Balsam für die Seele – 2 heilsame Miniserien

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  • Erscheinungstag 10.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547642
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Carlisle

Ein Herz in Gefahr

1. KAPITEL

Sally Davis nahm ihre Tasche sowie eine tragbare Sauerstoffflasche aus dem Krankenwagen. Die Hitze, die von der brennenden leer stehenden Lagerhalle ausging, war beinah unerträglich, und der Overall klebte ihr am Körper.

Sie arbeitete als Rettungssanitäterin bei der Feuerwehr von Austin, Texas, und dieser Gebäudebrand war der schlimmste, den sie im vergangenen Jahr gesehen hatte. Der Anruf der Einsatzleitstelle hatte bei ihr sofort einen Adrenalinschub bewirkt. Feuer dieser Art fürchtete sie am meisten. Bei einer brennenden Lagerhalle wusste man nie, wer oder was sich darin befand.

Sally beobachtete, wie die Flammen noch höher aufloderten. Der Lärm, den das einstürzende Gebäude verursachte, bildete einen ironischen Kontrast zu dem friedlichen Sonnenaufgang. Doch sie hatte keine Zeit, diesen zu beobachten, denn sie musste ihre Arbeit machen.

Kurz darauf schrie jemand: „Da drinnen ist jemand!“

Schockiert verfolgte Sally, wie Captain Ross Lawson in die Flammen lief. Obwohl er Schutzkleidung trug, erkannte sie ihn an seiner Statur. Ihr stockte der Atem, und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Würde Ross es wieder herausschaffen? Würde er jemanden mitbringen?

Die Feuerwehrmänner an den Schläuchen richteten den Wasserstrahl auf den Eingang.

Mit wachsender Anspannung verfolgte Sally das Geschehen. Sie kannte Ross nur flüchtig, weil sie seit ihrem Umzug nach Austin nur wenige Schichten mit ihm zusammen gemacht hatte. Allerdings war er gut mit ihrem Bruder befreundet. Mehr als einmal hatte Kody ihn in den höchsten Tönen gelobt, und das zu Recht, soweit sie es beurteilen konnte.

Seit sie in ihrer Heimat in North Carolina der freiwilligen Feuerwehr beigetreten war, wusste sie, dass die Sicherheit der Feuerwehrleute immer an erster Stelle stand. Vermutlich hatte Ross überhaupt nicht an seine eigene Sicherheit gedacht, als er in das Feuer rannte.

Ihrer Meinung nach ging er ein viel zu hohes Risiko ein. Er machte nicht den Eindruck eines Draufgängers oder Adrenalinjunkies auf sie, aber so gut kannte sie ihn auch nicht.

Nun kam ihr Kollege James zu ihr. „Dafür braucht man wirklich Mumm.“

Im nächsten Moment erschien eine Gestalt am Eingang, die einen Mann auf den Schultern trug. Da seine Montur schon gut dreißig Kilo wog, musste das eine enorme Last für Ross sein. Auch dafür bewunderte Sally ihn.

Zwei Feuerwehrmänner rannten auf ihn zu, doch er sank zu Boden, bevor sie ihn erreichten. Der Mann rollte auf den Rücken. Aus seiner Kleidung stieg Rauch auf.

„Kümmer du dich um Captain Lawson, ich übernehme den Mann“, rief Sally ihrem Kollegen James zu, während sie auf die beiden zulief.

Nun riss Ross seinen Helm hinunter und stützte sich hustend auf Hände und Knie.

Sally stellte die Flasche ab und kniete sich neben den Verletzten, bei dem es sich offenbar um einen Obdachlosen handelte, um seine Atmung zu überprüfen. Da diese schwach war, legte sie ihm die Maske an, um ihm Sauerstoff zu verabreichen. Nachdem sie seinen Puls gefühlt hatte, suchte sie ihn nach Verletzungen ab und entdeckte einige Verbrennungen in seinem Gesicht und an seinen Händen. Über Funk rief sie das Krankenhaus an.

„Wir müssen ihn sofort wegbringen“, rief sie James zu.

Ein weiterer Krankenwagen war inzwischen eingetroffen. Die Besatzung kümmerte sich um Ross, sodass James eine Trage holen und sie den Verletzten darauflegen konnten. „Wie geht es ihm?“, fragte Sally den Sanitäter, der Ross versorgte.

„Er hat viel Rauch eingeatmet, aber ansonsten ist er in Ordnung“, erwiderte dieser, ohne den Blick von seinem Patienten abzuwenden.

„Bringt ihn auch ins Krankenhaus“, wies sie ihn an.

Ross schüttelte den Kopf. „Nicht nötig.“ Er hustete einige Male.

„Ich bin hier verantwortlich. Du lässt dich im Krankenhaus untersuchen, Captain.“

Sie hörte ihn erneut husten, als sie den Verletzten zum Krankenwagen schoben.

Wenige Minuten später saß sie hinten im Kasten, wie sie den Krankenwagen nannten. Während James am Steuer saß, überwachte sie die Vitalfunktionen ihres Patienten und informierte das Krankenhaus über dessen Zustand.

Kurz darauf trafen sie in der Notaufnahme ein. Noch während Sally ihren Patienten an die wartenden Mitarbeiter übergab, wurde Ross hineingeschoben. Sie folgte ihm in den anderen Untersuchungsraum. Er trug nur noch seine gelbe Hose, sein T-Shirt war hochgeschoben. Über die Elektroden am Oberkörper war er an mehrere Geräte angeschlossen. Auch wenn es unpassend war, musste sie seine muskulöse Brust bewundern. Offenbar trainierte er regelmäßig.

Als er sie ansah, wurde ihr heiß, und sie wandte schnell den Blick ab.

Da er im nächsten Moment wieder einen Hustenanfall bekam, überprüfte sie die Sauerstoffzufuhr. Es würde noch Tage dauern, bis seine Lunge wiederhergestellt wäre.

Sally trat näher an die Trage. „Wie geht es ihm?“

„Er scheint sich gut zu erholen“, erwiderte eine Krankenschwester. „Wir geben ihm weiter Sauerstoff und lassen vorsichtshalber die Lunge röntgen.“

„Ich bin auch noch da“, ließ Ross sich unter der Maske vernehmen, wobei er sie anfunkelte.

„Du solltest lieber nicht sprechen.“

Als dann eine Ärztin den Raum betrat, um ihn zu untersuchen, ging Sally zum Tresen. Nachdem sie die Unterlagen für Ross und den unbekannten Verletzten ausgefüllt hatte, kehrte sie zum Krankenwagen zurück.

„Gute Arbeit“, sagte sie lächelnd zu James.

„Dito“, erwiderte er, bevor er losfuhr.

Sally schnallte sich an, erleichtert, weil sie nicht mehr hinten sitzen musste. Als Kind hatte sie sich einmal im Kofferraum eines Wagens versteckt und war dann nicht mehr allein hinausgekommen. Deshalb hasste sie bis zum heutigen Tag Enge und Dunkelheit. Hinten im Krankenwagen zu sitzen erinnerte sie immer an jenes traumatische Erlebnis, und sie nahm es nur in Kauf, weil sie ihren Job liebte.

Nun lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Sofort musste sie an Ross denken. Sie hatte ihn kennengelernt, kurz nachdem sie nach Austin gezogen war und beim Austin Medical Emergency Service, der mit der Feuerwehr zusammenarbeitete, angefangen hatte. Als Rettungssanitäterin mit mehrjähriger Berufserfahrung war sie Wache zwölf zugeordnet, in der zufällig auch ihr Bruder und Ross tätig waren. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte es zwischen Ross und ihr geknistert, doch sie hatte dieser Anziehungskraft nie nachgegeben und würde es auch niemals tun.

An einer Beziehung war sie ohnehin nicht interessiert. Ihre kurze Ehe war ebenso enttäuschend wie traurig gewesen. Nun wollte sie sich darauf konzentrieren, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen, denn davon hatte sie schon vor ihrer Ehe geträumt. Sie würde keine Zugeständnisse mehr für einen Mann machen, sondern ihre Ziele verfolgen.

Erst jetzt merkte Sally, dass James den Wagen in die Parkbucht der Wache gefahren hatte und nun stoppte. Schnell stieg sie aus und blickte sich um.

Sie liebte das rote Backsteingebäude, das mit den hohen Glastüren eine moderne Version der traditionellen alten Feuerwachen war. Die Feuerwehrmänner arbeiteten auf einer Seite, die Sanitäter auf der anderen. Sie teilten sich eine Küche, einen Fitness- sowie einen Fernsehraum auf der Seite der Feuerwehrleute.

Die Einsatzfahrzeuge waren noch nicht zurückgekehrt, weil die Männer vermutlich noch mit Löscharbeiten beschäftigt waren. Sie musste jetzt den Krankenwagen wieder einsatzbereit machen und einen Bericht schreiben.

„He, Kleine.“

Stöhnend wandte Sally sich um und sah Kody auf sich zukommen. „Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst“, flüsterte sie. „Vor allem nicht hier.“

Er wirkte zerknirscht. „Entschuldige, das hatte ich vergessen.“

„Was machst du hier überhaupt?“

„Ich habe etwas in meinem Spind vergessen und wollte es holen. Ich habe erst morgen wieder Dienst.“

Nun lächelte sie, weil sie sich freute, ihren älteren Bruder zu sehen. Er war sehr liebenswert und manchmal überfürsorglich. Als sie noch einmal von vorn hatte anfangen müssen, war er für sie da gewesen. Dafür würde sie ihm immer dankbar sein.

„Ich habe gehört, dass Ross der Held des Tages ist“, meinte er nun fasziniert.

„Ja, das könnte man so sagen.“

„Bist du nicht der Meinung?“

Sally ging zum Lagerraum. „Er hätte ums Leben kommen können.“

„Er weiß, was er tut“, bemerkte Kody sanft. „Ich kenne keinen besseren Feuerwehrmann.“

„Er ist in eine lichterloh brennende Lagerhalle gerannt!“ Dass sie so emotional klang, überraschte sie selbst.

„Du hast bestimmt schon Schlimmeres erlebt. Warum bist du so aus der Fassung?“

„Das bin ich nicht. Es war nur sehr riskant. Und nun hat er eine Rauchgasvergiftung.“ Sie nahm einige Sauerstoffmasken aus dem Regal.

„Wie geht es ihm jetzt?“, hakte er besorgt nach.

Sally suchte einen Schlauch heraus. „Er ist im Krankenhaus, kommt aber wohl bald wieder raus. Sie wollten noch einige Untersuchungen machen.“

„Er will unbedingt befördert werden. Das wird sich wohl gut in seinem Lebenslauf machen. Bis später.“

„Bye.“ Mit den Utensilien auf dem Arm kehrte sie zum Krankenwagen zurück. Sie interessierte sich nicht für Ross’ berufliche Ambitionen, und aus irgendeinem Grund war es ihr besonders schwergefallen, seine Heldentat mit anzusehen.

Da die behandelnde Ärztin darauf bestanden hatte, ihn krankzuschreiben, nahm Ross seinen Dienst erst eine Woche nach dem Brand wieder auf. In seiner Freizeit arbeitete er gern auf seiner Ranch, doch bald würden die Bewerbungsgespräche für die zu besetzende Stelle des Battalion Chiefs stattfinden, und er wollte auf der Wache sein, falls wichtige Besucher kamen. Nun musste er sich auf das Ziel konzentrieren, das er seit seiner Kindheit verfolgte.

Zum Glück ging es dem Mann, den er aus der Lagerhalle gerettet hatte, recht gut. Er musste noch auf der Intensivstation für Brandopfer bleiben, würde aber wieder gesund werden. Genauso wie er, Ross, und sein Großvater. Ross hob die Schulter, als er sich an die vertrauten Schmerzen erinnerte.

Normalerweise rannte er nicht in lichterloh brennende Gebäude. Doch die Erinnerungen an jene entsetzliche Nacht, als er jung gewesen war, hatten ihn veranlasst zu handeln.

Und auch jetzt überkamen sie ihn wieder. Er hatte seinen Grandpa besucht, der in einem kleinen Haus außerhalb der Stadt wohnte und den er über alles geliebt hatte. Dieser hatte ihm den Umgang mit Werkzeug und mit Pferden beigebracht. Fast alles, was er konnte, hatte er von seinem Großvater gelernt, denn seine Eltern waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Also hatte er zwischen seinem zehnten und vierzehnten Lebensjahr fast alle Wochenenden und den größten Teil der Ferien bei ihm verbracht.

In jener Nacht hatte sein Grandpa ihn geweckt. Noch immer klang ihm seine schroffe Stimme in den Ohren: „Junge, es brennt. Los, kriech auf allen vieren zur Haustür! Ich bin hinter dir.“

Der Rauch brannte ihm im Hals und in den Augen, doch er befolgte die Anweisung. Auf dem Weg zur Tür fiel ihm ein Teil von einem brennenden Balken auf die Schulter, doch in seinem Schock nahm er es kaum wahr. Draußen stand er auf und rannte hustend über den Rasen. Dabei blickte er sich nach seinem Grandpa um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Die Angst drohte ihn zu überwältigen.

Jemand musste die freiwillige Feuerwehr alarmiert haben, denn diese kam schon die lange Auffahrt hoch. „Mein Grandpa ist da drinnen“, brachte er zwischen seinen Hustenanfällen hervor.

Ohne zu zögern, rannte der Feuerwehrmann ins Haus. Kurz darauf kam er wieder heraus und zog seinen Grandpa über die Veranda und die Stufen hinunter zu den Sanitätern. Erst in dem Moment hatte Ross seine starken Schmerzen gespürt.

Sein Großvater und er hatten eine Zeit lang im Krankenhaus gelegen, denn sie hatten beide Verbrennungen und eine Rauchvergiftung davongetragen. Der Gutachter war zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Funken aus dem Holzofen die Brandursache gewesen war. Und als Erinnerung an jene schicksalhafte Nacht hatte er, Ross, immer noch große Narben auf dem Rücken und an der Schulter.

Letzte Woche hatte er nicht nachgedacht, bevor er in die Lagerhalle gegangen war. Sein Vorgesetzter war nicht sonderlich erfreut gewesen und hatte nur ein Auge zugedrückt, weil alles gut ausgegangen war. Allerdings hatte er ihm klipp und klar gesagt, so etwas dürfte nicht wieder vorkommen, falls er Battalion Chief werden wollte.

Inzwischen war es Nachmittag, und zusammen mit seinen Kollegen überprüfte Ross gerade die Ausrüstung, als er Sal auf den Krankenwagen zugehen sah. Sie trug den gewohnten Overall und hatte das schwarze Haar aus dem Gesicht gekämmt. Nun sah sie ihn an und nickte. Erinnerungen an den besorgten Ausdruck in ihren Augen und noch etwas, das vielleicht Interesse verraten hatte, als sie ihn im Krankenhaus betrachtete, stiegen in ihm auf.

Schon bevor sie hier angefangen hatte, hatte er gewusst, dass sie Kodys Schwester war. Da er immer vierundzwanzig Stunden Dienst und dann achtundvierzig Stunden freihatte und sie nicht an denselben Tagen arbeiten konnte wie ihr Bruder, hatten sie nur wenige gemeinsame Schichten gehabt. Doch er hatte mitbekommen, wie einige Kollegen ihr Loblied sangen. Einige hatten sogar Interesse an ihr bekundet und erzählt, dass Sal sie hatte abblitzen lassen. Es gab Spekulationen über die Gründe, doch Ross wusste von Kody, dass sie geschieden war. Vielleicht war sie noch immer nicht über ihre gescheiterte Ehe hinweg.

Als Ross sich auf den Wagen schwang, zuckte er zusammen. Auf dem Weg aus dem brennenden Gebäude war er gegen irgendetwas gestoßen. Im Krankenhaus hatte er seine geprellten Rippen nicht erwähnt, weil er wieder nach Hause gewollt hatte. Der Schmerz hatte inzwischen etwas nachgelassen.

Nachdem er einige Messgeräte überprüft hatte, stieg Ross wieder aus und versuchte diesmal, nicht zusammenzuzucken.

Sal kam zu ihm. „Ist alles mit dir in Ordnung?“, fragte sie leise. „Hast du immer noch Probleme mit der Atmung?“

„Nein, es geht mir gut.“

Skeptisch sah sie ihn an. „Wirklich?“

„Ja.“ Wenn er nicht aufpasste, schickte sie ihn ins Krankenhaus.

„Du hattest eben Schmerzen.“

Sal ließ offenbar nicht locker. Hatte sie ihn so genau beobachtet? Darüber würde er sich später Gedanken machen. „Ich habe mir ein paar Rippen geprellt, als ich aus der Lagerhalle gekommen bin.“

„Hast du das im Krankenhaus gesagt?“

Nun fühlte er sich wie damals, wenn seine Mutter ihn bei irgendetwas ertappt hatte. „Nein.“

„Das ist typisch für euch Feuerwehrleute.“ Missbilligend schüttelte Sal den Kopf. „Ihr haltet euch alle für Superhelden.“

Ross grinste. „Behauptet etwa jemand, wir wären das nicht?“

Sie funkelte ihn nur an. „Hast du dich eben auch so gefühlt?“

Er ließ die Schultern sinken. „Ich mache mir immer Bandagen drum. Es ist nur schwierig, sie ohne Hilfe stramm genug zu wickeln.“

„Das solltest du lieber lassen und dich stattdessen schonen. Es dauert eine Weile, bis Rippen heilen.“

„Schonen ist schwierig, wenn man zu Hause zu tun hat.“

„Hast du keine Frau oder Freundin, die dir dabei helfen kann?“

„Weder noch.“ Einmal war er im Begriff gewesen zu heiraten, doch es war nichts daraus geworden.

„Komm mit, ich werfe mal einen Blick darauf.“ Sal ging zur Tür, als würde sie erwarten, dass er ihre Anweisungen befolgte.

Nach kurzem Zögern folgte Ross ihr in den anderen Teil des Gebäudes. Dabei blickte er über die Schulter. Auf keinen Fall konnte er jetzt einen Überraschungsbesuch von seinen Vorgesetzten gebrauchen, denn er hasste es, Schwäche zu zeigen.

Diesen Teil des Gebäudes betrat er nur selten. In dem großen Raum standen mehrere Tische mit Stühlen sowie Schränke mit Material.

Sal schob ihm einen Hocker auf Rollen hin. „Zieh dein Hemd aus, und setz dich hin.“

Er entblößte niemals vor anderen seinen Oberkörper. Schon vorher war es ein richtiger Kampf gewesen, erst den Sanitäter und dann die Ärztin und Krankenschwestern davon zu überzeugen, dass es nicht nötig war, ihm das T-Shirt abzustreifen.

Sal ging zu einem Schrank auf der anderen Seite des Raums. Nachdem Ross kurz ihren Hüftschwung bewundert hatte, schob er sein T-Shirt hoch.

Als sie zurückkehrte, hielt sie eine Schere in der Hand.

„Hey, die wirst du wohl nicht brauchen.“

Nun lächelte sie selbstgefällig. „Wenn es sein muss, schneide ich damit den Verband auf.“ Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, verlor allerdings kein Wort darüber, dass er sein T-Shirt nicht ausgezogen hatte.

„Es tut zu sehr weh, wenn ich die Arme hebe“, erklärte er, woraufhin sie nickte.

„Die Bandage sitzt viel zu tief. Ich nehme sie ab. Und du lässt sie in Zukunft weg.“

„Ist das ein Beispiel für die sprichwörtliche liebevolle Pflege?“ Forschend blickte er sie an.

Sal sah ihm in die Augen. „Die hebe ich mir für Patienten auf, die es besser wissen müssten. Kannst du die Arme seitlich heben?“

Er zuckte zusammen, befolgte jedoch ihre Anweisung. Als sie näher kam, stieg ihm ihr blumiger Duft in die Nase. Geschickt nahm sie nun die Bandage ab und berührte dabei seinen empfindlichen Bauch. Schnell senkte Ross den Blick. Das dunkle Haar fiel ihr ins Gesicht. Ob es sich so seidig anfühlte, wie es aussah?

Nein! Was war bloß mit ihm los. So reagierte er nie auf Frauen, mit denen er zusammenarbeitete. Er kannte Sal kaum. Sie war die Schwester eines seiner besten Freunde. Reagierte er so stark auf sie, weil er sich schon so lange nicht mehr mit einer Frau verabredet hatte? Seine Schwester wollte ihm unbedingt ein Blind Date vermitteln. Vielleicht sollte er sich darauf einlassen.

Nun trat Sal zurück, um die Bandage in den Mülleimer zu werfen.

Erleichtert und enttäuscht zugleich, ließ er die Arme wieder sinken.

„Okay, heb die Arme noch mal. Zeig mir, wo es wehtut.“ Als er es tat, beugte sie sich vor und strich mit dem Finger darüber. „Hier?“

„Ja.“

„Da ist ein Bluterguss. Du hättest im Krankenhaus etwas sagen sollen.“ Sie richtete sich wieder auf.

„Das sagtest du bereits. Außerdem haben sie ja den Thorax geröntgt.“

„Ich sehe mir jetzt auch deinen Rücken an.“

Nachdem sie das getan hatte, wich sie zurück. Wieder war er enttäuscht. Obwohl er sie kaum kannte, reagierte er so stark. Warum ausgerechnet auf sie? Warum jetzt?

„Wenn das nicht in ein paar Tagen besser ist, musst du dich noch mal röntgen lassen. Außerdem solltest du solange Schmerzmittel nehmen.“

Selbst in dem Overall sah Sal so weiblich aus. Wahrscheinlich hatte ihm der Rauch auch den Verstand vernebelt.

„Du kannst das T-Shirt jetzt wieder herunterziehen“, wies sie ihn im nächsten Moment an und brachte ihn damit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ross stand auf und ging zur Tür. „Danke, Sal.“

„Übrigens finde ich, deine Rettungsaktion war mutig und dumm zugleich.“

2. KAPITEL

Normalerweise traf er sich nur selten privat mit seinen Kollegen und Kolleginnen, aber diesmal machte Ross aus zwei Gründen eine Ausnahme. Zum einen war das jährliche Picknick eine gute Gelegenheit, seine Nichte Olivia und seinen Neffen Jared, die gerade zu Besuch bei ihm waren, mitzunehmen. Zum anderen war es seiner Beförderung sicher zuträglich, wenn seine Vorgesetzten sahen, dass er sich gut mit allen verstand.

Am Park angekommen, suchte Ross einen Parkplatz. Das Wetter war perfekt. Er hielt Ausschau nach einem vertrauten Wagen. Kody wollte auch kommen. Würde Sal ihn begleiten? In letzter Zeit dachte er viel zu oft an sie.

Er freute sich immer, wenn die Kinder ihn besuchten. Ab und zu verbrachten sie das Wochenende bei ihm. Doch diesmal blieben sie zehn Tage, weil seine Schwester und sein Schwager eine Kreuzfahrt machten und er ihnen angeboten hatte, die beiden so lange zu nehmen. Wenn er Dienst hatte, würde die Frau eines Freundes auf sie aufpassen.

Nachdem er seinen Truck abgestellt hatte, stiegen die beiden sichtlich aufgeregt aus.

„Dahinten bemalen sie Gesichter. Da will ich hin.“ Olivia deutete auf ein Zelt in der Nähe.

„Ich will Ponyreiten“, verkündete Jared.

„Langsam“, ermahnte Ross sie. „Wir müssen erst ein paar Regeln aufstellen. Regel Nummer eins: Wir bleiben zusammen. Regel Nummer zwei: Wir bleiben zusammen. Wenn ich euch verliere, werden eure Eltern sauer.“ Er lächelte jungenhaft. „Verstanden?“

„Verstanden!“, erwiderten sie.

„Okay. Was haltet ihr davon, wenn wir erst essen und ihr danach macht, wozu ihr Lust habt?“ Ross hob die Hand, woraufhin beide ihn begeistert abklatschten.

Nachdem sie sich in die Schlange unter einem großen Pavillon eingereiht hatten, tat er ihnen Pulled Pork auf die Sandwichbrötchen und füllte sich Spareribs auf. Dann entdeckte er Sal. „Hallo, ich habe dich gar nicht gesehen.“

Es war das erste Mal, dass er sie nicht im Overall sah. Jetzt trug sie ein schlichtes blaues T-Shirt und enge verwaschene Jeans. Das Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Diese Sal war sehr anziehend.

Ihre Lider flatterten. „Hallo, Ross. Du bist ja auch beschäftigt.“

„Stimmt.“ Er drehte sich zu den Kindern um, die sich gerade Pommes auf die Teller taten. Dann holten sie sich Getränkedosen aus großen Kühlboxen.

Als Ross aufblickte, sah er Sal neben sich stehen. Anscheinend war sie allein. Unsicher lächelte sie ihn an, bevor sie den Blick über die Tische schweifen ließ und wegging. Hätte sie sich zu ihnen gesetzt, wenn er sie gefragt hätte? Wollte er das?

„Kommt, Kinder, suchen wir uns einen Sitzplatz. Jared, geh du vor.“

Zusammen mit Olivia folgte Ross dem Jungen und begrüßte dabei die Kollegen, die ihn ansprachen. Nachdem sie einen freien Tisch gefunden hatten, setzte er sich erleichtert. Dann entdeckte er Sal, die offenbar immer noch einen Platz suchte, und hob die Hand.

„He, Sal, setz dich zu uns“, rief er.

Nach kurzem Zögern kam sie zu ihnen und nahm neben Olivia und ihm gegenüber Platz. „Danke. Kody und Lucy haben sich verspätet.“ Sie blickte sich um. „Ich hatte keine Ahnung, dass so viele Leute kommen.“

„Es gibt ja einige Feuerwachen in Austin. Besonders bei den Familien ist das Picknick sehr beliebt.“ Was war bloß mit ihm los? Normalerweise lud er alleinstehende Kolleginnen nicht zu sich an den Tisch ein. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass Feuerwehrleute und Sanitäter, die auf derselben Wache arbeiteten, sich nicht privat trafen. Allerdings war das hier kein Rendezvous.

Zurzeit verabredete er sich überhaupt nicht mit Frauen. Auf dem College war das ganz anders gewesen. In seinen ersten Jahren auf der Wache war er oft mit seinen Kollegen etwas trinken gegangen. Doch das hatte irgendwann nachgelassen. Es war schwierig, sich neben der Arbeit noch um die Ranch zu kümmern und ständig wegzugehen.

Er hatte einmal eine ernsthafte Beziehung gehabt, aber es hatte nicht funktioniert. Sie hatte sich nicht mit seinen Arbeitszeiten anfreunden können und außerdem Angst gehabt, dass er verletzt werden oder ums Leben kommen könnte. Nach einer unerfreulichen Trennung hatte er beschlossen, sich auf seine Karriere zu konzentrieren. Vielleicht würde er sich nach der erhofften Beförderung Gedanken darüber machen, ob er heiraten und eine Familie gründen wollte. Eine Kollegin kam allerdings nicht infrage.

Sally blickte zu Jared und Olivia. „Ich wusste gar nicht, dass du Kinder hast.“

Olivia kicherte.

„Das sind Olivia und Jared, meine Nichte und mein Neffe. Sie wohnen für zehn Tage bei mir, weil ihre Eltern verreist sind.“

Neugierig blickte Olivia sie an. „Du heißt Sal? Das ist doch ein Jungenname.“

„So nennt dein Onkel mich. Eigentlich heiße ich Sally.“

Nun krauste Olivia die Nase. „ Sally mag ich lieber.“

Lächelnd sah Sally seine Nichte an. „Ich auch.“

Das war interessant. Warum sagte sie das ihren Kollegen nicht? Ihm gefiel Sally auch besser.

Dann widmeten sie sich alle ihrem Essen. Als Sally Jared eine Serviette reichte, stellte Ross fest, dass ihm Barbecuesauce übers Kinn lief.

„Schmeckt es?“, fragte sie lächelnd.

Der Junge grinste. „Ja.“

„Meins ist auch lecker.“

„Und das von Onkel Ross anscheinend auch, denn er hat überall Sauce im Gesicht“, meinte Olivia.

Nun lachten sie alle.

„Er sieht aus wie ein Clown“, platzte Olivia heraus.

Wieder lachten sie alle.

„Was?“ Ross wischte sich den Mund ab und betrachtete dann seine Serviette. Es war viel Sauce darauf.

„Du hast da immer noch was“, sagte Jared.

Erneut versuchte Ross, sein Gesicht zu säubern.

„Immer noch“, meinte Olivia kichernd.

„Ihr verletzt meine Gefühle.“ Sallys melodisches Lachen gefiel ihm.

„Komm, ich helfe dir.“ Sally hielt ihre Serviette hoch. „Beug dich vor.“

Als sie sich beide über den Tisch beugten und ihre Blicke sich begegneten, flackerte etwas zwischen ihnen auf. Schließlich blinzelte Sally und tupfte ihm etwas Sauce von der Wange. Dann lehnten sie sich beide wieder zurück.

„Jetzt ist es weg“, verkündete Olivia.

Doch ihm war warm geworden, und das gab ihm zu denken.

„Jared“, begann Sally etwas zu fröhlich, „wie alt bist du?“

„Neun.“

„Und was magst du am liebsten? Football? Baseball …?“

„Fußball.“

„Aha. Ich habe mir einige Spieler angesehen, aber ich kenne mich mit den Regeln nicht aus.“

Amüsiert verfolgte Ross den anschließenden Monolog seines Neffen über Fußball.

Sobald dieser sein Pulver verschossen hatte, wandte Sally sich an Olivia. „Und was machst du gern?“

„Malen.“

„Und was malst du am liebsten?“

„Pferde. Ich habe ein Bild von Onkel Ross’ Pferden gemalt.“

Sichtlich überrascht blickte Sally ihn an. „Du hast Pferde?“

„Ja. Ich besitze ein kleines Anwesen außerhalb der Stadt.“

„Die musst du dir unbedingt mal ansehen. Sie sind so schön. Sie heißen Romeo und Julia.“

Sally lächelte Olivia an. „Wirklich?“ Dann warf sie ihm einen vielsagenden Blick zu. „Interessanter Name für Pferde.“

„So hießen sie schon, als ich sie gekauft habe.“

„Aha.“

Nun widmeten sie sich wieder ihrem Essen.

„Kann ich mir jetzt das Gesicht anmalen lassen, Onkel Ross?“, erkundigte Olivia sich anschließend.

„Und ich will Ponyreiten“, sagte Jared.

„Wir können das nicht gleichzeitig machen. Wer will zuerst?“

Beide hoben die Hand.

Resigniert wandte er sich an Sally, die sich ein Lächeln verkniff. „Zwei Kinder sind nicht so leicht zu handeln wie ein ganzer Feuerwehrtrupp.“

„Ich finde, du machst das toll.“

Ihr Kompliment gefiel ihm.

Energisch schob sie ihren Teller in die Mitte. „Ich kann Olivia begleiten, während du mit Jared Ponyreiten gehst. Danach können wir uns irgendwo treffen.“

Ross blickte die Kinder an. „Das klingt gut, nicht?“ Als beide nickten, sah er sich um. „Okay, wir treffen uns nachher dahinten an dem Fahnenmast.“

Sally stand auf. „Dann bis später. Olivia, nimm deinen Müll mit, damit wir ihn unterwegs wegwerfen können.“

Zu seiner Überraschung protestierte Olivia nicht und folgte der Aufforderung. Und auf dem Weg zum Zelt ergriff sie Sallys Hand.

Sally ging mit Olivia zu dem Zelt. Sie mochte die beiden Kinder. Und diese schienen Ross zu lieben und er sie. Ihr Exmann Wade hatte zwar immer gesagt, er wolle irgendwann Kinder haben, aber fremde Kinder hatte er nie gemocht. Inzwischen konnte sie nicht mehr nachvollziehen, was sie in ihm gesehen hatte. Warum sie geglaubt hatte, sie wäre in ihn verliebt.

In ihrem Heimatort war er eine Art Wunderknabe gewesen. Alle hatten ihn geliebt und bewundert. Sie hatte es auch getan und deshalb fast alles aufgegeben, was sie geliebt hatte, nur um ihn glücklich zu machen. Schon bald nach der Heirat hatte sie erfahren, dass er sie betrog. Sie hatte versucht, ihre Ehe zu retten, aber letztendlich feststellen müssen, dass er sich nicht ändern würde und alles eine Lüge gewesen war. Schließlich hatte sie die Scheidung eingereicht.

Seitdem hatte sie kein Vertrauen mehr in die Männer. Niemals würde sie wieder derart auf einen Mann hereinfallen. Dann verdrängte Sally diese Gedanken energisch, denn sie wollte sich diesen schönen Tag nicht mit Erinnerungen an ihren Exmann verderben.

Eine halbe Stunde später befanden Olivia und sie sich auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Sally lächelte, weil Olivia sichtlich stolz auf ihr kunstvoll mit fuchsiafarbenen Sternen bemaltes Gesicht war.

Ross und Jared näherten sich ebenfalls dem Treffpunkt. Bei Olivias Anblick lächelte Ross, und Sally strahlte. Er hatte so ein schönes Lächeln. Bei der Arbeit war sie noch nie in den Genuss gekommen.

Dann hockte er sich vor seine Nichte. „Deine Sterne sehen schön aus.“

Er wird eines Tages einen tollen Vater abgeben, dachte Sally. „Und, wie war das Ponyreiten, Jared?“

„Das hat Spaß gemacht, aber nicht so viel wie auf Onkel Ross’ Pferden.“

„Können wir zu den Hüpfspielen gehen?“ Olivia deutete auf die unterschiedlichen Hüpfburgen.

Sally warf einen Blick auf die Schlange am Büfett. Ob Kody und Lucy schon eingetroffen waren? Ross sollte auf keinen Fall glauben, er müsste sie auch beschäftigen.

„Klar“, erwiderte er. „Kommst du auch mit, Sally?“

„Gern.“ Sie hatte keine große Lust, hier herumzustehen und auf Kody und seine Tochter zu warten.

Zusammen mit Ross beobachtete sie, wie die Kinder sich auf den Hüpfburgen vergnügten. „Die beiden sind wirklich süß“, sagte sie schließlich, um das Schweigen zu brechen.

„Ja, das sind sie. Ihre Eltern machen ihre Sache wirklich gut.“

„Ist deine Schwester älter oder jünger als du?“

„Jünger, aber manchmal behandelt sie mich, als wäre ich der Jüngere. Sie macht sich Sorgen, weil ich Feuerwehrmann bin und weil ich noch nicht verheiratet bin.“

„Das kenne ich. Kody macht sich auch Sorgen um mich. Und mein Vater bestärkt ihn noch darin. Aber ich weiß nicht, was ich ohne Kody tun würde. Er war derjenige, der mich ermuntert hat hierherzuziehen. Das ist das Beste, was ich je getan habe.“

Kody hatte ihr gesagt, sie müsste ihre Erinnerungen hinter sich lassen. Er hatte sogar versucht, ihre Eltern zu einem Umzug nach Texas zu bewegen.

„Du bist auch aus North Carolina hierhergezogen, stimmt’s?“

„Ja, nach meiner Scheidung. Kody meinte, ich hätte hier gute Jobmöglichkeiten.“

„Er hat mir erzählt, dass deine Ehe gescheitert ist. Das tut mir leid.“

Ja, ihr tat es auch leid.

„Hallo, Tante Sally.“

Als sie sich umwandte, sah sie Lucy auf sich zulaufen, gefolgt von Kody. Diese umarmte sie stürmisch. Sally liebte ihre Nichte und unterstützte ihren Bruder mit ihr. Wenn dieser Nachtdienst hatte, schlief Lucy manchmal bei ihr. „Hallo, ihr beiden. Ich habe mich schon gefragt, wo ihr bleibt.“

Nun gesellte sich Kody zu ihnen. „Entschuldige, die Geburtstagsfeier, auf der Lucy war, hat länger als geplant gedauert.“ Dann schüttelte er Ross die Hand. „Hallo, Kumpel.“

„Schön, dass ihr da seid. Hast du schon die Spareribs probiert?“

„Ja, wir haben gerade gegessen, und dann haben wir euch entdeckt. Danke, dass du dich um meine Schwester gekümmert hast.“

Sally warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Kody!“

„Wir haben uns getroffen, und ich habe Sally gefragt, ob sie sich zu uns setzen möchte“, erwiderte Ross.

„Daddy, kann ich springen?“ Lucy zog an Kodys Hand.

„Klar, Schatz.“

Nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen hatte, lief sie ebenfalls zu den Hüpfburgen.

Wenige Minuten später verkündete der Mann, der die Aufsicht führte, dass nun die nächsten wartenden Kinder an der Reihe wären. Die drei kamen mit den anderen heraus, zogen ihre Schuhe an und gesellten sich wieder zu ihnen.

Sally legte Lucy die Hand auf die Schulter. „Lucy, das sind Jared und Olivia. Jared und Olivia, das ist meine Nichte Lucy.“

Im nächsten Moment verkündete ein Mann über Mikrofon den Beginn der Laufspiele.

„Können wir da hin, Onkel Ross?“, fragte Jared.

„Klar. Kommt ihr auch mit?“ Ross blickte von ihr zu Kody.

„Warum nicht?“, meinte dieser.

Zusammen gingen sie zu dem abgesperrten Bereich, wo sich bereits zahlreiche Besucher versammelt hatten. Als Erstes fand ein Eierlauf statt, an dem alle drei Kinder teilnehmen wollten. Dafür mussten sie das Ei auf einem Plastiklöffel im Mund balancieren und um ein Fass laufen.

Olivia schaffte nur ein kleines Stück, bevor das Ei hinunterfiel. Schnell hob sie es wieder auf und legte es auf den Löffel. Lucy und Jared waren schon am Fass angelangt. Nach wenigen Metern verlor Olivia wieder ihr Ei. Sie drehte sich zu Ross um und verzog das Gesicht, als würde sie gleich anfangen zu weinen.

Sofort eilte er zu ihr, hockte sich hin und sagte etwas zu ihr. Sie wirkte etwas unsicher, steckte sich den Löffel dann jedoch wieder in den Mund. Er tat das Ei darauf und hob sie anschließend auf die Schultern, um langsam mit ihr zum Fass zu gehen. Sally ging das Herz über. Ross Lawson war ein toller Onkel. Obwohl die beiden weit abgeschlagen waren, jubelten und klatschten alle, als sie die Ziellinie überquerten.

Nachdem Ross seine Nichte abgesetzt hatte, ging er auf ein Knie. Strahlend umarmte Olivia ihn. Er hatte die Situation gerettet.

Nachdem die vier sich wieder zu ihnen gesellt hatten, verfolgten sie die nächsten Spiele und feuerten die Teilnehmer an, die sie kannten.

Eine Weile später verkündete der Mann am Mikrofon: „Jetzt beginnt der Dreibeinlauf. Dieses Jahr läuft er etwas anders ab. Wir brauchen von jeder Wache einen Mann und eine Frau. Sucht euch einen Partner, und kommt zur Startlinie.“

„Onkel Ross, du musst mit Sally laufen“, sagte Jared.

„Oh ja!“, pflichteten die Mädchen ihm bei.

„Ich glaube nicht.“ Hilfesuchend blickte Sally ihren Bruder an, der allerdings nur grinste.

„Jemand muss unsere Wache vertreten.“ Ross blickte sie an. „Komm, lass uns das Ding gewinnen.“

Also eilten sie zur Startlinie, wo Ross schnell ihre Beine mit dem bereitliegenden Stück Stoff zusammenband. Sally versuchte, ihn nicht mehr als nötig zu berühren, allerdings vergeblich. Als er ihr dann auch noch den Arm um die Taille legte, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Er vermittelte ihr ein Gefühl der Geborgenheit. Was war bloß mit ihr los?

„Leg den Arm um mich“, wies er sie an.

Mit klopfendem Herzen krallte sie die Finger in sein T-Shirt.

„Du sollst den Arm um mich legen“, bekräftigte er.

Als sie seiner Aufforderung nachkam und seinen entschlossenen Gesichtsausdruck sah, musste sie ein Lachen unterdrücken. „Du willst wirklich gewinnen, stimmt’s?“, fragte sie leise.

Ungläubig sah er sie an. „Du etwa nicht? Wir fangen mit dem äußeren Bein an. Bist du bereit?“

„Ja.“ Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen.

Beim Startsignal eilten sie los. Ross passte seine Schritte ihren an. Sally versuchte, sich zu konzentrieren, doch der Körperkontakt machte es ihr fast unmöglich. Als sie stolperte, verstärkte Ross den Griff um ihre Taille.

„Außen, innen …“, gab er die Schrittfolge vor.

Als sie das Fass umrundeten, hob er sie hoch, als wäre sie ein Federgewicht. „Innen“, sagte er, sobald er sie wieder abgesetzt hatte.

Sally verstärkte den Griff. Ross stöhnte leise, lief aber weiter. Offenbar taten ihm die Rippen immer noch weh. Sie lockerte den Griff wieder und konzentrierte sich auf den Rhythmus.

Die Menge grölte, und sie beschleunigten das Tempo.

„Komm weiter, wir haben es fast geschafft“, stieß Ross hervor.

Sally gab alles. Unter lautem Jubel überquerten sie die Ziellinie und fielen dann hin, wobei Ross auf ihr landete.

Sein warmer Atem fächelte ihre Wange, ihre Hände lagen auf seiner Brust und seine Arme unter ihr, als hätte Ross den Sturz abgemildert. Als er sie dann ansah, verriet sein Blick unverhohlenes Interesse. Prompt hatte sie das Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben.

„Halt still. Ich mache das Band ab.“

„Hey, Leute, das war knapp“, verkündete der Spielleiter.

„Tante Sally, ihr habt gewonnen!“ Lucy war neben ihnen aufgetaucht.

„Wirklich?“, stieß Sally hervor, während Ross und sie sich aufrappelten.

Strahlend reichte er ihr die Hand und zog sie an sich, um sie herumzuwirbeln. „Klar!“

„Oh.“ Sie legte ihm die Arme um den Nacken. Als er sie unvermittelt losließ, brauchte sie einen Moment, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen.

Lucy umarmte sie, während Kody seinem Kollegen auf die Schulter klopfte. Jared und Olivia sprangen aufgeregt um sie herum.

„Du warst klasse“, verkündete Ross strahlend.

Sally klopfte sich das Gras von den Sachen. „Danke. Das meiste hast du ja gemacht.“

„So, Leute, jetzt gibt es Eis für alle“, verkündete der Spielleiter. „Danach findet das Tauziehen statt.“

„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde, Sally und ich haben uns ein Eis verdient“, verkündete Ross.

Ross aß noch einen Löffel Eis. Kody, Sally und er saßen an einem Tisch und beobachteten die drei Kinder, die sich schnell angefreundet hatten und nun miteinander spielten.

Ross ließ den Blick zu Sally schweifen, die sich auf ihr Eis konzentrierte. Beim Dreibeinlauf hatte sie sich toll geschlagen. Ihrer Miene nach zu urteilen, hatte sie allerdings nicht daran teilnehmen wollen. Wegen des Spiels oder seinetwegen?

Seine Reaktion auf den Körperkontakt hatte ihn überrascht. Und sie hatte sich verstärkt, als sie nach dem Einlauf ins Ziel aufeinanderlagen. Einen Moment lang hatte es geknistert, als Sally ihm in die Augen sah. Hatte der Ausdruck darin Verblüffung, Interesse oder gar Verlangen verraten? Natürlich wusste er, dass sie aus vielen Gründen tabu für ihn war.

Sie war die Schwester eines guten Freundes. Sie war eine Kollegin. Und soweit er wusste, war sie noch nicht über ihre Scheidung hinweg und auch nicht an einem Rendezvous interessiert. Außerdem war sie seiner Meinung nach nicht der Typ für eine Affäre. Er aber konnte es sich momentan nicht leisten, sich auf etwas anderes als auf seine Beförderung zu konzentrieren, und Sally würde ihn ganz bestimmt ablenken.

Dann waren da seine Narben, die schon mehrere Frauen abgeschreckt hatten. Sie hatten erwartet, dass ein großer, muskulöser Feuerwehrmann einen makellosen Körper hatte, und waren dann enttäuscht gewesen.

Zum Glück lenkte Kody ihn im nächsten Augenblick mit einer Frage ab, und wenige Minuten später wurde das Tauziehen angekündigt.

„Das müssen wir unbedingt gewinnen“, sagte Ross zu ihm und fügte an Jared und Olivia gewandt hinzu: „Kommt, ihr beiden, das Tauziehen beginnt.“

Sally lachte. „Du freust dich richtig darauf, stimmt’s?“

„Allerdings. Ich habe gehört, dass Wache zwei letztes Jahr gewonnen hat, und bin bereit für eine Revanche. Macht es dir etwas aus, solange auf Jared und Olivia aufzupassen?“

„Überhaupt nicht. Geht nur, ihr beiden, ich komme mit den Kindern nach.“

Zusammen mit Kody eilte er zu seinen Kollegen zu der Stelle, an der die Mitarbeiter aller Wachen sich zusammenfanden.

Dann verkündete der Ansager über Mikrofon: „So, liebe Feuerwehrleute und Sanitäter, ich bitte um eure Aufmerksamkeit.“ Nachdem alle verstummt waren, fuhr er fort: „Wir spielen in zwei Gruppen im K.-o.-System und losen die Gegner aus. Jede Wache bestimmt jetzt sechs Teilnehmer. In jedem Team muss mindestens eine Frau sein. Falls nicht genug Leute von einer Wache da sind, könnt ihr auch Familienmitglieder nehmen. Bei Fragen wendet euch bitte an Chief Curtis hier. Wie immer hat er das letzte Wort.“

In dem energischen Tonfall, den er immer bei Einsätzen anschlug, wandte Ross sich an seine Kollegen. „Okay, Erickson, Smith, Hart, Kody und ich. Rogers, du bist die Frau. Seid ihr alle damit einverstanden?“

„Ja, Captain!“, riefen alle.

„Prima. Also, alle Mann in Position, und gebt alles!“

Während die übrigen Kollegen sich zu den Zuschauern am Rand gesellten, bezogen Ross und sein Team Position neben dem großen Tau, das in der durch einen Kreidestrich am Boden markierten Mitte mit einem Tuch gekennzeichnet war.

Er ließ den Blick zu Sally und den Kindern schweifen, die alle aufgeregt waren und „Los, Zwölfer!“ riefen.

Jeder nahm nun ein Stück Tau in die Hand, während Ross den Knoten am Ende ergriff.

„Es beginnen die ersten beiden Teams, die von der Zwölf und die von der Fünfunddreißig“, verkündete der Spielleiter. „Bei Los fangt ihr an zu ziehen. Ihr müsst so lange ziehen, bis auch der Letzte über der Linie ist. Seid ihr alle bereit?“

„Verstanden!“, riefen beide Teams.

„Lasst uns das Ding gewinnen, Leute!“, rief Ross.

Beim Startsignal zog er, so kräftig er konnte. Die anderen stöhnten genauso laut wie er, während sie sich langsam rückwärtsbewegten. Die Schreie der Menge, die sie anfeuerte, wurden lauter. Plötzlich hing das Tau durch, und Ross versuchte, sich aufrecht zu halten. Sie hatten gewonnen. Die Menge jubelte und applaudierte, während sie sich abklatschten.

Er würde starke Schmerzen bekommen. Seine Rippen hatten schon protestiert, als Sally beim Dreibeinlauf seine Taille umfasste, und machten sich nun umso mehr bemerkbar. Trotzdem würde er seinen Teil zum Sieg beitragen. Sein Team brauchte ihn. Er würde sich seine Schmerzen nicht anmerken lassen.

Sally und die Kinder kamen zu Kody und ihm, um ihnen aufgeregt zu gratulieren.

„Hey, Kinder, was haltet ihr davon, wenn wir Mineralwasser für unser Team besorgen?“, fragte Sal.

„Okay“, riefen alle drei einstimmig.

Die vier eilten davon und kehrten bald mit zahlreichen Flaschen Mineralwasser zurück, die sie unter dem Team verteilten. Ross leerte seine in wenigen Schlucken, bevor sie sich an die Linie stellten, um die nächsten beiden Teams zu beobachten.

Bald mussten sie wieder aufs Feld. Nachdem sie auch die nächsten drei Durchgänge gewonnen hatten, standen sie zusammen mit Wache zwei im Finale.

Wieder bezog Ross mit seinem Team Position.

„Los, Onkel Ross!“, rief Olivia.

„Los, Zwölfer! Ihr schafft das!“, feuerte Sally sie an.

Sein Herz klopfte vor Aufregung, als der Spielleiter das Startsignal gab. Erneut gab Ross alles. Seine Muskeln spannten sich an, und Schweißperlen rannen ihm über die Stirn. Seine Rippen schmerzten, doch er biss die Zähne zusammen und versuchte, es zu verdrängen.

Die Menge feuerte sie an.

Seine Beine zitterten vor Anstrengung. Einige Male wurden sie nach vorn gezogen.

„Lasst uns die Jungs besiegen!“, stieß Ross hervor und zog noch stärker. Sie schafften es ein ganzes Stück zurück.

„Und der Sieger ist Wache zwölf!“, verkündete der Spielleiter nach einer gefühlten Ewigkeit.

Alle jubelten. Ross stützte die Hände auf die Knie und atmete tief durch. Die anderen Kollegen kamen zu ihnen und umringten sie. Eine Flasche Wasser erschien vor seinem Gesicht. Er blickte auf und sah Sally vor sich, die ihn anstrahlte. Sein Herz pochte noch schneller. Allein das war die Anstrengung wert gewesen.

„Du warst toll!“, lobte sie ihn.

„Danke“, erwiderte er lächelnd. „Aber das war Teamarbeit.“

„Stimmt. Allerdings hast du sie dazu gebracht, alles zu geben.“

Er musste sich eingestehen, dass er das gern hörte.

Nachdem alle ihnen gratuliert hatten und der Trubel sich gelegt hatte, verkündete der Spielleiter: „Und damit ist das diesjährige Picknick beendet, Leute. Wir freuen uns darauf, euch nächstes Jahr wiederzusehen. Kommt gut nach Hause.“

Alle machten sich auf den Weg zum Ausgang.

„Kannst du mich huckepack tragen, Onkel Ross?“, bat Olivia.

Ross wusste nicht, ob er das schaffte, wollte sie allerdings nicht enttäuschen.

Doch bevor er antworten konnte, schlug Sally vor: „Wie wär’s, wenn du meine andere Hand hältst?“ An der Rechten hatte sie schon Lucy. „Ich glaube, dein Onkel ist jetzt müde.“ Wissend lächelte sie ihn an.

„Okay.“ Olivia nahm ihre Linke.

Danke, formte er mit den Lippen, woraufhin Sally nickte.

„Wir müssen hier lang.“ Kody deutete auf das andere Ende des Parkplatzes, bevor er sie umarmte. „Bis bald.“

Lucy umarmte sie ebenfalls. „Bye, Tante Sally.“

„Dann gehe ich jetzt auch zu meinem Wagen.“ Sally wirkte ein wenig unsicher, als sie Olivias Hand losließ. „Es war schön, euch kennenzulernen, Olivia und Jared. Es hat Spaß gemacht mit euch.“ Dann wandte sie sich ab.

„Hey, warte, wir haben denselben Weg“, rief Ross.

Sie blieb stehen, und Olivia nahm wieder ihre Hand.

„Wir bringen dich zum Wagen.“ Warum er das sagte, wusste er selbst nicht.

„Oh … okay.“

Er lächelte jungenhaft. „So schnell wirst du uns nicht los.“

„Ich will euch gar nicht loswerden.“ Nun errötete sie. „Du weißt, was ich meine.“

Ross lachte, zuckte dann jedoch zusammen.

Besorgt blickte sie ihn an. „Tun deine Rippen immer noch weh?“

„Du gehst nicht auf mich los, wenn ich Ja sage, oder?“

Flüchtig presste sie die Lippen zusammen. „Doch, vielleicht.“

„Na ja, die Spiele heute haben nicht gerade zur Besserung beigetragen.“ Er zeigte nicht gern Schwäche und ihr gegenüber aus irgendeinem Grund schon gar nicht.

„Hast du dich denn bis heute geschont?“ Forschend sah sie ihn an, doch er konnte ihrem Blick nicht standhalten.

„Ich habe es zumindest versucht.“

Sally verzog den Mund. „Leg dich zu Hause gleich in die Badewanne, das hilft. Beim Tauziehen hättest du nicht unbedingt mitmachen müssen“, fügte sie mit einem scharfen Unterton hinzu.

Ross grinste. „Dann hätten wir wohl kaum gewonnen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Männer … Da ist mein Wagen. Bye, Olivia und Jared. Wir sehen uns, Ross.“

Nachdem sie sich ebenfalls von ihr verabschiedet hatten, gingen sie weiter. Warum vermisste er sie jetzt schon?

Als sie eingestiegen waren und Ross den Motor anlassen wollte, klopfte jemand ans Fenster. Es war Sally. Sie bedeutete ihm, das Fenster zu öffnen.

„Streck die Hand aus.“ Als er es tat, gab sie ihm mehrere Tabletten. „Die helfen dir gegen die Schmerzen. Bye, Ross“, fügte sie sanft hinzu.

Mit einem warmen Gefühl, das er lieber nicht ergründen wollte, blickte er ihr nach.

3. KAPITEL

Zwei Tage später saß Ross im Büro und erledigte den Papierkram, als der Krankenwagen in die Parkbucht fuhr. Durch das Fenster beobachtete er, wie Sally zum Heck ging. Sie sah müde aus. Während dieser Schicht hatten sie schon doppelt so viele Einsätze gehabt wie die Feuerwehrleute.

Die letzten Stunden hatten seine Männer damit verbracht, die Wagen zu waschen, die Vorräte zu überprüfen und die Wache auf Vordermann zu bringen. Nun trainierten einige im Fitnessraum, während andere fernsahen.

Ein Kollege blieb an der offenen Tür stehen und steckte den Kopf herein. „Hallo, Ross, heute Abend bist du mit Kochen dran. Müssen wir noch einkaufen?“

Hier wechselten sie sich mit Kochen ab, und zwar mit jeweils zwei Mann pro Schicht. Er war kein sonderlich guter Koch, konnte allerdings einfache Mahlzeiten zubereiten.

„Ich sehe mal nach. Wer ist mit mir dran?“

„Sal.“

Eigentlich hatte er Sally aus dem Weg gehen wollen, weil seine starke Reaktion während des Picknicks ihm Angst gemacht hatte. Da er nicht wusste, wie er um das gemeinsame Kochen herumkommen sollte, ohne von seinen Kollegen mit Fragen überschüttet zu werden oder sie zu verletzen, ergab Ross sich in sein Schicksal.

In den letzten Wochen schienen sie sich öfter gesehen zu haben als in den Monaten davor. Ross wusste, dass Sally oft Überstunden machte, um länger freinehmen zu können. Warum es ihn plötzlich interessierte, wusste er nicht. Er schnaufte. Es ging ihn ohnehin nichts an.

Nachdem er den Blick erneut zur Parkbucht hatte schweifen lassen, sah er wieder seinen Kollegen an. „Sie sind gerade gekommen. Wenn sie mit den Nachbereitungen fertig ist, frage ich sie, ob sie noch kochen möchte. Die beiden waren heute Nachmittag ständig im Einsatz.“

„Verstanden.“

Wenige Minuten später betrat Ross den Bereich der Sanitäter. Sally suchte gerade etwas in einer Schublade. „Hallo.“

Nun wandte sie sich um. „Hallo.“

„Harte Schicht?“

„Allerdings. Zwei Großeinsätze direkt nacheinander.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber du weißt ja, wie das läuft.“

Ja, solche Tage kannte er auch. „Ich sage es dir nur ungern, aber wir haben heute Abend Küchendienst. Ich würde es auch allein schaffen, aber ich bin kein guter Koch. Ich könnte die anderen fragen, ob mir jemand hilft.“

„Wie kommst du darauf, dass ich auch nicht gut kochen kann?“

Er war es nicht gewohnt, von anderen in Verlegenheit gebracht zu werden. „Kannst du es denn?“

Ihre Augen funkelten. „Ja, sehr gut sogar.“

Mit dem Handrücken fuhr Ross sich über die Stirn. „Zum Glück! Wenn wir etwas brauchen, kann einer meiner Männer einkaufen fahren.“

„Wir treffen uns gleich in der Küche und sehen dann, was da ist. Falls ich ausrücken muss, kannst du wohl einige Dosen öffnen.“

„Klar.“ Ross ging in die Küche.

Dies war das erste Mal, dass sie bei der Arbeit miteinander zu tun hatten. Er mochte Sally. Selbst beim Kochen forderte sie ihn heraus. Außerdem musste er sich eingestehen, dass er diese Art von Konfrontation mochte.

Ross war schon im Küchenbereich, als sie erschien. „Irgendeine Idee?“

„Mal sehen, was da ist.“ Sally öffnete die Tür zu der kleinen Vorratskammer und stellte eine Kiste davor. Hatte sie Angst davor, auf engem Raum mit einem Mann oder, besser gesagt, mit ihm allein zu sein, oder tat sie es aus einem anderen Grund? Natürlich würde er nie das Risiko eingehen, auf der Wache mit einer Frau in einer eindeutigen Situation angetroffen zu werden. Seine Beförderung war ihm wirklich wichtig.

Als er damals nach dem Feuer im Krankenhaus lag, hatte er beschlossen, anderen eines Tages so zu helfen, wie der Feuerwehrmann seinem Großvater geholfen hatte. Deshalb war er nach seinem Highschoolabschluss der freiwilligen Feuerwehr im Ort beigetreten und dort auch während seines Studiums geblieben. Danach hatte er bei der Feuerwehr in Austin angefangen. Und er liebte seinen Beruf.

In gewisser Weise war er entschlossen, das Feuer auszutricksen. Ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Er wollte es kontrollieren und löschen, damit niemand dasselbe erleben musste wie er damals.

Sally ließ die Hand über die Konserven im Regal gleiten. „Ich glaube, wir haben genug Zutaten für eine Gemüsesuppe – Mais, Bohnen, Kartoffeln und passierte Tomaten. Jeweils zwei Dosen sollten reichen, und dazu könnten wir Käsesandwichs machen.“

Ross trat an die Tür und nickte. „Klingt gut.“ Auf der Wache waren sie zu siebt, und außer Sally waren noch zwei Sanitäter anwesend.

„Gibt es noch frisches oder eingefrorenes Rinderhack?“, fragte sie, als hätte sie gerade dasselbe gedacht.

„Ich sehe mal nach.“ Er ging zur Gefriertruhe. „Ja, knapp anderthalb Kilo.“

„Dann nimm es raus. Ich fange mit der Suppe an“, rief Sally, bevor sie mit den Konservendosen auf dem Arm aus der Speisekammer kam und diese auf den Tresen stellte. „Kannst du die restlichen Dosen holen?“

„Ja.“ Ross ging in die Speisekammer, um die Dosen zu holen, die sie beiseitegestellt hatte. Nachdem er die Kiste wieder in den Raum geschoben hatte, fiel die Tür ins Schloss. Er stellte die Dosen neben den anderen auf den Tresen. „Und was jetzt?“

Die Hand auf der Hüfte, blickte Sally ihn an. „Wir kochen zusammen, ich bin hier nicht die Chefköchin.“

„Letzteres wäre mir aber lieber“, meinte er grinsend.

„Anscheinend machst du das hier nicht so oft.“

Nun lehnte er sich an den Tresen. „Nein, wenn ich es nicht unbedingt muss.“

„Okay, dann öffne zuerst alle Dosen. Das kannst du doch, oder?“

„Ich glaube schon. Der Dosenöffner ist elektrisch, stimmt’s?“

Sally lachte. „Ja.“ Dann wandte sie ihm den Rücken zu. „Und so einer nennt sich Captain.“

Ross nahm den Dosenöffner aus einer Schublade. „Das habe ich gehört.“

Sie stellte einen großen Topf auf den Herd und schaltete diesen ein. Nachdem Ross die Dosen geöffnet hatte, beobachtete er, wie sie das Fleisch in den Topf tat.

„Du hast das Rezept also im Kopf?“

Sally blickte über die Schulter. „Ja. Die Suppe habe ich früher immer für meine Familie gekocht.“

„Ich bin beeindruckt. Ich hatte keine Ahnung, dass du so gut kochen kannst.“

„Kein Wunder, wir haben ja auch noch nicht oft zusammengearbeitet.“

Autor

Susan Carlisle

Als Susan Carlisle in der 6. Klasse war, sprachen ihre Eltern ein Fernsehverbot aus, denn sie hatte eine schlechte Note in Mathe bekommen und sollte sich verbessern. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann sie damals damit zu lesen – das war der Anfang ihrer Liebesbeziehung zur Welt der Bücher....

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