Bianca Exklusiv Band 357

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MEIN RETTENDER ENGEL BIST DU! von Marie Ferrarella
Alain Dulac versteht nicht, wie die warmherzige Tierärztin Kayla es in ihrem einfachen Landhaus ohne Strom aushält. Aber nach einem Unfall ist er auf ihre Hilfe angewiesen und muss bei ihr leben. Und findet das mit einem Mal ganz reizvoll …

ZWEI EINSAME HERZEN ... von Kathleen Eagle
Jack McKenzie ist wirklich unheimlich heiß, findet Lily. Aber sie ist nach Montana zurückgekehrt, um sich um ihre Tochter zu kümmern – nicht um einen neuen Mann zu finden! Außerdem scheint Jack ein einsamer Wolf zu sein …

SÜSSER TROST IN DEINEN ARMEN von Victoria Pade
Nur eine einzige Nacht lang will die junge Witwe Marti ihren Kummer vergessen. Der attraktive Noah küsst ihre Tränen fort. Aber die zärtlichen Stunden schenken Marti auch etwas anderes – das sie Noah dringend gestehen muss …


  • Erscheinungstag 06.01.2023
  • Bandnummer 357
  • ISBN / Artikelnummer 0852230357
  • Seitenanzahl 512

Leseprobe

Marie Ferrarella, Kathleen Eagle, Victoria Pade

BIANCA EXKLUSIV BAND 357

1. KAPITEL

Im Oktober hatte es nicht zu regnen. Jedenfalls nicht in Südkalifornien.

Alain Dulac war sich ziemlich sicher, dass es ein Gesetz dagegen gab. Aber als er versuchte, seinen Sportwagen durch den Regen zu steuern, konnte er so gut wie nichts mehr sehen. Es schüttete. Als ob sich der gesamte Pazifik in den schwarzen Wolken aufgestaut hatte, die sich über ihm ausregneten. Er war sich nicht einmal mehr sicher, wo er sich eigentlich befand. Möglicherweise war er im Kreis gefahren und befand sich wieder auf dem Weg nach Santa Barbara.

Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es kurz nach vier Uhr nachmittags war. Aber er hatte den Eindruck, dass der Weltuntergang kurz bevorstand. In der Ferne grollte sogar Donner.

Die Bemühungen der Scheibenwischer sorgten jedoch nur für wenige Sekunden freie Sicht.

Alain unterdrückte einen Fluch, als sein Wagen in ein Schlagloch rumpelte. Das Auto schlingerte, bevor er wieder auf Kurs ins Nichts war.

Es wäre wirklich zu freundlich gewesen, überlegte er missmutig, wenn der Wetterbericht gestern Abend oder heute früh auch nur den kleinsten Hinweis auf diesen Sturm enthalten hätte.

Er verstärkte seinen Griff ums Lenkrad. Als ob er so sein Auto besser unter Kontrolle behalten könnte. Wenn er gewusst hätte, dass das Wetter heute selbst Noah Angst einjagen würde, wäre er erst nächste Woche nach Santa Barbara gefahren, um die eidesstattliche Aussage für seinen Fall einzuholen.

Archie Wallace machte gesundheitlich den Eindruck, als ob er nächsten Montag noch leben würde. Für seine vierundachtzig Jahre war der ehemalige Butler sehr rüstig. Alain hätte seine Aussage später einholen können, anstatt Kopf und Kragen und seinen BMW zu riskieren.

Das hatte er nun davon, sich auf Familienrecht und nicht auf Strafrecht zu spezialisieren. Dabei hatte er eigentlich nichts gegen das entsprechende Medieninteresse einzuwenden. Bisher war der einzige Ruhm, den er für sich beanspruchen konnte, der, der jüngste Sohn von Lily Moreau zu sein. Seine Mutter war für ihren Lebenswandel ebenso bekannt wie für ihre exotisch bunten Gemälde, ja, manchmal überstrahlte ihr auffallendes Privatleben sogar ihre künstlerischen Werke.

Alain und seine beiden älteren Brüder hatten verschiedene Väter, ein Beweis dafür, wie leidenschaftlich Lily ihre Männer liebte. Aber auch dafür, dass ihre Leidenschaft nicht unbedingt von Dauer war.

Die Rolle der Mutter erfüllte sie besser als die der Ehefrau. Doch zum Glück für die Kunstwelt zeigte sie ihr größtes Talent als Künstlerin.

Alain konnte sich jedoch nicht wirklich beklagen. Seit Langem wusste er, dass sie als Mutter wirklich ihr Bestes gab. Außerdem hatten Georges und er immer noch Philippe. Als ältester Sohn war Philippe eher wie ein Vater für sie als wie ein Bruder. Von ihm hatte Alain auch seine Wertvorstellungen übernommen.

Eigentlich war Philippe sogar schuld daran, dass er sich auf Familienrecht spezialisiert hatte. Familie war wichtiger als alles andere. Darauf hatte Philippe stets beharrt.

Zu schade, dass die Hallidays nicht auch so dachten. Sein neuester Fall war bereits auf dem besten Wege, das Familiendrama des Jahres zu werden. Die Beteiligten warfen sich ohne Rücksicht auf Verluste die wildesten Anschuldigungen an den Kopf. Für die Klatschpresse war das ein gefundenes Fressen.

Normalerweise übernahmen Dunstan, Jewison und McGuire solche Mandate nicht. Die altehrwürdige Kanzlei legte großen Wert darauf, alle Geschäftsangelegenheiten stilvoll zu erledigen.

Aber natürlich ging es auch um unverschämt viel Geld. Nicht einmal ein Heiliger könnte der Summe widerstehen, die der Kanzlei bei einem Sieg vor Gericht zustand. In den letzten paar Jahren hatte die Kanzlei sich fast nur noch dank ihres guten Rufes über Wasser halten können. Darum hatte man auch Alain als jüngsten Mitarbeiter an Bord geholt. Der nächstältere war mit zweiundfünfzig Jahren Morris Greenwood. Ganz klar, die Kanzlei brauchte frisches Blut – und Geld.

Alain hatte die Seniorpartner auf den Fall Halliday aufmerksam gemacht. War dieser Fall erst einmal gewonnen – und daran Alain zweifelte nicht – würde ihnen das viele neue Mandate bringen.

Wie seine Mutter konnte Alain wenn nötig ein gerissener Geschäftsmann sein. Daher war er auch ziemlich zuversichtlich, diesen Fall problemlos gewinnen zu können.

Ethan Halliday war so vernarrt in seine junge Frau gewesen, dass er nach zwei Monaten Ehe den Ehevertrag aufheben ließ und ein neues Testament machte. Kaum volljährig, sollte das junge Dessousmodel nun mehr als achtundneunzig Prozent des ansehnlichen Hallidayschen Vermögens erben.

Den vier Halliday-Kindern schnappte das neue Testament ihrer Meinung nach das Geburtsrecht vor der Nase weg. Die zwei Männer und zwei Frauen, alle älter als die Witwe ihres Vaters, waren zum ersten Mal seit Jahren einer Meinung. Als Verbündete sahen sie sich nun einem gemeinsamen Feind gegenüber: ihrer bösen Stiefmutter.

Es war wie in einem schlechten Film. Oder wie in einem Märchen. Und es sah ganz so aus, als ob es für seine Mandantin ein Happy End geben würde – wenn Ethan lange genug lebte, um die eidesstattliche Aussage, die Alain heute eingeholt hatte, vor Gericht vorzutragen.

Als das Auto erneut heftig ins Schleudern geriet, war Alain wieder hellwach und konzentrierte sich auf seine augenblickliche Situation anstatt auf den Gerichtssaal. Er spürte fast, wie das Auto ins Aquaplaning geriet.

Der Wind machte es auch nicht besser. Unvermittelt erfassten starke Böen das Auto. Er musste um die Kontrolle über das Fahrzeug kämpfen. Der Wind schien von zwei Seiten zu kommen. Alain fühlte sich wie ein Eishockeypuck, auf den von überall her eingedroschen wird.

Er dachte daran, wie sein Tag eigentlich aussehen sollte. Er hatte mit Rachel ausgemacht, sich ein paar Antiquitäten anzusehen. Dann ein zeitiges Abendessen. Und danach, nun …

Alain musste trotz seiner derzeitigen Lage grinsen. Rachel Reed war eine wilde Nummer im Bett und auch sonst erfrischend offen und unkompliziert. Genau das mochte er. Viel Spaß, kein Stress, keine Verpflichtungen. In dieser Hinsicht war er seiner Mutter sehr ähnlich.

Er musste wieder mit dem Lenkrad kämpfen, um sein Auto weiter geradeaus zu lenken. Was auch immer das im Augenblick bedeutete.

Wo um Himmels willen befand er sich eigentlich?

Obwohl er wusste, dass es sinnlos war, warf Alain einen erwartungsvollen Blick auf das Navigationssystem in seinem Armaturenbrett. Aber das verhielt sich keinen Deut anders als in den vergangenen fünfzehn Minuten. Eine Anzeige seiner voraussichtlichen Ankunftszeit, die seit einiger Zeit aufleuchtete, wollte ihm weismachen, dass er bereits daheim angekommen war.

Wenn es doch nur so wäre.

Alain atmete tief aus. Er fühlte sich, als wäre er der letzte Mensch auf Erden, allein im Kampf gegen die Naturgewalten.

Und ganz und gar verloren.

Nicht einmal sein Handy funktionierte mehr. Er hatte es schon mehr als einmal versucht. Das Funksignal kam einfach nicht durch. Mutter Natur hatte ihm und seinem elektronischen Spielzeug den Krieg erklärt. Als ob sie wusste, dass er ohne diese Hilfsmittel die Orientierung verlieren würde.

Jetzt fuhr er nur noch im Schritttempo. Verzweifelt hielt er nach irgendeinem Anzeichen menschlicher Zivilisation Ausschau. Er hatte die Stadt vor einiger Zeit hinter sich gelassen. Aber er wusste, dass es hier draußen Häuser gab. Auf der Herfahrt war er an ihnen vorbeigekommen. Es handelte sich jedoch um vereinzelte Anwesen, und jetzt konnte er beim besten Willen nicht einmal die schemenhaften Umrisse einer Behausung ausmachen.

Alain lehnte sich übers Lenkrad nach vorne und kniff die Augen zu, während er versuchte, irgendetwas – egal was – zu erkennen.

Gerade als er die Hoffnung aufgeben wollte, bemerkte er, wie etwas vor ihm über die Straße huschte.

Ein Tier?

Seinem Instinkt folgend riss er das Steuer nach links herum, um auszuweichen. Reifen quietschten, Bremsen kreischten. Schlamm spritzte auf. Das Auto entwickelte ein Eigenleben.

Wo der Baum auf der linken Seite herkam, konnte er sich überhaupt nicht erklären. Alain wusste nur, dass er mit dem Baum nicht frontal zusammenstoßen durfte. Nicht, wenn er mit dem Leben davonkommen wollte.

Aber das Auto, das er wie ein Baby gehätschelt hatte, schien andere Pläne zu haben. Im Augenblick wollte es den Baum umarmen.

Einen Sekundenbruchteil zu spät merkte er, wie sein Wagen schleuderte.

Verschwommen erinnerte er sich, dass man in die Drehung hineinsteuern sollte. Aber alles in ihm sträubte sich dagegen. Nur nicht den Baum treffen, wenn sich das irgendwie vermeiden ließ! Also riss er das Steuer herum und lenkte, so weit es ging, nach rechts.

Grauenhafte Geräusche drangen an sein Ohr, als sich das Quietschen der Reifen mit dem schrillen Kratzen von Metall und dem Heulen des Sturms mischte. Seine gewöhnliche Gelassenheit schwand. Panik packte ihn. Es tat einen Schlag.

Und dann war alles dunkel.

Kayla hatte das Gefühl, als ob Winchester ihr seit dem Tag, an dem sie ihn aus dem Tierheim nach Hause gebracht hatte, nichts als Probleme bereitete. Aber sie hatte einfach eine Schwäche für den Hund. Daher ließ sie ihm mehr durchgehen, als gut für ihn war. Von allen Hunden, die Kayla McKenna bei sich aufgenommen hatte, war seine Geschichte eine der traurigsten.

Ehe sie den kleinen Schäferhund gerettet hatte, war er als Zielscheibe für Schießübungen benutzt worden. Winchester hatte eine Kugel in seinem rechten Vorderlauf und Fieber wegen der Infektion. Anstatt sich die Mühe zu machen, den Fremdkörper zu entfernen, hatte das örtliche Tierheim sein Bein nur geschient.

Der Hund war kurz davor, eingeschläfert zu werden, als sie ihn entdeckte. Sobald sie den Wärter dazu gebracht hatte, den Zwinger aufzusperren, war Winchester auf sie zugehumpelt und hatte ihr den Kopf in den Schoß gelegt. Damit war es um Kayla geschehen.

Normalerweise klapperte sie alle paar Wochen die Tierheime auf der Suche nach Schäferhunden ab, die ausgesetzt oder abgegeben worden waren. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie alle Hunde mit zu sich nach Hause genommen. Um sie zu versorgen, aufzupäppeln und auf ein gutes, liebevolles Zuhause vorzubereiten. Trotz ihres großen Herzens sah aber sogar sie ein, dass alles eine Grenze haben musste.

Sie traf ihre Wahl aufgrund von Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Als kleines Mädchen war Hailey ihr erster Hund gewesen – eine große, liebenswerte, außergewöhnliche Schäferhündin. Als Wachhund war Hailey nicht zu gebrauchen. Aber sie war so zutraulich, dass sie Kaylas Herz im Nu für sich eroberte.

Kayla wusste gar nicht mehr, wie viele Hunde sie schon heimgebracht und gepflegt hatte, bis sie eine neue Familie fanden. Ihr Beruf als Tierärztin schadete da nichts. So entstanden ihr für die Versorgung der vernachlässigten und oft misshandelten Tiere kaum Kosten.

„So wirst du niemals reich“, hatte Brett sie verhöhnt. „Und wenn du willst, dass ich dich heirate, wirst du dich von diesen Hunden trennen müssen. Das ist dir klar, oder?“

Ja, dachte sie jetzt und hob die Laterne, die sie mitgebracht hatte, etwas höher, um im strömenden Regen besser sehen zu können. Das war ihr klar gewesen. Nur hatte sie das eben nicht wahrhaben wollen. Sie hatte Brett an der Uni kennengelernt. Er war wunderbar, und sie hatte sich sofort Hals über Kopf in ihn verliebt. Aber wie sich herausstellte, hatte sie sich gründlich in ihm getäuscht. Er war nicht der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Also hatte sie die Hunde behalten und sich von ihrem Verlobten getrennt. Tief im Herzen wusste sie, dass es so besser war.

Der Wind drehte und zerrte jetzt von vorne an ihr. Mit der freien Hand versuchte sie, ihre Kapuze festzuhalten. Aber die Böen rissen sie ihr aus den Fingern. Innerhalb von Sekunden war ihr Haar tropfnass.

„Winchester!“

Der Sturmwind nahm ihr den Atem, ehe Kayla ernsthaft nach dem Schäferhund rufen konnte.

„Verdammter Hund, warum musstest du ausgerechnet heute ausbüxen?“ Es war nicht das erste Mal, dass er verschwunden war.

„Winchester, bitte, komm zurück!“ Der Wind unterstrich die Aussichtslosigkeit ihrer Rufe und verwehte ihre Worte. „Taylor, wir müssen ihn finden“, erklärte sie dem Hund zu ihrer Linken.

Taylor war einer der Hunde, die sie für sich behalten hatte. Er war mindestens sieben Jahre alt. Einen alten Hund wollte niemand. Das bedeutete nur stetig steigende Tierarztrechnungen und unausweichliche Trauer, weil seine Lebenserwartung so kurz war. Aber Kayla war der Ansicht, dass alle Geschöpfe Gottes geliebt werden sollten – vielleicht mit Ausnahme von Brett.

Urplötzlich fingen Taylor und Ariel, der andere Hund, den sie dabeihatte, an zu bellen.

„Was? Seht ihr was?“, fragte sie die Tiere.

Sie hob die Laterne noch etwas höher. Während sie noch in den strömenden Regen blinzelte, glaubte Kayla zu entdecken, warum Taylor und Ariel bellten.

Warum ihre drei Hunde bellten. Denn auf einmal konnte sie Winchester ausmachen. Da war er, nur ein paar Meter von einem knallroten Auto entfernt, das sich um einen Baum gewickelt hatte. Motorhaube und Vorderreifen hingen gut einen halben Meter über dem Boden und drückten sich eng an den hundertjährigen Baum.

Trotz des Regens konnte Kayla Rauch riechen.

Einen Augenblick war sie wie gelähmt. Dann rannte sie, so schnell sie konnte, auf das Auto zu. Der Regen peitschte ihre Haut mit winzigen Nadelstichen.

Als sie das Fahrzeug erreichte, schlitterte sie beinahe gegen einen Hinterreifen. Irgendwie war Regen in ihre Laterne eingedrungen und hatte die Flamme beinahe gelöscht. Sie hatte gerade noch genug Licht, um in das Innere des verunglückten Sportwagens zu spähen.

Verschwommen konnte Kayla den Hinterkopf eines Mannes erkennen. Sein Gesicht war völlig in einem aufgeblasenen Airbag verschwunden.

Der Mann bewegte sich nicht.

Kayla hielt den Atem an. War der Fahrer nur ohnmächtig oder …

„Das wäre jetzt der perfekte Augenblick, um euch loszuschicken, damit ihr Hilfe holt“, murmelte sie den Hunden zu, während sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. „Falls es jemanden gäbe, der mir zur Hilfe kommen könnte.“

Aber es gab niemanden. Sie lebte allein. Es waren fast fünf Kilometer bis zum nächsten Nachbarn.

Kayla stellte die Laterne ab und versuchte, die Fahrertür zu öffnen. Zuerst tat sich nichts. Nachdem sie ein paar Mal heftig an der Tür gezogen hatte, gab die Tür glücklicherweise nach. Kayla stolperte rückwärts und wäre beinahe in den Schlamm gefallen, wenn hinter ihr nicht der Baum gewesen wäre.

Einen Augenblick lang klammerte sie sich an den Türgriff, um wieder zu Atem zu kommen. Während sie die feuchte Luft einsog, starrte sie in das Innere des Autos. Das Gesicht des Fahrers war immer noch im Airbag vergraben. Der Sicherheitsgurt umfing seinen Körper und hielt ihn fest. Bei geöffneter Autotür drang jetzt der Regen in das Fahrzeuginnere. Innerhalb kürzester Zeit war der Fremde bis auf die Haut durchnässt.

Und er bewegte sich immer noch nicht.

2. KAPITEL

„Hallo?“ Kayla erhob ihre Stimme, damit sie trotz des heulenden Sturms gehört werden konnte. „Sind Sie bei Bewusstsein?“

Als er nicht antwortete, schüttelte sie den Mann an der Schulter. Keine Reaktion. Der Fremde hob weder den Kopf noch bewegte er sich oder gab irgendeinen Laut von sich. Er war völlig leblos.

Ihr Unbehagen verstärkte sich. Was, wenn er schwer verletzt war, oder …

„Oh Gott“, murmelte Kayla.

Sie wich einen Schritt zurück und trat beinahe auf Winchester. Der Hund humpelte um sie herum, als ob er ins Auto springen wollte, um den Fremden wiederzubeleben.

„Aus dem Weg, Junge“, befahl Kayla, und er gehorchte widerwillig.

Sie runzelte die Stirn. Der Airbag machte keine Anstalten, wieder in sich zusammenzusinken. Nachdem der Airbag ihm zunächst vielleicht das Leben gerettet hatte, war er jetzt dabei, den Fahrer zu ersticken.

Verzweifelt kramte Kayla in ihren Taschen. Beim Anziehen an diesem Morgen hatte sie ganz automatisch ihr Handy eingesteckt. Und das Schweizer Taschenmesser, das einmal ihrem Vater gehört hatte. Eilig zog sie es aus der Tasche, klappte das größte Messer aus und stach damit auf den Airbag ein. Zischend entwich die Luft, und der Airbag sank in sich zusammen.

Sobald die Luft aus dem Airbag entwichen war, fiel der Fremde nach vorne und schlug mit dem Kopf auf das Lenkrad. Offensichtlich war er immer noch bewusstlos. Oder zumindest hoffte sie das.

Kayla strich mit den Fingerspitzen über seinen Nacken und fand einen Puls. „Gott sei Dank“, flüsterte sie.

Als Nächstes musste sie ihn aus dem Auto rausbekommen. Sie beugte sich über ihn und versuchte, den Sicherheitsgurt zu lösen.

Bildete sie sich das nur ein, oder hatte er sich gerade bewegt?

„Kennen … wir … uns?“

Keuchend fuhr Kayla zusammen und knallte mit dem Kopf gegen das Autodach, als sie die heisere Frage hörte.

Sie schluckte schwer. „Sie sind wach“, stellte sie erleichtert fest.

„Oder … sind Sie … nur ein Traum?“, murmelte Alain mit schwacher Stimme. War das seine Stimme? Sie klang so hoch und weit weg. Und seine Augenlider fühlten sich schwerer an als eine Tonne. Sie wollten ihm immer wieder zufallen.

Litt er an Halluzinationen? Er hörte Hundebellen. Alain versuchte, sich auf die Frau vor ihm zu konzentrieren. Er musste im Delirium liegen, beschloss er. Es gab keine andere Erklärung für einen rothaarigen Engel in einem Regenumhang.

Kayla musterte den Fremden gründlich. Blut quoll aus einer Platzwunde an der Stirn über seiner rechten Augenbraue. Er sah aus, als ob er jeden Augenblick wieder ohnmächtig werden würde. Sie legte den Arm um ihn und versuchte weiter den Sitzgurt zu lösen.

„Ganz bestimmt … sicher nur ein Traum“, hauchte Alain, als er spürte, wie sie mit den Fingern sanft über seine Oberschenkel strich.

Als sie die Halterung des Sicherheitsgurts endlich fand, drückte sie den Knopf und löste den Gurt. Kayla sah auf. Seine Augen waren geschlossen.

„Nein, nein, bitte jetzt nicht ohnmächtig werden“, flehte sie ihn an. Den Fremden nach Hause zu bringen war so gut wie unmöglich, wenn er bewusstlos war. Sie war stark – aber so stark auch wieder nicht. „Bitte bleiben Sie wach. Bitte“, drängte sie.

Zu ihrer Erleichterung öffnete der Fremde erneut die Augen.

Als sie vorsichtig über seine Rippen streichelte, zuckte er mehrmals zusammen. Wahrscheinlich sind die Rippen angebrochen oder zumindest geprellt, überlegte sie besorgt.

„Okay, nur nicht schlapp machen“, munterte sie ihn auf, während sie langsam seinen Oberkörper und seine Beine drehte, bis er ihr zugewandt dasaß. Mühsam legte sie ihm einen Arm um den Rücken und packte seinen Unterarm.

Der Mann hielt die Augen geschlossen, aber er murmelte ihr etwas ins Ohr: „Sie sollten … Ihre Bäume … nicht dahin stellen … wo man … mit ihnen … zusammenstoßen kann.“

„Ich werde dran denken“, versprach sie. Sie stemmte die Füße gegen den Boden und spannte sich an. Dann versuchte sie aufzustehen, während sie ihn festhielt. Sie spürte, wie er in sich zusammensackte. „Los, helfen Sie mal mit.“

So gut sie konnte, schlang sie ihren Arm um seine Taille und konzentrierte sich auf den weiten Weg über den Rasen bis zu ihrer Eingangstür.

„Tut mir leid …“ Der Sturm verwehte seine Worte. Aber im nächsten Augenblick wurde ihr klar, was der Mann hatte sagen wollen. Er verlor das Bewusstsein.

„Nein, nein, nicht“, flehte Kayla. Aber es war zu spät. Wie ein Baumstamm fiel er um. Beinahe wäre sie mit ihm zu Boden gegangen. Erst in letzter Sekunde ließ sie los. Frustriert betrachtete sie den attraktiven blonden Fremden. Sie konnte ihn nicht tragen. Er war einfach zu schwer.

Sie warf einen Blick auf ihr Haus. So nah und doch so fern.

Kayla biss sich nachdenklich auf die Lippe und überlegte, während alle drei Hunde den auf dem Boden liegenden Fremden umringten. Und dann hatte sie einen verzweifelten Einfall.

„Okay, Leute.“ Sie wandte sich an die Hunde, als ob sie ihre Helfer wären. „Passt gut auf ihn auf. Ich komme gleich wieder.“

Die Hunde schienen jedes Wort zu verstehen.

„Zeltplane, Zeltplane“, murmelte sie vor sich hin, als sie zum Haus eilte. „Wo hab ich die bloß?“ Sie erinnerte sich daran, wie sie letztes Jahr ein paar Meter Plane gekauft hatte. Davon war noch ein gutes Stück übrig. Und sie hätte schwören können, dass sie die Plane erst kürzlich in der Hand hatte.

Sie durchquerte die Küche und ging in die Garage, immer auf der Suche nach der Zeltplane. Ordentlich zusammengefaltet lag die Plane in einer Ecke. Kayla packte sie und rannte zurück.

Wenig später hatte sie den verunglückten Wagen und ihren immer noch bewusstlosen Gast wieder erreicht. Es schüttete weiter wie aus Kübeln, während Kayla die Zeltplane mit der beschichteten Seite nach unten auf dem schlammigen Boden neben dem Fremden ausbreitete. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, als Kayla so schnell sie konnte den Mann auf die Plane rollte. Dabei wurden seine Kleider schmutzig, aber das ließ sich leider nicht verhindern.

„Okay“, erklärte sie ihren Hunden, „jetzt kommt der schwierige Teil. Ein Schlitten wäre jetzt wirklich nützlich.“ Winchester jaulte und schaute sie anbetungsvoll an. Ihn hatte sie ja schließlich auch gerettet. „Du hast leicht reden“, erklärte sie.

Mit jeder Hand packte sie eine Ecke der Zeltplane. Dann drehte sie sich um. „Auf in den Kampf“, murmelte sie. Damit begann der lange, mühsame Weg zurück zum Haus.

Als Alain langsam die Augen aufschlug, fühlte er zuerst nur einen Druck auf seinem Kopf. Als ob sich ein Amboss auf seiner Stirn befand, der mindestens tausend Pfund schwer war und auf den eine ganze Bande kleiner Teufel mit ihren Hämmern einschlug.

Dann spürte er die Decke auf seiner Haut. Auf seiner nackten Haut. Unter der blau-weißen Bettdecke war er nackt. Er blinzelte und versucht angestrengt, sich zurechtzufinden.

Wo in aller Welt war er?

Er hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war – oder warum er überhaupt hier war.

Oder wer die Frau mit den wohlgeformten Hüften war.

Alain blinzelte noch einmal. Das war nicht nur reine Einbildung. Da stand wirklich eine Frau. Sie wandte ihm den Rücken zu, während sie sich über den Kamin beugte. Der Feuerschein und das Licht einiger Kerzen, die in dem großen, rustikal wirkenden Raum verteilt waren, bildeten die einzige Lichtquelle.

Warum? Gab es hier keinen elektrischen Strom?

Das alles machte überhaupt keinen Sinn. Alain versuchte, den Kopf zu heben, und bereute es sofort. Das Hämmern in seinem Schädel vervielfachte sich augenblicklich.

Instinktiv fasste er mit der Hand nach seiner Stirn und ertastete einen dicken Verband.

Was war nur passiert?

Er öffnete den Mund, um sich bemerkbar zu machen. Aber er brachte keinen Ton heraus. Er räusperte sich und versuchte es noch einmal. Diesmal hörte sie ihn.

Sie drehte sich um – und das Rudel Hunde, das sich um sie geschart hatte, auch. Alain wurde klar, dass sie gerade dabei war, ihre Näpfe mit Futter zu füllen.

Großartig. Dann würden sie ihn zumindest nicht auffressen.

„Zumindest noch nicht“, ergänzte er vorsichtig.

„Sie sind wach“, sagte sie erfreut und kam zu ihm herüber. Das Feuerlicht ließ die roten Locken, die ihr Gesicht umrahmten, aufleuchten. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und voller Anmut. Wie jemand, der ganz und gar in sich ruhte. Und warum auch nicht? Diese Frau war wunderschön.

Wieder fragte er sich, ob er träumte.

„Und nackt“, fügte er hinzu.

Ein schuldbewusstes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Tut mir leid.“ Dann wurde sie ernst. „Ihre Kleidung war nass und schmutzig. Ich habe es gerade noch geschafft, alles zu waschen, bevor der Strom weg war.“ Sie deutete auf die vielen Kerzen überall. „Ich habe Ihre Sachen in meiner Garage zum Trocknen aufgehängt. Aber ich fürchte, vor morgen sind die nicht trocken“, sagte sie entschuldigend. „Wenn überhaupt.“

Ein Stromausfall war nichts Ungewöhnliches für ihn, normalerweise dauerte so etwas nur ein paar Minuten. „Es sei denn, der Strom kommt wieder.“

Die Rothaarige schüttelte den Kopf. Ihr Haar wogte dabei um ihr Gesicht wie eine Art Wolke. „Das bezweifle ich stark. Wenn es hier einen Stromausfall gibt, dann ist das selten nur für einen Moment. Falls wir Glück haben, ist morgen Nachmittag der Strom wieder da.“

Alain schaute auf die Decke hinunter, die über seinen Körper gebreitet lag. Selbst diese winzige Bewegung verursachte ihm Schmerzen. „Auch wenn die Vorstellung einen gewissen Reiz hat, ich kann wirklich nicht die ganze Zeit nackt bleiben. Kann ich mir vielleicht von Ihrem Mann etwas borgen, bis meine Sachen wieder trocken sind?“

War das Belustigung, die da in ihren Augen funkelte, oder etwas anderes? „Das dürfte schwierig werden“, meinte sie.

„Warum?“

„Weil ich keinen habe.“

Aber er hatte doch jemanden in einem Regenumhang mit Kapuze gesehen. „Lebensgefährten?“, schlug er vor. Als sie nicht antwortete, forschte er weiter: „Bruder? Vater?“

Sie schüttelte den Kopf bei jedem Vorschlag. „Weder noch.“

„Sie sind ganz allein?“, fragte er ungläubig.

„Im Augenblick habe ich sieben Hunde“, erklärte sie und lächelte belustigt. „Ich bin niemals allein.“

„Wie haben Sie mich dann hier hereinbekommen? Sie sehen nicht so aus, als ob Sie stark genug sind, mich hier ohne Hilfe hereinzutragen.“

Sie deutete auf eine Zeltplane, die zum Trocknen vor dem Feuer ausgebreitet lag. „Ich habe Sie da draufgelegt und dann gezogen.“

Er musste zugeben, dass er beeindruckt war. Keine Frau, die er kannte, hätte so etwas jemals in Angriff genommen. Die hätten ihn wahrscheinlich draußen im Regen zurückgelassen.

„Ganz schön einfallsreich.“

„Wissen Sie was, ich glaube, auf dem Dachboden könnte noch ein alter Overall von meinem Vater sein.“ Kayla war schon auf halbem Weg zur Treppe, als sie stehen blieb. Ein zweifelnder Ausdruck stieg in ihren hellgrünen Augen auf, als sie den Mann auf dem Sofa musterte.

Alain bemerkte den Blick und konnte nicht anders, als sich zu fragen, was sie wohl gerade dachte. „Was ist?“

„Nun …“ Kayla zögerte. Obwohl ihr Vater bereits fünf Jahre tot war, musste sie nach den richtigen Worten suchen. „Mein Vater war ein ziemlich kräftiger Mann.“

Alain verstand nicht, wo das Problem lag. „Ich bin fast eins neunzig.“

Sie lächelte, und trotz der Situation fühlte er sich zu ihr hingezogen.

„Nein, nicht groß …“ Kayla hielt ihre Hand in die Höhe, um Körpergröße anzudeuten. „… mächtig.“ Diesmal machte sie mit ihrer Hand eine Geste auf Brusthöhe, die einen Mann veranschaulichte, der einmal mit einem überdimensionalen Grizzlybären verglichen worden war.

„Das Risiko gehe ich ein“, versicherte Alain. Auf einmal wurde ihm bewusst, dass er sich mit einer Frau unterhielt, deren Namen er nicht einmal kannte, und die auch nicht wusste, wie er hieß. „Übrigens, ich bin Alain Dulac.“

Ihr Lächeln macht den Raum heller als alle ihre Kerzen zusammen, dachte er.

„Kayla“, sagte sie. „Kayla McKenna.“ Sie sah, wie er zusammenzuckte, als er versuchte, sich aufzusetzen, um ihre Hand zu schütteln. Anstatt ihm die Hand zu geben, drückte sie sanft gegen seine Schultern, damit er sich wieder aufs Sofa zurücklegte. „Ich denke, Sie sollten eine Weile liegen bleiben. Sie haben sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen und ein paar Rippen angeknackst. Die Stirnwunde habe ich genäht und verbunden“, fügte sie hinzu. „Ansonsten scheinen Sie keine Verletzungen zu haben. Ich habe Sie mit meinem tragbaren Scanner untersucht.“

Wenn sie nicht vom Raumschiff Enterprise kam, dann gab es nur eine Erklärung. „Ich nehme an, Sie sind Ärztin?“

Kayla schüttelte den Kopf. „Tierärztin“, korrigierte sie.

„Oh.“ Vorsichtig betastete Alain die Bandage um seinen Kopf.

„Warum ruhen Sie sich nicht aus, während ich mal nachsehe, ob ich auf dem Dachboden ein paar alte Sachen von meinem Vater finden kann?“

Er hatte gar nicht gemerkt, wie das Rudel Hunde näher gekommen war. Die Tiere beäugten ihn misstrauisch. Es waren insgesamt sieben Schäferhunde verschiedener Größe und Färbung: zwei weiße und ein schwarzer. Die restlichen waren schwarz-braun. Und keiner von ihnen, abgesehen von dem kleinen Kerl mit der eingegipsten Pfote, sah besonders freundlich aus.

Alain blickte zu Kayla auf. „Sind Sie ganz sicher, dass es ungefährlich ist, mich mit den Hunden allein zu lassen?“

Sie lächelte und nickte. „Sie werden meinen Hunden nichts tun. Ich vertraue Ihnen.“

„Ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, aber ich habe jetzt nicht daran gedacht, dass ich den Tieren etwas antun könnte. Ich habe mir eher Sorgen gemacht, die könnten beschließen, dass es heute nicht genug zum Abendessen gab.“

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Sie klopfte ihm leicht auf die Schulter. Die gleiche Geste, mit der sie die Hunde beruhigt hatte. Als sie sich nach den Tieren umsah, wurde ihr klar, dass die Hunde für einen Fremden durchaus bedrohlich wirken konnten. „Wenn das hilft, nehme ich ein paar mit nach oben.“

Das war zumindest ein Anfang. „Wie wäre es mit allen?“

„Sie mögen keine Hunde.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie wusste nicht genau warum, aber sie war ein bisschen enttäuscht.

„Ich mag Hunde sogar sehr gerne“, entgegnete er. „Aber ich ziehe es vor, in ihrer Gegenwart zu stehen und nicht wie eine Art Henkersmahlzeit auf dem Präsentierteller vor ihnen zu liegen.“

Unter diesen Umständen sollte sie wahrscheinlich Verständnis für seine Haltung aufbringen. „Okay, dann kommen die Hunde eben mit mir mit. Ich lasse nur Winchester hier.“ Sie nickte in Richtung auf den kleinsten Hund.

Der Schäferhund wirkte durchaus freundlich. Aber Alain war neugierig auf ihre Beweggründe. „Warum? Weil er sein Bein gebrochen hat?“

„Er hat sein Bein nicht gebrochen“, berichtigte sie ihn. „Jemand hat auf ihn geschossen. Aber ich dachte, ihr zwei könntet vielleicht Freundschaft schließen. Winchester hat Sie nämlich gefunden.“ Sie verließ das Zimmer, und die Meute folgte ihr auf dem Fuß.

Ungefähr eine Minute nachdem Kayla mit ihren vierbeinigen Kumpanen hinausgegangen war, wurde ihm klar, dass sie sich getäuscht hatte. Winchester hatte ihn nicht gefunden, der Hund war die Ursache für sein unerwartetes Rendezvous mit dem Baum.

Aber da war es schon zu spät, um das richtigzustellen.

3. KAPITEL

Die Tür zum Dachboden knarrte, als Kayla sie öffnete. Einen Augeblick lang blieb sie auf der Türschwelle stehen und schaute in die Schatten, die ihre Laterne warf.

Ariel stieß mit dem Kopf gegen ihre Oberschenkel, als ob sie Kayla einen Stups geben wollte, damit sie hineinging.

Kayla holte tief Luft, hob die Laterne höher und ging hinein.

Sie war schon lange nicht mehr hier oben gewesen. Nicht etwa, weil der Dachboden das Zuhause von Spinnen, Heuschrecken und allen möglichen anderen Insekten war, vor denen sie sich graulte. Kayla kam mit allen Kreaturen der Schöpfung gut aus, ganz egal, was der Rest der Welt von diesen Krabbeltieren hielt. Nein, was sie davon abhielt, hier heraufzukommen, war der bittersüße Schmerz ihrer Erinnerungen.

Der Dachboden war voller Möbel, Kleiderkisten, Kleinkram und persönlichen Erinnerungsstücken. Alles hatte Menschen gehört, die schon lange tot waren. Trotzdem konnte sie sich nicht dazu überwinden, die Sachen zu entrümpeln oder einem wohltätigen Zweck zu stiften. Das zu tun, den Raum zu reinigen und die Sachen loszuwerden, kam ihr wie ein Vertrauensbruch vor.

Als ob sie ihre Gefühle spüren konnten, verharrten die Hunde, die eben noch die Treppe hinaufgestürmt waren, bewegungslos in den Schatten. Sie schienen darauf zu warten, dass Kayla ihr Vorhaben in die Tat umsetzte.

Kayla holte noch mal tief Luft und versuchte den Staub zu ignorieren, der sie in der Nase kitzelte.

Eine uralte, staubbedeckte Singer-Nähmaschine, die ihrer Urgroßmutter gehört hatte, thronte wie die Dame des Hauses in einer Ecke über all den anderen Sachen, die im Laufe der Zeit ihren Weg auf den Dachboden gefunden hatten. Die Angel ihres Großvaters lehnte in einer Ecke, zusammen mit den Golfschlägern ihres Vaters. Neben den Golfschlägern stand ein Fitnessgerät, das ihrer Mutter gehört hatte. Sie hatte die Maschine gewissenhaft benutzt und nie auch nur einen Tag ausgelassen.

Kayla presste die Lippen zusammen, um die Tränen zu unterdrücken, die auf einmal ihre Augen füllten. Dem Krebs war es herzlich egal gewesen, wie ihre Mom aussah. Die Krankheit hatte sie von innen her verzehrt und Kayla im Alter von sechzehn Jahren ohne Mutter zurückgelassen.

Mit zweiundzwanzig war sie dann Vollwaise.

Jetzt waren die Hunde ihre Familie.

„Du wirst ja ganz sentimental. Jetzt reiß dich mal zusammen“, ermahnte Kayla sich selbst.

Noch einmal atmete sie tief ein und wieder aus. Dann näherte sie sich einem großen, schäbigen Schrankkoffer in der Ecke gegenüber von der Nähmaschine. Der Koffer hatte seine ganz eigene Geschichte. Als ihr Großvater von Irland nach Amerika ausgewandert war, hatte er darin seine gesamte weltliche Habe transportiert. Heute lagerten die Sachen ihrer Eltern darin, bunt durcheinandergewürfelt wie zu ihren Lebzeiten.

Der Dachboden war voller Stimmen aus der Vergangenheit. Kayla hätte schwören können, dass sie ihre Eltern sehen konnte, wie sie gerade jenseits des Laternenscheins standen.

Es brach ihr schier das Herz.

„Ich vermisse euch so“, sagte sie mit leiser Stimme. Sie blinzelte ein paar Mal, weil sie spürte, wie ihr die Augen feucht wurden.

Sie ging zum Koffer und machte sich daran, ihn zu öffnen. Ein leichter Hauch des Parfüms, das ihre Mutter immer getragen hatte, stieg zu ihr empor.

Oder vielleicht war das auch nur ihre Einbildungskraft, die diesen Duft heraufbeschwor.

Kayla stellte die Laterne neben dem Koffer ab, während sie die Kleider und Erinnerungsstücke in seinem Inneren durchsuchte. Ein paar medizinische Fachbücher ihres Vaters, noch aus Studienzeiten, waren auf dem Boden des Koffers aufgestapelt – er hatte niemals irgendetwas weggeworfen. Schließlich entdeckte sie die Overalls in einer Ecke hinter den Büchern.

Daniel McKenna hatte sich nie viel aus Anzügen und Krawatten gemacht.

Sie zog die Overalls heraus, hielt den verblassten Jeansstoff in die Höhe und schüttelte den Kopf. Der Mann auf ihrem Sofa würde darin völlig versinken. Aber zur Not würde es wohl gehen. Und es war ja nur für kurze Zeit. Nur bis seine eigenen Sachen wieder trocken waren.

Außerdem musste sie zugeben, überlegte Kayla, als sie das XXL-Kleidungsstück zusammenfaltete, dass sie nichts dagegen hatte, wenn Alain Dulac im Adamskostüm bleiben müsste. Es gab keinen Zweifel: ihre Decke verbarg ein großartiges Exemplar von einem Mann.

Kayla schloss den Kofferdeckel und bückte sich, um die Laterne aufzuheben.

Sie hatte keinen Ehering an seiner Hand gesehen. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Viele verheiratete Männer trugen keine Ringe – und wenn sie welche trugen, nun, Ringe konnte man schnell abstreifen. Allerdings, jetzt wo sie darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass sie keine Linie um Alains Ringfinger bemerkt hatte, die auf solcherlei Spielchen hindeuten würde.

Trotzdem konnte sie nicht anders, als sich zu fragen, ob irgendwo jemand auf Alain Dulac wartete.

Im nächsten Augenblick lachte sie über sich selbst. Was dachte sie sich nur dabei? Natürlich wartete jemand auf ihn. Männer, die aussahen wie Alain Dulac, hatten immer jemanden, der auf sie wartete. Wahrscheinlich mehr als eine Frau.

„Ist ja auch völlig egal“, sagte sie laut. Dann verließ sie den Dachboden.

Auf dem Treppenabsatz wartete sie, bis ihre Leibwache sich um sie geschart hatte, ehe sie die Tür schloss.

„Okay, Leute“, erklärte sie fröhlich. „Wir haben gefunden, was wir gesucht haben. Auf geht’s!“

Während Kayla weg war, blieb Winchester die ganze Zeit bei ihm und schaute zu ihm auf. Er versuchte, den Hund zu streicheln, aber bei der kleinsten Bewegung schoss ihm der Schmerz durch Arm und Bein.

Alain lauschte jetzt angestrengt, um zu hören, ob die Frau, die ihn gerettet hatte, zurückkommen würde. Irgendwo über ihm knarrten Dielen. Sie war wohl gerade im Begriff, den Dachboden zu verlassen.

„Deine Herrin kommt gleich“, erklärte er dem Hund.

Alain hörte, wie Kayla mit den Hunden die Treppe herunterkam.

Verdammt, er wollte sich aufsetzen, um sie wie ein normaler Mensch zu begrüßen, aber wenn er sich nur ein klein wenig bewegte, kehrten die Teufel mit ihrem Amboss in seinen Schädel zurück und schwangen ihre Hämmer mit doppeltem Eifer. Außerdem schoss ihm auch noch ein unerträglicher Schmerz durch die Rippen. Er konnte nicht einmal tief Luft holen. Nur kurze, flache Atemzüge waren ihm möglich – und das steigerte nur noch das Gefühl der Klaustrophobie, das er verspürte.

„Warum kann ich nicht richtig atmen?“, wollte er wissen, als Kayla das Wohnzimmer betrat. Ganz entfernt bemerkte er, wie das Licht ihrer Laterne eine Art Heiligenschein um sie herum formte und jede ihrer Bewegungen beleuchtete. Ihr dicht auf den Fersen kamen jetzt auch ihre Tiere ins Zimmer.

„Weil Sie sich zwei Rippen angebrochen haben und ich Sie enger zusammengeschnürt habe als eine Mumie“, antwortete sie nüchtern. Feedback – und Beschwerden – von Patienten bekam sie als Tierärztin normalerweise nicht. Das hatte durchaus seine Vorteile, überlegte sie. „Das geht vorbei.“

Sie stellte die Laterne auf den Tisch und hielt den Overall hoch.

Er brauchte einen Moment, bis er merkte, dass sie keinen Stoffballen entrollte, sondern ein Kleidungsstück. Der Vater dieser zierlichen Frau war offenbar ein Hüne gewesen. Ganz offensichtlich schlug sie eher der Mutter nach.

„Wow, Sie haben wirklich keine Witze über die Figur Ihres Vaters gemacht, was?“ Der Overall sah aus, als ob Alain locker zweimal reinpassen würde. „Wie viel hat Ihr Vater gewogen?“

„Zu viel“, antwortete sie kurz angebunden. „Und aus beruflichen Gründen hätte er das eigentlich wissen müssen.“

Alain bemühte sich, den stechenden Schmerz zu ignorieren, der ihn durchbohrte, und sich auf ihre Unterhaltung zu konzentrieren.

„Was war er denn von Beruf?“

„Mein Vater war Arzt. Allgemeinmediziner“, erklärte sie.

„Könnte schlimmer sein“, meinte Alain. Als sie ihn fragend ansah, antwortete er: „Ihr Vater hätte ja auch Ernährungsberater oder ein Spezialist für Diäten sein können.“

Er zwang sich zu einem resignierten Lächeln und griff nach dem Overall. Doch plötzlich ließ er die Hand sinken und rang nach Luft.

Besorgt legte Kayla den Overall auf den Tisch. „Vielleicht sollten Sie sich einfach ein bisschen hinlegen. Sie können sich später immer noch anziehen. Heute Nacht müssen Sie sowieso hierbleiben.“

Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, rüttelte der Wind in diesem Augenblick an den Fensterläden.

Kayla legte sanft ihre Hand auf Alains Stirn. Dann runzelte sie die Stirn.

Diese Reaktion behagte ihm nicht. „Was ist los?“

Sie zog die Hand weg und betrachtete ihn nachdenklich. „Sie sind ganz warm.“

Ihm gefiel auch nicht, wie sie das sagte. Er hatte keine Zeit für so etwas. Sein Terminkalender war voll bis obenhin. Er hätte längst auf dem Heimweg sein sollen. „Ist das kein gutes Zeichen? Wenn man stirbt, wird man doch kalt, oder?“

„Leichenstarre ist ein sicheres Zeichen“, korrigierte sie ihn. Ein Hauch von Belustigung umspielte ihre Lippen. „Warten Sie hier, ich hole Ihnen etwas, das Ihnen hilft.“

„Warten Sie hier“, wiederholte er, als sie verschwunden war. Winchester schaute zu ihm auf. In seinem Fieberwahn hatte Alain den Eindruck, dass der Hund ihn geradezu mitleidig anblickte. „Als ob ich eine Wahl hätte.“

Der Schäferhund bellte als Antwort. Anscheinend war er im Augenblick der gleichen Meinung.

Diesmal kehrte Kayla nur wenig später wieder zurück. Sie hatte ein Glas Wasser in der einen und eine blaue, ovale Pille in der anderen Hand.

„Hier, nehmen Sie das“, ordnete sie an und hielt ihm die blaue Kapsel hin.

Alain beäugte sie misstrauisch. Für gewöhnlich war er ein absolut lockerer Typ. Aber er war auch kein vertrauensseliger Narr. „Was ist das?“

„Schlucken Sie schon“, sagte sie. „Das hilft. Ich verspreche es.“ Als er immer noch keine Anstalten machte, die Pille zu nehmen, seufzte sie. „Es ist ein Schmerzmittel“, erklärte sie leicht entnervt. „Müssen Sie immer alles hinterfragen?“

„So ziemlich.“ Wenn sie ihn um die Ecke bringen wollte, dann hätte sie das tun können, solange er bewusstlos war. Also nahm er die Pille widerwillig entgegen. Er zog es vor, die Tablette selbst in den Mund zu stecken. „Das liegt mir im Blut.“

„Was?“ Sie zog fragend eine Augenbraue hoch. „Mir auf die Nerven zu gehen?“

„Anwalt zu sein.“ Er schob sich die Pille in den Mund.

Sie legte ihre Hand hinter seinen Kopf und hob ihn leicht an, damit er das Wasser trinken konnte, das sie ihm mitgebracht hatte. Während sie das tat, spürte sie, wie er sich verspannte. Er bemühte sich offensichtlich, ihr nicht zu zeigen, was für Schmerzen er hatte. „Das wird Ihnen helfen“, versprach sie nochmals.

Er hatte nichts gegen Schmerzmittel einzuwenden. Aber der Schmerz war nicht sein größtes Problem. „Wenn ich mich wieder auf den Weg machen könnte, wäre das eine echte Hilfe“, sagte er. „Ich muss heute Abend in L.A. sein.“ Rachel würde es gar nicht gefallen, wenn er ihre Verabredung sausen ließ. Und er hatte noch zu viel Spaß mit ihr, um das Ganze jetzt schon zu beenden.

Und dann war da noch der spontane Stammtisch der Kanzlei. Dunstan hatte zwar versichert, es bestünde kein Anwesenheitszwang. Aber jeder wusste, wie es sich wirklich verhielt.

Als Antwort schüttelte die Rothaarige ihre schimmernde Haarpracht. „Tut mir leid, aber das ist nicht drin. Ihr Auto steckt fest.“ Sie stopfte die Bettdecke um ihn herum noch ein bisschen enger. „Und Sie auch.“

„Mein Auto.“ Bruchstücke des Unfalls kamen ihm wieder zu Bewusstsein. Hatte er wirklich sein Auto den Baumstamm hochgefahren, oder war das nur ein Albtraum? Er versuchte, sich aufzusetzen. Dabei verspürte er nicht so sehr Schmerz als vielmehr eine merkwürdige Lähmung, die sich in seinen Gliedmaßen ausbreitete. Und eine Benommenheit, die sich seines Schädels bemächtigte. Verdammt, was war nur los mit ihm? „Wie schlimm ist es?“

Kayla tat so, als würde sie über die Frage nachdenken. „Kommt darauf an.“

„Auf was?“, fragte er misstrauisch.

Das war wohl seine Anwaltsmiene. Aber jetzt, wo das Schmerzmittel zu wirken begann, wurde sein Gesichtsausdruck erkennbar weich. „Das hängt davon ab, ob Sie Wert auf ein verkehrssicheres Fahrzeug legen“, antwortete sie mit gespieltem Ernst, „oder einen ziemlich großen Briefbeschwerer bevorzugen.“

Er hatte das Auto doch erst ein Jahr. Es war gerade richtig eingefahren. Er hätte seinem Instinkt gehorchen und für die Fahrt nach Santa Barbara ein Auto mieten sollen. „Totalschaden?“

Diesmal dachte sie wirklich über seine Frage nach. Dem Zustand des Autos hatte sie nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ihr war viel wichtiger gewesen, ihn aus dem Auto zu befreien und dann ins Trockene zu bringen.

„Nicht unbedingt“, meinte sie. „Aber Sie werden damit in allernächster Zeit sicherlich nirgendwohin fahren.“

Plötzlich schien es dunkler im Zimmer zu werden. War das Feuer dabei zu erlöschen?

Oder er selbst?

Seine Rippen taten nicht mehr weh. Irgendwie fühlte sich sein Kopf sehr merkwürdig an. Alain versuchte sich zu konzentrieren. „Ich kann nicht hierbleiben.“

„Warum nicht?“, fragte sie unschuldig. „Sieht nicht so aus, als ob Sie eine Wahl haben.“

Es wurde immer schwieriger für ihn, einen klaren Gedanken zu fassen. Er bemühte sich, beim Thema zu bleiben. „Ich muss aber. Ich habe Verabredungen. Mit Leuten.“

„Wo immer Sie hin müssen, das geht auch morgen noch. Oder übermorgen“, fügte sie sicherheitshalber hinzu. „Und wenn die Leute, mit denen Sie verabredet sind, irgendwas taugen, werden die auf Sie warten.“

Kayla hatte keinen Zweifel daran, dass die Tablette wirkte. Ich hätte ihm gleich eine geben sollen, dachte sie. Aber sie hatte seine Reaktion sehen müssen, um zu wissen, wie schlecht es ihm wirklich ging. In ein paar Minuten, vermutete sie, würde er eingeschlafen sein.

Sie ließ sich ihm gegenüber am Kaffeetisch nieder. Taylor setzte sich als schweigende Leibwache neben sie.

„Also“, fuhr sie mit sanfter, beruhigender Stimme fort, „erst mal brauchen Sie Ruhe. Die Straßen sind wahrscheinlich überflutet. Also kämen Sie sowieso nicht weit. Wenn es so regnet wie jetzt, verwandelt sich Shelby immer in eine Insel.“

„Shelby?“, fragte er benommen.

„Die Stadt, durch die Sie gefahren sind.“ Kaum mehr als ein Punkt auf der Landkarte. Die meisten Leute bemerkten die Stadt nicht einmal auf der Durchfahrt. Kayla beugte sich vor und legte ihre Hand auf seinen Arm, um ihm ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. „Ich habe Ihnen etwas gegeben, das Sie schlafen lässt, Alain. Hören Sie auf, dagegen anzukämpfen. Lassen Sie es einfach wirken.“

Er mochte es, wie sie seinen Namen aussprach.

Der Gedanke schoss ihm völlig unvermittelt durch den Kopf. Er merkte, dass er dabei war wegzudämmern. Und seine Gliedmaßen wurden so schwer. Als ob sie gar nicht zu ihm gehörten.

„Wenn … ich … einschlafe …“ Er kämpfte mit jedem Wort.

Sie beugte sich noch weiter zu ihm herunter, um ihn hören zu können. „Ja?“

„Fallen … Sie … dann über mich … her?“

Sie lachte und schüttelte den Kopf. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Nein“, versicherte sie ihm. Sie konnte ihr Lächeln nicht verbergen. „Ich falle nicht über Sie her.“

„Schade.“

Und dann sagte er nichts mehr. Die Augen waren ihm zugefallen.

4. KAPITEL

Jemand beobachtete ihn.

Ganz eindeutig hatte er das Gefühl, als ob ein Augenpaar auf ihn gerichtet war und aus allernächster Nähe jede seiner Bewegungen verfolgte. Alain kämpfte darum, das Bewusstsein vollständig wiederzuerlangen und die Augen zu öffnen. Als er es endlich schaffte, konnte er sich gerade noch daran hindern, vor Überraschung aufzuschreien.

Nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt befand sich die Schnauze eines Hundes.

Alain fuhr hoch. Eine Sekunde später schoss ein heißer Schmerz durch seinen Körper. Diesmal konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken.

Wie als Antwort richtete sich der Hund auf und leckte ihn ab. Alain zog eine Grimasse und gab einen Laut von sich, der nicht unbedingt Wohlbehagen ausdrückte.

„Na, aufgewacht?“, fragte eine fröhliche Stimme. Ehe er sich nach ihr umdrehen konnte, kam Kayla in sein Blickfeld.

Sie hatte sich umgezogen, bemerkte er. Es sah aus, als ob sie noch die gleichen engen Jeans trug. Aber statt des T-Shirts hatte sie jetzt einen grünen Pulli an, der ihre Augenfarbe betonte.

„Wie lange habe ich geschlafen?“

Sie beugte sich herunter und tätschelte Winchesters Kopf. Der Hund war die ganze Nacht nicht von Alains Seite gewichen. Zumindest aus seiner Sicht handelte es sich um den Anfang einer wunderbaren Freundschaft.

„Sie haben die Nacht durchgeschlafen“, sagte Kayla. Sie selbst hatte die Nacht ihm gegenüber in einem Sessel verbracht, damit sie ein Auge auf ihn haben konnte. „Ziemlich friedlich, sollte ich vielleicht hinzufügen.“ In der Nacht hatte er einen Frauennamen erwähnt. Jetzt konnte sie nicht anders, als sich zu erkundigen: „Wer ist Lily?“

Diese Frage traf ihn unerwartet. Kannte diese Frau seine Mutter?

Alain beobachtete Kaylas Gesichtausdruck, als er antwortete: „Meine Mutter. Warum?“

„Sie haben in der Nacht einmal nach ihr gerufen.“

„Sie sind die ganze Nacht aufgeblieben und haben meinen Schlaf bewacht?“ Wieso hätte sie so etwas tun sollen?, fragte er sich. Doch irgendwie vermittelte ihm das ein tröstliches Gefühl.

Kayla lachte und schüttelte den Kopf. „Ich lebe vielleicht auf dem Land, aber so wenig Unterhaltung gibt es hier nun auch wieder nicht. Nein, ich bin nicht die ganze Nacht aufgeblieben, um Ihnen beim Schlafen zuzusehen. Ich habe selbst etwas geschlafen“, versicherte sie ihm.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie sehr wenig geschlafen. Einmal hatte er schwer geatmet, und sie hatte sich schon Sorgen gemacht, ob sie ihm eine zu hohe Dosis verabreicht hatte. Also war sie wach geblieben, um nach ihm zu sehen. Aber sie fand nicht, dass Alain das unbedingt wissen musste.

„Das war nichts, was ich nicht auch für meine anderen Patienten getan hätte“, fuhr sie leichthin fort. „Auch wenn Sie kein Fell haben.“ Und dann betrachtete sie ihn mit einer etwas ernsteren Miene. „Wie geht es Ihrem Kopf?“

Bis zu dieser Frage hatte Alain gar nicht gemerkt, dass die Hammerschläge in seinem Schädel verhallt waren. Er befühlte langsam seine Stirn. „Die Kopfschmerzen sind weg“, sagte er überrascht. So wie sein Kopf letzte Nacht wehgetan hatte, war er fast sicher gewesen, dass er einen Schädelbruch hatte. Aber jetzt war der Schmerz wie weggeblasen. Abgesehen von seinen Rippen fühlte er sich ziemlich gut.

Kayla nickte erfreut. „Wunderbar.“ Sie wandte sich der Küche zu. „Haben Sie Hunger?“

Er war schon drauf und dran, Nein zu sagen. Morgens war er nie hungrig. Da brauchte er nur schwarzen Kaffee. Doch an diesem Morgen verspürte er ein ungewohntes Ziehen in der Magengegend. Wahrscheinlich, weil er am vorigen Abend nichts gegessen hatte.

Er nickte langsam. „Ja, habe ich.“

Kayla fiel die Betonung auf. „Sie klingen überrascht.“

„Bin ich auch“, gab er zu. „Normalerweise bin ich morgens nicht hungrig.“

Er war wahrscheinlich immer zu beschäftigt, um auf so etwas zu achten, vermutete sie. Die Leute in der Stadt waren ständig auf Achse. „Das ist die Landluft.“

Ariel stupste sie am Oberschenkel an, was Kayla daran erinnerte, dass die Hunde noch nicht gefüttert waren. Das brachte ihre Gedanken wieder an den Ausgangspunkt zurück. „Also, was hätten Sie denn gerne?“

Diese Frage ließ ihn verdutzt hochschauen. Unwillkürlich hatte er beobachtet, wie Kaylas Brüste sich bei jedem Atemzug unter ihrem grünen Pulli hoben und senkten.

Was ihre Frage anging, so konnte er jedenfalls nicht die Antwort geben, die ihm auf der Zunge lag. Er hegte keine Zweifel, dass die schöne Tierärztin das als eine billige Anmache werten würde. Vielleicht war es das auch. Aber er hatte noch nie etwas ernster gemeint. Was er im Augenblick gerne hätte, hatte etwas mit intimen Visionen von ihm und Kayla zu tun – ohne ihren Pulli.

„Was Sie auch essen“, erklärte er.

Seine Antwort schien Kayla zufriedenzustellen. „Eier mit Toast also.“ Sie nickte.

Das überraschte ihn. Irgendwie hatte er angenommen, dass Kayla Vegetarierin war. Außerdem hätte er vermutet, dass die fröhliche Tierärztin mehr auf ihre Gesundheit achtete.

Er beobachtete ihre Miene, während er sagte: „Wissen Sie nicht, dass Eier nicht gut für Sie sind?“

Sie schüttelte den Kopf. „Üble Nachrede. Das Gesundheitsministerium sagt, dass vier Eier in der Woche kein Problem sind. Mein Urgroßvater hat sein ganzes Leben lang jeden Tag Eier gegessen. Und er ist sechsundneunzig geworden.“

„Ohne die Eier wäre er vielleicht zehn Jahre älter geworden“, entgegnete Alain todernst.

Sie reagierte mit einem breiten Grinsen auf seinen Scherz. Ihm wurde ganz warm ums Herz. „Sie haben Sinn für Humor. Wie angenehm“, meinte sie.

Das letzte Wort schien sie über seine Haut zu hauchen. Ihm wurde noch wärmer. Alain hatte keine Ahnung, was mit ihm los war. Vielleicht handelte es sich um eine Nachwirkung der Medikamente, die sie ihm letzte Nacht verabreicht hatte.

Die Art und Weise, wie er sie ansah, als ob er bis in ihr Herz sehen konnte, traf Kayla in ihrem Innersten. Sein Lächeln durchfuhr sie wie ein Blitzschlag. Einen Moment wartete sie noch, bevor sie in die Küche ging, um Frühstück zu machen. „Das habe ich beinahe vergessen. Ich habe gute Neuigkeiten.“

Augenblicklich dachte er an seinen verunglückten BMW. „Mein Auto ist doch nicht kaputt?“

Sein Auto. Sie hatte keinen weiteren Gedanken darauf verschwendet, seit sie ihn aus dem Wrack gezogen hatte. Es regnete immer noch, und der Strom war auch immer noch weg. Daher funktionierte auch das Telefon immer noch nicht.

„Nein, Ihr Auto wickelt sich immer noch um meinen Baum“, sagte sie. „Aber Ihre Sachen sind trocken. Also müssen Sie den Overall meines Vaters nicht anziehen.“

Kayla legte die Kleidungsstücke, die sie gerade in der Garage von der Leine genommen hatte, vor ihm auf den Couchtisch. „Sie können sich nach dem Frühstück anziehen, wenn Sie dem gewachsen sind. Wie geht es Ihnen sonst?“, fragte sie, als ihr klar wurde, dass sie sich nur nach seinen Kopfschmerzen erkundigt hatte.

Alain machte eine kurze Bestandsaufnahme. Seine Rippen taten immer noch weh. Aber nicht mehr so schlimm wie in der vergangenen Nacht. Und auch wenn er keine Kopfschmerzen mehr hatte, spürte er die Schnittwunde auf der Stirn, die sie ihm zusammengenäht hatte. Die Wunde pulsierte.

„Jedenfalls gut genug, um mich anzuziehen“, erklärte er.

Sie wollte schon sagen, dass er vielleicht erst einmal etwas essen sollte. Aber dann entschied sie sich dagegen. Der Mann musste selbst wissen, zu was er fähig war. Sie war weder seine Mutter noch seine Krankenschwester.

„Okay.“ Aber auf Distanz zu gehen und Abstand zu wahren war einfach nicht ihre Art. Kayla trat wieder näher an das Sofa heran. „Soll ich Ihnen ins Badezimmer helfen, damit Sie sich in Ruhe umziehen können?“, schlug sie vor.

Nachdem sie ihn ausgezogen hatte, war das jetzt eigentlich auch nicht mehr nötig. Und er hatte ganz und gar nichts dagegen einzuwenden, wenn eine schöne Frau mit seinem Körper und seiner Kleidung tat, was ihr gefiel. Was ihm nicht behagte, war die Idee, tatsächlich Hilfe zu brauchen.

„Das schaffe ich schon alleine“, teilte er ihr mit.

Wenn er dachte, sie damit abwimmeln zu können, dann stand ihm eine Überraschung bevor. „Woher wollen Sie das denn wissen?“, fragte sie. „Sie haben nicht mehr auf eigenen Füßen gestanden, seit ich Sie hier reingebracht habe.“

Anstelle einer Antwort setzte er sich auf und schwang seine Beine über die Sofakante. Er wollte aufstehen, um ihr zu beweisen, dass es ihm gut ging. Also ließ er seine Füße auf den Boden gleiten und stemmte sich vom Sofa hoch – doch im selben Augenblick fing der Raum an, sich um ihn zu drehen.

Alain blinzelte, als ob ihm das helfen würde, einen klaren Kopf zu bekommen. Er fühlte sich schwach wie ein krankes Kätzchen. Frustriert warf er einen verstohlenen Blick auf Kayla.

„Was in aller Welt haben Sie mir letzte Nacht gegeben?“, wollte er wissen.

Den Namen des Medikaments kennt er sowieso nicht, dachte Kayla. Daher hielt sie ihre Antwort kurz und knapp. „Einfach nur etwas, damit Sie schlafen konnten.“

„Wie viele Tage?“ Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. „Zwanzig?“

„Übertreiben Sie immer so?“, erwiderte sie. „Herrje, das hab ich ja ganz vergessen – Sie sind Anwalt.“

Diesmal glaubte er zu sehen, wie sich ihre Oberlippe verächtlich kräuselte. War das ihre Reaktion auf seinen Beruf? Die meisten Frauen schmolzen geradezu dahin, wenn sie herausfanden, dass er für eine berühmte Kanzlei arbeitete, weil sie das mit Reichtum gleichsetzten. „Sie halten wohl nicht viel von Anwälten, oder?“

Die besten logen das Blaue vom Himmel herunter. Die gemeinsten waren nichts weiter als Aasgeier. „Ihr lebt von der Arbeit anderer.“

Alain nickte. „Das heißt Nein.“

Sie war überrascht, dass er das einfach so akzeptierte. „Werden Sie jetzt nicht versuchen, Ihre Kollegen zu verteidigen? Aufzulisten, wie viele gute Taten Anwälte vollbracht haben? Warum die Welt besser ist, nur weil es Anwälte gibt?“

Alain schüttelte den Kopf. „Ich versuche nie, einen verstockten Schädel zu knacken. Dabei klemmt man sich nur die Finger ein.“

Er würde nicht mit ihr diskutieren, weil er wusste, dass er nicht gewinnen konnte. Intelligent und gut aussehend, entschied sie. „Nun, das muss ich Ihnen zumindest zugutehalten – Sie sind klüger als der durchschnittliche Rechtsverdreher.“ Wie letzte Nacht spannte Kayla sich an. Dann schaute sie zu ihm herunter. „Sind Sie bereit?“

„Wofür?“ Jedenfalls nicht für sie, fügte er im Stillen hinzu. An dieser Frau war mehr dran, als man auf den ersten Blick sehen konnte.

Kayla deutete mit ihrem Kopf nach links. „Für den Ausflug ins Badezimmer.“

Anscheinend war es sinnlos, mit ihr zu diskutieren. Alain stemmte sich nochmals von den Polstern hoch. Als er sich aufrichtete, wurde ihm wieder schwummrig.

Er war so damit beschäftigt, nicht hinzufallen, dass er zuerst gar nicht bemerkte, dass er immer noch nichts als die knappen schwarzen Unterhosen trug, die eigentlich nur für Rachels Augen bestimmt waren.

Im nächsten Augenblick legte Kayla ihren Arm um ihn. „Wollen wir?“, fragte sie fröhlich.

Sie schaute ihm direkt in die Augen. Ihr Lächeln ließ ihr Gesicht aufleuchten, und er wusste, dass sie sich zumindest einen langen, genüsslichen Überblick von seinem Körper verschafft hatte. Er konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie er im Vergleich zu den anderen abschnitt, mit denen sie tatsächlich im Bett gewesen war.

Er machte ein paar Schritte. Beim Laufen hatte er das Gefühl, als ob seine Beine einem Fremden gehörten. Seine Knie zitterten. Aber er war sich nicht vollkommen sicher, ob das an den Unfallfolgen lag oder an der körperlichen Nähe seiner Begleiterin.

Wahrscheinlich an beidem, entschied Alain. Wie sein Bruder Georges konnte er einer hübschen Frau nie widerstehen. Und die Frau, die sich gerade neben ihm befand, war mehr als nur hübsch. Anders als Georges war er sich jedoch ganz sicher, dass es für ihn auch in Zukunft keine festen Beziehungen geben würde. Da schlug er doch zu sehr seiner Mutter nach.

Ursprünglich hatte er angenommen, dass Georges ihm da in nichts nachstand. Aber das war, bevor dieser – wie Philippe es ausdrückte – „die Frau seines Lebens“ gefunden hatte. Alain hoffte für seinen Bruder, dass es funktionieren würde. Für ihn selbst war so etwas ausgeschlossen, das wusste er.

Kayla blieb stehen, und ihm wurde klar, dass sie das Badezimmer erreicht haben mussten. Als er sich an die Wand neben der Tür lehnte, entzog sie ihm ihren Arm und machte einen Schritt von ihm weg. Alain hätte das wahrscheinlich ulkig gefunden, wenn er nicht so ins Schwitzen geraten wäre.

„Rufen Sie, wenn Sie mich brauchen“, wies sie ihn an. Das war nicht nur so dahingesagt. Sie meinte jedes Wort.

Alain blieb, wo er war. „Ich brauche keine Hilfe“, versicherte er ihr. „Egal, was Sie von Anwälten denken, ich bin der Lage, mich allein anzuziehen. Seit ich drei Jahre alt war.“

Sie lächelte und nickte. Falls sie den Schweiß auf seiner Stirn gesehen hatte, ließ sie sich davon nichts anmerken. „Ich glaube Ihnen.“

Als sie zurücktrat, merkte er, dass sie auch hier nicht allein waren. Die Hunde waren alle da und hielten sich im Hintergrund. Nur Winchester, der Kümmerling in diesem bunt zusammengewürfelten Rudel, war ganz vorne in der ersten Reihe.

Merkwürdigerweise schien der Hund zu ihm und nicht zu ihr aufzuschauen.

„Wenn Sie mich für den Rückweg brauchen“, fuhr sie fort, „dann schicken Sie einfach Winchester, um mich zu holen. Ich bin im Wohnzimmer und mache Frühstück.“

„Im Wohnzimmer?“, wiederholte er. „Macht man das nicht normalerweise in der Küche?“

„Normalerweise schon“, erwiderte sie. „Wenn wir Strom haben. Tun wir aber nicht. Und im Wohnzimmer gibt es einen Kamin.“

„Sie benutzen den Kamin?“, fragte er verblüfft. Die meisten Frauen, die er kannte, wussten gerade einmal, wie man den Herd anstellte.

Bevor sie sich umdrehte, zwinkerte sie ihm zu. „Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären beim Zelten.“

Er beobachtete, wie sie sich entfernte. Dabei genoss er, wie sie sich bei jedem Schritt sanft in den Hüften wiegte.

Es kostete Alain Mühe, sich loszureißen.

Das war eine so unglaublich intime Szene, überlegte er, als er das Badezimmer betrat. Dann schloss er die Tür gerade noch rechtzeitig, ehe Winchester es schaffte, mit ihm zusammen hineinzuschlüpfen.

Zu intim, entschied er.

Wenn er eine Nacht mit einer Frau verbrachte, blieb er nie zum Frühstück. Das hatte weniger mit seinen Frühstücksgewohnheiten zu tun als damit, dass er einfach nie übernachtete. Ganz egal, wie lange sie sich geliebt hatten oder um wie viel Uhr es vorbei war. Im wahrsten Sinne des Wortes mit jemandem in einem Bett zu schlafen, das hätte nur Hoffnungen heraufbeschworen, für die es in seinem Leben keinen Platz gab.

Die einzigen Beziehungen, die er mit dem anderen Geschlecht eingehen wollte, waren kurz und flüchtig. Genau wie seine Mutter. Lily Moreau war zwar mit den drei Vätern ihrer Söhne verheiratet gewesen. Ihre anderen Affären – und das waren mehr, als er zählen konnte – waren aber allesamt von kurzer Dauer.

Seine Mutter hatte eine einfache Grundregel: Sie genoss ihre Beziehungen, solange sie hielten. Und dann zog sie weiter. Das Leben war zu kurz, um an einem Ort zu bleiben und auf den unausweichlichen Schmerz der Enttäuschung zu warten.

Alain schaute in den Spiegel. Ein leichter, fahler Schatten aus Bartstoppeln überzog seine Wangen und sein Kinn. Abgesehen davon wirkte er nicht besonders mitgenommen von seinen Strapazen.

Ein Geräusch vor der Tür ließ ihn aufhorchen. Er sollte sich besser anziehen, sonst würde sie wahrscheinlich noch reinkommen, um nach ihm zu sehen. Alain schüttelte den Kopf. Er wusste nicht so recht, was er von Kayla McKenna halten sollte. Er konnte nicht anders, als sich zu fragen, warum sie Single war und welche Geschichte dahintersteckte.

Verdammt, er war erschöpft, einfach nur weil er seine Hosen angezogen hatte. Der Unfall hatte ihn wohl doch mehr mitgenommen, als er dachte. Trotzdem zwang er sich, die Socken und das Hemd anzuziehen. Für den Augenblick jedenfalls. Er verzichtete auf sein Jackett.

Nachdem er sich noch die Zeit genommen hatte, sein Gesicht zu waschen, öffnete er die Tür.

Und trat beinahe auf den Hund mit der Gipspfote.

5. KAPITEL

Alain wich zurück, um nicht auf Winchesters Pfote zu treten, und hielt sich an der Tür fest, um nicht selbst hinzufallen. Winchester schaute mit anbetungsvollen, feuchten braunen Augen zu ihm auf. Alain atmete tief aus und schüttelte den Kopf. Dann ging er vorsichtig um das Tier herum. Winchester folgte ihm augenblicklich auf den Fersen.

Alain warf seinem vierbeinigen Schatten einen bösen Blick zu. „Ihr Hund verfolgt mich.“

Kayla war im Wohnzimmer und kümmerte sich um das Frühstück, das sie auf dem offenen Feuer kochte. Geduldig aufgereiht, warteten die anderen Hunde auf ihr Futter. Sie lächelte ihm über die Schulter hinweg zu. „Hab ich schon bemerkt. Ich glaube, er hat Sie adoptiert.“

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte Alain. „Dann sagen Sie ihm mal, dass ich nicht zur Adoption zur Verfügung stehe.“ Er runzelte die Stirn und machte sich vorsichtig auf den Rückweg zum Sofa. Winchester humpelte hinter ihm her. Diesmal bemühte sich der Hund, ihm nicht in die Quere zu kommen. Wahrscheinlich, um sich bei ihm einzuschmeicheln.

Kayla nahm das Frühstück aus der Pfanne und gab alles auf einen Teller. Schließlich kam sie zu Alain hinüber und bot ihm den Teller mit Schinken und Eiern an.

„Toast kann ich leider im Augenblick keinen machen“, sagte sie. Dann deutete sie mit einem Kopfnicken auf Winchester. Der Hund hatte sich Alain zu Füßen gelegt und betrachtete jetzt sehnsüchtig das Essen auf dem Teller. „Er mag Sie wirklich.“

Alain nahm den Teller entgegen und schnaubte verächtlich. „Ich glaube, der hat nur ein schlechtes Gewissen, weil er schuld an meinem Unfall ist.“ Nach dem ersten Bissen merkte Alain, wie ausgehungert er war.

Kayla ließ sich auf der Armlehne des Sofas nieder und lächelte nachsichtig auf ihren unerwarteten Gast herunter. „Hunde haben kein Schuldbewusstsein.“

„Ich schätze, dann stehen sie den Menschen in nichts nach.“ Alain dachte an den Fall, an dem er gerade arbeitete.

„Jeder hat ein Gewissen“, hielt Kayla ihm entgegen. Ariel stupste sie an. Geistesabwesend streichelte sie den Kopf des Hundes, während sie weitersprach: „Die Frage ist nur, ob man auch dementsprechend handelt.“

Neugierig sah Alain zu ihr auf. „Weswegen fühlen Sie sich schuldig?“

Diese Frage hatte sie nicht erwartet.

„Oh.“ Sie überlegte einen Augenblick lang. „Nicht genug tun zu können, um diese wunderbaren Geschöpfe zu retten.“

Alain warf einen Blick zum Kamin, wo die anderen Hunde noch mit ihrem Futter beschäftigt waren. Dann blickte er zurück zu den beiden, die ihre Zuwendung erheischten. Soweit er das beurteilen konnte, hatte sie schon mehr als genug getan.

„Sie haben siebeneinhalb Hunde“, meinte er. Den halben Hund rechnete er mit, weil die Hündin, die Kayla Ginger nannte, ganz offensichtlich trächtig war. „Wie viele könnten Sie denn noch aufnehmen?“ Ohne als Verrückte abgestempelt zu werden, fügte er im Stillen hinzu.

Ihr Blick glitt über die Tiere. Alain bemerkte die Zuneigung in ihrem Blick und fragte sich, warum sie diese Wärme nicht mit jemandem teilte, der das zu würdigen wusste und erwidern konnte.

„Auf jedes Tier, das ich rette“, sagte sie mit einem traurigen Unterton in der Stimme, „kommen zwei oder mehr, die eingeschläfert werden.“

„Aber Sie versuchen, das Positive zu sehen.“

„Genau“, bestätigte sie. Ansonsten, fügte Kayla in Gedanken für sich hinzu, würde sie keinen einzigen Tag überstehen.

„Was noch?“

Sie begriff nicht, worauf er hinaus wollte. „Wie, was noch?“

Seine Neugier war geweckt, und er wollte mehr über sie wissen. „Weswegen fühlen Sie sich noch schuldig? Abgesehen von den Hunden. Was haben Sie getan oder nicht getan, das Ihnen mitten in der Nacht auflauert und das Herz schwer macht?“

Das war eine der besten Beschreibungen, die sie jemals gehört hatte. Und traf mitten ins Schwarze.

„Sie sind wirklich ein Anwalt, was?“, lachte sie.

Jetzt, wo sie seine Neugierde erregt hatte, würde er ihr keine Gelegenheit geben, sich herauszuwinden. „Wir sprechen aber gerade über Sie und nicht über mich.“

„Nein, tun wir nicht.“

Trotzdem dachte sie über seine Frage nach. Eigentlich hegte sie nur wegen einer einzigen Sache Schuldgefühle. Wegen der Zeit in ihrem Leben, als sie sich – im Namen der Liebe – hatte schikanieren lassen. Sie hatte wirklich geglaubt, wenn sie alles tat, was Brett von ihr verlangte, dann könnten sie zusammen glücklich werden. Aber sie hatte dazugelernt. Sie hatte begriffen, dass es mit Männern wie Brett kein glückliches Ende gab.

Kayla straffte die Schultern und verdrängte die Erinnerung. Sie dachte nicht gerne an diese Zeit in ihrem Leben zurück. Es gefiel ihr nicht, sich selbst so zu sehen – schwach, unterwürfig, wie jemand, der immer nur gab und nie etwas zurückbekam. Da verspürte sie mehr als nur Schuldgefühle – sie schämte sich.

Deswegen war sie auch wild entschlossen, dass ihr so etwas niemals wieder passieren würde. Sie hatte ihre Hunde, ihre Praxis und ihre Lebensaufgabe, misshandelte und vernachlässigte Schäferhunde zu retten. Sie brauchte keinen Mann, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, um sich geliebt zu fühlen.

Alain kniff die Augen zusammen und sah sie unverwandt an. „Da ist doch etwas“, beharrte er sanft.

„Okay“, erwiderte sie langsam, als ob sie über seine Frage nachdachte. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich den Generator nicht gekauft habe, als ich die Gelegenheit dazu hatte.“

Autor

Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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