meint ihr? Ob er ihr die Wahrheit erzählt hat, bevor er sie heiratete?“

„Hoffentlich nicht.“

Ashraf schüttelte den Kopf. „Er muss ihr alles erzählt haben. Hier steht: ‚Meinem Sohn vermache ich die al-Jawadi-Rose.‘“

Erneut schwiegen sie betroffen.

„Glaubt ihr, sie hat sie?“, flüsterte Haroun dann. „Aber kann er wirklich so dumm gewesen sein, ihr die al-Jawadi-Rose zu geben?“

„Vielleicht wäre das gar nicht so dumm“, bemerkte Ashraf. „Vielleicht hielt er das für klüger, als die al-Jawadi-Rose zurück nach Parvan zu bringen, da der Krieg unmittelbar bevorstand.“

Najib nahm den weißen Umschlag und griff hinein. Im nächsten Augenblick blickte er in das lächelnde Gesicht einer jungen Frau. „Das ist sie“, sagte er und betrachtete nachdenklich das hübsche Gesicht. Und während er es anschaute, empfand er Bedauern darüber, dass fünf Jahre vergangen waren und er diese Frau nicht damals schon kennengelernt hatte.

Es war offensichtlich, dass der Mann, der sie fotografiert hatte, Jamshid gewesen sein musste und dass sie ihn liebte. Wen sie wohl jetzt liebte?

„Das Kind muss jetzt vier Jahre alt sein“, stellte Haroun fest.

„Wir müssen sie finden, und den Jungen auch.“ Ashraf holte tief Luft. „Bevor es jemand anders tut. Haroun hat recht, vielleicht hat er tatsächlich ihr die al-Jawadi-Rose gegeben. Allah, ein Sohn von Kamil und die al-Jawadi-Rose – die Sache ist zu heikel. Wem könnten wir in dieser Angelegenheit vertrauen?“

Najib betrachtete immer noch das Foto der Frau. Schließlich nahm er es und steckte es in die Innentasche seines Jacketts.

„Ich werde mich darum kümmern“, sagte er.

„Mrs. Bahrami?“

Verblüfft sah Rosalind den Mann vor ihrer Tür an. Es war sehr lange her, dass jemand sie so genannt hatte. Aber sie war ganz sicher, dass sie diesen Mann noch nie zuvor gesehen hatte. Er war kein Typ, den man leicht vergaß.

„Das ist nicht mein Name“, erklärte sie kühl. „Wieso hat der Portier mir nicht Bescheid gegeben?“

„Vielleicht ein Versehen“, murmelte der Fremde.

Sein Haar und seine Brauen waren tiefschwarz, und obwohl er eine Tweedjacke und teure italienische Schuhe trug, wirkte er exotisch, besonders durch seine sehr dunklen, etwas umschatteten Augen und seinen Akzent.

„Ich bin auf der Suche nach Mrs. Rosalind Bahrami.“

Es waren einige Jahre vergangen, doch die Ähnlichkeit war zu offensichtlich. Rosalinds Lippen wurden schmal, und Zorn stieg in ihr auf. „Sie …“

„Bitte“, fiel er ihr ins Wort. „Ich muss sie finden. Rosalind Lewis hat vor einigen Jahren meinen Cousin Jamshid Bahrami geheiratet. Sind Sie nicht diese Rosalind Lewis?“

Jamshids Cousin. Ihr Magen zog sich zusammen.

Najib al Makhtoum nahm jedes Detail an ihr wahr: ihr welliges blondes Haar, ihr schmales Gesicht, ihre schön geschwungenen Lippen, die jetzt zu einem ironischen Lächeln verzogen waren. Gleichzeitig hob sie spöttisch die Brauen. Sie trug keinen Ring.

„Doch die bin ich“, erwiderte sie. „Aber das alles ist lange her. Und Sie, als Jamshids Cousin, was geht Sie das an?“

Najib war es nicht gewohnt, von Frauen so kühl behandelt zu werden, und wurde nun auch zornig. „Ich muss mit Ihnen sprechen. Darf ich hereinkommen?“

„Auf keinen Fall“, antwortete sie. „Leben Sie wohl.“

Sie wollte die Tür zumachen, aber er drückte die Hand dagegen. „Sie haben wohl nicht sehr viel übrig für die Familie Ihres verstorbenen Mannes.“

„Außer abgrundtiefer Abneigung“, erklärte sie. „Bitte nehmen Sie Ihre Hand weg.“

„Mrs. Lewis“, sagte er drängend, und sein Akzent erinnerte sie mit schmerzlicher Deutlichkeit an Jamshid. „Bitte lassen Sie mich mit Ihnen sprechen. Es ist sehr wichtig.“

Seine Augen hatten die Farbe von Zartbitterschokolade. Sein Mund ließ ahnen, dass er die gleiche leidenschaftliche Natur wie Jamshid hatte, allerdings gemäßigt durch Selbstkontrolle. Wäre Jamshid noch am Leben, würden seine Züge vermutlich einen ähnlichen beherrschten Ausdruck angenommen haben.

„Wer sind Sie?“, fragte sie.

„Ich bin Najib al Makhtoum“, sagte er mit einer gewissen Herablassung, so als ob er es nicht gewohnt wäre, sich selbst vorstellen zu müssen.

„Und wer, sagten Sie, schickt Sie?“

„Ich muss mit Ihnen über eine überaus dringende Familienangelegenheit sprechen.“

„Was für eine Familienangelegenheit?“

„Ich verwalte Jamshids Nachlass.“

Abwartend sah sie ihn an.

„Ich versichere Ihnen, es ist zu Ihrem Vorteil“, erklärte er.

„So, so.“ Rosalinds Blick ließ keinen Zweifel darüber, wie sehr sie daran zweifelte. „Na schön, eine halbe Stunde.“ Sie kickte einen Plastikdinosaurier, der auf dem Boden lag, zur Seite und hielt die Tür auf.

„Nur eine halbe Stunde für den Vertreter der Familie Ihres verstorbenen Mannes?“, bemerkte er, ohne eine Miene zu verziehen.

„Das ist genau eine halbe Stunde mehr, als diese Familie mir jemals zu geben bereit war.“

Er schien überrascht. „Sie haben versucht, zu unserer Familie Kontakt aufzunehmen?“

Statt einer Antwort sah sie ihn nur wütend an. Doch das würde ihn sicher nicht abschrecken. Najib al Makhtoum sah aus wie ein Mann, der Herausforderungen liebte.

„Bitte“, sagte sie und wies auf die offene Tür, die zu ihrem geräumigen, eleganten Wohnzimmer führte. Er ging voraus. Er war etwas größer, als Jamshid es gewesen war, und seine Schultern waren noch breiter.

Najib blickte sich im Zimmer um. Es gab nicht viel, das davon zeugte, dass sie jemals mit einem Parvani verheiratet gewesen war, bis auf einen wunderschönen bagestanischen Gebetsteppich und eine antike Miniatur aus Elfenbein des Königspalastes von Parvan.

„Nehmen Sie Platz, Mr. al Makhtoum“, sagte Rosalind, ohne zu lächeln. Sie selbst setzte sich seitlich in die Ecke des Sofas, das neben dem Sessel stand, den sie ihm zugewiesen hatte. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Besucher eine Aktentasche dabeihatte.

Sie legte einen Arm über die Rückenlehne des Sofas und stützte ihre Wange darauf. „Was kann Ihre Familie nach all den Jahren von mir wollen?“, fragte Rosalind und war ein wenig beklommen, als er die Aktentasche öffnete.

„Lassen Sie mich zuerst ein paar Dinge klarstellen“, begann Najib. „Sie sind also Rosalind Olivia Lewis und haben vor fünf Jahren Jamshid Bahrami, Bürger von Parvan und zu jener Zeit Student in London, geheiratet?“

„Das hatten wir doch schon“, gab sie zurück. „Und weiter?“

„Sie bekamen ein Kind von ihm?“

Rosalind erstarrte.

„Es tut mir leid, aber wir haben erst jetzt erfahren, dass Sie mit meinem Cousin verheiratet waren und schwanger waren, als er starb.“

„Ach ja?“, erwiderte Rosalind kühl.

Najib hob eine Braue. „Gab es einen Grund, Mrs. Lewis, weshalb Sie Jamshids Familie nach seinem Tod nicht von Ihrer Heirat und Ihrer Schwangerschaft unterrichtet haben?“

Sie senkte den Kopf ein wenig. „Genauso gut könnte ich Sie fragen, weshalb Jamshid offenbar niemandem etwas von mir erzählt hat, bevor er wegen des drohenden Krieges wieder nach Barakat ging“, erwiderte sie voller Bitterkeit. „Als er ging, versprach er mir, die Zustimmung seines Großvaters einzuholen und dass seine Familie mich holen würde, falls es wirklich zum Krieg kommen würde. Ich sollte mit seiner Familie nach Barakat gehen und das Kind dort bekommen … Nun ja, ich schätze, er hat niemals ein Wort über mich verloren. Warum hätte ich es tun sollen?“

„Er hätte selbstverständlich …“

„Allerdings habe ich sehr wohl einen Brief an Jamshids Großvater geschrieben“, fiel sie ihm ins Wort. „Kurz nachdem ich erfahren hatte, dass mein Mann im Krieg gefallen war. Ich bin sicher, das wissen Sie.“

Rosalind verstand nicht, weshalb Najibs Blick plötzlich sehr misstrauisch wurde.

„Mein Großvater starb ein Jahr nach …“ Er brach ab.

„Tut mir leid, das zu hören. Ich hatte immer gehofft, dass ich ihm eines Tages ins Gesicht sagen könnte, was ich von ihm halte.“

„Sind Sie sicher, dass mein Großvater diesen Brief wirklich erhalten hat?“

Blicklos starrte Rosalind auf den Stoffbezug des Sofas, während sie wieder den alten, stechenden Schmerz spürte.

„Oh ja“, antwortete sie nach einem quälend langen Moment und hob den Kopf. „Oh ja, Mr. al Makhtoum, Ihr Großvater hat ihn erhalten, und ich glaube, das wissen Sie genau. Ich glaube, Sie wissen, was für eine charmante Antwort er mir gegeben hat: dass ich gar nicht mit Jamshid verheiratet sein könne; dass ich nichts weiter sei als eine geldgierige Fremde, die gar nicht wissen könne, welcher ihrer zahllosen Liebhaber der Vater ihres Kindes sei; dass ich daran denken solle, dass Sex gegen Geld mich zur Hure mache und dass ich verflucht sein solle für das, was ich der Familie eines toten Kriegshelden damit antäte.“

Während sie ihrem Besucher direkt in die Augen blickte, fügte sie noch hinzu: „Er ließ keinen Zweifel daran, was er von mir hielt. Was also hat Jamshids Familie dem noch hinzuzufügen?“ Erschüttert wandte Najib den Blick ab.

„Nein“, sagte er leise, als er Rosalind dann wieder ansah. Seiner Stimme war nicht anzumerken, wie aufgebracht er war. Warum, um alles in der Welt, hatte der alte Mann …? Aber die Frage war jetzt ohnehin sinnlos. „Nein, ich wusste nichts von einem solchen Brief. Niemand wusste etwas davon außer meinem Großvater. Das war also seine Antwort an Sie?“

„Nun ja, vielleicht nicht Wort für Wort“, gab Rosalind zu. „Aber man kann ja wohl kaum erwarten, dass ich mich nach fünf Jahren noch an jedes Wort erinnere. Damals allerdings hatte ich das Gefühl, als würde mir jedes einzelne Wort tief ins Herz schneiden. Ich nehme an, Jamshid hat mich die ganze Zeit über belogen. Wahrscheinlich war eine Heirat nach englischem Recht für ihn ohne Bedeutung. Aber ich habe ihm vertraut. Ich habe ihn geliebt, und ich war schwanger von ihm. Dann auf diese Art zu erfahren, dass er es nicht einmal für notwendig gehalten hatte, seinem Großvater von mir zu erzählen, das war …“

Sie brach ab. Es hatte doch keinen Sinn, sich jetzt aufzuregen. Außerdem wusste sie immer noch nicht, weshalb Jamshids Cousin eigentlich hier war.

„Das tut mir sehr leid“, murmelte Najib. „Ich bitte um Verzeihung für meinen Großvater – für uns alle. Wir wussten nichts. Wie gesagt, wir erfuhren erst jetzt von Ihrer Existenz. Leider hat mein Großvater Ihren Brief geheim gehalten.“

Rosalind wusste nicht, ob sie ihm glauben sollte. Aber was machte das schon? Dass sein Cousin Najib al Makhtoum überhaupt in dieser Weise bei ihr auftauchte, bestätigte nur einmal mehr, dass Jamshid nicht zu ihr gehalten hatte.

„Nun, vielleicht verstehen Sie jetzt, weshalb es mich nicht interessiert, was Ihre Familie mir zu sagen hat“, erklärte sie. „Um ehrlich zu sein, ich möchte nicht einmal, dass Sie hier auf meinem Sofa sitzen. Also …“

Abwehrend hob er eine Hand. „Miss Lewis, ich verstehe Ihren Zorn. Aber bitte lassen Sie mich …“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nichts verstehen Sie, denn Sie wissen nichts von mir und von meinem Leben und von der Wirkung dieses Briefes vor fünf Jahren. Sie müssen nichts erklären, Mr. al Makhtoum. Nichts, was Sie sagen könnten, kann etwas ändern. Was geschehen ist, ist geschehen. Es ist vorbei.“

„Es ist nicht vorbei“, entgegnete Najib ruhig.

„Was wollen Sie von mir?“

Er räusperte sich. „Wie Sie wissen, ist Jamshid kurz nach Beginn des Kaljuk-Krieges umgekommen. Wir dachten, er habe kein Testament hinterlassen, aber jetzt hat sich herausgestellt, dass es doch eins gibt. Er hat fast sein ganzes Vermögen Ihnen und dem Kind hinterlassen.“

Rosalind war einen Moment lang zu erschüttert, um etwas zu erwidern. „Was steht dort?“, flüsterte sie dann tonlos.

„Ich habe eine Kopie des Testaments dabei. Wenn Sie sie lesen möchten …“

„Jamshid hat mich in seinem Testament erwähnt?“

„Sie sind die Haupterbin“, antwortete Najib al Makhtoum.

2. KAPITEL

Eine Woge von Gefühlen drohte Rosalind zu überwältigen. „Ich kann nicht die Haupterbin sein. Wieso hat man mir vor fünf Jahren nichts davon gesagt?“

„Wir haben erst vor zehn Tagen von diesem Testament erfahren“, antwortete Najib.

„Sie wussten nichts von Jamshids Testament? Fünf Jahre lang? Wie ist das möglich?“

Rosalind blickte ihn mit großen Augen an. Plötzlich war Najib sich ihrer Zartheit und Schönheit sehr bewusst. Sie hatte eine sehr feminine Ausstrahlung, und er verstand, wieso Jamshid sie geheiratet hatte, obwohl er mit dem erbitterten Widerstand seines Großvaters hatte rechnen müssen.

„Er hat es nicht beim Anwalt unserer Familie aufsetzen lassen, sicherlich, weil er noch nicht die richtigen Worte gefunden hatte, um unserem Großvater alles zu erklären“, sagte Najib. „Er wandte sich an einen uns unbekannten Anwalt. Wir haben inzwischen erfahren, dass dieser ebenfalls ums Leben gekommen ist und seine Kanzlei zerstört wurde.“

Rosalind erinnerte sich an die vielen Zeitungsberichte über die Bombardierungen und wie sie um Jamshids Land geweint hatte. Sie blinzelte und schüttelte den Kopf.

„Jamshid hat eine Kopie des Testaments und der Heiratsurkunde in einem Banksafe deponiert, von dem wir allerdings auch nichts wussten, bis wir kürzlich ein Schreiben der Bank erhielten, weil das Konto, von dem die Safemiete abgebucht worden war, offenbar erschöpft war. Zweifellos hat Jamshid einen Schlüssel für dieses Bankfach bei dem Anwalt hinterlassen, der das Testament aufgesetzt hat, und ging davon aus, dass es im Falle seines Todes geöffnet werden würde.“

Rosalind presste die Lippen zusammen und senkte den Blick.

Als sie ihn wieder hob, spielte ein zaghaftes Lächeln um ihre Lippen, und plötzlich sah sie viel jünger aus. Der bittere Zug um ihren Mund war verschwunden, und sie ähnelte jetzt mehr der fröhlichen Frau auf dem Foto, das Jamshid von ihr gemacht hatte.

„Ich verstehe“, flüsterte sie. „Das war also alles eine tragische …“ Erneut schüttelte sie den Kopf und blickte zur Decke. Sie schluckte schwer. „Ich wünschte, ich hätte das alles vor fünf Jahren gewusst.“

„Es war nicht Jamshids Schuld. Niemand konnte solch eine Verkettung tragischer Umstände voraussehen.“

Rosalind war wie betäubt. Fünf Jahre ihres Lebens hatte sie in einem Irrtum gelebt. Der Schmerz, von dem sie nicht gewusst hatte, dass er immer noch in ihr lebendig war, flammte wieder auf. Jamshid hatte sie gar nicht verlassen. Seine Liebe war nicht vorgetäuscht gewesen.

Najib räusperte sich. „In dem Bankfach befand sich auch ein Brief Jamshids an meinen Großvater.“

„Was steht darin?“, fragte sie atemlos.

„Ich habe ihn dabei. Möchten Sie ihn lesen?“ Er nahm den Brief aus der Aktentasche und reichte ihn ihr. „Sie verstehen Parvani, nicht wahr? Er hat das in seinem Brief erwähnt.“ Rosalinds Hand zitterte, als sie den Brief nahm. Die Schrift verschwamm ihr vor den Augen, und sie musste mehrmals blinzeln, um Jamshids letzte Botschaft lesen zu können.

Großvater, zu meiner Beschämung muss ich gestehen, dass ich noch nicht den rechten Weg gefunden habe, um Dir und der Familie zu sagen, dass ich in England geheiratet habe. Ich weiß, Du wolltest, dass ich eine Frau von unserem Blut heirate, aber du wirst entzückt sein von Rosalind. Sie ist eine wunderbare Frau, die tapfer ihr Schicksal erträgt, und sie wird unserem Kind, das sie zu meiner großen Freude unter dem Herzen trägt, eine wunderbare Mutter sein. Wir glauben, es wird ein Junge. Sollte es Gottes Wille sein, dass ich von diesem Krieg nicht lebend zurückkehre und Du erst durch diesen Brief von meiner Heirat erfährst, vertraue ich darauf, dass …

Rosalinds Kehle war wie zugeschnürt. Sie ließ den Brief fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. „Oh, ich wünschte, ich hätte es gewusst! “, schluchzte sie. „Ich dachte, er hätte mich verraten. Ich dachte …“ Sie biss sich auf die Lippen und zwang sich zur Ruhe. „Er hat mich geliebt.“ Ihr versagte fast die Stimme. „Er hat mich wirklich geliebt.“

Der Fremde, dessen Augen so sehr denen Jamshids glichen, stand auf und setzte sich neben sie. „Ja, er muss Sie sehr geliebt haben.“

„Weshalb hat er seinem Großvater nicht gleich von mir erzählt?“

„Mein Großvater musste in seinem Leben die schwersten Enttäuschungen erleben. Sein Lieblingsenkel verheiratet mit einer Engländerin, das wäre …“ Er brach ab. „Vorerst trösten Sie sich damit, dass die letzten Gedanken Ihres Mannes Ihnen galten, bevor er in den Krieg zog. Ihnen und dem Kind.“

Der zärtliche Klang seiner tiefen Stimme brachte Rosalind um den letzten Rest ihrer Selbstkontrolle, und es erschien ihr plötzlich ganz natürlich, dass er den Arm um sie legte. Schließlich war er ja Jamshids Cousin. Sie legte den Kopf an seine Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Najib strich über ihr honigblondes Haar. Wie tragisch, dass sie all die Jahre an der Liebe Jamshids gezweifelt hatte. Aber sein Cousin hatte gute Gründe gehabt, ihrem Großvater nichts von seiner Heirat zu sagen.

Nur zu gut erinnerte er sich an den schrecklichen Zorn des alten Patriarchen, als Jamshid nach Hause gekommen war und erklärt hatte, in den Krieg ziehen zu wollen, um an der Seite Prinz Kavians zu kämpfen. Schließlich sei er als dessen Tafelgefährte im Land seiner Mutter groß geworden, hatte Jamshid erklärt. Deshalb habe er diesem Land gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, wenn es sich als notwendig erweisen würde. Sein Großvater hatte ihn angeschrien, ihm gedroht und ihm erklärt, dass er auch eine Pflicht gegenüber seiner eigenen Familie habe und gegenüber dem Land seines Vaters.

Der Zorn des Alten hatte wochenlang die ganze Familie in Atem gehalten. Die Invasion der feindlichen Truppen war immer näher gerückt. Jamshid war die ganze Zeit fest bei seinem Entschluss geblieben, während sämtliche diplomatischen Bemühungen fehlgeschlagen waren. Ganz sicher war das nicht der richtige Augenblick gewesen, um seinem Großvater auch noch zu erzählen, dass er eine Engländerin geheiratet hatte. Das hätte den alten Mann womöglich umgebracht.

So war denn Jamshid, der Lieblingsenkel seines Großvaters und dessen designierter Nachfolger, unter einem Fluch in den Krieg gezogen. Wenige Wochen später hatten sie seinen leblosen, ausgemergelten Körper nach Hause zurückgebracht, wie einen Vorboten des noch größeren Grauens, das dieser Krieg nach Parvan bringen würde. Sein Großvater hatte diesen Schicksalsschlag nie überwunden. Die Veränderung, die mit ihm vorging, hatte sie alle sehr erschüttert. Sonst immer stark wie ein Baum, war er innerhalb einer Stunde ein gebrochener Mann gewesen.

Rosalinds Brief musste in dieser Zeit auf ihn gewirkt haben wie ein endgültiger Vernichtungsschlag des Schicksals. Vielleicht wollte er sich auch unbewusst von seinem Schuldgefühl befreien, denn es war schrecklich, einen Mann zu verfluchen, der in den Krieg zog.

Was für eine Tragödie, dass sein Großvater sich damals so sehr von seinen Gefühlen hatte überwältigen lassen! Wäre Rosalind bereits damals in die Familie aufgenommen worden, dann stünden sie und das Kind jetzt schon unter ihrem Schutz. Aber zum Glück hatte das Schicksal ihnen den Weg zu ihr gewiesen, und noch war es Zeit, etwas zu unternehmen.

Najib hielt es für seine Aufgabe, Rosalind jetzt zu beschützen. Unwillkürlich legte er den Arm fester um sie, ließ sie jedoch im nächsten Moment rasch wieder los.

Rosalind nahm ein Papiertaschentuch aus der Schachtel, die auf dem Tisch stand, und putzte sich die Nase. „Danke, dass Sie mir Ihre Schulter geliehen haben“, murmelte sie.

„Tut mir leid, dass es fünf Jahre zu spät passiert.“

Rosalind zwang sich zu einem schwachen Lächeln. „Und was soll nun geschehen?“

„Zuallererst sollte ich Ihnen wohl die wichtigsten Punkte von Jamshids Testament erläutern.“

„Gut.“

Najib kehrte zu seinem Sessel zurück und nahm das Testament zur Hand. „Jamshid hat Ihnen sein Apartment in Paris hinterlassen und eines in New York. Außerdem haben Sie lebenslanges Wohnrecht in seiner Villa in Ostbarakat, die später dem Kind gehören soll. Dann ist da noch ein Haus, das Sie treuhänderisch verwalten sollen bis zum einundzwanzigsten Geburtstag des Kindes. Außerdem gibt es noch einige Wertgegenstände sowie ein beträchtliches Einkommen aus verschiedenen Investitionen.“ Er erklärte kurz, worum es ging. „Glücklicherweise ist in den vergangenen Jahren nichts von all dem verkauft worden“, fügte er noch hinzu. „Und die Auszahlung der aufgelaufenen Zinsen steht Ihnen selbstverständlich sofort zu.“

Rosalinds Staunen wuchs mit jedem Wort. „Und Jamshid hat das alles wirklich besessen?“

Najib blickte Rosalind verwundert an. Konnte es sein, dass sie wirklich so unwissend war? Wenn Jamshid ihr tatsächlich nichts gesagt hatte, musste er verrückt gewesen sein. Aber man musste diese Frau nur ansehen, um zu verstehen, dass sie einen verrückt machen konnte.

„Sein Vater starb, als Jamshid noch ein Baby war“, erwiderte er. „Mit einundzwanzig erhielt er sein gesamtes Erbe. Ich habe mir erlaubt, Ihnen eines der Schmuckstücke zu bringen, das Teil Ihres Erbes ist.“

Er entnahm der Aktentasche einen kleinen Beutel aus dunkelrotem Samt. Schweigend sah Rosalind zu, wie Najib ihn geschickt öffnete, den Inhalt in seine Handfläche leerte und ihr darbot.

Es war ein Ring mit einem Diamanten, so groß, wie sie niemals zuvor einen gesehen hatte – einfach atemberaubend. Er leuchtete, wie von einem inneren Feuer erhellt, so als ob eine ganz besondere Frau von großer Schönheit ihn getragen hätte und ihre Aura ihn immer noch umgäbe.

„Er gehörte unserer Urgroßmutter“, erklärte Najib. „Sie war berühmt für ihre Schönheit und ihren Charme.“ Er sah Rosalind an und dachte im selben Moment, dass er nie zuvor einer Frau mit so starker weiblicher Ausstrahlung begegnet war. Auch Mawiyah war der Legende zufolge eine solche Frau gewesen.

Rosalind starrte immer noch auf den Ring und wirkte, als würde sie ihren Augen nicht trauen. Mit einer ungeduldigen Geste, denn sie war jetzt eine reiche Frau und dieser Ring war nur eine Kleinigkeit für sie, nahm Najib ihr den Ring ab und ergriff ihre Hand.

„Stecken Sie ihn an“, forderte er sie auf und schob ihr den Ring langsam über den Finger.

Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Sie waren beide etwas verunsichert, als sie sich bewusst wurden, dass sie gerade das uralte Ritual vollzogen hatten, das normalerweise Mann und Frau zu einem Paar machte.

Sie begannen gleichzeitig mit betont kühler, unbeteiligter Stimme zu sprechen.

„Der ist wunderschön“, sagte Rosalind.

„Es ist nur eines von vielen wertvollen Stücken, die jetzt Ihnen gehören.“

Immer noch fassungslos schüttelte Rosalind den Kopf. „Jamshid hat mir niemals etwas davon erzählt.“

Aber Jamshid war überhaupt sehr reserviert gewesen, wenn es um seinen persönlichen Hintergrund ging. Sie hatten sich schon monatelang gekannt, bevor er ihr anvertraut hatte, dass er ein Tafelgefährte Prinz Kavians war.

In historischen Zeiten hatte das Wort Tafelgefährte bedeutet, dass man ein Vertrauter des Herrschers war – jemand, mit dem der Herrscher sich bei gemeinsamen Tafelfreuden von den Tagesgeschäften erholte. Heutzutage jedoch beinhaltete diese Position mehr als eine persönliche Verbindung. Die Tafelgefährten bildeten zusammen mit dem Herrscher so etwas wie ein Regierungskabinett.

Sie entstammten normalerweise immer dem Adel, aber Rosalind hatte daraus nicht den Schluss gezogen, dass Jamshid automatisch auch ein sehr reicher Mann sein müsse.

„Aber ist denn im Krieg nicht alles verloren gegangen?“, fragte sie.

„Sämtliche Vermögenswerte in Parvan wurden dem Königshaus übergeben, um den Krieg zu finanzieren“, erwiderte Najib. „Aber Jamshid war vorausschauend genug, um Ihnen nichts von diesem Teil seines Vermögens zu vererben. Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Erbe und das Ihres Sohnes völlig unversehrt ist.“

Und das Ihres Sohnes … „Oh.“

„Bis auf eine Sache, die fehlt. Wir dachten, vielleicht hat er Ihnen diese bereits übergeben, als er erfuhr, dass Sie schwanger waren. Hat Jamshid Ihnen jemals ein Schmuckstück geschenkt?“

„Sie meinen einen Ring? Ja, einen Ehering natürlich.“

„Keinen Ehering, sondern einen Ring mit einem ungewöhnlich großen Diamanten. Oder vielleicht den Schlüssel zu einem Banksafe?“

Verständnislos schüttelte Rosalind den Kopf. Wieder überkamen Najib Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit.

„Ein ungewöhnlich großer Diamant? Sie meinen, größer als dieser hier?“

„Es handelt sich um ein Familienerbstück. Es gehörte Jamshid, war aber nicht bei seinen Sachen, als er starb. Er hätte gewollt, dass sein Sohn diesen Ring bekommt.“

„Sein Sohn“, murmelte sie.

„Die ganze Familie ist natürlich begierig darauf, Sie und den Jungen kennenzulernen. Wir möchten Sie bitten, uns mit ihm zu besuchen.“

Traurig starrte Rosalind auf den Ring an ihrem Finger. Wie anders hätte ihr Leben sein können, wenn … „Es tut mir leid“, erklärte sie ruhig. „Jamshid hatte keinen Sohn. Einen Tag, nachdem ich den Brief von Ihrem Großvater bekam, hatte ich eine Fehlgeburt und verlor Jamshids Baby.“

3. KAPITEL

Einen Moment lang war es ganz still im Raum.

„Sie hatten eine Fehlgeburt?“, wiederholte Najib leise. Er blickte nicht zum Eingang des Apartments und sah deshalb auch nicht den Plastikdinosaurier, der dort auf dem Boden lag.

Rosalind dachte daran, wie weh es getan hatte, jenen Brief zu lesen – als ob ein Dolch sie durchbohrt hätte. Und das Kind hatte auf diese grausamen Zeilen reagiert, indem es sich geweigert hatte, auf die Welt zu kommen.

„Es war dieser Brief“, murmelte sie. „Ich weiß, es war der Brief. Deshalb habe ich Sie alle auch so sehr gehasst.“

Najib sah sie schweigend an mit einer Mischung aus Zweifel und Trauer. Aber es gab nichts weiter zu sagen. Rosalind zuckte leicht mit den Schultern und stand auf. Sie ging ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser.

Als sie zurückkam, saß Najib immer noch an seinem Platz und hielt eine der Glaskugeln in der Hand, die auf ihrem Tisch standen. Geistesabwesend beobachtete er, wie die Schneeflocken im Innern der mit Wasser gefüllten Kugel um die perfekte Nachbildung einer Rose herumwirbelten.

„Ich mache Kaffee. Möchten Sie auch einen?“, fragte Rosalind.

„Ja bitte.“

Während sie sich in der Küche zu schaffen machte, blickte sie durch die Tür hinüber zu Najib. Er wirkte entspannt, aber doch so, als sei er jederzeit bereit, aufzuspringen. Wieder schüttelte er die Kugel, und die Schneeflocken wirbelten auf.

„Wie haben Sie und Jamshid sich eigentlich kennengelernt?“, fragte er. „Waren Sie Kommilitonen?“

„Nein. Ich hatte schon meinen Abschluss in Parvani und arbeitete an der parvanischen Botschaft als Übersetzerin. Prinz Karivan, Arash und Jamshid lebten im oberen Stockwerk des Gebäudes“, erwiderte Rosalind.

„Ich studierte damals hauptsächlich in Paris. Aber meine Schwester hat hier auch studiert, zur selben Zeit wie Jamshid“, bemerkte Najib.

Rosalind, die gerade den Kaffee abmaß, blickte auf, während er weiterredete.

„Erinnern Sie sich an ein junges Mädchen namens Lamis al Azzam?“

Rosalind stieß mit dem Kaffeelot gegen den Kaffeefilter. Das Kaffeepulver wurde über die ganze Arbeitsplatte verstreut. Rosalind fluchte leise und holte rasch einen Schwamm.

Im nächsten Moment stand Najib in der Küchentür. Rosalind zwang sich zur Ruhe, wischte das Kaffeepulver weg, spülte ihre Hände ab und fuhr mit dem Abmessen des Kaffees fort.

„Ich kannte Lamis, ja“, antwortete sie, gab Wasser in die Kaffeemaschine und stellte sie an. Was mochte Lamis ihm wohl erzählt haben? „Sie ist also Ihre Schwester?“

Najib nickte, und sie schluckte schwer. Das war eine Komplikation, die sie gar nicht gebrauchen konnte. „Wieso haben Sie nicht den gleichen Nachnamen?“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung, so als ob eine Erklärung sich nicht lohnte.

„Sie müssen also aus Barakat sein, nicht wahr? Jamshid sagte mir, dass die anderen Zweige seiner Familie in Bagestan und in den Emiraten von Barakat leben.“

Najib zögerte. „Ja. Wir leben in Barakat. Meine Mutter war eine Halbschwester von Jamshids Vater. Aber eigentlich stammt die Familie aus Bagestan.“

Ob er Lamis erwähnt hatte, um ihr Vertrauen einzuflößen? Falls ja, hatte er damit genau das Gegenteil erreicht. Sie musste ihm gegenüber auf der Hut sein. Sie wartete schweigend, bis der Kaffee durchgelaufen war, stellte dann die Kaffeekanne auf ein Tablett, fügte zwei Tassen hinzu und ging wieder ins Wohnzimmer.

„Jamshid stammt also aus Bagestan? Das hat er mir nie erzählt“, sagte sie und setzte das Tablett auf dem Couchtisch ab. Sie füllte eine der kostbaren Porzellantassen mit Kaffee und reichte sie ihm.

„Er wurde dort geboren“, antwortete Najib knapp. Er hatte bemerkt, dass Rosalind reservierter geworden war. Sie wusste also etwas. Seit er Bagestan erwähnt hatte, war sie plötzlich so vorsichtig geworden. Er gab Zucker in seinen Kaffee, rührte um und legte den Löffel auf der Untertasse ab.

„Tatsächlich! Und weshalb hat die Familie das Land verlassen?“, fragte sie.

Du machst mir nichts vor, meine Liebe, dachte er. „Lamis ist jetzt verheiratet und hat ein kleines Kind. Sie arbeitet beim Fernsehen in Barakat.“ Wieder schüttelte er die Glaskugel. „Sie sammelt solche Dinger.“

Das wusste Rosalind nur zu gut. „Denk an mich, wenn du diese Rose betrachtest“, hatte Lamis zu ihr gesagt.

„Ich soll ihr solche Schneekugeln mitbringen, wann immer ich aus Europa komme“, fuhr Najib fort. Diese Frau verbarg etwas vor ihm, das war offensichtlich. Er sollte ihr Zeit lassen, Vertrauen zu fassen. „Meine Schwester war nicht mehr die Gleiche, als sie aus England zurückkehrte. Wissen Sie, was schuld daran sein könnte, dass sie sich so verändert hat?“

Seine dunklen Augen schienen bis auf den Grund ihrer Seele zu schauen. Rosalind senkte die Lider. „Was zum Beispiel sollte das denn sein?“, gab sie schulterzuckend zurück.

„Wenn ich das wüsste! Sie hat nie darüber gesprochen. Bevor sie nach Europa ging, war sie eine lebenslustige junge Frau. Doch als sie nach Hause kam, wirkte sie so anders – als habe sie gelitten.“ Endlich setzte er die Glaskugel ab, ganz vorsichtig, so als habe die Rose oder der Gedanke an seine Schwester das Bedürfnis in ihm geweckt, alles Zarte und Zerbrechliche zu beschützen.

Rosalind war wie hypnotisiert von seinen dunkelbraunen Augen, seinen starken, sensiblen Händen, der tiefen Stimme, die so sanft klingen konnte. Er schien ein Mann zu sein, der das Leben kannte. Es wäre so eine Erleichterung, sich ihm anzuvertrauen, aber … Sie schüttelte den Kopf.

„Vielleicht war es wegen des Krieges“, murmelte sie. Aber jetzt schüttelte er nur den Kopf und sah sie abwartend an, sodass sie sich gezwungen fühlte, weiterzusprechen. „Es gab ein Gerücht, dass Lamis Rückkehr irgendwie unter keinem glücklichen Stern stand. Es hatte wohl etwas mit Spielschulden zu tun. Es hieß, sie habe eine beträchtliche Summe im Kasino von Mayfair verloren. Ihre Familie habe sie auslösen müssen.“

„Das stimmt.“ Najib nippte an seinem Kaffee. „Aber das hätte niemals eine solche Veränderung in ihr bewirken können.“ Wieder ruhte sein Blick auf ihr, so als wüsste er, dass sie mehr wusste, als sie sagte.

„Aber Sie waren doch auch manchmal hier. Sie hätten doch bemerken müssen, wenn Ihrer Schwester etwas passiert wäre.“

„Ich bin genau wie Jamshid kurz vor Ausbruch des Kaljuk-Krieges nach Hause zurückgekehrt. Lamis blieb, um ihr Studium zu beenden.“

„Hat sie von mir gesprochen?“

„Sie hat niemals über ihre Zeit hier gesprochen. Wusste sie von Ihrer Heirat mit Jamshid?“

Rosalind hob die Schultern. „Eigentlich wusste das jeder.“

Najib nickte, leerte seine Tasse und stellte sie ab. „Nun, es ist kein Wunder, dass sie nicht wagte, meinem Großvater davon zu erzählen. Vielleicht können Sie ja ihre Bekanntschaft erneuern.“

„Oh ja, natürlich!“ Rosalind setzte ein strahlendes Lächeln auf, um zu verbergen, dass ihr Puls raste und ihre Gedanken sich überschlugen. „Wann kommt sie nach England?“

Er zog die Brauen zusammen. „Wollen Sie denn nicht nach Ostbarakat kommen, um Ihre Erbschaft zu besichtigen und die Familie kennenzulernen, Rosalind?“

Früher hätte sie von einer solchen Reise geträumt, aber das war lange her.

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie zögernd. Ihr Blick fiel auf ihre Armbanduhr, und sie sprang entsetzt auf. „Oh!“, rief sie. „Das habe ich ja völlig vergessen. Ich … ich habe eine Verabredung. Sie müssen entschuldigen. Ich bin schon sehr spät dran.“

Sofort schob Najib alle Papiere in seine Aktenmappe und erhob sich. Er folgte Rosalind zur Ausgangstür. Sie rannte fast.

„Auf Wiedersehen.“

„Wir werden noch einmal miteinander sprechen müssen“, sagte er.

„Ja, natürlich. Rufen Sie mich an.“

Sie öffnete die Tür, aber Najib al Makhtoum machte keine Anstalten, hinauszugehen. Stattdessen stellte er seine Aktentasche ab und legte Rosalind die Hände auf die Schultern.

Er sah sie eindringlich an, und wieder schien für einen Moment die Zeit stillzustehen. Er beugte sich vor, sein Mund war jetzt ganz nah an ihrem, und für einen merkwürdigen Augenblick war es, als würden sie in eine andere Welt gleiten – eine Welt, in der sie einander sehr gut kannten und in der er das Recht hatte, sie zu küssen. Unwillkürlich teilte Rosalind die Lippen.

Doch der Augenblick verging so schnell, wie er gekommen war.

Najib richtete sich auf. Was für eine Verführerin sie ist, dachte er. Ich werde jede Sekunde mit ihr auf der Hut sein müssen. Jamshid muss von ihr betäubt gewesen sein wie von einer Droge.

„Rosalind, das hier ist sehr, sehr wichtig“, erklärte er. „Sie können nicht ahnen, wie wichtig es ist, dass Sie mir die Wahrheit sagen. Lassen Sie nicht zu, dass immer noch Bitterkeit Ihre Gedanken beeinflusst. Haben Sie einen Sohn von Jamshid?“

Seine kraftvollen, schlanken Finger gruben sich schmerzhaft in ihre Schultern. Sein Blick machte ihr Angst.

„Warum ist das so wichtig?“

„Ich bin nicht befugt, Ihnen das zu erklären. Aber ich bitte Sie, mir zu glauben, dass es wichtig ist.“

Ihre Bitterkeit gewann wieder die Oberhand. „Wie kann etwas, das vor fünf Jahren entschieden zurückgewiesen wurde, jetzt plötzlich so unglaublich wichtig sein?“

Najib schüttelte sie. „Sagen Sie es mir.“

Sie entzog sich ihm und wandte sich ab. „Ich habe es Ihnen schon gesagt. Jamshids Baby ist gestorben“, erklärte sie mit rauer Stimme. Wieder blickte sie auf ihre Uhr. „Bitte gehen Sie jetzt. Ich habe es eilig.“

„Auf Wiedersehen, Rosalind.“ Er nahm seine Aktentasche. „Ich lasse von mir hören.“

Langsam ging Najib zu dem eleganten, schmiedeeisernen Aufzugschacht. Doch bevor er den Knopf drücken konnte, setzte sich die Kabine aus dem Erdgeschoss in Bewegung.

Rosalind biss sich auf die Unterlippe. Statt die Wohnungstür zu schließen, blieb sie in nervöser Erwartung stehen. Wie hatte sie nur vergessen können, daran zu denken?

Najib blickte zu ihr zurück. Seine Augen weiteten sich, als er ihren Gesichtsausdruck sah. Schicksalsergeben wartete sie auf das, was kommen musste.

Der Lift kam mit einem ächzenden Geräusch zum Stehen. Die Tür öffnete sich, und ein kleiner Junge und ein junges Mädchen stiegen aus.

Najib hielt die Tür auf und sah ungläubig zu, wie der Kleine, der ein mit buntem Transparentpapier beklebtes Blatt in der Hand hielt, auf Rosalind zurannte, „Mommy, Mommy!“, rief Sam, und seine Augen funkelten. „Guck mal, was ich für dich gemacht habe!“

Über seinen Kopf hinweg sah Rosalind, dass Najib al Makhtoum seine dunklen Augen anklagend auf sie gerichtet hatte. Dann drehte er sich um und betrat den Lift.

„Er ist dem alten Herrn wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagte Najib.

„Verdammt!“, stieß Ashraf hervor. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ Und, nach einem Moment des Schweigens: „Und von der al-Jawadi-Rose weiß sie nichts?“

„Das behauptet sie jedenfalls. Aber sie lebt in einem Apartment in Kensington, das sie sich bestimmt nicht von ihrem Einkommen als Übersetzerin leisten kann.“

Wieder fluchte Ashraf. „Du glaubst also, sie hat den Ring verkauft? An wen?“

Najib schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Ob und an wen sie verkauft hat, hängt auch davon ab, wie viel sie darüber wusste.“

„Sie weiß jedenfalls genug, um zu bestreiten, dass das Kind von Jamshid ist.“

„Vielleicht hört sie damit auf, wenn sie erst einmal Zeit zum Nachdenken hatte. Sie ist natürlich davon ausgegangen, dass wir alle von dem Briefwechsel wussten und sie einfach im Stich gelassen hätten. Und der Himmel weiß, was sie über Jamshids Motive dachte.“

„Najib, wenn er ihr den Ring gegeben hat, dann kann sie an der Ernsthaftigkeit seiner Absichten nicht gezweifelt haben.“

„Stimmt. Aber vielleicht hat sie sie verkauft, weil Großvaters Brief jegliche Loyalität in ihr abgetötet hat.“

„Das passt alles nicht zusammen“, entgegnete Ashraf.

„Irgendwann wird sie mit der Sprache herausrücken“, sagte Najib, obwohl er sich insgeheim fragte, ob er nicht als Erster die Kontrolle über sich verlieren würde.

„Wir haben aber nicht so viel Zeit“, stellte Ashraf klar. „Wir müssen den Jungen hierherbringen, und es hätte eigentlich schon gestern geschehen müssen.“

„Ich weiß.“

„Kannst du es schaffen, sie herzubringen? Brauchst du Unterstützung?“

Najib dachte daran, wie Rosalind ihn angeschaut hatte, in jenem eigenartigen Augenblick. Ein Versprechen war in diesem Blick gewesen, auf das er sein Leben lang gewartet hatte, ohne es zu wissen.

„Ich schaffe es“, erwiderte er.

Sam und Rosalind saßen auf dem Sofa. Sie drückte ihren Sohn fest an sich, während sie ihm ein Bilderbuch vorlas, das sie sich aus der Bibliothek geholt hatten, und er eifrig seine Kommentare zu den Bildern gab. Das machten sie fast jeden Tag.

Heute jedoch bekam der Kleine nicht ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Immer wieder starrte Rosalind auf den Ring an ihrer Hand, und sie konnte nicht aufhören, an ihre Begegnung mit Najib al Makhtoum zu denken.

Ihr schwirrte der Kopf vor lauter unbeantworteten Fragen. Warum hatte Jamshid seinem Großvater nichts von seiner Heirat gesagt? Warum hatte er ihr nie gesagt, aus was für einer reichen Familie er stammte? War das Testament wirklich erst vor Kurzem aufgetaucht, oder hatte diese Familie einen anderen Grund, sich jetzt plötzlich von diesem Erbe zu trennen?

Falls ja, hatte das vielleicht mit der Hoffnung auf einen Erben Jamshids zu tun. Najib hatte von einem Schmuckstück gesprochen, aber wie wahrscheinlich war es, dass sie wirklich glaubten, Jamshid habe ihr etwas so Kostbares gegeben? Sie wusste nicht allzu viel über Diamanten und Edelsteine, aber der Diamant an ihrem Finger musste mindestens zwei Karat haben. Und der andere sollte noch größer sein? Wovon war die Rede? Vom Koh-i-Noor? Aber warum hätte Jamshid ihr so etwas schenken sollen, wo er ihr doch nichts von seinem fast überirdischen Reichtum erzählt hatte?

Natürlich hatte er ihr Geschenke gemacht – eine wunderschöne Lederjacke, eine goldene Halskette zum Geburtstag, ein antikes Glasfigürchen, als sie schwanger war.

Sie konnte immer noch nicht ganz glauben, was passiert war, aber irgendwo war irgendjemand sehr beunruhigt, so viel war klar. Najib al Makhtoum war nicht so sehr deshalb zu ihr gekommen, um ein altes Unrecht wieder gutzumachen, als vielmehr, um herauszufinden, ob Jamshid einen Sohn hatte.

Ob er wohl seine Schwester über sie ausgefragt hatte? Doch ganz gleich, was Lamis ihm erzählt haben mochte, er hatte Sam gesehen. Er würde wiederkommen und sie erneut zur Rede stellen. Und sie musste sich ganz genau überlegen, was sie dann zu ihm sagen würde.

4. KAPITEL

„Hallo, Rosalind.“

Rosalind legte den Kopf schief. „Najib, Sie haben es wirklich drauf, den Wachmann zu umgehen. Was ist Ihr Geheimnis? Eine Tarnkappe?“

„Darf ich hereinkommen?“

„Glauben Sie nicht, Sie hätten vielleicht erst anrufen können?“

„Wären Sie da gewesen, wenn ich es getan hätte?“

Sie hob kühl eine Braue. „Was wollen Sie um diese Tageszeit an einem Sonntag?“

Najib sah Rosalind stumm an. Ihre nackten Beine wirkten unglaublich lang unter dem Baumwollhemd, das sie trug. Ihr honigblondes Haar war zerzaust, ihr Gesicht wirkte ohne Make-up noch zarter und verletzlicher, ihre haselnussbraunen Augen waren ein wenig geschwollen vom Schlafen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz. Es gab nur eine Antwort auf ihre Frage: Ich will dich.

Er presste die Kiefer aufeinander, um es nicht laut auszusprechen. „Lassen Sie mich herein. Ich muss Ihnen etwas sagen …“

Sie versperrte ihm den Weg. „Wie sind Sie an der Portiersloge vorbeigekommen? Und dieses Mal will ich es wirklich wissen.“

Entrüstet starrte er sie an. Ihr Misstrauen machte ihn ernsthaft zornig. „Ich bin ein ganz normaler Bewohner dieses Hauses. Ich habe eines der Apartments gekauft“, erklärte er scharf.

Ihre Augen weiteten sich. „Sie haben … was? Das glaube ich Ihnen nicht.“

„Mit Geld kann man viel erreichen, das wissen Sie. Also, warum tun Sie so überrascht? Und jetzt lassen Sie mich herein.“

Er legte eine Hand auf ihren Arm, doch das war ein Fehler. In dem Moment, als er sie berührte, schien es ihm unmöglich, sich wieder von ihr zu lösen. Wie hypnotisiert von seinem fordernden Blick machte sie einen Schritt zurück, und er folgte ihr und stieß mit dem Fuß die Tür hinter sich zu.

Rosalind fühlte sich unter seiner Berührung am ganzen Körper wie elektrisiert. Die Luft zwischen Najib und ihr schien zu knistern. Was war sie doch für eine Närrin, nicht schon bei ihrer ersten Begegnung erkannt zu haben, wie stark die Anziehung zwischen ihnen war – so stark, dass es einem Angst machen konnte.

Und es war ihr Pech, dass sie diesem Mann nicht vertrauen durfte.

Sie blickte auf seine Hand, die ihren Arm umfasste, und verwünschte ihr Schicksal dafür, dass sie sich vor Najib in Acht nehmen musste, statt sich von ihm beschützen zu lassen. „Lassen Sie mich los“, sagte sie. Er stand viel zu dicht bei ihr – so dicht, dass sie viel zu deutlich seinen Duft wahrnahm. „Lassen Sie mich los.“ Ihre Stimme war nur noch ein kaum hörbares raues Wispern.

Ohne es zu wollen, verstärkte Najib seinen Griff. Der Impuls, Rosalind einfach auf die Arme zu nehmen, zum Bett zu tragen und sie zu lieben, bevor sie wüsste, wie ihr geschah, war fast übermächtig.

„Tut mir leid“, sagte er.

Mit seiner freien Hand berührte er ihre Wange. Im nächsten Moment umfasste er ihren Hinterkopf und beugte sich vor, um sie zu küssen.

Ein Anflug von Panik ergriff Rosalind. Er will Sex als Waffe gegen mich einsetzen, dachte sie. Abrupt machte sie einen Schritt rückwärts, sodass seine Lippen ins Leere trafen.

„Weshalb sind Sie hergekommen?“

Plötzlich verlor er die Geduld. „Ich habe Ihren Sohn gesehen, Rosalind. Warum haben Sie mich in einer so wichtigen Angelegenheit angelogen?“

Seine dunklen Augen waren fast schwarz. Ihr Blick schien sie zu durchbohren. „Ich habe Sie nicht angelogen“, gab Rosalind zurück. „Und was ist so wichtig daran, dass ich einen Sohn habe?“ Vielleicht wäre es doch besser gewesen, ihm nicht die Wahrheit zu sagen. Was wäre so schlimm daran gewesen, seine Familie in dem Glauben zu lassen, Jamshid habe einen Erben?

„Wollen wir uns nicht setzen?“, sagte er grimmig.

„Ich bin nicht zu einem Gespräch bereit!“, erklärte sie scharf.

Statt einer Antwort ging Najib einfach zum Sofa und stellte seine Aktenmappe auf dem Tisch ab.

Rosalind folgte ihm hilflos. „Warum haben Sie nicht vorher angerufen?“

„Setzen Sie sich“, forderte er sie ruhig auf, und es machte Rosalind schrecklich wütend, dass sie irgendwie nicht fähig war, sich ihm zu widersetzen.

Sie wollte sagen, dass sie sich zuerst etwas anziehen wolle, aber Najib beachtete sie nicht, sondern beugte sich vor und öffnete mit einem lauten Klicken seine Aktenmappe. Das Geräusch verursachte ihr eine Gänsehaut. Wie gelähmt saß sie neben Najib.

Er holte ein Blatt Papier hervor und hielt es ihr vors Gesicht.

Es war die beglaubigte Fotokopie einer Geburtsurkunde. Name: Samir Jawad. Geschlecht: männlich.

Rosalind blickte auf. „Und?“, sagte sie.

„In jenem Sommer wurden Sie schwanger von Jamshid. Im folgenden Frühjahr brachten Sie ein Kind zur Welt.“

„So, habe ich das?“, konterte sie wütend, obwohl es lächerlich war, zu erwarten, dass er ihr glaubte, eine Fehlgeburt gehabt zu haben.

Najib deutete auf die Stelle, wo es hieß: Mutter: Rosalind Olivia Lewis, und las die Worte laut vor.

Rosalind atmete tief durch und versuchte, ruhig zu bleiben. „Damit kommen Sie nicht weiter.“

„Vater: Jamshid Bahrami“, las er weiter.

„Was wollen Sie?“, rief sie hitzig. „Was kümmert Sie das alles? Es ist fünf Jahre her. Was liegt Ihnen daran, ob mein Sohn Jamshids Vermögen erbt oder nicht?“

Najib blickte sie von der Seite an. Er antwortete nicht, aber ihr lief ein Schauer der Angst über den Rücken. „In einer so wichtigen Angelegenheit“, hatte er gesagt. Sicher, wenn ein Testament und ein bislang unbekannter Erbe auftauchten, mochte das für manche sehr ungelegen kommen, aber Najib tat gerade so, als stecke sehr viel mehr dahinter.

Warum hatte er diese weite Reise gemacht, nur weil sich herausgestellt hatte, dass Jamshid eine Frau gehabt hatte? Diese Frage hätte sie sich schon viel früher stellen müssen. Warum hatten sie sie nicht einfach schriftlich informiert und gefragt, ob es ein Kind aus ihrer Ehe mit Jamshid gebe?

„Hören Sie, Sam ist …“ Sie brach ab, als Najib ihr Handgelenk packte.

„Lügen Sie mich nicht an, Rosalind!“

Einen Augenblick lang starrten sie einander stumm an. Plötzlich war der Raum erfüllt von einer fast körperlich spürbaren Spannung, und die hatte nichts mit dem Streit zwischen ihnen zu tun. Schließlich befreite Rosalind ihre Hand aus seinem Griff und stand auf. Mochten ihre Gefühle auch vielschichtig sein, ihre Wut drängte alle anderen Empfindungen in den Hintergrund.

„Sie haben nicht das Recht, mich der Lüge zu bezichtigen! Sie wissen nichts über mich und mein Leben!“

„Ich weiß, dass Sie die Geburt dieses Kind angemeldet haben.“ Najib hob die Geburtsurkunde vom Boden auf und legte sie in seine Aktenmappe zurück, bevor er aufstand. „Mit diesem Dokument haben Sie offiziell bekundet, dass Jamshid der Vater Ihres Sohnes ist. Jetzt behaupten Sie etwas anderes. Welche von beiden Behauptungen soll ich glauben?“

Seine Ausstrahlung war unglaublich stark, und Rosalind fühlte sich davon überwältigt. Sie machte ein paar Schritte von ihm weg, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte aus dem Fenster hinaus auf die graue, regennasse Straße. Ein Bentley glitt geräuschlos am Haus vorbei.

„In diesem Land gilt der Ehemann einer Frau immer als der Vater ihrer Kinder, unabhängig davon, ob er der leibliche Vater ist oder nicht. Jamshid ist nicht der Vater meines Kindes.“

Najib folgte ihr zum Fenster. „Sie waren schwanger, und Sie haben ein Kind zur Welt gebracht. Sie hatten keine Fehlgeburt. Richtig?“

Sie sah ihn nur böse an.

„Entweder haben Sie Jamshid und meinen Großvater belogen, oder Sie belügen jetzt mich. Anders kann es nicht sein.“

Doch, es konnte anders sein, aber sie konnte es ihm nicht erklären. Sie musste mit aller Kraft der Versuchung widerstehen, ihm zu vertrauen und ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Denn von allen Menschen war Najib der letzte, dem sie vertrauen durfte. Was für eine schreckliche Fügung des Schicksals, dass ausgerechnet er diese Rolle in ihrem Leben spielen musste.

„Sie wissen nichts! “, rief sie.

„Eine Frau kann nicht eine Fehlgeburt erleiden und wenige Monate später ein Kind bekommen“, stellte er nüchtern klar.

„Sagen Sie mir endlich die Wahrheit!“

Um was ging es hier wirklich? Rosalind bekam immer mehr Angst. Hier ging es offenbar um viel mehr, als sie ahnte. Auf jeden Fall musste sie Sam aus dieser Sache heraushalten.

„Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt. Warum sollte ich mich wiederholen?“, entgegnete sie eisig.

„Warum haben Sie dann nicht den Namen des richtigen Vaters angegeben?“ Najib wartete ihre Antwort nicht ab. „Weil Jamshid eben doch der Vater ist, deshalb. Sie haben meinen Großvater nicht belogen. Sie lügen jetzt. Aber das ist sinnlos, und gefährlich.“

„Sie wissen überhaupt nichts über irgendetwas, das mich betrifft“, erwiderte Rosalind unnachgiebig. Sie war wütend auf Najib, obwohl sie wusste, dass er gar nicht anders argumentieren konnte.

„Soll ich also glauben, dass mein Großvater recht hatte mit dem, was er in seinem Brief an Sie schrieb? Soll ich glauben, dass Sie nicht sicher waren, wer der Vater Ihres Kindes ist und deshalb Jamshid hereingelegt haben?“

Rosalind straffte die Schultern und blickte voller Zorn zu Najib hoch. Im nächsten Moment schlug sie ihm ins Gesicht.

Seine dunklen Augen schienen zu glühen, so als ob sie mit ihrem Schlag nur mühsam unter Kontrolle gehaltene Gefühle in ihm wachgerufen hätte. Mit beiden Händen packte er sie bei den Oberarmen und riss sie an sich. „Tun Sie das nie wieder!“, sagte er warnend, sein Gesicht ganz dicht vor ihrem.

Schweigend starrten sie einander an. Rosalind spürte die Gefahr, die von ihm ausging. Najib al Makhtoum war kein Mann, mit dem man sich anlegen sollte. Irgendwann ließ er sie wieder los, und sie wandten sich voneinander ab. Rosalind verschränkte die Arme vor der Brust und legte die Hände auf die Oberarme, da, wo vorhin seine Finger gelegen hatten.

„Gehen Sie“, sagte sie.

„Der Junge ist meinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten. Es tut mir leid. Ich werfe Ihnen nichts vor. Sie sind zutiefst verletzt worden und können das nicht einfach so vergeben und vergessen. Aber Sie müssen es versuchen, es geht um das Wohl Ihres Jungen.“

„Verlassen Sie umgehend meine Wohnung! Verschwinden Sie aus meinem Leben!“

Najib lachte bitter auf. „Das kann ich nicht“, erwiderte er, und die Art, wie er das sagte, jagte Rosalind einen eisigen Schauer über den Rücken.

„Warum?“

„Rosalind, Ihr Sohn ist in Gefahr. Er muss eine Zeit lang untertauchen. Nur so können wir ihn beschützen.“

„In Gefahr?“, fragte sie wie betäubt. „Was für eine Gefahr?“

„Es gibt Leute, die versuchen werden, Jamshids Sohn zu töten, sobald sie von seiner Existenz erfahren.“

Es war noch viel schlimmer, als sie geglaubt hatte. Sie fing fast an zu schluchzen. „Er ist nicht Jamshids Sohn! Warum nur glauben Sie mir nicht?“

„Weil die Ähnlichkeit einfach zu groß ist. Und weil er als Jamshids Sohn gemeldet ist. Selbst wenn ich Ihnen glauben könnte, andere würden es nicht.“

„Was für andere? Was sind das für Leute? Wer sollte ihnen sagen, Sam sei Jamshids Sohn?“

„Niemand. Aber es wird nicht lange dauern, bis sie es selbst herausfinden.“

„Weil Sie ihnen den Weg gezeigt haben! “, rief sie vorwurfsvoll.

Er schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Warum sind Sie überhaupt gekommen? Um schlafende Hunde zu wecken? Niemand hätte etwas von mir und Sam erfahren, wenn Sie nicht …“

„Es war leicht für mich, diese Informationen zu bekommen“, fiel er ihr ins Wort. „Sie liegen sozusagen auf der Straße, für jedermann sichtbar.“

„Aber das war schon die ganze Zeit so. Warum ist das alles jetzt plötzlich so interessant geworden?“

„Das ist es eben, was ich Ihnen jetzt noch nicht erklären darf.“

„Warum sollte jemand Jamshids Sohn etwas antun wollen?“ Die Angst schnürte Rosalind fast die Kehle zu. „Wer sind Sie? Wer sind Ihre Feinde?“

„Ich habe Ihnen jetzt schon mehr gesagt, als Sie in Ihrem eigenen Interesse wissen sollten“, erklärte Najib.

„Ist nur Jamshids Sohn in Gefahr oder die ganze Familie? Ihre Kinder zum Beispiel, sind die auch betroffen?“

„Ich bin nicht verheiratet. Aber Ihr Sohn ist keinesfalls der Einzige, der in Gefahr ist.“

„Handelt es sich um eine Familienfehde oder so etwas?“, flüsterte sie.

„Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, Rosalind. Sie werden bald mehr erfahren. Aber Sie können mir vertrauen – und Sie müssen mir vertrauen. Die Zeit ist knapp.“

Ängstlich kaute Rosalind auf ihrer Unterlippe. „Und wenn ich Ihnen vertrauen würde, wie würde es dann weitergehen?“

„Sie würden mit mir nach Ostbarakat fliegen, wo wir Sie und Ihren Sohn wirklich beschützen können.“

„Ostbarakat.“ Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über ihre trockenen Lippen. „Für wie lange?“

Er zögerte. „Ein paar Wochen – vielleicht zwei bis drei Monate.“

„Drei ganze Monate?“, wiederholte sie ungläubig. „Und dann?“

„Ich bin nicht befugt, Ihnen zu erklären, inwieweit die Situation sich ändern könnte. Aber sie wird sich ändern.“

„Und danach? Werden Sam und ich zu unserem normalen Leben zurückkehren können?“

Najib wandte kurz den Blick ab, bevor er ihrem wieder begegnete. „Hoffentlich. Ich glaube schon. Wenn wir erfolgreich sind.“

„Hoffentlich?“, wiederholte Rosalind entsetzt.

„Die Schuld, wenn es eine gibt, liegt nicht bei mir. Jamshid hatte nicht das Recht, Sie auf diese Weise zu heiraten.“

„Was …?“

„Rosalind“, fiel er ihr wieder ins Wort. „Ich versichere Ihnen, Sie können mir vertrauen. Jamshid würde wünschen, dass Sie es tun.“

Sie war wie gelähmt vor Angst. Was sollte sie tun? Diesen Mann fürchten oder ihm vertrauen? Es gab keinen Mittelweg, sie musste sich entscheiden. Aber im Augenblick konnte sie keinen klaren Gedanken fassen.

„Mommy?“

Die fragende Stimme kam von hinten, und Rosalind und Najib fuhren mit dem Kopf herum.

Sam stand verschlafen in der Tür, sein Schmuselämmchen in der Hand.

„Guten Morgen, Liebling“, sagte Rosalind gezwungen fröhlich.

Aus großen Augen betrachtete Sam Najib misstrauisch, während er zu seiner Mutter ging und sich an ihrem Bein festhielt.

Zu ihrer Überraschung ging Najib vor ihrem Sohn in die Hocke. „Hi“, begrüßte er ihn.

Sam sah den Fremden lange schweigend an, dann blickte er unsicher zu seiner Mutter hoch.

„Sam, das ist Najib“, erklärte sie.

Der Kleine fuhr fort, den Fremden zu mustern.

Najib wartete geduldig ab.

„Hi“, sagte Sam endlich. Dann hob er sein Lämmchen hoch. „Das ist Lambo“, erklärte er.

Rosalind hielt den Atem an. Sein Lämmchen stellte er nur Leuten vor, denen er vertraute.

Najib nickte ernst und streckte eine Hand aus. Vorsichtig kam der Kleine hinter dem Bein seiner Mutter hervor und streckte vertrauensvoll seine kleine Hand ebenfalls aus. Najib nahm sie, und Sam machte noch einen Schritt auf ihn zu und ließ es zu, dass er den Arm väterlich um ihn legte. Sam schaute zu Najib al Makhtoum auf, und in seinem Blick lag eine Sehnsucht, die Rosalind fast das Herz brach. Etwas würde sie ihrem Sohn niemals geben können: Vaterliebe.

„Bist du mein Freund?“, fragte der Kleine.

„Ja, ich bin dein Freund“, erwiderte Najib, ohne zu zögern. „Ein sehr guter Freund.“

Ermutigt fragte Sam weiter. „Bist du mein Vater?“

„Sam …“, begann Rosalind, doch Najib schien diese Frage nicht im Geringsten verlegen zu machen.

„Ich weiß nicht“, sagte er.

Sams Augen weiteten sich, denn zum ersten Mal hatte ein Mann diese Frage nicht mit einem raschen, verlegenen Nein beantwortet.

„Gottes Wege sind oft schwer zu verstehen“, erklärte Najib. „Aber eines weiß ich bestimmt, nämlich dass ich für eine Weile auf dich aufpassen werde, genau so, wie es dein Vater gewollt hätte. Einverstanden?“

Sam blinzelte. Er verstand nur so ungefähr, was der Fremde meinte, aber es genügte ihm. „Okay“, erwiderte er und nickte ernsthaft.

„Was glauben Sie, was Sie da sagen?“, murmelte Rosalind.

Najib blickte zur ihr hoch. „Die Wahrheit“, antwortete er trocken.

„Sie wissen doch genau …“ Sam blickte verunsichert zu ihr auf, und sie bemühte sich, sanft zu klingen. „Das, wonach er gefragt hat, kann und wird niemals sein zwischen ihnen. Und was das Aufpassen betrifft …“

Najib lachte so herzlich auf, dass Sam mit einfiel. Er umarmte den Jungen und richtete sich wieder auf.

„Rosalind, wollen Sie etwa behaupten, dass das Leben Sie noch nicht gelehrt hat, welch unerwartete Wendung das Schicksal immer wieder nehmen kann? Haben Sie keine Angst, das Schicksal herauszufordern?“

„Und welche Wendung sollte das Schicksal nehmen, um Sie zu Sams Vater zu machen?“

Er sah sie auf eine Weise an, bei der ihr ganz heiß wurde. „Wir könnten heiraten“, sagte er leichthin.

Rosalind spürte, auf welch gefährlichem Boden sie sich bewegte, als ihr bei seinen Worten ein vertrautes Prickeln über die Haut rann. Wie oft hatte sie sich gewünscht, jemanden zu haben, mit dem sie die Sorgen und Freuden ihres Lebens mit Sam teilen könnte? „Und woher wissen Sie so genau, was sein Vater gewollt hätte?“ Sie tat, als hätte sie seinen letzten Satz nicht gehört.

„Jeder Vater will sein Kind beschützt wissen“, sagte Najib. „Aber Jamshid würde das ganz besonders wollen, denn sein Vater starb, als er noch ein Baby war. Er würde sich wünschen, dass ich seinem Sohn all das gebe, was er ihm nicht geben kann.“

Sam blickte wieder unsicher zu seiner Mutter hoch, so als ob er ihre Feindseligkeit gegenüber diesem Fremden spürte.

Rosalind beugte sich zu ihm herab. „Ich muss eine Weile mit Najib allein sprechen, mein Liebling. Möchtest du noch ein bisschen ins Bett gehen und Lambo ein Buch vorlesen? Später helfe ich dir beim Duschen.“

Der Kleine nickte, und sie brachte ihn zurück in sein Bett, schüttelte sein Kissen auf und holte ihm ein Bilderbuch.

„Rosalind“, sagte Najib, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Bitte erlauben Sie mir, dass ich alle notwendigen Vorkehrungen treffe, die zu Ihrem Schutz und dem Ihres Sohnes notwendig sind. Die Zeit ist möglicherweise noch knapper, als wir ahnen.“

Ihre Sehnsucht, ihm einfach zu vertrauen, wurde immer stärker. Also musste sie erst recht auf der Hut sein. Sie musste nicht nur ihm misstrauen, sondern auch ihren eigenen Gefühlen.

„Setzen Sie nicht Ihr Glück und das Ihres Sohnes aufs Spiel“, drängte Najib, als sie immer noch zögerte. „Lassen Sie mich auf Sie beide aufpassen.“

„Was werden Sie tun?“

„Haben Sie beide einen Reisepass?“

„Sam ist in meinem Pass eingetragen“, erklärte sie. Ihr Sohn würde nirgendwohin gehen ohne sie.

„Dann werde ich sofort einen Flug für Sie nach Ostbarakat arrangieren. Wann können Sie reisefertig sein? Morgen?“

Schon? Unmöglich! „Nächsten Samstag“, schlug sie vor. Energisch schüttelte Najib den Kopf. „Eine Woche ist zu lang. Wir müssen am Mittwoch fliegen, spätestens am Donnerstag.“

„Freitag“, sagte Rosalind. „Früher geht es nicht.“ Sie musste unbedingt in Ruhe nachdenken.

5. KAPITEL

Als Najib fort war, ging Rosalind ruhelos in ihrem Apartment auf und ab.

„Ihr Sohn ist in Gefahr. Er muss untertauchen …“

Unaufhörlich hallten die Worte in ihrem Kopf wider. Sie konnte nicht wissen, ob Najib gelogen hatte, um sie gefügig zu machen, oder ob es wahr war. Entweder vertraute sie ihm, oder sie verließ die Stadt auf eigene Faust. Sie musste Sam beschützen, denn in einem Punkt hatte Najib auf jeden Fall recht: Wer auch immer ein Interesse an Sam hatte, musste annehmen, er sei Jamshids Sohn.

Doch weshalb nur sollte Jamshids Sohn in Gefahr sein? Sie hatte davon gehört, dass Familien einander bis zum Tod bekriegten, über viele Generationen, aber das erschien ihr so unwahrscheinlich in der heutigen Zeit.

„Jamshid hatte nicht das Recht, Sie auf diese Weise zu heiraten …“

Warum nicht? Und warum hatte Jamshid seinem Großvater die Heirat verheimlicht?

Rosalind erinnerte sich an die Briefe, die Jamshid ihr kurz vor dem Krieg noch geschrieben hatte. Seine Familie freue sich sehr über seine Heirat mit ihr, hatte er behauptet.

Doch der Brief seines Großvaters hatte bewiesen, dass niemand irgendetwas gewusst hatte. Jetzt aber wussten sie Bescheid – oder glaubten Bescheid zu wissen. Doch anstatt sich zu freuen, hatten sie Angst.

Eiskalte Schauer jagten Rosalind über den Rücken. Sie fühlte sich hilflos einer unbekannten Gefahr ausgeliefert.

Dass sie Najib al Makhtoum attraktiv fand – sogar sehr attraktiv –, machte die Sache keineswegs besser. Ja, er sah unglaublich gut aus, wenn er auch zu stolz und eigenwillig wirkte, um im konventionellen Sinn als attraktiv zu gelten. Er erweckte den Eindruck eines Mannes, auf den man bauen konnte – solange man auf seiner Seite war.

Das Problem war nur: Sam war die wichtigste Person in ihrem Leben, und sie konnte und durfte deswegen kein Risiko eingehen. Natürlich ging sie manchmal mit Männern aus, und sie hatte Freunde, aber es gab niemanden, dem sie wirklich völlig vertraute, niemanden, dem sie ihr Herz ausschütten würde. Ihr Geheimnis hatte sie isoliert, auch wenn sie das nie gewollt hatte.

Oder vielleicht lag es auch daran, dass sie nach Jamshid einfach niemandem mehr hatte vertrauen können.

Najib al Makhtoum allerdings strahlte eine männliche Stärke aus, die sehr verlockend war und die sie viel zu lange in ihrem Leben vermisst hatte, sosehr sie ihm auch misstraute. Fünf Jahre lang hatte sie stark sein müssen, und jetzt spürte sie, wie erschöpft sie davon war.

Dennoch durfte sie sich jetzt nicht rückhaltlos auf Najib verlassen. Aber sie musste davon ausgehen, dass es möglicherweise stimmte, was er sagte: dass Sam tatsächlich in Gefahr war.

Das konnte sie nicht einfach ignorieren, auch wenn sie nicht wusste, ob die Gefahr von Najib selbst ausging oder nicht.

„Ja, sie hat eingewilligt“, sagte Najib in den Telefonhörer. „Aber ich schätze, dass sie es sich inzwischen anders überlegt hat.“

Najib musste gähnen. Unwillkürlich massierte er sich den Kopf, wodurch seine ohnehin zerzausten Haare noch mehr durcheinander gerieten. Draußen ging gerade die Sonne auf, und eine Amsel sang aus voller Kehle. Die aufgehende Sonne beschien Najibs weiße Pyjamahose und seine nackten Füße. Unter seinem offenen Morgenmantel war sein Oberkörper nackt. Najib saß weit zurückgelehnt und mit lang ausgestreckten Beinen in einem Sessel, die Zehen in den flauschigen Teppich gegraben, als würde er unbewusst den Kontakt mit dem weichen Material suchen.

„Was soll das heißen?“, fragte sein Gesprächspartner.

Ashraf hatte ein unglaubliches Talent, die unterschiedlichen Zeitzonen einfach zu ignorieren. Aber Najib nahm ihm das nicht wirklich übel. Er hatte ja auch seit dem Kaljuk-Krieg genug Training im Wachwerden auf Kommando.

„Nun, ich denke, sie ist alarmiert und wird auf eigene Faust versuchen, unterzutauchen.“

Ashraf schwieg einen Moment, bevor er antwortete. „Dann hätte die Gegenseite leichtes Spiel.“

„Kann sein.“ Najib war so wütend auf sich selbst wie schon lange nicht mehr. Er hatte viel zu überstürzt gehandelt, hatte ihr gar keine Zeit zum Überlegen gelassen. Kein Wunder, wenn sie nicht wagte, ihm zu vertrauen.

Aber sie sollte ihm vertrauen und ihm die ganze Wahrheit sagen.

Das schnurlose Telefon in der Hand, ging Najib ans andere Ende des Zimmers und blickte aus einem der riesigen Fenster auf den weltberühmten Hyde Park. Ein Reiter auf einem temperamentvollen Schimmel kam vorbei.

„Meinst du, Ghasib hat sie schon auf seine Seite gebracht?“, fragte Ashraf.

Najib runzelte die Stirn. Er wollte nicht glauben, dass sie dazu fähig wäre. „Ich denke nicht.“

„Aber warum lügt sie dann?“

„Vielleicht weil sie die al-Jawadi-Rose verkauft hat.“ Najib blickte auf Rosalinds Foto, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. So wie auf dem Foto sah sie ihn nie an, so vertrauensvoll lächelnd. Ihm gegenüber war sie immer kühl, misstrauisch, ironisch, bitter. Es verletzte ihn zutiefst.

„Das erklärt aber nicht, weshalb sie versucht, uns über den Jungen etwas vorzumachen.“

Was war er doch für ein Narr! Natürlich gab es keinen Grund für sie, ihn so anzublicken wie auf dem Foto. Wenn er nur nicht dieses Gefühl hätte, dass zwischen ihr und ihm unter anderen Umständen eine ganz andere Art von Beziehung möglich wäre.

Er hatte in der Nacht von ihr geträumt, und im Traum, da hatte sie ihn vertrauensvoll angelächelt.

„Könnte es sein, dass Jamshid ihr alles über sich gesagt hat und sie dankend abgelehnt hat?“

„Dann hätte Rosalind aber gewusst, weshalb ich gekommen bin, oder?“ Unverwandt blickte er auf das Foto. Sie verheimlichte ihm etwas, das spürte er. Aber was? Und wie gefährlich war die Information? „Ich würde ihr gern die ganze Wahrheit sagen, Ashraf. Ich glaube, wenn sie wüsste …“

„Du hast doch selbst gesagt, sie hasst uns alle. Wenn du ihr alles erzählst und sie geht damit zu … Das haben wir doch alles schon besprochen, Najib.“

Ja, sie hatten die Sache von allen möglichen Blickwinkeln aus diskutiert. In den falschen Händen könnte Jamshids Sohn – womöglich zusammen mit der al-Jawadi-Rose – zu einer furchtbaren Waffe werden.

„Wäre es möglich, dass sie die Wahrheit sagt und Samir doch nicht Jamshids Sohn ist?“, fragte Ashraf.

„Auf der Geburtsurkunde steht …“

„Sie könnte von Anfang an gelogen haben.“

Das würde bedeuten, dass sie Jamshid betrogen hatte und später seinen Großvater in ihrem Brief belogen, und all das nur aus Geldgier. Wieder betrachtete er das Foto. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Frau einem Mann so etwas antat.

Doch er wollte einfach nicht glauben, dass Rosalind zu solch einem Betrug fähig wäre.

„Warum sollte sie ausgerechnet jetzt, wo endlich Geld fließen wird, leugnen, dass Jamshid Samirs Vater ist?“, gab Najib zurück.

Aber es wäre fatal, wenn er sich jetzt von Gefühlen gegenüber der Mutter von Jamshids Kind leiten ließe. Auf keinen Fall durfte das geschehen, nicht in den nächsten Wochen oder Monaten.

Danach vielleicht.

Am folgenden Montag nahm das Schicksal für Rosalind eine ganz und gar unerwartete Wendung.

Die Agentur, die Rosalind ihre Übersetzungsaufträge vermittelte, fragte an, ob sie Interesse an einem langfristigen Engagement habe. Es gehe um die Übersetzung einer historischen parvanischen Handschrift.

Das hörte sich im Vergleich zu den trockenen Vertragstexten und technischen Beschreibungen, die Rosalind sonst hauptsächlich zu übersetzen hatte, sehr verlockend an. Noch viel verlockender aber waren die Arbeitsbedingungen. Der Besitzer dieser Handschrift wollte diese nicht aus der Hand geben und bot ihr an, in seinem Landhaus an der Küste von Cornwall zu wohnen, bis sie mit der Arbeit fertig wäre.

Solche Bedingungen waren nicht total ungewöhnlich, aber für Rosalind war es das erste Mal, dass sie an sie gestellt wurden. Viele Übersetzer betrachteten ein solches Angebot als das Beste, was ihnen passieren konnte.

Autor

Alexandra Sellers

Alexandra Sellers hat schon an vielen verschiedenen Orten gelebt – wie viele genau, kann sie selbst nicht mehr sagen. Schon als kleines Mädchen träumte sie von fernen Ländern, inspiriert von den Märchen aus 1001 Nacht. Und irgendwann sah sie sich selbst an diesen geheimnisvollen Orten als Schriftstellerin. Prompt wurde die...

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